Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: Kanarische Inseln

Wechselwetter 16.02.2010

Am vierten Tag meines Inselaufenthaltes kam der Regen. Mit den Wolken begannen Nebelschwaden durch das Unterholz zu ziehen. Leider übernahm von nun an ein Sturm die Regie über den Wetterverlauf. Diese Tatsache erschwerte das Fotografieren massiv.

La Gomera  5971

Die Sturmböen blasen die Wolken mit solch rasanten Geschwindigkeiten über die Insel, dass ich in den letzten Tagen meist damit beschäftigt war dem Nebel hinterher zu hetzen. Sehr häufig kam ich zu spät. Als das Stativ dann stand, war der Nebel aus dem Gehölz wieder verschwunden. Nahaufnahmen sind bei solch einem Wetter auch nicht mehr möglich. Alles ist in Bewegung, auch in Bereichen die im Windschatten liegen. Da muss man hartnäckig sein und darf nicht aufgeben. Über die Tage verteilt habe ich dann immer wieder die eine oder andere Situation erwischt, die zum erwünschten Ergebnis führt. Abgesehen von den schwierigen Bedingungen (leicht kann jeder!), ist es wirklich eine Freude diese wunderschöne Insel zu fotografieren.

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Fast dreitausend Jahre menschlicher Besiedlung haben dem Eiland nichts von seinem Reiz nehmen können. Großartig sind die durch Wassererosion entstandenen tiefen Schluchten. Überwältigend die Ausblicke auf den Atlantik mit den Nachbarinseln, die am Horizont aufragen. Im 15. Jahrhundert kamen die Spanier auf die Inseln und unterwarfen die Ureinwohner mit brutaler Gewalt. Die Vegetation von Gomera wurde von da an massiv verändert. Während die Ureinwohner in Einklang mit ihrer natürlichen Umwelt lebten, begannen die neuen Herren die Rohstoffe zu nutzen. Wälder wurden eingeschlagen und auf den kargen Böden Ackerbau betrieben. Dabei entstanden die heute noch sichtbaren, sich weit die steilen Hänge hochziehenden Anbauterrassen, auf denen die Menschen ihr täglich Brot produzierten. Wenn man die harten Lebensbedingungen bedenkt mit denen die Bauern über die Jahrhunderte zu kämpfen hatten, ist es schon erstaunlich, dass zumindest hier auf Gomera das Herzstück des Waldes als Urwald überlebt hat. Während in den Randbereichen das Holz zur Gewinnung von Holzkohle genutzt wurde, sind die Höhenlagen der heutigen Nationalparks unberührte Wildnis. Warum wächst eigentlich in einer Region die auf der Höhe der Sahara liegt, ein Regenwald?

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Die Antwort ist simpel. Die Passatwinde treiben Wolken über den Ozean. An den Erhebungen der Inseln bleiben diese hängen. Selbst in den heißen Sommermonaten, wenn es kaum regnet, fangen die Pflanzen die Feuchtigkeit aus den Wolken auf. Der Nebel kondensiert an den Blättern und es bilden sich Tautröpfchen. Diese verbinden sich zu größeren Tropfen, fallen zu Boden und versorgen die Wurzeln mit Feuchtigkeit. So erfüllt der Wald eine Vielzahl wichtiger Aufgaben innerhalb des Ökokreislaufs der Insel. Er verhindert Erosion der oft steilen Böden, versorgt die Bewohner mit Wasser und bietet einer Vielzahl von Tieren und Pflanzen Lebensraum. La Gomera hat, bezogen auf die Inselgröße, die höchste Anzahl endemischer Arten im ganzen europäischen Raum.

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Leider kamen mit den Eroberern, bewusst oder unbewusst, unzählige Fremdlinge auf die Insel, die für das Gleichgewicht ernsthafte Bedrohungen darstellen. Ich war sehr überrascht als ich las, dass die Agaven und Feigenkakteen gar nicht auf die Insel gehören. Sie breiten sich aggressiv aus und verdrängen die örtliche Flora. Über weite Teile der felsigen Schluchten unterhalb der Baumgrenze sieht man tausende dieser Kakteen in den Felsen wachsen. Kaum vorstellbar, dass  es Eindringlinge sind. In den Randbereichen des Nationalparks habe ich dutzende Sammelstellen gerodeter Kakteen gesehen. Hier wird versucht, die Fremdlinge zurückzudrängen, damit einheimische Sträucher und Stauden wieder eine Heimat bekommen. Ein ehrgeiziges Unterfangen wenn man die schiere Masse bedenkt mit der sich diese, zugegebenermaßen schön anzusehenden Pflanzen ausgebreitet haben. Alles andere als schön anzusehen sind die Eukalyptuswälder, die hier als Wiederaufforstungsmaßnahmen angepflanzt wurden. Die haben hier aber auch gar nichts verloren. In den Naturwäldern wachsen bis zu zwanzig verschiedene Baumarten, diese meisten aus der Familie der Lorbeerarten. Die Baumheide und der kanarische Erdbeerbaum sind weitere Vertreter dieser subtropischen Lebensgemeinschaft.

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Die Größe der Bäume richtet sich nach der Beschaffenheit der Böden sowie dem Standort und der damit verbundenen Wettereinflüsse. Manche erreichen nur Strauchgröße. Man findet aber auch zwanzig bis dreißig Meter hohe, mit Moosen und Flechten überzogene Riesen  in diesem Märchenwald. Selbst jetzt im Winter setzen einzelne Beeren und Blüten farbige Kontraste im Grün und Braun der Bäume. Innerhalb eines Tages erlebe ich ständig veränderte Lichtstimmungen. Mal peitscht mir ein Regenschauer ins Gesicht. Kurz darauf bricht die Sonne durch die Wolkendecke und trocknet die Kleider im Wind.

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Gegen Abend beruhigt sich der Sturm und goldenes Licht ergießt sich über den aus dem Ozean ragenden Felsen. Jeder Tag ist ein Abenteuer, man muss nur das Haus verlassen und beginnt sofort die Elemente zu spüren.

Fenster in die Vergangenheit 12.02.2010

Die Kanarischen Inseln lassen sich geografisch gesehen nur schwer dem europäischen Kontinent zuordnen. Politisch gehören sie aber zu Spanien und sie haben eine wirkliche Besonderheit im Waldbereich vorzuweisen. So habe ich mich kurzerhand entschlossen dem frostigen Winter, der ganz Mitteleuropa unter eine graue Wolkendecke gehüllt hat, für kurze Zeit zu entkommen. Es ist mir ehrlich gesagt sehr leicht gefallen, die langen Unterhosen der letzten Fototouren gegen leichte Trekkingkleidung zu tauschen und die zweitkleinste der Kanareninseln anzusteuern. Mein Ziel sind die Lorbeerwälder auf La Gomera. Diese Waldart, die hier in den Bergen der vulkanischen Inseln vorkommt, ist eine biologische Rarität. Ein auf der Welt einmaliges Ökosystem. Sie gedeiht in Regionen mit hoher Luftfeuchtigkeit und geringen jährlichen Temperaturschwankungen.

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Vor Jahrmillionen bedeckten diese subtropischen Wälder die Küsten des gesamten Mittelmeerraumes. Als es in Europa immer kälter wurde, verschwanden sie für immer aus unseren Breitengraden. Nur auf den Inseln im Atlantik und in Tropenwaldgebieten bestimmter Höhenlagen hat dieser Naturraum überleben können. Auf Gomera kann man diese lebenden Fossile am Besten bestaunen. Rund zwanzig Prozent der ursprünglichen Waldfläche des Kanarischen Archipels sind bis heute erhalten. Hier im Garajonay Nationalpark wächst gut die Hälfte des Lorbeerwaldes, der die Schwankungen des Klimas und später die menschlichen Eingriffe als Naturwald überstanden hat.

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Das ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, welch starkem demographischen Druck die Insel zeitweise ausgesetzt war. Dass der Mensch ein Herdentier ist, wird mir mal wieder eindeutig klar, als ich beim Transfer vom Flughafen Teneriffas nach Gomera einige Eindrücke auf die Touristenzentren erhalte. Dort zwängen sich tausende sonnenhungriger Urlauber zwischen den Strand und die Uferpromenade und blicken dabei auf ihre hässlichen Betonburgen. Diese Art von Pauschalurlaub habe ich noch nie verstanden. Wenngleich man Fairerweise sagen muss, dass die schiere Masse an Erholungsbedürftigen auch eine mengengerechte Versorgung erfordert. Soviel Naturraum gibt es gar nicht, als dass man in der modernen Touristik alle Reisenden in ursprüngliche Dörfer und Lebensräume schicken könnte. Viele Menschen legen darauf wohl auch keinen allzu großen Wert. Auf La Gomera ist der Massentourismus, glücklicherweise, bis heute nicht angekommen.

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Entdeckt von den Hippies als Aussteigerparadies in den sechziger Jahren, kann man im „Valle Gran Rey“ bis heute einen Hauch dieses relaxten Lebensgefühles spüren. Allabendlich versammeln sich die Alternativurlauber am Strand von „La Playa“ zum Sonnenuntergang. Meist wird dazu fröhlich musiziert und allerlei Kunststücke, wie das Jonglieren, dargeboten. Ich habe mich eindeutig zu nah am Brennpunkt einquartiert. Das fröhliche Treiben hält mich trotz starker Müdigkeit bis spät in die Nacht vom Einschlafen ab. Um halb fünf klingelt der Wecker, gnadenlos. Ich muss dringend an einem ruhigeren Ort umziehen, was mir inzwischen auch gelungen ist. Von einem Parkplatz im Nationalpark erreiche ich nach einer halbstündigen Wanderung den höchsten Punkt der Insel. Ich befinde mich auf knapp 1500 Metern. Noch herrscht absolute Dunkelheit. Es ist fast Neumond. Eine schmale Sichel erhebt sich knapp über dem Horizont. Die klare Meeresluft lässt ein unglaubliches Sternenmeer über mir erstrahlen. Vor mir, weit unterhalb meines Standpunktes sehe ich ein beeindruckendes Schauspiel. Zarte Farbnuancen der Dämmerung lassen alsbald den Beginn des neuen Tages erahnen. Warme Luft aus dem Westen liegt über den kälteren, feuchten Schichten, die von östlichen Passatwinden herantragen werden. Die warme Luft verhindert deren Aufsteigen, so dass sich unter mir ein Wolkenmeer ausbreitet.

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Am östlichen Horizont erhebt sich majestätisch die Insel Teneriffa mit ihrem Vulkankrater Teide. Die zahlreichen Lichter der menschlichen Ansiedlungen liegen gnädig unter der Wolkendecke. Wären da nicht die Geräusche der schon um diese Zeit zahlreichen Autos, wäre die Illusion der Zeitreise für diese frühe Uhrzeit perfekt. Im späteren Verlauf des Tages erkunde ich die Hochlagen des Lorbeerwaldes. Für spannende Aufnahmen ist es am Besten, die Pflanzen zu fotografieren wenn sie vom Feuchtigkeit spendenden Nebel eingehüllt sind. Allzu viel Glück hatte ich, was diesen Aspekt meiner Arbeit betrifft, in den ersten zwei Tagen noch nicht. An einer Stelle konnte ich für kurze Zeit erahnen, was für magische Motive dieser Urwald bereit hält. Ich bin sehr gespannt wie sich die kommenden Tage entwickeln. Wenn der Nebel kommt, werde ich bereit sein. Während ich diese Zeilen schreibe, ­färbt die untergehende Sonne die Wolken am Horizont in ein knalliges Rot.

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Momente wie dieser lassen mich in wohligem Kribbeln erschaudern. Ich verspüre tiefe Dankbarkeit, dass ich diesen wunderbaren Planeten bereisen und seine Schönheit dokumentieren darf.

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