Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: Manaus

Blicke in die Ewigkeit (Teil 1) 19.04.2012

Mein Blick fällt auf einen Dschungel der ganz besonderen Art.  Ein beständiger Geräuschpegel aus Rumpeln, Rauschen, Hämmern und Hupen dringt an mein Ohr und lässt ahnen, dass es sich hier in der Tat um einen extrem belebten Lebensraum handeln muss. Ich sitze im 24 Stock eines Appartements in der 18 Millionen Metropole Sao Paulo und sehe ein Meer an Häusern und Wolkenkratzern bis zum Horizont. Unter mir, am Eingang zur Straße steht ein Schlagbaum. Uniformierte Wächter sorgen dafür, dass nur diejenigen die Grenze zum Haus überschreiten, welche das Glück haben, zu den wirtschaftlich betuchteren der Gesellschaft zu gehören. Im Moment kuriere ich eine schwere Darminfektion aus und bin nicht undankbar in diesem Refugium die Vorzüge des gehobenen Lebens in Anspruch nehmen zu können. Wir sind auf dem Weg nach Zentralbrasilien und besuchen hier einen Studienkollege von Luis, der hier mit seiner Familie lebt und arbeitet. Ingwertee von “Allnatura” und Zwieback – ich hoffe die Kräfte kehren bald zurück. Zum Glück hat der Körper aber lange genug durchgehalten, um uns ein wirklich wunderbares Abenteuer erleben zu lassen. Ein Rückblick:

Ausgangspunkt ist das kleine Städtchen Barcelos am Ufer des Rio Negro, etwa vierhundert Kilometer nördlich von Manaus.

Knapp 20.000 Einwohner leben hier in einem Teil Amazoniens, der verglichen mit Bereichen im Osten und Süden noch als intakt bezeichnet werden kann. Die Menschen haben das Glück, von endlos scheinenden Rohstoffen umgeben zu sein.  Mit den richtigen Konzepten genutzt, sollte es hier problemlos möglich sein, ein Leben in Wohlstand für Alle zu schaffen. Doch Mamá unser Kapitän und Organisator der vor uns liegenden Expedition attestiert seinen Mitmenschen kaum Umweltbewusstsein. Gefischt und gejagt werde Alles, wessen man habhaft werden kann – nachhaltiges Handeln sei nicht bekannt. Die Götzen der Moderne und klares Zeichen des Fortschritts ist auch hier, wie fast überall auf der Welt, die Plastiktüte. Jedes noch so kleine Teil das man einkauft, wird in eine Plastiktüre eingewickelt. Wir ernten jedes Mal ungläubige Blicke, wenn man den Leuten klarmachen will, dass man die Tüte doch eigentlich gar nicht braucht. Wir sind nicht lange in Barcelos, doch der latente Rassismus gegen die Indigene Bevölkerung ist auch hier nicht zu übersehen. Nicht selten schwanken ältere Männer in Trainingshosen durch die Straße, die eindeutig der Indigenen Volksgruppe zugeordnet werden kann. Der Alkohol ist ein Teufel der – besonders an diesen Menschen – seine wahre, häßliche Fratze zeigt. Es ist traurig, gerade die Indios, die über Jahrtausende innerhalb der Wälder lebten ohne diese zu zerstören, gelten heute als rückständig und minderwertig. Mamá bestätigt uns, dass viele ihre indigenen Wurzeln verleugnen, weil sie sich derer schämen. Wenn diese Menschen wüssten, wie nötig unsere Erde die Weisheit der Naturverbundenheit fernab von Gier und Konsum heute nötig hätte, ich glaube. sie wären stolz auf Ihre Geschichte.

Stunde um Stunde kämpft der Motor von Mamás Schiff gegen die träge vor sich hinfließende Masse an schwarz gefärbtem Wasser an. Die Faszination liegt in der Gleichförmigkeit der Landschaft. Wo sonst auf der Welt bewegt man sich Tage durch eine Szenerie die sich praktisch nicht verändert. Hinter jeder Biegung des Araca Flusses wartet eine neue Kurve, die vom typischen Überschwemmungswald dieses Ökosystems flankiert wird.

In der Regenzeit können diese Wälder bis zu sechs Monate unter Wasser stehen. Der Igapó, wie diese Waldart auch genannt wird, ist in dieser Zeit besonders Artenreich an Fischen. Zwischen den Wurzeln finden sie wohl einen sicheren Lebensraum und ausreichend Nahrung. Es gibt hier Pflanzenarten die monatelang unter Wasser ohne Sauerstoffzufuhr überleben können. Wie dieses Wunder funktioniert, ist bis heute ungeklärt. Hin und wieder passieren wir kleine Ortschaften in denen Menschen auf Basis der Selbstversorgung leben. Kleine Maniokfelder, der Fischreichtum der Flüsse und die Gaben des Waldes sichern ihr Überleben. Ansonsten findet der Kontakt zur Aussenwelt nur über den Fluß statt.

Besonders die tropischen Sonnenuntergänge sind für uns in der Zeit auf dem großen Fluss ein Erlebnis. Gigantische Wolkenberge bauen sich während der meisten Nachmittage auf, die sich dann partiell über dem riesigen, flachen Land des Amazonas-Binoms entleeren. An den meisten Stellen der großen Flüsse bricht die Wasseroberfläche durch die Trägheit des Flusses nicht auf, so dass, ähnlich wie bei einem See zur Windstille, eine perfekte Spiegelung der Wolkenbilder mit der Kamera eingefangen werden kann. Wenn dann von Zeit zu Zeit eine Gruppe Papageien aus den Kronen der Bäume in den Himmel steigt und dabei mächtig krakeelt, läuft mir nicht selten eine kleine Gänsehaut den Rücken hinunter. Irgendwann passieren wir den Äquator und befinden uns für einige Tage auf der nördlichen Halbkugel unseres schönen Planeten.

Nach fünfzig Stunden ist Schluss für Mamás großes Schiff. Wir erreichen eine unscheinbare Stelle an der ein kleinerer Fluss sein braunes Wasser in den bisher von uns gefolgten Araca ergießt. Von nun an geht es auf dem offenen Motorboot weiter, welches bisher vom großen Schiff mitgezogen wurde. Ein Teil der Schiffscrew bleibt zurück. Nur die Gruppe, die mit uns die Besteigung unseres Zielgebirges in Angriff nehmen wird, kommt mit an Bord. Wir sind insgesamt fünf Personen. Von nun an sind wir den Elementen ungeschützt ausgeliefert. Dass es dann während unseres Rückweges über sieben Stunden lang aus vollen Kübeln regnen wird, ahnen wir momentan noch nicht. Die Fahrt im offenen Boot ist intensiv. Der Fluss ist zwischen fünf und fünfzehn Meter breit und schlängelt sich in endlosen Kurven durch den Wald. Nun sind wir diesem Lebensraum sehr nahe. Erstaunlich sind die vielen unterschiedlichen Baumarten, viele davon sind Palmen. Dass der Lauf der Flüsse sich durch die Strömung ständig verändert, sieht man an den vielen querliegenden Baumstämmen, die uns ein Vorwärtskommen sehr erschweren.

Recht oft kommt die Kettensäge zum Einsatz um das schmale Boot an den Hinternissen vorbei oder drunten durch lenken zu können. Streifen wir Äste fallen nicht selten große und kleine Insekten ins Boot, was Luis als Spinnen-Fachmann sehr erfreut. Immer wieder hängen Baumriesen bedrohlich über den Fluss. Ihr Wurzelwerk wurde schon unterspült, doch die Zahlreichen Lianen, Würgefeigen und Gestrüpp anderer Pflanzen halten sie noch für einige Zeit aufrecht. Die Einzigen die sich scheinbar erfolgreich der Kraft des Wassers entgegenstellen sind Palmengruppen, die von der Strömung unbeeindruckt, mitten im Fluss weiter existieren. Die Vielfalt des Lebens ist beeindruckend. Der Tropenwald macht seinem Ruf als artenreichster Lebensraum der Erde alle Ehre. Obwohl wir mit unserem lauten Motor einen Heidenlärm verursachen, bekommen wir viele Tiere zu Gesicht.

Immer wieder huschen Eisvögel an uns vorbei. Sie sind blitzschnell und sehr erfolgreiche Jäger nach kleinen Fischen.

Dass wir am helllichten Tag Fledermäuse über uns flattern sehen, ist dann doch überraschend. Immer wieder blitzt das intensive Blau des Morphos durch die Vegetation. Dieser riesige Schmetterling offenbart seine Schönheit nur im Flug, wenn er seine Schwingen geöffnet hat. Libellen surren entlang der Sandbänke, Reiher sitzen in den Ästen, Raubvögel halten nach Beute Ausschau und sogar Affen konnten wir im Gewirr der Zweige erahnen. Doch immer wieder sind es die Papageien, die uns am meisten begeistern. Ganze Familienverbände flattern über unsere Köpfe hinweg. Durch den bewölkten Himmel, der auf dem Foto jegliche Farbe verhindert, zeichnen sich ihre gelben Körper und blauen Flügen aber meist nur als Silhouetten ab.

Erst bei einer Überbelichtung von zwei bis drei Blenden-Stufen kann man etwas von der Schönheit der Tiere auf der Aufnahme wahrnehmen. Auffällig ist, das die Tiere meist als Paare unterwegs sind und praktisch ständig einen Höllenlärm machen.

Gegen Abend zieht dann über dem Fluss leichter Nebel auf und in dieser mystischen Stimmung erscheint unser Zielgebiet zum ersten Mal in unserem Blickfeld.

Es erheben sich steile Felswände vor uns in den Himmel.  Wir sind am Fusse des “Araca-Gebirges” angekommen. Bis zu 1200 Meter hohe Tafelberge erheben sich hier über dem ansonsten flachen Land des Amazonasbeckens. Ein idealer Ort um die Vielfalt dieses Ökosystems aus allen Perspektiven fotografieren zu können. Nun beginnt unser eigentliches Abenteuer.

Flussläufe 07.04.2012

Während ich diese Zeilen schreibe, prasseln Wassermassen auf die Erde nieder wie wir es uns in Europa nur schwer vorstellen können. Es ist als wären oben im Himmel die Schleusen geöffnet worden um Noahs Arche möglichst schnell zum Einsatz zu bringen. Doch so schnell das Spektakel beginnt, so abrupt hört es wieder auf. Niederschlag in Amazonien zu erleben ist immer auch eine Wohltat – verspricht die niedergehende Wasserwand wohltuende Abkühlung zu schwül heißen Tropenalltag. Besonders hier in Manaus, der pulsierenden Millionenstadt im Herzen des größten Tropenwaldes der Erde, wo ein heißer Sommertag für Reisende zur echten Qual werden kann. Ich bin zusammen mit meinem Freund Luis im Greenpeace Büro in Manaus untergebracht, was uns den Vorteil einer komplett mit Internet und Telefon ausgestattet Basis verschafft. Luis spricht fliesend Portugiesisch und nutz geschickt seine vielen Kontakte aus Jahrelanger Umwelt- und Forschungsarbeit in Brasilien um uns einen möglichst reibungslosen Ablauf der kommenden acht Wochen zu organisieren. Gute Planung ist in einem Land wie Brasilen Gold wert, besonders wenn man das anspruchsvolle Thema “Tropenwald” als fotografische Aufgabe zu meistern hat. Ich freue mich nun endlich der Hauptarbeit meines neuen Projektes “Naturwunder Erde” widmen zu können und werde in den kommenden zwei Jahren versuchen ein möglichst vielseitiges Bild unseres wunderbaren Planeten zu erstellen. Nach Monatelanger Greenpeace-Vortragstour, endlosen Konzeptplanungen und vielen großen und kleinen Investitionen in eine gute Ausrüstung bin ich jetzt richtig heiß auf Abenteuer. Die Jagd nach den Motiven kann beginnen.

Begonnen haben wir unsere Konzeptumsetzung mit einem Flug über den Tropenwald. Dies ist immer riskant, denn das Wetter und die Lichtsituation lassen sich nur schwer planen und einen Piloten zu finden der jederzeit Abrufbereit ist, den gibt mein Budget nicht her. Eine zweite oder gar dritte Chance ist nicht drin, also müssen die zwei Stunden eine möglichst hohe Ausbeute an guten Motiven bringen. Als wir um neun Uhr in der Früh am Bootssteg des kleinen Wasserflugzeuges ankommen, werden wir schon erwartet. Doch selbst der Pilot rät uns von einem frühen Flug ab, zu diesig und flau ist die Luft. Kontraste sind nicht zu erwarten. Also verabreden wir uns auf ein Uhr mittags was uns in eine vierstündige Wartephase bring die zur Tätigkeit des Fotografen dazugehört. Um die Mittagszeit haben sich dramatische Wolkenbänke aufgebaut, am Horizont sehen wir dunkle Gewitterwolken und sich abrechnende Wassermassen. Genau die Stimmung die man als Fotograf eigentlich gerne hätte. Doch dem Pilot ist die Wetterlage zu riskant, außerdem muss er ein Ersatzteil in den Motor-Raum einbauen, so das sich unser Abflug um zwei weitere Stunden auf fünfzehn Uhr verschiebt. Ich werde von Minute zu Minute unruhiger, denn die Regenschauer verschwinden nach und nach und machen einer fast geschlossenen Wolkendecke Platz. Mangels wirklichen Alternativen entscheiden wir uns zum Flug und hoffen auf halbwegs brauchbare Bedingungen.

 

Unser erstes Ziel ist der Zusammenfluss vom Amazonas mit dem Rio Negro. Manaus ist recht Nahe an jenem Ort entstanden wo die zwei riesigen Flusssysteme sich vereinen und dabei besonders aus der Luft ein sehenswertes Schauspiel entsteht. Das schwarze Wasser des Rio Negro trifft auf das hellere Weißwasser des Amazonas. Dies führt zu spektakulären Verwirbelungen. Doch woher bekommen Flüsse ihre Farbe? Der Rio Negro wird gespeist von Zuflüssen aus den nördlichen Bergregionen. Starke Regenfälle waschen säurehaltige Stoffe (Huminsäuren) aus dem Wurzelfilz der Bäume und färben somit das Wasser. Dieses ist ansonsten klar, da die Bodenbeschaffenheit kaum Sedimente hervorbringt welche davongeschwemmt werden könnten. Im Schwarzwasser gibt es wegen des hohen Säuregehalts auch keine Stechmücken. Dies lässt den geneigten Naturfotografen aufhorchen, wollen wir uns doch in den kommenden zwei Wochen auf eine Expedition im Schwarzwasserland begeben. Der Amazonasfluss hingegen fließt über viele hundert Kilometer durchs Tiefland. Der Boden ist reich an Sedimenten, welche durch die Kraft des Wassers davon geschwemmtwerden um sich an der Mündung in den atlantischen Ozean zu entleeren. Diese Sedimente bestehen aus heller Erde und Sand, welche dem Wasser die helle aber trübe Konsistenz verschaffen.

Unter uns breitet sich Manaus aus, eine Stadt die zu meiner Geburtszeit ein etwas größeres Dorf im endlosen Ozean des Waldes war. Bis heute hat sich die Anzahl der Bewohner explosionsartig vermehrt. Die erst vor kurzen eröffnete kilometerlange Brücke über den Rio Negro wird ihren Beitrag dazu leisten, die Region in den kommenden Jahren massiv zu verändern. Besonders die inzwischen zahlreichen Straßen die das Amazonasgebiet inzwischen durchschneiden sind eine große Gefahr für das zwar mächtige, aber sehr sensible Ökosystem. Ob unzählige Kleinbauern die sich mit etwas Land ihr Überleben sichern, Goldsucher die die Flüsse vergiften, Großgrundbesitzer die die Soja- und Rinderfront immer weiter in den Norden treiben um die Bedürfnisse unserer Überflussgesellschaft zu befriedigen, oder staatlich geförderte Staudamm-Projekte die zu Dutzenden geplant sind und riesige Landstriche überschwemmen, Ökosysteme ruinieren und indigene Stämme bedrohen – die Gefahren für das Amazonas Ökosystem sind so allumfassend das es einem schwindelig werden kann.

Inzwischen fliegen wir über einen endlos erscheinenden Teppich aus Wald. Nur an den Flussrändern sehen wir noch vereinzelte Hütten von Siedlern, die hier ihren Alltag meistern. Kaum zu glauben das es inzwischen 24 Millionen Menschen in die eigentlich so lebensfeindliche  Amazonasregion gezogen hat. Dagegen nehmen sich die hundertsiebzigtausend Indios die sich auf unzählige kleine Volksgruppen verteilen fast nicht mal mehr als Minderheit aus. Wir fliegen über den artenreichsten Wald der Erde.


Unzählige Tier und Pflanzenarten beherbergt dieses Binom. Eine Tatsache die man gerne verdrängt wenn es um die Vernichtung des Waldes geht. Man mag gar nicht darüber spekulieren wie viele Lebensformen abseits aller Schlagzeilen tagtäglich in den Flammen der globalen Urwaldvernichtung ein grausames Ende finden. Aus unserer ausgehängten Flugzeugtüre sehen wir unberührte Wälder bis zum Horizont. In solchen Momenten lassen sich die Probleme der Welt recht leicht verdrängen. Auch wenn das Licht alles andere als perfekt ist, gelingen dank moderner Digitaltechnik auch bei hohen Empfindlichkeitseinstellungen noch brauchbare Fotos.

Als wir später über das größte Flussarchipel der Erde fliegen, die typischen langgezogenen Inseln inmitten des Rio Negros, tauchen warme Strahlen der Abendsonne das Land unter uns in helles Licht. In solchen Momenten lässt man sich als Naturfotograf gerne in die Vision einer intakten und gerechten Welt fallen und genießt einfach nur das “Hier und Jetzt”.

 

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