Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: Greenpeace

Kurz vor Tourstart zu “Naturwunder Erde” 19.Oktober 2013


Liebe Leser meines “wildview” Blogs,

die Show “Naturwunder Erde” ist fertig produziert, die Vortragstour steht kurz vor dem Start.

In den neuen Büroräumen von Greenpeace in Hamburg fand am 15. Oktober eine Pressekonferenz zur Vorstellung des Projektes statt.
Überschattet wird der Tourstart von den Ereignissen in Russland, wo 28 Greenpeace Aktivisten und zwei unabhängige Journalisten der Piraterie angeklagt sind. Vier Wochen zuvor hatten sie versucht ein Banner auf einer Ölplattform von Gazprom anzubringen um gegen die gefährliche und für das Klima völlig inakzeptable Förderung von fossilen Brennstoffen im arktischen Eis zu demonstrieren. Ihnen droht bei einer Verurteilung bis zu 15 Jahre Haft. Wir werden während der Vortragstour solange Unterschriften sammeln, bis unsere Freunde wieder auf freiem Fuß sind. Der friedliche Widerstand gegen die Zerstörung der Welt wird sich auf diese Weise nicht einschüchtern lassen.

Außerdem möchte ich Ihnen an dieser Stelle mein neues Buch präsentieren, welches soeben vom renommierten Knesebeck Verlag aus München veröffentlicht wurde. Es ist das Begleitbuch zur großen Vortragstour und eine wunderbare Möglichkeit unseren Planeten verstehen und lieben zu lernen. Die Mischung aus fundierten Texten des Biologen Jürgen Paeger und meinen Fotos präsentiert alle relevanten Lebensräume der Erde in der für den Verlag gewohnt hochwertigen Druckqualität und professionellem Layout. Das Buch kostet 24.95 €


Das Buch kann über meine Homepage (ab November), via Buchhandel oder an den Vortragsabenden erworben werden.

Die Tourdaten finden Sie immer aktuell auf www.markus-mauthe.de oder www.greenpeace.de/multivision

 

Es würde mich sehr freuen Sie in den kommenden zwei Jahren an einem der über 300 Termine begrüßen zu dürfen.

Herzlichst Ihr

Markus Mauthe

 

 

Gebirge Teil 1: „Vorlauf“ 15.04.2013

„Naturwunder Erde“ ist meine dritte große Produktion welche ich in enger Kooperation mit der Umweltschutzorganisation Greenpeace erarbeite. Darauf bin ich recht stolz, denn es gibt kaum einen anderen Verein, dessen Ideen und Ziele sich so vollständig  mit meinem eigenen Weltbild decken wie die der Regenbogen-Krieger. Damit einher geht natürlich die Verantwortung zuverlässig und im Zeitrahmen zu arbeiten. Ich genieße das Privileg mit der Umsetzung dieses Konzeptes unsere Erde bereisen und fotografieren zu dürfen, stehe dafür in der Pflicht einen super Vortrag zu produzieren und ihn ab November 2013 bis einschließlich 2015 mindestens 300 mal zur Aufführung zu bringen. Damit dies gelingt habe ich ein tolles Team die sich seid Monaten um die Tourneeplanung kümmern. Inga, Astrid und Alexander wählen Städte aus, buchen Hallen und sorgen dafür, dass die Bewerbung der Veranstaltung möglichst reibungslos verlaufen wird.

 

Unser neues Projekt umfasst insgesamt 14 Ökoregionen die ich innerhalb der vier Kapitel „Wasser“,  „Wald“, „Gestein“ und „Grasland“ fotografisch umsetze. Dies bedeutet, dass ich mir vierzehn Mal die Fotoausrüstung um die Schultern hänge und in die wunderschöne Welt hinausziehe um diese in möglichst hochwertigen Bildern zu dokumentieren. Je näher der Tourneestart rückt desto mehr steigert sich die Vorfreude die dabei entstandenen Bilder auch einem möglichst breiten Publikum präsentieren zu dürfen. Mit jeder Reise die ohne Unfälle oder Verluste der Ausrüstung über die Bühne geht, sinkt die Nervosität. In dem Moment, in welchem ich zu Hause ein weiteres fertig fotografiertes Ökosystem in die Festplatte meines Computers lade erhöht sich die Sicherheit im November mit dem bestmöglichen Vortrag auf Tournee gehen zu können, der mir zum jetzigen Stand meiner Karriere möglich ist.

 

 

Inzwischen sind nun etwa zwei Drittel der Themen im Kasten und ich bin mit dem Verlauf der bisherigen Arbeit mehr als zufrieden. Als nächstes steht nun die Umsetzung des Themas „Gebirge“ an, welches neben dem „tropischen Regenwald“ und dem „Ozean“ das wohl körperlich Anstrengendste zu werden verspricht. Ich wollte von Beginn der Planungen an mit dem Himalaya das „Dach der Welt“ im Vortrag haben. Die Idee war das kleine Land Buthan zu bereisen. Dessen Menschen messen ihre Lebensqualität nicht so unsinnig wie der Rest der Welt am „Bruttoinlandsprodukt“ sondern am „Bruttosozialglück“. Dieses misst die Lebensspanne während der man zufrieden ist. Eine gute Idee über die im kapitalistischen Teil der Welt mal nachgedacht werden sollte. Wäre nicht mehr unbegrenztes Wachstum das Maß aller Dinge, sondern eher Werte wie Glück, Gerechtigkeit und Frieden, würde es unserer Erde sicher besser ergehen als es ihr momentan tatsächlich tut. Da sich das Land nur langsam gegenüber reiselustigen Nicht-Buthanern öffnet (was sicherlich nicht zu deren Nachteil ist) lässt man auch nur eine begrenzte Anzahl Touristen ins Land. Diese dürfen für jeden Reisetag eine Gebühr von 200 Dollar auf ihrem Wege zur Erkenntnis zahlen.

Schnell war klar, dass dies mein Budget bei weitem Übersteigen würde, zumal ich mir fotografisch einiges vorgenommen habe, und gut Ding will nun mal bekanntlich Weile haben. Außerdem war schon lange beschlossen das mich auf dieser Trekkingtour meine Lebensgefährtin Juliana begleiten wird. Wir haben uns vor einem Jahr in Brasilien kennengelernt als ich die dortigen Regenwälder fotografiert habe. Seitdem bereichert sie mit ihrer Liebenswürdigkeit jeden Tag meines Lebens. Aus der Patsche geholfen hat mir mal wieder mein guter Freund Rolf, der bei diesem Projekt schon in der Savanne Afrikas und im gemäßigten Regenwald Tasmaniens mit Rat und Tat an meiner Seite stand. Er als passionierter Reisender, dem kaum eine Ecke unserer schönen Welt unbekannt ist, kam auf mit der Idee den „Kanchenjunga Base Camp Trail“ im nepalesischen Teil des Himalaya zu laufen. Als er mir sagte das diese 26 tägige Wanderung bis zum Fuße des dritthöchsten Berges der Welt führen würde – vorbei an im Frühling blühenden Rhododendronwäldern; entlang an von Gletschern gespeisten Flüssen; auf autolosen Fußpfaden; durch kleine Dorfgemeinschaften die ihre Kultur bis heute leben und pflegen, so war die Sache schnell entschieden.

Das Ökosystem „Gebirge“ an sich besteht aus einem Haufen riesiger Gesteinsbrocken die für sich selbst keine große Wichtigkeit für die Vielfalt des Lebens auf unserem Planeten haben. Doch eben jene Gesteinsbrocken sind es, die in enger Synthese mit vielen der Lebensräume stehen, welche ich in meinem Projekte vorstellen werde. Die Themen „Gletscher“, Flüsse“ und „Wälder“ sind entscheidend für das Funktionieren des großen Organismus Erde, und auf sie trifft man alle im „Gebirge“. Ein wunderbares Thema also um die Vernetzung aufzuzeigen, in der viele Dinge der Natur miteinander verbunden sind. Da Rolf schon einmal in Nepal war, einen Veranstalter, einen Guide und die bei solch einer großen Tour notwendigen Träger kannte, hat er praktisch im Alleingang alles vorbereitet.  Juliana und ich mussten nur für die richtige Ausrüstung sorgen die uns sicher in die Hochlagen und wieder zurück bringt. Nun muss man zu bedenken geben das meine Liebste als Bewohnerin des tropischen Regenwaldes praktisch ihr ganzes Leben mehr oder weniger auf Meereshöhe verbracht und Temperaturen unter Null Grad nur vom Hörensagen her kennt. Ich habe von Anfang an ihren Mut bewundert als sie mir glaubhaft versicherte, diese im „Lonely Planet“ Nepal-Reiseführer als „hart“ beschriebene Tour mit mir bewältigen zu wollen.

Dazu kommt das Juliana vor acht Jahren einen schlimmen Autounfall hatte, der ihre Lebensuhr praktisch auf Null zurückgestellt hat. Zweiundvierzig Knochenbrüche und viele andere unschöne Dinge zwangen die Gute mit ihrem Körper wieder von vorne zu beginnen. Bis heute ist sie gezwungen in vielen Dingen mehr Zeit zu investieren, weil die einfach langsamer ist als ein Mensch ohne diese körperlichen Beschränkungen. Kaum jemand aus unserem Umfeld hat und hätte ihr auch nur im Ansatz zugetraut das sie all die Strapazen bewältigen würde die nun vor Ihr lagen. Schon für eine ganz normale Beziehung ist solch eine intensive Trekkingtour eine immense Herausforderung. Nun kennen wir uns erst ein Jahr, stammen aus verschiedenen Kulturen, sprechen miteinander in einer Sprache die nicht unsere Eigene ist und haben es bei ihr mit einem absoluten „Greenhorn“ (ich lese gerade mal wieder Karl May) zu tun, welches auch noch nie im Ansatz etwas ähnliches gemacht, geschweige denn Berge dieser Höhe kennen gelernt hat. Das ist wohl der ultimative Beziehungstest und wir waren uns auch Beide voll bewusst, das wir nicht überrascht sein dürfen, wenn wir das Basislager in 5300m Höhe, aus welchen Gründen auch immer, nicht erreichen werden. Trotzdem sind wir voller Vorfreude als wir uns mit gepackten Rucksäcken auf den Weg in dieses Abenteuer machen.

„Wer nicht wagt, der nicht gewinnt“ und „der Weg ist das Ziel“ sind zwei allseits bekannte Sprüche, die wie geschaffen scheinen für unsere Situation in den kommenden vier Wochen. Es wird sehr spannend werden….

Ozean Teil 3: “Tierreich” 02.04.2013

Der von mir sehr geschätzte Tierfotograf Ingo Arndt hat eines seiner großen Fotoprojekte „Tierreich“ genannt. Er ist dafür auf die Suche nach Tieren gegangen die in als Herden, Schwärmen oder Kolonien auftreten. Während mir große Ansammlungen von Menschen eher unangenehm sind (vom Publikum bei einem guten Konzert mal abgesehen) ist das Beobachten von großen Tierzusammenkünften eines der schönsten Naturerlebnisse überhaupt. Ich befinde mich immer noch in Palau wo ich zusammen mit David Hettich in Form zahlreicher gemeinsamer Tauchgänge mein Vortragskapitel „Ozean“ entstehen lasse.

Hier haben auch wir das tolle Gefühl gespürt welches unser gemeinsamer Freund Ingo bei der Umsetzung seines  Projektes immer wieder gehabt haben muss. Wir waren unmittelbare Zeugen faszinierender Tiermassen.

Solche Erlebnisse bereichern meinen Job als Naturfotograf ungemein. Die zahllosen Wunder die ich im Laufe der letzten zwanzig Jahre mit der Kamera dokumentieren durfte haben mich die Achtung gelehrt welche ich heute gegenüber unserer fantastischen Heimat Erde empfinde. Deswegen bin ich wahrscheinlich auch so ungemein wütend auf uns Menschen. Unser rücksichtsloser Umgang mit den Lebensgrundlagen stellt den schnellen Gewinn und kurzfristigen Wohlstand über das langfristige Wohl all derer, die nach uns kommen. Verlierer sind am Ende Alle. Die Tier- und Pflanzenwelt aber auch unserer Kinder und Kindeskinder. Was der Großteil der Menschen bis heute nicht verinnerlicht hat, ist das unser Überleben unmittelbar mit intakten Kreisläufen in den verschiedenen Ökosystemen zusammen hängt. Basierend auf diesen Gedanken habe ich das Konzept zu „Naturwunder Erde“ konzipiert. Ich möchte versuchen unsere Welt als „großes Ganzes“ zu präsentieren. Es muss gelingen Gesellschaft, Politik und Wirtschaft davon überzeugt, ihr Dogma „Wachstum“ in die Schlüsselworte „Nachhaltigkeit“ und „Effizienz“  zu verwandeln. Nachhaltige Kreisläufe sind das Einzige das meiner Meinung nach in Zukunft „wachsen“ darf. Unsere Erde ist zwar groß, aber die Einflussnahme von sieben Milliarden Menschen ist inzwischen zu stark geworden. Der Planet kann dies auf lange Sicht nicht verkraften wenn er auch in Zukunft eine immer noch steigende Anzahl hungriger und nach Wohlstand dürstender Menschen mit Rohstoffen versorgen soll. Wenn meine Fotos und Geschichten bei den Besuchern der fertigen Show ähnliche Gedankengänge auslösen, dann habe ich einen guten Job gemacht. Ende 2015 nach dreihundert Auftritten zusammen mit Greenpeace werden wir wissen ob und bei wie vielen Menschen es geklappt hat.

 

David schwimmt ungefähr dreihundert Meter vor mir. Wir sind im Moment die einzigen Besucher von einem der touristischen Highlights auf dem Inselarchipel Palau. Die Pressluftflasche haben wir nicht dabei. Tauchen ist im berühmten „Jellyfish Lake“ nicht erlaubt. Mit Schnorchel, Taucherbrille und Flossen ausgestattet bewegen wir uns über den See. Mal schauen wir unter mal über die Wasseroberfläche. Dieser See ist wirklich eine Besonderheit im Spektrum natürlicher Vielfalt. Mit der Erhöhung des Meeresspiegels zum Ende der letzten Eiszeit ist Salzwasser durch das poröse Kalkgestein der „Rock Islands“ gedrungen und hat die Senke gefüllt die heute den etwa vierhundert Meter langen See ausmacht. Durch kleine Öffnungen zum umliegenden Ozean müssen irgendwann die Quallen gekommen sein welche sich hier im Wasser tummeln. Bis zu dreißig Millionen sollen es in Hochzeiten sein. Ein Ort den der Mensch eigentlich inständig meiden sollte, denn bekanntlich Nesseln Quallen und das tut höllisch weh. Doch während ihrer Zeit innerhalb der abgeschlossenen Welt des Sees, hat die Evolution  die Medusen, wie sie auch genannt werden, ihre Fähigkeit zur Verteidigung genommen. Vielleicht weil natürliche Feinde fehlen. Zu anderen Quallenarten unterscheiden sie sich zudem das die Endteile ihrer Arme stark verkürzt sind und die Pigmentfarbe Blau fehlt.  Zu Anfang erblicken wir nur vereinzelte Exemplare die sich im grün schimmernden Wasser in ihrer für sie typischen Art bewegen indem sie sich immer wieder gegen den Uhrzeigersinn drehen. Damit lassen sie ihrem Körper gleichmäßig Licht zukommen. Denn sie tragen Symbionten in sich, die durch Lichtaufnahme Energie entwickeln welche die Quallen ernähren. Das gleiche Prinzip funktioniert übrigens auch bei Steinkorallen welche die Riffe bilden. Stoßen die Korallen die Symbionten aus Stressgründen ab, zum Beispiel durch einen erhöhten Säuregehalt des Wassers, so sterben die Wirte. Dies nennt man allgemein Korallenbleiche, ein Phänomen welches  leider in Zeiten des Klimawandels immer häufiger beobachtet wird.

 

Zuerst versuche ich einzelne Quallen abzulichten, was nicht weiter schwer fällt, denn die Tiere kommen bis unmittelbar unter die Oberfläche. Irgendwann fällt mir auf das David an einer Stelle in Ufernähe schon recht lange ausharrt und in die Mangroven blickt. Als er wahrnimmt das ich zu im schaue gibt er mir ein Zeichen und ich schwimme auf ihn zu. Mit gedämpfter Stimme fragt er mich ob mir an unserer Umgebung etwas auffalle. Es dauert kaum drei Sekunden da sehe ich es vor mir. Auf einen Ast liegt ein Krokodil. Ein Salzwasserkrokodil. Richtig gefährlich Burschen, sagt man. Die können bis zu sechs Meter groß werden. Unser Exemplar ist vielleicht eineinhalb Meter lang. Eine Tatsache die mich momentan aber nur unwesentlich beruhigt. Ein Krokodil im „Jellyfisch Lake“ in dem jeden Tag duzende Touristen planschen? Es liegt ganz friedlich da. Wir wollen Beide zumindest ein Beweisfoto machen. Mit unseren Weitwinkelobjektiven im Unterwassergehäuse kein einfaches Unterfangen. Ganz langsam versuche ich mich dem Tier zumindest ein klein wenig zu nähern. In diesem Moment macht es einen Satz nach vorne und springt blitzschnell zu uns ins Wasser. Damit war der Gag er Reise geboren. Unter brüllendem Gelächter erzählt David später Allen die es hören oder auch nicht hören wollen wie mir in diesem Moment ein schlichtes „Ach du Scheiße“ rausgerutscht ist und wir uns Beide wie die Wilden mit hektischen Schlägen unserer Flossen versucht haben zu entfernen. Ich glaube es hat so ungefähr zehn Sekunden gedauert bis der Verstand wieder die Oberhoheit über das Gehirn erobert hat.  Ein Krokodil im Jagdmodus hätte keine Probleme uns zu erreichen egal wie sehr wir uns auch bemühen aus seiner Reichweite zu kommen. Also haben wir aufgehört zu paddeln und uns unserem Schicksal hingegeben. Doch der geöffnete Rachen der sich aus der trüben Tiefe erhebt bleibt eine Urangst in meiner Vorstellung. Nach und nach wird die Atmung wieder normal und die Panik verschwindet. Das Krokodil hatte wohl genauso viel Angst vor uns wie wir vor ihm und ist einfach geflüchtet. Auf Palau ist es zum Glück bisher kaum zu ernsthaften Zwischenfällen mit diesen urzeitlichen Gesellen gekommen. So bleibt uns zwar ein Schreckmoment aber auch ein tolles Ergebnis, dieses Tier überhaupt in seiner natürlichen Umgebung entdeckt zu haben.

Wir schwimmen gemeinsam weiter in Richtung östliches Ende des Sees. Es ist noch Vormittag. Zu diesem Zeitpunkt halten  sich dort ein Großteil der Quallen auf. Inzwischen schwimme ich fast ständig mit dem Kopf unter der Wasseroberfläche.  Aus einzelnen Tieren werden Duzende, dann Hunderte und später Tausende die ins Blickfeld geraten. Es ist ein Anblick der schwer zu beschreiben ist. Irgendwann sind wir komplett von diesen seltsamen Lebewesen umgeben. Ihre Haut fühlt sich weich an. Ekel verspüre ich keinen, im Gegenteil. Die Quallen sind so zart das wir aufpassen müssen mit unserem Flossenschlag nicht ständig einige dieser Geschöpfe zu verletzen. Von nun an zahlt sich mein vier Kilogramm schwerer Gürtel aus, den ich die ganze Zeit um die Hüften trage. Er macht es mir einfach mich wie ein Stein absinken zu lassen und in diese unwirkliche Welt aus glibberigen Körpern und grün schimmerndem trüben Wasser eintauchen zu lassen. Außerdem profitiere ich davon, dass wir vor einigen Wochen bei den Wal-Haien auf den Philippinen schon einmal beim Schnorcheln waren. Ich kann inzwischen besser die Luft anhalten und durchaus vier bis fünf Meter abtauchen.

Der Blick ist atemberaubend, was nicht schadet denn Atmen ist sowieso nicht möglich. Besonders der Anblick gegen das Licht ist gewaltig. Als würde man ins Weltall schauen und an endlos vielen Planeten vorbeigleiten. Ich schiebe die Kamera vor mir her und versuche möglichst Bilder zu machen in denen sich die Medusen gleichmäßig über das Bild verteilen. Das geht im Endeffekt nur über die Masse an Auslösungen, denn Planen kann man so ein Foto bei der kurzen Zeit des Abtauchens nicht. Es ist eine Mischung aus Glück, Intuition und Beherrschung der Technik. Viele Male lasse ich mich nach unten fallen und stoße kurze Zeit später laut prustend durch die Oberfläche.

Erst als wir ziemlich erschöpft sind machen wir uns langsam auf dem Schwimmweg zum Steg über den alle Besucher in den See einsteigen. Inzwischen sind zwei große Gruppen japanischer Touristen beim Schnorcheln. Ein Großteil der Besucher verweilt in der Mitte des Sees, was dem Hauptteil der Quallen Ruhe vor allzu vielen Eindringlingen verschafft. Auf dem Weg zurück schwimmen wir in Ufernähe und treffen doch noch auf einen Fressfeind der Schwabbelwesen. An ins Wasser gestürzten Bäumen wachsen weiße Anemonen die sich an Quallen gütlich tun. Haben sie diese erst einmal in ihren Fängen werden die Medusen praktisch nach und nach ausgesaugt. Ein schaurig schöner Anblick.

Als wir über einen kurzen steilen Pfad durch den Wald zurück zu unserem Boot marschieren sind wir voller Begeisterung über die Erlebnisse in diesem außergewöhnlichen Salzwassersee. Doch auch hier bleibt zu hoffen, dass man die steigenden Besucherzahlen richtig dosiert. Es ist praktisch wie überall auf der Welt. Wenn zu viele Naturfreunde über Natur herfallen, dann nimmt diese meist Schaden. Bisher haben die Touristen nachweislich drei neue Lebensformen in diesem See eingeschleppt mit bisher ungewissen Folgen. Ob es da ausreicht das sich jeder Besucher die Schuhe abputzen muss bevor der sich auf den Weg zum See macht wird die Zukunft zeigen. Es ist auf jeden Fall gut zu wissen das es sechs weitere Quallenseen auf Palau gibt zu denen der Mensch aber keinen Zutritt hat.

Tasmanien Teil 1: “Von Umweltbewegten” 05.01.2013

Gibt es noch wahre Helden? Finden sich noch Menschen die sich für ein Ideal oder eine Sache an die sie glauben einsetzen, und ihre eigenen Bedürfnisse dafür weit nach hinten anstellen? In einer Welt die mehr und mehr durch die Ellenbogen-Mentalität des Kapitalismus geprägt ist, also eher den Eigennutz nährt als das Allgemeinwohl fördert, ist diese Frage wohl berechtigt. Wo sind sie geblieben, unsere Vorbilder zu denen wir gerne aufschauen und von denen wir uns inspirieren lassen?

Ich habe solch einen Menschen getroffen und freue mich hier von Ihr erzählen zu können. Bei der Recherche zum Thema „Gemäßigter Regenwald“ für mein Greenpeace Project „Naturwunder Erde“ stieß ich durch Zufall auf die Seite „observertree.org“ Dabei fand ich heraus das sich in den Wäldern Tasmaniens eine junge Frau seid über einem Jahr auf einer sechzig Meter hohen Plattform in einem Urwaldbaum befindet um damit gegen die andauernde Zerstörung alten Waldes zu protestieren. Zuletzt hatte ich von solch einer Aktion in den USA gehört, wo eine Aktivistin mehr als zwei Jahr auf einem Baum ausgeharrt hat um die umliegenden Wälder zu schützen. Damals ging es um die riesigen „Redwoods“ in Nordamerika, im aktuellen Fall um die nicht minder imposanten Eukalyptusbäume.

Mir ist übrigens aufgefallen, das wenn es um wirklich außergewöhnliche Lebensleistungen im Naturschutz geht, es zumeist Frauen sind die sich hierbei auszeichnen. Dian Fossey mit ihrer Arbeit bei den Gorillas, oder Jane Goodall die “Schimpansenfrau“ sind zwei prominente Beispiele. In meiner Geschichte ist es nun Miranda Gibson, die „Dame im Baum“ die ich unbedingt treffen und innerhalb meiner Arbeit vorstellen möchte.

Tasmanien ist eine südlich von Australien gelegene Insel die ungefähr die doppelte Größe der Schweiz aufweist. Landschaftlich ist Tasmanien ein Mikrokosmos der viele verschiedene Ökosysteme besitzt, nicht zuletzt eine der größten verbliebenen Flächen „gemäßigten Regenwaldes“, die uns auf der Erde bis heute erhalten sind. Der Hauptunterschied zwischen gemäßigtem“ und „tropischen“ Regenwald sind die Temperaturen. Während es in beiden Waldtypen sehr viel regnen muss, wachsen die „gemäßigten“ Regenwälder in Regionen die viel kälter sind, also weiter weg vom Äquator und meist in der Nähe von Küsten. Besonders um naturverbundene Touristen anzulocken wirbt man Stolz damit, dass fast die Hälfte der Landmasse Tasmaniens unter Schutz gestellt ist. Doch genau an dieser Stelle lohnt es sich einen zweiten Blick zu riskieren und etwas genauer zu hinterfragen. Denn trotz zweifellos imposanter Wildnisgebiete leidet die Natur bis heute unter immensen menschlichen Eingriffen die schon vor über dreißig Jahren zur Bildung einer Umweltbewegung geführt haben, welche bis heute ein fester Bestandteil des politischen Alltages geworden ist. Begonnen hat der Widerstand als man plante weite Teile unberührter Natur für Wasserkraft zu fluten. Wenn man eine aktuelle Landkarte Tasmaniens betrachtet, so sieht man das viele der Projekte nicht verhindert werden konnten. Unter den heutigen Gesichtspunkten des Kimawandels ist Wasserkraft natürlich keine „böse“ Energie. Damals spielten diese Aspekte aber noch keine maßgebliche Rolle und es wurden in erster Linie viele, viele Quadratkilometer Natur zerstört. Der heutige Konflikt findet in erster Linie auf zwei Themenfeldern statt. Da sind zum Einen Minen geplant, welche die Landschaft auf riesigen Flächen umpflügen und eine trostlose Ödnis hinterlassen. Zum Anderen werden, aus meiner Weltsicht völlig unverständlich, auch heute noch die letzten Reste tasmanischen Urwaldes vernichtet.

Neben den Regenwäldern, in denen die Süd-Buche als dominante Baumart existiert, gibt es auf der Insel trockene Eukalyptuswälder. Trockener und feuchter Wald überschneiden sich an gewissen Höhenlagen der Gebirge und haben eine Naturform geschaffen, die wirklich unglaublich schön und ökologisch von höchstem Wert ist. Jahrhunderte Alte, bis zu hundert Meter hohe Baumgiganten stehen an den Hängen der Berge. Eukalyptusbäume vermehren sich durch Feuer, weshalb sie im reinen Regenwald keinen Lebensraum finden, da es dort auf natürliche Weise nicht brennt. Wo sich beide Waldarten vermischen, die Baumriesen im Unterholz von Moosteppichen, Farnen und Pilzen umsäumt sind, fühlt man sich wie im Märchenwald. Nun kann man es begrüßen, das auf der Insel viele Gebiete geschützt sind, oder aber auch beklagen, das bei der Ausweisung dieser Orte in den allermeisten Fällen die für das Klima und die Natur so wichtigen Wälder mit den großen Bäumen ausgespart wurden. Das dies unter ökonomischen Gesichtspunkten geschah ist kein Geheimnis, denn wenn es in unserer Welt um Umwelt- kontra Gewinninteressen geht, so hat die Bewahrung der Schöpfung in der Regel die viel schlechteren Karten. So werden bis heute auf Tasmanien im „Kahlschlagverfahren“ Urwälder für den schnellen Gewinn geopfert.

Die Flächen werden danach mit Feuer gesäubert, was weitere Arten verdrängt, und dann meist als reine Plantagen in Monokultur als Kiefern- oder Eukalyptusödnis nachgepflanzt. Mit Millionenbeträgen aus Steuergeldern wurden über 8000 km Forststraßen in die Wälder gebaut. Wer im Gegenzug eine versprochene nachhaltige Arbeitsplatzsicherung erwartet hat, erlebte nur Enttäuschungen. Eben wegen der fehlenden Nachhaltigkeit liegt die tasmanische Forstindustrie am Boden. Doch ähnlich wie unsere heimische Debatte über die Atomkraft geht es hier längst nicht mehr um Argumente sondern um Ideologie. Die „Grünen“ oder „Greenies“ wie sie in Tasmanien genannt werden,  dürfen einfach nicht Recht behalten – und so geht der Wahnsinn in vielerlei Form auf diesem Erdball weiter.

Cecily ist eine Umweltaktivistin die seid den Anfängen der Bewegung vor über dreißig Jahren mithilft, das der Widerstand gegen Unvernunft und Maßlosigkeit nicht ermüdet. Sie ist die Ansprechpartnerin für  Mirandas Angelegenheiten. Nachdem ich sie überzeugt habe, dass meine Intensionen redlich sind  gibt sie mir die Möglichkeit das Projekt der Baumbesetzung näher kennen zu lernen. Zusammen verlassen wir die Hauptstadt Hobart und fahren für zwei Stunden ins Landesinnere in Richtung Berge.  Im südlichen Teil der Insel sind dort große Gebiete als Weltnaturerbe von der UNESCO anerkannt und geschützt. Aber eben nicht die an den Rändern gelegenen Täler mit den riesigen Bäumen. Während mir Cecily während der Fahrt Geschichten aus zwei Generationen umweltbewegten Lebens erzählt fallen mir die trockenen Felder auf die sich rechts und links der Straße ausbreiten. Alles ist ausgedörrt und nur an Stellen in denen künstlich bewässert wird sieht man grüne Pflanzen. Kaum zu glauben das ich in diesem Teil der Welt Regenwald fotografieren kann. Erst als das Gelände hügeliger wird und später gar bergig, ballen sich große Wolkengebilde über den Gipfeln zusammen. Im flachen Land ist es extrem heiß. In dieser Woche werden in Hobart 42 Grad Celsius gemessen, die höchste jemals erfasste Temperatur  in Tasmanien. In wenigen Tagen wird sich die Hitzewelle in wütenden Buschfeuern entladen, welche im Südosten Tasmaniens und in Zentralaustralien weite Landstriche in Schutt und Asche legen. Die Brände werden zum Gesprächsstoff Nummer eins im Land. Alle reden vom Wetter doch kaum einer vom Klima.

Wir parken Cecilys Auto an einer unscheinbaren Stelle am Waldrand. Sie bittet mich all meine Habseligkeiten, die ich nicht mit zu Mirandas Baum nehmen werde im Wald zu verstecken. Das sei sicherer, als sie im Auto zu belassen. Nicht selten kam es in der Vergangenheit vor das Autos von Aktivisten durch aufgebrachte Holzfäller beschädigt wurden. Die Straße ist an dieser Stelle gesäumt von dichtem, artenreichen Wald. Ein kleines lila Plastikband weist uns den Weg hinein ins Dickicht. Wir folgen einem schmalen Pfad durch feuchten Mischwald und schon nach wenigen Minuten kommt die Ernüchterung. Wir stehen am Rande eines großen Kahlschlages. Dies ist ein häufig betriebener Trick der Industrie, den ich schon vor über zwanzig Jahren bei meiner Radtour durch Kanada gesehen habe. Man lässt eine kleine Schneise Wald rechts und links der Straße stehen um durchfahrenden Touristen die Illusion intakter Natur nicht zu zerstören, und wütet dann in der zweiten Reihe. Über eine Stunde lang marschieren wir über eine massiv ausgebaute Forststraße. Diese Wege müssen für schwere Lastwagen befahrbar sein, weshalb sie sich vom Ausmaß abgesehen vom fehlenden Teer-Belag kaum von normalen Straßen unterscheiden. Immer wieder passieren wir Gebiete die bisher vom Einschlag verschont blieben. Direkt neben uns ragen die Giganten in die Höhe. Für mich strahlen diese Bäume eine solche Erhabenheit aus, dass es mir bei dem Gedanken daran, sie einfach umzuhauen um sie zu Papier oder Holz zu verarbeiten, ganz flau im Magen wird.

An dieser Stelle sei erneut gesagt, dass ich keineswegs gegen die generelle Holznutzung bin. Im Gegenteil – Holz ist ein nachwachsender Rohstoff der sich für ganz viele Bereiche unseres täglichen Lebens wunderbar nutzen lässt. Doch was ich aufs Äußerste verabscheue ist wenn man die wenigen der Welt noch verbliebenen Urwälder vernichtet. Diese sind der Menschheit als Orte der Artenvielfalt und Treibhausgasspeicher von viel größerem Nutzen. Gerade auch hier im westlich geprägten Tasmanien braucht kein Mensch Holz aus Urwäldern. Es gibt hier inzwischen mehr als genug Forstwald. Würde man diese nachhaltig, naturnah bewirtschaften, wäre Allen geholfen.

 

Unser Weg führt uns in Serpentinen steil nach oben. An Sammelstellen liegt haufenweise Abfallholz, über das man an anderen Orten froh wäre es nutzen zu können.

Wir sind an der Flanke des Mount Miller, einem Bergzug, der Quellgebiet für drei wichtige Flüsse ist die Tasmanien mit Wasser versorgen. Trotzdem ist die Region, wider besseres Wissen zum Einschlag freigegeben. Dies ist wohl auch einer der Gründe warum Miranda sich einen Baum in dieser Gegend ausgesucht hat. Nur hundert Meter nach dem Ende der Forststraße und dem letzten Einschlag stehen wir plötzlich vor einem mächtigen Eukalyptus, in dessen unmittelbarer Nähe sich ein kleines Camp mit Ausrüstungsgegenständen befindet. Wir sind am Ziel. Mein Blick gleitet den geraden Stamm hinauf und meine Ehrfurcht für diese Frau die dort oben seit über vierhundert Tagen Wind, Wetter und allem politischen Druck trotz steigt weiter an. Verdammt hoch. Kann sich jemand eine knapp drei Meter große Plattform vorstellen die in über 60m Höhe um einen Baum gebaut wurde? Wir sprechen mit Miranda über ein Funkgerät, denn man müsste schon sehr laut schreien um sich über die Distanz verständlich zu machen. Ich führe ein nettes Gespräch mit ihr in dessen Verlauf sie mir einiges über ihre momentane Situation erzählt und ich ihr über meine Arbeit berichte. Miranda hat auf ihrem Baum, einen Internetzugang und begrenzt auch Telefon für Ihre politische Arbeit und ihren Blog auf observertree.org.

Durch eine Öffnung in der Plattform lässt sie ein Seil herunter an dessen Ende Taschen mit Müll und benutzte Kleidung hängen, die Cecily für sie zum Abfall und zur Wäsche bringt. Auch andere menschliche Bedürfnisse werden auf diesem Wege entsorgt. Denn der Gang zu einer normalen Toilette ist Miranda seid über einem Jahr verwehrt. Bevor wir uns wieder verabschieden verspricht sie mir, dass sie versuchen wird, noch innerhalb meines Aufenthaltes in Tasmanien ein Team hier heraus zu bekommen, das mich hinauf zu Ihr auf die Plattform bringt. Ein Tonband-Interview und Fotos für meinen Vortrag sind mein Begehr. Ich spüre eine bange Vorfreude wie es wohl sein mag, an einem Seil hängend diesen Stamm hinauf gezogen zu werden. Bis es soweit ist werde ich mich aufmachen den Regenwald zu fotografieren um den Schwerpunkt meines Auftrages zu erfüllen.

 

 

 

 

“Baikal See” Teil 2: Seegeschichten 5.10.2012

Die größte Insel im Baikal See ist „Olchon“. Diese 72km lange und bis zu 14 km breite aus dem Wasser ragende Landmasse ist die erste Station meiner Entdeckungsreise. Kaum zu glauben, dass es einen See gibt der eine so große Fläche aufnehmen kann. Doch bei einer Gesamtlänge von 673 km und einer Uferlänge von weit über 2000 km wirkt „Olchon“ in den Weiten des Baikal fast schon schmächtig. Der See ist wirklich ein Ort voller Superlative. Durch seine extreme Tiefe und Ausdehnung ist er mit 1/5 allen Süßwassers des Planeten gefüllt. Er ist größer als die Ostsee und man könnte den Bodensee 480 Mal hineinschütten ohne eine Überschwemmung zu verursachen. Faszinierend finde ich auch, dass der Baikal zwar unzählige Flüsse und Bäche als Zuflüsse hat, sich aber nur an einer Stelle, dem Angara, entlädt. Trotz der enormen Größe des Angara Flusses müsste das Wasser über 400 Jahre lang fließen um den Baikal komplett zu entleeren. Das Alles sind Fakten, die einen Naturfreund richtig ins Schwärmen bringen können. Nach einer fünfstündigen Busreise, inclusive einer kurzen Fährfahrt, erreichen mein russischer Kollege Arkady und ich die kleine Ortschaft „Chuschir“ im Zentrum der Insel. Sie gilt als eine der touristischen Zentren am Baikal. Wie alle Häuser hier besteht auch das zentrale Hotel komplett aus Holz. Ich bin erstaunt wie viele Besucher sich nach wie vor hier aufhalten. Die Saison ist längst beendet und die herbstlichen Temperaturen nähern sich, besonders des Nachts, schon stark dem Gefrierpunkt. Einen Teil ihrer Faszination auf Besucher generiert „Olchon“ aus der Tatsache, dass die Insel für die hier lebende Volksgruppe der Burjaten große spirituelle Bedeutung hatte und bis heute hat. Direkt dem Städtlein vorgelagert befindet sich eine kleine Landzunge die als „Schamanenfelsen“ bekannt ist.

Ein heiliger Ort und Wohnstätte eines Gottes der Burjaten. In früherer Zeit hat man sich aus Respekt nur in kompletter Stille diesem Felsen genähert. Sogar die Hufe der Pferde wurden mit Stoff bedeckt um keine Geräusche zu verursachen. Heute klettern meist chinesische Touristen auf ihm umher, schreiben Graffitis auf die Steine und im Sommer dringt allabendlich laute russische Discomusic von den Partys der Gäste zu den heutzutage wohl ruhelosen Geistern. Was mich sehr interessiert, ist die Art und Weise, wie man hier mit der immer größeren Touristenflut umzugehen gedenkt. Der Baikal ist bekannt für sein glasklares Wasser. Man kann bedenkenlos direkt aus dem See davon trinken. Außerdem gelten weite Teile der Natur als Intakt. Bis vor wenigen Jahren gab es hier weder Telefon noch Strom und bis heute fehlt jede Art von Abwassersystem. Allein das Hotel in dem ich untergebracht bin, schüttet in der Hochsaison die anfallenden Fäkalien viermal am Tag in den Wald. Zwar ist die gesamte Region des Baikal von der UNSECO als Weltnaturerbe anerkannt und einige Millionen Hektar sind zusätzlich als Nationalpark geschützt, doch was auf dem Papier gut aussieht ist in der Realität leider weit davon entfernt. Es gibt auf „Olchon“ keine Abfallwirtschaft. Jeder Müll wird in den nahe gelegenen Wald gekippt, was mehrere Quadratkilometer der Insel regelrecht versaut. Der Wind bläst die Plastiktüten und Papierverpackungen weit über die eigentliche Müllfläche hinaus. Die Kollegen von Greenpeace Russland sind am Baikal sehr aktiv und haben durch Ihren Einsatz auch schon viel erreicht. Verglichen mit anderen Weltregionen sind die Umweltprobleme hier zwar überschaubar, doch ohne zukünftigen Einsatz wird auch dieses Naturparadies seine Qualität sicherlich nicht behalten.

Wir erkunden die Insel in einem alten VW Bus – ähnlichen Gefährt, dass sich noch hartnäckig aus Sowiet -Zeiten erhalten hat. Diese fahrenden Blechbüchsen sind wirklich nicht kaputtzukriegen. Sie besitzen keinerlei elektronische Spielereien und können deshalb immer wieder repariert werden. In den Norden gelangt man über eine Piste, die sich zum Teil in einem jämmerlichen Zustand befindet, was den Reiz einer Entdeckungstour aber erheblich erhöht. „Olchon“ ist mit einer Mischung aus Steppe und borealem Kiefern & Lärchenwald bewachsen. Die weite Landschaft, die sich vor mir ausbreitet ist eine Augenweide.

Besonders das spätherbstliche, goldene Leuchten der vielen Lärchen bildet einen tollen Kontrast zum blauem Himmel, in dem sich weiße Quellwolken türmen. Schroffe Felswände fallen steil ab in den See und in der Ferne erheben sich die Gebirge der dem Baikal angrenzenden Regionen. Der Küstenlinie folgend, werden diese immer kleiner, da sie sich durch die Erdkrümmung langsam dem Sichtfeld entziehen. Was mich persönlich während der Erkundung richtig ärgert, sind die vielen Fahrspuren die auf dem empfindlichen Steppenboden tiefe Narben reißen. Diese können über Jahre hinaus kaum verheilen. Neben der Hauptpiste sind es dutzende kreuz und quer geschlagene Schneisen, die an vielen stellen das Fotografieren einer intakten Landschaft immens erschweren.

Neben dem fotografischen Ästhetikaspekt wird durch die unbedachte Touristenbeförderung auch massiv der Pflanzenwuchs geschädigt. Wirkt die Steppe auf den ersten Blick recht karg, so ist sie doch ein artenreicher Lebensraum für eine erstaunliche Zahl an Tieren und Pflanzen. Auf der gesamten Insel wird seid vielen Jahren traditionell Viehwirtschaft betrieben, was eine gänzlich wilde Steppe grundsätzlich unmöglich macht. Doch die Zahlen der Rindviecher halten sich glücklicherweise in überschaubaren Grenzen. Eine Überweidung bleibt aus. Es ist eben ein Unterschied ob sich Menschen in kleinbäuerlichen Strukturen selbst versorgen, oder ob eine Region mit industriellen Methoden großflächig platt gemacht wird.

Unser Ausflug dauert den ganzen Tag und wir kommen erst weit nach Dunkelheit zurück ins Hotel. Klar, dass ich mir eine schöne Stelle ausgesucht habe um dort das warme Licht des Tagesendes für meine fotografische Arbeit nutzen zu können. Was mich besonders fasziniert hat war der nördlichste Punkt der Insel. Ein steil aufragendes Kap, von dessen höchsten Punkt sich mit Hilfe des Morgenlichtes wunderbare Motive ergeben würden.

Besonders das Licht vor Sonnenaufgang reizt mich, und so galt es einen Fahrer zu finden, der bereit war, sehr, sehr früh eine Sonderfahrt zu unternehmen. Natürlich war es, verbunden mit einem zusätzlichen finanziellen Anreiz möglich, einen Solchen zu finden. Bevor ich mich zur viel zu kurzen Nachtruhe begeben habe, widmete ich mich noch einer ganz besonderen Art der Körperpflege – dem russische „Banja“. Im Prinzip ist das „Banja“ eine holzbetriebene Sauna, in der man während der Schwitzphase Wasser erhitzt welches man sich dann im Vorraum mit der Schöpfkelle über den Körper schüttet. Eine herrliche Art sich zu waschen und für mich immer ein absoluter Höhepunkt eines jeden Tages.

Es ist empfindlich kalt, als ich mich am nächsten Morgen um halb sechs am Treffpunkt einfinde. Ich habe versucht die Morgentour so zu kommunizieren, dass dem Fahrer bewusst ist, wie wichtig Pünktlichkeit bei solch einer Aktion ist. Nach zwanzig Minuten des Wartens unter dem sternenklaren Nachthimmel will ich gerade wieder frustriert in Richtung Bett marschieren, da erscheint er plötzlich doch noch. Zum Glück habe ich zwei nette Deutsche kennen gelernt, die russisch sprechen und mich an diesem Morgen begleiten wollen. Sie müssen beim Fahrer die richtigen Worte gefunden haben, denn wir Erleben eine Aufholjagd sonders gleichen. Kaum zu glauben, dass wir die etwas mehr als dreißig Kilometer Holperstrecke zum Kapp in weniger als einer Stunde geschafft haben. Während sich am Horizont die ersten zarten Andeutungen eines neuen Tages abzeichnen stehen wir auf dem Felsen.

Es ist wirklich beeindruckend, wie sich die vor uns liegende Wasserfläche im Dämmerlicht ständig verändert. Über dem Horizont wandert eine Wolkenwand von einem Seeufer langsam hinüber zur anderen Seite und bietet mir dadurch perfekte fotografische Gestaltungsmöglichkeiten. Richtige Gänsehautmomente erleben wir aber in den Sekunden, als die ersten Strahlen der Sonne das vor uns liegende Kap erreichen und in satten Orangetönen für wenige Momente magisch einzufärben scheinen.

Wer so etwas schon mal erlebt hat weiß, dass diese Farbgebung nur für wenige Augenblicke anhält. Dafür hinterlässt sie aber auch bei Nicht-Fotografen einen nachhaltigen Eindruck.

 

“Baikal See” Teil 1: Wetterwechsel 02.10.2012

Bevor ich mich auf eine Reise begebe, überlege ich mir, welche Themen zum jeweiligen Projektpart wichtig sind. Diese versuche ich dann innerhalb meines Zeitrahmens und Budgets bestmöglich umzusetzen. Das gelingt natürlich nicht immer. Meistens fällt dies aber gar nicht ins Gewicht, da einem die Realität als Ausgleich Motive schenkt, welche gar nicht auf der Wunschliste standen. Bei meiner Reise an den Baikalsee im russischen Südsibirien ist mir zum ersten Mal während meiner Arbeit für das neue Greenpeace Projekt „Naturwunder Erde“ ein Hauptmotiv durch die Lappen gegangen, welches mich auch heute noch, einige Zeit nach der Reise, richtig am Ego zwickt. Manchmal muss man Entscheidungen treffen die wirklich wehtun.

Ich befinde mich im kleinen Ort „Ust-Barguzin“. Die Welt um mich herum verändert sich zusehends. Vor vier Tagen ist der Herbst auf einen Schlag verschwunden. Strahlende Landschaften in leuchtenden Herbstfarben sind einem permanenten, durchdringenden Grau gewichen, das sich auch auf meine Gemütslage legt. Dicke Wolkenschichten haben seit Tagen jeglichen Sonnenstrahl absorbiert, der seinen Weg nach unten suchte. In den Höhenlagen liegt bereits eine geschlossene Schneedecke und selbst hier, in der Nähe des Seeufers setzen sich die Schneeschauer mehr und mehr durch. Selbst der Matsch, der ungeteerten Straßenzüge, wird ganz langsam überdeckt.

Für die Menschen, die hier leben beginnt der über viele Monate dauernde Winter dieses Jahr besonders früh. In wenigen Wochen wird die riesige Wasserfläche des Baikal Sees für eine sehr lange Zeit zugefroren sein. Eva ist eine Deutsche, die sich diese Weltengegend vor neun Jahren als neue Heimat auswählte. Sie hat hier am Ort ein kleines Besucherzentrum installiert und ist momentan die Einzige, die mir vom russischen ins deutsche Übersetzen kann. Alexander arbeitet für den Seenotdienst und kann mit den Schlauchbooten seiner Behörde in der Nachsaison Leute wie mich auf dem See befördern. Seit drei Tagen verschieben wir die Entscheidung wegen der starken Winde und des hohen Wellengangs immer wieder. Seit drei Tagen stehe ich mit gepackten Sachen am Hoteleingang und freue mich, dem schmucklosen Zimmer endlich entkommen zu können. Nur um nach kurzer Rücksprache alles wieder zurück zu tragen. Das Risiko war bisher einfach zu groß. Der Baikal ist wegen seines Süßwassers zwar ein See, besitzt jedoch mehr die Charakteristik eines Meeres, besonders was die Gefahren durch Unwetter betrifft.

Heute fragt mich Alexander bereits zum wiederholten Male, ob ich die Risiken eingehen möchte. Er würde mich über die Bucht hinaus aufs offene Wasser fahren, um dann wenn es irgendwie geht, die kleine Tonki Insel anzusteuern. Hier befindet sich der Sommerliegeplatz der Baikal Robben, welche das primäre Ziel meiner fotografischen Begierde darstellen. Nur in Kanada gibt es eine weitere Robbenart die sich ebenfalls im Süßwasser aufhält. Für mich sind sie die wichtige Symboltierart zur fotografischen Umsetzung der Ökoregion „See“. Die Entscheidung, doch noch einen Versuch zur Dokumentation dieser Tiere zu unternehmen, muss in den kommenden Sekunden fallen, denn Alexander möchte eine konkrete Antwort von mir. Ich bin hin und hergerissen und es sind genau diese Situationen, die ich überhaupt nicht leiden kann. Letztendlich setzt sich die Ratio durch und ich entscheide mich auf die Fahrt zu verzichten. Ausschlaggebend ist nicht die fehlende Abenteuerlust. Ich habe in der Antarktis sechs Meter hohe Wellen erlebt und war einer der Wenigen dem nicht grottenschlecht war. Es ist die geringe Chance, bei diesem Wetter auf der Insel überhaupt noch Robben anzutreffen. Nur bei ruhigem Seegang liegen sie auf den Felsen, die dem kleinen Eiland vorgelagert sind. Ansonsten befinden sie sich unter Wasser und kommen nur sehr selten zum Luft holen kurzzeitig an die Oberfläche. Ich bin jahreszeitlich einfach ein wenig zu spät dran.

So beginne ich schweren Herzens zwei Tage früher als geplant, meine lange Heimreise über die Städte Ulan Ude, Irkutsk und Moskau. Ein wenig tröstet der Gedanke, dass ich in diesem Beruf auch deshalb so weit gekommen bin, weil es mir immer wieder gelingt, unnötige Risiken zu vermeiden und meine Grenzen zu erkennen. Was mich aber wirklich ärgert ist die Tatsache, dass ich wenige Tage zuvor ganz nah an den Tieren dran war ohne es gewusst zu haben. Zum Glück habe ich vor dem vorzeitigen Abbruch am Baikal allerhand erleben dürfen…..

(wird fortgesetzt)

Prolog zum Thema „Savanne“: Warum “Naturwunder Erde”?

Das Reisen hat mich immer fasziniert. Schon in der Jugend zog es mich in fremde Länder auf der Suche nach dem Neuen und Unbekannten. Das hat sich bis heute nicht verändert. Nur ist der Blick auf die Welt als über Vierzigjähriger ein anderer als der mit Anfang zwanzig Jahren. Der moderne Mensch ist gerade dabei, das Antlitz dieses wunderbaren Planeten in Rekordzeit so nachhaltig zu verändern, dass schon wenige Generationen, die nach uns kommen, eine völlig andere Lebens- und Erfahrungssituation vorfinden werden, als die, welche uns heute vergönnt ist. Deshalb ist es mir als Naturfotograf ein Anliegen, Schönheit sichtbar zu machen und Zusammenhänge aufzuzeigen. Dass etwas auf der Erde in die falsche Richtung läuft, beginnen wohl so ganz langsam auch die meisten Zweifler zu begreifen. Aber wie sich die Situation mit unseren Lebensgrundlagen global darstellt, ist meiner Meinung nach bisher viel zu wenigen Menschen bewusst. In den fast zehn Jahren, in denen ich Vorträge innerhalb der Waldkampagne von Greenpeace gehalten habe, sind mir persönlich viele Lichter aufgegangen. Ich habe gelernt,  dass in einer globalisierten Welt Dinge unmittelbar zusammenhängen können, auch wenn zwischen Ihnen tausende von Kilometern liegen. Wer meine Aufsätze in den letzten Monaten verfolgt hat weiß, dass ich momentan zu einem Thema mit dem Titel “Naturwunder Erde” arbeite. Die Grundidee zu diesem Konzept basiert auf einem jahrelangen Gedankenprozess von mir, bei dem ich überlegt habe, wie ich innerhalb meiner Fähigkeiten als Fotograf die grundsätzlichen Probleme unserer heutigen Zeit auf eine verständliche Ebene bringen und möglichst Vielen zugänglich machen kann. Der Schlüssel liegt aus meiner Sicht darin, dass wir unseren Blick auf den Planeten Erde verändern müssen. Ohne wirklich zu begreifen woher die Dinge, die wir konsumieren stammen, nutzen wir die Ressourcen dieser Welt ohne Maß und Verstand. Mit “Naturwunder Erde” werde ich nun die Erde im Ganzen portraitieren. Ich möchte, dass die Menschen durch meine Fotos und Geschichten unsere Heimat mit anderen Augen sehen. Die Naturfotografie hat eine starke Kraft, Inhalte zu transportieren und Emotionen zu wecken.

Zusammen mit den Kampaignern von Greenpeace habe ich all jene Ökoregionen herausgearbeitet, die maßgeblich für den Reichtum und die Vielfalt des Lebens auf unserer Erde verantwortlich sind. So soll es dieses Mal nicht nur um das Thema Wald gehen, über das ich berichten werde, sondern auch andere Lebensräume wie Grasland, Gestein und Wasser. Stellt man diese Themen innerhalb eines Projektes in unmittelbaren Zusammenhang, und zeigt ihre Schönheit, ihre Funktion, die Nutzung durch Lebewesen  – und vor allem die Vernetzung zu den anderen Regionen, wird sehr schnell klar, wie vielfältig, aber auch wie anfällig und “endlich” unsere Welt geworden ist. Was mich persönlich am Meisten erschüttert ist die Geschwindigkeit, mit der ich und meine über sieben Milliarden Mitmenschen immer tiefere Wunden in diesen empfindlichen Organismus reißen und das Gleichgewicht nachhaltig stören. Allein in den vergangenen sechsundzwanzig Jahren, in denen ich das Glück hatte, reisen zu dürfen, hat sich so viel verändert, dass man schon blind und taub unterwegs sein müsste um das nicht zu erkennen.

 

Deshalb ist mein nächstes Reiseziel besonders spannend für mich, denn in dieser Region war ich vor über fünfzehn Jahren schon einmal. Das Thema “Savanne” gilt es nun zu fotografieren und somit wartet eine der schönsten Landschaften der Welt auf eine erneute Erkundung – das Grasland in der Grenzregion zwischen dem afrikanischen Kenia und Tansania. Was hat sich wohl hier im Laufe einer Generation verändert?

Flussläufe 07.04.2012

Während ich diese Zeilen schreibe, prasseln Wassermassen auf die Erde nieder wie wir es uns in Europa nur schwer vorstellen können. Es ist als wären oben im Himmel die Schleusen geöffnet worden um Noahs Arche möglichst schnell zum Einsatz zu bringen. Doch so schnell das Spektakel beginnt, so abrupt hört es wieder auf. Niederschlag in Amazonien zu erleben ist immer auch eine Wohltat – verspricht die niedergehende Wasserwand wohltuende Abkühlung zu schwül heißen Tropenalltag. Besonders hier in Manaus, der pulsierenden Millionenstadt im Herzen des größten Tropenwaldes der Erde, wo ein heißer Sommertag für Reisende zur echten Qual werden kann. Ich bin zusammen mit meinem Freund Luis im Greenpeace Büro in Manaus untergebracht, was uns den Vorteil einer komplett mit Internet und Telefon ausgestattet Basis verschafft. Luis spricht fliesend Portugiesisch und nutz geschickt seine vielen Kontakte aus Jahrelanger Umwelt- und Forschungsarbeit in Brasilien um uns einen möglichst reibungslosen Ablauf der kommenden acht Wochen zu organisieren. Gute Planung ist in einem Land wie Brasilen Gold wert, besonders wenn man das anspruchsvolle Thema “Tropenwald” als fotografische Aufgabe zu meistern hat. Ich freue mich nun endlich der Hauptarbeit meines neuen Projektes “Naturwunder Erde” widmen zu können und werde in den kommenden zwei Jahren versuchen ein möglichst vielseitiges Bild unseres wunderbaren Planeten zu erstellen. Nach Monatelanger Greenpeace-Vortragstour, endlosen Konzeptplanungen und vielen großen und kleinen Investitionen in eine gute Ausrüstung bin ich jetzt richtig heiß auf Abenteuer. Die Jagd nach den Motiven kann beginnen.

Begonnen haben wir unsere Konzeptumsetzung mit einem Flug über den Tropenwald. Dies ist immer riskant, denn das Wetter und die Lichtsituation lassen sich nur schwer planen und einen Piloten zu finden der jederzeit Abrufbereit ist, den gibt mein Budget nicht her. Eine zweite oder gar dritte Chance ist nicht drin, also müssen die zwei Stunden eine möglichst hohe Ausbeute an guten Motiven bringen. Als wir um neun Uhr in der Früh am Bootssteg des kleinen Wasserflugzeuges ankommen, werden wir schon erwartet. Doch selbst der Pilot rät uns von einem frühen Flug ab, zu diesig und flau ist die Luft. Kontraste sind nicht zu erwarten. Also verabreden wir uns auf ein Uhr mittags was uns in eine vierstündige Wartephase bring die zur Tätigkeit des Fotografen dazugehört. Um die Mittagszeit haben sich dramatische Wolkenbänke aufgebaut, am Horizont sehen wir dunkle Gewitterwolken und sich abrechnende Wassermassen. Genau die Stimmung die man als Fotograf eigentlich gerne hätte. Doch dem Pilot ist die Wetterlage zu riskant, außerdem muss er ein Ersatzteil in den Motor-Raum einbauen, so das sich unser Abflug um zwei weitere Stunden auf fünfzehn Uhr verschiebt. Ich werde von Minute zu Minute unruhiger, denn die Regenschauer verschwinden nach und nach und machen einer fast geschlossenen Wolkendecke Platz. Mangels wirklichen Alternativen entscheiden wir uns zum Flug und hoffen auf halbwegs brauchbare Bedingungen.

 

Unser erstes Ziel ist der Zusammenfluss vom Amazonas mit dem Rio Negro. Manaus ist recht Nahe an jenem Ort entstanden wo die zwei riesigen Flusssysteme sich vereinen und dabei besonders aus der Luft ein sehenswertes Schauspiel entsteht. Das schwarze Wasser des Rio Negro trifft auf das hellere Weißwasser des Amazonas. Dies führt zu spektakulären Verwirbelungen. Doch woher bekommen Flüsse ihre Farbe? Der Rio Negro wird gespeist von Zuflüssen aus den nördlichen Bergregionen. Starke Regenfälle waschen säurehaltige Stoffe (Huminsäuren) aus dem Wurzelfilz der Bäume und färben somit das Wasser. Dieses ist ansonsten klar, da die Bodenbeschaffenheit kaum Sedimente hervorbringt welche davongeschwemmt werden könnten. Im Schwarzwasser gibt es wegen des hohen Säuregehalts auch keine Stechmücken. Dies lässt den geneigten Naturfotografen aufhorchen, wollen wir uns doch in den kommenden zwei Wochen auf eine Expedition im Schwarzwasserland begeben. Der Amazonasfluss hingegen fließt über viele hundert Kilometer durchs Tiefland. Der Boden ist reich an Sedimenten, welche durch die Kraft des Wassers davon geschwemmtwerden um sich an der Mündung in den atlantischen Ozean zu entleeren. Diese Sedimente bestehen aus heller Erde und Sand, welche dem Wasser die helle aber trübe Konsistenz verschaffen.

Unter uns breitet sich Manaus aus, eine Stadt die zu meiner Geburtszeit ein etwas größeres Dorf im endlosen Ozean des Waldes war. Bis heute hat sich die Anzahl der Bewohner explosionsartig vermehrt. Die erst vor kurzen eröffnete kilometerlange Brücke über den Rio Negro wird ihren Beitrag dazu leisten, die Region in den kommenden Jahren massiv zu verändern. Besonders die inzwischen zahlreichen Straßen die das Amazonasgebiet inzwischen durchschneiden sind eine große Gefahr für das zwar mächtige, aber sehr sensible Ökosystem. Ob unzählige Kleinbauern die sich mit etwas Land ihr Überleben sichern, Goldsucher die die Flüsse vergiften, Großgrundbesitzer die die Soja- und Rinderfront immer weiter in den Norden treiben um die Bedürfnisse unserer Überflussgesellschaft zu befriedigen, oder staatlich geförderte Staudamm-Projekte die zu Dutzenden geplant sind und riesige Landstriche überschwemmen, Ökosysteme ruinieren und indigene Stämme bedrohen – die Gefahren für das Amazonas Ökosystem sind so allumfassend das es einem schwindelig werden kann.

Inzwischen fliegen wir über einen endlos erscheinenden Teppich aus Wald. Nur an den Flussrändern sehen wir noch vereinzelte Hütten von Siedlern, die hier ihren Alltag meistern. Kaum zu glauben das es inzwischen 24 Millionen Menschen in die eigentlich so lebensfeindliche  Amazonasregion gezogen hat. Dagegen nehmen sich die hundertsiebzigtausend Indios die sich auf unzählige kleine Volksgruppen verteilen fast nicht mal mehr als Minderheit aus. Wir fliegen über den artenreichsten Wald der Erde.


Unzählige Tier und Pflanzenarten beherbergt dieses Binom. Eine Tatsache die man gerne verdrängt wenn es um die Vernichtung des Waldes geht. Man mag gar nicht darüber spekulieren wie viele Lebensformen abseits aller Schlagzeilen tagtäglich in den Flammen der globalen Urwaldvernichtung ein grausames Ende finden. Aus unserer ausgehängten Flugzeugtüre sehen wir unberührte Wälder bis zum Horizont. In solchen Momenten lassen sich die Probleme der Welt recht leicht verdrängen. Auch wenn das Licht alles andere als perfekt ist, gelingen dank moderner Digitaltechnik auch bei hohen Empfindlichkeitseinstellungen noch brauchbare Fotos.

Als wir später über das größte Flussarchipel der Erde fliegen, die typischen langgezogenen Inseln inmitten des Rio Negros, tauchen warme Strahlen der Abendsonne das Land unter uns in helles Licht. In solchen Momenten lässt man sich als Naturfotograf gerne in die Vision einer intakten und gerechten Welt fallen und genießt einfach nur das “Hier und Jetzt”.

 

Auf dem “Irrweg”? 27.02.2012

Wie geht es eigentlich dem deutschen Wald? Ein Drittel der Landesfläche ist mit Wald bedeckt. Holz ist ein wichtiger Rohstoff der uns im Alltag in vielfältigster Weise dient. Im deutschen Forst wurde außerdem die Nachhaltigkeit erfunden. Kluge Menschen haben schon vor über 200 Jahren gemerkt, dass wenn wir unsere Wälder übernutzen, es irgendwann keine Bäume mehr geben wird. Also wird seitdem in Deutschland und vielen anderen europäischen Ländern nur soviel eingeschlagen, wie gleichzeitig nachwachsen kann. Doch wie unterschiedlich „Nachhaltigkeit“ ausgelegt wird, zeigt sich momentan an vielen Fronten, an denen Umweltschützer und Forst- bzw. Industrieleute um das richtige Konzept der Waldnutzung ringen. Über 99% des deutschen Waldes stehen momentan in wirtschaftlicher Nutzung. Auf weniger als einem Prozent unserer Waldfläche erlauben wir der Natur wirklich Natur zu sein. Das ist jämmerlich wenig. Wenn es um Artenvielfalt geht können nur im ungenutzten Wald die natürlichen Kreisläufe uneingeschränkt existieren. Unzählige Studien bestätigen dies. Deshalb hat die Bundesregierung auch schon im Jahre 2007 die „Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt“ beschlossen. Darin ist festgelegt, dass 10% der öffentlichen Wälder der Natur überlassen werden sollen.

Umso mehr überrascht es zu hören, dass der bayerische Forstminister Herr Brunner von einem „Irrweg“ spricht, als er über die aktuelle Greenpeace Kampagne zum Schutz alter Buchenwälder Stellung nimmt. Seit Anfang des Monats läuft diese Kampagne bundesweit und findet im Moment im bayerischen Spessart als Vorort-Aktion statt. Bis zu fünfundzwanzig Aktivisten durchkämmen die Wälder des Spessarts auf der Suche nach über 140-jährigen Buchen. Diese werden gemessen, markiert und mit GPS Geräten deren Standort genau ermittelt.

Die Arbeit soll dazu dienen, die ökologisch besonders wertvollen Wälder herauszufinden. Diese alten Wälder sollen die Grundlage kommender Schutzgebiete werden. Eigentlich hilft Greenpeace der Politik nur ihre eigenen Vorgaben besser umsetzen zu können. Doch der Sturm der Entrüstung ist wie gewohnt massiv. Die Lobby der Holzindustrie hat auch in Bayern weite Teile der Politik fest im Griff. Es ist im Spessart nicht anders als in anderen Teilen Deutschlands. Überall dort, wo längst überfällige Naturschutzprojekte angegangen werden, ist der Widerstand unglaublich heftig!! Rein rechnerisch wächst immer noch mehr Wald nach als wie eingeschlagen wird. Doch die Differenz nimmt von Jahr zu Jahr ab. Die Waldstrategie der Bundesregierung richtet sich mehr und mehr nach den Gewinninteressen der Holzindustrie und immer weniger nach Arten- und Umweltschutzerfordernissen. Seitdem mit der Biomasse ein klimafreundlicher Energieträger ausgemacht ist, wittern viele das große Geschäft. Holz in Energie umzuwandeln ist eine riesige Einnahmequelle. Doch, wer wirklich am „Klimaschutz“ Interesse hat, dem sollte klar sein, dass nur großflächige intakte Wälder auch wirkliche Helfer im Klimaschutz sind – nämlich als sogenannte “CO2-Senken”.

Greenpeace fordert, dass insgesamt 5% des deutschen Waldes (davon 10% des öffentlichen Waldes) wieder sich selbst überlassen wird. Damit bleiben immer noch 95% für den Menschen zur Nutzung übrig. Die Kampagne wird so lange weiter gehen, bis dieses Ziel erreicht ist und die Politik ihre selbstauferlegten Beschlüsse auch umsetzt. Einen kleinen Beitrag zum besseren Verständnis unserer Anliegen konnte ich leisten: Vergangenen Samstag habe ich “Europas wilde Wälder” in einem vollen Saal der Aschaffenburger Stadthalle gezeigt. Fast 300 Menschen haben dabei hoffentlich gespürt, dass Wald weit mehr ist, als ein Rohstoff der ausgebeutet wird.

 

Plan B 15. September 2011

Eine ereignisreiche Zeit in den „White Mountains“ liegt hinter mir. Es ist mir recht gut gelungen das „Wesen“ des nordischen Waldes in Bildern einzufangen, doch eine Aufgabe ist noch unerreicht. Ich habe, wie zu erwarten war, keine Waldkaribus gesehen, geschweige denn fotografiert. Diese Tiere sind aber für die Greenpeace-Kampagne zur Rettung der letzten Urwälder in Quebec ein wichtiges Symbol. Anhand ihres Verschwindens in weiten Teilen der degradierten, kanadischen Wälder, kann man wunderbar die Wertigkeit einer unberührten Wildnis erkennen. So hatte ich meinen Kollegen vom Greenpeace Büro in Montreal versprochen, alles mir mögliche zu versuchen, Waldkaribus vor die Kamera zu bekommen. Dafür habe ich im Vorfeld einen Ersatzplan zur Region der „weißen Berge“ erarbeitet, der mir dieses Ziel zumindest in realistische Nähe bringen sollte.

Vom französischen Sprachraum in Quebec führt mich mein Weg ins englischsprachige Ontario. Am  Ufer des drittgrößten Sees der Erde, dem „Superior Lake“, blicke ich hinaus aufs Wasser. Mit einer Ausdehnung von bis zu 560 km hat dieser Riese den Charakter eines Ozeans. Ein gravierender Unterschied ist das trinkbare Wasser. In einer Entfernung von 10 km ragen Inseln aus der Gleichförmigkeit des Horizontes in den Himmel. Die Felsengruppe nennt sich „Slate Island“ und ist das Überbleibsel eines vor Urzeiten eingeschlagenen Meteoriten. Bevor er durch die Elemente im Laufe der Jahrmillionen abgeschliffen wurde, hatte der Krater einen Durchmesser von 32 km. Heute bedecken knapp 7000 Hektar Wald die Inseln, die seit 1985 in Form eines „Provincal Park“ geschützt sind. Ein glücklicher Zufall macht „Slate Island“ für mich zum lohnenswerten Reiseziel. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, während eines besonders harten Winters, kam eine Herde Waldkaribus vom Festland über das Eis auf die Inseln. Die Tiere fanden hier reichlich Nahrung und sind geblieben. Um das Jahr 1990 sollen es bis zu 650 Karibus gewesen sein. Da war es nicht verwunderlich, dass es einige Zeit später zu einer großen Reduzierung durch eine Hungersnot gekommen ist. Die Tiere wurden damals auf etwa 100 Exemplare dezimiert. Ein „endlicher“ Lebensraum verträgt nun mal nur eine gewisse Anzahl von „Nutzern“ seiner Kapazitäten.

Im Sommer werden die Inseln gerne von Naturfreunden besucht, die hier mit dem Kanu zwischen den acht Inseln hin und her paddeln. Es ist jetzt Anfang Oktober und die Saison ist vorbei. Nur mit Glück habe ich einen Charter Service gefunden, der bereit war sein Boot nochmals auszupacken, um mich auf die Inseln zu bringen. Gary garantiert mir dann auch, dass ich die kommenden sieben Tage ganz alleine mit den Tieren sein werde. Er setzt mich am Steg nahe einer alten Forsthütte ab, die von einer privaten Initiative restauriert wurde, um Vögeln wie mir Schutz zu bieten. Sonstige touristische Einrichtungen gibt es auf „Slate Island“ nicht. Bis ins Jahr 1940 wurden die Buchten der Inseln als Zwischenlager für große Baumstämme genutzt, die über die Wasserfläche gezogen wurden, um sie in die benachbarte USA zu verkaufen. Ein paar verfallene Stege und verlassene Hütten zeugen heute noch von diesen Tätigkeiten. Um während der kommenden Tage beweglich zu sein, hat Gary mir ein Kanu zur Verfügung gestellt, mit dem ich von Insel zu Insel paddeln kann. Da bin ich nun, umgeben von Wasser und Wald. Die Waldkaribus sind nun in der Nähe und doch meist für mich unsichtbar. Den Rest des ersten Tages verbringe ich damit, mit dem Kanu verschiedene Inseln zu umrunden, um mich mit den Gegebenheiten vertraut zu machen. Ich meide dabei die äußeren Küstenlinien, um mich nicht dem Risiko größerer Wellen auszusetzen.

Der Wald leuchtet im herbstlichen Farbenkleid. Da es hier, wegen der offenen Wasserfläche, recht oft ordentlich windet, weisen manche Bäume schon große Lücken im Blätterdach auf. Der Anteil an Laub und Nadelbäumen ist relativ gleichmäßig verteilt. Mein erstes Karibu sehe ich im Wasser wie es von einer zu einer anderen Insel schwimmt.

Die Männchen mit ihren großen Geweihen sind dabei kaum zu übersehen. Gute Bilder lassen sich aus dem Kanu aber nicht machen. Als ich am Abend in der Hütte sitze, ahne ich bereits, dass es kein Zuckerschlecken werden wird, vernünftige Fotos von diesen Tieren zu bekommen. Der Blick auf eine Karte zeigt mir diverse kleine Seen und Moore auf der Hauptinsel. Es kann sich dabei höchstens um eine Distanz von einem Kilometer vom Ufer zu einem dieser offenen Stellen im Wald handeln. Da ich mir vorstelle, dass die Tiere sich vielleicht gerne an weniger dicht bewachsenen Stellen im Wald aufhalten, beschließe ich am kommenden Morgen dorthin zu wandern. Ich packe mein Tarnzelt und etwas zu Essen in die Fototasche und setze mit dem Kanu über zur Hauptinsel. Nachdem ich das Kanu sicher am Ufer vertaut habe, trete ich ins Dickicht des Waldes ein. Es ist nur etwa ein lächerlicher Kilometer zu bewältigen. Nach einer knappen Stunde gebe ich schweren Herzens auf. Es ist unglaublich, wie dicht und undurchdringlich das Unterholz hier ist. Der Wald weißt ganz viele Merkmale eines Urwaldes auf, ohne wirklich einer zu sein. Das Clearcut Verfahren wurde hier nie zur Anwendung gebracht, doch degradiert ist der Wald allemal. So gibt es durch Windbruch oder Schneefall extrem viele umgeknickte Bäume. An nachwachsenden Stellen stehen die kleinen Fichten so dicht das einem die Zweige ständig das Gesicht verkratzen. Als ich später versuche einen Baum zu erklettern um mich zu orientieren, frage ich mich, wie es die Tiere hier in diesem Wirrwarr überhaupt aushalten. Besonders in den Monaten, in denen ihr Geweih richtig groß gewachsen ist. Später bin ich froh, wieder an der richtigen Stelle das Ufer gefunden zu haben. Durch die hügelige Geografie der Insel verliert man schnell den Überblick. Nun bin ich in den vergangenen acht Jahren durch alle großen Wälder der Erde gewandert, und ausgerechnet diese kleine Insel zwingt mich in die Knie. Zum Glück war ich ja nicht hier um irgend jemand zu beweisen was für ein harter Kerl ich bin, sondern um gute Fotos von Karibus zu machen. Während meines Kampfes mit Ästen und Stämmen habe ich insgesamt fünf Karibus aufgeschreckt, ohne auch nur ansatzweise in deren Nähe zu kommen. Karibus sind eigentlich Herdentiere. Vielleicht ist es die spezielle Geografie dieser Insel, die aus diesen Tieren auf „Slate Island“ Einzelgänger macht. Nur einmal habe ich drei Tiere auf einmal gesehen, ganz häufig sind sie Alleine.

So wird das nichts werden. Im Wald habe ich kaum eine Chance auf Erfolg. Ich brauche einen für mich relativ leicht erreichbaren Ort, an dem ich auf die Tiere warten kann, und es einigermaßen sicher ist, dass er auch von ihnen frequentiert wird. Gary meinte, als er mich auf die Inseln brachte, dass die Tiere immer an den Stellen, welche die kürzeste Distanz zwischen den Ufern haben, hin und her schwimmen. Genau das wird mein Ansatz. Am Morgen des dritten Tages steht mein Plan fest. An einigen Strandabschnitten habe ich zumindest einmal Tiere an Land kommen sehen. Einer davon war so ausgerichtet, dass ich ab dem frühen Nachmittag erträgliches Licht erwarten kann. Bei klarem Wetter wird dieser Teil der Insel direkt von der Abendsonne in warmes Licht getaucht. Den auf einer Nachbarinsel gelegenen Ort erreiche ich, von meinem Camp ausgehend, mit einer halben Stunde kräftigen Paddelns. An einem Felsen, der den Strandverlauf für einige Meter unterbricht, baue ich mit herabhängenden Zweigen und aufgelesenem Todholz ein natürliches Versteck, welches mich vor den Blicken der Tiere schützen soll. Ich bin erstaunt wie scheu die Karibus sind, obwohl sie hier keine natürlichen Feinde haben. Wer gute Tieraufnahmen machen möchte, muss geduldig sein. Nun beginnt für mich das große Warten. Die verbleibenden fünf Tage verbringe ich zwischen sechs und zehn Stunden im Unterstand und hoffe auf den großen Moment, an dem sich gutes Licht mit erwünschtem Motiv vereint. Ich werde täglich ein bis vier Mal Karibus sehen.

Sie kommen entweder aus dem Wald, um die Insel zu verlassen, oder schwimmen heran um wenige Augenblicke später im dichten Unterholz zu verschwinden. Meist passiert für viele Stunden gar nichts. Viele Szenen mit Einzeltieren sind unspektakulär oder das Licht ist nicht schön. Zweimal laufen große Bullen so nah an meinem Versteck vorbei, das ich sie erst wahrnehme als sie schon fast im Wasser verschwunden sind. Tag Vier sollte mein Hauptgewinn sein. Gegen Abend laufen zwei Tiere, vom anderen Ende des Strandes kommend, am Waldrand entlang. Als sie nur noch wenige Meter von mir entfernt sind öffnet sich die Wolkendecke und taucht die Szene in warmes Licht.

Sie vollführen keine dramatischen Bewegungen oder gar Kämpfe, sondern verweilen nur vor der malerischer Waldkulisse. Es sollte meine schönste Komposition bleiben. In der vorletzten Nacht ist der Mond fast gefüllt und nur wenige Wolken ziehen über den Himmel. Schon in den vergangenen Tagen war es mehr Sommer als nahender Winter und für die Jahreszeit und diese Breitengrade viel zu mild. Auf derselben Insel auf der auch mein Fotoversteck liegt, habe ich einen Felsen entdeckt, der aus dem ansonsten geschlossenen Blätterdach ragt. Dort klettere ich zum Tagesende hinauf um zumindest einen Teil der Inselgruppe zu überblicken. Während auf der einen Seite die Sonne im Meer versinkt, erhebt sich gegenüber, mit zartem Schein – der Mond. An diesem Abend verzichte ich auf meine Kanutour zurück ins Camp und schlafe direkt am Strand unter dem Sternenhimmel. Das leichte gleichmäßige Plätschern der Brandung begleitet mich in den Schlaf. Noch in der Dunkelheit steige ich am nächsten Morgen den Berg hinauf um den neuen Tag auf dem Felsen willkommen zu heißen.

Als ich einige Tage später die Fotos der Karibus im kanadischen Greenpeace Büro präsentiere, blicke ich in sehr erfreute Gesichter. Hoffen wir, dass die Kollegen mit ihrer Kampagne zur Rettung der borealen Urwälder erfolgreich sind. Sonst kann es sein, dass in zwanzig Jahren dieser zufällige Lebensraum auf „Slate Island“ eine der wenigen verbleibenden Inseln (in wahrsten Sinne des Wortes) für diese Tiere sein wird.

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