Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: Metsähallitus

Verweht 25.09.2010

Als ich nach vierzehn Tagen erneut am Inarisee in Lappland erscheine muss ich den Traum von der Farbenorgie endgültig begraben. Noch immer halten sich die Temperaturen knapp über der Frostgrenze. Rot leuchtende Waldböden wird es nun nicht mehr geben.

Das ist sehr schade. Vor vier Jahren habe ich für den „Planet der Wälder“ Vortrag schon einmal in derselben Gegend fotografiert. Damals sorgten schon Anfang September erste Raureifnächte für die Richtigen Zutaten zur prachtvollen „Ruska“, wie die Finnen ihren „Indian Summer“ zu nennen pflegen. Was bleibt ist eine wunderbare Natur die ich nun mit weniger bunten Akzenten ins rechte Bild rücken möchte. Abermals bekomme ich durch unseren finnischen Freund Jarmo ein Boot zur Verfügung gestellt. Ich steuere nun die vielen Stellen an, die ich zwei Wochen zuvor zusammen mit Elfriede ausgekundschaftet habe. An den Ufern des Sees sind die gelben Blätter der Birken zum großen Teil den einsetzenden Herbststürmen zum Opfer gefallen. Farbklecksen gleich liegen sie auf dem Boden.

Während ich durch den Wald stapfe finde ich hier und da die eine oder andere Birke an der noch ein Teil der Blätter an den Ästen hängt. Den ansonsten sehr getragenen Grün und Grautönen dieses Waldes kommt dies bei der Fotografie sehr zugute. Vereinzelte Heidelbeersträucher haben tatsächlich rötliche Blätter bekommen. Im Makrobereich des Bildausschnittes lässt sich auch bei diesem Motiv ein wenig Herbststimmung kreieren.

An einem der Tage ziehen dramatische Wolkenbilder über die Oberfläche des Sees. In meiner kleinen Nussschale fahre ich an unzähligen Inseln vorbei. Die Gischt spritzt mir immer wieder ins Gesicht. Ich bin ganz nah bei den Elementen. Ich steige auf eine der wenigen Anhöhen die sich knapp siebzig Meter aus dem Wasser erhebt. Ein vorbeiziehender Regenschauer lässt einen Regenbogen über dem Meer aus Wasser und Bäumen aufsteigen. Dies ist auch eine Möglichkeit Farben aufs Bild zu bekommen.

Ein großer Teil der in Finnland verbliebenen Urwälder befindet sich hier im Norden. Mit Jarmo habe ich mich lange über seine Heimat unterhalten. Mit großem Eifer erzählt er vom Kampf um den letzten Urwald, den er zusammen mit seiner Frau und dem Kampaignern von Greenpeace hier seit Jahren führt. In mühevoller Kleinarbeit haben sie ganz Finnland kartografiert und die Reste des alten Waldes zusammengetragen. Jarmo meint das knapp 700 – 800.000 Hektar Wald bisher noch nie eine Kettensäge gesehen haben. Das klingt nach viel, ist aber nur zwei bis drei Prozent der ehemaligen Fläche. Oftmals sind es nur kleine Flecken – ein paar hundert Meter breit. Um den Inarisee sind die Gebiete größer.

Hier tobte ein regelrechter Krieg zwischen dem staatlichen Forstgiganten Metsähallitus auf der einen und den Umweltschützern auf der anderen Seite. Besonders das Volk der Sami hat sich massiv dafür eingesetzt das der Einschlag in ihren traditionellen Rentierzuchtgebieten endlich aufhört. Kahlschläge entziehen diesen Menschen ihre Lebensgrundlage weil die Tiere, die sich das Jahr über in den Wälder frei bewegen dürfen, nichts mehr zu fressen finden. Greenpeace hat viele Aktionen zum Schutz dieses einmaligen Naturerbes unternommen. Ich erinnere mich an ein Urwaldcamp während des eisigen finnischen Winters. Wochenlang haben die Aktivisten dort in ihren Zelten auf den Zufahrstraßen ausgeharrt um die Kahlschlagmaschinen zu stoppen. Ehrenamtliche Greenpeacer haben ein Urwaldpostamt gegründet wo sie unzählige Unterschriften sammelten und kreuz und quer durch die Republik gelaufen sind. Da ein Großteil des Holzes für den deutschen Zeitschriftenmarkt verwendet wird, hat Greenpeace immer wieder Firmenleiter der Verlage und Papierhändler zu Begehungen in die bedrohten Wälder geladen. Sogar vor der UNO Menschenrechtskommision ist die Sache gelandet, weil die Sami erfolgreich die Bedrohung ihrer Kultur und Tradition darstellen konnten. Vor einigen Monaten kam dann endlich nach elf langen Jahren der Durchbruch. Metsähallitus erklärte ein zwanzig Jähriges Moratorium auf über hunderttausend Hektar der Wälder rund um den Inarisee.

Ein grandioser Sieg. Zwanzig Jahre keine Kettensägen mehr in diesen Urwäldern. Jeder ist sich Sicher, dass es in zwanzig Jahren politisch sowieseo nicht mehr durchsetzbar ist Urwälder einzuschlagen. Jarmo meint sogar das man ganz kurz davor steht ein allgemeines Rohdungsverbot für die verbliebenen finnischen Urwälder zu erreichen. Bei all den vielen Verbrechen, die der Mensch tagein tagaus an unserem Planeten verübt, ist diese Nachricht mal eine schöne Wendung gewesen und zeigt das Einsatz sich auch immer wieder lohnt. Mit einen guten Gefühl im Bauch habe ich die Herbsttage in einem der letzten Naturparadiese Europas genossen.

Die Nadel im Heuhaufen 20.09.2009

Der Finne und die Finnin haben es gut. Sie leben in einem ziemlich großen Land und sind selbst in ihrer Anzahl recht überschaubar was zumindest rein rechnerisch jedem sehr viel Platz zum Leben bietet. Es gibt einige Gründe auf die Finnen ein bisschen neidisch zu sein. Das Land besteht nämlich fast ausschließlich aus Seen, Flüssen, Mooren und vor allem aus endlosen Wäldern. Das Blockhaus am See mit einer Sauna, die mit dem Holz aus dem eigenen Wäldchen beheizt wird ist hier eher Alltag als Ausnahme, zumindest für die Landbevölkerung. Die gute Nachricht für den Urwaldfotografen lautet, dass es in Finnland im Vergleich zu Mitteleuropa noch relativ viel Naturwald gibt, besonders oberhalb des Polarkreises in Lappland.

Laamasenvaara 19-09  1707

Schaut man sich eine Straßenkarte an, fallen einem neben den recht überschaubaren Hauptstraßen sofort die unzähligen kleinen, schwarz gezeichneten Abzweigungen auf, die sich wie ein Geäst verzweigen und meist irgendwo als Sackgasse enden. Diese Pisten tragen wohl erheblich zum finnischen Lebensstandard bei, denn es sind Forststraßen über die der staatliche Konzern Metsähallitus seine Trucks rollen lässt, die den Wald zu den Sägereien transportieren. Das ist die unschöne Seite wenn man mal gelernt hat, Forstwald von Naturwald zu unterscheiden. Dort wo alle Bäume gleichgroß sind, eng aneinander gedrängt stehen und meist eine gewisse Größe nicht überschritten haben, ist der Wald eine Plantage. Auf meiner Suche nach unberührter Wildnis fahre ich zumeist an solchen Wäldern vorbei. Was das Gesamtbild wieder rettet sind die Moore und Seen, die der Landschaft nach wie vor diesen wilden weiten Charakter verleihen und so faszinierend machen. Immer wieder blicke ich auf die Straßenkarte, um ja keine Abzweigung zu verpassen. Ich bin auf der Suche nach einem Gebiet das Laamasenvaara heißt (das ist noch ein recht einfach auszusprechender Name, Finnen lieben lange Wörter). Greenpeace hat vor einigen Jahren eine Liste angefertigt auf der alle schützenswerten Waldgebiete aufgelistet wurden. Seither wird hart mit Metsähallitus um jeden Baum gerungen. Nach wie vor sind auch Urwälder, obwohl es nur noch so wenige davon gibt, im Visier der Forstleute, bringen sie doch zumindest kurzfristig einen großen Gewinn. Von einer einstigen Urwaldwildnis von 20 Millionen Hektar sind heute nur noch 5 % unangetastet.  In Laamasenvaara hatten die Umweltschützer Erfolg. Hier müssen die Kettensägen schweigen, das Gebiet wurde aus der Nutzung genommen.

Laamasenvaara 19-09  1708

Doch selbst als ich praktisch davorstehe brauche ich einige Zeit um mir klar zu werden, dass ich tatsächlich da bin. Mein Kollege Oliver Salge, der bei Greenpeace Deutschland die Waldkampagne leitet und auch immer wieder in Finnland tätig ist hat mich schon darauf hingewiesen, dass die unberührten Gebiete  zwar ungeheuer artenreich und wunderschön, aber nicht unbedingt sehr groß sind. Auch hier ist es nur ein schmaler Streifen Wald, der eingezwängt zwischen Rodungsflächen ein kleines Moorgebiet einfasst, keine zwei Kilometer lang und noch weniger breit. Dieses Gefühl der unbedeutenden Größe ist genau in dem Moment verschwunden, indem man den Wald betritt. Sofort ist man in einer anderen Welt. Größe ist relativ, ich lasse mich treiben.

Nadel im Heuhaufen  1711

Der Boden unter meinen Füßen ist ein weich gepolstertes Bett aus Moosen und Flechten. In etwas trockeneren Gebieten wachsen rote, schwarze und blaue Beeren zwischen den Bäumen, eine der Hauptnahrungsmittel der Bären. Pilze aller Arten und Größen fühlen sich auf dem feuchten Grund sehr wohl, ebenso auf abgestorbenen Bäumen.

Nadel im Heuhaufen  1710

Immergrüne Kiefern und Fichten sind die Hauptbaumarten, immer wieder aufgelockert durch weißstämmige Birken, die ihre Blätter bereits im goldenen Kleid des Herbstes tragen. Es ist bereits Ende September, eigentlich müssten auch die Bodendeckerpflanzen bereits in voller Farbenpracht strahlen, doch der Indian Summer ist dieses Jahr sehr zurückhaltend. Wohl weil es ein recht trockener Sommer war und wirklich kalte Nächte, die den Farbenwechsel beschleunigen bisher ausgeblieben sind. Am Anfang ist es immer recht schwierig für mich, im Wald Motive zu erkennen. Das pure Durcheinander an Strukturen macht die Fotografie von Wäldern recht anspruchsvoll. Doch mit der Zeit tauchen sie auf, erst vor meinem inneren Auge, dann auf der Festplatte der Kamera.

Nadel im Heuhaufen  1712

Auch wenn es verglichen mit den vom Menschen gemachten Waldgebieten tatsächlich nur vereinzelte Nadeln im Heuhaufen sind, lohnt es sich um jeden Quadratmeter Urwald in Europa zu kämpfen. Sie sind das natürliche Erbe, das wir zukünftigen Generationen bereiten.

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