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Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: Philippinen

Ozean Teil 1: “Sanfte Riesen” 19.03.2013

Ein dunkler Schatten gleitet neben unserem Boot durch das tiefblaue Wasser. Schemenhaft kann ich das Wesen erkennen, weswegen mein Freund und Kollege David Hettich und ich auf die Philippinen gereist sind um es in seinem natürlichen Lebensraum zu fotografieren.

Sofort setze ich mir die Taucherbrille auf den Kopf, ziehe die Flossen über die Füße, prüfe den um meine Hüften hängenden Gewichtgurt und greife zum Unterwassergehäuse in dem sich meine Kamera befindet. Einen Augenblick später bin ich schon vom warmen Wasser des Ozeans umgeben. Während sich das Wasser wieder beruhigt  und die Sicht klar wird blicke ich unter die Oberfläche um den momentanen Ort des Tieres zu lokalisieren. Dabei versuche ich möglichst ruhig durch den Schnorchel ein und auszuatmen.  In ungefähr vier Meter Tiefe schwimmt nun ein männlicher Walhai direkt auf mich zu. Ich kann sein breites Maul, seine weißen Rückenpunkte und die für Haie so typische spitz zulaufende Schwanzflosse erkennen. So gut es mir als Anfänger möglich ist, versuche ich Luft in meinen Brustkorb zu pumpen um dann den Oberkörper nach unten fallen zu lassen. Kräftige Beinstöße bringen mich komplett unter die Wasseroberfläche. Besonders mit dem schweren Kameragehäuse das ich dabei vor mir herschiebe ist das gar nicht so einfach.

Innerhalb weniger Sekunden nähere ich mich dem größten Fisch unserer Erde. Es sind nur kurze Augenblicke in denen ich diese unglaublichen Einblicke in seine Welt genießen kann, denn dann meldet sich mein ungeschulter Körper, oder ist es der Kopf, der mir sagt das er dringend wieder Luft zum atmen möchte. Während ich den Auslöser der Kamera praktisch ständig durchdrücke versuche ich so gut es geht auch Details der Szenerie wahrzunehmen. So kann ich gerade noch seine kleinen Augen erkennen, die seitlich des Riesenmaules sitzen, bevor mein Instinkt mich wieder nach oben in meinen eigenen Lebensraum zurückschickt. In solchen Momenten beneide ich David, dem das Wasser zur zweiten Heimat geworden ist. Seine Jahrzehnte lange Taucherfahrung hat ihn  gelehrt viel länger ohne Sauerstoff auszukommen, und so gelingt es ihm noch für einige Zeit parallel neben dem Walhai her zu tauchen, während ich schon wieder Luft schnappend zur Oberfläche durchstoße. Die Tiere sind Vegetarier und ernähren sich von Plankton welches sie sich durch Mundöffnung schieben indem sie das Meerwasser filtern. Dieses junge Männchen ist ungefähr sechs bis sieben Meter groß. Ausgewachsene Walhaie können bis zu vierzehn Meter erreichen. Solche Exemplare hat David schon bei den Galapagos Inseln fotografiert. Die Tiere sind übrigens waschechte Haie. Den Zusatz Wal haben sie nur wegen ihrer Größe bekommen.

 

Heute ist unser dritter Tag bei den friedlichen Riesen und es scheint mein Glückstag zu sein. Der Fisch bleibt auf einer für mich erreichbaren Wassertiefe und lässt sich durch uns menschliche Besucher nicht von seinem Weg abbringen. So kann ich immer wieder zu ihm abtauchen, was mir mit Hilfe der einheimischen jungen Männer gelingt, welche in kleinen Ruderbooten sitzen und als sogenannte „Spotter“ für uns Touristen die Walhaie orten helfen. Sofort nach meinem Auftauchen, werde ich aufgesammelt und kann mich auf dem Kanu für einige Sekunden erholen. Während dessen rudert uns mein Helfer wie ein Wilder weiter um mich wieder vor den Fisch zu bringen.  Dabei fallen meine Blicke immer wieder auf die schöne Kulisse der Insel Süd-Leyte, von deren Ufer wir nur wenige duzend Meter entfernt nach den Walhaien Ausschau halten.

Erstaunlich das sich die Tiere so nahe an der Küste aufhalten. Die Landschaft ist in erster Linie mit Kokospalmen bewachsen. Diese sind zwar wunderschön anzusehen, aber vom Menschen eingeführt. Nur in den höheren Lagen und an steilen Hängen erkenne ich die ursprüngliche Vegetation, den tropischen Regenwald. Einfache Hütten und kleine Fischerboote säumen den Küstenabschnitt und immer wieder beobachte ich Kinder die fröhlich am Wasser spielen. Während auch die Philippinen mit einer schnell wachsenden Bevölkerung zu kämpfen haben, scheint hier die Balance noch recht gut erhalten. Das Bild das sich mir erschließt kommt dem Idyll das man sich als Reisender erhofft an diesem Fleckchen Erde noch recht nahe. Die Menschen aus dem lokalen Dorf haben erkannt welche Attraktion sich hier in den Gewässern vor ihrer Haustüre tummelt. Das Schöne daran ist, das man hier nicht in blindem Aktionismus verfällt um möglichst schnell viele Besucher anzulocken, sondern zusammen mit einer Naturschutzorganisation das Leben der Haie erforscht und den Tourismus mit strengen Regeln und Abläufen versieht welche die Tiere schonen sollen. So bekommt die Gemeinde für jeden Besucher eine Gebühr und viele Junge Männer und Frauen haben einen Job als „Tourguide“ und „Spotter“ bekommen. Tauchgänge mit Pressluftflachen sind nicht gestattet, da sich die Tiere durch die ausgestoßenen Luftblasen erschrecken. Außerdem sind Blitzaufnahmen verboten, was fotografisch sowieso unsinnig wäre. Just im gleichen Zeitraum als David und ich hier unsere Tage verbringen habe ich auf „Spiegel-online“ einen Artikel über Walhaie in einer anderen Region auf den Philippinen gelesen. Durch die Tiere ist das dortige Dorf zu großem Wohlstand gekommen, weil man begonnen hat sie anzufüttern und den Besuchern so praktisch Walhai Sichtungen garantieren kann. Für die Fische ist das verheerend, denn sie werden abhängig und verlieren komplett ihre natürlichen Instinkte. Ich bin froh, dass wir hier in Süd-Leyte das hiesige Projekt mit unserem Besuch unterstützen können. Die Leute sind extrem freundlich und haben ein ernsthaftes Interesse die Fische und ihren Lebensraum zu erhalten. Seit 1998 dürfen Walhaie auf den Philippinen übrigens nicht mehr gejagt werden.

Auf dem Rückweg zu unserer Tauchbasis sitze ich vorne am Bug unseres Bootes. Es ist komplett windstill. Mir ist als würden wir über das Wasser schweben. Die See breitet sich wie eine große Spiegelfläche vor mir aus.  Der Fahrtwind streicht angenehm über die Haut. Am Horizont bauen sich große Wolkenberge auf die den Himmel dunkel färben. Es wird bald regnen. Eine Gruppe Delphine kreuzt unseren Weg. Immer wieder springen sie aus dem Wasser als wollten sie mich Grüßen.  Dies sind Momente in denen es mir nicht schwer fällt die Probleme der weiten Welt wegzuschließen und die Schönheit des Augenblickes in vollen Zügen zu genießen.

 

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