Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: Herbst

Vor dem Frost 20.09.2010

Eines der sinnlichsten Naturerlebnisse sind Streifzüge durch herbstlich gefärbte Wälder. Besonders eindrucksvoll ist das hier oben in Lappland. Die Birken hüllen sich in ein goldenes Gewand und die Waldböden erstrahlen in tiefen Rot. Im Kontrast dazu steht das immerwährende Grün der Kiefern und Fichten und bei etwas Glück leuchtet der tiefblaue Himmel. Weiße Knöllchenwolken ziehen friedlich über den Horizont und eine sanfte Herbstsonne hüllt die ganze Szenerie in ein weiches Licht. Dazu ist es absolut windstill. Soviel zur Theorie.

Ich habe in den letzten Tagen meine Pläne immer wieder verändert und verworfen, weil das Wetter nicht so wollte wie ich es gern hätte. Das richtige Licht ist neben dem Motiv die Hauptzutat im Rezept der Fotoküche. Nun habe ich gelernt dass sich die Blätter der Bäume und der Waldboden nicht zwangsläufig gleichzeitig verfärben. Die Birken beginnen inzwischen schon ihre goldgelben Blätter durch die stärker werdenden Winde zu verlieren. Die vielen Beerensträucher und Moose befinden sich bis heute nur an wenigen Standorten im Jahreszeitlich angemessenen Farbenkleid. Es ist für die Bodendecker einfach zu warm. Sie brauchen eine Frostnacht um ihre Umwandlung durchzuführen und die hat bisher gefehlt.

Vergangene Woche war ich auf Einladung des finnischen Fotografen Lassi Rautiainen Gastreferent auf einem Naturfotofestival in Kuusamo in Mittelfinnland. Es hat Spaß gemacht Kollegen aus ganz Europa zu treffen. Ein Wochenende habe ich das Vortragsfeeling gespürt welches für mich ab November wieder für lange Zeit Alltag werden wird, wenn die große „Wilde Wälder“ Tournee beginnt. Aus oben beschriebenen Gründen bin ich nicht sofort zu den Urwäldern am Inari See zurückgefahren sondern habe diverse Erkundungstouren in kleine Urwaldreste rund um Kuusamo unternommen. Besonders in der Grenzregion zu Russland sind kleine Fleckchen Wald von der Holzernte verschont geblieben und stehen unter Schutz.

So wunderschön diese Relikte aus der ehemaligen Wildnis sind, so frustrierend wirkt die lange Anfahrt auf den endlosen Forststraßen die in den vergangenen dreißig Jahren in die letzten Winkel dieses Landes getrieben wurden. Wohin man Blickt sieht man Kahlschläge. Kleine Ministreifen alten Waldes werden ausgespart. Wo einst ein gesunder Mischwald die sanften Hügel zwischen den Mooren und Seen bedeckte wächst nach dem Kettensägenmassaker in der Regel ein monotoner Kiefernforst. Dieser dient dann zur Sättigung unseres immer größer werdenden Papierhungers. Wenn man bedenkt dass wir Europäer heutzutage achtmal soviel Papier verbrauchen wie noch unsere Großeltern in den Fünfzigern, dann muss man sich schon mal fragen wie es kommen konnte das wir so verschwenderisch wurden.

Dazu passiert dies in Zeiten, in denen es durch die Digitalisierung eigentlich genau anders herum laufen müsste. Was mich dabei besonders ärgert ist die Tatsache, dass Produkte aus Wald- und Klimafreundlichem Recyclingmaterial in den vergangenen zwanzig Jahren praktisch aus den Regalen der Supermärkte und Drogerien verschwunden sind. Zu meiner Schulzeit war ein stattlicher Teil der Hefte mit dem „Blauen Engel“ ausgezeichnetes Umweltpapier. Heute muss man regelrecht nach diesen Produkten suchen. Taschentücher aus umweltfreundlichem Material sind praktisch ausgestorben. Noch heute argumentieren viele Menschen dass sie es gerne weich haben wenn sie sich ihre Ausscheidungen vom Körper wischen. Ich bin sicher das zukünftige Generationen sie für diesen degenerierten Lebenswandel hassen werden. Zumal sich die Produkte aus frischen Zellstoff nur noch Marginal von denen aus recyceltem Material unterscheiden. Keiner muss Angst haben sich den „Arsch aufzureißen“ wenn er sich mit Ressourcenschonendem Klopapier den Allerwertesten abwischt. Ja man hat viel Zeit zum Nachdenken wenn man wandert. Stundenlang stapfe ich durchs Unterholz.

Oft sind die Böden durch dicke Moosschichten so weich wie ein Wasserbett. Immer wieder sehe ich frische Spuren von Elchen und ab und zu schrecke ich Birkhühner auf. Die Tiere nehmen mich in der Regel wahr bevor ich sie sehe. Selbst wenn man völlig Lautlos durch den Wald läuft machen die Reibungsgeräusche der Kleidung und der Stiefel einen Höllenlärm in der Lautlosigkeit der Natur. Immer wieder regnet es. Für Bilder die ich innerhalb des Waldes mache ist dies, sofern man den störenden Kontrast des Himmels aus dem Motiv lässt, nicht weiter schlimm. Nur das Fotografieren selbst wird dabei erschwert. Zumal ich bisher immer dann, wenn es Nass wurde, den kleinen Regenschirm im Auto vergessen habe. Mit ihm könnte man die Kamera wunderbar trocken halten.

Ernsthaft verlaufen kann man sich hier in den Kuusamo Urwäldern nicht. Zur Orientierung habe ich immer eine Karte und einen Kompass dabei. Außerdem sind die Gebiete relativ klein. Sobald man ein Waldschutzgebiet verlässt merkt man das sofort. Zuerst steigt man über durch Windbruch umgefallene Baumriesen. Wie mit einem Lineal vermessen, wurden alle Bäume bis unmittelbar an die Gebietsgrenze gefällt. Damit sind die außen stehenden Reihen innerhalb des Reservates den Winden schutzlos ausgeliefert. Das Ergebnis sind hunderte umgefallener gesunder Fichten, Kiefern und Birken. Auf den aufgerissenen Böden des Erntegebietes wachsen die ersten kleinen Kiefern in Reih und Glied. Die Vielfalt der Flora und der Zauber der Schönheit werden hier wohl für immer verloren sein. Ich will mich gar nicht gegen die Nutzung von Holz aussprechen. Holz ist ein sagenhafter Rohstoff. Vor allen Dingen ist er nachhaltig, weil er zumindest in unseren Breitengraden, nachwächst. Nur das Verhältnis, wie wir allgemein Rohstoffe auf diesem Planeten nutzen, steht für mich in keinem Verhältnis mehr. Unsere Gier hat uns jedes Maß verlieren lassen und wir haben den Spruch „macht euch die Erde untertan“ viel zu wörtlich genommen.

Die Nadel im Heuhaufen 20.09.2009

Der Finne und die Finnin haben es gut. Sie leben in einem ziemlich großen Land und sind selbst in ihrer Anzahl recht überschaubar was zumindest rein rechnerisch jedem sehr viel Platz zum Leben bietet. Es gibt einige Gründe auf die Finnen ein bisschen neidisch zu sein. Das Land besteht nämlich fast ausschließlich aus Seen, Flüssen, Mooren und vor allem aus endlosen Wäldern. Das Blockhaus am See mit einer Sauna, die mit dem Holz aus dem eigenen Wäldchen beheizt wird ist hier eher Alltag als Ausnahme, zumindest für die Landbevölkerung. Die gute Nachricht für den Urwaldfotografen lautet, dass es in Finnland im Vergleich zu Mitteleuropa noch relativ viel Naturwald gibt, besonders oberhalb des Polarkreises in Lappland.

Laamasenvaara 19-09  1707

Schaut man sich eine Straßenkarte an, fallen einem neben den recht überschaubaren Hauptstraßen sofort die unzähligen kleinen, schwarz gezeichneten Abzweigungen auf, die sich wie ein Geäst verzweigen und meist irgendwo als Sackgasse enden. Diese Pisten tragen wohl erheblich zum finnischen Lebensstandard bei, denn es sind Forststraßen über die der staatliche Konzern Metsähallitus seine Trucks rollen lässt, die den Wald zu den Sägereien transportieren. Das ist die unschöne Seite wenn man mal gelernt hat, Forstwald von Naturwald zu unterscheiden. Dort wo alle Bäume gleichgroß sind, eng aneinander gedrängt stehen und meist eine gewisse Größe nicht überschritten haben, ist der Wald eine Plantage. Auf meiner Suche nach unberührter Wildnis fahre ich zumeist an solchen Wäldern vorbei. Was das Gesamtbild wieder rettet sind die Moore und Seen, die der Landschaft nach wie vor diesen wilden weiten Charakter verleihen und so faszinierend machen. Immer wieder blicke ich auf die Straßenkarte, um ja keine Abzweigung zu verpassen. Ich bin auf der Suche nach einem Gebiet das Laamasenvaara heißt (das ist noch ein recht einfach auszusprechender Name, Finnen lieben lange Wörter). Greenpeace hat vor einigen Jahren eine Liste angefertigt auf der alle schützenswerten Waldgebiete aufgelistet wurden. Seither wird hart mit Metsähallitus um jeden Baum gerungen. Nach wie vor sind auch Urwälder, obwohl es nur noch so wenige davon gibt, im Visier der Forstleute, bringen sie doch zumindest kurzfristig einen großen Gewinn. Von einer einstigen Urwaldwildnis von 20 Millionen Hektar sind heute nur noch 5 % unangetastet.  In Laamasenvaara hatten die Umweltschützer Erfolg. Hier müssen die Kettensägen schweigen, das Gebiet wurde aus der Nutzung genommen.

Laamasenvaara 19-09  1708

Doch selbst als ich praktisch davorstehe brauche ich einige Zeit um mir klar zu werden, dass ich tatsächlich da bin. Mein Kollege Oliver Salge, der bei Greenpeace Deutschland die Waldkampagne leitet und auch immer wieder in Finnland tätig ist hat mich schon darauf hingewiesen, dass die unberührten Gebiete  zwar ungeheuer artenreich und wunderschön, aber nicht unbedingt sehr groß sind. Auch hier ist es nur ein schmaler Streifen Wald, der eingezwängt zwischen Rodungsflächen ein kleines Moorgebiet einfasst, keine zwei Kilometer lang und noch weniger breit. Dieses Gefühl der unbedeutenden Größe ist genau in dem Moment verschwunden, indem man den Wald betritt. Sofort ist man in einer anderen Welt. Größe ist relativ, ich lasse mich treiben.

Nadel im Heuhaufen  1711

Der Boden unter meinen Füßen ist ein weich gepolstertes Bett aus Moosen und Flechten. In etwas trockeneren Gebieten wachsen rote, schwarze und blaue Beeren zwischen den Bäumen, eine der Hauptnahrungsmittel der Bären. Pilze aller Arten und Größen fühlen sich auf dem feuchten Grund sehr wohl, ebenso auf abgestorbenen Bäumen.

Nadel im Heuhaufen  1710

Immergrüne Kiefern und Fichten sind die Hauptbaumarten, immer wieder aufgelockert durch weißstämmige Birken, die ihre Blätter bereits im goldenen Kleid des Herbstes tragen. Es ist bereits Ende September, eigentlich müssten auch die Bodendeckerpflanzen bereits in voller Farbenpracht strahlen, doch der Indian Summer ist dieses Jahr sehr zurückhaltend. Wohl weil es ein recht trockener Sommer war und wirklich kalte Nächte, die den Farbenwechsel beschleunigen bisher ausgeblieben sind. Am Anfang ist es immer recht schwierig für mich, im Wald Motive zu erkennen. Das pure Durcheinander an Strukturen macht die Fotografie von Wäldern recht anspruchsvoll. Doch mit der Zeit tauchen sie auf, erst vor meinem inneren Auge, dann auf der Festplatte der Kamera.

Nadel im Heuhaufen  1712

Auch wenn es verglichen mit den vom Menschen gemachten Waldgebieten tatsächlich nur vereinzelte Nadeln im Heuhaufen sind, lohnt es sich um jeden Quadratmeter Urwald in Europa zu kämpfen. Sie sind das natürliche Erbe, das wir zukünftigen Generationen bereiten.

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