Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: Naturwunder Erde

Kurz vor Tourstart zu “Naturwunder Erde” 19.Oktober 2013


Liebe Leser meines “wildview” Blogs,

die Show “Naturwunder Erde” ist fertig produziert, die Vortragstour steht kurz vor dem Start.

In den neuen Büroräumen von Greenpeace in Hamburg fand am 15. Oktober eine Pressekonferenz zur Vorstellung des Projektes statt.
Überschattet wird der Tourstart von den Ereignissen in Russland, wo 28 Greenpeace Aktivisten und zwei unabhängige Journalisten der Piraterie angeklagt sind. Vier Wochen zuvor hatten sie versucht ein Banner auf einer Ölplattform von Gazprom anzubringen um gegen die gefährliche und für das Klima völlig inakzeptable Förderung von fossilen Brennstoffen im arktischen Eis zu demonstrieren. Ihnen droht bei einer Verurteilung bis zu 15 Jahre Haft. Wir werden während der Vortragstour solange Unterschriften sammeln, bis unsere Freunde wieder auf freiem Fuß sind. Der friedliche Widerstand gegen die Zerstörung der Welt wird sich auf diese Weise nicht einschüchtern lassen.

Außerdem möchte ich Ihnen an dieser Stelle mein neues Buch präsentieren, welches soeben vom renommierten Knesebeck Verlag aus München veröffentlicht wurde. Es ist das Begleitbuch zur großen Vortragstour und eine wunderbare Möglichkeit unseren Planeten verstehen und lieben zu lernen. Die Mischung aus fundierten Texten des Biologen Jürgen Paeger und meinen Fotos präsentiert alle relevanten Lebensräume der Erde in der für den Verlag gewohnt hochwertigen Druckqualität und professionellem Layout. Das Buch kostet 24.95 €


Das Buch kann über meine Homepage (ab November), via Buchhandel oder an den Vortragsabenden erworben werden.

Die Tourdaten finden Sie immer aktuell auf www.markus-mauthe.de oder www.greenpeace.de/multivision

 

Es würde mich sehr freuen Sie in den kommenden zwei Jahren an einem der über 300 Termine begrüßen zu dürfen.

Herzlichst Ihr

Markus Mauthe

 

 

Gebirge Teil 1: „Vorlauf“ 15.04.2013

„Naturwunder Erde“ ist meine dritte große Produktion welche ich in enger Kooperation mit der Umweltschutzorganisation Greenpeace erarbeite. Darauf bin ich recht stolz, denn es gibt kaum einen anderen Verein, dessen Ideen und Ziele sich so vollständig  mit meinem eigenen Weltbild decken wie die der Regenbogen-Krieger. Damit einher geht natürlich die Verantwortung zuverlässig und im Zeitrahmen zu arbeiten. Ich genieße das Privileg mit der Umsetzung dieses Konzeptes unsere Erde bereisen und fotografieren zu dürfen, stehe dafür in der Pflicht einen super Vortrag zu produzieren und ihn ab November 2013 bis einschließlich 2015 mindestens 300 mal zur Aufführung zu bringen. Damit dies gelingt habe ich ein tolles Team die sich seid Monaten um die Tourneeplanung kümmern. Inga, Astrid und Alexander wählen Städte aus, buchen Hallen und sorgen dafür, dass die Bewerbung der Veranstaltung möglichst reibungslos verlaufen wird.

 

Unser neues Projekt umfasst insgesamt 14 Ökoregionen die ich innerhalb der vier Kapitel „Wasser“,  „Wald“, „Gestein“ und „Grasland“ fotografisch umsetze. Dies bedeutet, dass ich mir vierzehn Mal die Fotoausrüstung um die Schultern hänge und in die wunderschöne Welt hinausziehe um diese in möglichst hochwertigen Bildern zu dokumentieren. Je näher der Tourneestart rückt desto mehr steigert sich die Vorfreude die dabei entstandenen Bilder auch einem möglichst breiten Publikum präsentieren zu dürfen. Mit jeder Reise die ohne Unfälle oder Verluste der Ausrüstung über die Bühne geht, sinkt die Nervosität. In dem Moment, in welchem ich zu Hause ein weiteres fertig fotografiertes Ökosystem in die Festplatte meines Computers lade erhöht sich die Sicherheit im November mit dem bestmöglichen Vortrag auf Tournee gehen zu können, der mir zum jetzigen Stand meiner Karriere möglich ist.

 

 

Inzwischen sind nun etwa zwei Drittel der Themen im Kasten und ich bin mit dem Verlauf der bisherigen Arbeit mehr als zufrieden. Als nächstes steht nun die Umsetzung des Themas „Gebirge“ an, welches neben dem „tropischen Regenwald“ und dem „Ozean“ das wohl körperlich Anstrengendste zu werden verspricht. Ich wollte von Beginn der Planungen an mit dem Himalaya das „Dach der Welt“ im Vortrag haben. Die Idee war das kleine Land Buthan zu bereisen. Dessen Menschen messen ihre Lebensqualität nicht so unsinnig wie der Rest der Welt am „Bruttoinlandsprodukt“ sondern am „Bruttosozialglück“. Dieses misst die Lebensspanne während der man zufrieden ist. Eine gute Idee über die im kapitalistischen Teil der Welt mal nachgedacht werden sollte. Wäre nicht mehr unbegrenztes Wachstum das Maß aller Dinge, sondern eher Werte wie Glück, Gerechtigkeit und Frieden, würde es unserer Erde sicher besser ergehen als es ihr momentan tatsächlich tut. Da sich das Land nur langsam gegenüber reiselustigen Nicht-Buthanern öffnet (was sicherlich nicht zu deren Nachteil ist) lässt man auch nur eine begrenzte Anzahl Touristen ins Land. Diese dürfen für jeden Reisetag eine Gebühr von 200 Dollar auf ihrem Wege zur Erkenntnis zahlen.

Schnell war klar, dass dies mein Budget bei weitem Übersteigen würde, zumal ich mir fotografisch einiges vorgenommen habe, und gut Ding will nun mal bekanntlich Weile haben. Außerdem war schon lange beschlossen das mich auf dieser Trekkingtour meine Lebensgefährtin Juliana begleiten wird. Wir haben uns vor einem Jahr in Brasilien kennengelernt als ich die dortigen Regenwälder fotografiert habe. Seitdem bereichert sie mit ihrer Liebenswürdigkeit jeden Tag meines Lebens. Aus der Patsche geholfen hat mir mal wieder mein guter Freund Rolf, der bei diesem Projekt schon in der Savanne Afrikas und im gemäßigten Regenwald Tasmaniens mit Rat und Tat an meiner Seite stand. Er als passionierter Reisender, dem kaum eine Ecke unserer schönen Welt unbekannt ist, kam auf mit der Idee den „Kanchenjunga Base Camp Trail“ im nepalesischen Teil des Himalaya zu laufen. Als er mir sagte das diese 26 tägige Wanderung bis zum Fuße des dritthöchsten Berges der Welt führen würde – vorbei an im Frühling blühenden Rhododendronwäldern; entlang an von Gletschern gespeisten Flüssen; auf autolosen Fußpfaden; durch kleine Dorfgemeinschaften die ihre Kultur bis heute leben und pflegen, so war die Sache schnell entschieden.

Das Ökosystem „Gebirge“ an sich besteht aus einem Haufen riesiger Gesteinsbrocken die für sich selbst keine große Wichtigkeit für die Vielfalt des Lebens auf unserem Planeten haben. Doch eben jene Gesteinsbrocken sind es, die in enger Synthese mit vielen der Lebensräume stehen, welche ich in meinem Projekte vorstellen werde. Die Themen „Gletscher“, Flüsse“ und „Wälder“ sind entscheidend für das Funktionieren des großen Organismus Erde, und auf sie trifft man alle im „Gebirge“. Ein wunderbares Thema also um die Vernetzung aufzuzeigen, in der viele Dinge der Natur miteinander verbunden sind. Da Rolf schon einmal in Nepal war, einen Veranstalter, einen Guide und die bei solch einer großen Tour notwendigen Träger kannte, hat er praktisch im Alleingang alles vorbereitet.  Juliana und ich mussten nur für die richtige Ausrüstung sorgen die uns sicher in die Hochlagen und wieder zurück bringt. Nun muss man zu bedenken geben das meine Liebste als Bewohnerin des tropischen Regenwaldes praktisch ihr ganzes Leben mehr oder weniger auf Meereshöhe verbracht und Temperaturen unter Null Grad nur vom Hörensagen her kennt. Ich habe von Anfang an ihren Mut bewundert als sie mir glaubhaft versicherte, diese im „Lonely Planet“ Nepal-Reiseführer als „hart“ beschriebene Tour mit mir bewältigen zu wollen.

Dazu kommt das Juliana vor acht Jahren einen schlimmen Autounfall hatte, der ihre Lebensuhr praktisch auf Null zurückgestellt hat. Zweiundvierzig Knochenbrüche und viele andere unschöne Dinge zwangen die Gute mit ihrem Körper wieder von vorne zu beginnen. Bis heute ist sie gezwungen in vielen Dingen mehr Zeit zu investieren, weil die einfach langsamer ist als ein Mensch ohne diese körperlichen Beschränkungen. Kaum jemand aus unserem Umfeld hat und hätte ihr auch nur im Ansatz zugetraut das sie all die Strapazen bewältigen würde die nun vor Ihr lagen. Schon für eine ganz normale Beziehung ist solch eine intensive Trekkingtour eine immense Herausforderung. Nun kennen wir uns erst ein Jahr, stammen aus verschiedenen Kulturen, sprechen miteinander in einer Sprache die nicht unsere Eigene ist und haben es bei ihr mit einem absoluten „Greenhorn“ (ich lese gerade mal wieder Karl May) zu tun, welches auch noch nie im Ansatz etwas ähnliches gemacht, geschweige denn Berge dieser Höhe kennen gelernt hat. Das ist wohl der ultimative Beziehungstest und wir waren uns auch Beide voll bewusst, das wir nicht überrascht sein dürfen, wenn wir das Basislager in 5300m Höhe, aus welchen Gründen auch immer, nicht erreichen werden. Trotzdem sind wir voller Vorfreude als wir uns mit gepackten Rucksäcken auf den Weg in dieses Abenteuer machen.

„Wer nicht wagt, der nicht gewinnt“ und „der Weg ist das Ziel“ sind zwei allseits bekannte Sprüche, die wie geschaffen scheinen für unsere Situation in den kommenden vier Wochen. Es wird sehr spannend werden….

Ozean Teil 3: “Tierreich” 02.04.2013

Der von mir sehr geschätzte Tierfotograf Ingo Arndt hat eines seiner großen Fotoprojekte „Tierreich“ genannt. Er ist dafür auf die Suche nach Tieren gegangen die in als Herden, Schwärmen oder Kolonien auftreten. Während mir große Ansammlungen von Menschen eher unangenehm sind (vom Publikum bei einem guten Konzert mal abgesehen) ist das Beobachten von großen Tierzusammenkünften eines der schönsten Naturerlebnisse überhaupt. Ich befinde mich immer noch in Palau wo ich zusammen mit David Hettich in Form zahlreicher gemeinsamer Tauchgänge mein Vortragskapitel „Ozean“ entstehen lasse.

Hier haben auch wir das tolle Gefühl gespürt welches unser gemeinsamer Freund Ingo bei der Umsetzung seines  Projektes immer wieder gehabt haben muss. Wir waren unmittelbare Zeugen faszinierender Tiermassen.

Solche Erlebnisse bereichern meinen Job als Naturfotograf ungemein. Die zahllosen Wunder die ich im Laufe der letzten zwanzig Jahre mit der Kamera dokumentieren durfte haben mich die Achtung gelehrt welche ich heute gegenüber unserer fantastischen Heimat Erde empfinde. Deswegen bin ich wahrscheinlich auch so ungemein wütend auf uns Menschen. Unser rücksichtsloser Umgang mit den Lebensgrundlagen stellt den schnellen Gewinn und kurzfristigen Wohlstand über das langfristige Wohl all derer, die nach uns kommen. Verlierer sind am Ende Alle. Die Tier- und Pflanzenwelt aber auch unserer Kinder und Kindeskinder. Was der Großteil der Menschen bis heute nicht verinnerlicht hat, ist das unser Überleben unmittelbar mit intakten Kreisläufen in den verschiedenen Ökosystemen zusammen hängt. Basierend auf diesen Gedanken habe ich das Konzept zu „Naturwunder Erde“ konzipiert. Ich möchte versuchen unsere Welt als „großes Ganzes“ zu präsentieren. Es muss gelingen Gesellschaft, Politik und Wirtschaft davon überzeugt, ihr Dogma „Wachstum“ in die Schlüsselworte „Nachhaltigkeit“ und „Effizienz“  zu verwandeln. Nachhaltige Kreisläufe sind das Einzige das meiner Meinung nach in Zukunft „wachsen“ darf. Unsere Erde ist zwar groß, aber die Einflussnahme von sieben Milliarden Menschen ist inzwischen zu stark geworden. Der Planet kann dies auf lange Sicht nicht verkraften wenn er auch in Zukunft eine immer noch steigende Anzahl hungriger und nach Wohlstand dürstender Menschen mit Rohstoffen versorgen soll. Wenn meine Fotos und Geschichten bei den Besuchern der fertigen Show ähnliche Gedankengänge auslösen, dann habe ich einen guten Job gemacht. Ende 2015 nach dreihundert Auftritten zusammen mit Greenpeace werden wir wissen ob und bei wie vielen Menschen es geklappt hat.

 

David schwimmt ungefähr dreihundert Meter vor mir. Wir sind im Moment die einzigen Besucher von einem der touristischen Highlights auf dem Inselarchipel Palau. Die Pressluftflasche haben wir nicht dabei. Tauchen ist im berühmten „Jellyfish Lake“ nicht erlaubt. Mit Schnorchel, Taucherbrille und Flossen ausgestattet bewegen wir uns über den See. Mal schauen wir unter mal über die Wasseroberfläche. Dieser See ist wirklich eine Besonderheit im Spektrum natürlicher Vielfalt. Mit der Erhöhung des Meeresspiegels zum Ende der letzten Eiszeit ist Salzwasser durch das poröse Kalkgestein der „Rock Islands“ gedrungen und hat die Senke gefüllt die heute den etwa vierhundert Meter langen See ausmacht. Durch kleine Öffnungen zum umliegenden Ozean müssen irgendwann die Quallen gekommen sein welche sich hier im Wasser tummeln. Bis zu dreißig Millionen sollen es in Hochzeiten sein. Ein Ort den der Mensch eigentlich inständig meiden sollte, denn bekanntlich Nesseln Quallen und das tut höllisch weh. Doch während ihrer Zeit innerhalb der abgeschlossenen Welt des Sees, hat die Evolution  die Medusen, wie sie auch genannt werden, ihre Fähigkeit zur Verteidigung genommen. Vielleicht weil natürliche Feinde fehlen. Zu anderen Quallenarten unterscheiden sie sich zudem das die Endteile ihrer Arme stark verkürzt sind und die Pigmentfarbe Blau fehlt.  Zu Anfang erblicken wir nur vereinzelte Exemplare die sich im grün schimmernden Wasser in ihrer für sie typischen Art bewegen indem sie sich immer wieder gegen den Uhrzeigersinn drehen. Damit lassen sie ihrem Körper gleichmäßig Licht zukommen. Denn sie tragen Symbionten in sich, die durch Lichtaufnahme Energie entwickeln welche die Quallen ernähren. Das gleiche Prinzip funktioniert übrigens auch bei Steinkorallen welche die Riffe bilden. Stoßen die Korallen die Symbionten aus Stressgründen ab, zum Beispiel durch einen erhöhten Säuregehalt des Wassers, so sterben die Wirte. Dies nennt man allgemein Korallenbleiche, ein Phänomen welches  leider in Zeiten des Klimawandels immer häufiger beobachtet wird.

 

Zuerst versuche ich einzelne Quallen abzulichten, was nicht weiter schwer fällt, denn die Tiere kommen bis unmittelbar unter die Oberfläche. Irgendwann fällt mir auf das David an einer Stelle in Ufernähe schon recht lange ausharrt und in die Mangroven blickt. Als er wahrnimmt das ich zu im schaue gibt er mir ein Zeichen und ich schwimme auf ihn zu. Mit gedämpfter Stimme fragt er mich ob mir an unserer Umgebung etwas auffalle. Es dauert kaum drei Sekunden da sehe ich es vor mir. Auf einen Ast liegt ein Krokodil. Ein Salzwasserkrokodil. Richtig gefährlich Burschen, sagt man. Die können bis zu sechs Meter groß werden. Unser Exemplar ist vielleicht eineinhalb Meter lang. Eine Tatsache die mich momentan aber nur unwesentlich beruhigt. Ein Krokodil im „Jellyfisch Lake“ in dem jeden Tag duzende Touristen planschen? Es liegt ganz friedlich da. Wir wollen Beide zumindest ein Beweisfoto machen. Mit unseren Weitwinkelobjektiven im Unterwassergehäuse kein einfaches Unterfangen. Ganz langsam versuche ich mich dem Tier zumindest ein klein wenig zu nähern. In diesem Moment macht es einen Satz nach vorne und springt blitzschnell zu uns ins Wasser. Damit war der Gag er Reise geboren. Unter brüllendem Gelächter erzählt David später Allen die es hören oder auch nicht hören wollen wie mir in diesem Moment ein schlichtes „Ach du Scheiße“ rausgerutscht ist und wir uns Beide wie die Wilden mit hektischen Schlägen unserer Flossen versucht haben zu entfernen. Ich glaube es hat so ungefähr zehn Sekunden gedauert bis der Verstand wieder die Oberhoheit über das Gehirn erobert hat.  Ein Krokodil im Jagdmodus hätte keine Probleme uns zu erreichen egal wie sehr wir uns auch bemühen aus seiner Reichweite zu kommen. Also haben wir aufgehört zu paddeln und uns unserem Schicksal hingegeben. Doch der geöffnete Rachen der sich aus der trüben Tiefe erhebt bleibt eine Urangst in meiner Vorstellung. Nach und nach wird die Atmung wieder normal und die Panik verschwindet. Das Krokodil hatte wohl genauso viel Angst vor uns wie wir vor ihm und ist einfach geflüchtet. Auf Palau ist es zum Glück bisher kaum zu ernsthaften Zwischenfällen mit diesen urzeitlichen Gesellen gekommen. So bleibt uns zwar ein Schreckmoment aber auch ein tolles Ergebnis, dieses Tier überhaupt in seiner natürlichen Umgebung entdeckt zu haben.

Wir schwimmen gemeinsam weiter in Richtung östliches Ende des Sees. Es ist noch Vormittag. Zu diesem Zeitpunkt halten  sich dort ein Großteil der Quallen auf. Inzwischen schwimme ich fast ständig mit dem Kopf unter der Wasseroberfläche.  Aus einzelnen Tieren werden Duzende, dann Hunderte und später Tausende die ins Blickfeld geraten. Es ist ein Anblick der schwer zu beschreiben ist. Irgendwann sind wir komplett von diesen seltsamen Lebewesen umgeben. Ihre Haut fühlt sich weich an. Ekel verspüre ich keinen, im Gegenteil. Die Quallen sind so zart das wir aufpassen müssen mit unserem Flossenschlag nicht ständig einige dieser Geschöpfe zu verletzen. Von nun an zahlt sich mein vier Kilogramm schwerer Gürtel aus, den ich die ganze Zeit um die Hüften trage. Er macht es mir einfach mich wie ein Stein absinken zu lassen und in diese unwirkliche Welt aus glibberigen Körpern und grün schimmerndem trüben Wasser eintauchen zu lassen. Außerdem profitiere ich davon, dass wir vor einigen Wochen bei den Wal-Haien auf den Philippinen schon einmal beim Schnorcheln waren. Ich kann inzwischen besser die Luft anhalten und durchaus vier bis fünf Meter abtauchen.

Der Blick ist atemberaubend, was nicht schadet denn Atmen ist sowieso nicht möglich. Besonders der Anblick gegen das Licht ist gewaltig. Als würde man ins Weltall schauen und an endlos vielen Planeten vorbeigleiten. Ich schiebe die Kamera vor mir her und versuche möglichst Bilder zu machen in denen sich die Medusen gleichmäßig über das Bild verteilen. Das geht im Endeffekt nur über die Masse an Auslösungen, denn Planen kann man so ein Foto bei der kurzen Zeit des Abtauchens nicht. Es ist eine Mischung aus Glück, Intuition und Beherrschung der Technik. Viele Male lasse ich mich nach unten fallen und stoße kurze Zeit später laut prustend durch die Oberfläche.

Erst als wir ziemlich erschöpft sind machen wir uns langsam auf dem Schwimmweg zum Steg über den alle Besucher in den See einsteigen. Inzwischen sind zwei große Gruppen japanischer Touristen beim Schnorcheln. Ein Großteil der Besucher verweilt in der Mitte des Sees, was dem Hauptteil der Quallen Ruhe vor allzu vielen Eindringlingen verschafft. Auf dem Weg zurück schwimmen wir in Ufernähe und treffen doch noch auf einen Fressfeind der Schwabbelwesen. An ins Wasser gestürzten Bäumen wachsen weiße Anemonen die sich an Quallen gütlich tun. Haben sie diese erst einmal in ihren Fängen werden die Medusen praktisch nach und nach ausgesaugt. Ein schaurig schöner Anblick.

Als wir über einen kurzen steilen Pfad durch den Wald zurück zu unserem Boot marschieren sind wir voller Begeisterung über die Erlebnisse in diesem außergewöhnlichen Salzwassersee. Doch auch hier bleibt zu hoffen, dass man die steigenden Besucherzahlen richtig dosiert. Es ist praktisch wie überall auf der Welt. Wenn zu viele Naturfreunde über Natur herfallen, dann nimmt diese meist Schaden. Bisher haben die Touristen nachweislich drei neue Lebensformen in diesem See eingeschleppt mit bisher ungewissen Folgen. Ob es da ausreicht das sich jeder Besucher die Schuhe abputzen muss bevor der sich auf den Weg zum See macht wird die Zukunft zeigen. Es ist auf jeden Fall gut zu wissen das es sechs weitere Quallenseen auf Palau gibt zu denen der Mensch aber keinen Zutritt hat.

Patagonien Teil 1 “Hosenlos” 25.01.2013

Es scheint tatsächlich zu klappen. Irgendwie mutet es unwirklich an den kleinen schwarzen Fleck in der endlos erscheinenden weißen Eisfläche langsam näher kommen zu sehen. Besonders mit dem Wissen das dieser höchstwahrscheinlich mein ganz persönlicher Zustellservice ist. Er wird mir mein Stativ bringen um an einem der schönsten Plätze der Welt in der Lage zu sein professionell zu arbeiten. Zehn Minuten später haben wir Gewissheit. Die patagonische Eisfeldpost arbeitet zuverlässig. Der topfitte Bergführer hat innerhalb eines Tages unsere Expeditionsgruppe eingeholt.

Eine Strecke, für die wir mit unserem schweren Gepäck fast zwei Tage gebraucht haben, hat er in neun Stunden bewältigt, um seine Fracht pünktlich abzugeben. Ich bin erleichtert. Das Experiment ist geglückt. Was war geschehen?

 

Es gibt Dinge die einem Fotografen auf Auslandseinsatz einfach nicht passieren sollten. Besonders wenn Termine anstehen die man auf keinen Fall verpassen möchte. Ich stehe am Gepäckband im kleinen Flughafen von El Calafate im argentinischen Patagonien und schon nach wenigen Minuten habe ich ein flaues Gefühl im Bauch. Die Reihen der Passagiere die noch auf Koffer warten lichten sich, und mir wird klar dass ich in Schwierigkeiten stecke. Für den morgigen Tag habe ich eine Expedition auf das patagonische Eisfeld gebucht um Fotos für mein neues Projekt „Naturwunder Erde“ zum Thema „Gletschereis“ zu machen. Doch mein Gepäck hat es leider nicht auf den gleichen Flieger geschafft. Meine zwei Freunde Lisa und Luis, welche mich auf der Wanderung begleiten werden, hatten mehr Glück. Ihre Ausrüstung ist komplett. Noch am selben Abend halten wir Krisensitzung im Büro unseres Reiseveranstalters. (www.walkpatagonia.com – sehr zu empfehlen) Wir sind im kleinen Ort „El Chalten“ welcher am Fuße der berühmten Berge „Cerro Torre“ und „Fitz Roy“ liegt. Hier ist der Ausgangspunkt für zahlreiche Wanderungen und Klettertouren in die patagonische Wildnis.

Laut Aussage der Fluggesellschaft wird das Gepäck am übernächsten Tag gegen Mittag geliefert. Das klingt nicht weiter Schlimm. Doch unsere Wanderung führt durch raues Land und die Wettervorhersage verspricht stabile Bedingungen in den kommenden Tagen. Mit jedem Tag den wir warten wird die Chance eines Wetterumschwungs größer. Was mich jedoch am meisten antreibt ist die Aussicht Vollmondlicht bei klarem Nachthimmel auf dem Eisfeld erleben zu können. Es hilft alles nichts – wir müssen wie geplant am nächsten Tag los. Zum Glück hatte ich meine Wanderschuhe und die Regenjacke im Flieger bei mir. Mein Handgepäck besteht aus der fast kompletten Fotoausrüstung, welche natürlich die Grundvoraussetzung für meine Arbeit ist. Das Einzige was mir ernsthaft Sorgen macht, ist das fehlende Stativ. Es ist für jeden Naturfotografen ein unerlässliches Werkszeug. Gerade auch hier in Patagonien wo ich von Gletschern und Bergen umgeben sein werde und das zu erwartende Mondlicht lockt. So entscheiden wir uns zu einem ungewöhnlichen Schritt. Zoe, die Organisatorin der Tour, engagiert einen weiteren Guide. Dieser wird, zwei Tage nach uns, in der Frühe mit leichtem Gepäck starten, um mir das Stativ und eine vernünftige Wanderhose direkt auf das Eisfeld zu bringen. Wenn alles klappt werden wir uns auf der Rückseite des „Cerro Torre treffen. Das er nicht mehr am selben Tag loslaufen kann an dem mein Gepäck voraussichtlich angeliefert wird, liegt an der Gletscherschmelze.  Auf dem Weg hoch zum Eisfeld gilt es einen Fluss zu überqueren der nur in den frühen Morgenstunden problemlos zu passieren ist. Je länger die Sonne auf die Eismassen scheint, desto stärker lässt das die Wasserwege anschwellen und wird für Menschen unpassierbar.

Den Tag über verbringe ich mit einer Tour durch die kleinen Läden El Chaitens um mir fehlende Ausrüstung zu leihen oder im Notfall auch zu kaufen. Zum Glück mangelt es hier an nichts. Jährlich kommen mehr Naturfreunde in dieses abgelegene Gebiet und so ist hier alles zu haben was das Wanderherz begehrt. Nicht ohne Stolz wirbt man hier mit dem Slogan „Wanderhauptstadt der Welt“.

Seit meinem letzten Besuch in El Chaiten vor acht Jahren hat sich viel getan. Neue Veranstalter haben sich angesiedelt, Restaurants eröffnet und die Zahl der Hotels nimmt ständig zu. Noch sind es in erster Linie junge Menschen mit Rucksäcken und langen Haaren die über die Hauptstraße schlendern. Doch spätestens seitdem vor drei Jahren die geteerte Straße von El Calafate nach El Chaiten fertig gestellt wurde, ändert sich das Bild zusehenst. Inzwischen kommen duzende Reisebusse mit Pauschaltouristen und die sorgen dafür, dass die Hotels immer größer werden und das Preisgefüge nach oben verschoben wird. Ich wage nicht zu sagen ob der Charme den dieser kleine Ort bis heute versprüht, auch in weiteren acht Jahren immer noch vorhanden sein wird. Am Spätnachmittag habe ich alles zusammen. Rucksack, Schlafsack, Isomatte und Regenhose sind geliehen. Unterwäsche, Sonnenbrille, Handschuhe und Hut gekauft. Wir haben zwei Bergführer und einen weiteren Träger im Team. Da auch Luis als begeisterter Hobbyfotograf viel Ausrüstung mit rumschleppt, haben wir uns dadurch eine kleine Erleichterung genehmigt, die sich aber nicht sonderlich bemerkbar macht. Die Wanderung wird acht Tage dauern und da kommt einiges zusammen. Besonders bei Lebensmitteln. Mit gut fünfundzwanzig Kilo auf dem Rücken habe ich ordentlich zu schleppen. Den ersten Preis in der Kategorie „dämlichstes Outfit“ geht eindeutig an mich. Eine dunkelblaue lange Unterhose und darüber eine viel zu große, kurze Sporthose sehen einfach umwerfend aus. Der „running Gag“ der Tour ist gefunden. Ich bin dem Spott meiner Freunde ausgeliefert, ertrage ihn aber in Würde. Immerhin haben wir durch meinen „Ausrüstungskompromiss“ die Chance auf eine Vollmondnacht am Fuße des „Cerro Torre“ wieder erhöht.

 

Es ist nach siebzehn Uhr als unsere sechs Personen große Gruppe den achtzig Kilometer langen Marsch beginnt. Die Tage hier im Süden sind lang so das wir durchaus noch eine gute Anzahl Kilometer bei Tageslicht schaffen können. Während ein großer Teil Patagoniens aus eher karger Steppenlandschaft besteht wachsen hier in den meist von Flüssen gespeisten Tälern Südbuchenwälder.

Diese Bäume haben durch ihr Alter wunderbar verwachsene Formen. Obwohl wir anfänglich durch Privatland laufen welches nicht in Form eines Nationalparks geschützt ist, haben die Bäume Urwaldcharakter. Hier hat man nie aus kommerziellen Gründen Holz gefällt. Als alter Waldfan bin ich sofort von der mich umgebenden Vegetation begeistert. Überall am Boden liegt totes Holz herum. Die Südbuchen gehören zur gleichen Familie wie die Myrtle-Bäume welche ich vor wenigen Wochen im gemäßigten Regenwald in Tasmanien fotografiert habe. Man sollte besonders hier in diesem Teil von Südamerika jeden Baum wie ein Heiligtum behandeln. Denn verglichen mit der Gesamtfläche Patagoniens sind es nur kleine Bereiche die bewaldet sind. Weiter im Süden wachsen die Bäume wegen des rauen Klimas kaum größer als Büsche. Im Norden werden die Regenwälder an den Andenhängen immer noch gnadenlos zu Holzschnipseln zerlegt – als Grundlage für Papier. Bei meiner ersten Patagonien-Reise vor acht Jahren, als das Schicksal dieser Wälder im Zentrum meiner Arbeit stand, habe ich das mehr als genug mitansehen müssen. Insofern bin ich fast erleichtert während der jetzigen Reise relativ entspannt durch diesen Märchenwald zu laufen um mich an der Schönheit dieser erhabenen Gestalten erfreuen zu können. Im dunkler werdenden Umgebungslicht gleichen die Silhouetten mehr und mehr den „Ents“, die wohl jedem „Herr der Ringe“ Fan nachhaltig in Erinnerung sind. Da die einzelnen Bäume recht weit auseinander stehen erleben wir an unserem ersten Abend in der Wildnis ein weiteres Schauspiel was solch eine Wanderung zu so Besonderem macht. Der fast volle Mond taucht über der Bergflanke auf und scheint zwischen den Zweigen hindurch bis auf den Waldboden. Das Licht ist so magisch das es mich in diesem Moment nicht wundern würde wenn plötzlich Elfen oder Zwerge vor uns stünden. Es ist so hell, das wir nur ganz selten unsere Taschenlampen einschalten müssen, um den Weg nicht aus den Augen zu verlieren. Das einzige Geräusch ist der mit Gletscherwasser gefüllte Fluss dessen Verlauf wir leicht ansteigend weiter ins Tal hinein folgen. Wir lagern erst als wir nah genug an dem Fluss sind, den wir am kommenden Morgen in der Frühe überqueren müssen. Es wird eine kurze Nacht. Trotzdem schlafe ich zufrieden ein.

Tasmanien Teil 1: “Von Umweltbewegten” 05.01.2013

Gibt es noch wahre Helden? Finden sich noch Menschen die sich für ein Ideal oder eine Sache an die sie glauben einsetzen, und ihre eigenen Bedürfnisse dafür weit nach hinten anstellen? In einer Welt die mehr und mehr durch die Ellenbogen-Mentalität des Kapitalismus geprägt ist, also eher den Eigennutz nährt als das Allgemeinwohl fördert, ist diese Frage wohl berechtigt. Wo sind sie geblieben, unsere Vorbilder zu denen wir gerne aufschauen und von denen wir uns inspirieren lassen?

Ich habe solch einen Menschen getroffen und freue mich hier von Ihr erzählen zu können. Bei der Recherche zum Thema „Gemäßigter Regenwald“ für mein Greenpeace Project „Naturwunder Erde“ stieß ich durch Zufall auf die Seite „observertree.org“ Dabei fand ich heraus das sich in den Wäldern Tasmaniens eine junge Frau seid über einem Jahr auf einer sechzig Meter hohen Plattform in einem Urwaldbaum befindet um damit gegen die andauernde Zerstörung alten Waldes zu protestieren. Zuletzt hatte ich von solch einer Aktion in den USA gehört, wo eine Aktivistin mehr als zwei Jahr auf einem Baum ausgeharrt hat um die umliegenden Wälder zu schützen. Damals ging es um die riesigen „Redwoods“ in Nordamerika, im aktuellen Fall um die nicht minder imposanten Eukalyptusbäume.

Mir ist übrigens aufgefallen, das wenn es um wirklich außergewöhnliche Lebensleistungen im Naturschutz geht, es zumeist Frauen sind die sich hierbei auszeichnen. Dian Fossey mit ihrer Arbeit bei den Gorillas, oder Jane Goodall die “Schimpansenfrau“ sind zwei prominente Beispiele. In meiner Geschichte ist es nun Miranda Gibson, die „Dame im Baum“ die ich unbedingt treffen und innerhalb meiner Arbeit vorstellen möchte.

Tasmanien ist eine südlich von Australien gelegene Insel die ungefähr die doppelte Größe der Schweiz aufweist. Landschaftlich ist Tasmanien ein Mikrokosmos der viele verschiedene Ökosysteme besitzt, nicht zuletzt eine der größten verbliebenen Flächen „gemäßigten Regenwaldes“, die uns auf der Erde bis heute erhalten sind. Der Hauptunterschied zwischen gemäßigtem“ und „tropischen“ Regenwald sind die Temperaturen. Während es in beiden Waldtypen sehr viel regnen muss, wachsen die „gemäßigten“ Regenwälder in Regionen die viel kälter sind, also weiter weg vom Äquator und meist in der Nähe von Küsten. Besonders um naturverbundene Touristen anzulocken wirbt man Stolz damit, dass fast die Hälfte der Landmasse Tasmaniens unter Schutz gestellt ist. Doch genau an dieser Stelle lohnt es sich einen zweiten Blick zu riskieren und etwas genauer zu hinterfragen. Denn trotz zweifellos imposanter Wildnisgebiete leidet die Natur bis heute unter immensen menschlichen Eingriffen die schon vor über dreißig Jahren zur Bildung einer Umweltbewegung geführt haben, welche bis heute ein fester Bestandteil des politischen Alltages geworden ist. Begonnen hat der Widerstand als man plante weite Teile unberührter Natur für Wasserkraft zu fluten. Wenn man eine aktuelle Landkarte Tasmaniens betrachtet, so sieht man das viele der Projekte nicht verhindert werden konnten. Unter den heutigen Gesichtspunkten des Kimawandels ist Wasserkraft natürlich keine „böse“ Energie. Damals spielten diese Aspekte aber noch keine maßgebliche Rolle und es wurden in erster Linie viele, viele Quadratkilometer Natur zerstört. Der heutige Konflikt findet in erster Linie auf zwei Themenfeldern statt. Da sind zum Einen Minen geplant, welche die Landschaft auf riesigen Flächen umpflügen und eine trostlose Ödnis hinterlassen. Zum Anderen werden, aus meiner Weltsicht völlig unverständlich, auch heute noch die letzten Reste tasmanischen Urwaldes vernichtet.

Neben den Regenwäldern, in denen die Süd-Buche als dominante Baumart existiert, gibt es auf der Insel trockene Eukalyptuswälder. Trockener und feuchter Wald überschneiden sich an gewissen Höhenlagen der Gebirge und haben eine Naturform geschaffen, die wirklich unglaublich schön und ökologisch von höchstem Wert ist. Jahrhunderte Alte, bis zu hundert Meter hohe Baumgiganten stehen an den Hängen der Berge. Eukalyptusbäume vermehren sich durch Feuer, weshalb sie im reinen Regenwald keinen Lebensraum finden, da es dort auf natürliche Weise nicht brennt. Wo sich beide Waldarten vermischen, die Baumriesen im Unterholz von Moosteppichen, Farnen und Pilzen umsäumt sind, fühlt man sich wie im Märchenwald. Nun kann man es begrüßen, das auf der Insel viele Gebiete geschützt sind, oder aber auch beklagen, das bei der Ausweisung dieser Orte in den allermeisten Fällen die für das Klima und die Natur so wichtigen Wälder mit den großen Bäumen ausgespart wurden. Das dies unter ökonomischen Gesichtspunkten geschah ist kein Geheimnis, denn wenn es in unserer Welt um Umwelt- kontra Gewinninteressen geht, so hat die Bewahrung der Schöpfung in der Regel die viel schlechteren Karten. So werden bis heute auf Tasmanien im „Kahlschlagverfahren“ Urwälder für den schnellen Gewinn geopfert.

Die Flächen werden danach mit Feuer gesäubert, was weitere Arten verdrängt, und dann meist als reine Plantagen in Monokultur als Kiefern- oder Eukalyptusödnis nachgepflanzt. Mit Millionenbeträgen aus Steuergeldern wurden über 8000 km Forststraßen in die Wälder gebaut. Wer im Gegenzug eine versprochene nachhaltige Arbeitsplatzsicherung erwartet hat, erlebte nur Enttäuschungen. Eben wegen der fehlenden Nachhaltigkeit liegt die tasmanische Forstindustrie am Boden. Doch ähnlich wie unsere heimische Debatte über die Atomkraft geht es hier längst nicht mehr um Argumente sondern um Ideologie. Die „Grünen“ oder „Greenies“ wie sie in Tasmanien genannt werden,  dürfen einfach nicht Recht behalten – und so geht der Wahnsinn in vielerlei Form auf diesem Erdball weiter.

Cecily ist eine Umweltaktivistin die seid den Anfängen der Bewegung vor über dreißig Jahren mithilft, das der Widerstand gegen Unvernunft und Maßlosigkeit nicht ermüdet. Sie ist die Ansprechpartnerin für  Mirandas Angelegenheiten. Nachdem ich sie überzeugt habe, dass meine Intensionen redlich sind  gibt sie mir die Möglichkeit das Projekt der Baumbesetzung näher kennen zu lernen. Zusammen verlassen wir die Hauptstadt Hobart und fahren für zwei Stunden ins Landesinnere in Richtung Berge.  Im südlichen Teil der Insel sind dort große Gebiete als Weltnaturerbe von der UNESCO anerkannt und geschützt. Aber eben nicht die an den Rändern gelegenen Täler mit den riesigen Bäumen. Während mir Cecily während der Fahrt Geschichten aus zwei Generationen umweltbewegten Lebens erzählt fallen mir die trockenen Felder auf die sich rechts und links der Straße ausbreiten. Alles ist ausgedörrt und nur an Stellen in denen künstlich bewässert wird sieht man grüne Pflanzen. Kaum zu glauben das ich in diesem Teil der Welt Regenwald fotografieren kann. Erst als das Gelände hügeliger wird und später gar bergig, ballen sich große Wolkengebilde über den Gipfeln zusammen. Im flachen Land ist es extrem heiß. In dieser Woche werden in Hobart 42 Grad Celsius gemessen, die höchste jemals erfasste Temperatur  in Tasmanien. In wenigen Tagen wird sich die Hitzewelle in wütenden Buschfeuern entladen, welche im Südosten Tasmaniens und in Zentralaustralien weite Landstriche in Schutt und Asche legen. Die Brände werden zum Gesprächsstoff Nummer eins im Land. Alle reden vom Wetter doch kaum einer vom Klima.

Wir parken Cecilys Auto an einer unscheinbaren Stelle am Waldrand. Sie bittet mich all meine Habseligkeiten, die ich nicht mit zu Mirandas Baum nehmen werde im Wald zu verstecken. Das sei sicherer, als sie im Auto zu belassen. Nicht selten kam es in der Vergangenheit vor das Autos von Aktivisten durch aufgebrachte Holzfäller beschädigt wurden. Die Straße ist an dieser Stelle gesäumt von dichtem, artenreichen Wald. Ein kleines lila Plastikband weist uns den Weg hinein ins Dickicht. Wir folgen einem schmalen Pfad durch feuchten Mischwald und schon nach wenigen Minuten kommt die Ernüchterung. Wir stehen am Rande eines großen Kahlschlages. Dies ist ein häufig betriebener Trick der Industrie, den ich schon vor über zwanzig Jahren bei meiner Radtour durch Kanada gesehen habe. Man lässt eine kleine Schneise Wald rechts und links der Straße stehen um durchfahrenden Touristen die Illusion intakter Natur nicht zu zerstören, und wütet dann in der zweiten Reihe. Über eine Stunde lang marschieren wir über eine massiv ausgebaute Forststraße. Diese Wege müssen für schwere Lastwagen befahrbar sein, weshalb sie sich vom Ausmaß abgesehen vom fehlenden Teer-Belag kaum von normalen Straßen unterscheiden. Immer wieder passieren wir Gebiete die bisher vom Einschlag verschont blieben. Direkt neben uns ragen die Giganten in die Höhe. Für mich strahlen diese Bäume eine solche Erhabenheit aus, dass es mir bei dem Gedanken daran, sie einfach umzuhauen um sie zu Papier oder Holz zu verarbeiten, ganz flau im Magen wird.

An dieser Stelle sei erneut gesagt, dass ich keineswegs gegen die generelle Holznutzung bin. Im Gegenteil – Holz ist ein nachwachsender Rohstoff der sich für ganz viele Bereiche unseres täglichen Lebens wunderbar nutzen lässt. Doch was ich aufs Äußerste verabscheue ist wenn man die wenigen der Welt noch verbliebenen Urwälder vernichtet. Diese sind der Menschheit als Orte der Artenvielfalt und Treibhausgasspeicher von viel größerem Nutzen. Gerade auch hier im westlich geprägten Tasmanien braucht kein Mensch Holz aus Urwäldern. Es gibt hier inzwischen mehr als genug Forstwald. Würde man diese nachhaltig, naturnah bewirtschaften, wäre Allen geholfen.

 

Unser Weg führt uns in Serpentinen steil nach oben. An Sammelstellen liegt haufenweise Abfallholz, über das man an anderen Orten froh wäre es nutzen zu können.

Wir sind an der Flanke des Mount Miller, einem Bergzug, der Quellgebiet für drei wichtige Flüsse ist die Tasmanien mit Wasser versorgen. Trotzdem ist die Region, wider besseres Wissen zum Einschlag freigegeben. Dies ist wohl auch einer der Gründe warum Miranda sich einen Baum in dieser Gegend ausgesucht hat. Nur hundert Meter nach dem Ende der Forststraße und dem letzten Einschlag stehen wir plötzlich vor einem mächtigen Eukalyptus, in dessen unmittelbarer Nähe sich ein kleines Camp mit Ausrüstungsgegenständen befindet. Wir sind am Ziel. Mein Blick gleitet den geraden Stamm hinauf und meine Ehrfurcht für diese Frau die dort oben seit über vierhundert Tagen Wind, Wetter und allem politischen Druck trotz steigt weiter an. Verdammt hoch. Kann sich jemand eine knapp drei Meter große Plattform vorstellen die in über 60m Höhe um einen Baum gebaut wurde? Wir sprechen mit Miranda über ein Funkgerät, denn man müsste schon sehr laut schreien um sich über die Distanz verständlich zu machen. Ich führe ein nettes Gespräch mit ihr in dessen Verlauf sie mir einiges über ihre momentane Situation erzählt und ich ihr über meine Arbeit berichte. Miranda hat auf ihrem Baum, einen Internetzugang und begrenzt auch Telefon für Ihre politische Arbeit und ihren Blog auf observertree.org.

Durch eine Öffnung in der Plattform lässt sie ein Seil herunter an dessen Ende Taschen mit Müll und benutzte Kleidung hängen, die Cecily für sie zum Abfall und zur Wäsche bringt. Auch andere menschliche Bedürfnisse werden auf diesem Wege entsorgt. Denn der Gang zu einer normalen Toilette ist Miranda seid über einem Jahr verwehrt. Bevor wir uns wieder verabschieden verspricht sie mir, dass sie versuchen wird, noch innerhalb meines Aufenthaltes in Tasmanien ein Team hier heraus zu bekommen, das mich hinauf zu Ihr auf die Plattform bringt. Ein Tonband-Interview und Fotos für meinen Vortrag sind mein Begehr. Ich spüre eine bange Vorfreude wie es wohl sein mag, an einem Seil hängend diesen Stamm hinauf gezogen zu werden. Bis es soweit ist werde ich mich aufmachen den Regenwald zu fotografieren um den Schwerpunkt meines Auftrages zu erfüllen.

 

 

 

 

wildview – Ausblicke auf 2013

Liebe Leser-innen meines “wildview”-Blogs,

an dieser Stelle möchte ich mich bei ihnen Allen dafür bedanken, das Sie sich für meine Geschichten und Fotografien interessieren.

Ich habe nach 250 Aufführungen meine Tournee mit dem Greenpeace Vortrag “Europas wilde Wälder” beendet, und kann mich nun mit aller Kraft dem neuen Projekt zuwenden. Dieses entsteht ebenso in enger Zusammenarbeit mit Greenpeace.  ”Naturwunder Erde” wird ab November 2013 auf große Tournee gehen. Davor habe ich nun viel Zeit mit all meiner Kreativität die Schönheit und Vielfalt unseres Planeten zu dokumentieren, um daraus eine fesselnde Multimediashow zu produzieren. Ich werde also auch in den kommenden Monaten an dieser Stelle regelmäßig über meine Abenteuer in Wort und Bild berichten. Insbesondere den Erstbesuchern des Blogs sei gesagt, dass ich mich sehr freuen würde, wenn Sie meine Einträge abonnieren würden. Tragen Sie einfach Ihre e-mail Adresse rechts oben in das Feld ein, und Sie bekommen alle Beiträge zeitnah zugesendet. Natürlich hat man nicht immer Zeit jeden Text zu lesen, aber zum Bilder gucken reicht die Zeit doch meistens aus. Ich freue mich darauf Ihnen in den kommenden Monaten unsere Heimat, die Erde, vorstellen zu dürfen. Im ersten Halbjahr plane ich in die Regenwälder Tasmaniens, die Gletscher Patagoniens, in die Tiefen des Pazifischen Ozeans bei Palau und auf die Berge des Himalaya nach Nepal zu reisen. Die Vortragstournee wird dann ab November 2013 bis einschließlich 2015 die Fotografien auf Großleinwand in fast 300 Städte im ganzen deutschsprachigen Raum bringen. Ich komme sicherlich auch in Ihre Gegend und freue mich darauf Ihnen unsere Welt aus meiner Sicht eines Naturfotografen präsentieren zu können.

Herzlichst Ihr Markus Mauthe


“Baikal See” Teil 1: Wetterwechsel 02.10.2012

Bevor ich mich auf eine Reise begebe, überlege ich mir, welche Themen zum jeweiligen Projektpart wichtig sind. Diese versuche ich dann innerhalb meines Zeitrahmens und Budgets bestmöglich umzusetzen. Das gelingt natürlich nicht immer. Meistens fällt dies aber gar nicht ins Gewicht, da einem die Realität als Ausgleich Motive schenkt, welche gar nicht auf der Wunschliste standen. Bei meiner Reise an den Baikalsee im russischen Südsibirien ist mir zum ersten Mal während meiner Arbeit für das neue Greenpeace Projekt „Naturwunder Erde“ ein Hauptmotiv durch die Lappen gegangen, welches mich auch heute noch, einige Zeit nach der Reise, richtig am Ego zwickt. Manchmal muss man Entscheidungen treffen die wirklich wehtun.

Ich befinde mich im kleinen Ort „Ust-Barguzin“. Die Welt um mich herum verändert sich zusehends. Vor vier Tagen ist der Herbst auf einen Schlag verschwunden. Strahlende Landschaften in leuchtenden Herbstfarben sind einem permanenten, durchdringenden Grau gewichen, das sich auch auf meine Gemütslage legt. Dicke Wolkenschichten haben seit Tagen jeglichen Sonnenstrahl absorbiert, der seinen Weg nach unten suchte. In den Höhenlagen liegt bereits eine geschlossene Schneedecke und selbst hier, in der Nähe des Seeufers setzen sich die Schneeschauer mehr und mehr durch. Selbst der Matsch, der ungeteerten Straßenzüge, wird ganz langsam überdeckt.

Für die Menschen, die hier leben beginnt der über viele Monate dauernde Winter dieses Jahr besonders früh. In wenigen Wochen wird die riesige Wasserfläche des Baikal Sees für eine sehr lange Zeit zugefroren sein. Eva ist eine Deutsche, die sich diese Weltengegend vor neun Jahren als neue Heimat auswählte. Sie hat hier am Ort ein kleines Besucherzentrum installiert und ist momentan die Einzige, die mir vom russischen ins deutsche Übersetzen kann. Alexander arbeitet für den Seenotdienst und kann mit den Schlauchbooten seiner Behörde in der Nachsaison Leute wie mich auf dem See befördern. Seit drei Tagen verschieben wir die Entscheidung wegen der starken Winde und des hohen Wellengangs immer wieder. Seit drei Tagen stehe ich mit gepackten Sachen am Hoteleingang und freue mich, dem schmucklosen Zimmer endlich entkommen zu können. Nur um nach kurzer Rücksprache alles wieder zurück zu tragen. Das Risiko war bisher einfach zu groß. Der Baikal ist wegen seines Süßwassers zwar ein See, besitzt jedoch mehr die Charakteristik eines Meeres, besonders was die Gefahren durch Unwetter betrifft.

Heute fragt mich Alexander bereits zum wiederholten Male, ob ich die Risiken eingehen möchte. Er würde mich über die Bucht hinaus aufs offene Wasser fahren, um dann wenn es irgendwie geht, die kleine Tonki Insel anzusteuern. Hier befindet sich der Sommerliegeplatz der Baikal Robben, welche das primäre Ziel meiner fotografischen Begierde darstellen. Nur in Kanada gibt es eine weitere Robbenart die sich ebenfalls im Süßwasser aufhält. Für mich sind sie die wichtige Symboltierart zur fotografischen Umsetzung der Ökoregion „See“. Die Entscheidung, doch noch einen Versuch zur Dokumentation dieser Tiere zu unternehmen, muss in den kommenden Sekunden fallen, denn Alexander möchte eine konkrete Antwort von mir. Ich bin hin und hergerissen und es sind genau diese Situationen, die ich überhaupt nicht leiden kann. Letztendlich setzt sich die Ratio durch und ich entscheide mich auf die Fahrt zu verzichten. Ausschlaggebend ist nicht die fehlende Abenteuerlust. Ich habe in der Antarktis sechs Meter hohe Wellen erlebt und war einer der Wenigen dem nicht grottenschlecht war. Es ist die geringe Chance, bei diesem Wetter auf der Insel überhaupt noch Robben anzutreffen. Nur bei ruhigem Seegang liegen sie auf den Felsen, die dem kleinen Eiland vorgelagert sind. Ansonsten befinden sie sich unter Wasser und kommen nur sehr selten zum Luft holen kurzzeitig an die Oberfläche. Ich bin jahreszeitlich einfach ein wenig zu spät dran.

So beginne ich schweren Herzens zwei Tage früher als geplant, meine lange Heimreise über die Städte Ulan Ude, Irkutsk und Moskau. Ein wenig tröstet der Gedanke, dass ich in diesem Beruf auch deshalb so weit gekommen bin, weil es mir immer wieder gelingt, unnötige Risiken zu vermeiden und meine Grenzen zu erkennen. Was mich aber wirklich ärgert ist die Tatsache, dass ich wenige Tage zuvor ganz nah an den Tieren dran war ohne es gewusst zu haben. Zum Glück habe ich vor dem vorzeitigen Abbruch am Baikal allerhand erleben dürfen…..

(wird fortgesetzt)

Prolog zum Thema „Savanne“: Warum “Naturwunder Erde”?

Das Reisen hat mich immer fasziniert. Schon in der Jugend zog es mich in fremde Länder auf der Suche nach dem Neuen und Unbekannten. Das hat sich bis heute nicht verändert. Nur ist der Blick auf die Welt als über Vierzigjähriger ein anderer als der mit Anfang zwanzig Jahren. Der moderne Mensch ist gerade dabei, das Antlitz dieses wunderbaren Planeten in Rekordzeit so nachhaltig zu verändern, dass schon wenige Generationen, die nach uns kommen, eine völlig andere Lebens- und Erfahrungssituation vorfinden werden, als die, welche uns heute vergönnt ist. Deshalb ist es mir als Naturfotograf ein Anliegen, Schönheit sichtbar zu machen und Zusammenhänge aufzuzeigen. Dass etwas auf der Erde in die falsche Richtung läuft, beginnen wohl so ganz langsam auch die meisten Zweifler zu begreifen. Aber wie sich die Situation mit unseren Lebensgrundlagen global darstellt, ist meiner Meinung nach bisher viel zu wenigen Menschen bewusst. In den fast zehn Jahren, in denen ich Vorträge innerhalb der Waldkampagne von Greenpeace gehalten habe, sind mir persönlich viele Lichter aufgegangen. Ich habe gelernt,  dass in einer globalisierten Welt Dinge unmittelbar zusammenhängen können, auch wenn zwischen Ihnen tausende von Kilometern liegen. Wer meine Aufsätze in den letzten Monaten verfolgt hat weiß, dass ich momentan zu einem Thema mit dem Titel “Naturwunder Erde” arbeite. Die Grundidee zu diesem Konzept basiert auf einem jahrelangen Gedankenprozess von mir, bei dem ich überlegt habe, wie ich innerhalb meiner Fähigkeiten als Fotograf die grundsätzlichen Probleme unserer heutigen Zeit auf eine verständliche Ebene bringen und möglichst Vielen zugänglich machen kann. Der Schlüssel liegt aus meiner Sicht darin, dass wir unseren Blick auf den Planeten Erde verändern müssen. Ohne wirklich zu begreifen woher die Dinge, die wir konsumieren stammen, nutzen wir die Ressourcen dieser Welt ohne Maß und Verstand. Mit “Naturwunder Erde” werde ich nun die Erde im Ganzen portraitieren. Ich möchte, dass die Menschen durch meine Fotos und Geschichten unsere Heimat mit anderen Augen sehen. Die Naturfotografie hat eine starke Kraft, Inhalte zu transportieren und Emotionen zu wecken.

Zusammen mit den Kampaignern von Greenpeace habe ich all jene Ökoregionen herausgearbeitet, die maßgeblich für den Reichtum und die Vielfalt des Lebens auf unserer Erde verantwortlich sind. So soll es dieses Mal nicht nur um das Thema Wald gehen, über das ich berichten werde, sondern auch andere Lebensräume wie Grasland, Gestein und Wasser. Stellt man diese Themen innerhalb eines Projektes in unmittelbaren Zusammenhang, und zeigt ihre Schönheit, ihre Funktion, die Nutzung durch Lebewesen  – und vor allem die Vernetzung zu den anderen Regionen, wird sehr schnell klar, wie vielfältig, aber auch wie anfällig und “endlich” unsere Welt geworden ist. Was mich persönlich am Meisten erschüttert ist die Geschwindigkeit, mit der ich und meine über sieben Milliarden Mitmenschen immer tiefere Wunden in diesen empfindlichen Organismus reißen und das Gleichgewicht nachhaltig stören. Allein in den vergangenen sechsundzwanzig Jahren, in denen ich das Glück hatte, reisen zu dürfen, hat sich so viel verändert, dass man schon blind und taub unterwegs sein müsste um das nicht zu erkennen.

 

Deshalb ist mein nächstes Reiseziel besonders spannend für mich, denn in dieser Region war ich vor über fünfzehn Jahren schon einmal. Das Thema “Savanne” gilt es nun zu fotografieren und somit wartet eine der schönsten Landschaften der Welt auf eine erneute Erkundung – das Grasland in der Grenzregion zwischen dem afrikanischen Kenia und Tansania. Was hat sich wohl hier im Laufe einer Generation verändert?

Flussläufe 07.04.2012

Während ich diese Zeilen schreibe, prasseln Wassermassen auf die Erde nieder wie wir es uns in Europa nur schwer vorstellen können. Es ist als wären oben im Himmel die Schleusen geöffnet worden um Noahs Arche möglichst schnell zum Einsatz zu bringen. Doch so schnell das Spektakel beginnt, so abrupt hört es wieder auf. Niederschlag in Amazonien zu erleben ist immer auch eine Wohltat – verspricht die niedergehende Wasserwand wohltuende Abkühlung zu schwül heißen Tropenalltag. Besonders hier in Manaus, der pulsierenden Millionenstadt im Herzen des größten Tropenwaldes der Erde, wo ein heißer Sommertag für Reisende zur echten Qual werden kann. Ich bin zusammen mit meinem Freund Luis im Greenpeace Büro in Manaus untergebracht, was uns den Vorteil einer komplett mit Internet und Telefon ausgestattet Basis verschafft. Luis spricht fliesend Portugiesisch und nutz geschickt seine vielen Kontakte aus Jahrelanger Umwelt- und Forschungsarbeit in Brasilien um uns einen möglichst reibungslosen Ablauf der kommenden acht Wochen zu organisieren. Gute Planung ist in einem Land wie Brasilen Gold wert, besonders wenn man das anspruchsvolle Thema “Tropenwald” als fotografische Aufgabe zu meistern hat. Ich freue mich nun endlich der Hauptarbeit meines neuen Projektes “Naturwunder Erde” widmen zu können und werde in den kommenden zwei Jahren versuchen ein möglichst vielseitiges Bild unseres wunderbaren Planeten zu erstellen. Nach Monatelanger Greenpeace-Vortragstour, endlosen Konzeptplanungen und vielen großen und kleinen Investitionen in eine gute Ausrüstung bin ich jetzt richtig heiß auf Abenteuer. Die Jagd nach den Motiven kann beginnen.

Begonnen haben wir unsere Konzeptumsetzung mit einem Flug über den Tropenwald. Dies ist immer riskant, denn das Wetter und die Lichtsituation lassen sich nur schwer planen und einen Piloten zu finden der jederzeit Abrufbereit ist, den gibt mein Budget nicht her. Eine zweite oder gar dritte Chance ist nicht drin, also müssen die zwei Stunden eine möglichst hohe Ausbeute an guten Motiven bringen. Als wir um neun Uhr in der Früh am Bootssteg des kleinen Wasserflugzeuges ankommen, werden wir schon erwartet. Doch selbst der Pilot rät uns von einem frühen Flug ab, zu diesig und flau ist die Luft. Kontraste sind nicht zu erwarten. Also verabreden wir uns auf ein Uhr mittags was uns in eine vierstündige Wartephase bring die zur Tätigkeit des Fotografen dazugehört. Um die Mittagszeit haben sich dramatische Wolkenbänke aufgebaut, am Horizont sehen wir dunkle Gewitterwolken und sich abrechnende Wassermassen. Genau die Stimmung die man als Fotograf eigentlich gerne hätte. Doch dem Pilot ist die Wetterlage zu riskant, außerdem muss er ein Ersatzteil in den Motor-Raum einbauen, so das sich unser Abflug um zwei weitere Stunden auf fünfzehn Uhr verschiebt. Ich werde von Minute zu Minute unruhiger, denn die Regenschauer verschwinden nach und nach und machen einer fast geschlossenen Wolkendecke Platz. Mangels wirklichen Alternativen entscheiden wir uns zum Flug und hoffen auf halbwegs brauchbare Bedingungen.

 

Unser erstes Ziel ist der Zusammenfluss vom Amazonas mit dem Rio Negro. Manaus ist recht Nahe an jenem Ort entstanden wo die zwei riesigen Flusssysteme sich vereinen und dabei besonders aus der Luft ein sehenswertes Schauspiel entsteht. Das schwarze Wasser des Rio Negro trifft auf das hellere Weißwasser des Amazonas. Dies führt zu spektakulären Verwirbelungen. Doch woher bekommen Flüsse ihre Farbe? Der Rio Negro wird gespeist von Zuflüssen aus den nördlichen Bergregionen. Starke Regenfälle waschen säurehaltige Stoffe (Huminsäuren) aus dem Wurzelfilz der Bäume und färben somit das Wasser. Dieses ist ansonsten klar, da die Bodenbeschaffenheit kaum Sedimente hervorbringt welche davongeschwemmt werden könnten. Im Schwarzwasser gibt es wegen des hohen Säuregehalts auch keine Stechmücken. Dies lässt den geneigten Naturfotografen aufhorchen, wollen wir uns doch in den kommenden zwei Wochen auf eine Expedition im Schwarzwasserland begeben. Der Amazonasfluss hingegen fließt über viele hundert Kilometer durchs Tiefland. Der Boden ist reich an Sedimenten, welche durch die Kraft des Wassers davon geschwemmtwerden um sich an der Mündung in den atlantischen Ozean zu entleeren. Diese Sedimente bestehen aus heller Erde und Sand, welche dem Wasser die helle aber trübe Konsistenz verschaffen.

Unter uns breitet sich Manaus aus, eine Stadt die zu meiner Geburtszeit ein etwas größeres Dorf im endlosen Ozean des Waldes war. Bis heute hat sich die Anzahl der Bewohner explosionsartig vermehrt. Die erst vor kurzen eröffnete kilometerlange Brücke über den Rio Negro wird ihren Beitrag dazu leisten, die Region in den kommenden Jahren massiv zu verändern. Besonders die inzwischen zahlreichen Straßen die das Amazonasgebiet inzwischen durchschneiden sind eine große Gefahr für das zwar mächtige, aber sehr sensible Ökosystem. Ob unzählige Kleinbauern die sich mit etwas Land ihr Überleben sichern, Goldsucher die die Flüsse vergiften, Großgrundbesitzer die die Soja- und Rinderfront immer weiter in den Norden treiben um die Bedürfnisse unserer Überflussgesellschaft zu befriedigen, oder staatlich geförderte Staudamm-Projekte die zu Dutzenden geplant sind und riesige Landstriche überschwemmen, Ökosysteme ruinieren und indigene Stämme bedrohen – die Gefahren für das Amazonas Ökosystem sind so allumfassend das es einem schwindelig werden kann.

Inzwischen fliegen wir über einen endlos erscheinenden Teppich aus Wald. Nur an den Flussrändern sehen wir noch vereinzelte Hütten von Siedlern, die hier ihren Alltag meistern. Kaum zu glauben das es inzwischen 24 Millionen Menschen in die eigentlich so lebensfeindliche  Amazonasregion gezogen hat. Dagegen nehmen sich die hundertsiebzigtausend Indios die sich auf unzählige kleine Volksgruppen verteilen fast nicht mal mehr als Minderheit aus. Wir fliegen über den artenreichsten Wald der Erde.


Unzählige Tier und Pflanzenarten beherbergt dieses Binom. Eine Tatsache die man gerne verdrängt wenn es um die Vernichtung des Waldes geht. Man mag gar nicht darüber spekulieren wie viele Lebensformen abseits aller Schlagzeilen tagtäglich in den Flammen der globalen Urwaldvernichtung ein grausames Ende finden. Aus unserer ausgehängten Flugzeugtüre sehen wir unberührte Wälder bis zum Horizont. In solchen Momenten lassen sich die Probleme der Welt recht leicht verdrängen. Auch wenn das Licht alles andere als perfekt ist, gelingen dank moderner Digitaltechnik auch bei hohen Empfindlichkeitseinstellungen noch brauchbare Fotos.

Als wir später über das größte Flussarchipel der Erde fliegen, die typischen langgezogenen Inseln inmitten des Rio Negros, tauchen warme Strahlen der Abendsonne das Land unter uns in helles Licht. In solchen Momenten lässt man sich als Naturfotograf gerne in die Vision einer intakten und gerechten Welt fallen und genießt einfach nur das “Hier und Jetzt”.

 

Farbenspiele 30. September 2011

Der Blick aus der offenen Seitentür des kleinen Wasserflugzeugs „Beaver“ ist in vielerlei Hinsicht gewaltig. Seit fast einer Stunde gleiten wir über die endlos erscheinende Weite der borealen Wälder im kanadischen Quebec. Die bewohnten Regionen haben wir längst hinter uns gelassen, doch der Einfluss des Menschen ist allgegenwärtig. Wegen unseres Hungers nach Rohstoffen fressen sich die Erntemaschinen der Holzkonzerne immer weiter in Richtung Norden und hinterlassen dabei ein Bild der Verwüstung, welches man aus dem Flugzeug mit ungefilterter Wucht zu sehen bekommt. Seit den 1970ern wurde allein in Quebec Urwald auf einer Fläche der sechsfachen Größe Belgiens zerstört. 88% der Staatswälder sind zum Einschlag freigegeben. Über 90 % davon werden im berüchtigten „Clearcut“ Verfahren geerntet.

Alle Bäume verschwinden dabei, zurück bleibt aufgerissener Boden und Ödnis. Weiter im Süden sind inzwischen neue Wälder entstanden. Die Natur kann sich innerhalb dieses Ökosystems teilweise erneuern. Dies ist wohl auch der Grund, weshalb es gerade innerhalb der kanadischen Gesellschaft so schwer ist, die Problematik der völlig überzogenen Holzwirtschaft ins Bewusstsein der Menschen zu bringen. Der Wald kommt doch zurück, alles halb so schlimm. Wie groß die Unterscheide zwischen den relativ artenarmen Neuwäldern und dem ursprünglichen Urwald sind, sollte ich in den vor mir liegenden Tagen ausreichend zu sehen bekommen.

Irgendwann ändert sich das Bild, die Rohdungsflächen verschwinden und keine Straßen zerschneiden mehr den unter uns liegenden, grünen Teppich aus Bäumen. Das flache Land beginnt sanfte Wellen zu schlagen und am Horizont sehen wir zwischen all den Bäumen, Flüssen und Seen den eine oder anderen Felsen die Baumgrenze überragen. Wir nähern uns langsam den „White Mountains“, dem Ziel unserer Reise. Dieses 14.000 qkm große Gebiet ist einer von zwei verbliebenen großflächigen Urwäldern in Quebec. Eine Insel der Artenvielfalt, umgeben von der Monotonie menschlicher Habsucht. Eine laufende Greenpeace-Kampagne hat zum Ziel dieses Gebiet unbedingt vor der Säge zu bewahren. Hier ist eines der letzten, intakten Brutgebiete der scheuen und vom Aussterben bedrohten Waldkaribus. Ihr Lebensraum ist vom Menschen inzwischen so fragmentiert worden, dass die Tiere zu verschwinden drohen

Mit dem leiser werdenden Propellergeräusch des Flugzeugs, werden auch meine Gedanken über alle Umweltprobleme weniger dominant. Ich stehe am Ufer einer der unzähligen Seen und beginne recht schnell, mit allen Sinnen in diese Wildnis einzutauchen. Mein Blick schweift über die Wasserfläche. Am anderen Ende säumen Fichten das Ufer,die sich wie ein Schutzmantel um die Berge schmiegen.

Hin und wieder sprengen goldene Flecken das Meer aus Grün. Herbstlich gefärbte Birken und Lärchen wachsen in dieser Region nur recht spärlich. Für die kommenden neun Tage ist die Welt für mich „heil“. Harmonie und Gleichgewicht umgeben mich. Alles hat seinen Platz – nichts ist überflüssig oder schädlich. Jeden Tag verbringe ich mit Streifzügen in die Wälder oder paddle mit dem Kanu auf natürlichen Kanälen zwischen den größeren Seen. Damit kann ich meinen Aktionsradius wesentlich erweitern. Als Camp dient mir eine verlassene Blockhütte, in der ich bei Regen Schutz finde und an deren Ofen mir an manch kühlem Abend ein wärmendes Feuer die müden Knochen wärmt.

Wege oder Pfade gibt es keine. Jeder Meter muss erkämpft werden. Wildnis im borealen Wald bedeutet eine üppige Vegetation im Unterholz. Manchmal wegen ihrer Dichte schwer zu durchdringen, manchmal wegen ihrer Schönheit fast zu fragil und verletzlich, um darüber zu trampeln. Dicke Teppiche aus Moosen und Flechten überziehen den Waldboden, Pilze wachsen in vielen Formen und Größen im Moos und auf totem Holz. In strahlendem rot leuchten die Büsche der Blaubeeren, die mit ihrer Frucht wiederum Kontraste setzen. Die Vielfalt der Vegetation in all ihren Formen und Farben wirkt fast berauschend. Erst im Wald erschließt sich dem Wanderer die volle Farbenpracht des Indian Summers. Ich merke sehr schnell, das ich genau zur rechten Zeit in den White Mountains bin. Die Färbung ist massiv und erst gegen Ende meines Aufenthaltes haben die einsetzenden Herbststürme die Blätter von den Bäumen und Büschen so dezimiert, dass die beste Zeit zum Fotografieren vorbei ist.


Wegen des rauen, nördlichen Klimas sind die Bäume nur noch recht mickrig. Selbst Jahrhunderte alte Patriarchen werden hier nicht sehr groß. Umso unverständlicher ist es, dass selbst hier im hohen Norden die Bäume nicht vor der Rohdung sicher sind. Es ist die pure Anzahl, die den Holzfirmen die Gewinne sichern. Millionen kleiner Bäume liefern genug Masse, um die unterschiedlichsten Dinge zu produzieren, welche wir „Verbraucher“ ohne viel Nachzudenken konsumieren, und dann meist nach einmal benutzen, wegschmeißen. Müssen es beim Bäcker für fünf verschiedene Teilchen drei verschiedene Papiertüten sein? Papier zum Hände trocknen für Millionen Angestellte, Schüler oder Reisende in Bürogebäuden, Schulen, Raststädten und anderen Orten des öffentlichen Lebens? Toilettenpapier will ich ja gar nicht in Frage stellen, das brauchen wir. Aber wenn schon dann bitte aus recyceltem Zellstoff. Das spart Wasser & Energie und nimmt den Druck von den letzten Urwäldern. Richtig erschaudern lässt mich der Gedanke, dass gerade im Kampf gegen den Klimawandel das Thema „Biomasse“ eine akute Gefahr für den Urwald geworden ist. Nachdem der Bauboom in Nordamerika wegen der Finanzkrise vorbei ist und kaum noch Holz zum Häuserbau verkauft wird, sehen die Strategen in den Konzernen im Klimaretten ein neues Geschäftsmodell. Wald roden um klimafreundliche Energie zu schaffen! Der Druck auf die Wälder steigt dadurch gewaltig, und zwar weltweit. Dieses Problem ist auch recht schwer in der gesellschaftlichen Diskussion vermittelbar. Die Energiethematik ist extrem vielschichtig, wie man auch an der heimischen Diskussion über Windkraftanlagen sehen kann. Im Prinzip will sie jeder haben – aber bitte nicht vor der eigenen Haustür.

Der höchste Berg in den White Mountains ist etwas mehr als tausend Meter hoch und überragt die Baumgrenze soweit, dass ich von den Gipfeln schöne Blicke über die Landschaft fotografisch festhalten kann. Ich packe neben der Fotoausrüstung Zelt, Schlafsack und ausreichend Nahrungsmittel in den Rucksack und paddle auf die andere Seite des Sees. Der Aufstieg ist mühsam – aber wegen der kleinen Höhenunterschiede von wenigen hundert Metern in knapp zwei Stunden gemeistert. In einer vom Wind geschützten Kuhle schlage ich das Zelt auf, und mache mich dann in aller Ruhe daran auf Motivsuche zu gehen. Auf dem Bergrücken habe ich einen Spielraum von wenigen hundert Metern, so dass schnell klar ist, an welchen Stellen ich mich während der magischen Minuten des Sonnenunterganges aufhalten werde. Die Zeit bis es dann soweit ist verbringe ich mit purem entspannt-sein.

An den Blicken, auf die vom Menschen unberührte Natur, kann man sich kaum satt sehen. Hektisch wird es nur, wenn das Licht dann tatsächlich perfekt ist. Je nach Wolkenlage sind es oft nur kurze Augenblicke. Während denen möchte man dann am Liebsten an allen Stellen gleichzeitig sein. Da heißt es Ruhe bewahren, und ein Motiv nach dem Anderen abarbeiten. Solange, bis das Licht unbrauchbar geworden ist. Selbst nach Sonnenuntergang kann man mit längeren Belichtungszeiten experimentieren, und bekommt je nach Motiv noch erstaunliche Ergebnisse. An diesem Abend bin ich recht zufrieden im Schlafsack verschwunden. Mein kleiner Wecker war gestellt, um vor Sonnenaufgang wieder an der Kante zu stehen und das Licht von der anderen Seite in Motive zu packen. Doch, wie so oft in der Naturfotografie kommt es anders als man denkt oder sich wünscht. Eine dicke Nebelsuppe liegt am Morgen über der Landschaft. Der Blick fällt ins Nichts. Ich schalte den Wecker aus und schaue im Halbschlaf alle paar Minuten aus dem Zelt, ob sich nicht doch noch was tut. Am Ende der Tour bin ich über den Nebel gar nicht unglücklich, denn beim Abstieg erweist sich die graue Soße als perfekte Zutat für atmosphärische Fotos innerhalb des Waldes. So kann man fast jede Wetterlage für bestimmte Aufnahmesituationen nutzen. Nur ein blauer, wolkenloser Himmel ist bei mir äußerst unbeliebt. Der ist nur langweilig und kaum zu gebrauchen.

Gerade die wolkenlosen, langweiligen Tage sind es, die mir aufregende, unvergessliche Nächte beschert haben. Die klare Luft sorgt für ein absolutes Spektakel am Nachthimmel. Es ist kurz nach Neumond. Kein überflüssiges Streulicht trübt die Leuchtkraft der unendlichen Sternenmeere über mir. Die alten mit Flechten behangenen Bäume bilden skurrile Silhouetten und schaffen mystische Motive. Als dann im Norden die „Aurora Borealis“ ihren lautlosen Tanz beginnt und grüne und rote Schleier über den Nachthimmel zaubert, ist das an Intensität fast nicht zu steigern.

Es ist in dieser Nacht absolut Windstill und die Ruhe wirkt fast körperlich greifbar. Ein Kauz sitzt nur wenige Meter über mir auf einen Ast und lässt sich durch das Klicken meiner Kamera nicht aus der Ruhe bringen. Bis spät in der Nacht wandle ich zwischen den stummen hölzernen Kameraden umher, genieße das Schauspiel  und probiere verschiedene Aufnahmetechniken aus. So hält jeder Tag große und kleine Wunder für mich bereit und macht den Aufenthalt in den White Mountains absolut zauberhaft.

Als dann am letzten Abend ein leichter Nieselregen einsetzt, der mit zunehmender Kälte in Schnee übergeht, habe ich beim Einschlafen eine Vorahnung. Der kommende Morgen könnte die Motivpalette nochmals um eine weitere Facette bereichern. Ich kann mein Glück kaum fassen als ich dann wenige Stunden später, noch vor Sonnenaufgang, durch eine völlig veränderte Umwelt laufe. Einem Seidenschal gleich hat sich eine zarte weiße Schneeschicht über die Welt gelegt.

Die Luft ist glasklar und das, durch das neue Element durchschimmernde Herbstkleid der Natur, setzt tolle Kontraste. Immer nur an wenigen Augenblicken blitzt später die Sonne durch die Wolken und bringt Farben zum Leuchten. Als ich nach fünf Stunden erschöpft und zufrieden zum Camp zurückkehre, ist der Winter schon wieder verschwunden. Die Kraft der Sonne hat sich nochmals durchgesetzt und es bei einer kurzen Ahnung belassen, wie es hier in den kommenden Monaten aussehen wird. Während ich wieder im Flugzeug sitze und nach einiger Zeit die ersten Forststraßen sehe, sind Klopapier, Kaffeebecher & Co. sofort wieder ganz präsent.

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