Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: Grönland

Eqi Gletscher 13.08.2009

Kann man den Klimawandel noch leugnen? Immerhin schmelzen Gletscher schon seit eh und je, nur um dann in einer anderen Zeitperiode wieder zu wachsen. Der Unterschied zu normalen Klimaschwankungen ist schlicht und einfach die Geschwindigkeit mit der die Gletscher heute weltweit verschwinden. Hier am Ilulissat Gletscher verliert der Gletscher 40 m am Tag (zu 28 m in den 80er Jahren). Mit dieser Menge Eis könnte man New York ein Jahr lang mit Frischwasser versorgen. Etwa 70 km nördlich von Ilulissat entlädt sich das Inlandeis durch den Eqi Gletscher. Mit dem Touristenschiff fahre ich ca. 4 Stunden durch die Disco Bucht (stammt vom Wort „Diskus“ ab und nicht vom Tanzlokal). Immer wieder passieren wir Eisberge verschiedenster Größe und treffen auf einen Wal, der uns freundlicherweise seine Schwanzflosse präsentiert. Erstaunlich sind die Größenverhältnisse in Grönland. Sieht man vor sich die Einfahrt in eine neue Fjordpassage, kann es noch bis zu einer Stunde dauern bis das Boot tatsächlich an dieser Stelle angekommen ist. Als die Eisberge wieder zahlreicher werden und wir am Horizont unseren Gletscher zu sehen bekommen, dauert es noch eine ganze Zeit bis wir tatsächlich bis auf wenige hundert Meter an die riesige Eisfläche herangefahren sind. Eine viereinhalb Kilometer breite Eiswand  ragt vor uns auf. Da der Gletscher fast komplett auf der Landfläche kalbt, brechen immer nur relativ kleine Eisbrocken ins Meer. Dies ermöglicht es dem Kapitän überhaupt, so nahe heran zu fahren. Ich traue meinen Augen kaum als ich an einer Stelle tausende von Seevögeln auffliegen sehe. Durch eine unterirdische Strömung und das mit Luft angereicherte Gletschereis ist der Fjord an dieser Stelle sehr nährstoffreich. Bis zu hunderttausend Möwen gehen hier auf Futtersuche. Wenn das Eis bricht gibt es einen lauten Knall, der die Tiere veranlasst, alle auf einmal aufzuschrecken. Wie eine Wand reiht sich in diesen Momenten ein Körper an den nächsten. Leider treibt das Boot weiter weg von diesem Schauspiel, was ich sehr bedauerlich finde. Was gäbe ich dafür, mit einem eigenen Boot hier unterwegs zu sein und diese Szenerie aus nächster Nähe in aller Ruhe zu fotografieren. Nicht weit vom Gletscher entfernt steht eine alte Station, von der in den 50er Jahren aus Expeditionen aufs Inlandeis gestartet wurden. Die Hütte ist in gutem Zustand, und hätten nicht ein paar dumme Touristen ihre Graffittis auf die Wände geschmiert, wäre der Ort ein wunderbares Zeitdokument. Ein Dutzend kleine Holzgebäude sind inzwischen dazugekommen. Hier wird Besuchern Grönland möglichst naturnah ermöglicht. Alle Hütten haben direkten Ausblick auf den Gletscher, was die Touristen mit reichlich Geld bezahlen. Star des Camps ist ein kleiner Polarfuchs.

Für kurze Zeit vergisst er seine Scheu vor uns Menschen und schnappt dankbar die ihm von der Köchin zugeworfenen Fleischbrocken. Ich habe mich für zwei Nächte im Camp eingebucht. Von hier aus kann ich wunderbare Fototouren zum Gletscher und zum Inlandeis unternehmen.

Ich starte abends um sieben nach dem Abendessen und folge einem Pfad entlang der Küstenlinie. Um zum Gletscher zu gelangen muss man einen großen Bogen um eine Lagune machen. Kleine Gruppen Wildgänse schrecken auf als sie mich bemerken. Bis auf das sanfte Rauschen des Windes herrscht eine angenehme Stille. Da der Sommer sich dem Ende neigt, sind die Mosquitos glücklicherweise schon verschwunden. Leider noch voll im Einsatz sind die „Black Flies“, kleine Fliegen, die immer dann wenn es windstill ist, zu hunderten über einen herfallen. Sie machen aus jedem Naturerlebnis eine Herausforderung. Der beste Schutz ist ein Netz, das man sich wie ein Helm über den Kopf stülpt. Ich passiere einen kleinen Bach, der sein Wasser aus den Bergen über die Lagune ins Meer transportiert.

Die Schönheit dieser auf den ersten Blick so kargen Landschaft fällt mir schwer in Worte zu fassen. Unzählige Moos- und Flechtenarten wachsen zwischen dem Geröll, das die Winde und das Eis im Laufe der Jahrmillionen den Bergen abgerungen haben. Besonders im Gegenlicht verzaubert das sanfte Wiegen des Wollgrases.

Die lila Blüten der Grönländischen Nationalblume lassen einen vergessen, dass man sich hier unmittelbar an der Kante zur zweitgrößten Eismasse unseres Planeten befindet. Nach zwei Stunden beginnt der Anstieg entlang der Gletschermuräne hinauf zur großen Eisfläche. Hier macht sich zum ersten Mal mein schwerer Fotorucksack bemerkbar. Ich wandere bis zum höchstmöglichen Punkt von dem ich eigentlich sowohl das Inlandeis als auch den Verlauf des Eqi Gletschers sehen müsste. Genau das sind dann auch die Momente, die so unbezahlbar sind -  die einen jeden Mückenstich und jede körperliche Qual sofort vergessen lassen.

In fast 700 m Höhe nach etlichen Auf- und Abstiegen über verschiedenste Geröllfelder stehe ich dann obenauf. Eis bis zum Horizont, wohin das Auge blicken kann. Dort wo sich der Abfluss zum Gletscher hin verengt wird das Eis immer brüchiger. Ich folge der Abbruchkante entlang des Gletschers. An manchen Stellen stehe ich einige hundert Meter über dem Eis.

Mein Blick schweift über die riesige Masse aus bizarr anmutenden Türmen, Zinnen und Splittern hinaus auf den Fjord bis zum Horizont. Die knallrote Sonne hat ihre lange Tagesreise fast vollendet, und taucht die Welt in wunderschöne Pastelltöne.

Die Kamera bleibt auf dem Stativ und ist im Dauereinsatz. Was für ein Abend; in solch berauschender Umgebung. Alle Probleme der Welt sind für kurze Zeit nicht existent. Es gibt nur mich, meine Kamera, meine Freundin die Abendsonne und die Schönheit von Mutter Erde. Um drei Uhr Nachts falle ich todmüde aber von Zufriedenheit erfüllt in mein mit einem Moschusochsenfell überzogenes Bett. Draußen beginnt die Sonne sich schon wieder auf ihren langen Marsch über das Himmelsgestirn vorzubereiten.

Stimmungen 11.08.2009

Noch imposanter wirkt die Szenerie auf mich als ich am nächsten Abend von Land aus das Naturschauspiel betrachte.

Verlässt man den Ort Ilulissat über einen kleinen Wanderweg, dauert es keine halbe Stunde und man steht direkt vor den Eisbergen. Ich suche mir die höchste Erhebung aus, die sich möglichst nahe an der Wasserstraße befindet und genieße den vor mir liegenden Anblick. Es ist kurz vor 23 Uhr als die Lichtverhältnisse die besten fotografischen Ergebnisse liefern. Die hellgelbe Sonne steht im Westen knapp über dem Horizont und hüllt das Eis in warme Farbtöne. Ich richte die Kamera nach Süden aus und bekomme so einen schönen Kontrast, denn der Himmel ist an dieser Stelle schon dunkler als das blauweiße Eis. Durch den Einsatz eines Polfilters, der ein Teil des Lichtspektrums absorbiert, wird dieser Effekt noch verstärkt.

Jetzt kommt das wirklich Tolle, das wohl jeden Naturfotografen in Verzückung versetzt. Die berühmte „blaue Stunde“, also jene viertel bis halbe Stunde nach Sonnenuntergang wo sich das Restlicht des Tages in schöner Gleichmäßigkeit über die Motive verteilt und magische Lichtstimmungen produziert. Hier dauert sie praktisch die ganze Nacht. Die Sonne versinkt zu dieser Jahreszeit gerade mal knapp unter die Horizontlinie und wandert an ihr entlang, um nach fünf Stunden schon wieder zu erscheinen. Besonders in Küstennähe lassen sich in solch einem Licht schöne silhouettenhafte Motive erstellen.
Es ist lange nach Mitternacht als ich durch das inzwischen schlafende Ilulissat zurück in mein Domizil marschiere. Viel weiß ich nicht über das Leben dieser Menschen, doch es ist unschwer zu erkennen, dass sich auch heute noch große Teile ihres Alltages an den klimatischen Bedingungen ausrichten. Man darf nicht vergessen, dass ein großer Teil des Jahres ganz andere Temperaturen herrschen als jetzt. Dann sind auch die Ränder Grönlands mit Schnee bedeckt und es gibt sogar eine Zeit, in der die Sonne den Weg über den Horizont nicht schafft. Wohl auch um in dieser dunklen Zeit nicht in Depressionen zu verfallen sind die Häuser der Menschen in knalligen Farben bemalt, was sehr schön aussieht.

Am meisten freuen sich wohl die Huskys auf den Winter. Dann werden sie endlich wieder in der für sie herrlich kalten Jahreszeit vor die Schlitten gespannt und dürfen nach Herzenslust laufen. Zu Dutzenden sitzen sie vor den Häusern und immer wieder fängt einer an jämmerlich zu heulen, was dann alle Andere veranlasst, in diese Symphonie mit einzustimmen.

Die Inuit haben es in vielerlei Hinsicht nicht einfach, ihr Leben in der heutigen Zeit selbst zu bestimmen.  Sie müssen ihre Wurzeln als nomadisierende Jäger in enger Verbindung mit der Natur und  dem modernen vom Landesverwalter Dänemark stark europäisch geprägten Leben unter einen Hut bringen. Zusätzlich sind es  die von den Industrienationen verursachten klimatischen Veränderungen unter denen die Menschen stark zu leiden haben, weil ihre traditionelle Lebensweise immer mehr erschwert wird. Durch die immer schneller voranschreitende Eisschmelze werden Nahrungsketten durchbrochen und den  Inuit der Zugriff auf ihre Beutetiere stark erschwert. Was ich aber am perfidesten finde, ist die Tatsache, dass unser westlicher Lebensstil soviel chemische Stoffe produziert, die  hier oben im arktischen Norden weit weg von allen Fabriken das Leben mehr und mehr vergiftet. Die am Ende der Nahrungskette stehenden Wale, Robben und Eisbären nehmen durch ihre Beute Gifte wie Dioxin und Quecksilber auf, welches sich ins  Fettgewebe der Tiere einlagert. Hungern die Tiere baut sich das Fett ab, was zum Teil zu Vergiftungen führen kann. Erst gestern habe ich mit einem Herrn der örtlichen Umweltbehörde gesprochen, der mir von einer Studie erzählt hat, die auf den Farör Inseln erstellt wurde. Demnach wird darin den Inuit komplett abgeraten, überhaupt noch wilde Tiere zu jagen. Die gesundheitlichen Risiken sind einfach schon zu groß. Mal wieder begegne ich einem Volk, das durch  industriell produzierte Nahrung seine Gesundheit beeinträchtigt. Das bestätigt sich leider  auch anhand der zahlreichen übergewichtigen Leute, die hier durch die Straßen laufen.

Ilulissat Eisfjord 10.08.2009

Oberflächlich betrachtet ist Grönland ein riesiger Geröllhaufen mit einer Eisschicht oben drauf. Diese Eisschicht ist bis zu drei Kilometer dick und so schwer, dass sie die Landmasse bis zu 800 m nach unten drückt. Durch Schneefall entsteht neues Eis, welches zusätzlichen Druck erzeugt, der sich über die kalbenden Gletscher am Rande des Landes entlädt. Einer der größten Gletscher der Nordhalbkugel ist der Ilulissat Gletscher. Das abbrechende Eis treibt durch einen 55 km langen Fjord bevor es sich dann, den Strömungen folgend, langsam mit dem Wasser des Ozeans vereint. Die UNESCO hat den Ilulissat Eisfjord zum Weltnaturerbe erklärt.

Mit einem kleinen Touristenboot fahre ich hinaus an die Mündung des Fjords, dort wo sich die riesigen Eisberge aufstauen und so dafür sorgen, dass der komplette Fjord mit Eisstücken gefüllt ist. Vom Kapitän erfahre ich wieso gerade dort wo die Begrenzungen der Landmasse wegfallen, die Eisberge stecken bleiben. Der Grund ist logisch und gleichzeitig faszinierend, zeigt er doch in was für zeitlichen Maßstäben man in der Geologie denken muss. Der Kanal wurde im Laufe der Jahrmillionen durch die Reibungskräfte des abbrechenden Eises auf fast 1000 m Wassertiefe ausgegraben. Am Ende des Fjords gibt es keine Begrenzungen zur Seite, so das dort der Druck wegfällt und die ursprüngliche Wassertiefe von weniger als 200 m die gewaltigen Eisberge erst einmal am Weiterziehen hindert.

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