Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: Klimawandel

Farbenspiele 30. September 2011

Der Blick aus der offenen Seitentür des kleinen Wasserflugzeugs „Beaver“ ist in vielerlei Hinsicht gewaltig. Seit fast einer Stunde gleiten wir über die endlos erscheinende Weite der borealen Wälder im kanadischen Quebec. Die bewohnten Regionen haben wir längst hinter uns gelassen, doch der Einfluss des Menschen ist allgegenwärtig. Wegen unseres Hungers nach Rohstoffen fressen sich die Erntemaschinen der Holzkonzerne immer weiter in Richtung Norden und hinterlassen dabei ein Bild der Verwüstung, welches man aus dem Flugzeug mit ungefilterter Wucht zu sehen bekommt. Seit den 1970ern wurde allein in Quebec Urwald auf einer Fläche der sechsfachen Größe Belgiens zerstört. 88% der Staatswälder sind zum Einschlag freigegeben. Über 90 % davon werden im berüchtigten „Clearcut“ Verfahren geerntet.

Alle Bäume verschwinden dabei, zurück bleibt aufgerissener Boden und Ödnis. Weiter im Süden sind inzwischen neue Wälder entstanden. Die Natur kann sich innerhalb dieses Ökosystems teilweise erneuern. Dies ist wohl auch der Grund, weshalb es gerade innerhalb der kanadischen Gesellschaft so schwer ist, die Problematik der völlig überzogenen Holzwirtschaft ins Bewusstsein der Menschen zu bringen. Der Wald kommt doch zurück, alles halb so schlimm. Wie groß die Unterscheide zwischen den relativ artenarmen Neuwäldern und dem ursprünglichen Urwald sind, sollte ich in den vor mir liegenden Tagen ausreichend zu sehen bekommen.

Irgendwann ändert sich das Bild, die Rohdungsflächen verschwinden und keine Straßen zerschneiden mehr den unter uns liegenden, grünen Teppich aus Bäumen. Das flache Land beginnt sanfte Wellen zu schlagen und am Horizont sehen wir zwischen all den Bäumen, Flüssen und Seen den eine oder anderen Felsen die Baumgrenze überragen. Wir nähern uns langsam den „White Mountains“, dem Ziel unserer Reise. Dieses 14.000 qkm große Gebiet ist einer von zwei verbliebenen großflächigen Urwäldern in Quebec. Eine Insel der Artenvielfalt, umgeben von der Monotonie menschlicher Habsucht. Eine laufende Greenpeace-Kampagne hat zum Ziel dieses Gebiet unbedingt vor der Säge zu bewahren. Hier ist eines der letzten, intakten Brutgebiete der scheuen und vom Aussterben bedrohten Waldkaribus. Ihr Lebensraum ist vom Menschen inzwischen so fragmentiert worden, dass die Tiere zu verschwinden drohen

Mit dem leiser werdenden Propellergeräusch des Flugzeugs, werden auch meine Gedanken über alle Umweltprobleme weniger dominant. Ich stehe am Ufer einer der unzähligen Seen und beginne recht schnell, mit allen Sinnen in diese Wildnis einzutauchen. Mein Blick schweift über die Wasserfläche. Am anderen Ende säumen Fichten das Ufer,die sich wie ein Schutzmantel um die Berge schmiegen.

Hin und wieder sprengen goldene Flecken das Meer aus Grün. Herbstlich gefärbte Birken und Lärchen wachsen in dieser Region nur recht spärlich. Für die kommenden neun Tage ist die Welt für mich „heil“. Harmonie und Gleichgewicht umgeben mich. Alles hat seinen Platz – nichts ist überflüssig oder schädlich. Jeden Tag verbringe ich mit Streifzügen in die Wälder oder paddle mit dem Kanu auf natürlichen Kanälen zwischen den größeren Seen. Damit kann ich meinen Aktionsradius wesentlich erweitern. Als Camp dient mir eine verlassene Blockhütte, in der ich bei Regen Schutz finde und an deren Ofen mir an manch kühlem Abend ein wärmendes Feuer die müden Knochen wärmt.

Wege oder Pfade gibt es keine. Jeder Meter muss erkämpft werden. Wildnis im borealen Wald bedeutet eine üppige Vegetation im Unterholz. Manchmal wegen ihrer Dichte schwer zu durchdringen, manchmal wegen ihrer Schönheit fast zu fragil und verletzlich, um darüber zu trampeln. Dicke Teppiche aus Moosen und Flechten überziehen den Waldboden, Pilze wachsen in vielen Formen und Größen im Moos und auf totem Holz. In strahlendem rot leuchten die Büsche der Blaubeeren, die mit ihrer Frucht wiederum Kontraste setzen. Die Vielfalt der Vegetation in all ihren Formen und Farben wirkt fast berauschend. Erst im Wald erschließt sich dem Wanderer die volle Farbenpracht des Indian Summers. Ich merke sehr schnell, das ich genau zur rechten Zeit in den White Mountains bin. Die Färbung ist massiv und erst gegen Ende meines Aufenthaltes haben die einsetzenden Herbststürme die Blätter von den Bäumen und Büschen so dezimiert, dass die beste Zeit zum Fotografieren vorbei ist.


Wegen des rauen, nördlichen Klimas sind die Bäume nur noch recht mickrig. Selbst Jahrhunderte alte Patriarchen werden hier nicht sehr groß. Umso unverständlicher ist es, dass selbst hier im hohen Norden die Bäume nicht vor der Rohdung sicher sind. Es ist die pure Anzahl, die den Holzfirmen die Gewinne sichern. Millionen kleiner Bäume liefern genug Masse, um die unterschiedlichsten Dinge zu produzieren, welche wir „Verbraucher“ ohne viel Nachzudenken konsumieren, und dann meist nach einmal benutzen, wegschmeißen. Müssen es beim Bäcker für fünf verschiedene Teilchen drei verschiedene Papiertüten sein? Papier zum Hände trocknen für Millionen Angestellte, Schüler oder Reisende in Bürogebäuden, Schulen, Raststädten und anderen Orten des öffentlichen Lebens? Toilettenpapier will ich ja gar nicht in Frage stellen, das brauchen wir. Aber wenn schon dann bitte aus recyceltem Zellstoff. Das spart Wasser & Energie und nimmt den Druck von den letzten Urwäldern. Richtig erschaudern lässt mich der Gedanke, dass gerade im Kampf gegen den Klimawandel das Thema „Biomasse“ eine akute Gefahr für den Urwald geworden ist. Nachdem der Bauboom in Nordamerika wegen der Finanzkrise vorbei ist und kaum noch Holz zum Häuserbau verkauft wird, sehen die Strategen in den Konzernen im Klimaretten ein neues Geschäftsmodell. Wald roden um klimafreundliche Energie zu schaffen! Der Druck auf die Wälder steigt dadurch gewaltig, und zwar weltweit. Dieses Problem ist auch recht schwer in der gesellschaftlichen Diskussion vermittelbar. Die Energiethematik ist extrem vielschichtig, wie man auch an der heimischen Diskussion über Windkraftanlagen sehen kann. Im Prinzip will sie jeder haben – aber bitte nicht vor der eigenen Haustür.

Der höchste Berg in den White Mountains ist etwas mehr als tausend Meter hoch und überragt die Baumgrenze soweit, dass ich von den Gipfeln schöne Blicke über die Landschaft fotografisch festhalten kann. Ich packe neben der Fotoausrüstung Zelt, Schlafsack und ausreichend Nahrungsmittel in den Rucksack und paddle auf die andere Seite des Sees. Der Aufstieg ist mühsam – aber wegen der kleinen Höhenunterschiede von wenigen hundert Metern in knapp zwei Stunden gemeistert. In einer vom Wind geschützten Kuhle schlage ich das Zelt auf, und mache mich dann in aller Ruhe daran auf Motivsuche zu gehen. Auf dem Bergrücken habe ich einen Spielraum von wenigen hundert Metern, so dass schnell klar ist, an welchen Stellen ich mich während der magischen Minuten des Sonnenunterganges aufhalten werde. Die Zeit bis es dann soweit ist verbringe ich mit purem entspannt-sein.

An den Blicken, auf die vom Menschen unberührte Natur, kann man sich kaum satt sehen. Hektisch wird es nur, wenn das Licht dann tatsächlich perfekt ist. Je nach Wolkenlage sind es oft nur kurze Augenblicke. Während denen möchte man dann am Liebsten an allen Stellen gleichzeitig sein. Da heißt es Ruhe bewahren, und ein Motiv nach dem Anderen abarbeiten. Solange, bis das Licht unbrauchbar geworden ist. Selbst nach Sonnenuntergang kann man mit längeren Belichtungszeiten experimentieren, und bekommt je nach Motiv noch erstaunliche Ergebnisse. An diesem Abend bin ich recht zufrieden im Schlafsack verschwunden. Mein kleiner Wecker war gestellt, um vor Sonnenaufgang wieder an der Kante zu stehen und das Licht von der anderen Seite in Motive zu packen. Doch, wie so oft in der Naturfotografie kommt es anders als man denkt oder sich wünscht. Eine dicke Nebelsuppe liegt am Morgen über der Landschaft. Der Blick fällt ins Nichts. Ich schalte den Wecker aus und schaue im Halbschlaf alle paar Minuten aus dem Zelt, ob sich nicht doch noch was tut. Am Ende der Tour bin ich über den Nebel gar nicht unglücklich, denn beim Abstieg erweist sich die graue Soße als perfekte Zutat für atmosphärische Fotos innerhalb des Waldes. So kann man fast jede Wetterlage für bestimmte Aufnahmesituationen nutzen. Nur ein blauer, wolkenloser Himmel ist bei mir äußerst unbeliebt. Der ist nur langweilig und kaum zu gebrauchen.

Gerade die wolkenlosen, langweiligen Tage sind es, die mir aufregende, unvergessliche Nächte beschert haben. Die klare Luft sorgt für ein absolutes Spektakel am Nachthimmel. Es ist kurz nach Neumond. Kein überflüssiges Streulicht trübt die Leuchtkraft der unendlichen Sternenmeere über mir. Die alten mit Flechten behangenen Bäume bilden skurrile Silhouetten und schaffen mystische Motive. Als dann im Norden die „Aurora Borealis“ ihren lautlosen Tanz beginnt und grüne und rote Schleier über den Nachthimmel zaubert, ist das an Intensität fast nicht zu steigern.

Es ist in dieser Nacht absolut Windstill und die Ruhe wirkt fast körperlich greifbar. Ein Kauz sitzt nur wenige Meter über mir auf einen Ast und lässt sich durch das Klicken meiner Kamera nicht aus der Ruhe bringen. Bis spät in der Nacht wandle ich zwischen den stummen hölzernen Kameraden umher, genieße das Schauspiel  und probiere verschiedene Aufnahmetechniken aus. So hält jeder Tag große und kleine Wunder für mich bereit und macht den Aufenthalt in den White Mountains absolut zauberhaft.

Als dann am letzten Abend ein leichter Nieselregen einsetzt, der mit zunehmender Kälte in Schnee übergeht, habe ich beim Einschlafen eine Vorahnung. Der kommende Morgen könnte die Motivpalette nochmals um eine weitere Facette bereichern. Ich kann mein Glück kaum fassen als ich dann wenige Stunden später, noch vor Sonnenaufgang, durch eine völlig veränderte Umwelt laufe. Einem Seidenschal gleich hat sich eine zarte weiße Schneeschicht über die Welt gelegt.

Die Luft ist glasklar und das, durch das neue Element durchschimmernde Herbstkleid der Natur, setzt tolle Kontraste. Immer nur an wenigen Augenblicken blitzt später die Sonne durch die Wolken und bringt Farben zum Leuchten. Als ich nach fünf Stunden erschöpft und zufrieden zum Camp zurückkehre, ist der Winter schon wieder verschwunden. Die Kraft der Sonne hat sich nochmals durchgesetzt und es bei einer kurzen Ahnung belassen, wie es hier in den kommenden Monaten aussehen wird. Während ich wieder im Flugzeug sitze und nach einiger Zeit die ersten Forststraßen sehe, sind Klopapier, Kaffeebecher & Co. sofort wieder ganz präsent.

Erlebbarer Klimawandel im Hochgebirge 01.02.2010

Durch die Erfahrungen der letzten Arbeiten in Polen und im Harz bin ich von der Wirkung des Mondlichtes ziemlich angetan. Deshalb gibt es auch keine Gnade als um vier Uhr morgens der Wecker klingelt und mich zum erneuten Fotoeinsatz ruft. Ich bin im schweizerischen Wallis auf der knapp 2000 Meter hoch gelegenen Riederalp einquartiert. Starke Schneefälle und ein bewölkter Himmel haben in den vergangenen 36 Stunden die Arbeit unmöglich gemacht, und mir die Vollmondnacht gestohlen. Doch heute Nacht gegen zwei Uhr haben sich die Wolken verzogen und die Strahlen des immer noch sehr großen Mondes können die schneebedeckten Berge erhellen. Es hat eisige 15 Grad Minus als ich mir die Schneeschuhe umschnalle und mich über die frisch gespurte Skipiste an den Aufstieg zur Riederfurka mache. Sie befindet sich an der oberen Kante dieses riesigen Vergnügungsgebietes in dem täglich tausende Wintersportler über die Berghänge ins Tal rauschen. Während diese Seite des Bergrückens komplett vom Menschen für sein Vergnügen vereinnahmt ist, erlebt man auf der anderen Seite ein Naturschauspiel das in Europa seinesgleichen sucht.

Aletschwald  499

Im schalen Schein des Mondlichts öffnet sich mir ein einzigartiger Blick auf den Aletschgletscher, dem größten Eisstrom der Alpen. Er ist dreiundzwanzig Kilometer lang, bis zu tausend Meter dick und hat ein Gewicht das 72 Millionen Jumbojets entspricht. Um das Jahr 1860 war der letzte Hochstand des Eises. Der Rand lag damals fast zweihundert Meter höher als heute. Ich male mir aus wie das ausgesehen haben muss. Damals wäre ich mit meinem jetzigen Standpunkt am unmittelbaren Gletscherrand gestanden. Heute blicke ich dagegen in einen tiefen Taleinschnitt. Das Eis ging seit damals beständig zurück. Profitieren tut davon die Vegetation. In den oberen Hanglagen sehe ich jahrhunderte alte Arven. Weiter unten breitet sich auf ehemals vergletscherten Böden nach und nach neuer Pflanzenbestand aus. Auf den Seitenmoränen kommen zuerst die Pionierpflanzen, später sind es Sträucher und zuletzt wachsen Bäume.

Aletschwald  504

Diese sind der Grund warum ich das Gletschergebiet in mein Waldprojekt mit einschließe. Der Aletschwald an den Hängen in der Nähe des Eises ist ein Schutzgebiet, in dem sich einige bemerkenswerte Vorgänge studieren lassen. Die nördliche Grenze wurde durch den linken Rand des Gletschers festgelegt. Da der Eisstrom seit Jahrzehnten permanent schmilzt, wird das Gebiet jedes Jahr größer. Seit 1933 ist der Aletschwald um rund 80 Hektar gewachsen. Die verstärkte Erderwärmung seit Mitte der achtziger Jahre lässt das Eis in besonders dramatischer Geschwindigkeit schmelzen. Wissenschaftler gehen davon aus, dass es in einer nicht allzu weiten Zukunft keine Gletscher mehr im Alpenraum geben wird. Ich möchte mir momentan nicht vorstellen wie es dann hier oben aussehen wird. Durch die Dunkelheit, die gar keine ist, laufe ich über den Bergrücken parallel zum Verlauf des Waldes. Der Mond lässt einzelne Eiskristalle wie kleine Spiegelchen leuchten. Auf der anderen Seite des Gletschers fährt eine Pistenwalze unermüdlich ihre Bahnen. Ein heller Scheinwerfer strahlt weit über den verschneiten Berghang. Ihr monotones Brummen dringt durch die Stille der Bergnacht. Über die weite Distanz erreicht der Ton trotz Sturmhaube und Mütze mein Ohr. Ich fluche, weil sie mir einige Bildmotive versaut, die das gesamte Alpenpanorama mit einschließt. Selbst hier im Hochgebirge muss man seinen Bildausschnitt einschränken weil der Mensch sich in die letzen Winkel ausgebreitet hat.

Aletschwald  502

Ich bereue es nicht, dass ich in meiner späten Jugend mit dem Skifahren aus Gewissensgründen aufgehört habe. Ich habe schon damals nicht mehr teilhaben wollen am Ausverkauf der letzten unberührten Berghänge. Wegen des wärmeren Klimas wird es nur noch schlimmer. Immer mehr Skigebiete werden nicht mehr genug der weißen Pracht abbekommen. Dies zwingt die Betreiber, sofern ihnen der kurzfristige Gewinn wichtiger ist als ein Umdenken, zu zwei bedrohlichen Maßnahmen:  Zum Einem werden neue Skigebiete in immer höhere und damit bisher unberührte Naturräume gebaut. Die andere Katastrophe sind aus meiner Sicht die Schneekanonen, mit denen mit ungeheurem Aufwand an Energie und Wasser künstlich Schnee erzeugt wird. Damit wird der Klimawandel nur noch verstärkt, der für den Schneemangel verantwortlich ist. Doch ich bin nicht hier um griesgrämig zu werden, sondern um von der berauschenden Kulisse möglichst schöne Fotos zu machen. Fast unwirklich wird die Stimmung, als das Licht des Mondes die gleiche Kraft besitzt  wie die auf der anderen Seite beginnende Morgendämmerung. Es sind nur wenige Augenblicke, dann hat der untergehende Mond diesen ungleichen Kampf verloren und das Licht des neuen Tages nimmt überhand.

Aletschwald  501

In diesen Momenten schieße ich viele Fotos von der gesamten Szenerie. Im Vordergrund die Bäume und dahinter der Gletscher und die ihn überragenden Berge. Alles ist in ein magisches bläuliches Licht gehüllt. Es ist immer erforderlich dem Fotostativ einen stabilen Standpunkt zu verschaffen, was im meterhohen Schnee nicht immer ganz einfach ist. Beim Objektivwechsel ist es ganz wichtig, nicht auf die Linse oder in die offene Kamera zu atmen. Es bilden sich sofort Kristalle auf dem Glas, die zu massiven Unschärfen innerhalb des Bildes führen. Dies habe ich später mit Bestürzung am Computer festgestellt. Dadurch sind mir einige Bilder misslungen, die ich ausgerechnet während des besten Lichtes geschossen habe.

Diesen Text schreibe ich heute drei Tage nach diesem Abenteuer. Seitdem laufe ich mit einer bräunlichen Nasenspitze durch die Gegend. Während ich beim Fotografieren durch den Sucher geschaut habe, hat mein Atem auf dem Rückteil der Kamera eine Eisschicht entstehen lassen. Darauf ist meine Nase immer wieder angeklebt und hat so zu leichten Erfrierungen geführt. Das ist nicht weiter schlimm, sieht aber komisch aus.

Aletschwald  503

Der Sonnenaufgang an jenem Morgen war schon der Höhepunkt dieses schönen Fotoausfluges. Kurz darauf höre ich die Skilifte rauschen und mache mich an den Abstieg. Den Aletschwald werde ich nochmals zu einer anderen Jahreszeit besuchen.

Fazit 22.08.2009

Ich habe auf dieser Reise viel gelernt und mich ausreichend für meine Arbeit inspirieren lassen, mit ganzer Kraft weiter mitzuhelfen, möglichst viele Menschen von den drohenden Gefahren des Klimawandels aufmerksam zu machen. Noch haben wir Chancen, Schritte in die richtige Richtung zu machen.

Richtig deprimierend ist es, wenn man nach so einer faszinierenden Reise wieder zu Hause durch die Medien stöbert, um zu sehen, was wirklich interessant zu sein scheint. Es ist Wahlkampf in Deutschland, wir stecken mitten in der größten Finanzkrise seit Jahrzehnten und nichts aber auch gar nichts treibt die Menschen zum Thema Klimawandel um. Seit Monaten geht es um die Rettung von OPEL, die Dienstwagenaffäre von Ulla Schmidt und dass sich die FDP und CDU schon jetzt ständig darüber zanken, wie der Wahlsieg für Schwarz-Gelb umzusetzen ist. Das Thema Klimaschutz ist ein Randthema. Vielleicht haben wir es auch nicht anders verdient. Der Planet wird den Menschen sicher überdauern und seine Mitte wieder finden. Was sind schon ein paar Millionen Jahre, für einen Organismus der seit Milliarden Jahren existiert.

Sermilik Fjord (Westgrönland) 20.08.2009

Auch wenn ich bisher immer nur kurze Abschnitte der Kampagnen  begleitet habe bei denen Greenpeace Schiffe im Einsatz sind (2004 in Patagonien & 2006 in Amazonien), so löst es doch immer wieder ein gewisses Gefühl von Stolz aus, wenn man an Bord geht und Teil dieser Gemeinschaft wird. Die Schiffe sind für mich Symbole, die viel über die Arbeit von Greenpeace aussagen. Sie erreichen jeden Ort auf dem Planeten. Da Ausbeutung und Zerstörung oft dort stattfinden, wo das Auge der Tagespresse nicht hinschaut, sind es die Schiffe, die da sind um aufzuklären und Schweinereinen zu verhindern (Sorry für die Wortwahl, aber genau das ist die richtige Ausdrucksweise für die Überfischung unserer Meere und die Zerstörung unserer Urwälder.)

Vom kleinen Ort Tasiilaq nimmt die „Arctic Sunrise“ Kurs auf den großen Sermilik Fjord, in dessen Verlauf ein halbes duzend Gletscher ihre Eismassen ins Wasser kalben. Entsprechend viele Eisberge passieren wir schon am Anfang des Fjords.

Der Hauptgrund dieser Expedition ist es, unabhängigen Wissenschaftlern ihre Forschung zu ermöglichen. Im Jahre 2005 gab es schon einmal eine Expedition. Alte und neue Daten sollen nun miteinander verglichen werden, um fundierte Rückschlüsse ziehen zu können, wie stark die Klimaveränderung auf die Gletscherschmelze Einfluss hat. Von Gordon Hamilton, einem Wissenschaftler der Universität von Maine, erfahren wir, dass sie schon im Jahre 2005 ungläubig gestaunt haben und es kaum glauben konnten was sie an Daten ermittelt haben. Der Helheim Gletscher, der in den Sermilik –Fjord mündet, hat seine Geschwindigkeit zwischen 2004 und Juli 2005 nahezu verdoppelt. Bisher ist die Gletscherschmelze vom Grönlandeis im Bericht des Weltklimarates (IPCC) gar nicht ausreichend berücksichtigt. Was den Anstieg des Meeresspiegels betrifft, hat dieses Eis aber durchaus ein großes Gewicht. Würde die gesamte Eismasse von Grönland auf einmal ins Wasser kippen, hätte dies einen Anstieg von mindestens 6 Metern zur Folge. Schon wesentlich weniger höheres Meerwasser hat für Millionen Menschen verheerende Auswirkungen, denn die meisten Großstädte der Welt sind direkt am Wasser gebaut. Momentan steigt der Meeresspiegel um wenige Millimeter im Jahr, was die Sache für viele Menschen wohl als sehr harmlos erscheinen lässt. Doch Prozesse, die einmal in Fahrt gekommen sind, lassen sich oft nur sehr schwer oder gar zu spät wieder korrigieren. Hat mal jemand versucht eine abgehende Lawine aufzuhalten? So ähnlich verhält es sich leider in vielen Abläufen, die wir durch unser Eingreifen gerade in der Natur anrichten. Seit dem ersten Bericht des Weltklimarates wurden die Prognosen eigentlich ständig zu unseren Ungunsten korrigiert, das heißt die negativen Auswirkungen sind schon heute massiver und die Abläufe schneller als bisher befürchtet.

Was Gordon und sein Team auf unserer Fahrt durch den Fjord messen werden, wird wohl leider  keine frohe Kunde für die Menschheit bringen. An verschiedenen Stellen und Tiefen im Wasser werden Messungen zum Salzgehalt und der Temperatur gemacht.

Geprüft werden soll unter anderem wie stark die durch den Klimawandel veränderten Meeresströmungen Einfluss auf das Gletschereis nehmen. Man vermutet, das deutlich mehr subtropisches Wasser in den Norden gelangt, was die Gletscherschmelze verstärkt.

Das Schiff ist voll mit Menschen. Die kommenden Tage sollen auch dazu genutzt werden, möglichst vielen Fernsehteams aus aller Welt die Gelegenheit zu geben, über diese Thematik zu berichten.

Iris Menn ist Meereskampaignerin bei Greenpeace Deutschland. Sie hat mit ihrer monatelangen Vorarbeit maßgeblich dazu beigetragen, dass diese Expedition durchgeführt wird. Von hier aus bis zum Ende der Expedition in sechs Wochen wird sie an Bord der Arctic Sunrise bleiben. Ihre Hauptaufgabe in den ersten Tagen ist es, die Fernsehteams zu betreuen. Sie muss dafür sorgen, dass die TV Leute (z.B. CNN, ARD, ZDF, RTL etc..) gutes Bildmaterial erstellen können, Interviews mit den Wissenschaftlern geführt werden und sie persönlich mit ihrem Fachwissen die Standpunkte von Greenpeace erläutern kann. (Wer mehr von Iris und der Expedition erfahren will, dem empfehle ich ihren Blog unter www.greenpeace.de/blog)

Für mich ist es sehr aufregend einige Tage diese Abläufe mitzubekommen. Highlight ist ganz klar der Transfer nach Tasiilaq mit dem bordeigenen Hubschrauber. Da nur eine begrenzte Zahl Menschen an Bord übernachten dürfen, gehöre ich zu den  Tagesbesuchern, die die Nacht im Ort verbringen. Es ist grandios, das Meer aus Eisbergen aus der Luft zu sehen. Schade, dass die Transfers zu einem Zeitpunkt stattfinden, an denen die Sonne noch gnadenlos auf das dunkle Wasser und die weißen Eisberge knallt. Dieser hohe Kontrast lässt zwar schöne Dokumentarfotos zu, stimmungsvolle Fotografien, wie ich sie so gerne mache, sind unter diesen Umständen leider unmöglich.

Angekommen 08.08.2009

Ich bin im ca. 5000 Einwohner fassenden Städtchen Ilulissat  in West-Grönland angekommen.

Seit nunmehr sechs Jahren bearbeite ich das Ökosystem Wald als fotografisches Thema für Greenpeace.

Ich reise mit meiner Kamera herum und dokumentiere die Schönheit und die Zerstörung unserer Erde. Was mache ich nun hier im völlig baumlosen Norden?

Die Antwort ist simpel: Es ist der alle ökologischen Themen überspannende Klimawandel, der mich veranlasst hat, Teil der Aktionen von Greenpeace in der Arktis zu werden.

Näheres findet Ihr auf www.greenpeace.de im Blog unter Iris Menn.

Nirgendwo sonst auf der Welt zeigen sich die Auswirkungen der Klimaverschiebungen deutlicher als im immer schneller schmelzenden Eis der Polregionen.

Im Dezember diesen Jahres findet in Kopenhagen die Alles entscheidende Klimakonferenz statt, in der ein Nachfolgemodell zur Deklaration von Rio gefunden werden muss.

Es ist vielleicht die letzte Chance der Menschheit sich endlich zu besinnen und gemeinsam die Reduktion der klimaschädlichen Treibhausgase soweit voranzutreiben, dass die Erderwärmung unter den für alle Kreisläufe so kritischen zwei Grad Celsius bleibt.

Ich habe nun knapp zwei Wochen Zeit mich mit dieser Problematik zu beschäftigen, dazuzulernen und schöne Fotos der kargen aber wunderschönen Landschaften Grönlands zu machen.

Ich bin gespannt, was die kommenden Tage für Abenteuer bereithalten.

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