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Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: Ingo Anrdt

Ozean Teil 3: “Tierreich” 02.04.2013

Der von mir sehr geschätzte Tierfotograf Ingo Arndt hat eines seiner großen Fotoprojekte „Tierreich“ genannt. Er ist dafür auf die Suche nach Tieren gegangen die in als Herden, Schwärmen oder Kolonien auftreten. Während mir große Ansammlungen von Menschen eher unangenehm sind (vom Publikum bei einem guten Konzert mal abgesehen) ist das Beobachten von großen Tierzusammenkünften eines der schönsten Naturerlebnisse überhaupt. Ich befinde mich immer noch in Palau wo ich zusammen mit David Hettich in Form zahlreicher gemeinsamer Tauchgänge mein Vortragskapitel „Ozean“ entstehen lasse.

Hier haben auch wir das tolle Gefühl gespürt welches unser gemeinsamer Freund Ingo bei der Umsetzung seines  Projektes immer wieder gehabt haben muss. Wir waren unmittelbare Zeugen faszinierender Tiermassen.

Solche Erlebnisse bereichern meinen Job als Naturfotograf ungemein. Die zahllosen Wunder die ich im Laufe der letzten zwanzig Jahre mit der Kamera dokumentieren durfte haben mich die Achtung gelehrt welche ich heute gegenüber unserer fantastischen Heimat Erde empfinde. Deswegen bin ich wahrscheinlich auch so ungemein wütend auf uns Menschen. Unser rücksichtsloser Umgang mit den Lebensgrundlagen stellt den schnellen Gewinn und kurzfristigen Wohlstand über das langfristige Wohl all derer, die nach uns kommen. Verlierer sind am Ende Alle. Die Tier- und Pflanzenwelt aber auch unserer Kinder und Kindeskinder. Was der Großteil der Menschen bis heute nicht verinnerlicht hat, ist das unser Überleben unmittelbar mit intakten Kreisläufen in den verschiedenen Ökosystemen zusammen hängt. Basierend auf diesen Gedanken habe ich das Konzept zu „Naturwunder Erde“ konzipiert. Ich möchte versuchen unsere Welt als „großes Ganzes“ zu präsentieren. Es muss gelingen Gesellschaft, Politik und Wirtschaft davon überzeugt, ihr Dogma „Wachstum“ in die Schlüsselworte „Nachhaltigkeit“ und „Effizienz“  zu verwandeln. Nachhaltige Kreisläufe sind das Einzige das meiner Meinung nach in Zukunft „wachsen“ darf. Unsere Erde ist zwar groß, aber die Einflussnahme von sieben Milliarden Menschen ist inzwischen zu stark geworden. Der Planet kann dies auf lange Sicht nicht verkraften wenn er auch in Zukunft eine immer noch steigende Anzahl hungriger und nach Wohlstand dürstender Menschen mit Rohstoffen versorgen soll. Wenn meine Fotos und Geschichten bei den Besuchern der fertigen Show ähnliche Gedankengänge auslösen, dann habe ich einen guten Job gemacht. Ende 2015 nach dreihundert Auftritten zusammen mit Greenpeace werden wir wissen ob und bei wie vielen Menschen es geklappt hat.

 

David schwimmt ungefähr dreihundert Meter vor mir. Wir sind im Moment die einzigen Besucher von einem der touristischen Highlights auf dem Inselarchipel Palau. Die Pressluftflasche haben wir nicht dabei. Tauchen ist im berühmten „Jellyfish Lake“ nicht erlaubt. Mit Schnorchel, Taucherbrille und Flossen ausgestattet bewegen wir uns über den See. Mal schauen wir unter mal über die Wasseroberfläche. Dieser See ist wirklich eine Besonderheit im Spektrum natürlicher Vielfalt. Mit der Erhöhung des Meeresspiegels zum Ende der letzten Eiszeit ist Salzwasser durch das poröse Kalkgestein der „Rock Islands“ gedrungen und hat die Senke gefüllt die heute den etwa vierhundert Meter langen See ausmacht. Durch kleine Öffnungen zum umliegenden Ozean müssen irgendwann die Quallen gekommen sein welche sich hier im Wasser tummeln. Bis zu dreißig Millionen sollen es in Hochzeiten sein. Ein Ort den der Mensch eigentlich inständig meiden sollte, denn bekanntlich Nesseln Quallen und das tut höllisch weh. Doch während ihrer Zeit innerhalb der abgeschlossenen Welt des Sees, hat die Evolution  die Medusen, wie sie auch genannt werden, ihre Fähigkeit zur Verteidigung genommen. Vielleicht weil natürliche Feinde fehlen. Zu anderen Quallenarten unterscheiden sie sich zudem das die Endteile ihrer Arme stark verkürzt sind und die Pigmentfarbe Blau fehlt.  Zu Anfang erblicken wir nur vereinzelte Exemplare die sich im grün schimmernden Wasser in ihrer für sie typischen Art bewegen indem sie sich immer wieder gegen den Uhrzeigersinn drehen. Damit lassen sie ihrem Körper gleichmäßig Licht zukommen. Denn sie tragen Symbionten in sich, die durch Lichtaufnahme Energie entwickeln welche die Quallen ernähren. Das gleiche Prinzip funktioniert übrigens auch bei Steinkorallen welche die Riffe bilden. Stoßen die Korallen die Symbionten aus Stressgründen ab, zum Beispiel durch einen erhöhten Säuregehalt des Wassers, so sterben die Wirte. Dies nennt man allgemein Korallenbleiche, ein Phänomen welches  leider in Zeiten des Klimawandels immer häufiger beobachtet wird.

 

Zuerst versuche ich einzelne Quallen abzulichten, was nicht weiter schwer fällt, denn die Tiere kommen bis unmittelbar unter die Oberfläche. Irgendwann fällt mir auf das David an einer Stelle in Ufernähe schon recht lange ausharrt und in die Mangroven blickt. Als er wahrnimmt das ich zu im schaue gibt er mir ein Zeichen und ich schwimme auf ihn zu. Mit gedämpfter Stimme fragt er mich ob mir an unserer Umgebung etwas auffalle. Es dauert kaum drei Sekunden da sehe ich es vor mir. Auf einen Ast liegt ein Krokodil. Ein Salzwasserkrokodil. Richtig gefährlich Burschen, sagt man. Die können bis zu sechs Meter groß werden. Unser Exemplar ist vielleicht eineinhalb Meter lang. Eine Tatsache die mich momentan aber nur unwesentlich beruhigt. Ein Krokodil im „Jellyfisch Lake“ in dem jeden Tag duzende Touristen planschen? Es liegt ganz friedlich da. Wir wollen Beide zumindest ein Beweisfoto machen. Mit unseren Weitwinkelobjektiven im Unterwassergehäuse kein einfaches Unterfangen. Ganz langsam versuche ich mich dem Tier zumindest ein klein wenig zu nähern. In diesem Moment macht es einen Satz nach vorne und springt blitzschnell zu uns ins Wasser. Damit war der Gag er Reise geboren. Unter brüllendem Gelächter erzählt David später Allen die es hören oder auch nicht hören wollen wie mir in diesem Moment ein schlichtes „Ach du Scheiße“ rausgerutscht ist und wir uns Beide wie die Wilden mit hektischen Schlägen unserer Flossen versucht haben zu entfernen. Ich glaube es hat so ungefähr zehn Sekunden gedauert bis der Verstand wieder die Oberhoheit über das Gehirn erobert hat.  Ein Krokodil im Jagdmodus hätte keine Probleme uns zu erreichen egal wie sehr wir uns auch bemühen aus seiner Reichweite zu kommen. Also haben wir aufgehört zu paddeln und uns unserem Schicksal hingegeben. Doch der geöffnete Rachen der sich aus der trüben Tiefe erhebt bleibt eine Urangst in meiner Vorstellung. Nach und nach wird die Atmung wieder normal und die Panik verschwindet. Das Krokodil hatte wohl genauso viel Angst vor uns wie wir vor ihm und ist einfach geflüchtet. Auf Palau ist es zum Glück bisher kaum zu ernsthaften Zwischenfällen mit diesen urzeitlichen Gesellen gekommen. So bleibt uns zwar ein Schreckmoment aber auch ein tolles Ergebnis, dieses Tier überhaupt in seiner natürlichen Umgebung entdeckt zu haben.

Wir schwimmen gemeinsam weiter in Richtung östliches Ende des Sees. Es ist noch Vormittag. Zu diesem Zeitpunkt halten  sich dort ein Großteil der Quallen auf. Inzwischen schwimme ich fast ständig mit dem Kopf unter der Wasseroberfläche.  Aus einzelnen Tieren werden Duzende, dann Hunderte und später Tausende die ins Blickfeld geraten. Es ist ein Anblick der schwer zu beschreiben ist. Irgendwann sind wir komplett von diesen seltsamen Lebewesen umgeben. Ihre Haut fühlt sich weich an. Ekel verspüre ich keinen, im Gegenteil. Die Quallen sind so zart das wir aufpassen müssen mit unserem Flossenschlag nicht ständig einige dieser Geschöpfe zu verletzen. Von nun an zahlt sich mein vier Kilogramm schwerer Gürtel aus, den ich die ganze Zeit um die Hüften trage. Er macht es mir einfach mich wie ein Stein absinken zu lassen und in diese unwirkliche Welt aus glibberigen Körpern und grün schimmerndem trüben Wasser eintauchen zu lassen. Außerdem profitiere ich davon, dass wir vor einigen Wochen bei den Wal-Haien auf den Philippinen schon einmal beim Schnorcheln waren. Ich kann inzwischen besser die Luft anhalten und durchaus vier bis fünf Meter abtauchen.

Der Blick ist atemberaubend, was nicht schadet denn Atmen ist sowieso nicht möglich. Besonders der Anblick gegen das Licht ist gewaltig. Als würde man ins Weltall schauen und an endlos vielen Planeten vorbeigleiten. Ich schiebe die Kamera vor mir her und versuche möglichst Bilder zu machen in denen sich die Medusen gleichmäßig über das Bild verteilen. Das geht im Endeffekt nur über die Masse an Auslösungen, denn Planen kann man so ein Foto bei der kurzen Zeit des Abtauchens nicht. Es ist eine Mischung aus Glück, Intuition und Beherrschung der Technik. Viele Male lasse ich mich nach unten fallen und stoße kurze Zeit später laut prustend durch die Oberfläche.

Erst als wir ziemlich erschöpft sind machen wir uns langsam auf dem Schwimmweg zum Steg über den alle Besucher in den See einsteigen. Inzwischen sind zwei große Gruppen japanischer Touristen beim Schnorcheln. Ein Großteil der Besucher verweilt in der Mitte des Sees, was dem Hauptteil der Quallen Ruhe vor allzu vielen Eindringlingen verschafft. Auf dem Weg zurück schwimmen wir in Ufernähe und treffen doch noch auf einen Fressfeind der Schwabbelwesen. An ins Wasser gestürzten Bäumen wachsen weiße Anemonen die sich an Quallen gütlich tun. Haben sie diese erst einmal in ihren Fängen werden die Medusen praktisch nach und nach ausgesaugt. Ein schaurig schöner Anblick.

Als wir über einen kurzen steilen Pfad durch den Wald zurück zu unserem Boot marschieren sind wir voller Begeisterung über die Erlebnisse in diesem außergewöhnlichen Salzwassersee. Doch auch hier bleibt zu hoffen, dass man die steigenden Besucherzahlen richtig dosiert. Es ist praktisch wie überall auf der Welt. Wenn zu viele Naturfreunde über Natur herfallen, dann nimmt diese meist Schaden. Bisher haben die Touristen nachweislich drei neue Lebensformen in diesem See eingeschleppt mit bisher ungewissen Folgen. Ob es da ausreicht das sich jeder Besucher die Schuhe abputzen muss bevor der sich auf den Weg zum See macht wird die Zukunft zeigen. Es ist auf jeden Fall gut zu wissen das es sechs weitere Quallenseen auf Palau gibt zu denen der Mensch aber keinen Zutritt hat.

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