Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: Möwen

Möwen 16.08.2009

Am kommenden Tag lerne ich David kennen. Er arbeitet im Camp als Handwerker und ist sehr an meiner Arbeit interessiert. Als ich mich am folgenden Abend wieder auf den Weg zum fotografieren mache fragt er ob er mich wohl begleiten könne. Gerne willige ich ein, gegen einen sympathischen Gesprächspartner mit dem man seine Eindrücke teilen kann, ist generell nichts einzuwenden. In etwas abgewandelter Form erwandern wir die gleiche Tour wie am Vortag und ich setze meine Schwerpunkte auf Motive, die am Vortag etwas zu kurz gekommen sind. David erzählt mir aus seinem Leben in Ilulissat. Er ist mit seiner Freundin vor knapp einem Jahr von Dänemark hier nach Grönland gezogen, um sich hier ein Leben aufzubauen. Als ich höre, dass er ein eigenes kleines Boot besitzt, beginnt mein Herz schneller zu schlagen. Es ist toll wenn Dinge unkompliziert von statten gehen. Er kehrt einen Tag später als ich nach Ilulissat zurück und ist gerne bereit, das Abenteuer mit den Möwen mit mir zu wagen. Ich habe etwas Zeit, mich von den doch recht kräftezehrenden Wanderungen zu erholen und treffe David am übernächsten Mittag am Hafen. Dieser ist glücklicherweise zu diesem Zeitpunkt nicht von Eisbergen blockiert, was durchaus hin und wieder vorkommt. Ich habe alle Schichten Kleidung angezogen, die ich dabei habe. Auch wenn es Sommer ist, es erwartet mich drei Stunden regungsloses Sitzen auf einem offenen Motorboot. Da zieht die Kälte durch jede Ritze, die sie finden kann. Die See ist zum Glück recht ruhig. Bei einem so kleinen Boot ist die Fahrt über jede Welle wie ein Schlag ins Kreuz und ähnlich wie beim Reiten ist man hinterher fix und fertig, wenn man nicht darauf trainiert ist. Als wir uns dem Gletscher nähern scheinen alle Träume vom Möwenerlebnis erst einmal ausgeträumt. Vor uns offenbart sich ein völlig anderes Bild als einige Tage zuvor mit dem Touristenschiff.

Der Fjord ist komplett mit Eisstücken verstopft. Durch die Strömung sind diese in ständiger Bewegung, was ein Weiterfahren in einem so kleinen aus Kunststoff bestehenden Boot zu einem wirklichen Risiko macht. Langsam treiben wir in die Eismassen hinein. David ist sich auch nicht sicher wie weit wir gehen können. Diese Menge an Eis hat er noch nie mit seinem Boot befahren. Tapfer schiebt sich unser Kahn Meter um Meter durch die knirschenden Eisbrocken.

In der Ferne sehen wir die Möwen ihre Kreise ziehen und wieder und wieder sehen wir unsere Chancen schwinden, jemals zum Gletscher zu gelangen als sich wieder neue Eismassen zwischen uns und die Vögel pressen. Erst nach zwei Stunden tut sich eine Lücke auf, die uns direkt zu den Tieren an den Rande des Gletschers bringt. Sechs Stunden werden wir Zwei hier verbringen. Dafür hat David meinen aufrichtigen Dank verdient. Jeden Wunsch erfüllt er mir, selbst als ich ihn bitte ganz knapp an den Gletscher heran zu fahren und uns mitten im Gewusel der Tiere zu positionieren. Es sind mindestens drei Möwenarten, die hier nach Nahrung suchen. Der Ablauf ist immer der gleiche. Einige tausend Tiere fliegen dem Gletscher entgegen, lassen sich abrupt ins Wasser fallen, um dort ihre Beute aufzunehmen. Einige Sekunden später sind sie wieder in der Luft, um nach neuem Kleinstgetier Ausschau zu halten. Am Gletscher selbst lassen sie sich dann mit der Strömung wegtreiben, um aus der Distanz wieder auf die Jagd zu gehen. Das Gletschereis ist gefrorener Schnee aus dem Inland, in das viel Luft eingeschlossen ist. Fällt das Eis ins Meer und schmilzt wird diese Luft freigesetzt, was wohl unter Anderem diesen nährstoffreichen Kreislauf in Gang bringt, an dessen Ende der Nahrungskette in diesem Falle die Möwen stehen. Über tausend Mal drücke ich an diesem Tag auf den Auslöser.

Klar das die allermeisten Bilder wieder im Papierkorb landen, denn das ist schwieriges Fototerrain. Alles ist in Bewegung. Mein Schiff schaukelt und die Möwen fliegen ständig in großer Geschwindigkeit um mich herum. Nur kurze Belichtungszeiten von einer 1/1500 sec oder schneller haben eine Chance ein Motiv scharf abzubilden. Je größer die Brennweite ist desto schwerer wird es ein Bild nicht zu verwackeln.

Ich lerne viel an diesem Tag und freue mich später, das nicht alle Bilder in den Papierkorb wandern mussten. Nach Mitternacht erreichen wir Ilulissat. Es ist Freitagabend. Die Straßen sind voll mit aufgestylten Inuit Jugendlichen. In kleinen Gruppen ziehen sie um die Häuser, um zu sehen und gesehen zu werden, was mich schmunzeln lässt. Wir Menschen sind komische Geschöpfe. Eigentlich sind wir doch alle gleich und trotzdem kriegen wir es nicht auf die Reihe, in Frieden miteinander auszukommen. Mir bleiben ein paar Stunden Schlaf bevor mich der Flieger am kommenden Morgen nach Westgrönland bringt, um mich dort für ein paar Tage der Greenpeace Arktisexpedition anzuschließen.

Eqi Gletscher 13.08.2009

Kann man den Klimawandel noch leugnen? Immerhin schmelzen Gletscher schon seit eh und je, nur um dann in einer anderen Zeitperiode wieder zu wachsen. Der Unterschied zu normalen Klimaschwankungen ist schlicht und einfach die Geschwindigkeit mit der die Gletscher heute weltweit verschwinden. Hier am Ilulissat Gletscher verliert der Gletscher 40 m am Tag (zu 28 m in den 80er Jahren). Mit dieser Menge Eis könnte man New York ein Jahr lang mit Frischwasser versorgen. Etwa 70 km nördlich von Ilulissat entlädt sich das Inlandeis durch den Eqi Gletscher. Mit dem Touristenschiff fahre ich ca. 4 Stunden durch die Disco Bucht (stammt vom Wort „Diskus“ ab und nicht vom Tanzlokal). Immer wieder passieren wir Eisberge verschiedenster Größe und treffen auf einen Wal, der uns freundlicherweise seine Schwanzflosse präsentiert. Erstaunlich sind die Größenverhältnisse in Grönland. Sieht man vor sich die Einfahrt in eine neue Fjordpassage, kann es noch bis zu einer Stunde dauern bis das Boot tatsächlich an dieser Stelle angekommen ist. Als die Eisberge wieder zahlreicher werden und wir am Horizont unseren Gletscher zu sehen bekommen, dauert es noch eine ganze Zeit bis wir tatsächlich bis auf wenige hundert Meter an die riesige Eisfläche herangefahren sind. Eine viereinhalb Kilometer breite Eiswand  ragt vor uns auf. Da der Gletscher fast komplett auf der Landfläche kalbt, brechen immer nur relativ kleine Eisbrocken ins Meer. Dies ermöglicht es dem Kapitän überhaupt, so nahe heran zu fahren. Ich traue meinen Augen kaum als ich an einer Stelle tausende von Seevögeln auffliegen sehe. Durch eine unterirdische Strömung und das mit Luft angereicherte Gletschereis ist der Fjord an dieser Stelle sehr nährstoffreich. Bis zu hunderttausend Möwen gehen hier auf Futtersuche. Wenn das Eis bricht gibt es einen lauten Knall, der die Tiere veranlasst, alle auf einmal aufzuschrecken. Wie eine Wand reiht sich in diesen Momenten ein Körper an den nächsten. Leider treibt das Boot weiter weg von diesem Schauspiel, was ich sehr bedauerlich finde. Was gäbe ich dafür, mit einem eigenen Boot hier unterwegs zu sein und diese Szenerie aus nächster Nähe in aller Ruhe zu fotografieren. Nicht weit vom Gletscher entfernt steht eine alte Station, von der in den 50er Jahren aus Expeditionen aufs Inlandeis gestartet wurden. Die Hütte ist in gutem Zustand, und hätten nicht ein paar dumme Touristen ihre Graffittis auf die Wände geschmiert, wäre der Ort ein wunderbares Zeitdokument. Ein Dutzend kleine Holzgebäude sind inzwischen dazugekommen. Hier wird Besuchern Grönland möglichst naturnah ermöglicht. Alle Hütten haben direkten Ausblick auf den Gletscher, was die Touristen mit reichlich Geld bezahlen. Star des Camps ist ein kleiner Polarfuchs.

Für kurze Zeit vergisst er seine Scheu vor uns Menschen und schnappt dankbar die ihm von der Köchin zugeworfenen Fleischbrocken. Ich habe mich für zwei Nächte im Camp eingebucht. Von hier aus kann ich wunderbare Fototouren zum Gletscher und zum Inlandeis unternehmen.

Ich starte abends um sieben nach dem Abendessen und folge einem Pfad entlang der Küstenlinie. Um zum Gletscher zu gelangen muss man einen großen Bogen um eine Lagune machen. Kleine Gruppen Wildgänse schrecken auf als sie mich bemerken. Bis auf das sanfte Rauschen des Windes herrscht eine angenehme Stille. Da der Sommer sich dem Ende neigt, sind die Mosquitos glücklicherweise schon verschwunden. Leider noch voll im Einsatz sind die „Black Flies“, kleine Fliegen, die immer dann wenn es windstill ist, zu hunderten über einen herfallen. Sie machen aus jedem Naturerlebnis eine Herausforderung. Der beste Schutz ist ein Netz, das man sich wie ein Helm über den Kopf stülpt. Ich passiere einen kleinen Bach, der sein Wasser aus den Bergen über die Lagune ins Meer transportiert.

Die Schönheit dieser auf den ersten Blick so kargen Landschaft fällt mir schwer in Worte zu fassen. Unzählige Moos- und Flechtenarten wachsen zwischen dem Geröll, das die Winde und das Eis im Laufe der Jahrmillionen den Bergen abgerungen haben. Besonders im Gegenlicht verzaubert das sanfte Wiegen des Wollgrases.

Die lila Blüten der Grönländischen Nationalblume lassen einen vergessen, dass man sich hier unmittelbar an der Kante zur zweitgrößten Eismasse unseres Planeten befindet. Nach zwei Stunden beginnt der Anstieg entlang der Gletschermuräne hinauf zur großen Eisfläche. Hier macht sich zum ersten Mal mein schwerer Fotorucksack bemerkbar. Ich wandere bis zum höchstmöglichen Punkt von dem ich eigentlich sowohl das Inlandeis als auch den Verlauf des Eqi Gletschers sehen müsste. Genau das sind dann auch die Momente, die so unbezahlbar sind -  die einen jeden Mückenstich und jede körperliche Qual sofort vergessen lassen.

In fast 700 m Höhe nach etlichen Auf- und Abstiegen über verschiedenste Geröllfelder stehe ich dann obenauf. Eis bis zum Horizont, wohin das Auge blicken kann. Dort wo sich der Abfluss zum Gletscher hin verengt wird das Eis immer brüchiger. Ich folge der Abbruchkante entlang des Gletschers. An manchen Stellen stehe ich einige hundert Meter über dem Eis.

Mein Blick schweift über die riesige Masse aus bizarr anmutenden Türmen, Zinnen und Splittern hinaus auf den Fjord bis zum Horizont. Die knallrote Sonne hat ihre lange Tagesreise fast vollendet, und taucht die Welt in wunderschöne Pastelltöne.

Die Kamera bleibt auf dem Stativ und ist im Dauereinsatz. Was für ein Abend; in solch berauschender Umgebung. Alle Probleme der Welt sind für kurze Zeit nicht existent. Es gibt nur mich, meine Kamera, meine Freundin die Abendsonne und die Schönheit von Mutter Erde. Um drei Uhr Nachts falle ich todmüde aber von Zufriedenheit erfüllt in mein mit einem Moschusochsenfell überzogenes Bett. Draußen beginnt die Sonne sich schon wieder auf ihren langen Marsch über das Himmelsgestirn vorzubereiten.

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