Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: Ghunsa

Gebirge Teil 4: “Ziellauf” 05.05.2013

Im Laufe der Nacht wird es richtig knackig kalt. In der zweiten Nachthälfte kommt die Kälte unangenehm in den Schlafsack gekrochen, so dass der verstärkte Kragen um den Hals kaum noch ausreicht ein Eindringen in die kleine innere Welt aus Wärme zu verhindern. Ich habe mich längst komplett mit dem Kopf nach innen verzogen. Nur eine minimale Öffnung sorgt für eine ausreichende Luftzufuhr. Es ist vier Uhr als der Wecker unbarmherzig seine Arbeit tut. Da man in diesen Höhen sowieso nicht gut schläft bin ich recht schnell wach und mir ist sofort klar dass nun einer der unangenehmsten Augenblicke des neuen Tages direkt vor mir liegt. Ich muss den Schlafsack verlassen. Das erfordert eine Überwindung des inneren Schweinehunds.  Mir gelingt dies indem ich mich daran erinnere was außerhalb des Zeltes auf mich wartet. Dabei schießt soviel Adrenalin durch meinen Körper das ich meine Glieder bewegen und mühsam den Reisverschluss aufziehen kann. Doch wie ergeht es meiner Freundin Juliana? Wir sind inzwischen auf 4700 m Höhe und sie bekommt ihren an brasilianische Temperaturen gewöhnten Körper schon seid drei Tagen nicht mehr richtig warm, obwohl sie dasselbe  Schlafsackmodell benutzt als ich. Wir wissen, dass wir uns wahrscheinlich heute für einige Zeit trennen werden. Deshalb haben wir beschlossen, an diesem Morgen den Sonnenaufgang gemeinsam zu erleben. Ich sehe wie sie sich langsam bewegt und nach einiger Zeit tapfer den Schlafsack öffnet. Das Thermometer zeigt  knappe zehn Grad unter Null. Die Außenwand des Zeltes ist mit einer Raureifdecke überzogen. Mein erster Blick, als ich aus unserer Behausung krieche, gilt dem Himmel. Mit Erleichterung blicke ich direkt auf unzählige Sterne die über den Silhouetten der uns umgebenden Berggipfel leuchten. Es ist noch finstere Nacht, doch das wird sich schon sehr bald ändern. Eingehüllt in alles was uns an Kleidung zur Verfügung steht steigen wir eine Anhöhe hinauf.  Direkt vor uns erheben sich über siebentausend Meter hohe Berge und davor blicken wir auf einen riesigen Gletscher dessen zerklüftete Formen auch im Nachtdunkel zu erahnen sind. Der Mond ist nur eine schmale Sichel. In der klaren Luft der Berge den Beginn eines neuen Tages zu beobachten gehört für mich zum Schönsten, was man als Naturfreund draußen in den Elementen erleben kann. Zuerst bekommt der Himmel an der Stelle wo später die Sonne aufgehen wird einen dunkelblauen Schimmer. Dieser wird dann von Minute zu Minute heller und ist eine der spannendsten Lichtquellen welche man sich als Fotograf wünschen kann. Die Belichtungszeiten befinden sich zu Anfang noch im Bereich von mehreren Sekunden. Das ist aber kein Problem, da ich mit dem Stativ arbeite. Es ermöglicht mir mit diesem zwar schwachen, aber farblich so faszinierendem Licht fotografieren zu können.

Als die ersten Sonnenstrahlen die höchsten Gipfel mit einem zarten goldenen Schleier überziehen ist es soweit. Dies ist der Moment in dem ich einen lang gehegten Plan in die Tat umsetzen möchte. Vor einem Jahr habe ich Juliana bei einer Fotoreise im brasilianischen Regenwald kennengelernt. Seither haben wir eine so harmonische und wunderbare Beziehung gelebt, das ich mir schon nach einigen Monaten klar darüber war, das Sie die große Liebe meines Lebens ist. Jetzt ist sie sogar im Hochgebirge an meiner Seite. Besonders die vergangenen Tage, nachdem wir Ghunsa verlassen haben, hat sie sich nochmals selber übertroffen. Sie hat sich weder von Höhe, Kälte noch Geröllfeldern und steilen Abgründen abhalten lassen mich bis hierher zu begleiten. Wird es jemals einem besseren Ort geben als Ihr hier die EINE Frage zu stellen? Da es weder in der Liebe noch sonst irgendwo im Leben absolute Sicherheiten gibt, habe ich ihre Hand in die meine genommen, ihr ganz tief in die Augen geblickt und es gewagt sie zu fragen ob sie mir die Freude zuteil werden lässt sie heiraten zu dürfen.

Unser Freund Rolf meinte später es müsse wohl an der Höhenkrankheit gelegen haben das sie mir mit einem klaren JA geantwortet hat. Zu meinem Glück hat sie aber auch später in der schwülen Tropenhitze ihrer Heimat ihre Meinung nicht geändert. Jetzt freuen wir uns darauf das Leben mit all seinen Abenteuern und Prüfungen gemeinsam meistern zu können.

Später am Morgen hat die Sonne jegliche Erinnerung an die frostige Nachtluft weggeschmolzen und wir bereiten unsere weiteren Schritte vor. Es ist noch ein Tagesmarsch bis zum Basislager des „Kanchenjunga“ dem Endpunkt unserer Wanderung. Dieser liegt auf fünftausendeinhundert Metern und  soll es mir ermöglichen den dritthöchsten Berg der Welt zu fotografieren. Doch  für meine Liebste ist hier der Zeitpunkt zum umkehren gekommen. Die Höhe bereitet ihr keine Probleme aber dafür umso mehr die Kälte in der Nacht. Den Körper nicht mehr richtig warm zu bekommen ist kein schöner Zustand.

Niemand in der Gruppe hätte ihr zu Beginn der Reise zugetraut so weit nach Oben zu gelangen. Es ist keine Schande seine Grenzen zu erkennen und diese zu respektieren. Dies ist ein Ratschlag den ich übrigens Jedem geben kann der sich in die Wildnis begibt. Erreicht man ein Stadium in dem sich Unbehagen regt, sollte man tunlichst vermeiden dieses zu überhören. Damit meine ich nicht, dass man nicht mal körperlich an seine Grenzen gehen kann, oder diese auch überschreiten. Man sollte sich aber immer gewahr sein zu was der eigene Körper in der Lage ist, besonders wenn er dem Bewusstsein Angstsignale sendet. Wenn ich das Gefühl habe das Eis ist zu dünn, dann begebe ich mich nicht unnötig in Gefahr und suche mir entweder einen anderen Weg oder breche ab. Vielleicht ist dies einer der Gründe der mir half in den letzten fünfundzwanzig Jahren immer an einem Stück von einer Reise heimzukehren. Ein besonderes Anliegen ist es mir natürlich das auch Juliana wieder gesund nach Hause kommt. Nicht auszudenken was wäre wenn ihr hier etwas Schlimmes zustoßen würde. Dass die Sache nicht ungefährlich ist haben wir von einer anderen Reisegruppe erfahren. Diese befanden sich sogar noch einen Tagesmarsch tiefer als sie das Unglück ereilte. Nur dank eines Satellitentelefons gelang es ihnen einen Hubschrauber anzufordern um einen japanischen Wanderer den die Höhenkrankheit erwischt hat rechtzeitig auszufliegen. Ohne diese Hilfe wäre er wohl auf etwas mehr als viertausend Metern Höhe im kleinen Sommerlager „Kampachen“ verstorben. Als wir zwei Tage zuvor dort ankamen haben wir einen extra Tag Pause eingelegt um unsere Körper an die Höhe zu gewöhnen. Wer es im Hochgebirge zu eilig hat begeht einen großen Fehler den schon viele mit ihrem Leben bezahlt haben. In „Kampachen“  lagerten wir zum ersten Male direkt am Fuße eines Berges der über 7000 Meter hoch war. Fast ehrfürchtig habe ich mich kaum daran sattsehen können. Aus einem Seitental kommend hat sein Gletscher eine riesige Moränenlandschaft hier ins Haupttal geschoben. Es ist erstaunlich wie viel Gestein durch das Eis bewegt wird. In geologischen Zeiträumen gesehen entstehen so Landschaften. Den Morgen des Ruhetages habe ich für eine Fotoaktion genutzt indem ich um drei Uhr nachts einen Berghang, der unserem Zelt am nächsten liegt hinauf gestiegen bin. Schon hier, auf etwas über viertausend Metern, schlaucht dies ungemein, besonders mit der kompletten Fotoausrüstung auf dem Rücken. Zu Anfang dachte ich bei jedem Schritt mein Brustkorb wolle zerfetzen, doch als ich dann völlig wach war und den richtigen, langsameren Laufrhythmus gefunden habe, hat es ganz gut geklappt. Ich bin etwa dreihundert Höhenmeter emporgestiegen und habe dadurch freie Sicht auf den Gletscher und die umliegenden Täler bekommen. Erschrocken bin ich darüber wie stark dieses Monster aus Geröll in seinem Inneren schon entleert war.

Das Eis ist weit unter die Gesteinslinie der Moräne zurückgeschmolzen und wird auch in Zukunft weiter verschwinden.

Hier oben im Lager wo sich Julianas und mein Weg in Kürze trennt sind wir inzwischen auf der Höhe des Hauptgletschers. Dieser wird vom „Kanchenjunga“ und anderer Riesenberge gespeist und ist wohl dank der Höhe und seiner puren Größe in noch recht gutem Zustand. Zumindest optisch gibt es hier noch viel Eis das geschmolzen werden muss, bis den Flüssen unterhalb unseres Standpunktes die Puste ausgeht. Wir beschließen das Juliana zusammen mit einem der Träger wieder zurück nach „Kampachen“ und eine Nacht später nach „Ghunsa“ laufen wird um dort auf den Rest von uns zu warten. Ganz wohl ist mir bei der Sache nicht, denn gerade der Abstieg birgt Gefahren. Besonders bei losen Geröllfeldern derer es einige zu überqueren gibt. Abwärts zu laufen ist zwar in der Regel schneller aber nicht unbedingt weniger anstrengend, da besonders die Knie stark gefordert werden. Doch meine Liebste war wild entschlossen mir den Aufstieg zum Basislager zu ermöglichen und auf eigene Verantwortung diese zwei Tage Abenteuer zu meistern. Heute weiß ich natürlich, dass sie es problemlos schaffte, was mich sehr stolz gemacht hat. Man darf nicht vergessen, dass dies ihre allererste Bergtour gewesen ist und sie mit ihrem geschwächten linken Bein lange nicht die Beweglichkeit eines unversehrten Menschen hat. Ohne viel Aufheben haben wir uns verabschiedet, verbunden mit dem festen Vorsatz uns in drei bis vier Tagen in „Ghunsa“ wieder zu sehen.

Nun beginnt also der letzte, fotografisch wichtigste Teil der Reise. Zu diesem Zeitpunkt sind wir schon über zwei Wochen unterwegs und ich habe viele schöne Bilder gemacht. Doch natürlich würde dem Thema „Gebirge“ etwas Entscheidendes fehlen wenn es mir nicht gelänge den „Kanchenjunga“ standesgemäß abzulichten. Die verbliebenen Jungs meiner Gruppe haben mich gebeten ob sie in der Zeit die ich im Basislager verbringen möchte hier in „Lhonak“ bleiben können. Im Gegensatz zu dort oben gibt es hier eine einfache Steinhütte in der sie Kochen und Schlafen können. Da sie keine eigenen Zelte dabei haben ist dies natürlich keine Frage, zumal die Aussicht, dort oben für zwei Nächte komplett allein zu sein für mich äußerst reizvoll ist.

Die letzte Etappe ist wirklich wild. Vegetation gibt es hier nur noch in Form einiger Gräser die in der Umgebung kleiner Bäche wachsen. Es ist das Reich der „Blauschafe“ und des Schneeleoparden. Diese Region ist eines der wenigen verbliebenen Rückzugsgebiete dieser großen Katze, deren Anwesenheit man am ehesten in Form von Tatzen-Spuren  im Neuschnee wahrnehmen kann. Zwei meiner Begleiter helfen mir die Ausrüstung zum Endpunkt der Wanderung zu bringen. Der Weg folgt parallel des riesigen „Kanchenjunga“-Gletschers und ist eine raue Landschaft geprägt von Eis und Geröll. Der Gletscher ist fast komplett mit Gestein bedeckt und an manchen Stellen erst auf dem zweiten Blick als ein solcher zu erkennen.

Immer wieder höre ich ein mächtiges Knacken und Rauschen, ein deutliches Zeichen für seine Aktivität. Das Eis ist praktisch ständig in Bewegung, wenngleich dies natürlich für uns nur in den wenigsten Momenten wahrzunehmen ist. Als ich zurück ins Tal blicke sehe ich dunkle Wolken heraufziehen. Ein deutliches Zeichen dafür, dass es einen Wetterwechsel geben wird. Im Gebirge  kann so etwas sehr schnell gehen weshalb wir versuchen unser Tempo nochmals etwas zu steigern. Keine einfache Aufgabe auf fünftausend Metern Höhe. Doch es gelingt uns tatsächlich auf der kargen Wiese des als „Basislager“ bezeichneten Ortes anzukommen bevor der starke Schneefall einsetzt. So schnell es uns möglich ist schlagen wir das Zelt auf. Meine Kameraden machen sich sofort auf den Rückweg und ich lege mich ziemlich erschöpft in den Schlafsack. Zu diesem Zeitpunkt bin gar nicht so unglücklich darüber, dass mich das Wetter zu einer Ruhepause zwingt. Während draußen der Schnee auf mein Zeltdach fällt, falle ich in einen leichten Schlaf. Ich bin immer noch ziemlich erschöpft und mein Kreislauf ist alles andere als in Topform, als mein Unterbewusstsein eine Veränderung wahrnimmt. Es muss so gegen halb vier Uhr am Mittag gewesen sein als die dichte Wolkendecke immer wieder aufreißt und den einen oder anderen Lichtstrahl zu mir durchdringen lässt. Als ich dann Schlaftrunken das Zelt öffne kann ich sogar schon wieder Teile des Gletschers und der dahinter aufsteigenden Berge erkennen.

Das ist erstaunlich. In den vergangenen Tagen hat es gegen Abend nie wieder aufgemacht, wenn sich das Wetter einmal zum mies sein entschlossen hatte. Also bleibt mir nichts anderes übrig als meine Erschöpfung zu ignorieren und mich dem Grund meines Hierseins zu widmen. Zum ersten Mal blicke ich bewusst auf den „Kanchenjunga“ der etwas nach hinten versetzt vor mir aufragt. Ich würde den Berg nicht unbedingt als Schönheit bezeichnen. Er hat drei Gipfel die alle ungefähr dieselbe Höhe haben. Was ihm fehlt ist eine markante Form. Etwas was ihn optisch sofort von anderen Bergen unterscheidet. Doch schön ist er allemal, besonders die vielen vereisten Steilwände lassen bei genauerer Betrachtung die pure Größe dieses Riesen erahnen. Doch mein Standpunkt ist noch nicht ganz optimal, da ein Teil der Bergfront von einem vorgelagerten Bergrücken verdeckt wird. Ich beschließe dem Hauptgletscher noch ein wenig zu folgen und auf eine Passhöhe zu steigen, welche gute Ausblicke verspricht. Das sind geschätzte dreihundert Höhenmeter mehr. Normalerweise ist dies nicht der Rede wert. Doch hier in meinem Zustand, mit voller Kameraausrüstung auf dem Rücken ist das durchaus eine Herausforderung. Es geht sehr steil nach oben. Nur ganz langsam komme ich voran. Alle paar Meter zwingt mich der Körper zum verweilen. Man bekommt einfach nicht genug Sauerstoff in die Lungen. Doch ich kämpfe mich auf den Pass und werde mit einer sagenhaften Position belohnt. Nun liegt der Berg komplett frei vor mir und der Blick auf den Gletscher ist durch die gewonnene Höhe einfach fantastisch. Vom Tal ziehen immer wieder Wolken herauf die im goldenen Abendlicht die Landschaft in eine ungezähmte Mischung aus Licht und Schatten verwandeln. Alles wirkt so plastisch und zum greifen nahe.

Man bezeichnet uns Naturfotografen gerne als „Jäger des Lichts“. An diesem Ort und zu diesem Moment kann ich mich über eine äußerst erfolgreiche „Jagd“ freuen. Ich bin zwar körperlich fix und fertig, genieße aber jeder Minute, lange bis die Sonne hinter den Bergen verschwunden ist und die Wolken wieder sämtliche Sicht im Tal verhindern. Als ich mein Zelt erreiche zwinge ich mich dazu einen Müsliriegel zu essen, den ich noch aus Deutschland mitgebracht habe, und etwas Wasser zu trinken um dem Körper wieder verlorene Energie zuzufügen. Es ist erstaunlich wie wenig man hier oben, trotz körperlicher Höchstleistung das Bedürfnis hat, Nahrung zu sich zu nehmen. Aber genau aus diesem Grunde ist es äußerst wichtig es zu tun, damit man bei Kräften bleibt. Für den kommenden Morgen habe ich gar nicht erst versucht den Wecker zu stellen. Mir ist klar, dass die Kraft für eine Sonnenaufgangsrunde nicht ausreichen würde. Also habe ich mich mehr oder weniger schlafend durch die Nacht gebracht und bleibe am Morgen so lange im Schlafsack liegen bis mir der Körper das Gefühl gibt genügend geruht zu haben. Mein Plan sieht vor das ich versuchen möchte dem Pfad von gestern weiter zu folgen um dann die Felswand bis auf sechstausend Meter Höhe zu besteigen. Würde ich dem Hauptgletscher weiter folgen und diesen dann weiter im Norden überqueren dauerte es nicht mehr lange und die Grenze zu Tibet wäre erreicht. Heute muss man ja leider China sagen, welches eine der großen Ungerechtigkeiten in der an Dummheiten nicht armen menschlichen Geschichte darstellt. Wenn es mir gelingen sollte auf diesen Gipfel zu kommen hätte ich nochmals mindestens neunzig Grad mehr Ausblicke auf die mich umgebende Bergwelt. Zuvor habe ich sehr genau überlegt was ich mit in den Rucksack packen muss. Sonnencreme, Brille, Hut, Wasser, Nahrung, Regenhose und Jacke sind obligatorisch. Ich habe aber auch mein GPS Gerät eingepackt, denn auch bei relativ kurzen Distanzen kann man im Nebel recht schnell die Orientierung verlieren. Da ich mir vorgenommen hatte auch mich selbst bei der Arbeit zu portraitieren, habe ich zwei Gehäuse mitgeschleppt, und ebenso das fünf Kilogramm schwere 200-400mm Teleobjektiv. Zusammen mit dem Stativ kommt da einiges Zusammen was mir im Laufe des Tages bei jedem Schritt schmerzlich bewusst wird. Als ich starte ist der Himmel völlig wolkenfrei und die schneebedeckten Gipfel strahlen vor dem dunkelblauen Himmel. Der Weg zum Pass klappt ohne Probleme. Langsam aber zielsicher komme ich voran. Von nun an gibt es keinen sichtbaren Pfad mehr. Ich steige die Geröllwand Stück für Stück nach oben. Mein GPS zeichnet jeden meiner Schritte auf. Als ich um eine weitere steile Wand herumgelaufen bin, sehe ich direkt über mir einen aus purem Eis bestehenden Gletscher. Mein Weg führt an ihm vorbei, und würde ich es auf den Gipfel schaffen, könnte ich sogar direkt auf ihn hinabschauen. Dieser kleine Gletscher ist komplett frei von Gestein und völlig zerklüftet. Ein tolles Motiv. Doch mein Aufstieg gestaltet sich sehr langsam. Gegen Mittag zeigt mein Höhenmesser fünftausendfünfhundert Meter an. Ich habe die Gletscherzunge fast erreicht. Von Tal ziehen die ersten Wolken herauf. Zu Anfang beunruhigt mich das nicht sonderlich, da dies nach einem klaren Morgen praktisch an jedem Tag passiert. Doch in erstaunlichem Tempo wird mir durch immer schneller heranfliegende Wolken die Sicht genommen. Nach einiger Zeit hat sich das Bild komplett gewandelt. Ich bin von einer Geröllwüste umgeben und die einzige Farbe die jetzt noch dominiert sind Grautöne. Trotzdem gebe ich noch nicht auf. Ich erinnere mich an den Vortag und hoffe, dass es nach einer gewissen Zeit gegen Abend wieder aufreißen wird. Ich schaffe weitere hundert Höhenmeter, muss mir dann aber eingestehen, dass mich meine Kräfte verlassen. Inzwischen ist praktisch jeder Schritt eine Tortur. Da ich sowieso nichts sehen kann, gebe ich das Ziel, bis auf den Gipfel zu kommen auf. Ich suche mir einen halbwegs bequemen Stein an den ich windgeschützt anlehnen kann und hoffe auf einen erneuten Wetterwechsel. Dann beginnt eine der Tätigkeiten innerhalb meines Berufes die leider allzu häufig wichtiger Bestandteil meiner Arbeit ist und nicht immer zum Erfolg führt – nämlich die Warterei.

Nach drei langen Stunden, in denen ich außer auf eine graue Wand zu starren  nichts gemacht habe, beschließe ich an die Stelle zurückzusteigen, an der ich am Vorabend meine Fotos machen konnte. Das ich im Dunkeln würde zurücklaufen müssen war klar. Mit dem Abstieg zum Pass bin ich zumindest wieder in relativer Nähe zum Zelt. Bisher hat es zwar weder gestürmt noch geschneit, doch man weiß ja nie. Es wird dunkel ohne das sich in den Wolken etwas tut. Ich bin etwas traurig, denn der komplette Tag war eigentlich ein fotografischer Ausfall. Also habe ich noch zwei weitere Stunden ausgeharrt. Wenn die Wolken verschwinden würden, bevor der letzte Rest an nachglühendem Tageslicht erloschen sind, könnte ich noch eine gute Nachtaufnahme machen. Dazu brauche ich den Sternenhimmel und ein klein wenig Licht von der vor langer Zeit hinter dem Horizont verschwundenen Sonne. Doch ich habe kein Glück. Jetzt bleibt mir nichts anderes übrig als auf den kommenden Morgen zu hoffen. Um die Aufnahme machen zu können die mir vorschwebt, muss ich Punkt vier Uhr wieder hier auf dem Pass sein. Dies ist mit dem schweren Gepäck unmöglich zu schaffen. Also habe ich meine Ausrüstung gut verpackt und den Rucksack dann unter einen überhängenden Stein gelegt. Gegen 21 Uhr komme ich mehr taumelnd als gerade laufend beim Zelt an. Ich stelle den Wecker auf zehn Minuten vor Drei um genügend Zeit zu haben nach einer viel zu kurzen Nachtruhe in die Kleidung zu kommen und den Berg wieder nach oben zu steigen. Mich als erschöpft zu bezeichnen ist noch untertrieben, und trotzdem gelingt es mir nur sporadisch in einen leichten unruhigen Schlaf zu fallen. Immer wieder wache ich auf und rolle mich von einer Seite auf die andere. Nach Mitternacht blicke ich ungefähr fünf mal auf die neben mir liegende Uhr. Die Angst diese wichtige Chance zu verpassen sitzt tief im Unterbewusstsein fest. Gerade deshalb ist es mir völlig unbegreiflich das ich den Wecker nicht läuten höre. Als ich wieder auf die Uhr blicke ist es bereits zehn Minuten nach drei Uhr. Wie von der Tarantel gestochen und gleichzeitig laut fluchend schieße ich aus dem Schlafsack und schlüpfe in Rekordzeit in meine Kleidung. Wie in Trance versuche ich die letzten Kraftreserven aus mir herauszupressen um möglichst schnell nach oben auf den Pass zu kommen. Beiläufig nehme ich wahr das der Himmel tatsächlich Wolkenfrei ist und ich meinen Plan durchführen kann, wenn es mir gelingt die verlorene Zeit aufzuholen. Auch ohne Gepäck geht es nicht wirklich nicht schnell voran, doch dafür beständig. Ich kann mein Glück kaum fassen als ich zwei Minuten vor Vier bei meiner Ausrüstung stehe. Die dann folgenden Handgriffe sitzen und gehen fliesend von statten, während ich mir schon Gedanken mache wo ich das Stativ aufstelle. Um Punkt vier Uhr drücke ich um ersten mal den Drahtauslöser. Die Kamera steht auf viertausend ASA und ich belichte dreizehn Sekunden bei Blende 3,2. Auf dem Bild erscheint das „Kanchenjunga“ Massiv, beleuchtet von den ersten zarten Nuancen der Dämmerung. Darüber erhebt sich die Milchstraße in all ihrer Pracht.

Wenige Minuten später ist es für unser Auge zwar immer noch dunkel, doch die Präsenz des Universums nimmt mit zunehmender Dämmerung massiv ab. Zuerst verschwindet die Milchstraße und später nach und nach die der Erde näher gelegenen Sterne. Dafür leuchten die Berge vor einem immer noch dunkelblauen Nachthimmel und mit zunehmender Helligkeit kann ich die ASA Zahl herabsetzen was die Bildqualität stark verbessert. Für mich ist dieser ganze Prozess pure Magie. Ich stehe, umgeben von absoluter Stille, an einem Ort voller unverfälschter Wildnis und erlebe diese Momente in solch erregender Dichte das ich kaum Worte dafür finde. Eindrücke die durch kein Geld der Welt ersetzbar sind und die es sich tief in meiner Seele auf den besonders gemütlichen VIP Plätzen gemütlich machen dürfen.

Auch wenn es unmöglich ist, und wahrscheinlich nichts ändern würde, so wünschte ich mir doch, das jeder Mensch mindestens einmal im Leben ein solch eindrückliches Erlebnis mit unserer Mutter Erde haben dürfte­­. Vielleicht wäre unsere Spezies dann etwas Ehrfurchtsvoller im Umgang mit dem Planeten der uns Alle mit seinen Ressourcen versorgt und uns eine solch wunderschöne Heimat ist.

 

 

 

 

 

 

 

 

Gebirge Teil 3: “Hauptlauf” 28.04.2013

Um den „Kanchenjunga Base Camp Trail“ zu bewältigen gibt es zwei Varianten. Die Längere führt zuerst zum nördlichen Basislager und dann über einen fast fünftausend Meter hohen Pass zur südlichen Seite des Berges. Man läuft sie als Rundweg um dann wieder in der Nähe von Dobhan, unserem jetzigen Standpunkt, anzukommen. Es bedarf keines Wahrsagers um sich auszumalen dass diese Route für Juliana und mich nicht in Frage kommt. Wegen meiner Fotografie und ihrem reduzierten Tempo würden wir uns in einen Dauerstress begeben, der uns die Tour sehr schnell verleiden kann. Da unser Freund Rolf aber sehr wohl Willens und auch in der körperlichen Verfassung ist die große Runde zu wagen, tritt nun ein Plan in Kraft über den wir schon im Vorfeld gesprochen hatten. Wir werden unsere Truppe in zwei Gruppen aufteilen und unseren Teil auf das nördliche Basislager beschränken, um dann auf dem gleichen Weg wieder zurück zu laufen. Das verschafft uns einen Spielraum von drei bis vier Tagen an denen wir bei Bedarf auch mal pausieren können. Aber vor allen Dingen habe ich am Basislager gegebenenfalls Zeit auf gutes Wetter zu warten um dann meine Bilder zu machen. Nicht auszudenken was wäre, wenn ich da oben vor dem drittgrößten Berg der Welt stehe, und ihn gar nicht zu Gesicht bekomme.

Den ersten Tag Pause gönnen sich Juliana und ich gleich am kommenden Morgen nach unserer Ankunft im Örtchen Dobhan. Der lange Abstieg von Vortag steckt uns noch in allen Muskeln als wir Rolf und seine vier Jungs verabschieden. Sie haben sich ein anspruchsvolles Programm vorgenommen. Sie sollten es mit Bravour schaffen und den Treck sogar zwei Tage früher beenden als geplant. Dafür hat Rolf aber ganz schön leiden müssen. Er hat zwar unseren Guide in seine Gruppe bekommen, aber wir dafür den Koch. Da dieser sowieso der Einzige ist, der bisher schon mal in dieser Region war, haben wir glaube ich einen ganz guten Deal gemacht. Je höher wir laufen, desto spartanischer wird auch unser Essen werden. Doch im Direktvergleich erfreuen wir uns an wesentlich abwechslungsreicherer Nahrung als Rolfs Gruppe. Die nehmen praktisch jeden Tag nur Reis und Tütensuppe zu sich. Als wir uns zum Abschied feste drücken ist es völlig ungewiss wie weit unser Teil der Expedition in die Bergwelt vorzudringen vermag. Julianas Füße sehen wirklich nicht gut aus, und ein wenig Angst vor einem vorzeitigen Abbruch habe auch ich. Offene Füße sind extrem unangenehm und haben schon so manch harten Kerl zum Abbruch einer Wanderung bewogen. Doch ich habe von nun an alle relevanten Stellen mit Blasenpflastern und Klebeband bearbeitet, und ihr immer persönlich die Schuhe fest zugebunden, damit möglichst wenig Reibung auf den Füßen verursachen wird.

Am Ortsrand von Dobhan treffen zwei große Flüsse aufeinander und fließen gemeinsam weiter. Einem werden wir ab Morgen für viele Tage folgen. Wir sind überrascht dass wir überhaupt keine anderen westlichen Wanderer entdecken, als wir uns gegen Abend doch noch aufraffen können, von unserem Campingplatz aus einen Ausflug ins Dorf zu machen.

Die kleine Hauptstraße ist voll mit Nepali die auf ihren Wegen hier eine Rast einlegen. Immer wieder sehen wir Gruppen von beladenen Eseln und Yaks über die Hängebrücken kommen, die Waren in die umliegenden Täler transportieren. Große Stapel Bücher sind auch dabei welche wohl für die Dorfschulen bestimmt sind. Die Leute sitzen vor den Läden und sind meist gut gelaunt – zu gut, wenn man genau hinschaut. Daran ist nicht zuletzt eine durchsichtige Flüssigkeit Schuld, die hier den Namen Roxy trägt und aus hochprozentigem Alkohol besteht.

Gegen achtzehn Uhr bekommen wir ein reichhaltiges Abendessen und liegen frühzeitig auf unseren Matratzen. Eine weitere Nacht guten Schlafes lässt uns am nächsten Morgen voller Elan erwachen und frohen Mutes an die vor uns liegende Aufgabe gehen. Juliana und ich machen uns genau um zehn Minuten nach Sieben auf den Weg. Unsere Jungs sind zu diesem Zeitpunkt noch nicht ganz mit dem Packen fertig. Das macht aber nichts, denn verlaufen kann man sich ja kaum wenn man nur dem Flusslauf folgen muss. Noch liegt das Tal im Schatten und wir kommen gut voran obwohl es von Anfang an rauf und wieder hinunter geht. Mal verläuft der Pfad auf Flusshöhe, mal blicken wir einige dutzend Meter von oben auf das reißende Wasser herab.

Nach einer Stunde kommen wir an eine Stelle, an der zwei Täler zusammentreffen. Kennen Sie das Gefühl sich total sicher zu sein das Richtige zu tun? Ich habe mir vor dem Beginn der Etappe nochmals die Wanderkarte angeschaut und war mir sicher dass ein weiterer Blick nicht nötig sei. Also bleibt die Karte in der Tasche und wir haben den Weg im selben Tal fortgesetzt. Als die Sonne über die Flanke des Bergzuges wandert und die Gegend von jeglichem Schatten befreit ist, wird es sofort um viele Grade wärmer. Wir sind in der tropischen Klimazone und keine Wolke hat uns an diesem Morgen die Hitze etwas gemildert. Irgendwann werde ich dann nervös, denn unsere Helfer hätten uns eigentlich längst einholen müssen. In einem kleinen Dorf halten wir an. Es ist inzwischen fast neun Uhr und die Sonne knallt auf uns herab als wäre es zwölf Uhr Mittags. Alles zieht sich in mir zusammen als ich dann doch auf die Landkarte blicke und merke dass wir hätten in das andere Tal einbiegen müssen. Wie kann man nur so dämlich sein? Es hilft alles nichts, wir müssen umkehren. Insgesamt haben wir drei Kilometer zusätzlichen Weges angehäuft. Auf einer normalen Straße ist diese Distanz kaum der Rede wert, aber hier in Nepal ist das eine ordentliche Strecke. Wir sind kaum im richtigen Tal angekommen da sehen wir in der Ferne drei unserer Jungs auf uns zulaufen. Die haben natürlich gemerkt dass etwas nicht stimmt und sind uns suchen gekommen. Schön zu sehen das man sich auf sie verlassen kann. Der Tag zieht sich wie Kaugummi in die Länge. Stunde um Stunde kämpfen wir uns voran. Am meisten macht uns die Hitze zu schaffen. Das Thermometer zeigt fast vierzig Grad. An jedem kleinen Bach den wir passieren lassen wir kaltes Wasser über unsere Köpfe rinnen und kühlen so etwas ab. Stellenweise ist der Weg kaum mehr als ein kleiner Trampelpfad der sich durch unwegsames Gelände windet und mit Wurzeln und losem Gestein bedeckt ist. Oft laufen wir durch Wald, dessen Blätterdach aber kaum einen geschlossenen Schatten erzeugt. Immer wieder wandert mein Blick die steilen Berghänge empor welche rechts und links neben uns aufragen. Praktisch überall leben Menschen.

Kaum zu glauben an welchen steilen Hängen kleine Gehöfte an den Abhängen kleben. Terrassenförmig angelegte Felder erlauben den Anbau von Nahrung und Tierfutter praktisch an jeder Stelle. Auch hier ist der ursprüngliche Wald stark degradiert. Das ist nicht verwunderlich wenn man bedenkt, dass praktisch alle Bewohner dieser Berge und Täler mit Holz kochen und heizen. Es überrascht mich eher, dass überhaupt noch Holz vorhanden ist, denn das Land hat eine immense Geburtenrate. Nepals Bevölkerung wächst ebenso wie die Ansprüche an deren Lebensqualität. Der Druck auf die natürlichen Rohstoffe wird auch in Zukunft weiter steigen, was nichts Gutes für die Wälder verheißt. Die Menschen brauchen Alternativen, welche z.B. in Form von kleinen Biogasanlagen Realität werden könnten. Der Dung von zwei Rindern reicht aus um diesen zu vergären, und damit Methangas zum Kochen und Heizen zu erzeugen. Die Anschaffung für solch eine Anlage beträgt ca. 300 Euro. Für die meisten Familien ist dies eine unerschwingliche Summe. Zum Glück gibt es seid Jahren internationale Hilfsprojekte welche genau diese Idee unterstützen. Man kann nur hoffen dass diese guten Ansätze mit aller Kraft durchgeführt werden, bevor das Ökosystem unter der Last der Nutzer gänzlich zusammenbricht. Schon siebzig Prozent von Nepals Wäldern sind verschwunden oder stark übernutzt. Gerade im Gebirge werden intakte Wälder aber dringend benötigt. Denn ohne Bäume ist der Boden Wind und Regen ungeschützt ausgesetzt und es kommt zur Erosion und Steinschlag.

Es gibt noch vereinzelte alte Bäume. Fast jedes Dorf das wir passieren hat in seiner Mitte solch einen Riesen stehen. Diese entsprechen wohl den Ulmen, welche bei uns in früheren Zeiten den Mittel- und Treffpunkt des Dorfes markierten. Anhand dieser Exemplare erkennt man das ganze Drama in welchem Zustand sich der Wald befindet. Man muss sie nur mit den Bäumen in den noch vorhandenen Waldresten vergleichen, welche die Dörfer umgeben.

Am späten Nachmittag sorgt eine aufziehende Wolkendecke für etwas mildere Temperaturen. Wir passieren eine Seitenschlucht über eine der zahlreichen Hängebrücken und steigen einen Berghang steil nach oben. Oben angekommen treffen wir auf ein einzelnes Gehöft, vor dem uns ein älterer Herr entgegenlächelt.

Als er Juliana sieht fängt er an vor ihr zu tanzen und zu singen was uns alle sehr erfreut. Seine Frau, die ebenso ein stattliches Alter aufweist, kommt gerade von den Feldern zurück. Sie trägt ein großes Bündel Gras auf dem Rücken, welches von einem Band gehalten wird das über ihrer Stirn liegt. Dieses Paar lebt hier ganz allein. Ihre Tagesabläufe gleichen denen ihrer Vorfahren. Sie haben weder Strom noch andere Errungenschaften des modernen Lebens. Einzig den schwarzen Plastikschlauch kann ich entdecken, welchen praktisch jede Familie inzwischen ihr Eigen nennt. Damit wird Wasser vom nächst gelegenen Fluss direkt ans Haus gelenkt und Tagsüber wenn die Sonne darauf scheint auch ein wenig erwärmt. Die Zwei wirken überaus glücklich, was mich mal wieder stark zum Nachdenken bringt. Vom materiellen Maßstab her sind die Beiden bettelarm. Doch wenig zu besitzen muss nicht gleichbedeutend sein mit einem unzufriedenen Leben. Sind diese Alten aus der Zeit gefallen? Sind wir Kinder der Globalisierung überhaupt in der Lage den Verlockungen des konsumorientierten Alltags zu widerstehen? Das ist sehr schwer, wie ich im Selbsttest immer wieder feststellen muss. Ich betrachte mich als einen durchaus aufgeklärten und sehr kritischen Konsumenten. Trotzdem kann auch ich so manchen Verheißungen nicht entsagen, besonders wenn es um Dinge geht die mich begeistern und interessieren. Auch wenn ich nicht jeden Mist mitmache und viele Dinge aus ökologischen Gründen nicht kaufe, so habe ich immer noch einen viel zu hohen Ressourcenverbrauch innerhalb meines Alltags. Wäre ich ein Vorbild für die gesamte Menschheit so würde der Planet praktisch schon heute einer leblosen Wüste gleichen. Das betrifft neben mir übrigens so gut wie jeden Bewohner der westlich geprägten Industrieländer – eine Tatsache die uns Alle sehr nachdenklich machen sollte. Wie können wir es schaffen die Sehnsüchte der ständig wachsenden Weltbevölkerung zu stillen ohne dabei die Erde völlig zu zerstören? Ich denke es wird nur gehen wenn wir unsere  Lebensziele überdenken und uns neue Werte verordnen. Für was haben wir in unserer Gesellschaft überhaupt noch Platz, außer der Wirtschaft möglichst hürdenfreie Produktionsbedingungen zu verschaffen? Die Politik, welche uns regiert, bewacht und leitet ist inzwischen in weiten Teilen der Welt von der Knechtschaft der Diktatur befreit und durch Demokratie ersetzt worden. Doch diese ist in solch erschreckendem Ausmaße von den Interessensverbänden der Großindustrie unterwandert, dass einem wirklich Schlecht werden kann. Solange sich daran nichts ändert wird auch weiterhin das Mantra des glückverheißenden ungebremsten Wachstums gepredigt und die Welt immer schneller an den heute schon abzusehenden Abgrund gedrängt.

Solche und viele andere Gedanken sind mir auf dieser Reise oft im Kopf umhergeschwirrt. Einer der Vorzüge des langsamen Wanderns ist das man viel Zeit zum Nachdenken hat.

Inzwischen sind uns zwei unserer Träger mit einer Kanne Tee und Keksen entgegen gekommen, um uns die restlichen Meter zum Ziel der Tagesetappe zu begleiten. Die Burschen sind viel schneller als wir und haben dazu noch Kraft zu uns zurückzulaufen um zu helfen. Das werden sie in den kommenden Tagen noch öfters tun, und wir sind darüber immer sehr dankbar. Obwohl uns natürlich, zumindest in diesen tiefen tropischen Lagen, ein eiskaltes Apfelschorle lieber wäre als der heiße Tee.

Als wir am Abend in einem nicht sonderlich gemütlichen Gästehaus die Wanderschuhe abstreifen sind wir fix und fertig. Erfreulicherweise hat sich der Zustand von Julianas Füßen nicht verschlechtert was uns Grund zur Hoffnung gibt. Auch in den kommenden zwei Tagen wird die Hitze unseren  Tagesablauf prägen. Wir starten so früh wie möglich, doch natürlich ist es nur eine Frage der Zeit bis uns die Sonne ihre volle Kraft entgegenstrahlt. Erst ab der vierten Etappe wird es merklich kühler und angenehm. Zu diesem Zeitpunkt haben wir uns schon wieder auf zweitausend Meter hochgearbeitet und inzwischen fühlen wir uns fitter denn je.

Ich habe kaum noch Zweifel, dass meine wunderbare Brasilianerin auf dieser Wanderung noch sehr weit kommen wird. Wir haben inzwischen einen Kontrollpunkt passiert an dem alle Wanderer auf ihre Genehmigungen gecheckt werden und sind innerhalb der „Kanchenjunga Conservation Area“ angekommen. Dieses Gebiet hat man eingerichtet um die Wälder in den Höhenlagen um das Hochgebirge besser zu schützen. Natürlich leben auch hier oben Menschen, doch deren Anzahl wird merklich weniger und die Wälder sichtbar dichter und ursprünglicher. Ich halte die Augen offen und schaue mir die wunderbaren Bäume sehr genau an, an denen meterlange Flechten sanft im Wind wehen.

Leider gelingt es mir weder beim Aufstieg noch beim Rückweg einen der hier lebenden Roten Pandas zu entdecken. Diese schönen Tiere leben an den Himalaya Hängen hier in Nepal sowie in Teilen Chinas und Indiens. Sie sehen ein wenig aus wie Waschbären und ernähren sich von Bambus. Es überrascht mich kaum mehr als ich erfahre dass auch sie vom Aussterben bedroht sind. Wilderei und Fragmentierung ihres Lebensraumes durch Waldzerstörung sind wie so häufig die Ursachen für den Rückgang der Roten Pandas und so endlos vieler anderer in freier Wildbahn lebenden Tierarten.

Hier oben ist der Pfad erstaunlicherweise besser befestigt als weiter unten im Tal. Immer wieder passieren uns Männer und junge Burschen mit großen Metallplatten auf den Rücken. Sie tragen Elemente zum Brückenbau die Berge hoch. Egal was sie befördern, sie werden nach Gewicht bezahlt. Der Lohn muss schon sehr mickrig sein, wenn man sieht mit welchen Mengen Material sie ihre Gesundheit riskieren. Immer mal wieder werden wir von Kindern begleitet die sich auf dem Weg zur nächsten Schule befinden. Ich staune wie jung manche sind und trotzdem weite Wege auf sich nehmen müssen. Die etwas Gewitzteren unter ihnen nutzen die Begegnung mit uns um ihre Kenntnisse in Englisch zu testen, was zum Teil zu witzigen Wortwechseln führt.

Manche der Kinder tragen Schuluniformen, andere wiederrum sind in Lumpen gehüllt die man kaum noch als Kleidung wahrnehmen kann. Das beschränkt sich aber nicht nur auf die Kleinen. Wir treffen leider auf Familien die scheinbar jeglichen Halt verloren haben. Faulige Zähne und stumpfe glanzlose Blicke zeugen von Hoffnungslosigkeit die einen traurig macht. Selbst in so manchem, für Besucher offenstehendem Gästehaus ist es so dreckig, das wir uns kaum darin aufhalten möchten. Wir sehen Kinder die praktisch im puren Müll schlafen und Eltern die dies als ganz normal empfinden. Hinzu kommt das am offenen Feuer gekocht wird. Der Rauch schwärzt die Decken und Wände und zerstört die Gesundheit der Bewohner. Natürlich sind die Menschen arm, aber Wasser zum waschen wäre für Alle ausreichend vorhanden. Ob es wohl mit dem auch in Nepal existierenden Kastensystem zu tun hat, dass innerhalb eines Ortes solch unterschiedliche Hygienesituationen herrschen? Ich weiß es nicht. Ich bin nur sehr betroffen wenn ich Kleinkinder sehe, die wohl nie eine Chance auf ein menschenwürdiges Leben haben werden.

Nachdem wir eines Morgens mit einer Unmenge an Bissen und Stichen am Körper aufgewacht sind, welche wahrscheinlich von Läusen stammen, haben wir uns dazu entschlossen nur noch im eigenen Zelt zu übernachten. Für mehrere Tage sind wir extremen Juckreizen ausgesetzt, was besonders beim Schwitzen nicht angenehm ist. Mein Hals und die Arme sind eine einzige Quelle endlosen Verlangens mit den Fingernägeln darüber zu reiben – was natürlich alles noch viel schlimmer macht.

Ein Erlebnis von dem es zu berichten lohnt ist die Geschichte mit dem Diebstahl. Kurz nach Tagesanbruch kommt einer unserer Träger ganz aufgeregt zu uns ans Zelt und berichtet von einer schlimmen Sache die passiert ist. Am Vorabend seien sie mit anderen Nepali zusammengesessen die an derselben Station übernachtet haben wie wir. Am frühen Morgen ist nun Einer von denen verschwunden und mit ihm eine nagelneue Hose und ein T-Shirt. Was für uns wahrscheinlich nur zu einer kurzen Verärgerung geführt hätte, war für die Jungs aber eine ernste und große Problematik. In deren Welt hat man eben nicht die Möglichkeit eine gestohlene Hose einfach durch eine Neue zu ersetzen. So begab es sich das sich zwei der Burschen auf den Weg gemacht haben um nach dem Dieb zu suchen. Wir haben deshalb unsere Träger den ganzen Tag nicht zu Gesicht bekommen. Erst gegen Abend, als wir kurz vor Vollendung unserer Etappe stehen sehen wir die Gruppe zu uns aufschließen. Mir fällt gleich auf das da ein Mann mehr dabei ist. Dieser schleppt auch noch den Packsack den normalerweise der Bestohlene zu tragen hat. Das ist wirklich ein Ding. Unsere Burschen sind heute Morgen die komplette Tagesetappe von gestern zurück marschiert und haben dort den dreisten Dieb tatsächlich gefunden. Es war ein Junge, nicht älter als fünfzehn Jahre, der nun hier an uns vorbei läuft. Er ist kaum in der Lage seine Tränen zu unterdrücken und doch sichtlich bemüht seine Haltung zu bewahren. Sie haben ihn sich geschnappt und ließen ihn nun zur Strafe den ganzen Tag das schwere Gepäck tragen. Es ist nur zu erahnen was in Nepal solch eine Tat bei den Betroffenen auslöst, denn der Beklaute war sichtlich sauer. Ich kann ihn, als wir im Camp angekommen sind davon abhalten dem völlig erschöpften und eingeschüchterten Dieb mit der Faust ins Gesicht zu schlagen. Zumindest in unserer Gegenwart. Doch dessen Martyrium ist noch nicht vorüber und die Kräfte der Träger scheinbar noch nicht aufgebraucht. Obwohl es anfängt in Strömen zu regnen und die nächste Polizeistation mindestens zwei Stunden entfernt liegt, machen sie sich auf den Weg ihn dort abzuliefern. Ich hoffe wirklich dass der Junge seine Lektion an diesem Tag gelernt hat. Diebstahl in einer Gesellschaft in der die Häuser praktisch für Alle offen stehen ist weder hier noch sonst irgendwo akzeptabel.

Nach sechs Tagen erreichen wir die Ortschafft Ghunsa auf 3400 m Höhe. Inzwischen sind wir wieder im Bereich wo der Rhododendron wächst und hier auch reichlich in tiefem Rot und Pink am blühen ist.

Ghunsa ist eine tibetische Siedlung und die höchstgelegene auf dem Trail die ganzjährig bewohnt ist. Eingerahmt von Bergen die mit teils altem Wald bewachsen sind fühlen wir uns hier sofort sehr wohl. Hier verbringen wir unseren nächsten Tag um unsere Körper an die Höhe zu gewöhnen. Der Zustand von Julianas Füßen ist zusehends besser geworden und ich bin sehr stolz auf das was wir bisher gemeinsam geschafft haben. Das Dorf hat elektrischen Strom welcher mit einem simplen System aus Wasserkraft gewonnen wird. Eine ökologisch sinnvolle Lösung die es mir ermöglicht meine Akkus für die Kamera aufzuladen und mit dem Labtop an meinen bisherigen Bildern zu arbeiten. Praktisch auf jedem Haus wehen die bunten buddhistischen Gebetsfahnen und Yaks weiden auf den Wiesen zwischen den Häusern. An den Ohren sind sie geschmückt mit bunten Bändeln welche sie wirklich hübsch aussehen lassen.

Es sind nicht viele Wanderer die uns bisher entgegen gekommen sind und vom Basislager berichten können. Doch das Wenige was wir erzählt bekommen hört sich großartig an. Alle sind begeistert von der Schönheit der Ausblicke auf den „Kanchenjunga“. Was uns besonders freut ist die Meldung, dass dort oben ein Deutscher mit langem Bart und noch längeren Haaren unterwegs ist, der wie Jesus aussieht, und dem es scheinbar bisher sehr gut ergangen ist. Von hier aus sind es noch vier Stationen bis zum Basislager. Hochgebirge wir kommen!

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