Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: Kondor

Die Hoffnung stirbt zuletzt 07.07.2011

Tag 10: Montag 27.06

 

Die Kältephase hält an. Ich sitze unter vier Decken in meiner Unterkunft im Dorf und begutachte die bisherigen Fotos. Die Temperaturen passen zu meiner Laune. So richtig warm ums Herz wird mir nicht wenn ich meine auf Festplatte gebannten Kondore erblicke. Doch noch ist ja nicht aller Tage Abend. Die Kadaver sind am richtigen Platz, ich habe nochmals eine volle Woche Zeit, und irgendwann muss sich die Sonne doch nochmals sehen lassen. Heute passiert dies aber nicht, so dass sich meine Rückkehr in die Berge um einen Tag verschiebt.

 

Tag 11: Dienstag 28.06

 

Die Wolkendecke ist aufgerissen und der Sonne gelingt es heute, die Kälte auf erträgliche Maße zu reduzieren. Der Aufstieg zum Lager wird auch deshalb für mich schweiß-treibend, weil ich auf dem Rücken meine komplette Fotoausrüstung und vor dem Bauch in einem zweiten Rucksack frische Wäsche und Lebensmittel schleppe. Saul bleibt zurück in Samaipata. Ihn erwarte ich erst zum Wochenende. Am Nachmittag sitze ich dann wieder in meinem kleinen Tarnzelt und freue mich am schönen Mix aus Wolken und blauem Himmel, was gute Fotobedingungen verspricht. Zuvor habe ich noch die Zweige vom Köder entfernt und gesehen dass sich nichts verändert hat. Das Fleisch liegt in voller Pracht am Abgrund und müsste eigentlich jeden Aasfresser von ganz Amerika anlocken, so wunderbar stinken tut es. Schon in der Ferne kann ich sie erkennen. Eine große Menge an Vögeln nähert sich meinem Versteck.


Dann kreisen sie einige Zeit um mich herum. Ich traue mich nicht das Objektiv zu schwenken um sie beim fliegen abzulichten. Diese Bilder mache ich lieber wenn ich für sie sichtbar, draußen an der Kante stehe. Es geht hier ausschließlich darum sie beim Landen und Fressen zu erwischen. Also halte ich still, auch wenn es mir schwer fällt. Als plötzlich alles um mich herum verschwindet, dringt so ganz langsam die bittere Erkenntnis in mein Hirn, das die Show für heute vorbei ist. Kein Tier ist gelandet, kein Foto ist entstanden. Dabei war das Licht so Klasse. Um 17 Uhr haben sich zudem die Wolken wieder komplett über den Himmel verteilt, so dass ich schon früh am Lagerfeuer sitze und viel Zeit zum Nachdenken habe. Haben die Tiere an anderer Stelle eine andere Nahrungsquelle? Ist vielleicht irgendwo eine Kuh beim Grasen über den Abhang gestürzt? Lassen sie sich doch durch meine Tarnzelt vom Landen abhalten? Der Wind rauscht in verlässlicher Beständigkeit über die Wipfel der Bäume und eine Gruppe Tauben fliegt von Ast zu Ast. Ansonsten bin ich mit meiner Ratlosigkeit allein, weit weg von jeglicher Erleuchtung.

 

Tag 12: Mittwoch 29.06

 

In der Nacht setzt wieder ein leichter Regen ein, der zum Glück am kommenden Morgen aufhört. Viele Wolken ziehen über den Himmel, so dass es mich nicht verwundert, dass ich den Morgen über völlig umsonst im Tarnzelt sitze. Warum kommen die Vögel nicht, wo hier doch wunderbares Fressen für sie ausliegt? Diese Frage stelle ich mir immer wieder. Über Mittag erreichen dann vier Touristen den Berg. Es sind die ersten Besucher seit langer Zeit. Viel zu sehen bekommen sie jedoch nicht, so dass sie kurz nach vierzehn Uhr wieder leicht enttäuscht von Dannen ziehen. Am späteren Nachmittag haben die Winde die Wolken fast vollständig vertrieben. An der Kante bläst es extrem stark, so dass ich mir heute die fehlenden Tiere mit dem zu starken Wind zu erklären versuche. Was aber wahrscheinlich Blödsinn ist. Wovon ich allerdings überzeugt bin ist, dass man ganz Bolivien locker mit Windenergie versorgen könnte. Allein was hier in der Region an Kraft über die Berge fegt, sollte ausreichen die zehn Millionen Bolivianer sauber und zukunftsfähig zu bedienen. Leider sind wir da noch gefühlte Lichtjahre von entfernt, das sich vernünftige Energie gerade in ärmeren Ländern etabliert. Als ich am Abend am Lagerfeuer sitze, macht sich so ganz langsam etwas Frust in mir breit. Nun liegt das Fleisch eine knappe Woche unangetastet am Berg. Damit habe ich gar nicht gerechnet. Der Gedanke des Scheiterns taucht ab und zu auf, wird aber von meinem Willen immer wieder erfolgreich verdrängt. Noch ist Zeit.

 

Tag 13: Donnerstag 30.06

 

Dieser Tag schenkt mir perfekte Bedingungen. Sonne und Wolken und ein strahlend blauer Himmel mit relativ leichtem Wind sind ideale Vorraussetzungen für Kondoraktivität. Dass ich den Morgen umsonst im Tarnzelt verbringe, habe ich schon fast erwartet. Meine Hoffnungen ruhen auf dem Nachmittag. Ich bin froh, dass keine weiteren Besucher erscheinen welche die Vögel unnötig von meinem Kadaver verscheuchen könnten. Am frühen Nachmittag beginnt die Show.

Es ist erst ein Kondor, der in weiten Kreisen die Lage auskundschaftet. Kurze Zeit später sind sie Alle da. Soweit ist es durch mein kleines Guckloch wahrnehmen kann, gleiten über zehn Vögel, davon ein Großteil Kondore über mein Tarnzelt. Eine gute Stunde lang fliegen sie, oftmals nur wenige Meter, über den Köder und meinem Versteck hinweg. Bei jeder Drehung hoffe ich inständigst, dass nun endlich einer von ihnen zur Landung ansetzt, um die Beute näher zu begutachten. Der Gleitflug der Tiere erzeugt, verursacht durch die Luftverdrängung, ein leichtes Pfeifen welches sich mit einer fast kochenden Teekanne vergleichen lässt. Ich kann die Nähe der Tiere regelrecht hören.

Begeisterung über dieses Spektakel mischt sich von Minute zu Minute mehr mit Entsetzten, als sich so langsam die Erkenntnis durchsetzt, dass es wieder zu keiner Landung und somit auch zu keinen Fotos kommen wird. Als ich später im Halbschlaf merke, wie es wieder anfängt aufs Zeltdach zu tropfen ist meine Hoffnung auf einen erfolgreichen Abschluss dieser Arbeit erst mal ziemlich dahingeschmolzen.

 

Tag 14: Freitag 01.07

 

Es regnet die ganze Nacht und weite Teile des Morgens. In den kurzen Pausen legt sich eine schwere Nebeldecke über das Land. Um die Zeit nicht völlig unnütz vergehen zu lassen, schnappe ich mir die Kamera und wandere durch diverse Waldreste die hier oben meist in Mulden stehen blieben die einem Bachlauf folgen. Heute ist es in doppeltem Sinne ein Nebelwald. Die vielen Bromelien, Lianen und Farne lassen den Wald im Nebel geheimnisvoll und wild aussehen.

Übersieht man den vielen Kuhdung, der überall auf dem Boden liegt, könnte man sich geradezu in einem riesigen Urwald wähnen. Den Nachmittag lasse ich die Stunden träge im Schlafsack liegend an mir vorbei ziehen. Eigentlich wollte Saul heute mit neuen Lebensmitteln zu mir kommen. Er ist nicht gekommen. Mir war zu diesem Zeitpunkt schon klar, dass er gar keine Chance hatte zu mir zu stoßen. Bei starkem Regen wird die Straße von Samaipata hierher für Autos ohne Vierradantrieb durch anschwellende Flüsse und Matschlöcher unüberwindbar.

 

Tag 15: Samstag 02.07

 

Das Elend setzt sich fort. Als es am Morgen noch aufs Zelt prasselt, stelle ich meine Schüssel in den Regen um etwas Wasser einzusammeln. Ich habe noch zwei Liter. Saul wird mich zwar niemals im Stich lassen, doch ist es trotzdem ungewiss wann sich das Wetter wieder wandelt und die Straßen befahrbar sind. Am späten Morgen setzen kurze Aufheiterungen ein, welche mich Veranlassen mich sofort ins Tarnzelt zu setzen. Da es eine halbe Stunde später wieder zu nieseln anfängt, gebe ich entnervt auf und lege mich wieder in den Schlafsack. Es ist zwar nicht mehr so kalt wie am Anfang der Woche, doch die feuchte Luft ist ungemütlich und deutlich frischer als in den Anfangstagen dieses Abenteuers. Ein knacken von Zweigen weckt mich auf. Der Strahl einer Taschenlampe kündigt endgültig von der Ankunft von Saul. Er hat es mit Müh und Not geschafft, die aufgeweichte Strecke zu überwinden. Er kommt eigentlich, um mich einzusammeln und zurück nach Samaipata zu schaffen. Die Wetteraussichten sind ungewiss, und kommenden Mittwoch steht mein Rückflug nach Deutschland an. Mit jedem Tag den ich bleibe, vergrößert sich das Risiko hier festzusitzen. Er erzählt mir von Schneefall in La Paz und dass das ganze Land von den Wetterkapriolen spricht. Als ich ihm erzähle, dass unser Köder noch unangetastet am Abgrund liegt entscheiden wir uns dazu, dass ich noch ne Weile ausharre zumal es Anfang der Woche eventuelle Aufhellungen geben soll. So verschwindet Saul nach kurzer Besprechung in der Nacht und ich beschließe Morgen nochmals eine andere Tarnvorrichtung auszuprobieren um die Tiere vielleicht doch noch zum Landen zu bewegen.

 

Tag 16: Sonntag 03.07

 

Es wird wieder frischer. Die Welt bleibt grau, kalt und feucht. Trotzdem baue ich am Morgen mein Tarnzelt ab und konstruiere mit einem Netz und einem aus Stöcken zusammengesteckten Dreieck ein neues Versteck. Grundlage ist ein zwei Meter hoher Busch, den ich als Eckpunkt nehme und dessen Blätter nach oben hin einen guten Sichtschutz geben. Die drei Wände des Netzes decke ich zusätzlich mit Zweigen ab, so dass sich die Form des Objektes praktisch auflöst. Die Öffnung lasse ich so groß, dass später das Objektiv nicht nach draußen steht sondern sich innerhalb der Form des Tarnbereiches bewegt. Zum ausprobieren komme ich aber nicht, denn die Sicht bleibt den ganzen Tag über gleich Null.

Wieder liege ich scheinbar endlose Stunden im Schlafsack. Ein Buch mit Geschichten berühmter Lateinamerikanischer Erzähler trägt auch nicht gerade zur Gemütsaufheiterung bei. Kaum eine Geschichte die nicht von Verlust, Schmerz oder Tod handelt. Leider sind diese Werke wohl ein Spiegelbild eines über Jahrzehnte von Diktatur und Armut geprägten Kontinents. Nach 300 Seiten bin ich dann soweit endgültig zum „Pferdeflüsterer“ zu wechseln. Meine mitgebrachten Bücher habe ich längst gelesen und so war ich froh, dass ich diese Bücher in meiner Unterkunft in Samaipata entdeckt habe.

 

Tag 17: Montag 04.07.

 

Ich juble nicht nur innerlich, als sich gegen neun Uhr der Nebel aufzulösen beginnt. Zum Einen steigen die Chancen pünktlich zum Flughafen zu kommen, zum Anderen bekomme ich doch noch eine Chance mein neues Versteck auszuprobieren. Erwartungsvoll blicke ich durch die Zweige und siehe da, am späten Vormittag landet wieder einer der rotköpfigen Geier. Drei Mal innerhalb kurzer Zeit fliegt er wieder los und landet ohne dabei den Kadaver anzurühren.

Nimmt er mich wahr oder nicht? Ich weiß es einfach nicht. Hier besteht eindeutig Gesprächsbedarf mit meinem Freund und Kollegen Ingo Arndt. Für mich ist er der beste Tierfotograf den wir im Lande haben. Wenn ich ihm meine Bilder vom Versteck zeige wird dies sicher nicht unkommentiert bleiben. Am späten Nachmittag glaube ich nicht mehr an das große Fressen, so das ich das Versteck etwas traurig aber gefasst verlasse. Kondore haben sich bis dahin nicht blicken lassen. Ich setze mich an die Kante des natürlichen Amphitheaters und genieße die wunderbaren Ausblicke auf die Landschaft, die sich seit langer Zeit mal wieder in den Farben des Abendrotes präsentieren.

Als kleine Entschädigung kreisen plötzlich fünf der mächtigen Vögel über mir und gönnen mir noch einige Aufnahmen von ihnen im Gleitflug, inclusive warmen Abendlichtes.

 

Tag 18: Dienstag 05.07

 

Der Tag der Abreise ist gekommen. Kaum eine Wolke wandert über den Horizont, an den sich nahtlos ein tiefblauer Himmel anschließt. Dazu ist angenehm warm. Nach dem Frühstück baue ich das Zelt ab, packe alle Lebensmittel und Ausrüstung in die Rucksäcke und löse das Lager auf. Saul kommt um kurz nach zehn Uhr und wir beschließen diese letzte Chance zu nutzen, bevor wir den Abstieg beginnen.

Als wären sie gekommen um mich zu verabschieden, sind sie gegen Mittag plötzlich Alle nochmals da. Dreizehn Geier und Kondore kreisen über mir und ich wage gar nicht daran zu denken, dass es doch noch klappen könnte. Immer wieder gelingt mir aus dem Versteck heraus der eine oder andere Glücksschuss auf die vorbei fliegenden Riesenvögel.


Sie kommen näher und kreisen länger denn je. Jeder Besucher hätte eine wahre Freude an diesem Spektakel. Obwohl sie länger verweilten als jemals zuvor, war mir schon nach wenigen Minuten klar, dass sie auch diesmal auf eine Landung verzichten werden. In der Rückschau glaube ich, dass meine Fotoverstecke mich einfach nicht „unsichtbar“ genug gemacht haben. Ich werde wohl weiter dazulernen müssen. Es war trotzdem ein toller Abschluss einer langen und in jeder Form intensiven Zeit in diesem schönen bolivianischen Bergen. Mit leichtem Wehmut habe ich, nachdem die Hauptmotive verschwunden waren, das Tarnnetz eingepackt und mich auf den langen Heimweg gemacht.

Ich werde die Ruhe vermissen, das Singen der vielen Vögel, den Himmel ohne jegliche Kondensstreifen und vor Allem, die einmaligen weiten Ausblicke im wunderbaren Licht. Zurück ins normale Leben, indem es zumindest wieder warme Mahlzeiten geben wird. Erdnussbutterbrote und Müsli habe ich erst einmal genug gegessen.

 

 

 

 

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