Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: Lapplamd

Hörnchentage 16.11.2009

Pünktlich um acht Uhr holt mich Olli vor dem Hotel ab. Wir fahren gemeinsam eine knappe Stunde weiter nach Norden an den Rand des Oulanka Nationalparks. Dieser schützt einen wunderbaren Flusslauf welcher sich durch tiefe Schluchten windet. Es ist heute spürbar wärmer als noch vor zwei Tagen im Süden. Ein leichter Nieselregen macht mir kaum Hoffnung auf schöne Winterbilder. Wir sind hier knapp unterhalb des Polarkreises. Die Tage sind nochmals kürzer. Olli hat sich auf Vogelbeobachtungen spezialisiert. Er führt Fotografen und Naturfreunde zu den Tieren im Wald. Wir fahren entlang des Oulanka Flusses bis es vor einem bewaldeten Hügel nicht mehr weiter geht. Mit dem Schneemobil sausen wir durch einen schönen alten Wald und je höher wir kommen, desto mehr weiße Pracht liegt auf den Bäumen. Zumindest hier oben ist es richtiger Winter, während unter uns träge der halb zugefrorene Oulanka Fluß durch tristes graues Einerlei fliest. Noch bevor wir beim Fotoversteck ankommen fällt Olli auf, dass keine Raben in der Nähe sind. Kein gutes Omen, denn wo tote Tiere liegen sind Raben und somit auch die Adler eigentlich nicht weit. Vor zwei Wochen hat Olli zusammen mit Lassi eine große Sau als Köder vor die Fotohütte gelegt. Alles ist eigentlich ziemlich perfekt. Die umliegenden Bäume stehen alle höchstens in dreißig Meter Entfernung. Egal woher die Adler anfliegen, hier gibt es formatfüllende Fotos. Olli platziert ein totes Hörnchen, das er mit einem Draht an einen unter dem Schnee liegenden Ast bindet, genau in die Einflugschneise. In Gedanken sehe ich die perfekten Adler-Anflugfotos schon vor mir. Die Frage woher Olli das Hörnchen hat, blende ich dezent aus. Man muss sich ja nicht mit aller Last dieser Welt beladen. In unmittelbarer Nähe der Fotohütte verstecken wir kleine Fettstücke und Nüsse in Baum- und Astritzen um kleinere Waldbewohner vor die Kamera zu locken. Ich bin kaum in der Hütte verschwunden und Olli ist mit dem lärmenden Schneemobil davon gefahren, da stürzen sie sich auch schon zuhauf auf die Leckereien.

Oulanka Nov- 2009-2  4634

Je kleiner die Vögel sind, desto schneller scheinen sie sich zu bewegen. Unglaublich wie schnell die von Ast zu Ast hüpfen. Drei oder vier Meisenarten kann ich erkennen. Die Graumeise und die Lapplandmeise kann ich sicher identifizieren.

Oulanka Nov- 2009-2  4629

Ich habe die Kamera auf 1600 ASA und komme, je nachdem wie hell die Umgebung ist, nur auf eine 200stel bis 400stel Sekunde Belichtungszeit. Damit ist ein Vogel im Flug nicht scharf zu kriegen. Aber ich darf mich wirklich nicht beschweren. Früher, als wir noch mit analogen Kameras fotografiert haben wären an solch einem grauen Wintertag kaum Aufnahmen möglich gewesen. Erinnert sich jemand an einen Film der bei 1600 ASA halbwegs ansehnlich war? Ich nicht. Ein Lob auf die digitale Technik. Zwei Buntspechte kommen zum Futterplatz. Ebenso ein Pärchen Unglückshäher und ein prächtiger Eichelhäher. Der Eichelhäher ist der körperlich Größte von Allen.

Oulanka Nov- 2009-2  4635

Er kann die Stimmen von anderen Vögeln imitieren. Außerdem ist er ein leidenschaftlicher Sammler. Er legt Eicheln, Nüsse und Bucheckern unter Baumrinden ab und hat so das ganze Jahr über einen Vorrat. Viele der vom Eichelhäher vergessenen Depots sorgen für eine natürliche Ausbreitung der jeweiligen Baumarten. In der Forstwirtschaft spricht man von der „Hähersaat“. Die Stunden vergehen wie im Flug. Ständig flattern hungrige Piepmätze um mein Fotoversteck. Nur von den Adlern fehlt leider jede Spur. Kurz vor drei Uhr am Nachmittag ist das Licht schon so dämmrig, dass ich meine Kameras zusammenpacke und den Unterstand verlasse. Ich lege eine große Schneeschaufel über das tote Hörnchen, um es nicht an einen später vorbeiziehenden Räuber zu verlieren. Das war wohl nichts. Zuerst fällt es mir gar nicht auf. Als ich am nächsten Morgen wieder Speck auf die Bäume verteile und meine Kameras auf die Stativköpfe schraube, sieht alles normal aus. Die Schaufel liegt genau an derselben Stelle wie gestern Abend. Nur das Hörnchen ist weg. Mir ist nicht genau klar wer der Dieb gewesen sein mag. Ich sehe keine Fußspuren im Schnee außer den meinen. Vielleicht war es doch ein Adler, der mir ein Schnippchen geschlagen hat. Schade, mein Traum vom Foto des anfliegenden „König der Lüfte“ auf seine natürliche Beute ist erst mal ausgeträumt. Wie zum Trost besuchen heute zwei lebendige Eichhörnchen den Futterplatz.

Oulanka Nov- 2009-2  4632

Was für putzige Tierchen. Die sind wirklich „süß“, wie sie mit ihren langen Ohren und großen Augen in die Welt gucken. Faszinierend wie sie kopfüber die Baumstämme rauf- und runterrasen und meterweit von Ast zu Ast fliegen.

Oulanka Nov- 2009-2  4633

Ein entspanntes Leben scheint es aber nicht zu sein. In ständiger Aufmerksamkeit nicht von ihren Fressfeinden entdeckt zu werden, wirken sie ziemlich gehetzt.

Oulanka Nov- 2009-2  4631

In Form der Adler sind die Fressfeinde aber auch heute wieder außer Reichweite. Zumindest solange ich bei ausreichend Tageslicht im Fotoversteck sitze. Einmal dachte ich in der Ferne den Schrei eines Adlers vernommen zu haben. Wahrscheinlich liegt irgendwo im Wald ein frisches Rentier, welches wohl reizvoller ist als das von Olli positionierte Schwein. Immerhin konnte ich in den vergangenen zwei Tagen einige Waldbewohner ablichten, die ich bisher gar nicht auf meiner Wunschliste hatte. Morgen fahre ich mit Olli zu einer anderen Location, irgendwo in Lapplands Wäldern. Zwei Tage bleiben mir noch mein selbstgestecktes Ziel vom tollen Adlerfoto zu erhalten. Geduld ist eine Tugend, die man in diesem Beruf ganz zwangsläufig lernt.

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