Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: Nationalpark weiße Wüste

Erosion 7.01.2012

Naturfotografen im Allgemeinen und ich im Besonderen sind hoffnungslose Träumer. Unser Herzblut fliest für Ästhetik, Schönheit, Form und Farbe. Ähnlich wie bei den Malern geht es letztendlich darum unsere Umgebung möglichst makellos und perfekt abzubilden. Eigentlich ist dies gar nicht so schwierig, denn Natur ist immer perfekt in Ausdruck und Gestaltung. Hat man mal ein Motiv entdeckt, überlegt sich der Maler seine Farbenwahl und der Fotograf wartet auf die richtige Lichtstimmung. Doch während der Maler im Rahmen der künstlerischen Freiheit auch mal ein störendes Detail weglassen kann ist der Fotograf dazu verdammt immer die Wirklichkeit auf den Chip zu bannen.

In den letzten Jahren habe ich das Gefühl einen Beruf zu haben, bei dem man mehr und mehr in einem Wettlauf mit der Zeit steht. Waren die Geschichten aus meiner Kindheit noch geprägt von Abenteurern welche die Geheimnisse unserer Erde erforschten, komme ich mir heute vor wie Einer der gar nicht schnell genug reisen kann um unverfälschte Natur noch in intaktem Zustand zu dokumentieren. Die Veränderungen auf unserer Erde sind so gewaltig das man immer Angst haben muss zu spät zu kommen.

Die „Weiße Wüste“ ist ein Nationalpark in Ägypten. Hier hatte ich, nachdem meine Fotos im Kasten waren das Gefühl gerade noch rechtzeitig gekommen zu sein. Ein Nationalpark dient im besten Fall der Erhaltung von Natur und dem Menschen als Ort der Erholung und Erfahrung. In vielen Ländern der Erde klaffen jedoch Anspruch und Wirklichkeit weit auseinander. Dies bedeutet leider, dass die Ausweißung eines Schutzgebietes nicht gleichbedeutend ist mit dessen Erhaltung.

Die „Weiße Wüste“ ist ein wunderschöner Bereich der Sahara. Sie ist eine Erosionslandschaft an der Abbruchkante einer Platte die in eine tiefer gelegene Ebene übergeht. Millionen Jahre Erdgeschichte liegen hier wie ein offenes Buch vor dem Betrachter. Die Wüste war früher mal ein Ozean – unzählige versteinerte Muscheln und Korallen lassen keinen Raum für Zweifel. Es gibt Gesteinsschichten die sind aus purem Kalk, was der Region wohl auch ihren Namen gegeben hat. Durch die unterschiedliche Beschaffenheit der einzelnen Materialien konnten sich die Elemente in unvorstellbar langen Zeiträumen an ihnen abarbeiten. Dabei sind skurrile Formen entstanden die vielfältiger nicht sein können. Es fällt nicht schwer in Ihnen Pilze, Türmchen, Kugeln und vor Allem allerlei Getier zu entdecken. Ein magischer Ort der die Fantasie anregt und sich deshalb zunehmender Beliebtheit erfreut.

Heute sind es schon 50.000 Besucher im Jahr die sich von diesem Schauspiel anlocken lassen. Diese sorgen für eine rapide Beschleunigung dessen, wozu die Natur Jahrtausende benötigt, nämlich dem endgültigen Erodieren und Verschwinden dieser Schönheit. Für die Menschen der Region sind die Besucher zu einer wichtigen Einnahmequelle geworden. Viele verdienen sich ihren Lebensunterhalt als Jeepfahrer oder Begleiter von Kamelsafaris durch die Wüste. Daran ist auch absolut nichts Falsch. Der Haken ist, das es keine Regeln gibt, bzw diese nicht beachtet werden. Unzählige Fahrspuren auf der sensiblen, oft nur wenige Millimeter dicken Erdkruste treiben mich nicht selten in den Totalfrust.

Es gibt Regionen im Park die sind durch Reifen und Schuhwerk komplett zertrampelt. Für die meisten Besucher scheinen nur die großen Erosionstürme zu zählen. Die fragile Schönheit im Detail des Wüstenbodens nehmen wohl nur die Wenigsten war. Es hat den Anschein, dass die lokalen Fahrer geradezu nach unzerstörten Bereichen suchen. Kaum einer lenkt sein Gefährt durch vorhandene Spuren. Selten war mir die Divergenz im Anspruch meiner eigenen Arbeit als „Naturschutzfotograf“ so bewusst wie hier. Auf der Suche nach unbeschädigten Motiven habe ich mich nicht selten an Positionen begeben die danach klar und deutlich durch meine Anwesenheit geprägt waren. Jeder Schritt hinterlässt Spuren, die oft über Jahre sichtbar sind. Doch solange selbst die im Park beschäftigten Ranger völlig konzeptlos mit ihren Jeeps über alles drüber brettern was sich ihnen in den Weg stellt habe ich nur ein begrenzt schlechtes Gewissen. Eine Attraktion dieser Art lässt sich auf nachhaltige Weise nur mit Besucherlenkung, klaren Regeln und strengen Strafen bei Nichtbeachtung erhalten. Dies wird wohl eine Utopie bleiben, denn in einem Land wie Ägypten gibt es dazu weder die finanziellen Mittel noch das benötigte KnowHow.

So werden die Nächte unter dem klaren Sternenhimmel und der nach wie vor vorhandene Zauber der Wüste noch viele Touristen begeistern. Für Puristen ist die Region schon Heute nachhaltig zerstört. Als Zyniker könnte man die Sache als halb so Schlimm abtun, denn der Tourismus beschleunigt ja eh nur was hier sowieso passiert – nämlich die ständige Veränderung durch Abrieb der Erosion. Ich würde mich dem Diktat der Regeln aber gerne beugen. Natürliche Erosion ist einfach hübscher als die brutale Kraft tonnenschwerer Geländewagen. Außerdem wäre es wünschenswert wenn auch noch die Kinder der Kinder heutiger Beduinen begeisterte Touristen durch diese schöne Landschaft führen könnten. Warum tun wir Menschen uns nur so schwer damit unsere Umgebung zu erhalten? Eine Frage die mich wohl noch durch mein ganzes Leben begleiten wird.

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