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Tasmanien Teil 1: “Von Umweltbewegten” 05.01.2013

Gibt es noch wahre Helden? Finden sich noch Menschen die sich für ein Ideal oder eine Sache an die sie glauben einsetzen, und ihre eigenen Bedürfnisse dafür weit nach hinten anstellen? In einer Welt die mehr und mehr durch die Ellenbogen-Mentalität des Kapitalismus geprägt ist, also eher den Eigennutz nährt als das Allgemeinwohl fördert, ist diese Frage wohl berechtigt. Wo sind sie geblieben, unsere Vorbilder zu denen wir gerne aufschauen und von denen wir uns inspirieren lassen?

Ich habe solch einen Menschen getroffen und freue mich hier von Ihr erzählen zu können. Bei der Recherche zum Thema „Gemäßigter Regenwald“ für mein Greenpeace Project „Naturwunder Erde“ stieß ich durch Zufall auf die Seite „observertree.org“ Dabei fand ich heraus das sich in den Wäldern Tasmaniens eine junge Frau seid über einem Jahr auf einer sechzig Meter hohen Plattform in einem Urwaldbaum befindet um damit gegen die andauernde Zerstörung alten Waldes zu protestieren. Zuletzt hatte ich von solch einer Aktion in den USA gehört, wo eine Aktivistin mehr als zwei Jahr auf einem Baum ausgeharrt hat um die umliegenden Wälder zu schützen. Damals ging es um die riesigen „Redwoods“ in Nordamerika, im aktuellen Fall um die nicht minder imposanten Eukalyptusbäume.

Mir ist übrigens aufgefallen, das wenn es um wirklich außergewöhnliche Lebensleistungen im Naturschutz geht, es zumeist Frauen sind die sich hierbei auszeichnen. Dian Fossey mit ihrer Arbeit bei den Gorillas, oder Jane Goodall die “Schimpansenfrau“ sind zwei prominente Beispiele. In meiner Geschichte ist es nun Miranda Gibson, die „Dame im Baum“ die ich unbedingt treffen und innerhalb meiner Arbeit vorstellen möchte.

Tasmanien ist eine südlich von Australien gelegene Insel die ungefähr die doppelte Größe der Schweiz aufweist. Landschaftlich ist Tasmanien ein Mikrokosmos der viele verschiedene Ökosysteme besitzt, nicht zuletzt eine der größten verbliebenen Flächen „gemäßigten Regenwaldes“, die uns auf der Erde bis heute erhalten sind. Der Hauptunterschied zwischen gemäßigtem“ und „tropischen“ Regenwald sind die Temperaturen. Während es in beiden Waldtypen sehr viel regnen muss, wachsen die „gemäßigten“ Regenwälder in Regionen die viel kälter sind, also weiter weg vom Äquator und meist in der Nähe von Küsten. Besonders um naturverbundene Touristen anzulocken wirbt man Stolz damit, dass fast die Hälfte der Landmasse Tasmaniens unter Schutz gestellt ist. Doch genau an dieser Stelle lohnt es sich einen zweiten Blick zu riskieren und etwas genauer zu hinterfragen. Denn trotz zweifellos imposanter Wildnisgebiete leidet die Natur bis heute unter immensen menschlichen Eingriffen die schon vor über dreißig Jahren zur Bildung einer Umweltbewegung geführt haben, welche bis heute ein fester Bestandteil des politischen Alltages geworden ist. Begonnen hat der Widerstand als man plante weite Teile unberührter Natur für Wasserkraft zu fluten. Wenn man eine aktuelle Landkarte Tasmaniens betrachtet, so sieht man das viele der Projekte nicht verhindert werden konnten. Unter den heutigen Gesichtspunkten des Kimawandels ist Wasserkraft natürlich keine „böse“ Energie. Damals spielten diese Aspekte aber noch keine maßgebliche Rolle und es wurden in erster Linie viele, viele Quadratkilometer Natur zerstört. Der heutige Konflikt findet in erster Linie auf zwei Themenfeldern statt. Da sind zum Einen Minen geplant, welche die Landschaft auf riesigen Flächen umpflügen und eine trostlose Ödnis hinterlassen. Zum Anderen werden, aus meiner Weltsicht völlig unverständlich, auch heute noch die letzten Reste tasmanischen Urwaldes vernichtet.

Neben den Regenwäldern, in denen die Süd-Buche als dominante Baumart existiert, gibt es auf der Insel trockene Eukalyptuswälder. Trockener und feuchter Wald überschneiden sich an gewissen Höhenlagen der Gebirge und haben eine Naturform geschaffen, die wirklich unglaublich schön und ökologisch von höchstem Wert ist. Jahrhunderte Alte, bis zu hundert Meter hohe Baumgiganten stehen an den Hängen der Berge. Eukalyptusbäume vermehren sich durch Feuer, weshalb sie im reinen Regenwald keinen Lebensraum finden, da es dort auf natürliche Weise nicht brennt. Wo sich beide Waldarten vermischen, die Baumriesen im Unterholz von Moosteppichen, Farnen und Pilzen umsäumt sind, fühlt man sich wie im Märchenwald. Nun kann man es begrüßen, das auf der Insel viele Gebiete geschützt sind, oder aber auch beklagen, das bei der Ausweisung dieser Orte in den allermeisten Fällen die für das Klima und die Natur so wichtigen Wälder mit den großen Bäumen ausgespart wurden. Das dies unter ökonomischen Gesichtspunkten geschah ist kein Geheimnis, denn wenn es in unserer Welt um Umwelt- kontra Gewinninteressen geht, so hat die Bewahrung der Schöpfung in der Regel die viel schlechteren Karten. So werden bis heute auf Tasmanien im „Kahlschlagverfahren“ Urwälder für den schnellen Gewinn geopfert.

Die Flächen werden danach mit Feuer gesäubert, was weitere Arten verdrängt, und dann meist als reine Plantagen in Monokultur als Kiefern- oder Eukalyptusödnis nachgepflanzt. Mit Millionenbeträgen aus Steuergeldern wurden über 8000 km Forststraßen in die Wälder gebaut. Wer im Gegenzug eine versprochene nachhaltige Arbeitsplatzsicherung erwartet hat, erlebte nur Enttäuschungen. Eben wegen der fehlenden Nachhaltigkeit liegt die tasmanische Forstindustrie am Boden. Doch ähnlich wie unsere heimische Debatte über die Atomkraft geht es hier längst nicht mehr um Argumente sondern um Ideologie. Die „Grünen“ oder „Greenies“ wie sie in Tasmanien genannt werden,  dürfen einfach nicht Recht behalten – und so geht der Wahnsinn in vielerlei Form auf diesem Erdball weiter.

Cecily ist eine Umweltaktivistin die seid den Anfängen der Bewegung vor über dreißig Jahren mithilft, das der Widerstand gegen Unvernunft und Maßlosigkeit nicht ermüdet. Sie ist die Ansprechpartnerin für  Mirandas Angelegenheiten. Nachdem ich sie überzeugt habe, dass meine Intensionen redlich sind  gibt sie mir die Möglichkeit das Projekt der Baumbesetzung näher kennen zu lernen. Zusammen verlassen wir die Hauptstadt Hobart und fahren für zwei Stunden ins Landesinnere in Richtung Berge.  Im südlichen Teil der Insel sind dort große Gebiete als Weltnaturerbe von der UNESCO anerkannt und geschützt. Aber eben nicht die an den Rändern gelegenen Täler mit den riesigen Bäumen. Während mir Cecily während der Fahrt Geschichten aus zwei Generationen umweltbewegten Lebens erzählt fallen mir die trockenen Felder auf die sich rechts und links der Straße ausbreiten. Alles ist ausgedörrt und nur an Stellen in denen künstlich bewässert wird sieht man grüne Pflanzen. Kaum zu glauben das ich in diesem Teil der Welt Regenwald fotografieren kann. Erst als das Gelände hügeliger wird und später gar bergig, ballen sich große Wolkengebilde über den Gipfeln zusammen. Im flachen Land ist es extrem heiß. In dieser Woche werden in Hobart 42 Grad Celsius gemessen, die höchste jemals erfasste Temperatur  in Tasmanien. In wenigen Tagen wird sich die Hitzewelle in wütenden Buschfeuern entladen, welche im Südosten Tasmaniens und in Zentralaustralien weite Landstriche in Schutt und Asche legen. Die Brände werden zum Gesprächsstoff Nummer eins im Land. Alle reden vom Wetter doch kaum einer vom Klima.

Wir parken Cecilys Auto an einer unscheinbaren Stelle am Waldrand. Sie bittet mich all meine Habseligkeiten, die ich nicht mit zu Mirandas Baum nehmen werde im Wald zu verstecken. Das sei sicherer, als sie im Auto zu belassen. Nicht selten kam es in der Vergangenheit vor das Autos von Aktivisten durch aufgebrachte Holzfäller beschädigt wurden. Die Straße ist an dieser Stelle gesäumt von dichtem, artenreichen Wald. Ein kleines lila Plastikband weist uns den Weg hinein ins Dickicht. Wir folgen einem schmalen Pfad durch feuchten Mischwald und schon nach wenigen Minuten kommt die Ernüchterung. Wir stehen am Rande eines großen Kahlschlages. Dies ist ein häufig betriebener Trick der Industrie, den ich schon vor über zwanzig Jahren bei meiner Radtour durch Kanada gesehen habe. Man lässt eine kleine Schneise Wald rechts und links der Straße stehen um durchfahrenden Touristen die Illusion intakter Natur nicht zu zerstören, und wütet dann in der zweiten Reihe. Über eine Stunde lang marschieren wir über eine massiv ausgebaute Forststraße. Diese Wege müssen für schwere Lastwagen befahrbar sein, weshalb sie sich vom Ausmaß abgesehen vom fehlenden Teer-Belag kaum von normalen Straßen unterscheiden. Immer wieder passieren wir Gebiete die bisher vom Einschlag verschont blieben. Direkt neben uns ragen die Giganten in die Höhe. Für mich strahlen diese Bäume eine solche Erhabenheit aus, dass es mir bei dem Gedanken daran, sie einfach umzuhauen um sie zu Papier oder Holz zu verarbeiten, ganz flau im Magen wird.

An dieser Stelle sei erneut gesagt, dass ich keineswegs gegen die generelle Holznutzung bin. Im Gegenteil – Holz ist ein nachwachsender Rohstoff der sich für ganz viele Bereiche unseres täglichen Lebens wunderbar nutzen lässt. Doch was ich aufs Äußerste verabscheue ist wenn man die wenigen der Welt noch verbliebenen Urwälder vernichtet. Diese sind der Menschheit als Orte der Artenvielfalt und Treibhausgasspeicher von viel größerem Nutzen. Gerade auch hier im westlich geprägten Tasmanien braucht kein Mensch Holz aus Urwäldern. Es gibt hier inzwischen mehr als genug Forstwald. Würde man diese nachhaltig, naturnah bewirtschaften, wäre Allen geholfen.

 

Unser Weg führt uns in Serpentinen steil nach oben. An Sammelstellen liegt haufenweise Abfallholz, über das man an anderen Orten froh wäre es nutzen zu können.

Wir sind an der Flanke des Mount Miller, einem Bergzug, der Quellgebiet für drei wichtige Flüsse ist die Tasmanien mit Wasser versorgen. Trotzdem ist die Region, wider besseres Wissen zum Einschlag freigegeben. Dies ist wohl auch einer der Gründe warum Miranda sich einen Baum in dieser Gegend ausgesucht hat. Nur hundert Meter nach dem Ende der Forststraße und dem letzten Einschlag stehen wir plötzlich vor einem mächtigen Eukalyptus, in dessen unmittelbarer Nähe sich ein kleines Camp mit Ausrüstungsgegenständen befindet. Wir sind am Ziel. Mein Blick gleitet den geraden Stamm hinauf und meine Ehrfurcht für diese Frau die dort oben seit über vierhundert Tagen Wind, Wetter und allem politischen Druck trotz steigt weiter an. Verdammt hoch. Kann sich jemand eine knapp drei Meter große Plattform vorstellen die in über 60m Höhe um einen Baum gebaut wurde? Wir sprechen mit Miranda über ein Funkgerät, denn man müsste schon sehr laut schreien um sich über die Distanz verständlich zu machen. Ich führe ein nettes Gespräch mit ihr in dessen Verlauf sie mir einiges über ihre momentane Situation erzählt und ich ihr über meine Arbeit berichte. Miranda hat auf ihrem Baum, einen Internetzugang und begrenzt auch Telefon für Ihre politische Arbeit und ihren Blog auf observertree.org.

Durch eine Öffnung in der Plattform lässt sie ein Seil herunter an dessen Ende Taschen mit Müll und benutzte Kleidung hängen, die Cecily für sie zum Abfall und zur Wäsche bringt. Auch andere menschliche Bedürfnisse werden auf diesem Wege entsorgt. Denn der Gang zu einer normalen Toilette ist Miranda seid über einem Jahr verwehrt. Bevor wir uns wieder verabschieden verspricht sie mir, dass sie versuchen wird, noch innerhalb meines Aufenthaltes in Tasmanien ein Team hier heraus zu bekommen, das mich hinauf zu Ihr auf die Plattform bringt. Ein Tonband-Interview und Fotos für meinen Vortrag sind mein Begehr. Ich spüre eine bange Vorfreude wie es wohl sein mag, an einem Seil hängend diesen Stamm hinauf gezogen zu werden. Bis es soweit ist werde ich mich aufmachen den Regenwald zu fotografieren um den Schwerpunkt meines Auftrages zu erfüllen.

 

 

 

 

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