Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: Oulanka Nationalpark

Kleine Siege und ein dummer Fehler 20.11.2009

Ich bin auf dem Rückweg zur Vortragstour nach Deutschland und überlege ob es sich gelohnt hat, im November nach Finnland zu reisen. Definitiv habe ich nicht die Fotos, die ich mir im besten Fall gewünscht habe. Der beste Fall tritt aber praktisch nie ein. Ich habe dafür einige andere schöne Motive vor die Kamera bekommen und bin deshalb im Großen und Ganzen recht zufrieden. Außerdem habe ich mal wieder eine ganze Menge gelernt. Vor drei Tagen bin ich mit Olli von Kusamo ungefähr 100 km durch das südliche Lappland nach Westen gefahren. Es war noch dunkel als wir das Naturschutzgebiet Korouoma erreicht haben. Ungefähr eine halbe Stunde sind wir auf alten Rentierpfaden durch den Wald marschiert. Olli erzählt mir, dass die Tiere diese Wege schon seit Jahrhunderten nutzen. Einmal sehen wir auch in der Ferne eines durch Unterholz huschen. Viele der Tiere haben Glocken um, damit sie von ihren Züchtern besser gefunden werden können. In der Realität darf sich nur eine Minderheit der Tiere frei im Wald bewegen. Viele werden eingezäunt gehalten und mit künstlichem Futter ernährt. Laut Olli sind es im Raum Kusamo nur noch fünf Familien die wirklich von der Rentierzucht leben. Die restlichen Züchter betreiben es als Hobby. Es gibt insgesamt zu viele Rentiere in den Wäldern, was den natürlichen Kreislauf des Ökosystems durcheinander bringt. Ich erfahre von Olli, dass erst kürzlich drei Wölfe von aufgebrachten Züchtern erschossen wurden, weil sie hunderte von Rentieren gerissen haben. Das ist sehr traurig. Der Mensch bringt die natürlichen Abläufe aus dem Gleichgewicht und lässt dann diejenigen büßen, die sich diesen Gegebenheiten nicht anpassen können. Wir sind wirklich die Krönung der Schöpfung. Im ersten Dämmerlicht erreichen wir das Fotoversteck. Es liegt direkt an der Abbruchkante oberhalb eines tiefen Canyons. Unter uns breitet sich eine schöne Flusslandschaft aus. Die Hänge sind zum Teil bewaldet und an den Felsvorsprüngen mit dicken Eiswänden überzogen. Das Fotoversteck wurde von einem Freund Lassis gebaut, um Schwarzspechte zu fotografieren.

Korouoma Nov- 2009  4856

Aber auch ein Adler soll sich hier in unmittelbarer Nähe neben dem Unterstand blicken lassen. Grund dafür ist der Leichnam eines Waschbären, der keine sechs Meter neben dem Fotoversteck auf einem Stein liegt. Das Gelände ist nur zur Schlucht hin offen. Rechts und links stehen dichte Baumreihen. Olli und ich können schwer glauben, dass sich das Tier so nahe an den Unterstand trauen soll. Wenn man ein Fotoversteck betritt muss man zuerst entscheiden in welche Richtung man welches Objektiv richtet. Sind größere Tiere wie der Adler erst angekommen ist ein Tausch unmöglich. Ich entscheide mich mein 200-400 mm Zoom Objektiv nach vorne zur Schlucht hin zu richten, um die kleineren Vögel flexibel ablichten zu können. Das 500mm zeigt Format füllend auf den toten Waschbär, rechts von uns. Ein größerer Bildausschnitt ist sowieso nicht sinnvoll, da ein großer Baum das Bildfeld stark einschränkt. Es macht Spaß mit Olli auf die Vögel zu warten. Lange bleiben wir auch nicht allein.

Korouoma Nov- 2009  4854

Neu für mich sind die Haubenmeisen, die neben den Buntspechten und den Unglückshähern eigentlich den ganzen Tag um den Unterstand flattern und die ausgelegten Nüsse und Fettstreifen essen. Alle zwei Stunden kommt dann tatsächlich ein Schwarzspecht vorbei. Er ist viel größer als sein bunter Kollege. Wäre da nicht die feuerrote Kopfhaube könnte man ihn flüchtig mit einem Raben verwechseln. Gegen Mittag ist es wiederum ein Eichhörnchen, das uns die Zeit vertreibt.

Korouoma Nov- 2009  4855

Der Himmel bleibt den ganzen Tag bedeckt. Farben kommen nur im Gefieder der Vögel vor und im Grün und Braun unmittelbar um uns wachsender Bäume. Die Schlucht bleibt eine Masse aus hellen und dunklen Grautönen. Olli erzählt mir, dass vor vielen Jahren dieser Fluss, der sich so friedlich unter uns durch sein Bett schlängelt, aufgestaut wurde, um große Baumstämme aus dem Wald in die Sägewerke zu treiben. Das war noch vor der Zeit der Lastwagen. Bevor Finnland mit einem Netz aus hunderttausenden Kilometer Forststraßen überzogen wurde, um auch den letzten Winkel des Waldes zu kommerzialisieren. Zumindest hier in dieser Schlucht hat die Natur heutzutage ihre Ruhe. Stunde um Stunde vergeht. Da es ab halb Drei am Nachmittag schon wieder zu dunkel ist um gute Bilder zu machen, glaubt von uns um kurz vor Zwei keiner mehr an die Mär vom nahenden Adler. Bis er plötzlich aus dem Nichts einfach da ist. Direkt auf dem Waschbären steht er und schaut aufmerksam in die Runde.

Korouoma Nov- 2009  4853

Olli gibt mir ein Zeichen, nun absolut still und bewegungslos zu verharren. Jeder noch so kleine Mucks könnte ihn sofort wieder verjagen. Es ist ein Steinadler. Nach zwei Minuten scheint sein Misstrauen etwas nachzulassen und der Hunger gewinnt die Oberhand. Er beginnt mit kräftigen Bissen, Fleischstücke aus seiner Beute zu reißen. Ich beginne vorsichtig auf den Auslöser zu drücken. Viele Möglichkeiten zur Bildgestaltung habe ich nicht. Ich konzentriere mich darauf, dass das Auge des Tieres scharf abgelichtet ist. Wegen der schlechten Lichtverhältnisse muss ich mit offener Blende arbeiten, was bei einem 500mm Objektiv auf diese kurze Distanz eine extrem geringe Tiefenschärfe zur Folge hat. Ist das Auge des Modells unscharf, ist das Foto praktisch unbrauchbar. Dabei ist es egal ob man ein Tier oder einen Menschen fotografiert. Zufrieden setze ich Olli am Abend in Kusamo ab. Nun habe ich zu entscheiden wie ich den letzten Tag meines Finnlandaufenthaltes fülle. Ich kann nochmals an dieselbe Stelle zurückkehren wo ich heute mit Olli war, oder beim vorigen Standort, am Oulanka Nationalpark, mein Geraffel aufbauen. Dieser Ort ist eigentlich ideal. Dummerweise ist aber an den zwei Tagen, die ich hier gewartet habe, kein Adler aufgetaucht. Ich entscheide mich trotzdem für das Oulankaversteck. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Ich lege ein totes Eichhörnchen auf eine verschneite Wurzel ungefähr in fünfzehn Meter Entfernung vom Fotoversteck. Dahinter wächst ein Baum, den laut Olli die Adler zuerst anfliegen, um die Lage zu erkunden. Ideal, um von dort den Anflug auf das Hörnchen aufzunehmen. (Ich habe übrigens gefragt, woher Olli die Tiere hat. Ich war sehr erleichtert, dass es sich um sogenannte „Roadkills“ handelt, also Tiere, die im Straßenverkehr umgekommen sind. Das geistige Bild von geheimen Farmen, die unter schlimmen Bedingungen Lockfutter für Naturfotografen züchten, kann ich somit auflösen.) Etwas weiter rechts liegt das große Schwein, das die Tiere generell an den Platz locken soll. Ich habe also drei Möglichkeiten meine zwei langen Objektive auszurichten. Wieder eine Entscheidung. Ich richte meine Linsen auf den Baum und das Hörnchen. Dann warte ich. Ich lasse mich weder von den kleinen Vögeln noch von einem Eichhörnchen ablenken, um keinerlei verdächtige Bewegungen zu erzeugen. Ein aus meinem Blickfeld kreisender Adler könnte diese Sehen und auf einen Besuch verzichten. Den ganzen Tag passiert nichts. Kurz vor der Dämmerung ist er dann plötzlich da. Er kommt direkt aus dem Wald und landet auf dem Schwein. Beide Objektive zeigen munter in die falsche Richtung. Ich zwinge mich, ruhig zu bleiben und erst nach einer Minute, viel zu früh, versuche ich das Objektiv ganz ganz ganz langsam wenige Millimeter nach rechts zu bewegen. Da das Objektiv aber recht groß ist und mein Stativkopf nach dem Öffnen etwas ruckelt, scheint der Versuch unauffällig zu bleiben, gehörig zu misslingen. Als ich einen Augenblick später wieder durch die Glasöffnung blicke ist das Tier schon verschwunden. Jeder kann sich wohl denken was man in solch einem Moment fühlt. So ein großer Aufwand und in einem Augenblick ist alles vorbei. Jetzt weiß ich auch warum man immer von den „Adleraugen“ spricht. Ein gewisses Frustgefühl kann ich an diesem Abend, als ich mit dem Auto wieder Richtung Süden fahre, nicht unterdrücken. Ich übernachte nochmals in Lassis Fotoversteck im Niemandland. Doch die Hoffnung auf ein Rudel Wölfe am nächsten Morgen erfüllt sich nicht. Zeit zur Heimreise. Inzwischen hat es deutliche Plusgrade. Der Schnee ist von den Bäumen verschwunden und Flüsse und Seen sind wieder ziemlich eisfrei. Der eigentliche Winter kommt erst noch und ich freue mich, dass ich im kommenden Februar nochmals die Möglichkeit habe, die hier gemachten Erfahrungen in gute Fotos umzusetzen.

Hörnchentage 16.11.2009

Pünktlich um acht Uhr holt mich Olli vor dem Hotel ab. Wir fahren gemeinsam eine knappe Stunde weiter nach Norden an den Rand des Oulanka Nationalparks. Dieser schützt einen wunderbaren Flusslauf welcher sich durch tiefe Schluchten windet. Es ist heute spürbar wärmer als noch vor zwei Tagen im Süden. Ein leichter Nieselregen macht mir kaum Hoffnung auf schöne Winterbilder. Wir sind hier knapp unterhalb des Polarkreises. Die Tage sind nochmals kürzer. Olli hat sich auf Vogelbeobachtungen spezialisiert. Er führt Fotografen und Naturfreunde zu den Tieren im Wald. Wir fahren entlang des Oulanka Flusses bis es vor einem bewaldeten Hügel nicht mehr weiter geht. Mit dem Schneemobil sausen wir durch einen schönen alten Wald und je höher wir kommen, desto mehr weiße Pracht liegt auf den Bäumen. Zumindest hier oben ist es richtiger Winter, während unter uns träge der halb zugefrorene Oulanka Fluß durch tristes graues Einerlei fliest. Noch bevor wir beim Fotoversteck ankommen fällt Olli auf, dass keine Raben in der Nähe sind. Kein gutes Omen, denn wo tote Tiere liegen sind Raben und somit auch die Adler eigentlich nicht weit. Vor zwei Wochen hat Olli zusammen mit Lassi eine große Sau als Köder vor die Fotohütte gelegt. Alles ist eigentlich ziemlich perfekt. Die umliegenden Bäume stehen alle höchstens in dreißig Meter Entfernung. Egal woher die Adler anfliegen, hier gibt es formatfüllende Fotos. Olli platziert ein totes Hörnchen, das er mit einem Draht an einen unter dem Schnee liegenden Ast bindet, genau in die Einflugschneise. In Gedanken sehe ich die perfekten Adler-Anflugfotos schon vor mir. Die Frage woher Olli das Hörnchen hat, blende ich dezent aus. Man muss sich ja nicht mit aller Last dieser Welt beladen. In unmittelbarer Nähe der Fotohütte verstecken wir kleine Fettstücke und Nüsse in Baum- und Astritzen um kleinere Waldbewohner vor die Kamera zu locken. Ich bin kaum in der Hütte verschwunden und Olli ist mit dem lärmenden Schneemobil davon gefahren, da stürzen sie sich auch schon zuhauf auf die Leckereien.

Oulanka Nov- 2009-2  4634

Je kleiner die Vögel sind, desto schneller scheinen sie sich zu bewegen. Unglaublich wie schnell die von Ast zu Ast hüpfen. Drei oder vier Meisenarten kann ich erkennen. Die Graumeise und die Lapplandmeise kann ich sicher identifizieren.

Oulanka Nov- 2009-2  4629

Ich habe die Kamera auf 1600 ASA und komme, je nachdem wie hell die Umgebung ist, nur auf eine 200stel bis 400stel Sekunde Belichtungszeit. Damit ist ein Vogel im Flug nicht scharf zu kriegen. Aber ich darf mich wirklich nicht beschweren. Früher, als wir noch mit analogen Kameras fotografiert haben wären an solch einem grauen Wintertag kaum Aufnahmen möglich gewesen. Erinnert sich jemand an einen Film der bei 1600 ASA halbwegs ansehnlich war? Ich nicht. Ein Lob auf die digitale Technik. Zwei Buntspechte kommen zum Futterplatz. Ebenso ein Pärchen Unglückshäher und ein prächtiger Eichelhäher. Der Eichelhäher ist der körperlich Größte von Allen.

Oulanka Nov- 2009-2  4635

Er kann die Stimmen von anderen Vögeln imitieren. Außerdem ist er ein leidenschaftlicher Sammler. Er legt Eicheln, Nüsse und Bucheckern unter Baumrinden ab und hat so das ganze Jahr über einen Vorrat. Viele der vom Eichelhäher vergessenen Depots sorgen für eine natürliche Ausbreitung der jeweiligen Baumarten. In der Forstwirtschaft spricht man von der „Hähersaat“. Die Stunden vergehen wie im Flug. Ständig flattern hungrige Piepmätze um mein Fotoversteck. Nur von den Adlern fehlt leider jede Spur. Kurz vor drei Uhr am Nachmittag ist das Licht schon so dämmrig, dass ich meine Kameras zusammenpacke und den Unterstand verlasse. Ich lege eine große Schneeschaufel über das tote Hörnchen, um es nicht an einen später vorbeiziehenden Räuber zu verlieren. Das war wohl nichts. Zuerst fällt es mir gar nicht auf. Als ich am nächsten Morgen wieder Speck auf die Bäume verteile und meine Kameras auf die Stativköpfe schraube, sieht alles normal aus. Die Schaufel liegt genau an derselben Stelle wie gestern Abend. Nur das Hörnchen ist weg. Mir ist nicht genau klar wer der Dieb gewesen sein mag. Ich sehe keine Fußspuren im Schnee außer den meinen. Vielleicht war es doch ein Adler, der mir ein Schnippchen geschlagen hat. Schade, mein Traum vom Foto des anfliegenden „König der Lüfte“ auf seine natürliche Beute ist erst mal ausgeträumt. Wie zum Trost besuchen heute zwei lebendige Eichhörnchen den Futterplatz.

Oulanka Nov- 2009-2  4632

Was für putzige Tierchen. Die sind wirklich „süß“, wie sie mit ihren langen Ohren und großen Augen in die Welt gucken. Faszinierend wie sie kopfüber die Baumstämme rauf- und runterrasen und meterweit von Ast zu Ast fliegen.

Oulanka Nov- 2009-2  4633

Ein entspanntes Leben scheint es aber nicht zu sein. In ständiger Aufmerksamkeit nicht von ihren Fressfeinden entdeckt zu werden, wirken sie ziemlich gehetzt.

Oulanka Nov- 2009-2  4631

In Form der Adler sind die Fressfeinde aber auch heute wieder außer Reichweite. Zumindest solange ich bei ausreichend Tageslicht im Fotoversteck sitze. Einmal dachte ich in der Ferne den Schrei eines Adlers vernommen zu haben. Wahrscheinlich liegt irgendwo im Wald ein frisches Rentier, welches wohl reizvoller ist als das von Olli positionierte Schwein. Immerhin konnte ich in den vergangenen zwei Tagen einige Waldbewohner ablichten, die ich bisher gar nicht auf meiner Wunschliste hatte. Morgen fahre ich mit Olli zu einer anderen Location, irgendwo in Lapplands Wäldern. Zwei Tage bleiben mir noch mein selbstgestecktes Ziel vom tollen Adlerfoto zu erhalten. Geduld ist eine Tugend, die man in diesem Beruf ganz zwangsläufig lernt.

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