Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: Greenpeace

Plan B 15. September 2011

Eine ereignisreiche Zeit in den „White Mountains“ liegt hinter mir. Es ist mir recht gut gelungen das „Wesen“ des nordischen Waldes in Bildern einzufangen, doch eine Aufgabe ist noch unerreicht. Ich habe, wie zu erwarten war, keine Waldkaribus gesehen, geschweige denn fotografiert. Diese Tiere sind aber für die Greenpeace-Kampagne zur Rettung der letzten Urwälder in Quebec ein wichtiges Symbol. Anhand ihres Verschwindens in weiten Teilen der degradierten, kanadischen Wälder, kann man wunderbar die Wertigkeit einer unberührten Wildnis erkennen. So hatte ich meinen Kollegen vom Greenpeace Büro in Montreal versprochen, alles mir mögliche zu versuchen, Waldkaribus vor die Kamera zu bekommen. Dafür habe ich im Vorfeld einen Ersatzplan zur Region der „weißen Berge“ erarbeitet, der mir dieses Ziel zumindest in realistische Nähe bringen sollte.

Vom französischen Sprachraum in Quebec führt mich mein Weg ins englischsprachige Ontario. Am  Ufer des drittgrößten Sees der Erde, dem „Superior Lake“, blicke ich hinaus aufs Wasser. Mit einer Ausdehnung von bis zu 560 km hat dieser Riese den Charakter eines Ozeans. Ein gravierender Unterschied ist das trinkbare Wasser. In einer Entfernung von 10 km ragen Inseln aus der Gleichförmigkeit des Horizontes in den Himmel. Die Felsengruppe nennt sich „Slate Island“ und ist das Überbleibsel eines vor Urzeiten eingeschlagenen Meteoriten. Bevor er durch die Elemente im Laufe der Jahrmillionen abgeschliffen wurde, hatte der Krater einen Durchmesser von 32 km. Heute bedecken knapp 7000 Hektar Wald die Inseln, die seit 1985 in Form eines „Provincal Park“ geschützt sind. Ein glücklicher Zufall macht „Slate Island“ für mich zum lohnenswerten Reiseziel. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, während eines besonders harten Winters, kam eine Herde Waldkaribus vom Festland über das Eis auf die Inseln. Die Tiere fanden hier reichlich Nahrung und sind geblieben. Um das Jahr 1990 sollen es bis zu 650 Karibus gewesen sein. Da war es nicht verwunderlich, dass es einige Zeit später zu einer großen Reduzierung durch eine Hungersnot gekommen ist. Die Tiere wurden damals auf etwa 100 Exemplare dezimiert. Ein „endlicher“ Lebensraum verträgt nun mal nur eine gewisse Anzahl von „Nutzern“ seiner Kapazitäten.

Im Sommer werden die Inseln gerne von Naturfreunden besucht, die hier mit dem Kanu zwischen den acht Inseln hin und her paddeln. Es ist jetzt Anfang Oktober und die Saison ist vorbei. Nur mit Glück habe ich einen Charter Service gefunden, der bereit war sein Boot nochmals auszupacken, um mich auf die Inseln zu bringen. Gary garantiert mir dann auch, dass ich die kommenden sieben Tage ganz alleine mit den Tieren sein werde. Er setzt mich am Steg nahe einer alten Forsthütte ab, die von einer privaten Initiative restauriert wurde, um Vögeln wie mir Schutz zu bieten. Sonstige touristische Einrichtungen gibt es auf „Slate Island“ nicht. Bis ins Jahr 1940 wurden die Buchten der Inseln als Zwischenlager für große Baumstämme genutzt, die über die Wasserfläche gezogen wurden, um sie in die benachbarte USA zu verkaufen. Ein paar verfallene Stege und verlassene Hütten zeugen heute noch von diesen Tätigkeiten. Um während der kommenden Tage beweglich zu sein, hat Gary mir ein Kanu zur Verfügung gestellt, mit dem ich von Insel zu Insel paddeln kann. Da bin ich nun, umgeben von Wasser und Wald. Die Waldkaribus sind nun in der Nähe und doch meist für mich unsichtbar. Den Rest des ersten Tages verbringe ich damit, mit dem Kanu verschiedene Inseln zu umrunden, um mich mit den Gegebenheiten vertraut zu machen. Ich meide dabei die äußeren Küstenlinien, um mich nicht dem Risiko größerer Wellen auszusetzen.

Der Wald leuchtet im herbstlichen Farbenkleid. Da es hier, wegen der offenen Wasserfläche, recht oft ordentlich windet, weisen manche Bäume schon große Lücken im Blätterdach auf. Der Anteil an Laub und Nadelbäumen ist relativ gleichmäßig verteilt. Mein erstes Karibu sehe ich im Wasser wie es von einer zu einer anderen Insel schwimmt.

Die Männchen mit ihren großen Geweihen sind dabei kaum zu übersehen. Gute Bilder lassen sich aus dem Kanu aber nicht machen. Als ich am Abend in der Hütte sitze, ahne ich bereits, dass es kein Zuckerschlecken werden wird, vernünftige Fotos von diesen Tieren zu bekommen. Der Blick auf eine Karte zeigt mir diverse kleine Seen und Moore auf der Hauptinsel. Es kann sich dabei höchstens um eine Distanz von einem Kilometer vom Ufer zu einem dieser offenen Stellen im Wald handeln. Da ich mir vorstelle, dass die Tiere sich vielleicht gerne an weniger dicht bewachsenen Stellen im Wald aufhalten, beschließe ich am kommenden Morgen dorthin zu wandern. Ich packe mein Tarnzelt und etwas zu Essen in die Fototasche und setze mit dem Kanu über zur Hauptinsel. Nachdem ich das Kanu sicher am Ufer vertaut habe, trete ich ins Dickicht des Waldes ein. Es ist nur etwa ein lächerlicher Kilometer zu bewältigen. Nach einer knappen Stunde gebe ich schweren Herzens auf. Es ist unglaublich, wie dicht und undurchdringlich das Unterholz hier ist. Der Wald weißt ganz viele Merkmale eines Urwaldes auf, ohne wirklich einer zu sein. Das Clearcut Verfahren wurde hier nie zur Anwendung gebracht, doch degradiert ist der Wald allemal. So gibt es durch Windbruch oder Schneefall extrem viele umgeknickte Bäume. An nachwachsenden Stellen stehen die kleinen Fichten so dicht das einem die Zweige ständig das Gesicht verkratzen. Als ich später versuche einen Baum zu erklettern um mich zu orientieren, frage ich mich, wie es die Tiere hier in diesem Wirrwarr überhaupt aushalten. Besonders in den Monaten, in denen ihr Geweih richtig groß gewachsen ist. Später bin ich froh, wieder an der richtigen Stelle das Ufer gefunden zu haben. Durch die hügelige Geografie der Insel verliert man schnell den Überblick. Nun bin ich in den vergangenen acht Jahren durch alle großen Wälder der Erde gewandert, und ausgerechnet diese kleine Insel zwingt mich in die Knie. Zum Glück war ich ja nicht hier um irgend jemand zu beweisen was für ein harter Kerl ich bin, sondern um gute Fotos von Karibus zu machen. Während meines Kampfes mit Ästen und Stämmen habe ich insgesamt fünf Karibus aufgeschreckt, ohne auch nur ansatzweise in deren Nähe zu kommen. Karibus sind eigentlich Herdentiere. Vielleicht ist es die spezielle Geografie dieser Insel, die aus diesen Tieren auf „Slate Island“ Einzelgänger macht. Nur einmal habe ich drei Tiere auf einmal gesehen, ganz häufig sind sie Alleine.

So wird das nichts werden. Im Wald habe ich kaum eine Chance auf Erfolg. Ich brauche einen für mich relativ leicht erreichbaren Ort, an dem ich auf die Tiere warten kann, und es einigermaßen sicher ist, dass er auch von ihnen frequentiert wird. Gary meinte, als er mich auf die Inseln brachte, dass die Tiere immer an den Stellen, welche die kürzeste Distanz zwischen den Ufern haben, hin und her schwimmen. Genau das wird mein Ansatz. Am Morgen des dritten Tages steht mein Plan fest. An einigen Strandabschnitten habe ich zumindest einmal Tiere an Land kommen sehen. Einer davon war so ausgerichtet, dass ich ab dem frühen Nachmittag erträgliches Licht erwarten kann. Bei klarem Wetter wird dieser Teil der Insel direkt von der Abendsonne in warmes Licht getaucht. Den auf einer Nachbarinsel gelegenen Ort erreiche ich, von meinem Camp ausgehend, mit einer halben Stunde kräftigen Paddelns. An einem Felsen, der den Strandverlauf für einige Meter unterbricht, baue ich mit herabhängenden Zweigen und aufgelesenem Todholz ein natürliches Versteck, welches mich vor den Blicken der Tiere schützen soll. Ich bin erstaunt wie scheu die Karibus sind, obwohl sie hier keine natürlichen Feinde haben. Wer gute Tieraufnahmen machen möchte, muss geduldig sein. Nun beginnt für mich das große Warten. Die verbleibenden fünf Tage verbringe ich zwischen sechs und zehn Stunden im Unterstand und hoffe auf den großen Moment, an dem sich gutes Licht mit erwünschtem Motiv vereint. Ich werde täglich ein bis vier Mal Karibus sehen.

Sie kommen entweder aus dem Wald, um die Insel zu verlassen, oder schwimmen heran um wenige Augenblicke später im dichten Unterholz zu verschwinden. Meist passiert für viele Stunden gar nichts. Viele Szenen mit Einzeltieren sind unspektakulär oder das Licht ist nicht schön. Zweimal laufen große Bullen so nah an meinem Versteck vorbei, das ich sie erst wahrnehme als sie schon fast im Wasser verschwunden sind. Tag Vier sollte mein Hauptgewinn sein. Gegen Abend laufen zwei Tiere, vom anderen Ende des Strandes kommend, am Waldrand entlang. Als sie nur noch wenige Meter von mir entfernt sind öffnet sich die Wolkendecke und taucht die Szene in warmes Licht.

Sie vollführen keine dramatischen Bewegungen oder gar Kämpfe, sondern verweilen nur vor der malerischer Waldkulisse. Es sollte meine schönste Komposition bleiben. In der vorletzten Nacht ist der Mond fast gefüllt und nur wenige Wolken ziehen über den Himmel. Schon in den vergangenen Tagen war es mehr Sommer als nahender Winter und für die Jahreszeit und diese Breitengrade viel zu mild. Auf derselben Insel auf der auch mein Fotoversteck liegt, habe ich einen Felsen entdeckt, der aus dem ansonsten geschlossenen Blätterdach ragt. Dort klettere ich zum Tagesende hinauf um zumindest einen Teil der Inselgruppe zu überblicken. Während auf der einen Seite die Sonne im Meer versinkt, erhebt sich gegenüber, mit zartem Schein – der Mond. An diesem Abend verzichte ich auf meine Kanutour zurück ins Camp und schlafe direkt am Strand unter dem Sternenhimmel. Das leichte gleichmäßige Plätschern der Brandung begleitet mich in den Schlaf. Noch in der Dunkelheit steige ich am nächsten Morgen den Berg hinauf um den neuen Tag auf dem Felsen willkommen zu heißen.

Als ich einige Tage später die Fotos der Karibus im kanadischen Greenpeace Büro präsentiere, blicke ich in sehr erfreute Gesichter. Hoffen wir, dass die Kollegen mit ihrer Kampagne zur Rettung der borealen Urwälder erfolgreich sind. Sonst kann es sein, dass in zwanzig Jahren dieser zufällige Lebensraum auf „Slate Island“ eine der wenigen verbleibenden Inseln (in wahrsten Sinne des Wortes) für diese Tiere sein wird.

Farbenspiele 30. September 2011

Der Blick aus der offenen Seitentür des kleinen Wasserflugzeugs „Beaver“ ist in vielerlei Hinsicht gewaltig. Seit fast einer Stunde gleiten wir über die endlos erscheinende Weite der borealen Wälder im kanadischen Quebec. Die bewohnten Regionen haben wir längst hinter uns gelassen, doch der Einfluss des Menschen ist allgegenwärtig. Wegen unseres Hungers nach Rohstoffen fressen sich die Erntemaschinen der Holzkonzerne immer weiter in Richtung Norden und hinterlassen dabei ein Bild der Verwüstung, welches man aus dem Flugzeug mit ungefilterter Wucht zu sehen bekommt. Seit den 1970ern wurde allein in Quebec Urwald auf einer Fläche der sechsfachen Größe Belgiens zerstört. 88% der Staatswälder sind zum Einschlag freigegeben. Über 90 % davon werden im berüchtigten „Clearcut“ Verfahren geerntet.

Alle Bäume verschwinden dabei, zurück bleibt aufgerissener Boden und Ödnis. Weiter im Süden sind inzwischen neue Wälder entstanden. Die Natur kann sich innerhalb dieses Ökosystems teilweise erneuern. Dies ist wohl auch der Grund, weshalb es gerade innerhalb der kanadischen Gesellschaft so schwer ist, die Problematik der völlig überzogenen Holzwirtschaft ins Bewusstsein der Menschen zu bringen. Der Wald kommt doch zurück, alles halb so schlimm. Wie groß die Unterscheide zwischen den relativ artenarmen Neuwäldern und dem ursprünglichen Urwald sind, sollte ich in den vor mir liegenden Tagen ausreichend zu sehen bekommen.

Irgendwann ändert sich das Bild, die Rohdungsflächen verschwinden und keine Straßen zerschneiden mehr den unter uns liegenden, grünen Teppich aus Bäumen. Das flache Land beginnt sanfte Wellen zu schlagen und am Horizont sehen wir zwischen all den Bäumen, Flüssen und Seen den eine oder anderen Felsen die Baumgrenze überragen. Wir nähern uns langsam den „White Mountains“, dem Ziel unserer Reise. Dieses 14.000 qkm große Gebiet ist einer von zwei verbliebenen großflächigen Urwäldern in Quebec. Eine Insel der Artenvielfalt, umgeben von der Monotonie menschlicher Habsucht. Eine laufende Greenpeace-Kampagne hat zum Ziel dieses Gebiet unbedingt vor der Säge zu bewahren. Hier ist eines der letzten, intakten Brutgebiete der scheuen und vom Aussterben bedrohten Waldkaribus. Ihr Lebensraum ist vom Menschen inzwischen so fragmentiert worden, dass die Tiere zu verschwinden drohen

Mit dem leiser werdenden Propellergeräusch des Flugzeugs, werden auch meine Gedanken über alle Umweltprobleme weniger dominant. Ich stehe am Ufer einer der unzähligen Seen und beginne recht schnell, mit allen Sinnen in diese Wildnis einzutauchen. Mein Blick schweift über die Wasserfläche. Am anderen Ende säumen Fichten das Ufer,die sich wie ein Schutzmantel um die Berge schmiegen.

Hin und wieder sprengen goldene Flecken das Meer aus Grün. Herbstlich gefärbte Birken und Lärchen wachsen in dieser Region nur recht spärlich. Für die kommenden neun Tage ist die Welt für mich „heil“. Harmonie und Gleichgewicht umgeben mich. Alles hat seinen Platz – nichts ist überflüssig oder schädlich. Jeden Tag verbringe ich mit Streifzügen in die Wälder oder paddle mit dem Kanu auf natürlichen Kanälen zwischen den größeren Seen. Damit kann ich meinen Aktionsradius wesentlich erweitern. Als Camp dient mir eine verlassene Blockhütte, in der ich bei Regen Schutz finde und an deren Ofen mir an manch kühlem Abend ein wärmendes Feuer die müden Knochen wärmt.

Wege oder Pfade gibt es keine. Jeder Meter muss erkämpft werden. Wildnis im borealen Wald bedeutet eine üppige Vegetation im Unterholz. Manchmal wegen ihrer Dichte schwer zu durchdringen, manchmal wegen ihrer Schönheit fast zu fragil und verletzlich, um darüber zu trampeln. Dicke Teppiche aus Moosen und Flechten überziehen den Waldboden, Pilze wachsen in vielen Formen und Größen im Moos und auf totem Holz. In strahlendem rot leuchten die Büsche der Blaubeeren, die mit ihrer Frucht wiederum Kontraste setzen. Die Vielfalt der Vegetation in all ihren Formen und Farben wirkt fast berauschend. Erst im Wald erschließt sich dem Wanderer die volle Farbenpracht des Indian Summers. Ich merke sehr schnell, das ich genau zur rechten Zeit in den White Mountains bin. Die Färbung ist massiv und erst gegen Ende meines Aufenthaltes haben die einsetzenden Herbststürme die Blätter von den Bäumen und Büschen so dezimiert, dass die beste Zeit zum Fotografieren vorbei ist.


Wegen des rauen, nördlichen Klimas sind die Bäume nur noch recht mickrig. Selbst Jahrhunderte alte Patriarchen werden hier nicht sehr groß. Umso unverständlicher ist es, dass selbst hier im hohen Norden die Bäume nicht vor der Rohdung sicher sind. Es ist die pure Anzahl, die den Holzfirmen die Gewinne sichern. Millionen kleiner Bäume liefern genug Masse, um die unterschiedlichsten Dinge zu produzieren, welche wir „Verbraucher“ ohne viel Nachzudenken konsumieren, und dann meist nach einmal benutzen, wegschmeißen. Müssen es beim Bäcker für fünf verschiedene Teilchen drei verschiedene Papiertüten sein? Papier zum Hände trocknen für Millionen Angestellte, Schüler oder Reisende in Bürogebäuden, Schulen, Raststädten und anderen Orten des öffentlichen Lebens? Toilettenpapier will ich ja gar nicht in Frage stellen, das brauchen wir. Aber wenn schon dann bitte aus recyceltem Zellstoff. Das spart Wasser & Energie und nimmt den Druck von den letzten Urwäldern. Richtig erschaudern lässt mich der Gedanke, dass gerade im Kampf gegen den Klimawandel das Thema „Biomasse“ eine akute Gefahr für den Urwald geworden ist. Nachdem der Bauboom in Nordamerika wegen der Finanzkrise vorbei ist und kaum noch Holz zum Häuserbau verkauft wird, sehen die Strategen in den Konzernen im Klimaretten ein neues Geschäftsmodell. Wald roden um klimafreundliche Energie zu schaffen! Der Druck auf die Wälder steigt dadurch gewaltig, und zwar weltweit. Dieses Problem ist auch recht schwer in der gesellschaftlichen Diskussion vermittelbar. Die Energiethematik ist extrem vielschichtig, wie man auch an der heimischen Diskussion über Windkraftanlagen sehen kann. Im Prinzip will sie jeder haben – aber bitte nicht vor der eigenen Haustür.

Der höchste Berg in den White Mountains ist etwas mehr als tausend Meter hoch und überragt die Baumgrenze soweit, dass ich von den Gipfeln schöne Blicke über die Landschaft fotografisch festhalten kann. Ich packe neben der Fotoausrüstung Zelt, Schlafsack und ausreichend Nahrungsmittel in den Rucksack und paddle auf die andere Seite des Sees. Der Aufstieg ist mühsam – aber wegen der kleinen Höhenunterschiede von wenigen hundert Metern in knapp zwei Stunden gemeistert. In einer vom Wind geschützten Kuhle schlage ich das Zelt auf, und mache mich dann in aller Ruhe daran auf Motivsuche zu gehen. Auf dem Bergrücken habe ich einen Spielraum von wenigen hundert Metern, so dass schnell klar ist, an welchen Stellen ich mich während der magischen Minuten des Sonnenunterganges aufhalten werde. Die Zeit bis es dann soweit ist verbringe ich mit purem entspannt-sein.

An den Blicken, auf die vom Menschen unberührte Natur, kann man sich kaum satt sehen. Hektisch wird es nur, wenn das Licht dann tatsächlich perfekt ist. Je nach Wolkenlage sind es oft nur kurze Augenblicke. Während denen möchte man dann am Liebsten an allen Stellen gleichzeitig sein. Da heißt es Ruhe bewahren, und ein Motiv nach dem Anderen abarbeiten. Solange, bis das Licht unbrauchbar geworden ist. Selbst nach Sonnenuntergang kann man mit längeren Belichtungszeiten experimentieren, und bekommt je nach Motiv noch erstaunliche Ergebnisse. An diesem Abend bin ich recht zufrieden im Schlafsack verschwunden. Mein kleiner Wecker war gestellt, um vor Sonnenaufgang wieder an der Kante zu stehen und das Licht von der anderen Seite in Motive zu packen. Doch, wie so oft in der Naturfotografie kommt es anders als man denkt oder sich wünscht. Eine dicke Nebelsuppe liegt am Morgen über der Landschaft. Der Blick fällt ins Nichts. Ich schalte den Wecker aus und schaue im Halbschlaf alle paar Minuten aus dem Zelt, ob sich nicht doch noch was tut. Am Ende der Tour bin ich über den Nebel gar nicht unglücklich, denn beim Abstieg erweist sich die graue Soße als perfekte Zutat für atmosphärische Fotos innerhalb des Waldes. So kann man fast jede Wetterlage für bestimmte Aufnahmesituationen nutzen. Nur ein blauer, wolkenloser Himmel ist bei mir äußerst unbeliebt. Der ist nur langweilig und kaum zu gebrauchen.

Gerade die wolkenlosen, langweiligen Tage sind es, die mir aufregende, unvergessliche Nächte beschert haben. Die klare Luft sorgt für ein absolutes Spektakel am Nachthimmel. Es ist kurz nach Neumond. Kein überflüssiges Streulicht trübt die Leuchtkraft der unendlichen Sternenmeere über mir. Die alten mit Flechten behangenen Bäume bilden skurrile Silhouetten und schaffen mystische Motive. Als dann im Norden die „Aurora Borealis“ ihren lautlosen Tanz beginnt und grüne und rote Schleier über den Nachthimmel zaubert, ist das an Intensität fast nicht zu steigern.

Es ist in dieser Nacht absolut Windstill und die Ruhe wirkt fast körperlich greifbar. Ein Kauz sitzt nur wenige Meter über mir auf einen Ast und lässt sich durch das Klicken meiner Kamera nicht aus der Ruhe bringen. Bis spät in der Nacht wandle ich zwischen den stummen hölzernen Kameraden umher, genieße das Schauspiel  und probiere verschiedene Aufnahmetechniken aus. So hält jeder Tag große und kleine Wunder für mich bereit und macht den Aufenthalt in den White Mountains absolut zauberhaft.

Als dann am letzten Abend ein leichter Nieselregen einsetzt, der mit zunehmender Kälte in Schnee übergeht, habe ich beim Einschlafen eine Vorahnung. Der kommende Morgen könnte die Motivpalette nochmals um eine weitere Facette bereichern. Ich kann mein Glück kaum fassen als ich dann wenige Stunden später, noch vor Sonnenaufgang, durch eine völlig veränderte Umwelt laufe. Einem Seidenschal gleich hat sich eine zarte weiße Schneeschicht über die Welt gelegt.

Die Luft ist glasklar und das, durch das neue Element durchschimmernde Herbstkleid der Natur, setzt tolle Kontraste. Immer nur an wenigen Augenblicken blitzt später die Sonne durch die Wolken und bringt Farben zum Leuchten. Als ich nach fünf Stunden erschöpft und zufrieden zum Camp zurückkehre, ist der Winter schon wieder verschwunden. Die Kraft der Sonne hat sich nochmals durchgesetzt und es bei einer kurzen Ahnung belassen, wie es hier in den kommenden Monaten aussehen wird. Während ich wieder im Flugzeug sitze und nach einiger Zeit die ersten Forststraßen sehe, sind Klopapier, Kaffeebecher & Co. sofort wieder ganz präsent.

“Naturwunder Erde” – ein Fotoprojekt nimmt Formen an 27.10.2011

Nach monatelanger Vorarbeit freut es mich sehr, an dieser Stelle das Konzept für meine neue Arbeit vorstellen zu können. In den kommenden 2 1/2 Jahren möchte ich mein bisher ambitioniertestes Projekt in die Tat umsetzen. Zusammen mit Greenpeace soll eine Fotografie entstehen, welche die Schönheit und Vielfalt unserer Heimat, der Erde, wiedergibt. Ich möchte mit meinen Bildern und Geschichten diesem einzigartigen Organismus ein würdiges Denkmal setzen. Dazu soll das Projekt einen kleinen Beitrag dazu leisten, das wir Menschen diesen Planeten in Zukunft bewusster wahrnehmen und unseren Umgang mit ihm nachhaltiger gestalten. Dabei können sich in einem solch langen Arbeitsprozess natürlich noch Änderungen zum hier vorliegenden Konzept ergeben. Ziel ist es ab März 2014 mit einer beeindruckenden Multivisionsshow auf große Tournee zu gehen. Alle Geschichten werden im Laufe der kommenden Monate an dieser Stelle veröffentlicht. Ich freue mich wenn die Leser von “Wildview”  auch Freunde und Bekannte darauf hinweisen um möglichst viele Interessierte für dieses Projekt zu gewinnen. Der aktuelle Vortrag “Europas wilde Wälder” wird noch bis Ende 2012 zu sehen sein.


Open Air Tour Sommer 2011 – “Europas wilde Wälder”

Es geht wieder los. Ein Vortrag unter freiem Himmel in schöner Umgebung ist zauberhaft. Nach dem kalten, verregneten Juli muss jetzt nur noch der Sommer beginnen…..

Datum Tag Zeit Stadt Veranstaltungsort bei Regen
01.08.2011 Mo 21:00 Bensheim-Auerbach Freilichtbühne Staatspark Fürstenlager, Bürgerhaus Kronepark
02.08.2011 Di 21.00 Hanau Amphitheater Schloss Philippsruhe überdacht
03.08.2011 Mi 21.00 Vöhl-Herzhausen Amphitheater Nationalpark Kellerwald Kinosaal (vor Ort)
04.08.2011 Do 21.00 Osnabrück Zoo Osnabrück, Vorplatz Museum am Schölerberg
05.08.2011 Fr 21.00 Bielefeld Siegfriedplatz Bürgerwache
06.08.2011 Sa 21.00 Thale Harzer Bergtheater, Herzentanzplatz Klubhaus Thale, Walpurgisstr. 37
07.08.2011 So 21.00 Bad Trebast Naturbühne Trebgast überdacht
08.08.2011 Mo 21.00 Marburg Elisabeth-Blochmann-Platz Universitätskirche
09.08.2011 Di 21.00 Wuppertal Talflimmern Open-Air-Kino überdacht
10.08.2011 Mi 21.00 Bielefeld Burghof Sparrenburg Restaurant Sparrenburg
11.08.2011 Do 21.00 Buchholz in der Nordheide Rathausplatz Jugendzentrum
12.08.2011 Fr 21.00 Wittdün An der Wandelbahn Nordseehalle
14.08.2011 So 21.00 Kiel Freilichtbühne Krusenkoppel nur Bühne überdacht
15.08.2011 Mo 21.00 Lübeck Freilichtbühne an der Wallstraße Kolosseum
16.08.2011 Di 21.00 Zinnowitz Freilichtbühne nur Bühne überdacht
17.08.2011 Mi 21.00 Stralsund vor dem Ozeaneum Saal im Ozeaneum
18.08.2011 Do 21.00 Zingst Freilichtbühne Zingst Multimediahalle
19.08.2011 Fr 21.00 Kühlungsborn Konzertgarten Ost Festzelt
20.08.2011 Sa 21.00 Potsdam Inselkino auf der Freundschaftsinsel Thalia Programm Kino Babelsberg
21.08.2011 So 21.00 Berlin Insel Berlin Treptower Park Raum auf dem Gelände
23.08.2011 Di 21.00 Frankfurt Zoo Frankfurt Zoo Raum im Zoo
25.08.2011 Do 21.00 Schwäbisch Hall Haller Globetheater überdacht
26.08.2011 Fr 21.00 Chemnitz Schlossteichinsel Saal des Tietz
27.08.2011 Sa 20.30 Seebach Naturschutzzentrum Ruhestein im Schwarzwald Raum im Naturschutzzentrum
28.08.2011 So 21.00 Lindau Schrannenplatz Zeughaus
30.08.2011 Di 21.00 Bad Langenargen Konzertmuschel Münzhof
31.08.2011 Mi 20.30 Lenningen Naturschutzzentrum Schopflocher Alb Raum im Naturschutzzentrum
01.09.2011 Do 20.30 Friedrichshafen Musikmuschel Friedrichshafen Kiesel
02.09.2011 Fr 20.30 Radolfzell Konzertsegel Radolfzell RIZ
04.09.2011 So 21.00 Konstanz Konzertmuschel Konstanz Konzil
Nach Oben

On the road again…. 05.11.2010

Werte Leser(innen) meines “wildview” -Blogs,

die Zeit der Abenteuer in den Wäldern Europas ist vorbei. Viele Fotos und Geschichten sind in den vergangenen zwei Jahren entstanden.

Jetzt beginnt für mich ein neues, aufregendes Kapitel als Vortragsreferent. Bis Ende 2012 werde ich für Greenpeace die “Wilden Wälder Europas” auf 250 Bühnen im ganzen deutschsprachigen Raum live präsentieren. Dazu möchte ich Sie ganz herzlich einladen, und freue mich, wenn Sie die Termine an Freunde und Bekannte weiterleiten. Die ersten 90 Abende stehen in der aktuellen Liste. Weitere Infos über den Vortrag finden sie unter www.greenpeace.de/multivision und auf meiner Homepage unter www.markus-mauthe.de.

Natürlich wird es auch wieder neue Geschichten und Fotos in diesem Blog geben, sobald ich in den Tourpausen das Mikrofon gegen den Fotoapparat eintauschen kann.  Ich freue mich, wenn Sie meine Einträge mit der Abo-Funktion in  der rechten Leiste direkt auf Ihren e-mail Account laden.

Die Straße wartet – die Bilder wollen auf der Leinwand erstrahlen und mein Freund Kai Arend (www.mabon.de) hat dazu wunderbare Musik komponiert.

Herzlichst Ihr Markus Mauthe

” Europas wilde Wälder” Markus Mauthe auf einer größeren Karte anzeigen

Wi(e)derstand 13.10.2010

Endlich. Es wurde allerhöchste Zeit. Bürger wehren sich. Der Automatismus der Macht, ob durch das Kapital oder die Politik (meist in Harmonie vereint), sieht sich zunehmend einer großen Menge Menschen gegenüber, die „Nein“ sagen. Die skandalöse und demokratisch völlig untragbare Laufzeitenverlängerung der Atomkraftwerke ist so ein Beispiel, das Alt und Jung auf die Straße bringt. Das Lieblings- Widerstandsobjekt „Stuttgart 21“ von uns Schwaben ebenso. Längst geht es für mich persönlich nicht mehr nur um einen Bahnhof. Es gilt einen Prozess zu brechen, der in den vergangenen Jahrzehnten dazu geführt hat, daß die Politik mehr und mehr zum reinen Handlanger der Wirtschaft geworden ist.

Auf die Bedürfnisse des Volkes, zu dessen Wohle die Damen und Herren alle vier Jahre gewählt werden, wird schon Lange keine Rücksicht mehr genommen. Besonders perfide zeigt sich das in der aktuellen Schwarz-gelben Regierung, die reine Klientelpolitik zelebriert. Frau Merkel wird es bitter bereuen, die Wahl in Baden Württemberg im März zum Maßstab der Akzeptanz ihrer Politik gemacht zu haben. Wenn selbst im bürgerlichen Stuttgart große Teile der eigenen Klientel „Stop“ schreit, muss man schon blind und taub sein um nicht zu reagieren.

Widerstand gibt es in Rumänien bisher nicht, zumindest keinen spürbaren. Als ich im Frühjahr das Land mit dem Karpatengebirge besuchte, habe ich den pensionierten Forstamtsleiter Walter Frank kennen gelernt. Er nahm sich fast eine Woche Zeit und zeigte mir die wunderbaren Urwälder seiner Heimat. Beschäftigt man sich mit europäischem Wald, so kommt man an Rumänien nicht vorbei. Abgesehen von den Weiten Russlands und Lapplands gibt es hier die einzigen relevanten Reste Naturwaldes von ganz Europa.

Doch die Urwälder verschwinden mit einer Rasanz, die wirklich beängstigend ist. Walter sieht auch sein persönliches Lebenswerk mehr und mehr zerstört. Während er über drei Jahrzehnte in seinem Revier die „Nachhaltigkeit“ im Forstbetrieb sehr ernst genommen hat, so wird heute nach den einfachen Regeln der Gier gewütet. Maximale Ausbeute mit minimalem Aufwand scheint die aktuelle Devise zu sein. Mit dem Ende der Diktatur und Rumäniens Anschluss an den Westen, sind für diese, in bis dato kleinbäuerlichen Strukturen lebende Gesellschaft, die vollen Verheißungen des Turbokapitalismus in greifbare Nähe gerückt. Was bei uns in langsamer Entwicklung eher schleichend geschah, passierte hier praktisch von heute auf morgen.

Nirgendwo sonst habe ich den Kontrast zwischen Arm und Neureich so eklatant beobachten können wie hier. Wie passt es zusammen, das ein Großteil der Landbevölkerung die Kartoffelernte von Hand betätigt und das Heu mit dem Pferdekarren nach Hause bringt, während Luxuskarossen zwischen endlosen LKW Konvois in Reihe stehen und die völlig veralteten Straßen verstopfen. Das Land kommt mit dem Aufbau der Infrastruktur gar nicht hinterher, so schnell sind die westlichen Konzerne in den neuen Markt mit billigen Arbeitskräften eingefallen. Das große Geld auf der einen Seite und ein bankrotter Staat auf der anderen. Ein goldener Boden für Korruption und Möglichkeiten schnell zu Geld zu kommen. Der Wald ist dabei einer der großen Verlierer. In den Ebenen, dort wo sich eine Agrarwüste an die Nächste reiht, stehen sie am Straßenrand. In schöner Regelmäßigkeit und Abwechslung werben große Tafeln für die Vorzüge der Kettensägen von „Stihl“ und „Husquana“. Die Wälder der Karpaten sind so reich an Leben und Vielfalt. Sie sind ein Schatz – ein Erbe das internationale Relevanz haben sollte.

Doch anstatt ihr Tafelsilber wie einen wertvollen Schatz zu hüten, scheint die Aussicht auf den schnellen Gewinn reizvoller. Der Markt verlangt – der Markt bekommt. Hier könnte die EU beweisen, daß sie nicht nur Strukturen zur Industrieansiedlung schaffen kann, sondern auch in der Lage ist, Naturgut zu bewahren. Walter meint in zehn Jahren sind die Karpaten ökologisch entwertet, wenn der Raubbau an den alten Wäldern so weitergeht. Da er und ich zwar eifrig schimpfen – können aber nur wenig bewirken, habe ich bei meiner zweiten Reise Verstärkung mitgebracht. Jetzt möchte ich die Wälder im Herbstkleid fotografieren und habe Oliver Salge und Martin Kaiser aus der Waldkampagne von Greenpeace mit dabei. Es bedarf nicht viel, um die Zwei von der Großartigkeit und Relevanz dieser Naturräume zu überzeugen. Martin ist ausgewiesener Fachmann für das Leben im Wald und Oliver als begeisterter Hobbyfotograf sowieso Feuer und Flamme.

Es ist wiederum Walter, der uns die Situation vor Ort schildert und anhand verschiedener Beispiele klar macht, daß die Zeit wirklich drängt. Mehre Tage verbringen wir damit, die Natur zu durchstreifen und Strategien zu überlegen, wie man in einem Land wie Rumänien erfolgreich Wald schützen kann. Eine Akzeptanz oder Interesse in der Bevölkerung scheint es kaum zu geben, was die Sache nicht gerade erleichtert. Walter redet ständig von einem völlig korrupten System, vom kleinen Waldarbeiter bis hoch zum Minister. Wenn dies auch nur halbwegs wahr ist, sind dies auch keine guten Nachrichten. Ein Ansatz wird wohl die EU sein,deren Naturschutzrichtlinien auf dem Papier gar nicht so übel sind. Droht der Geldhahn für Rumänien zu versiegen wäre dies wohl ein Druckmittel für die Regierung die Situation im Wald genauer anzuschauen. Außerdem muss man natürlich recherchieren wohin die Stämme verschwinden. Konzerne sind auf ein gutes Image aus, bekommen sie eine schlechte Presse, ist dies schlecht fürs Geschäft. Es gibt viel zu tun, aber wir sind uns Alle einig, das sich der Versuch lohnt. So verabschieden wir uns von Walter mit dem Versprechen alle Möglichkeiten ernsthaft zu prüfen, die Greenpeace zur Verfügung stehen.

Derer sind es nicht wenige, wie auch die Erfolge in Kanada, Russland und Finnland in den vergangenen Jahren immer wieder gezeigt haben. Widerstand kann durch eine große Menschenmenge betrieben werden, er kann aber auch durch einige Wenige erfolgreich sein. Dann, wenn es gelingt an den richtigen Stellen die richtigen Hebel in Bewegung zu setzten. Ich bin sehr froh, einen solchen Prozess mit angestoßen zu haben.

Verweht 25.09.2010

Als ich nach vierzehn Tagen erneut am Inarisee in Lappland erscheine muss ich den Traum von der Farbenorgie endgültig begraben. Noch immer halten sich die Temperaturen knapp über der Frostgrenze. Rot leuchtende Waldböden wird es nun nicht mehr geben.

Das ist sehr schade. Vor vier Jahren habe ich für den „Planet der Wälder“ Vortrag schon einmal in derselben Gegend fotografiert. Damals sorgten schon Anfang September erste Raureifnächte für die Richtigen Zutaten zur prachtvollen „Ruska“, wie die Finnen ihren „Indian Summer“ zu nennen pflegen. Was bleibt ist eine wunderbare Natur die ich nun mit weniger bunten Akzenten ins rechte Bild rücken möchte. Abermals bekomme ich durch unseren finnischen Freund Jarmo ein Boot zur Verfügung gestellt. Ich steuere nun die vielen Stellen an, die ich zwei Wochen zuvor zusammen mit Elfriede ausgekundschaftet habe. An den Ufern des Sees sind die gelben Blätter der Birken zum großen Teil den einsetzenden Herbststürmen zum Opfer gefallen. Farbklecksen gleich liegen sie auf dem Boden.

Während ich durch den Wald stapfe finde ich hier und da die eine oder andere Birke an der noch ein Teil der Blätter an den Ästen hängt. Den ansonsten sehr getragenen Grün und Grautönen dieses Waldes kommt dies bei der Fotografie sehr zugute. Vereinzelte Heidelbeersträucher haben tatsächlich rötliche Blätter bekommen. Im Makrobereich des Bildausschnittes lässt sich auch bei diesem Motiv ein wenig Herbststimmung kreieren.

An einem der Tage ziehen dramatische Wolkenbilder über die Oberfläche des Sees. In meiner kleinen Nussschale fahre ich an unzähligen Inseln vorbei. Die Gischt spritzt mir immer wieder ins Gesicht. Ich bin ganz nah bei den Elementen. Ich steige auf eine der wenigen Anhöhen die sich knapp siebzig Meter aus dem Wasser erhebt. Ein vorbeiziehender Regenschauer lässt einen Regenbogen über dem Meer aus Wasser und Bäumen aufsteigen. Dies ist auch eine Möglichkeit Farben aufs Bild zu bekommen.

Ein großer Teil der in Finnland verbliebenen Urwälder befindet sich hier im Norden. Mit Jarmo habe ich mich lange über seine Heimat unterhalten. Mit großem Eifer erzählt er vom Kampf um den letzten Urwald, den er zusammen mit seiner Frau und dem Kampaignern von Greenpeace hier seit Jahren führt. In mühevoller Kleinarbeit haben sie ganz Finnland kartografiert und die Reste des alten Waldes zusammengetragen. Jarmo meint das knapp 700 – 800.000 Hektar Wald bisher noch nie eine Kettensäge gesehen haben. Das klingt nach viel, ist aber nur zwei bis drei Prozent der ehemaligen Fläche. Oftmals sind es nur kleine Flecken – ein paar hundert Meter breit. Um den Inarisee sind die Gebiete größer.

Hier tobte ein regelrechter Krieg zwischen dem staatlichen Forstgiganten Metsähallitus auf der einen und den Umweltschützern auf der anderen Seite. Besonders das Volk der Sami hat sich massiv dafür eingesetzt das der Einschlag in ihren traditionellen Rentierzuchtgebieten endlich aufhört. Kahlschläge entziehen diesen Menschen ihre Lebensgrundlage weil die Tiere, die sich das Jahr über in den Wälder frei bewegen dürfen, nichts mehr zu fressen finden. Greenpeace hat viele Aktionen zum Schutz dieses einmaligen Naturerbes unternommen. Ich erinnere mich an ein Urwaldcamp während des eisigen finnischen Winters. Wochenlang haben die Aktivisten dort in ihren Zelten auf den Zufahrstraßen ausgeharrt um die Kahlschlagmaschinen zu stoppen. Ehrenamtliche Greenpeacer haben ein Urwaldpostamt gegründet wo sie unzählige Unterschriften sammelten und kreuz und quer durch die Republik gelaufen sind. Da ein Großteil des Holzes für den deutschen Zeitschriftenmarkt verwendet wird, hat Greenpeace immer wieder Firmenleiter der Verlage und Papierhändler zu Begehungen in die bedrohten Wälder geladen. Sogar vor der UNO Menschenrechtskommision ist die Sache gelandet, weil die Sami erfolgreich die Bedrohung ihrer Kultur und Tradition darstellen konnten. Vor einigen Monaten kam dann endlich nach elf langen Jahren der Durchbruch. Metsähallitus erklärte ein zwanzig Jähriges Moratorium auf über hunderttausend Hektar der Wälder rund um den Inarisee.

Ein grandioser Sieg. Zwanzig Jahre keine Kettensägen mehr in diesen Urwäldern. Jeder ist sich Sicher, dass es in zwanzig Jahren politisch sowieseo nicht mehr durchsetzbar ist Urwälder einzuschlagen. Jarmo meint sogar das man ganz kurz davor steht ein allgemeines Rohdungsverbot für die verbliebenen finnischen Urwälder zu erreichen. Bei all den vielen Verbrechen, die der Mensch tagein tagaus an unserem Planeten verübt, ist diese Nachricht mal eine schöne Wendung gewesen und zeigt das Einsatz sich auch immer wieder lohnt. Mit einen guten Gefühl im Bauch habe ich die Herbsttage in einem der letzten Naturparadiese Europas genossen.

Tanz der stummen Geister 09.09.2010

Wie im normalen Alltag so ist es auch in der Naturfotografie eine Freude, wenn Einem etwas zuteil wird, mit dem man eigentlich gar nicht gerechnet hat. So ist es mir und Elfriede in  unserer letzten Nacht am Inari See ergangen. Dazu später mehr. Begonnen hat das Abenteuer bei Jarmo Pyykkö einem Freund und Greenpeace Kollegen, der nahe des Städtchens Inari gerade dabei ist eine Blockhaus-Sauna auf seinem Grundstück zu bauen. Jarmo kenne ich noch aus der Zeit meiner Arbeit am „Planet der Wälder“ Projekt. Die Region um den Inari See im finnischen Teil von Lappland liegt etwa 300 km oberhalb des Polarkreises und ist die einzige thematische Überschneidung die mein altes Thema mit den „Wilden Wäldern Europas“ hat. Hier oben gibt es noch Urwälder.

Alter Wald weckt auch heute noch Begehrlichkeiten. Obwohl auch in Finnland schon 98 Prozent aller Bäume in Forst verwandelt wurde, lastete bis heute großer Druck auf diesen letzten Oasen der Artenvielfalt. Der staatliche Konzern Metsähallitus hat bis dato den einmaligen Wert dieser Überbleibsel echter Wildnis nicht erkannt und so wurden die Harvester immer wieder gnadenlos in die Wälder gefahren. Greenpeace hat vor über elf Jahren damit begonnen die hier lebende Urbevölkerung, das Volk der Sami, bei ihrem Kampf um den Wald zu unterstützen. Die Sami sind seit jeher Rentierzüchter und brauchen intakte Urwälder für Ihre Tiere als Lebensraum und Nahrungsressource. Jarmo ist einer der wenigen aus der lokalen finnischen Bevölkerung der den Mut hat gegen die mächtigen Gegner aufzustehen und sich ganz klar für den Waldschutz zu positionieren. Die bedrohten Bäume liegen weit verstreut um die Ufer des Inari Sees. Dieser ist aus meiner Sicht ein wirkliches Naturwunder.

Durch Gletscher geformt ist hier im Laufe von Jahrmillionen eine Seenlandschaft entstanden die Seinesgleichen sucht. Auf einer Fläche etwa Doppel so groß wie der Bodensee erheben sich hier bis zu dreitausend Inseln und Inselchen. Deshalb erscheint einem die Region auch manchmal eher als ein Labyrinth aus Wasserstraßen als eine offene Seefläche. Bewachsen sind die Inseln und Ufer mit altem Kiefernwald und die Böden sind von zahlreichen Beerensträuchern, Moosen und Flechten überzogen. Ich freue mich sehr dass uns Jarmo ein weiteres Mal eines seiner selbstgebauten Boote zur Verfügung stellt. So bekommen wir die Möglichkeit diese Wunderwelt zu erkunden. Das Boot ist mit Rudern und einem kleinen Segel ausgestattet, welches uns ein lautloses Vorwärtskommen ermöglicht. Muss es schnell gehen können wir jederzeit einen kleinen Motor anschmeißen und beim Fotografieren dem Licht hinterherfahren. Es weht meist eine ganz leichte Brise und so können wir über den See gleiten ohne allzu stark rudern zu müssen. Die vereinzelten Birken zeigen schon deutliche Anzeichen herbstlicher Färbung. Da es aber bisher keine Frostnacht gegeben hat sind die mit Beeren überzogenen Waldböden fast alle noch Grün.

Das ist Schade, denn der volle Zauber dieser Natur wird erst entfaltet wenn die Erde praktisch mit roter Farbe überzogen ist. Wir haben vier Tage Zeit. Da die fotografischen Bedingungen noch nicht perfekt sind konzentrieren wir uns auf das Erkunden schöner Aufnahmepositionen. Leider geht Elfriedes Zeit hier im hohen Norden zu Ende und ich werde sie nach dieser Bootsfahrt zum Flughafen bringen müssen. Zum Glück habe ich genug Zeit um auf die richtig bunten Tage zu warten. Das hoffe ich zumindest. Genau wissen was die Natur macht kann man natürlich nicht. Nur ganz selten begegnen uns andere Menschen. Ab und zu kreuzt unseren Weg ein kleines Fischerboot oder ein Ausflugsschiff. Die meiste Zeit sind wir völlig Allein. In den ersten drei Nächten waren Blockhütten unser Lager. Doch in der letzten Nacht kündigt sich ein völlig wolkenloser Himmel an. Während des Tages haben wir eine winzige baumfreie Insel entdeckt. Wir entschließen uns das Eiland anzusteuern und ohne Zelt nur in Schlafsäcke gehüllt unter dem Sternenmeer zu schlafen. Solange kein starker Wind aufkommt sind die Temperaturen sicherlich erträglich, obwohl wolkenfreie Nächte natürlich recht frisch sind. Wir erleben den Sonnenuntergang am Lagerfeuer. Zu allen Seiten sind wir von Inseln, Wald und Wasser umgeben. Nach und nach erscheinen vereinzelte Sterne am Firmament.

An einem Ende des Horizontes beginnt es noch während des letzten Abendrotes leicht zu schimmern. Ich bin sofort hellwach. Können das Nordlichter sein? Bisher dachte ich immer es müsste Saukalt sein um Diese zu sehen. Scheinbar reicht ein kristallklarer Nachthimmel, denn nach einiger Zeit gibt es keinen Zweifel mehr. Die Schleier tanzen am Horizont. Es ist die Aurora Borealis, das wunderbare Nordlicht. Wenn elektrisch geladene Teilchen des Sonnenwindes auf die Erdatmosphäre treffen, regen sie die dort vorhandenen Luftmoleküle zum Leuchten an und bescheren dem staunenden Betrachter ein unvergessliches Naturschauspiel. Elfriede erlebt das Spektakel warm eingehüllt in ihren Schlafsack aus der liegenden Perspektive. Ich erfreue mich an unverhofften Supermotiven, denn am Horizont macht ein minimales Restlicht die Landschaft des Inari Sees durch die Langzeitbelichtung wieder sichtbar.

Ich stelle die Nikon auf eine Empfindlichkeit von 800 – 1000 ASA und achte darauf das die Belichtungszeit nicht länger als 12 Sekunden beträgt. Denn dann werden die Sterne nicht mehr als Punkte sondern durch ihre Bewegung, als Linien abgebildet. Die Lichter tanzen vor dem Sternenmeer und verändern ständig ihre Form. Gespenstern gleich huschen sie in völliger Lautlosigkeit vor der Kulisse des unendlichen Universums. Es sind die schönsten und intensivsten Polarlichter die ich jemals gesehen habe. Noch vor Mitternacht ist alles vorbei und ich versinke in einen kurzen unruhigen Schlaf. In weniger als fünf Stunden beginnt die Dämmerung. Da muss der engagierte Naturfotograf wieder bereit stehen – was er auch gerne tun wird. Für Elfriede war dies ein wunderbarer Abschluss unserer fast vierwöchigen gemeinsamen Skandinavienreise. Ich werde die kommenden Tage genau verfolgen wie sich der Herbst in Finnland entwickeln wird. Es steckt noch viel fotografisches Potential in dieser wunderbaren Natur.

Ein Projekt nimmt Formen an….28.07.2010

Das Schöne an einem kreativen Schaffensprozess ist die Tatsache, dass man sehen kann, was man kreiert. In den vergangenen Monaten habe ich vor allen Dingen den Fotopool zu „Europas wilden Wäldern“ erstellt. Nun nutze ich die Sommerpause, um die Bilder zu sortieren und die Multivisionsshow zu strukturieren. Ich überlege mir einen roten Faden, der sich durch den Abend ziehen wird und bringe Bilder in die richtige Reihenfolge. Diese Abfolge leite ich dann an meinen Freund Kai Arend weiter (www.mabon.de). Er wird dazu sicherlich wieder wunderschöne Musik komponieren. Das macht er nun schon seit vielen Jahren für meine Diaschauen. Das Zusammenspiel aus Bild und Musik ist ein harmonischer Kontrapunkt zu meinen erzählten Geschichten und gestattet dem Zuschauer, sich immer wieder mit seinen eigenen Gedanken in die Bilder zu vertiefen. Außerdem sind meine Kolleginnen Inga, Astrid und Elfriede mit großem Eifer dabei, die anstehende Vortragstournee zu organisieren. Auftrittsorte müssen gefunden und koordiniert, Kontakte zu Plakatierern geknüpft werden. Am 12. November soll dann die große Vortragstournee starten, welche den wilden Wald in den kommenden zwei Jahren in 250 Säle der Republik bringen soll. Demnächst werden wir die Termine auch hier bekanntgeben. Eines der wichtigsten Werkzeuge zur Bewerbung der Veranstaltung ist sicherlich das Plakat. Ich möchte es heute an dieser Stelle gerne vorstellen. Meiner Meinung nach ist es sehr gelungen und ich hoffe, dass dies auch die Besucher so sehen und in Scharen zu den Vorstellungen kommen. Ab Mitte August werde ich mich nochmals aufmachen, um in einer langen finalen Reise durch Skandinavien, der Ukraine und Rumänien die letzten Lücken in der Storyline zu schließen. Ich freue mich sehr darauf, die fertige Show auf die Bühne zu bringen, denn ich glaube, dass hier etwas Sehenswertes am Entstehen ist.

Abgehoben 16.06.2010

Eine Reise nach Russland ist immer etwas Besonderes. Zum einem ist die Größe des Landes mit keiner anderen Region auf der Welt zu vergleichen – schon gar nicht innerhalb Europas. Zum Anderen sind wir in unserer Jugend mit einem eisernen Vorhang aufgewachsen, welcher uns Jahrzehnte impliziert hat dahinter lebe der böse Feind. Im Rahmen meiner Greenpeace Tätigkeit ist dies nun meine dritte Reise in ein Land das wohl für viele Menschen aufgrund der politischen Altlasten bis heute weitestgehend unbekanntes Territorium ist. Für mich war bisher jede Reise ein spannendes Abenteuer bei dem ich unglaubliche Landschaften kennenlernen durfte.

Zudem kam ich immer  mit der Erkenntnis nach Hause, dass die Menschen auf der anderen Seite der politischen Glaubensgrenze eben auch nur Menschen sind. Mein erstes Ziel war das Greenpeace Büro in Moskau. Die Kollegen vor Ort haben die kommende Reise für mich organisiert. In der russischen Hauptstadt prallen Moderne und Vergangenheit mit voller Wucht aufeinander. Die riesigen und in großer Anzahl an den Straßenrändern aufgestellten Werbetafeln versprechen eine farbenfrohe Konsumwelt und zeigen, dass auch die Russen den Verheißungen des Kapitalismus erlegen sind. So reihen sich viele westliche Luxusschlitten in die meist dreispurigen Staus der Millionenmetropole nahtlos ein. Es gibt zahlreiche Gewinner die aus der Öffnung der Märkte und der Privatisierung ehemaligen „Allgemeingutes“ durchaus profitiert haben. Freilich nicht die breite Masse der Bevölkerung welches sich auch im Zustand des Großteiles der Gebäude wiederspiegelt. Viele Bauwerke sind schon zu Soviet-Zeiten farblos gewesen und erscheinen heute als dringend renovierbedürftig.

Beeindruckend ist eine Fahrt mit der Moskauer U-Bahn. Ich schleppe über 50 kg Gepäck mit mir herum und bin froh endlich im Abteil zu sitzen. Die Rolltreppe, welche die Menschenmassen in die Unterwelt zur Bahn transportiert, wirkt endlos. Man hat die Bahn wirklich tief in die Erde gegraben. Alle Stationen die ich kennen lernen durfte gleichen eher Museen als Bahnsteigen. Riesige Bilder und Mosaiken legen Zeugnis ab von einer vergangenen Zeit die mit der heutigen marktorientierten Gesellschaft wohl nicht mehr viel gemeinsam hat. Von außen ist das Greenpeace Büro nicht als solches zu erkennen. Ich passiere eine Sicherheitskontrolle und betrete die Büroräume. An die fünfzig Personen arbeiten hier und geben ihr Bestes, dass die Naturschätze dieses Riesenlandes nicht gänzlich dem kurzfristigen Gewinn des Marktes geopfert werden, sondern für kommende Generationen erhalten bleiben. Ich lerne Anna und Sergey kennen, die mich in den nächsten zwei Wochen begleiten wollen. Unser Ziel ist die Provinz Komi am östlichen Ende des Europäischen Kontinents. Komi ist ungefähr so groß wie Frankreich, es leben dort aber nur ca. eine Millionen Menschen. Von Sergey erfahre ich, dass die Finnen hier in Komi ihre Wurzeln haben. Nach einem zweieinhalbstündigen Flug (fast solange wie der von Deutschland nach Moskau) landen wir in Uchta, der Stadt die unserem Ziel am nächsten liegt welches man mit dem Flugzeug erreichen kann. Nahe der Busstation quartieren wir uns ein.

Auch das Hotel ist nicht unbedingt sofort als solches zu erkennen. Da die Russen neben der anderen Sprache auch eine andere Schrift benutzen, ist eine Orientierung für mich sowieso sehr schwierig. Beim Einchecken wird man oftmals noch an alte Sovietzeiten erinnert. Denn als Ausländer muss man sich eigentlich an jeder Station der Reise bei den Behörden registrieren lassen. Früher wäre ein Herumreisen als Westler in diesem Land schlicht unmöglich gewesen. Auch heute ist es nicht ganz einfach und ich bin froh, dass meine Kollegen das eine und andere Mal die Formalitäten für mich erledigen oder die Menschen dazu bewegen ein Auge zuzudrücken, zumal es sich nur um einen kurzen Transitstop handelt. Später betreten wir dann ein Restaurant in dem die Gäste mit Dauerbeschallung durch Musikfernsehen berieselt werden. So erfahre ich, dass man den Siegersong von unserer Eurovision Song Contest Gewinnerin Lena als Handy Klingelton erwerben kann. Auch sonst weisen die gezeigten Beiträge auf eine gänzliche Annäherung der zwei einstmals verfeindeten Systeme zumindest im kulturellen Bereich hin. Am kommenden Morgen geht die Reise im Überlandbus weiter. Vier Stunden fahren wir auf teils unbefestigten Straßen gen Osten. Wir passieren endlose Baumreihen und sumpfige Freiflächen.

Geografisch liegt unser Ziel, die kleine Stadt Vuktyl auf der Höhe von Mittelfinnland, ca 300 km unterhalb des Polarkreises. 15000 Menschen leben hier in einer typischen sovietischen Trabantenstadt. Solche Städte gibt es in Russland viele, da sich eigentlich überall irgendein Rohstoff aus der Erde pressen lässt. Heute ist die Stadt ganz in der Hand von „Gasprom“. Der Gaskonzern scheint die einzige Quelle zu sein, die diese Gemeinde am Leben hält. Ansonsten ist hier nicht viel geboten. Es gibt weder ein Kino noch sonstige reichhaltige Abwechslung. Aber es gibt hier Natur im Überfluss. Nicht weit von Vuktyl erheben sich die Berge des Ural, welche die geografische Grenze zwischen dem europäischen Teil des Landes und dem weit größeren asiatischen Teil bilden. Fast drei Millionen Hektar (!!) Wildnis sind hier von der UNESCO als Weltnaturerbe ausgezeichnet und unter Schutz gestellt worden. Der „Komi Virgin Forest“ ist das größte Naturschutzgebiet in Europa. Er beherbergt Urwälder von einer Größenordnung wie sie in keinem anderen Teil unseres Kontinents mehr vorkommen.

Mit großer Vorfreude betrete ich das Büro der Nationalparksleiterin Tatiana Fomicheva. Von Andrey, der bei Greenpeace für die Ausweisung von Weltnaturerbestätten zuständig ist, weiß ich von seiner Bekanntschaft mit der Dame. Die Zwei haben im Prozess den Komi Wald unter Schutz zu stellen eng zusammen gearbeitet. Als Dankeschön möchte uns Frau Fomicheva gerne helfen. Ich verstehe zwar nichts von dem was dort im Büro verhandelt wird, doch anhand der ausgelassenen Stimmung erahne ich einen positiven Verlauf. Meine Hoffnungen werden sogar übertroffen als mir Anna mitteilt, dass wir zu einem Hubschrauberflug eingeladen sind. Damit geht ein Traum für mich in Erfüllung. Ich habe mir sehr gewünscht innerhalb dieses Projektes über die „Wilden Wälder Europas“ , einmal die Luftperspektive zu bekommen. Jetzt sollte es sogar beim größten Urwald des Kontinents klappen. Für die Zeit nach dem Flug wird eine Flußexpedition für uns geplant, die uns weit in die Berge des Ural bringen soll. Wow. Nach zwei Tagen zähem Warten bringt man uns zum ehemaligen Flugplatz der Stadt. Heute wird das Flugfeld nur noch von den Hubschraubern des „Gasprom“ Konzerns benutzt und ich bin gar nicht überrascht als auch wir wenig später in einen Transporthubschrauber des Energieriesen steigen.

Am frühen Morgen hab ich nochmals schwer gezittert. Dicke Wolken und Dauerregen lassen das ganze Vorhaben sehr fraglich erscheinen. Gegen zehn Uhr gab es dann Entwarnung und wir bekommen unsere Starterlaubnis. Die Wolken beginnen sich aufzulockern und entlassen nur noch partielle Schauer auf die Erde. Aus fotografischer Sicht hätte mir überhaupt nichts Besseres passieren können. Auch bei Luftaufnahmen gibt es nichts Langweiligeres als blauer Himmel ohne Wolken. So aber fliegen wir hinein in ein regelrechtes Inferno aus Licht, Schatten, Wolken und Regenwänden. Es ist grandios. Die Minuten vergehen „wie im Flug“. Der Hubschrauber folgt dem Verlauf eines der großen Flüsse die ihren Anfang in den Bergen des Ural nehmen. Unter uns nur ungezähmte Wildnis. Es ist ein fantastischer, für Europa fast unwirklicher Anblick, wenn man auf unseren Planeten blickt an Stellen wo er völlig frei von menschlichen Einflüssen ist. Nach ca. einer Stunde landen wir an einem Flussufer und besuchen einen Einsiedler, der seit über dreißig Jahren in einem kleinen Holzhaus in der Weite dieser Wälder lebt. Lange bevor das Gebiet unter Naturschutz gestellt wurde hat er sich hier niedergelassen. Heute erledigt er Aufgaben für den Nationalpark und freut sich über uns unerwartete Gäste. Ich stelle mir vor wie es sein muss hier draußen zu überleben. Die kurzen Sommer sind Moskitoverseucht und die kalten und dunklen Winter endlos. Bei aller Liebe zur Natur möchte ich nicht mit ihm tauschen. Die Einsamkeit würde mich wohl zermürben, trotz Bären, Elche und Wölfe als Nachbarn.

Unser Flug führt uns weiter über die ersten Ausläufer des Ural. Wir sehen die Baumgrenze nicht weit oberhalb der Flüsse, ein Zeichen, dass wir uns sehr weit im Norden befinden. In den Höhenlagen des bis zu zweitausend Meter hohen Gebirges liegt nach wie vor Schnee. Immer wieder entladen sich regionale Schauer über der Taiga was zu spannenden Lichtverhältnissen und sogar zu Regenbögen führt. Als wir wieder auf dem Flugfeld landen habe ich jegliches Zeitgefühl verloren. Fast drei Stunden sind vergangen und ich bin völlig erschlagen von den wunderbaren Eindrücken die sich uns offenbart haben. Fast tausend Mal habe ich auf den Auslöser gedrückt. Da nur die besten Bilder überleben wartet eine Menge Arbeit am Computer auf mich. Doch zuvor wollen wir uns dem Komi Urwald vom den Wasserstraßen aus nähern.

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