Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: Lichtstimmung

Bärenparty & Morgennebel 12.09.2009

Stinklangweilig – sollte man meinen. Da sitzt unsereins in einem Holzkasten und starrt stundenlang auf dieselbe Szenerie. Es ist nun der vierte Abend und bisher war keiner wie der Andere. Besonders das Wetter und die damit verbundenen Lichtstimmungen machen einen Großteil des fotografischen Erfolges oder Misserfolges aus – auch und gerade in der Tierfotografie. Einfach nur einen Bären zu fotografieren der sich über eine von Menschenhand platzierte Beute beugt ist spätestens am zweiten Abend langweilig. Es kommt mindestens genauso darauf an das Umfeld in die Aufnahme mit einzubinden, und das wenn möglich noch in einer spannenden Lichtsituation. Hier hilft uns das nordische Wetter zur Zeit wirklich gewaltig. Während über den Tag hin eine dichte Wolkendecke über der Taiga lag, lösten diese sich zum Abend auf und ermöglichten ein tadelloses Abendrot. Dadurch wird das Zeitfenster in dem stimmungsvolle Fotos möglich sind um mindestens eine halbe Stunde erweitert. Bei Bewölkung legt sich allzu schnell tiefe Dunkelheit über das Land, sobald die Sonne hinterm Horizont verschwunden ist. Nicht so heute Abend. Wenn das Licht warm und golden wird steigt die Spannung ob von den so sehnsüchtig herbeigesehnten Akteuren auch einer auftaucht.

Finnland Nacht 4  722

Auf Margarete ist verlass. Sie war die Erste die ihr gelbgepierctes Ohr aus dem Wald streckt. Gefolgt von einem etwas dunkleren Bären sind sie beide eine Weile in meiner Reichweite über die Sumpfwiese gelaufen. Immer wieder strecken sie ihre Nasen in die Luft, ihr Riechorgan scheint wohl besser ausgeprägt zu sein wie ihre Augen. Lassi hat auch auf der anderen Seite der etwa einen Quadratkilometer großen Sumpfwiese ein Fotoversteck aufgebaut. Was sich da etwas später abspielte war schon grandios, leider aber eine halbe Stunde zu spät zum Fotografieren. Es war nahezu Nacht, die klobigen Körper der Tiere aber noch gut zu erkennen. Neun Bären tummelten sich dort auf der anderen Seite. Jetzt wo es dunkel war, machten sie all die coolen Sachen. Es gab Hierarchiekämpfe, sie schwammen in dem Flüsschen das den Sumpf durchzieht und einige standen auf zwei Beinen was ebenfalls auf der Wunschliste eines jeden Tierfotografen steht. Ich liege schon lange im Schlafsack und die letzten Geräusche die ich im Halbschlaf höre sind die der großen Raubtiere außerhalb meines kleinen Kastens. Die Morgenstimmungen waren bisher immer wunderschön, doch heute ist es einfach grandios. Die Nacht war wieder recht kalt, so halte ich den Schlafsack bis zu den Schultern um mich geschlossen, als ich mich wieder auf meinem kleinen Schemel postiere um Ausschau zu halten. Die Party war leider vorbei. Bis auf ein Pärchen Krähen, die sich entweder bezirzend oder streitend durch die Luft wirbelten, war es absolut ruhig. Krähen sind kleiner als Raben und haben Grauanteile in ihrem Gefieder, während die Raben wirklich rabenschwarz sind. Gespenstisch zieht plötzlich Nebel auf, nur silhouettenhaft kann man mit zunehmendem Licht einige kleine Bäumchen erkennen die vereinzelt im Sumpf wachsen. Die Horizontlinie ist aufgelöst.

Finnland Nacht 4  723

Es ist eigentlich noch fast Nacht als ein einsamer Bär durch die Stille marschiert. Ich stelle die Kamera auf 6400 ISO, den höchsten Empfindlichkeitswert den sie zu bieten hat. Durch den Nebel und das Gegenlicht des anbrechenden Tages entstehen wirklich ganz einzigartige Bilder. Sicherlich haben diese eine gehörige Portion Bildrauschen, was ich bei einer reinen atmosphärischen Aufnahme aber gar nicht als so störend empfinde. Einmal guckt die Morgensonne kurz durch die Nebelschicht, so dass mir fast der einsame Wolf entgeht, der in ca 300 m Entfernung nachschaut was die Bären am Vorabend an Futterresten zurückgelassen haben. Ein Wolf, für mich das geheimnisvollste und schönste Wildtier das wir in unseren Breitengraden haben. Es ist geradezu ein erhebendes Gefühl zu sehen, wie er vorsichtig Meter für Meter über die Waldlichtung läuft.

Finnland Nacht 4  724

Leider kommt er nicht sehr nahe an mein Versteck, doch die Nebelstimmung und die lange Brennweite zaubern eine pastellfarbene Aufnahme die in mir vielerlei Emotionen auslöst und hoffen lässt, dass es weitere Begegnungen mit diesen scheuen Tieren geben wird. Für heute war es das, ich freue mich über die wunderschönen Momente die mir diese wunderbare Naturlandschaft ermöglicht.

Stimmungen 11.08.2009

Noch imposanter wirkt die Szenerie auf mich als ich am nächsten Abend von Land aus das Naturschauspiel betrachte.

Verlässt man den Ort Ilulissat über einen kleinen Wanderweg, dauert es keine halbe Stunde und man steht direkt vor den Eisbergen. Ich suche mir die höchste Erhebung aus, die sich möglichst nahe an der Wasserstraße befindet und genieße den vor mir liegenden Anblick. Es ist kurz vor 23 Uhr als die Lichtverhältnisse die besten fotografischen Ergebnisse liefern. Die hellgelbe Sonne steht im Westen knapp über dem Horizont und hüllt das Eis in warme Farbtöne. Ich richte die Kamera nach Süden aus und bekomme so einen schönen Kontrast, denn der Himmel ist an dieser Stelle schon dunkler als das blauweiße Eis. Durch den Einsatz eines Polfilters, der ein Teil des Lichtspektrums absorbiert, wird dieser Effekt noch verstärkt.

Jetzt kommt das wirklich Tolle, das wohl jeden Naturfotografen in Verzückung versetzt. Die berühmte „blaue Stunde“, also jene viertel bis halbe Stunde nach Sonnenuntergang wo sich das Restlicht des Tages in schöner Gleichmäßigkeit über die Motive verteilt und magische Lichtstimmungen produziert. Hier dauert sie praktisch die ganze Nacht. Die Sonne versinkt zu dieser Jahreszeit gerade mal knapp unter die Horizontlinie und wandert an ihr entlang, um nach fünf Stunden schon wieder zu erscheinen. Besonders in Küstennähe lassen sich in solch einem Licht schöne silhouettenhafte Motive erstellen.
Es ist lange nach Mitternacht als ich durch das inzwischen schlafende Ilulissat zurück in mein Domizil marschiere. Viel weiß ich nicht über das Leben dieser Menschen, doch es ist unschwer zu erkennen, dass sich auch heute noch große Teile ihres Alltages an den klimatischen Bedingungen ausrichten. Man darf nicht vergessen, dass ein großer Teil des Jahres ganz andere Temperaturen herrschen als jetzt. Dann sind auch die Ränder Grönlands mit Schnee bedeckt und es gibt sogar eine Zeit, in der die Sonne den Weg über den Horizont nicht schafft. Wohl auch um in dieser dunklen Zeit nicht in Depressionen zu verfallen sind die Häuser der Menschen in knalligen Farben bemalt, was sehr schön aussieht.

Am meisten freuen sich wohl die Huskys auf den Winter. Dann werden sie endlich wieder in der für sie herrlich kalten Jahreszeit vor die Schlitten gespannt und dürfen nach Herzenslust laufen. Zu Dutzenden sitzen sie vor den Häusern und immer wieder fängt einer an jämmerlich zu heulen, was dann alle Andere veranlasst, in diese Symphonie mit einzustimmen.

Die Inuit haben es in vielerlei Hinsicht nicht einfach, ihr Leben in der heutigen Zeit selbst zu bestimmen.  Sie müssen ihre Wurzeln als nomadisierende Jäger in enger Verbindung mit der Natur und  dem modernen vom Landesverwalter Dänemark stark europäisch geprägten Leben unter einen Hut bringen. Zusätzlich sind es  die von den Industrienationen verursachten klimatischen Veränderungen unter denen die Menschen stark zu leiden haben, weil ihre traditionelle Lebensweise immer mehr erschwert wird. Durch die immer schneller voranschreitende Eisschmelze werden Nahrungsketten durchbrochen und den  Inuit der Zugriff auf ihre Beutetiere stark erschwert. Was ich aber am perfidesten finde, ist die Tatsache, dass unser westlicher Lebensstil soviel chemische Stoffe produziert, die  hier oben im arktischen Norden weit weg von allen Fabriken das Leben mehr und mehr vergiftet. Die am Ende der Nahrungskette stehenden Wale, Robben und Eisbären nehmen durch ihre Beute Gifte wie Dioxin und Quecksilber auf, welches sich ins  Fettgewebe der Tiere einlagert. Hungern die Tiere baut sich das Fett ab, was zum Teil zu Vergiftungen führen kann. Erst gestern habe ich mit einem Herrn der örtlichen Umweltbehörde gesprochen, der mir von einer Studie erzählt hat, die auf den Farör Inseln erstellt wurde. Demnach wird darin den Inuit komplett abgeraten, überhaupt noch wilde Tiere zu jagen. Die gesundheitlichen Risiken sind einfach schon zu groß. Mal wieder begegne ich einem Volk, das durch  industriell produzierte Nahrung seine Gesundheit beeinträchtigt. Das bestätigt sich leider  auch anhand der zahlreichen übergewichtigen Leute, die hier durch die Straßen laufen.

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