Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: Inari See

Tanz der stummen Geister 09.09.2010

Wie im normalen Alltag so ist es auch in der Naturfotografie eine Freude, wenn Einem etwas zuteil wird, mit dem man eigentlich gar nicht gerechnet hat. So ist es mir und Elfriede in  unserer letzten Nacht am Inari See ergangen. Dazu später mehr. Begonnen hat das Abenteuer bei Jarmo Pyykkö einem Freund und Greenpeace Kollegen, der nahe des Städtchens Inari gerade dabei ist eine Blockhaus-Sauna auf seinem Grundstück zu bauen. Jarmo kenne ich noch aus der Zeit meiner Arbeit am „Planet der Wälder“ Projekt. Die Region um den Inari See im finnischen Teil von Lappland liegt etwa 300 km oberhalb des Polarkreises und ist die einzige thematische Überschneidung die mein altes Thema mit den „Wilden Wäldern Europas“ hat. Hier oben gibt es noch Urwälder.

Alter Wald weckt auch heute noch Begehrlichkeiten. Obwohl auch in Finnland schon 98 Prozent aller Bäume in Forst verwandelt wurde, lastete bis heute großer Druck auf diesen letzten Oasen der Artenvielfalt. Der staatliche Konzern Metsähallitus hat bis dato den einmaligen Wert dieser Überbleibsel echter Wildnis nicht erkannt und so wurden die Harvester immer wieder gnadenlos in die Wälder gefahren. Greenpeace hat vor über elf Jahren damit begonnen die hier lebende Urbevölkerung, das Volk der Sami, bei ihrem Kampf um den Wald zu unterstützen. Die Sami sind seit jeher Rentierzüchter und brauchen intakte Urwälder für Ihre Tiere als Lebensraum und Nahrungsressource. Jarmo ist einer der wenigen aus der lokalen finnischen Bevölkerung der den Mut hat gegen die mächtigen Gegner aufzustehen und sich ganz klar für den Waldschutz zu positionieren. Die bedrohten Bäume liegen weit verstreut um die Ufer des Inari Sees. Dieser ist aus meiner Sicht ein wirkliches Naturwunder.

Durch Gletscher geformt ist hier im Laufe von Jahrmillionen eine Seenlandschaft entstanden die Seinesgleichen sucht. Auf einer Fläche etwa Doppel so groß wie der Bodensee erheben sich hier bis zu dreitausend Inseln und Inselchen. Deshalb erscheint einem die Region auch manchmal eher als ein Labyrinth aus Wasserstraßen als eine offene Seefläche. Bewachsen sind die Inseln und Ufer mit altem Kiefernwald und die Böden sind von zahlreichen Beerensträuchern, Moosen und Flechten überzogen. Ich freue mich sehr dass uns Jarmo ein weiteres Mal eines seiner selbstgebauten Boote zur Verfügung stellt. So bekommen wir die Möglichkeit diese Wunderwelt zu erkunden. Das Boot ist mit Rudern und einem kleinen Segel ausgestattet, welches uns ein lautloses Vorwärtskommen ermöglicht. Muss es schnell gehen können wir jederzeit einen kleinen Motor anschmeißen und beim Fotografieren dem Licht hinterherfahren. Es weht meist eine ganz leichte Brise und so können wir über den See gleiten ohne allzu stark rudern zu müssen. Die vereinzelten Birken zeigen schon deutliche Anzeichen herbstlicher Färbung. Da es aber bisher keine Frostnacht gegeben hat sind die mit Beeren überzogenen Waldböden fast alle noch Grün.

Das ist Schade, denn der volle Zauber dieser Natur wird erst entfaltet wenn die Erde praktisch mit roter Farbe überzogen ist. Wir haben vier Tage Zeit. Da die fotografischen Bedingungen noch nicht perfekt sind konzentrieren wir uns auf das Erkunden schöner Aufnahmepositionen. Leider geht Elfriedes Zeit hier im hohen Norden zu Ende und ich werde sie nach dieser Bootsfahrt zum Flughafen bringen müssen. Zum Glück habe ich genug Zeit um auf die richtig bunten Tage zu warten. Das hoffe ich zumindest. Genau wissen was die Natur macht kann man natürlich nicht. Nur ganz selten begegnen uns andere Menschen. Ab und zu kreuzt unseren Weg ein kleines Fischerboot oder ein Ausflugsschiff. Die meiste Zeit sind wir völlig Allein. In den ersten drei Nächten waren Blockhütten unser Lager. Doch in der letzten Nacht kündigt sich ein völlig wolkenloser Himmel an. Während des Tages haben wir eine winzige baumfreie Insel entdeckt. Wir entschließen uns das Eiland anzusteuern und ohne Zelt nur in Schlafsäcke gehüllt unter dem Sternenmeer zu schlafen. Solange kein starker Wind aufkommt sind die Temperaturen sicherlich erträglich, obwohl wolkenfreie Nächte natürlich recht frisch sind. Wir erleben den Sonnenuntergang am Lagerfeuer. Zu allen Seiten sind wir von Inseln, Wald und Wasser umgeben. Nach und nach erscheinen vereinzelte Sterne am Firmament.

An einem Ende des Horizontes beginnt es noch während des letzten Abendrotes leicht zu schimmern. Ich bin sofort hellwach. Können das Nordlichter sein? Bisher dachte ich immer es müsste Saukalt sein um Diese zu sehen. Scheinbar reicht ein kristallklarer Nachthimmel, denn nach einiger Zeit gibt es keinen Zweifel mehr. Die Schleier tanzen am Horizont. Es ist die Aurora Borealis, das wunderbare Nordlicht. Wenn elektrisch geladene Teilchen des Sonnenwindes auf die Erdatmosphäre treffen, regen sie die dort vorhandenen Luftmoleküle zum Leuchten an und bescheren dem staunenden Betrachter ein unvergessliches Naturschauspiel. Elfriede erlebt das Spektakel warm eingehüllt in ihren Schlafsack aus der liegenden Perspektive. Ich erfreue mich an unverhofften Supermotiven, denn am Horizont macht ein minimales Restlicht die Landschaft des Inari Sees durch die Langzeitbelichtung wieder sichtbar.

Ich stelle die Nikon auf eine Empfindlichkeit von 800 – 1000 ASA und achte darauf das die Belichtungszeit nicht länger als 12 Sekunden beträgt. Denn dann werden die Sterne nicht mehr als Punkte sondern durch ihre Bewegung, als Linien abgebildet. Die Lichter tanzen vor dem Sternenmeer und verändern ständig ihre Form. Gespenstern gleich huschen sie in völliger Lautlosigkeit vor der Kulisse des unendlichen Universums. Es sind die schönsten und intensivsten Polarlichter die ich jemals gesehen habe. Noch vor Mitternacht ist alles vorbei und ich versinke in einen kurzen unruhigen Schlaf. In weniger als fünf Stunden beginnt die Dämmerung. Da muss der engagierte Naturfotograf wieder bereit stehen – was er auch gerne tun wird. Für Elfriede war dies ein wunderbarer Abschluss unserer fast vierwöchigen gemeinsamen Skandinavienreise. Ich werde die kommenden Tage genau verfolgen wie sich der Herbst in Finnland entwickeln wird. Es steckt noch viel fotografisches Potential in dieser wunderbaren Natur.

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