Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: Iguazú

Ungebremste Kraft 22.05.2012

Um die letzte größere Insel des “Atlantischen Küstenregenwaldes” zu erkunden muss man heute sechshundert Kilometer ins Landesinnere reisen – ins Dreiländereck von Brasilien, Paraguay und Argentinien. Hier sind in Form des Iguazú Nationalparks etwas mehr als zweitausend Quadratkilometer dieses ehemals so riesigen Ökosystems unter Schutz gestellt. Die Reise mit dem Bus in Richtig Iguazú lässt mich auf hunderten Kilometern Agrarland passieren. In gleichbleibender Monotonie sehe ich endlos erscheinende Felder an mir vorüber ziehen. In solchen Fällen gleiten meine Gedanken nicht selten zu der Frage wie eigentlich alles weiter gehen soll. Wir Menschen nutzen schon heute 43 % der eisfreien Erdoberfläche für Landwirtschaft und zum Wohnen. Diese Zahl wird weiter ansteigen um die in den kommenden Jahrzehnten  zu erwartenden über zwei Milliarden neuen Ehrenbürger ernähren zu können. Der Druck auf die letzten Naturräume wird zunehmen und die Chance das das globale Ökosystem in nicht allzu ferner Zukunft kollabiert wird realistischer. Im Vorfeld der anstehenden “Rio + 20″ Umweltkonferenz haben führende Wissenschaftler eindringlich gewarnt, das wenn wir den verhängnisvollen Pfad des ungebremsten Wachstums nicht verlassen, der kritische Punkt schon bald erreicht sein könnte. Sollte der momentane Trend zur maßlosen Ressourcennutzung anhalten, wäre schon im Jahre 2025 die potentiell gefährliche 50 % Marke an Nutzungsfläche erreicht.

Ich erreiche die Stadt “Foz do Iguacú” die vor den Toren des Iguacú Nationalparks liegt.  Der Iguazú Fluß über den sich die “Brücke der Freundschaft” spannt, trennt die beiden Länder Brasilien und Paraguay. Hier spielt sich tagtäglich ein Schauspiel der ganz besonderen Art ab. Auf der Seite Paraguays befindet sich eine Freihandelszone. Waren sind dort extrem günstig, so das sich täglich bis zu zwanzigtausend Brasilianer aus dem ganzen Riesenland auf den Weg machen um in “Ciudad del Este” einkaufen zu können. Die Preise sind so niedrig, das trotz enormer Reisekosten und dem Risiko als Schmuggler bestraft zu werden, beim späteren Wiederverkauf auf Brasiliens Straßenkreuzungen und Läden immer noch ausreichend Gewinn abfällt. Ich bin sehr froh als ich dem Gewusel und Lärm dieser Form des Extremkapitalismus entkommen bin und etwa 20 Kilometer außerhalb der Stadt das Besuchszentrum des UNESCO Weltnaturerbes “Iguazú” erreiche. Erstaunlicher Weise besteht dieser Teil der “Mata Atlantica” nicht mehr aus tropischem Regenwald, sondern aus einem saisonalen Laubwald, der zeitweilig einen großen Teil seiner Blätter abwirft. Außerdem beherbergt der Nationalpark eines der bekanntesten Naturschauspiele unserer Erde, nämlich die “Iguazú Wasserfälle”. Für den Fremdenverkehr sind die Wassermassen die hier auf knapp drei Kilometern Länge über eine bis zu 90m hohe Kante fallen ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. In einem perfekt gemanagten Bussystem werden hier tausende Touristen zu den Fällen gelotst. Dieser Ort ist so etwas wie der “Grand Canyon” von Südamerika. Für mich als Fotograf sind, wie so oft, die Lichtstimmungen außerhalb der Besuchszeiten interessant. Ich habe von der Parkverwaltung die Erlaubnis bekommen, abends länger bleiben und morgens viel früher an den Ort des Geschehens kommen zu dürfen.

Ich stehe an der äußersten Plattform die für die Besucher zur Erkundung dieser Naturgewalten errichtet wurden und nutze die Zeit zwischen Sonnenuntergang und Nachtfinsternis um das eindrucksvolle Bild auf den Chip meiner Kamera zu bannen. Am kommenden Morgen ist es für mich fast noch schöner. Es zeichnet sich noch kein Morgenrot über der Abbruchkante der Wasserfälle ab als ich mein Stativ und die Kamera wieder aufbaue. Auch nach über zwanzig Jahren in der Naturfotografie sind die Momente in denen sich die ersten zarten Farben des kommenden Tages in das Dunkel vermischen noch immer ein magisches Erlebnis. Als dann viel später der erste Bus mit geöffneten Türen die frühen Tagesbesucher entlässt, steht die Sonne schon hoch am Himmel und strahlt in dominanter Härte über das Land. Ich habe meine Fotos gemacht und bin der Einzige, der zu diesem Zeitpunkt den zwar schönen, aber durch die Menge an Gästen eher an einen Rummelplatz erinnernden Ort, verlassen will.

Ich habe in den vergangenen Wochen einen vielseitigen Blick auf das Land Brasilien werfen dürfen. Es war ein Privileg viele seiner großartigen Naturschätze sehen dürfen und eine logische Folge dabei auch auf mach große Problematik zu stoßen. In meiner Heimatregion hat der Mensch seine ihn umgebende Natur schon fast zur Gänze in Nutzland umgewandelt. Dementsprechend muss ich auch mit der Bewertung jeglicher Fehlentwicklungen die hier in Brasilien den Tropenwald und die Savannen zerstören vorsichtig und differenziert sein. Letztendlich geschieht hier nicht anderes als im Europa der vergangenen Jahrhunderte. Der Unterschied ist nur, das die Entwicklungen in einem Schwellenland wie Brasilien, angetrieben durch die gierigen Mechanismen einer globalisierten Industrie, heute viel schneller und massiver Ablaufen als in einem Europa der Vergangenheit. Doch gerade weil sich in einer zusammenwachsenden Welt Ursache und Wirkung  immer mehr vernetzen und Zusammenhänge komplexer und internationaler werden, ist es wichtig sich eine Meinung zu bilden, Stellung zu beziehen und auch dafür zu kämpfen das Fehler nicht wiederholt werden. Noch gibt es Vieles was in Brasilien erhalten werden kann. Aber nur wenn die Menschheit rechtzeitig ihren kollektiven Verstand einschaltet.

 

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