Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: Kakaoplantage

Spurensuche 10.05.2012

Wer sich mit Tropenwald in Brasilen beschäftigt denkt wohl in der Regel zuerst an Amazonien, den größten Regenwald der Erde. Dabei gibt es mit der “Mata Atlantica” ein Wald Ökosystem welches in vielerlei Hinsicht mit dem Amazonas Biom mithalten kann. Die “Mata Atlantica” ist eine in der Welt einzigartige Vegetationsformation in Hinsicht auf biologische Vielfalt und landschaftliche Schönheit. In der Vergangenheit erstreckte sich der Küstenregenwald über 15% des brasilianischen Territoriums mit etwa 1,3 Millionen qkm.  Dieser Lebensraum stellt eines der komplexesten Ökosysteme des Planeten dar und gilt als eines der am stärksten bedrohten Gebiete überhaupt. Auch mir war neu, das der atlantische Küstenregenwald unter allen Wäldern der Erde über die höchste Vielfalt an Biodiversität verfügt, und somit auch Artenreicher als der Amazonas ist. Man geht von mehr als 10.000 Pflanzenarten, etwa 620 Vogelarten, und 261 Säugetierarten aus. Doch dieser Zauberwald ist bis heute zu über 90 % vernichtet oder in Sekundärwald verwandelt worden. Die  Entwicklung lässt sich durchaus mit unseren Wäldern vergleichen – es kamen Menschen die das Land besiedelt haben. Ein Großteil der Millionenstädte befinden sich heute dort wo sich einst Affen in den Baumwipfeln die Felle lausten. Meinem Reisepartner Luis habe ich auf diesem Trip schon viel zu verdanken. Sein wunderbares Organisationstalent hat die Tour bisher so erfolgreich gemacht. Es sollte noch besser werden, denn hier in der “Mata Atlantica” ist praktisch sein zweites Zuhause. Luis hat hier fünf Jahre gelebt und als Biologe in den Wäldern Spinnen erforscht. Seine Kenntnis der Region und seine unzähligen Kontakte sollten uns auch in den kommenden Tagen unzählige Türen öffnen. Unser erstes Ziel ist das kleine Städtchen Ilheus im Bundesstaat Bahia. In dieser Region wird Kakao produziert, was deutlich zu riechen ist, wenn man an den Fabriken vorbeifährt. Wir besuchen hier eine Kakaofarm etwa 20 km im Landesinneren.Die Fazenda trägt den schönen Namen “Almada” und hat eine Größe von ungefähr 500 Hektar. Elf Familien leben auf dem Gelände und arbeiten in der Plantage.

Der Alltag von Millionen Kakaobauern ist extrem schwierig geworden, seitdem die Preise auf dem Weltmarkt zusammengebrochen sind. Außerdem gefährdet seid einigen Jahren eine mysteriöse Pilzkrankheit die Ernte. Es sind harte Zeiten, was die Chefin der Farm dazu veranlasst über neue Strategien zum Erhalt des Unternehmens nachzudenken. Auf der noch recht jungen Juliana Torres lastet ein schweres Erbe. Seid sechs Generationen befindet sich die Farm im Besitz ihrer Familie und gute Ideen sind vonnöten. Ein Ansatz könnte der Ökotourismus sein, denn die Plantage hat einige Juwelen zu bieten. Als wir das Herrenhaus betreten, öffnet sich für uns ein Tor in eine andere Welt. Als wäre die Zeit stehen geblieben, fühlen wir uns um hundert Jahre zurückversetzt.

Liebevoll bis ins kleinste Detail ist hier alles erhalten was das Leben in früheren Tagen geprägt hat. Von der Veranda blicken wir auf einen schönen Garten und im Hintergrund beginnt die Plantage die einem alten Wald zumindest optisch sehr nahe kommt.

Hier gibt es zwar keinen Urwald mehr, doch die großen alten Bäume vom ursprünglichen Wald wurden als Schattenbäume stehen gelassen. Dadurch können die am Boden wachsenden, nur wenige Meter hohen Kakaostauden in deren kühlendem Schatten gut gedeien. Dieser Tatsache ist es zu verdanken das sich hier eine Kolonie der vom Aussterben bedrohten Goldkopf-Löwenäffchen hat erhalten können.

Sie sind eine Symbol für den immer weiter voranschreitenden Lebensraum Verlust unter dem in der “Mata Atlantica” viele Arten zu leiden haben. Es gibt in Brasilien vier verschiedene Gattungen von Löwenäffchen. Biologen gehen davon aus das schon in wenigen Jahren Zwei davon verschwunden sein werden. Dies versucht man hier zu verhindern indem die Tiere beobachtet werden um mehr über ihre Bedürfnisse und Lebensgewohnheiten zu erfahren. Frau Torres arbeitet in dieser Sache mit einer Umweltorganisation zusammen die das Monitoring der Äffchen finanziert und durchführt. Die Affen leben in zwei Gruppen mit um die sieben Familienmitgliedern. Jeweils zwei Tiere wurden mit einem Sender versehen, der es den Biologen ermöglicht die Tiere in den Wipfeln der Bäume zu orten.

Für drei Tage begleiten wir die Äffchen im Wald und bekommen Einblicke in ihren Alltag. Fotografisch ist diese Aufgabe nicht einfach zu lösen. Zumeist befinden sich die Tiere weit außerhalb der Reichweite unserer Kameras. Doch zumindest einmal am Tag kommen sie auf Ihrer Suche nach Nahrung auch in tiefer gelegene Bereiche des Waldes. Diese Minuten sind für uns entscheidend. Es ist erstaunlich wie schnell sich die Tiere bewegen und mit einer Leichtigkeit von Baum zu Baum springen. Innerhalb der Gruppe herrscht ein ausgeprägtes Sozialverhalten. Oft beobachten wir sie bei der gegenseitige Fellpflege und sehen wie sie sich die Nahrung teilen. In manchen Augenblicken sind sie nur wenige Meter von uns entfernt und schauen mit ihren kleinen Gesichtern auf uns herab. Fühlen sie sich belästigt, geben sie schrille Laute von sich die eher an einen Vogel als an einen Affen erinnern.

Löwenäffchen sind Allesfresser, die sowohl Insekten, Spinnen, Schnecken, Vogeleier und kleine Wirbeltiere als auch Früchte zu sich nehmen. Es macht Spaß ihnen bei ihren Abläufen zuzuschauen. Daraus ein vernünftiges Foto zu erstellen ist harte Arbeit unter der besonders das Kreuz zu leiden hat – fällt der Blick doch meist nach Oben. Wie schön wäre es wenn die “Almada” Farm ein Vorbild werden könnte, die die Belange der Natur und der Menschen am selben Ort vereint.

Ich bin überzeugt davon das in vielen Fällen die Bedürfnisse der Menschen mit wenig Aufwand viel besser in Einklang mit unserer Umwelt gebracht werden könnten, wenn wir es nur wollten. Doch zumeist ist es eine Eigenart die unsere Art zu prägen scheint und die dies verhindert, nämlich unsere Gier. Ein markantes Beispiel dieser Unvernunft begleitet Luis und mich Thematisch dieser Tage auf unserer Reise durch Brasilien. Die geplante Umsetzung eines neues Waldgesetzes. Vordergründig erzählt man, damit Millionen Kleinbauern aus der Illegalität führen zu wollen, indem man nachträglich Rodungen legalisiert. Doch letztlich ist dieses Gesetz ein Machwerk der Agrarlobby aus Sojabauern und Rinderzüchtern die damit ihre eh schon unglaublich starke Macht auszubauen wollen. Tritt es in Kraft, dürfen auch steile Hänge gerodet werden und der Schutzabstand zu Flüssen würde massiv verringert. Umweltschützer auf der ganzen Welt sind sich einig, das dieses Gesetz das langfristige Aus des Amazonas bedeuten würde. Eine Lawine die nicht mehr zu stoppen sein wird. Fast 80% der Brasilianer sind gegen dieses Verbrechen, doch der Senat hat es schon verabschiedet. Die Macht der Barone reicht bis in hohe Regierungskreise. So sind in vielen Fällen die größten Umweltzerstörer diejenigen die ihre eigenen Gesetze schreiben. Mit dem großen Geld kann man sich fast jedes politische Amt erkaufen. Der Gouverneur des Bundesstaates Mato Grosso z.B. ist mit Landraub reich geworden und sitzt heute an den Hebeln der Macht.

Nur noch die Präsidentin Dilma kann dieses Gesetz mit einem Veto zumindest aufschieben. Demnächst findet in Brasilien die wichtige Umweltkonferenz “Rio +20″ statt. Es ist die Hoffnung vieler Menschen mit Verstand, das die Präsidentin im Zuge dieses Welttreffens dieses Gesetz nicht verabschieden lässt um ihr Gesicht zu wahren. Viele haben aber auch Angst, das sich die Umsetzung nach der Konferenz nicht mehr verhindern lässt. Ich hoffe jeden Tag darauf, das dieses für Brasilien und die ganze Welt so ungeheure Verbrechen ausbleibt. Wir brauchen die wenigen noch verbliebenen Urwälder für die Zukunft unser Kinder. Ich werde richtig wütend wenn ich darüber nachdenke, was hier und in anderen Teilen der Welt, aus ähnlichen Gründen, tagtäglich geschieht.

 

Wer Lust auf eine Reise zu den Löwenäffchen hat und sich im Herrenhaus fürstlich verwöhnen lassen will, findet Informationen im Internet unter: “www.fazendaalmada.com.br”.

Juliana Torres und ihre Familie heißt jeden herzlich Willkommen.

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