Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: Klimawandel

Ozean Teil 2: “dem Paradies ganz nah” 30.03.2013

Manchmal muss man im Leben Entscheidungen treffen. Als ich über das Konzept für mein Greenpeace-Project „Naturwunder Erde“ nachgedacht habe, war mir von Anfang an klar, dass ich keine fotografische Hommage über unseren Planeten umsetzen kann, wenn ich das Element Wasser ausspare. Immerhin sind 70 Prozent unserer Welt mit Ozeanen überzogen, und diese sind die artenreichsten Ökosysteme überhaupt. Deshalb habe ich im letzten Jahr einen Tauchkurs belegt und auf der Grundlage meines stark ausgeprägten Selbstvertrauens eine sehr hochwertige Unterwasserausrüstung gekauft. Das war riskant. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt keine Ahnung ob ich in der Lage sein würde, die gewünschte fotografische Qualität auch unter der Wasseroberfläche umzusetzen. Meine werte Frau Mama wird nicht müde zu betonen wie wasserscheu ich als Kind gewesen bin, und in der Tat war das nasse Element nie eine Wohlfühlzone für mich. Doch ich habe diesen Schritt nicht bereut – im Gegenteil. Ich bin inzwischen bei fast siebzig Tauchgängen und habe einen der besten Unterwasserfotografen Deutschlands als Partner an meiner Seite um das Kapitel „Ozean“ umzusetzen. David Hettich (www.abenteuer-ozean.de) ist mit über dreitausend Ausflügen ins Reich der unterdrückten Farben praktisch im Wasser aufgewachsen. Der Junge ist zwölf Jahre jünger als ich und hat die Vita eines  alten Hasen. Durch ihn lerne ich jeden Tag dazu und bin begeistert über all die Wunder die wir durch unsere Abenteuer vor die Linse bekommen.

Wir sind auf dem Inselstaat Palau der im pazifischen Ozean liegt. Die Hauptinseln sind besiedelt und in der heutigen Zeit praktisch wie ein zusätzlicher Bundesstaat der Vereinigten Staaten einzuordnen. Von der ursprünglichen Inselkultur der Mikronesier ist, zumindest Oberflächlich gesehen, fast nichts mehr wahrzunehmen. Kaum eine Ansicht die nicht irgendwie an eine Kleinstadt irgendwo in der militärischen Schutzmacht USA erinnert. Vielleicht ist alles noch ein wenig ärmlicher, was auch am tropischen Klima liegen kann. Kein Metall das nicht rostet, kein Holz das nicht fault, keine Farbe die nicht bleicht, wenn man nicht ständig erneuert.

In den letzten Jahren ist der Tourismus beständig auf Wachstumskurs. Dies bringt zwar eine Menge Geld auf das Archipel, aber auch die üblichen Probleme im Windschatten in Form von vermehrtem Müllaufkommen, Land- und Energienutzung.

  

Palau hat das Glück das sich ein Großteil seiner Naturwunder vom bewohnten Festland entfernt in den vorgelagerten Korallenriffen befinden. Innerhalb des großen Außenriffs befinden sich die faszinierenden „Chelbacheb“- Inseln auch „Rock Islands“ genannt. Über 200 aus der Wasseroberfläche ragende Kalksteininseln in allen möglichen Formen und Größen sind für mich neben der fantastischen Vielfalt im Ozean die Hauptattraktion. Sie sind mit dichtem Urwald überzogen und nicht selten mit einem Sandstrand geadelt, welche wohl bei den meisten Naturfreunden schnell die Assoziation vom Paradies hervorrufen. Während des zweiten Weltkrieges wurde hier ordentlich gewütet. Die Japaner haben hier über hunderttausend Soldaten verloren. Einige ihrer zerschossenen Flugzeuge und Schiffswracks sind heute beliebte Tauchziele, weil sie im Laufe der Zeit mit einer Vielzahl an maritimen Lebensformen überzogen wurden.

Glücklicherweise sind die „Rock Islands“ heute Teil des Weltnaturerbes der UNESCO und Palaus Präsident hat im Jahre 2003 das erste Haischutzgebiet überhaupt ins Leben gerufen. Dies nährt die Hoffnung, dass man sich dem Wert seiner natürlichen Schätze durchaus bewusst ist. Jedes Jahr werden weltweit Millionen Haie vom Menschen dahingeschlachtet – ein Irrsinn wenn man dazu in Relation setzt wie viele Menschen durch diese Spezies tatsächlich zu schaden kommen. So sehr ich Herrn Spielberg als Regisseur von tollen Kinoerlebnissen schätze, hat er doch mit seinem „Weißen Hai“ bei unzähligen Menschen Ängste geschürt und eine Vorstellung geschaffen, die dieser Tierart in keinster Weise gerecht werden. 

Doch Palau kann noch so viel zum Erhalt seiner Naturschätze unternehmen, wenn die Weltgemeinschaft nicht anfängt über neue Wege im Umgang mit unseren Lebensgrundlagen nachzudenken, wird es den Staat in der heutigen Form irgendwann nicht mehr geben. Die Inseln von Mikronesien gehören zu den ersten großen Verlierern des vom Menschen gemachten Klimawandels. Erwärmt sich der Planet weiter, übersäuren die Ozeane und die Korallen werden sterben. Damit verliert das Land nicht nur die wichtigste Einnahmequelle in Form des Tourismus, sondern die heimischen Fischer auch ihre Lebensgrundlage, denn fast alle Kreisläufe im maritimen Leben sind mehr oder weniger stark mit der fragilen Welt der Korallenriffe verbunden. Vermehrte Taifune haben schon heute eine zerstörerische Kraft über und unter Wasser und der Anstieg des Meeresspiegels ist ebenfalls ein elementares Problem. Aufgrund all dieser Gefahren forderte Palaus Präsident  am 22. September 2011 in der UN-Vollversammlung dazu auf, dass diese ein Rechtsgutachten des Internationalen Gerichtshofes in Den Haag zu der Frage der Verantwortlichkeit der Staaten für die Folgen des andauernden Klimawandels einholen möge. Im Moment wird darüber diskutiert ob die Vollversammlung das tun solle, und ich hoffe inständig, dass die Initiative Palaus Erfolg haben wird.

David und ich waren drei Mal am berühmten Tauchplatz „Blue Corner“ welcher besonders für seine Haisichtungen bekannt ist. Dort haben wir uns an der Abbruchkante des Riffs mit dem Strömungshaken eingehängt. Dank eines Seiles werden wir vor dem Abdriften bewahrt und können in aller Ruhe beobachten was vor unseren Augen alles vorbeischwimmt. Bei einem von drei Versuchen haben wir beste Bedingungen. Die Sicht ist glasklar und die Vielzahl an Schwarmfischen und vor allem Haien die friedlich wenige Meter vor unseren Augen vorbeitreiben ist atemberaubend. In fünfzehn bis zwanzig Metern Tiefe werden wir  Zeuge eines vielfältigen Lebens welches, hat man es nicht mit eigenen Augen gesehen, kaum vorstellbar erscheint. Besonders fasziniert bin ich natürlich von den Riffhaien die in stoischer Ruhe keine drei Meter von mir entfernt an uns vorbeitreiben.

Neben der Vielzahl an Fischen welche die Strömung zur Nahrungsaufnahme nutzen ist das Riff mit unzähligen Korallen aller möglichen Farben und Formen bewachsen. Besonders die Fächerkorallen sind fotogen. Da unter Wasser die Farben schon nach wenigen Metern verschwinden ist es wichtig mit Blitzlicht zu fotografieren, damit diese wieder sichtbar werden. Für mich ist das ein herantasten an einen Bereich in der Fotografie der mir sehr fremd geworden ist. Ich habe in den vergangenen zwanzig Jahren in meiner Naturfotografie bewusst auf Blitzlicht als Gestaltungsmittel verzichtet und mich nur auf das natürliche Licht verlassen. Unter Wasser ist das unsinnig, so dass ich mich Stück für Stück bemühe das Blitzlicht in richtiger Dosierung mit dem natürlichen Licht zu mischen. Am Schönsten wirken die Fächerkorallen wenn sie gegen die Wasseroberfläche fotografiert sind. Stellt  man es geschickt an leuchten sie dann in all ihrer Pracht durch die Kraft des Blitzes und das Wasser wird Kontrastreich von tiefblau bis hellblau wiedergegeben.

Es dauert einige Zeit bis ich die richtige Dosierung hinbekomme. Dazu kommt natürlich immer noch die Schwierigkeit des Tauchens selber. Je stärker die Strömung desto schwieriger kann man die Kamera und vor allem den eigenen Körper tarieren. Was bei David spielerisch leicht aussieht ist bei mir als Neuling sehr harte Arbeit. Die Tarierung ist auch aus Naturschutzgründen sehr wichtig, denn  sehr schnell sind zarte Korallen zerstört wenn man seine Bewegungen nicht unter Kontrolle hat. Ich kann nicht behaupten das mir an jedem Tag viele Spitzenfotos gelingen, doch im Laufe der Zeit addieren sich die gelungenen Bilder und ich glaube das Kapitel „Ozean“ wird zu einem sehr spannenden Teil meiner neuen Multimediashow.

Patagonien Teil 2 “Ein langer Tag” 26.01.13

Die Sonne versteckt sich noch hinter den uns umgebenden Gipfeln, als wir die Bergstiefel ausziehen und uns an die Durchquerung des Flusses machen. Das Wasser ist bitterkalt, was kein Wunder ist, entspringt es doch einem Gletscher der nur wenige hundert Meter über uns sein kostbares Nass entlädt. Wir kommen alle ohne Probleme auf die andere Seite und setzen unseren Marsch fort. Die letzten Bäume liegen inzwischen weit hinter uns. Wir laufen durch eine Moränenlandschaft aus Geröll und von früherem Eis geschliffenem Gestein. Als die Sonne schon hoch am fast wolkenlosen Himmel steht erreichen wir einen See. Dieser ist dem Gletscher über den wir auf das Eisfeld hinaufsteigen wollen vorgelagert. Wir sehen in etwa 800m Entfernung die Gletscherzunge. Von unserem Guide erfahren wir, das noch im Jahr 2000 unser momentaner Standpunkt die Stelle war, an die das Eis gereicht hat.

Eine schockierende Nachricht. Natürlich kenne ich viele der Fakten und Abläufe über unsere sich schnell ändernde Welt in Zeiten des wandelnden Klimas. Doch anhand solcher sichtbarer Beispiele das ganze Ausmaß des Dramas zu sehen, ist nochmals eine andere Sache. Für einige Zeit fällt es mir schwer, die mich umgebene Natur genießen zu können. Ich muss immer wieder darüber nachdenken was wohl mit all den Millionen Menschen überall auf der Welt geschieht, wenn alle Gletscher abgeschmolzen sind, auf deren Existenz ihr Überleben aufbaut. Der Schwund ist dramatisch und Besserung ist nicht in Sicht – im Gegenteil.

Als wir uns durch das Geröll und über die Schuttablagerungen bis zur Gletscherkante vorgearbeitet haben, wird es Zeit die Steigeisen überzuziehen. Wir gewöhnen uns sehr schnell an die ungelenk wirkenden Schuhergänzungen. Zusammen mit jeweils zwei Stöcken geben sie uns beim Aufstieg über das Eis Halt und sicheres Auftreten. Die Oberfläche des Gletschers ist durchzogen von unzähligen Spalten und Gletschermühlen, in denen das Schmelzwasser im Untergrund verschwindet.

Wir sind fasziniert von der uns umgebenden Landschaft. Große, kleine und kleinste Geröllbrocken werden mit der Bewegung des Eises langsam in Richtung Tal transportiert. Nach einigen Stunden des stetigen aber moderaten Anstieges kommen wir an eine steil aufsteigende Felswand über die sich mehrere Wasserfontänen stürzen. In früheren Zeiten war auch hier das Gestein von einer massiven Eiswand überzogen. Doch in den immer wärmeren Sommern hat das Eis an dieser Stelle keine Chance mehr gegen die Kraft der Sonne.

Unsere Führer holen lange Seile aus dem Rucksack. Für uns beginnt ein spannender Aufstieg über glatten und steilen Untergrund.  Da jeder von uns einen Klettergurt um den Unterleib gebunden hat, können wir uns ins Seil einhaken und auch dieses Hindernis ohne Zwischenfälle überwinden. Oben angekommen befinden wir uns am Rande des patagonischen Eisfeldes. Hier oben ist das Eis trotz Sommerwärme nach wie vor mit Schnee bedeckt. Eine riesige weiße Fläche liegt vor uns, die nach wie vor stetig ansteigt. Alle Unebenheiten im Eis sind von der Schneefläche bedeckt. Wir ziehen uns Schneeschuhe über um auf der sich gegen Nachmittag aufwärmenden Schneemasse nicht allzu weit einzusinken. Als zwei Dreiergruppen sind wir nun mit je einem Seil miteinander verbunden. Ungefähr zehn Meter Abstand liegen zwischen uns. Sollte jemand in eine vom Schnee verborgene Gletscherspalte fallen haben die anderen beiden so die Chance ein weiteres Abrutschen zu verhindern und ihn oder sie wieder raufzuziehen. Der weitere Weg ist eigentlich einfach zu bewältigen, doch wir alle merken inzwischen, dass die Kräfte schwinden. Es ist inzwischen später Nachmittag. Wir sind schon elf Stunden in Bewegung. Unser Ziel für die erste Nacht ist eine kleine Schutzhütte die sich auf der Landesfläche von Chile befindet. Für kurze Zeit verlassen wir also Argentinien und marschieren in ein anderes Land. Ich muss wohl nicht erwähnen wie dämlich ich es fand, das wir um diesen Schlenker ins Nirgendwo – fern jeglicher Zivilisation machen zu dürfen, vor der Wanderung extra bei der Polizei in El Chaiten einen Ausreisestempel abholen mussten.  Die Hütte liegt etwas erhöht auf einem Geröllfeld und ist schon aus weiter Ferne sichtbar. Es ist erstaunlich wie lange „sichtbar“ sein kann, wenn jeder Schritt Mühe kostet und das Gewicht des Rucksacks unbarmherzig auf die Schultern drückt. Die Tasse voller Spagetti, die wir am Abend im Schutze der Blechwände zu uns nehmen könnte wohl köstlicher nicht schmecken. Ich bin seid fünfzehn Stunden auf den Beinen und mein Körper schreit eigentlich nach Ruhe und Schlaf. Doch gerade jetzt ist das nicht möglich. Ich kam zum fotografieren hier raus und jetzt beginnt nun mal die Zeit mit dem interessanten Licht. Mein Freund Luis war schon zu Beginn des Tages körperlich etwas angeschlagen. Tapfer hat er sich bis hier aufs Eisfeld geschleppt. Für ihn ist der Tag nun zu Ende. Fast wie in Trance fällt er aufs Bett und ist sofort eingeschlafen. Das beste Mittel um wieder zu Kräften zu kommen. Glück für mich, denn so kann ich mir sein Stativ ausleihen und in Ruhe arbeiten. Wer den ersten Teil dieses Berichtes gelesen hat weiß, dass ich meines erst Morgen erwarte. Wenn es dann hoffentlich durch einen topfitten Kurierservice gebracht wird.

Ich schleppe meine müden Glieder zur höchsten Stelle in dieser Umgebung. Der Ausblick ist wunderbar. Lässt man den Blick unseren auf dem Schnee gut sichtbaren Spuren folgen, blickt man direkt auf den „Fitz Roy“ und die ihn umgebenden Berge. Links von mir habe ich freie Sicht auf das Eisfeld  an dessen Horizont wiederum vereinzelte Gipfel von Gletschereis und Schnee überzogen sind. Hinter mir ist gerade in einem violett eingefärbten Himmel der fast volle Mond aufgegangen. Als die Sonne im Westen hinter dem Horizont verschwindet färben sich die Wolken über der Kulisse des „Fitz Roy“ ein. Es erstrahlt ein intensives Pink und bildet für wenige Minuten meinen emotionalen Höhepunkt an diesem wunderbaren Tag.

Alle anderen befinden sich schon in tiefen, erholsamen Schlaf, als ich nach Mitternacht zurück in die Schutzhütte komme. Obwohl ich komplett ausgelaugt bin schlafe ich nicht sofort ein. Zu wunderbar sind die Eindrücke die in meinem Kopf herumschwirren. Ich bin an einer der schönsten Stellen unseres Planeten und wir scheinen auch für die kommenden Tage Glück mit dem Wetter zu haben. Ein Lebenstraum wird gerade wahr.

Auf dünnem Eis 28.08.2012

Ich traue meinen Augen nicht, als ich mit einem leichten Schwung über die Bordkante des Schlauchbootes im seichten Wasser lande. Wir sind in einer der unzähligen Buchten des Inselarchipels Spitzbergen und ich verspüre zum ersten Mal seit Tagen wieder festen Boden unter den Füßen. Auf der gesamten Küstenlinie in dieser urigen, wilden Landschaft aus Geröll und Gletschereis, scheinbar weit abseits allen zivilisatorischen Unfugs, liegen unzählige Reste von kleinem und großem Abfall.

Endlos reihen sich Fetzen von Plastikverpackungen, Flaschen und Fischernetzen zwischen an Land gespültem Tang und Treibholz vor mir auf. An solchen Orten kann man den wahren Zustand unseres Planeten sehen. Durch unseren Konsumwahn drohen wir praktisch in unserem eigenem Müll zu ersticken. Hier an diesem Strand hat dies stellvertretend eine Möwe übernommen, deren Gefieder sich im Plastik verfing und das Tier verenden lies. Das Geweih eines Rentieres, welches wir verheddert zwischen einem Netz finden, lässt auch auf kein gutes Ende dieses Tieres schließen. Längst haben wir die Kontrolle über unser Handeln verloren. Bei kaum einer Reise wird dies deutlicher als hier in der Arktis. Wir müssen einige Zeit ins Landesinnere marschieren bis wir die letzten Reste menschlichen Wohlstandes hinter uns gelassen haben. Von einer Anhöhe aus blicken wir auf riesige Geröllfelder und eine völlig eisfreie Bucht.

Dies ist um diese Jahreszeit nicht ungewöhnlich. Es ist der arktische Sommer. Die Sonne geht nach wie vor nicht unter und die Temperaturen liegen im positiven Bereich. Das Eis wird in wenigen Monaten das Land und die Buchten von Norwegens nördlichstem Außenposten wieder fest in seinem Griff bekommen. Was aber durchaus nicht als normal zu bezeichnen ist, ist das Fehlen der arktischen Eismasse noch viele Kilometer nördlich der Inselgruppe. Während das antarktische Eis um den Südpol herum auf einer Landmasse aufliegt, befindet sich das arktische Eis um den Nordpol auf dem Wasser. Es ist ein natürlicher Prozess, dass sich die Eisfläche im Sommer reduziert und im Winter wieder anwächst. Doch, was wir momentan auf dieser Reise erleben, und was auch langsam durch die Medien sickert, lässt Schlimmes erahnen. Ich bin auf der „Plancius“ ein ehemaliges Forschungsschiff, welches zum Tourismusfrachter umgestaltet wurde. Gespräche mit Fachleuten an Bord bestätigen die schlimmsten Befürchtungen. Die Eismasse ist, seitdem der moderne Mensch Messungen vornimmt, noch nie soweit abgeschmolzen, wie momentan.

Da das Eis nirgends angebunden ist, können Winde und Strömungen durchaus schnelle, geografische Veränderungen der Fläche verursachen. Gestützt durch Langzeitstudien und Sattelitenaufnahmen lässt sich die Tendenz des arktischen Eisschwundes aber auf keinen Fall mehr leugnen. Dass es trotzdem weiterhin Ignoranten geben wird, die auch in den kommenden Jahren alle Hinweise auf den menschlich, gemachten Klimawandel ins Lächerliche ziehen werden, macht mich extrem wütend. Diese hirnlosen Egomanen, die sich von rechtslastigen „Think-Tanks“ und großen Ölmultis ein sorgenfreies Leben bezahlen lassen, werden sich auch darüber freuen wenn in ca zehn Jahren die Schmelze erstmals Schiffsverkehr durch die Arktis erlaubt. Dann kann der hemmungslose Raubbau an Rohstoffen auch an einem der letzten, bisher unberührten Orte des Planeten beginnen. Öl und Kohle kommen schneller zum Verbraucher und die Konzerne steigern ihre eh schon astronomischen Gewinne weiter nach oben. Somit profitieren die Verursacher allen Leides, das sie kommenden Generationen aufbürden, von Ihren eigenen Verbrechen. Es ist zum Heulen. Ich kann auch eines der Hauptargumente der Klimawandel-Leugner nicht mehr hören, die gebetsmühlenartig auf die Kartoffeln verweisen, die man zu früheren Zeiten auf Grönland angebaut hat. Wie dumm muss man sein, um sich eine einzelne Tatsache aus dem Zusammenhang zu reißen, um darin eine positive Entwicklung zu erkennen. Natürlich gab es seitdem die Erde rotiert im Klima Veränderungen in Hülle und Fülle. Selbst die Antarktis war vor Urzeiten mal eisfrei. Doch diese Veränderungen zogen sich über Zeiträume hinweg, welche die Anwesenheit des modernen, industrialisierten Menschen auf der Erde als Sekundenbruchteil degradieren.

Die komplette Artenvielfalt des Planeten und unsere unterschiedlichsten Lebensweisen aller Kulturen bauen sich auf dem Klimamodell von heute auf und nicht auf damals, als ein paar Halbwilde Kartoffeln auf Grönland pflanzen konnten. Die Veränderungen sind so weitreichend, dass man schnell den Überblick verliert. Das Leben auf der Erde besteht aus unzähligen Kreisläufen, die auf verschiedenste Weise miteinander verbunden sind. Schmilzt das Eis, hat dies Auswirkungen auf viele Abläufe, die sich wiederum mit anderen Verkettungen überkreuzen und ebenfalls alles durcheinanderbringen. Eines der prominentesten Opfer dieser Entwicklungen im arktischen Eis ist auch der Grund, warum ich mich auf diese Kreuzfahrt begeben habe – nämlich der Eisbär.

Kaum ein Tier steht symbolisch für all das, was verloren geht, wenn wir Menschen den Sinn unseres Lebens nicht schleunigst neu definieren, wie diese Bären.

Als die letzten, nördlichen Ausläufer Spitzbergens hinter dem Horizont verschwinden, fahren wir noch für viele weitere Stunden über eine dunkle Wasserfläche die völlig eisfrei ist. Die Reise wurde als „Eisbär Spezial“ beworben. Jeder an Bord ist deshalb in freudiger Erwartung, als wir uns dem angestammten Lebensraum des Eisbären nähern. Das Packeis, auf dem die Tiere über die Sommermonate auf Robbenjagd gehen, kommt erst um den 81ten Breitengrad in Sicht. Langsam manövriert der russische Kapitän das Schiff durch die Eisplatten. Spätestens hier hat mich der Polarvirus infiziert. Die Sicht ist gut. Bis auf alle Horizonte sehen wir das brüchige Eis, welches von kleinen und größeren Wasserflächen durchzogen ist. Alle Bären, die es mit dem Rückgang des Eises auf diese Flächen geschafft haben, und nicht auf den Inseln des Festlandes zurück geblieben sind, haben große Chancen durch die wärmere Jahreszeit zu kommen. Hier jagen sie mit großem Geschick nach Robben, die sie aus dem Wasser ziehen oder mit ihrem Geruchssinn in unterirdischen  Eishöhlen aufspüren und schnappen können. Der Himmel ist an diesem Tag mit einer leichten Wolkenschicht überzogen, aus der sich immer wieder Schneeflocken lösen. Dabei ist es fast windstill, was mir perfekte, fotografische Bedingungen bietet. Von den fünf Bären, die wir an diesem Tag erspähen, ist es Nummer Zwei, die mich sehr glücklich macht und die Reise für meine Arbeit zu einem großen Erfolg werden lässt.

Wir sehen die Bärin schon in der Ferne. Anders als ihre Artgenossen scheint dieses Tier recht neugierig zu sein. Während wir so manch einem anderen Gesellen fast hinterherfahren, kommt die Dame langsam aber beständig näher an das Schiff heran. So muss der Kapitän eigentlich nur an Ort und Stelle verharren. Passagiere und Personal stehen einträchtig an der Reling und beobachten ehrfürchtig wie sich dieses wunderschöne Tier Stück für Stück dem fremden riesigen Objekt nähert. Die Bärin hat ein wunderbar weißes Fell und sieht gut genährt aus. Ein Prachtexemplar. Es sind intensive Minuten, in denen ich viele schöne Variationen dieser Spezies auf meinen Chip banne, fast besser als ich es mir erträumt hatte.

Als sich die Eisbärin dann am Ende noch mit einigen Kunststückchen und drolligen Verrenkungen verabschiedet, lässt sie ein Boot voller Glücksseligkeit hinter sich zurück.

Wir erreichen bei der Rückfahrt nach Spitzbergen eine kleine, isolierte Insel, auf der sich sieben ihrer Artgenossen befinden. Die Bären klettern dort über Geröll und wirken irgendwie völlig bemitleidenswert. Schmilzt das Eis in den kommenden Jahren weiter in dieser Geschwindigkeit, so müssen immer mehr dieser Tiere verhungern. An Land haben sie kaum Aussicht auf ausreichend Nahrung, besonders wenn das rettende Eis von Jahr zu Jahr länger fernbleibt. Keiner weiß genau wann unsere Bären zum letzten Mal gefressen haben. Die unzähligen Möwen, weit oben im Vogelfelsen sind für sie unerreichbar. Die Kolonie von Walrossen, die vor der Küste im Wasser treibt, ist auch keine leichte Beute, da die klobigen Tiere sehr wehrhaft sind.

Die Anwesenheit der Walrosse ist jedoch eine kleine Erfolgsgeschichte, da die Tiere, ebenso wie die Wale, auch in Spitzbergen gnadenlos gejagt wurden. Durch Schutzmaßnahmen nehmen die Bestände dieser Art langsam wieder zu.

Ein Blick in die Geschichtsbücher lässt erahnen, auf was für einen überschwenglichen Reichtum an Leben die ersten Entdecker hier gestoßen sind, als sie sich in diese unbekannte, dem Menschen so lebensfeindliche Region aufmachten. Bis zu hundertsechzig Walfangboote sollen sich hier einst in einer einzigen Bucht aufgehalten haben – so zahlreich war die Beute. Mir kommen dabei die Bilder von den Büffeln in der nordamerikanischen Prärie in den Sinn, die von weißen Jägern zu hunderttausenden abgeschossen wurden, einfach weil sie so zahlreich vorhanden waren. Der Mensch ist das schlimmste Raubtier von Allen, er tötet nicht nur zum eigenen Überleben sondern zum Vergnügen.

Die Wale, Robben und Walrosse mussten damals dran glauben weil man aus Ihrem Fettgewebe Tran gewonnen hat. Bis Anfang des 20sten Jahrhunderts wurden damit in Form von Lampenöl Häuser und Straßen beleuchtet. Dass wir heute auf unserer Reise zwei Blauwale zu Gesicht bekommen, gleicht fast einer Sensation und zeigt wie gründlich unsere Spezies ist, wenn es darum geht den Reichtum dieses wunderbaren Planeten zu plündern. Erst wenn fast nichts mehr vorhanden ist, fängt man an, sich nach Alternativen umzuschauen. Diese sind auch in den allermeisten Fällen vorhanden. Hätten wir Alle nicht das „Gier“-Gen intus könnten wir den Planeten nachhaltiger nutzen und wären dabei noch wesentlich ausgeglichener und glücklicher. Davon bin ich überzeugt. Diese Reise an sich ist schon ein Paradoxon für mich gewesen. Innerhalb kürzester Zeit wurde es mir durch moderne Technik und einer vorhandenen Infrastruktur ermöglicht, tolle Fotos einer Region zu machen, die vor wenigen Jahrzehnten noch kaum erreichbar war. Hundert „Naturfreude“ werden dabei durch Szenarien geschippert, die so in naher Zukunft nicht mehr existieren. Dabei werden sie dreimal täglich mit den vielfältigsten Speisen gemästet, die aus aller Herren Länder zusammengetragen, hier im Überfluss angeboten werden. Es gibt Getränke aus Aluminiumdosen, Fleisch in Hülle und Fülle, und immer frische Servietten, Handtücher und was der moderne Kreuzfahrer sonst an Standart erwartet. Wir sind schon eine recht seltsame Lebensform.

Savanne Teil 4: Artenreich 20.06.2012

Eines der schönsten Naturerlebnisse auf unserer Erde dreht die oft vorherrschenden Verhältnisse um, indem der Mensch in eine Art Käfig verbannt wird und die Tiere frei umherziehen können. Die große Savanne die in Form der Serengeti und des Masai Mara Nationalparks vor dem Einfluss unserer Spezies geschützt wird, lässt sich nur aus dem Auto heraus erkunden. Der Gast bekommt genaue Regeln auferlegt und das ist auch gut so. Selbst in Afrika, geschweige denn im Rest der Welt gibt es kaum noch vergleichbare Regionen. Das Ökosystem Savanne wird heutzutage fast vollständig von uns Menschen zum Ackerbau und zur Viehzucht genutzt. An Orten wo beides nicht betrieben wird sind die Tiere meist weggeschossen oder stark reduziert. Führt man sich diese Realität vor Augen, so kann die Wichtigkeit dieses Landstrichs gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.


Hier im nördlichen Tansania und im südlichen Kenia haben die großen Herdentiere wie Gnus und Zebras noch die Möglichkeit ihren Instinkten zu folgen und ohne die Zerschneidung von Zäunen oder Straßen über die offenen Ebenen zu ziehen. Die Jahreszeiten teilen sich in Trockenzeit und Regenzeit. Die große Tierwanderung, auch Migration genannt, befindet sich immer in den Regionen in denen das Gras der Savanne grün und saftig ist. Ihre Route verläuft dabei Kreisförmig innerhalb der Grenzen des heutigen Schutzgebietes und wiederholt sich Jahr für Jahr.

Die Meisten, die wie ich in den Siebzigern und Achtzigern ihre Kindheit und Jugend verbracht haben, werden sich mit Wohlwollen an die Tiersendungen von Bernhard Grzimek erinnern. Er hat das Naturverständnis einer ganzen Generation geprägt und maßgeblich dazu beigetragen das wir unsere Weltsicht über den eigenen Tellerrand hinaus, weiträumiger definieren. Unvergessen ist sein Film „Serengeti darf nicht sterben“. Zusammen mit seinem Sohn Michael ist er über Monate mit dem Flugzeug in den Himmel gestiegen und hat die Tiere auf ihrem Weg beobachtet. Diesen zwei Visionären haben wir es zu verdanken, das man damals die für die Herden relevanten Regionen unter Schutz gestellt hat. Professor Grzimek hat für dieses Werk den wohl höchsten Preis bezahlt den ein Vater erleiden muss. Sein Sohn Michael starb beim Absturz eben jenes Flugzeugs mit dem die Beiden der Welt ein so großes Geschenk gemacht haben. Das Leben ist manchmal wirklich extrem unfair.

 

Wir erreichen die Serengeti am nördlichen Eingang. Hier oben sind die Tiermassen augenscheinlich noch nicht angekommen, denn das Gras steht an manchen Stellen bis zu einem Meter hoch. Es sieht herrlich aus wie sich die Halme sanft im Wind bewegen und der Blick weit in die Ferne reicht. Trotz der Begrenzung des Jeeps befällt mich beim Anblick dieser Natur ein beschwingtes Gefühl von Freiheit.

Immer wieder sehen wir Giraffen an Akazien und Büschen stehen. Antilopen, Elefanten, Perlhühner, Wildschweine, und unzählige Vögel machen die Fahrt zu einer aufregenden Entdeckungstour die zu keinem Zeitpunkt Langeweile aufkommen lässt. Nach einigen Stunden Fahrzeit erreichen wir das Zentrum des Schutzgebietes. Hier fließen wichtige Lebensadern dieses Ökosystems in Form größerer Flüsse, die ein zahlreiches Auftreten tierischer Bewohner versprechen. Um diese Jahreszeit, es ist nun Mitte Juni, werden hier die ersten Herden der großen Wanderung erwartet. In den kommenden Tagen schlagen wir unser Lager auf einem Campingplatz auf. Dieses wird Tagsüber von unserem Koch James bewacht. Wenn wir abends müde aber glücklich von der Fotopirsch zurückkehren, empfängt er uns mit einem fürstlichen Essen, welches er mit einfachsten Mitteln zubereitet. Meine Kraft reicht in der Regel noch dazu, die im Laufe des Tages gemachten Bilder am Labtop zu sortieren bevor ich mich ins Reich der Träume verabschiede.

Besonders hier im Herzen der Serengeti bildet ein Netz aus ungeteerten Wegen den Besuchern die Möglichkeit den Tieren bei ihrer Suche nach Nahrung und ihrem alltäglichen Kampf ums Überleben zuzusehen. Das verlassen der Wege ist strengstens untersagt was ich sehr begrüße. Es sind viele Besucher die mit ihren Eintrittsgeldern das Schutzgebiet am Leben halten. Man stelle sich nur mal vor wie es hier aussähe, würde jeder rumkurven können wo er wollte. Ganz abgesehen von den armen Tieren, die dann gar keine Ruhe mehr hätten.

Besonders die Raubtiere sind sowieso schon Leid geprüft. Immer wenn ein Fahrer eine Gruppe Löwen im Gras sitzen oder einen Leoparden im Baum liegen sieht, verbreitet sich diese Nachricht wie ein Lauffeuer. Die Jeeps sind untereinander mit Mobilfunk verbunden und die Fahrer nutzen diese Kommunikationsmöglichkeit nicht nur zum Austausch von Klatsch und Tratsch. So kann es vorkommen, dass sich um ein Gepardenpärchen, das sich um der Mittagshitze zu entgehen in einem Gebüsch niedergelassen hat, bis zu zwei Duzend Jeeps und Kleinbusse quetschen. Das Verhalten der Insassen dieser Blechkisten zeugt nicht immer von Respekt gegenüber den Tieren, was mich nicht selten schamvoll bewegt ihnen ein lautloses „Entschuldigung“ zurufen lässt. Klar, nicht jeder Besucher hat ein schweres Teleobjektiv am Start. Aber muss man auch noch mit der kleinsten Knipse Formatfüllende Portraits machen und den Tieren so Nah auf die Pelle rücken das man sie bald berühren kann? Es ist erstaunlich mit welcher stoischen Gelassenheit sie die mangelnde Würde des Menschen nicht nur kompensieren, sondern souverän mit Ignoranz und Ruhe dem fremden Wesen zeigen, wer hier die Herren im Grase sind.

Es existiert eigentlich nur eine Vorgabe durch die Nationalparks Verwaltung die mir als Fotograf richtig wehtut. Wir dürfen das Lager erst um sechs Uhr in der Früh verlassen und müssen abends um achtzehn Uhr von der Ausfahrt zurück sein. Wer meine Arbeitsweise durch die hier geschriebenen Blogeinträge kennt weiß, dass ich eigentlich schon in der Dunkelheit losziehe um dann bei Sonnenaufgang an einer besonderen Stelle zu sein. Dies ist hier in der Serengeti nur begrenzt möglich da es um sechs Uhr morgens schon recht hell ist. Schlimmer noch ist die Abendregelung. Die Mutter aller Savannenbilder, das Motiv welches das Wort „Klischee“ praktisch erzwungen hat – nämlich die knallrote Sonne die hinter einer Akazie oder besser noch dem Hals einer Giraffe untergeht, dieses Muss für jede Afrikabildstrecke, ist theoretisch unmöglich zu erstellen. Die Sonne versinkt während unserer Besuchszeit erst kurz nach halb Sieben hinter dem Horizont. Zu dieser Zeit darf kein Auto mehr unterwegs sein. Eines Abends habe ich unseren Fahrer Arnold dazu gebracht, die Regeln aufs maximal Äußerste zu dehnen und den Sonnenuntergang noch in der Savanne mit der Kamera einzufangen.

Als wir bei fast vollständiger Dunkelheit um kurz nach Sieben im Camp ankamen sind wir dann auch prommt erwischt worden. Zum Glück blieb es bei einer scharfen Verwarnung und Arnold musste wegen meines Berufes keine negativen Folgen für seinen Beruf befürchten. Gelohnt hat es sich für mich allemal wie das Ergebnis eindrucksvoll beweist.

An manchem Tage kreuzen wir die Stelle, an welcher der sogenannte „Serengeti Highway“ gebaut werden sollte. Ein Blick auf die reguläre Verkehrsstatistik in Kenia lohnt in diesem Zusammenhang. Da steht, wie oft es zwischen Tier und Auto zu Kollisionen kommt, und zwar auf normalen Straßen außerhalb von Schutzgebieten. Es ist ein absoluter Albtraum sich vorzustellen, was passiert wenn hier zwischen den hunderttausenden Gnus und Zebras täglich hunderte von Lastwagen rasen würden. Ein unerträglicher Gedanke. Natürlich brach nach Bekanntgabe der Pläne ein Sturm der Entrüstung los. Immerhin ist die Serengeti das bekannteste Schutzgebiet der Erde. Auch in der Tagesschau wurde dann irgendwann berichtet, dass die Straße nicht gebaut und es eine südliche Umfahrung geben wird. Doch wer genauer hinschaut wird feststellen, dass diese Geschichte noch lange nicht von Tisch ist. Gerade auch im Zusammenhang mit dem von mir im vorherigen Blog erwähnten Plan, am Natron See Soda Asche abzubauen, bleibt die Straße eine Gefahr. Denn das Eine funktioniert ohne das Andere nicht. Wer sich für diese Thematik interessiert und einen Facebook-Account hat, dem empfehle ich die Seite „Stop the Serengeti Highway“ anzuklicken. Hier wird man allumfassend informiert.

Die Tage an denen sich mächtige Quellwolken über dem Grasland bilden, sind mir die Liebsten. Sie sind wichtige Elemente im Bildaufbau da die ansonsten flache Savanne kaum attraktive Überblicke als Motive zulassen würde. Es sind unvergessliche Anblicke wenn in den Ebenen tausende Tiere grasen und die Wolken darüber thronen.

Einen absoluten Höhepunkt haben wir einige Wochen später in der kenianischen Masai Mara erlebt. Sie schützt die nördlichste Region der großen Tierwanderung, in der die Herden erst im August erwartet werden. Hier ist es uns gelungen einem Geparden bei der Jagd zuzusehen. Das schnellste Tier der Welt in Aktion.

Mir hat noch eine viertel Stunde später vor lauter Aufregung das Herz schneller geschlagen. Unglaublich mit was für einer Präzision und Grazie das Raubtier über die chancenlose Gazelle herfällt. Doch kaum ist das Opfer unter den Klauen des Geparden gesichert, springt ein mächtiger alter Löwe aus dem Gebüsch und verscheucht mit einer einzigen lässigen Bewegung die kleinere und erschöpfte Katze. So kann er die Beute ohne großen Aufwand in den Schatten zu zerren. Was für ein Spektakel – und ich Dussel hatte genau im Moment des Diebstahles die Kamera wegen eines Objektivwechsels außer Reichweite. Erst als der König der Savanne seine Beute wegträgt habe ich die Szene wieder im Bild festhalten können. Ich habe  noch lange Zeit leise vor mich hingeflucht.

Es sind unzählige größere und kleinere Begegnungen die den Besuch in dieser Region so unvergesslich machen. Als wir die Serengeti gen Süden verlassen fahren wir durch eine karge wüstenähnliche Landschaft. Ausbleibende Regenfälle und Millionen Hufe haben den Boden verdichtet und kaum Vegetation übrig gelassen. Schwer vorstellbar, dass sich hier im kommenden Zyklus wieder saftige Wiesen bilden werden. Die Savanne ist ein faszinierender Lebensraum – aber auch ein sehr Fragiler. Gerade Afrika leidet schon heute sehr stark unter den Irrungen und Wirrungen des Klimawandels. Bleibt hier der Regen aus, so ist dieser Ort dem Tode geweiht.

Farbenspiele 30. September 2011

Der Blick aus der offenen Seitentür des kleinen Wasserflugzeugs „Beaver“ ist in vielerlei Hinsicht gewaltig. Seit fast einer Stunde gleiten wir über die endlos erscheinende Weite der borealen Wälder im kanadischen Quebec. Die bewohnten Regionen haben wir längst hinter uns gelassen, doch der Einfluss des Menschen ist allgegenwärtig. Wegen unseres Hungers nach Rohstoffen fressen sich die Erntemaschinen der Holzkonzerne immer weiter in Richtung Norden und hinterlassen dabei ein Bild der Verwüstung, welches man aus dem Flugzeug mit ungefilterter Wucht zu sehen bekommt. Seit den 1970ern wurde allein in Quebec Urwald auf einer Fläche der sechsfachen Größe Belgiens zerstört. 88% der Staatswälder sind zum Einschlag freigegeben. Über 90 % davon werden im berüchtigten „Clearcut“ Verfahren geerntet.

Alle Bäume verschwinden dabei, zurück bleibt aufgerissener Boden und Ödnis. Weiter im Süden sind inzwischen neue Wälder entstanden. Die Natur kann sich innerhalb dieses Ökosystems teilweise erneuern. Dies ist wohl auch der Grund, weshalb es gerade innerhalb der kanadischen Gesellschaft so schwer ist, die Problematik der völlig überzogenen Holzwirtschaft ins Bewusstsein der Menschen zu bringen. Der Wald kommt doch zurück, alles halb so schlimm. Wie groß die Unterscheide zwischen den relativ artenarmen Neuwäldern und dem ursprünglichen Urwald sind, sollte ich in den vor mir liegenden Tagen ausreichend zu sehen bekommen.

Irgendwann ändert sich das Bild, die Rohdungsflächen verschwinden und keine Straßen zerschneiden mehr den unter uns liegenden, grünen Teppich aus Bäumen. Das flache Land beginnt sanfte Wellen zu schlagen und am Horizont sehen wir zwischen all den Bäumen, Flüssen und Seen den eine oder anderen Felsen die Baumgrenze überragen. Wir nähern uns langsam den „White Mountains“, dem Ziel unserer Reise. Dieses 14.000 qkm große Gebiet ist einer von zwei verbliebenen großflächigen Urwäldern in Quebec. Eine Insel der Artenvielfalt, umgeben von der Monotonie menschlicher Habsucht. Eine laufende Greenpeace-Kampagne hat zum Ziel dieses Gebiet unbedingt vor der Säge zu bewahren. Hier ist eines der letzten, intakten Brutgebiete der scheuen und vom Aussterben bedrohten Waldkaribus. Ihr Lebensraum ist vom Menschen inzwischen so fragmentiert worden, dass die Tiere zu verschwinden drohen

Mit dem leiser werdenden Propellergeräusch des Flugzeugs, werden auch meine Gedanken über alle Umweltprobleme weniger dominant. Ich stehe am Ufer einer der unzähligen Seen und beginne recht schnell, mit allen Sinnen in diese Wildnis einzutauchen. Mein Blick schweift über die Wasserfläche. Am anderen Ende säumen Fichten das Ufer,die sich wie ein Schutzmantel um die Berge schmiegen.

Hin und wieder sprengen goldene Flecken das Meer aus Grün. Herbstlich gefärbte Birken und Lärchen wachsen in dieser Region nur recht spärlich. Für die kommenden neun Tage ist die Welt für mich „heil“. Harmonie und Gleichgewicht umgeben mich. Alles hat seinen Platz – nichts ist überflüssig oder schädlich. Jeden Tag verbringe ich mit Streifzügen in die Wälder oder paddle mit dem Kanu auf natürlichen Kanälen zwischen den größeren Seen. Damit kann ich meinen Aktionsradius wesentlich erweitern. Als Camp dient mir eine verlassene Blockhütte, in der ich bei Regen Schutz finde und an deren Ofen mir an manch kühlem Abend ein wärmendes Feuer die müden Knochen wärmt.

Wege oder Pfade gibt es keine. Jeder Meter muss erkämpft werden. Wildnis im borealen Wald bedeutet eine üppige Vegetation im Unterholz. Manchmal wegen ihrer Dichte schwer zu durchdringen, manchmal wegen ihrer Schönheit fast zu fragil und verletzlich, um darüber zu trampeln. Dicke Teppiche aus Moosen und Flechten überziehen den Waldboden, Pilze wachsen in vielen Formen und Größen im Moos und auf totem Holz. In strahlendem rot leuchten die Büsche der Blaubeeren, die mit ihrer Frucht wiederum Kontraste setzen. Die Vielfalt der Vegetation in all ihren Formen und Farben wirkt fast berauschend. Erst im Wald erschließt sich dem Wanderer die volle Farbenpracht des Indian Summers. Ich merke sehr schnell, das ich genau zur rechten Zeit in den White Mountains bin. Die Färbung ist massiv und erst gegen Ende meines Aufenthaltes haben die einsetzenden Herbststürme die Blätter von den Bäumen und Büschen so dezimiert, dass die beste Zeit zum Fotografieren vorbei ist.


Wegen des rauen, nördlichen Klimas sind die Bäume nur noch recht mickrig. Selbst Jahrhunderte alte Patriarchen werden hier nicht sehr groß. Umso unverständlicher ist es, dass selbst hier im hohen Norden die Bäume nicht vor der Rohdung sicher sind. Es ist die pure Anzahl, die den Holzfirmen die Gewinne sichern. Millionen kleiner Bäume liefern genug Masse, um die unterschiedlichsten Dinge zu produzieren, welche wir „Verbraucher“ ohne viel Nachzudenken konsumieren, und dann meist nach einmal benutzen, wegschmeißen. Müssen es beim Bäcker für fünf verschiedene Teilchen drei verschiedene Papiertüten sein? Papier zum Hände trocknen für Millionen Angestellte, Schüler oder Reisende in Bürogebäuden, Schulen, Raststädten und anderen Orten des öffentlichen Lebens? Toilettenpapier will ich ja gar nicht in Frage stellen, das brauchen wir. Aber wenn schon dann bitte aus recyceltem Zellstoff. Das spart Wasser & Energie und nimmt den Druck von den letzten Urwäldern. Richtig erschaudern lässt mich der Gedanke, dass gerade im Kampf gegen den Klimawandel das Thema „Biomasse“ eine akute Gefahr für den Urwald geworden ist. Nachdem der Bauboom in Nordamerika wegen der Finanzkrise vorbei ist und kaum noch Holz zum Häuserbau verkauft wird, sehen die Strategen in den Konzernen im Klimaretten ein neues Geschäftsmodell. Wald roden um klimafreundliche Energie zu schaffen! Der Druck auf die Wälder steigt dadurch gewaltig, und zwar weltweit. Dieses Problem ist auch recht schwer in der gesellschaftlichen Diskussion vermittelbar. Die Energiethematik ist extrem vielschichtig, wie man auch an der heimischen Diskussion über Windkraftanlagen sehen kann. Im Prinzip will sie jeder haben – aber bitte nicht vor der eigenen Haustür.

Der höchste Berg in den White Mountains ist etwas mehr als tausend Meter hoch und überragt die Baumgrenze soweit, dass ich von den Gipfeln schöne Blicke über die Landschaft fotografisch festhalten kann. Ich packe neben der Fotoausrüstung Zelt, Schlafsack und ausreichend Nahrungsmittel in den Rucksack und paddle auf die andere Seite des Sees. Der Aufstieg ist mühsam – aber wegen der kleinen Höhenunterschiede von wenigen hundert Metern in knapp zwei Stunden gemeistert. In einer vom Wind geschützten Kuhle schlage ich das Zelt auf, und mache mich dann in aller Ruhe daran auf Motivsuche zu gehen. Auf dem Bergrücken habe ich einen Spielraum von wenigen hundert Metern, so dass schnell klar ist, an welchen Stellen ich mich während der magischen Minuten des Sonnenunterganges aufhalten werde. Die Zeit bis es dann soweit ist verbringe ich mit purem entspannt-sein.

An den Blicken, auf die vom Menschen unberührte Natur, kann man sich kaum satt sehen. Hektisch wird es nur, wenn das Licht dann tatsächlich perfekt ist. Je nach Wolkenlage sind es oft nur kurze Augenblicke. Während denen möchte man dann am Liebsten an allen Stellen gleichzeitig sein. Da heißt es Ruhe bewahren, und ein Motiv nach dem Anderen abarbeiten. Solange, bis das Licht unbrauchbar geworden ist. Selbst nach Sonnenuntergang kann man mit längeren Belichtungszeiten experimentieren, und bekommt je nach Motiv noch erstaunliche Ergebnisse. An diesem Abend bin ich recht zufrieden im Schlafsack verschwunden. Mein kleiner Wecker war gestellt, um vor Sonnenaufgang wieder an der Kante zu stehen und das Licht von der anderen Seite in Motive zu packen. Doch, wie so oft in der Naturfotografie kommt es anders als man denkt oder sich wünscht. Eine dicke Nebelsuppe liegt am Morgen über der Landschaft. Der Blick fällt ins Nichts. Ich schalte den Wecker aus und schaue im Halbschlaf alle paar Minuten aus dem Zelt, ob sich nicht doch noch was tut. Am Ende der Tour bin ich über den Nebel gar nicht unglücklich, denn beim Abstieg erweist sich die graue Soße als perfekte Zutat für atmosphärische Fotos innerhalb des Waldes. So kann man fast jede Wetterlage für bestimmte Aufnahmesituationen nutzen. Nur ein blauer, wolkenloser Himmel ist bei mir äußerst unbeliebt. Der ist nur langweilig und kaum zu gebrauchen.

Gerade die wolkenlosen, langweiligen Tage sind es, die mir aufregende, unvergessliche Nächte beschert haben. Die klare Luft sorgt für ein absolutes Spektakel am Nachthimmel. Es ist kurz nach Neumond. Kein überflüssiges Streulicht trübt die Leuchtkraft der unendlichen Sternenmeere über mir. Die alten mit Flechten behangenen Bäume bilden skurrile Silhouetten und schaffen mystische Motive. Als dann im Norden die „Aurora Borealis“ ihren lautlosen Tanz beginnt und grüne und rote Schleier über den Nachthimmel zaubert, ist das an Intensität fast nicht zu steigern.

Es ist in dieser Nacht absolut Windstill und die Ruhe wirkt fast körperlich greifbar. Ein Kauz sitzt nur wenige Meter über mir auf einen Ast und lässt sich durch das Klicken meiner Kamera nicht aus der Ruhe bringen. Bis spät in der Nacht wandle ich zwischen den stummen hölzernen Kameraden umher, genieße das Schauspiel  und probiere verschiedene Aufnahmetechniken aus. So hält jeder Tag große und kleine Wunder für mich bereit und macht den Aufenthalt in den White Mountains absolut zauberhaft.

Als dann am letzten Abend ein leichter Nieselregen einsetzt, der mit zunehmender Kälte in Schnee übergeht, habe ich beim Einschlafen eine Vorahnung. Der kommende Morgen könnte die Motivpalette nochmals um eine weitere Facette bereichern. Ich kann mein Glück kaum fassen als ich dann wenige Stunden später, noch vor Sonnenaufgang, durch eine völlig veränderte Umwelt laufe. Einem Seidenschal gleich hat sich eine zarte weiße Schneeschicht über die Welt gelegt.

Die Luft ist glasklar und das, durch das neue Element durchschimmernde Herbstkleid der Natur, setzt tolle Kontraste. Immer nur an wenigen Augenblicken blitzt später die Sonne durch die Wolken und bringt Farben zum Leuchten. Als ich nach fünf Stunden erschöpft und zufrieden zum Camp zurückkehre, ist der Winter schon wieder verschwunden. Die Kraft der Sonne hat sich nochmals durchgesetzt und es bei einer kurzen Ahnung belassen, wie es hier in den kommenden Monaten aussehen wird. Während ich wieder im Flugzeug sitze und nach einiger Zeit die ersten Forststraßen sehe, sind Klopapier, Kaffeebecher & Co. sofort wieder ganz präsent.

Erlebbarer Klimawandel im Hochgebirge 01.02.2010

Durch die Erfahrungen der letzten Arbeiten in Polen und im Harz bin ich von der Wirkung des Mondlichtes ziemlich angetan. Deshalb gibt es auch keine Gnade als um vier Uhr morgens der Wecker klingelt und mich zum erneuten Fotoeinsatz ruft. Ich bin im schweizerischen Wallis auf der knapp 2000 Meter hoch gelegenen Riederalp einquartiert. Starke Schneefälle und ein bewölkter Himmel haben in den vergangenen 36 Stunden die Arbeit unmöglich gemacht, und mir die Vollmondnacht gestohlen. Doch heute Nacht gegen zwei Uhr haben sich die Wolken verzogen und die Strahlen des immer noch sehr großen Mondes können die schneebedeckten Berge erhellen. Es hat eisige 15 Grad Minus als ich mir die Schneeschuhe umschnalle und mich über die frisch gespurte Skipiste an den Aufstieg zur Riederfurka mache. Sie befindet sich an der oberen Kante dieses riesigen Vergnügungsgebietes in dem täglich tausende Wintersportler über die Berghänge ins Tal rauschen. Während diese Seite des Bergrückens komplett vom Menschen für sein Vergnügen vereinnahmt ist, erlebt man auf der anderen Seite ein Naturschauspiel das in Europa seinesgleichen sucht.

Aletschwald  499

Im schalen Schein des Mondlichts öffnet sich mir ein einzigartiger Blick auf den Aletschgletscher, dem größten Eisstrom der Alpen. Er ist dreiundzwanzig Kilometer lang, bis zu tausend Meter dick und hat ein Gewicht das 72 Millionen Jumbojets entspricht. Um das Jahr 1860 war der letzte Hochstand des Eises. Der Rand lag damals fast zweihundert Meter höher als heute. Ich male mir aus wie das ausgesehen haben muss. Damals wäre ich mit meinem jetzigen Standpunkt am unmittelbaren Gletscherrand gestanden. Heute blicke ich dagegen in einen tiefen Taleinschnitt. Das Eis ging seit damals beständig zurück. Profitieren tut davon die Vegetation. In den oberen Hanglagen sehe ich jahrhunderte alte Arven. Weiter unten breitet sich auf ehemals vergletscherten Böden nach und nach neuer Pflanzenbestand aus. Auf den Seitenmoränen kommen zuerst die Pionierpflanzen, später sind es Sträucher und zuletzt wachsen Bäume.

Aletschwald  504

Diese sind der Grund warum ich das Gletschergebiet in mein Waldprojekt mit einschließe. Der Aletschwald an den Hängen in der Nähe des Eises ist ein Schutzgebiet, in dem sich einige bemerkenswerte Vorgänge studieren lassen. Die nördliche Grenze wurde durch den linken Rand des Gletschers festgelegt. Da der Eisstrom seit Jahrzehnten permanent schmilzt, wird das Gebiet jedes Jahr größer. Seit 1933 ist der Aletschwald um rund 80 Hektar gewachsen. Die verstärkte Erderwärmung seit Mitte der achtziger Jahre lässt das Eis in besonders dramatischer Geschwindigkeit schmelzen. Wissenschaftler gehen davon aus, dass es in einer nicht allzu weiten Zukunft keine Gletscher mehr im Alpenraum geben wird. Ich möchte mir momentan nicht vorstellen wie es dann hier oben aussehen wird. Durch die Dunkelheit, die gar keine ist, laufe ich über den Bergrücken parallel zum Verlauf des Waldes. Der Mond lässt einzelne Eiskristalle wie kleine Spiegelchen leuchten. Auf der anderen Seite des Gletschers fährt eine Pistenwalze unermüdlich ihre Bahnen. Ein heller Scheinwerfer strahlt weit über den verschneiten Berghang. Ihr monotones Brummen dringt durch die Stille der Bergnacht. Über die weite Distanz erreicht der Ton trotz Sturmhaube und Mütze mein Ohr. Ich fluche, weil sie mir einige Bildmotive versaut, die das gesamte Alpenpanorama mit einschließt. Selbst hier im Hochgebirge muss man seinen Bildausschnitt einschränken weil der Mensch sich in die letzen Winkel ausgebreitet hat.

Aletschwald  502

Ich bereue es nicht, dass ich in meiner späten Jugend mit dem Skifahren aus Gewissensgründen aufgehört habe. Ich habe schon damals nicht mehr teilhaben wollen am Ausverkauf der letzten unberührten Berghänge. Wegen des wärmeren Klimas wird es nur noch schlimmer. Immer mehr Skigebiete werden nicht mehr genug der weißen Pracht abbekommen. Dies zwingt die Betreiber, sofern ihnen der kurzfristige Gewinn wichtiger ist als ein Umdenken, zu zwei bedrohlichen Maßnahmen:  Zum Einem werden neue Skigebiete in immer höhere und damit bisher unberührte Naturräume gebaut. Die andere Katastrophe sind aus meiner Sicht die Schneekanonen, mit denen mit ungeheurem Aufwand an Energie und Wasser künstlich Schnee erzeugt wird. Damit wird der Klimawandel nur noch verstärkt, der für den Schneemangel verantwortlich ist. Doch ich bin nicht hier um griesgrämig zu werden, sondern um von der berauschenden Kulisse möglichst schöne Fotos zu machen. Fast unwirklich wird die Stimmung, als das Licht des Mondes die gleiche Kraft besitzt  wie die auf der anderen Seite beginnende Morgendämmerung. Es sind nur wenige Augenblicke, dann hat der untergehende Mond diesen ungleichen Kampf verloren und das Licht des neuen Tages nimmt überhand.

Aletschwald  501

In diesen Momenten schieße ich viele Fotos von der gesamten Szenerie. Im Vordergrund die Bäume und dahinter der Gletscher und die ihn überragenden Berge. Alles ist in ein magisches bläuliches Licht gehüllt. Es ist immer erforderlich dem Fotostativ einen stabilen Standpunkt zu verschaffen, was im meterhohen Schnee nicht immer ganz einfach ist. Beim Objektivwechsel ist es ganz wichtig, nicht auf die Linse oder in die offene Kamera zu atmen. Es bilden sich sofort Kristalle auf dem Glas, die zu massiven Unschärfen innerhalb des Bildes führen. Dies habe ich später mit Bestürzung am Computer festgestellt. Dadurch sind mir einige Bilder misslungen, die ich ausgerechnet während des besten Lichtes geschossen habe.

Diesen Text schreibe ich heute drei Tage nach diesem Abenteuer. Seitdem laufe ich mit einer bräunlichen Nasenspitze durch die Gegend. Während ich beim Fotografieren durch den Sucher geschaut habe, hat mein Atem auf dem Rückteil der Kamera eine Eisschicht entstehen lassen. Darauf ist meine Nase immer wieder angeklebt und hat so zu leichten Erfrierungen geführt. Das ist nicht weiter schlimm, sieht aber komisch aus.

Aletschwald  503

Der Sonnenaufgang an jenem Morgen war schon der Höhepunkt dieses schönen Fotoausfluges. Kurz darauf höre ich die Skilifte rauschen und mache mich an den Abstieg. Den Aletschwald werde ich nochmals zu einer anderen Jahreszeit besuchen.

Fazit 22.08.2009

Ich habe auf dieser Reise viel gelernt und mich ausreichend für meine Arbeit inspirieren lassen, mit ganzer Kraft weiter mitzuhelfen, möglichst viele Menschen von den drohenden Gefahren des Klimawandels aufmerksam zu machen. Noch haben wir Chancen, Schritte in die richtige Richtung zu machen.

Richtig deprimierend ist es, wenn man nach so einer faszinierenden Reise wieder zu Hause durch die Medien stöbert, um zu sehen, was wirklich interessant zu sein scheint. Es ist Wahlkampf in Deutschland, wir stecken mitten in der größten Finanzkrise seit Jahrzehnten und nichts aber auch gar nichts treibt die Menschen zum Thema Klimawandel um. Seit Monaten geht es um die Rettung von OPEL, die Dienstwagenaffäre von Ulla Schmidt und dass sich die FDP und CDU schon jetzt ständig darüber zanken, wie der Wahlsieg für Schwarz-Gelb umzusetzen ist. Das Thema Klimaschutz ist ein Randthema. Vielleicht haben wir es auch nicht anders verdient. Der Planet wird den Menschen sicher überdauern und seine Mitte wieder finden. Was sind schon ein paar Millionen Jahre, für einen Organismus der seit Milliarden Jahren existiert.

Sermilik Fjord (Westgrönland) 20.08.2009

Auch wenn ich bisher immer nur kurze Abschnitte der Kampagnen  begleitet habe bei denen Greenpeace Schiffe im Einsatz sind (2004 in Patagonien & 2006 in Amazonien), so löst es doch immer wieder ein gewisses Gefühl von Stolz aus, wenn man an Bord geht und Teil dieser Gemeinschaft wird. Die Schiffe sind für mich Symbole, die viel über die Arbeit von Greenpeace aussagen. Sie erreichen jeden Ort auf dem Planeten. Da Ausbeutung und Zerstörung oft dort stattfinden, wo das Auge der Tagespresse nicht hinschaut, sind es die Schiffe, die da sind um aufzuklären und Schweinereinen zu verhindern (Sorry für die Wortwahl, aber genau das ist die richtige Ausdrucksweise für die Überfischung unserer Meere und die Zerstörung unserer Urwälder.)

Vom kleinen Ort Tasiilaq nimmt die „Arctic Sunrise“ Kurs auf den großen Sermilik Fjord, in dessen Verlauf ein halbes duzend Gletscher ihre Eismassen ins Wasser kalben. Entsprechend viele Eisberge passieren wir schon am Anfang des Fjords.

Der Hauptgrund dieser Expedition ist es, unabhängigen Wissenschaftlern ihre Forschung zu ermöglichen. Im Jahre 2005 gab es schon einmal eine Expedition. Alte und neue Daten sollen nun miteinander verglichen werden, um fundierte Rückschlüsse ziehen zu können, wie stark die Klimaveränderung auf die Gletscherschmelze Einfluss hat. Von Gordon Hamilton, einem Wissenschaftler der Universität von Maine, erfahren wir, dass sie schon im Jahre 2005 ungläubig gestaunt haben und es kaum glauben konnten was sie an Daten ermittelt haben. Der Helheim Gletscher, der in den Sermilik –Fjord mündet, hat seine Geschwindigkeit zwischen 2004 und Juli 2005 nahezu verdoppelt. Bisher ist die Gletscherschmelze vom Grönlandeis im Bericht des Weltklimarates (IPCC) gar nicht ausreichend berücksichtigt. Was den Anstieg des Meeresspiegels betrifft, hat dieses Eis aber durchaus ein großes Gewicht. Würde die gesamte Eismasse von Grönland auf einmal ins Wasser kippen, hätte dies einen Anstieg von mindestens 6 Metern zur Folge. Schon wesentlich weniger höheres Meerwasser hat für Millionen Menschen verheerende Auswirkungen, denn die meisten Großstädte der Welt sind direkt am Wasser gebaut. Momentan steigt der Meeresspiegel um wenige Millimeter im Jahr, was die Sache für viele Menschen wohl als sehr harmlos erscheinen lässt. Doch Prozesse, die einmal in Fahrt gekommen sind, lassen sich oft nur sehr schwer oder gar zu spät wieder korrigieren. Hat mal jemand versucht eine abgehende Lawine aufzuhalten? So ähnlich verhält es sich leider in vielen Abläufen, die wir durch unser Eingreifen gerade in der Natur anrichten. Seit dem ersten Bericht des Weltklimarates wurden die Prognosen eigentlich ständig zu unseren Ungunsten korrigiert, das heißt die negativen Auswirkungen sind schon heute massiver und die Abläufe schneller als bisher befürchtet.

Was Gordon und sein Team auf unserer Fahrt durch den Fjord messen werden, wird wohl leider  keine frohe Kunde für die Menschheit bringen. An verschiedenen Stellen und Tiefen im Wasser werden Messungen zum Salzgehalt und der Temperatur gemacht.

Geprüft werden soll unter anderem wie stark die durch den Klimawandel veränderten Meeresströmungen Einfluss auf das Gletschereis nehmen. Man vermutet, das deutlich mehr subtropisches Wasser in den Norden gelangt, was die Gletscherschmelze verstärkt.

Das Schiff ist voll mit Menschen. Die kommenden Tage sollen auch dazu genutzt werden, möglichst vielen Fernsehteams aus aller Welt die Gelegenheit zu geben, über diese Thematik zu berichten.

Iris Menn ist Meereskampaignerin bei Greenpeace Deutschland. Sie hat mit ihrer monatelangen Vorarbeit maßgeblich dazu beigetragen, dass diese Expedition durchgeführt wird. Von hier aus bis zum Ende der Expedition in sechs Wochen wird sie an Bord der Arctic Sunrise bleiben. Ihre Hauptaufgabe in den ersten Tagen ist es, die Fernsehteams zu betreuen. Sie muss dafür sorgen, dass die TV Leute (z.B. CNN, ARD, ZDF, RTL etc..) gutes Bildmaterial erstellen können, Interviews mit den Wissenschaftlern geführt werden und sie persönlich mit ihrem Fachwissen die Standpunkte von Greenpeace erläutern kann. (Wer mehr von Iris und der Expedition erfahren will, dem empfehle ich ihren Blog unter www.greenpeace.de/blog)

Für mich ist es sehr aufregend einige Tage diese Abläufe mitzubekommen. Highlight ist ganz klar der Transfer nach Tasiilaq mit dem bordeigenen Hubschrauber. Da nur eine begrenzte Zahl Menschen an Bord übernachten dürfen, gehöre ich zu den  Tagesbesuchern, die die Nacht im Ort verbringen. Es ist grandios, das Meer aus Eisbergen aus der Luft zu sehen. Schade, dass die Transfers zu einem Zeitpunkt stattfinden, an denen die Sonne noch gnadenlos auf das dunkle Wasser und die weißen Eisberge knallt. Dieser hohe Kontrast lässt zwar schöne Dokumentarfotos zu, stimmungsvolle Fotografien, wie ich sie so gerne mache, sind unter diesen Umständen leider unmöglich.

Angekommen 08.08.2009

Ich bin im ca. 5000 Einwohner fassenden Städtchen Ilulissat  in West-Grönland angekommen.

Seit nunmehr sechs Jahren bearbeite ich das Ökosystem Wald als fotografisches Thema für Greenpeace.

Ich reise mit meiner Kamera herum und dokumentiere die Schönheit und die Zerstörung unserer Erde. Was mache ich nun hier im völlig baumlosen Norden?

Die Antwort ist simpel: Es ist der alle ökologischen Themen überspannende Klimawandel, der mich veranlasst hat, Teil der Aktionen von Greenpeace in der Arktis zu werden.

Näheres findet Ihr auf www.greenpeace.de im Blog unter Iris Menn.

Nirgendwo sonst auf der Welt zeigen sich die Auswirkungen der Klimaverschiebungen deutlicher als im immer schneller schmelzenden Eis der Polregionen.

Im Dezember diesen Jahres findet in Kopenhagen die Alles entscheidende Klimakonferenz statt, in der ein Nachfolgemodell zur Deklaration von Rio gefunden werden muss.

Es ist vielleicht die letzte Chance der Menschheit sich endlich zu besinnen und gemeinsam die Reduktion der klimaschädlichen Treibhausgase soweit voranzutreiben, dass die Erderwärmung unter den für alle Kreisläufe so kritischen zwei Grad Celsius bleibt.

Ich habe nun knapp zwei Wochen Zeit mich mit dieser Problematik zu beschäftigen, dazuzulernen und schöne Fotos der kargen aber wunderschönen Landschaften Grönlands zu machen.

Ich bin gespannt, was die kommenden Tage für Abenteuer bereithalten.

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