Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: Rentiere

Auf nach Norden….. 24.08.2010

Die fotofreie Sommerpause ist vorbei. Die vergangenen Wochen habe ich ausführlich genutzt, um den neuen Vortrag und die anstehende Tournee vorzubereiten. Nun freue ich mich auf die finale Reise, welche das Projekt „Europas wilde Wälder“ komplettieren soll. Zusammen mit meiner Lebensgefährtin Elfriede machen wir uns in unserem zum Schlafwagen umgebauten Transporter auf nach Skandinavien. Erstes Reiseziel ist die dänische Nordseeküste. Wir besuchen für einen Abend Freunde, die gerade dort urlauben. Abgesehen von den großartigen Küstendünen und dem erfrischenden Bad in den tosenden Wogen bleibt uns die Faszination des Landes Dänemark weitgehend verschlossen. Na ja, es ist vielleicht etwas unfair so zu pauschalisieren. Bei der Durchquerung haben wir ja nur den Autobahnblickwinkel drauf und da ist Deutschland auch nicht schöner. Auf jeden Fall ist mir persönlich Dänemark zu flach. Als uns die Fähre nach dreistündiger Überfahrt im Süden Norwegens wieder ausspuckt, offenbart sich uns gleich ein ganz anderes Bild. Hier ist nichts flach. Man merkt sofort, dass hier viel Land auf wenig Bewohner trifft. Wir fahren vorbei an großen Landwirtschaftsflächen mit ihren typischen rotbraunen Ökonomiegebäuden. Fast überall erheben sich im Hintergrund bewaldete Hügel und Berge. Große Seen und Flüsse geben der Landschaft selbst in dicht besiedelten Gebieten einen reizvollen Charakter. Wir passieren die ehemalige Olympiastadt Lillehammer und nähern uns dem ersten für das Projekt relevanten Reiseziel.

Es ist der Ormtjernkampen Nationalpark in der Provinz Oppland, der in erster Linie alten Wald schützen soll. Zuerst hielt ich es für einen Schreibfehler als ich bei meiner Recherche gelesen habe, dass das Gebiet nur 8,5 qkm groß sei. Doch sehr schnell wird klar dass auch in einem so dünn besiedelten Land wie Norwegen richtige Urwälder ein seltenes Gut geworden sind. Jahrtausende der Nutzung haben besonders in den Tal-Lagen, dort wo die kräftigen Bäume wachsen, Urwälder in Forste verwandelt. Wir fahren über enge Serpentinen hinauf auf eine Hochebene und befinden uns plötzlich in einer anderen Welt. Das landwirtschaftlich geprägte Kulturland der Täler liegt hinter uns. Hier oben scheint sich die Natur noch frei entfalten zu dürfen. Weitläufige Moore und bewaldete Hügel, sogenannte Fjells, dominieren das Bild. Wir passieren einzelne Häuser, deren Dächer oftmals mit dichtem Gras bewachsen sind. Es ist zauberhaft. Der Nationalpark selbst besteht aus einem einzelnen Fjell, dem 1.100 Meter hohen Ormtjernkampen. Es fällt gar nicht auf, dass der Park so klein ist. Die den Berg umgebene Moor- und Flusslandschaft ist so wunderschön und ursprünglich, dass das Gebiet keinen Inselcharakter besitzt. Es ist Spätsommer, vereinzelte Blätter der Birken zeigen erste gelbe Farbtupfer. Die zahlreichen Bodendecker – allen voran die Heide- und Preiselbeeren tragen jedoch noch sommerliches Grün. Der Farbenrausch hat noch nicht begonnen. Die Zahl der Moskitos ist durch sinkende Temperaturen schon deutlich zurückgegangen. Besonders die abendlichen Fototouren werden dadurch stark erleichtert. Jede Wanderung ist für mich ein sinnlicher Genuss.

Wir stehen morgens um fünf Uhr auf den Gipfel des Ormtjernkampen und warten auf den Sonnenaufgang. Der Blick fällt auf das umgebende Land. In den zahlreichen Flüssen, Mooren und Tümpeln spiegeln sich die ersten zarten Farbtupfer des Morgenrotes. Gewaltige Wolkenberge zeigen von dramatisch dunkel bis hellrosa sämtliche Nuancen. Am Horizont sehen wir wie sich schwere Gewitter über den weit entfernten Bergen entladen. Die Sonne schafft es, zumindest für ein paar Sekunden, ihre Strahlen durch kleine Wolkenlücken zu schicken. Für wenige Augenblicke ist die Welt in eine goldene Schicht getaucht. In diesen Momenten möchte ich mit der Kamera am liebsten überall gleichzeitig sein. Ich muss aufpassen, dass ich nicht zu hektisch in der Gegend rumrenne. Wichtig ist es, die Essenz der Landschaft in dieser kurzen Zeit auf den Chip zu bannen. Da man aber im Vorfeld oft nicht genau sagen kann, wie sich die Aufnahmesituation entwickelt und wo genau das schöne Licht auch auftreffen wird, bleibt es bis zuletzt spannend und eine „schnelle“ Angelegenheit. Als wir um halbneun Uhr wieder am Auto ankommen, haben wir schon eine fünfstündige Tour hinter uns. Wir freuen uns darauf, nochmals für einige Zeit die Augen zu schließen um für kommende Touren Kraft zu tanken. Während an den Hängen des Ormtjernkampen fast ausschließlich Fichten und krumm-ästige Birken wachsen, entdecken wir andernorts jahrhunderte alte Kiefern die auf den für Skandinavien so typischen mit Granitbrocken überhäuften Böden wachsen.

Egal in welcher Vegetation wir uns befinden, es sind die mit Moosen, Flechten und Beeren überzogenen Böden, die mich immer wieder aufs Neue begeistern. Zum absoluten fotografischen Triumph wird der kommende Morgen. Als wir uns um fünf Uhr in der Früh in die klammen Hosen zwängen, blicken wir in einen fast sternenklaren Nachthimmel. Ich habe am Vortag das Ufer des Sees als Fotoziel ausgesucht, an dessen gegenüberliegendem Ufer sich die Wälder an den Hängen des Berges hinaufziehen. Es ist fast nahezu windstill. Durch die kühle, wolkenlose Nachtluft liegt eine zarter Nebelschleier über dem Wasser. Kaum ein Geräusch durchdringt diese natürliche Stille. Keine Kondenzstreifen von Flugzeugen zerstören die perfekte Schönheit dieses Tagesanbruchs.

Ich bin wie im Rausch. Wer braucht schon Drogen oder Alkohol um High zu sein… Für mich ist dieser Moment, wenn Licht auf Wolken, Nebel, Berge und Wälder trifft, Aufputschmittel genug. Wenn sich die Farben im Sekundentakt ändern und ein Motiv dadurch ständig neu erfunden wird, ist dies pures Adrenalin. Fast zwei Stunden dauert es bis sich die Nebelschwaden völlig aufgelöst und die Sonne mit ihrer vollen Kraft die Magie des Augenblicks beendet hat.

Zurück bleibt die Erinnerung an ein unwiederbringliches Erlebnis, welches nur die Natur zu bieten hat. Jeder Moment in der Wildnis ist einzigartig. Ist man empfänglich für die Farben, die Gerüche, den Wind, die Temperaturen und die Vielfalt an Pflanzen und Tieren, so ist jede Wanderung in die Natur eine Sinnesreise, die unser Leben unheimlich bereichern kann. Ein Morgen wie dieser ist auch für Nichtfotografen zu empfehlen. Als wir den Ormtjernkampen Nationalpark verlassen, erfahren wir noch, dass das Schutzgebiet auf über 1300 qkm erweitert werden soll um so die Schönheit der Fjellandschaft zu erhalten. Eine gute Nachricht für eine traumhafte Gegend. Etwas weiter im Nordosten, direkt an der Landesgrenze zu Schweden liegt der Gutuila Nationalpark der nur unwesendlich größer ist als unser letztes Reiseziel. Auch hier ist es ein mit jahrhunderte alten Fichten und Kiefern bewachsener Fjell der den Schutzstatus zum Einsatz brachte. Die wunderbare norwegische Landschaft verwandelt schon die Fahrt zum Park in ein Erlebnis. Wir passieren unzählige Moore und Seen, in denen sich die Silhouetten der Bäume spiegeln.

Plötzlich sehen wir eine Gruppe Rentiere, die frei durch die Wälder ziehen. Ob es sich hierbei um wirkliche Wildtiere handelt oder freilaufende Zuchttiere kann ich nicht sagen. Auf jeden Fall verschwinde ich für über eine Stunde mit ihnen im Wald, bevor sie sich endgültig zu weit vom wartenden Auto entfernen. Mit genügend Abstand verlieren die Tiere irgendwann etwas Scheu und es entsteht der eine oder andere interessante Fotomoment. Mit dem letzen Licht erreichen wir den Gutuila Nationalpark. Der Parkplatz liegt direkt an einem See mit Blick über eine ursprüngliche Wald- und Berglandschaft. Es gelingen noch einige schöne Stimmungsaufnahmen im warmen Abendlicht.

Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, das dies für uns die einzigen Fotos aus dieser Gegend bleiben sollten. Kaum haben wir die Siebensachen für die Sonnenaufgangstour gepackt und uns in die Schlafsäcke verkrochen, platschten die ersten Regentropfen auf unser Blechdach. Es sollen für viele Tage die letzen Sonnenstrahlen in dieser Region Skandinaviens gewesen sein. Diese Aussicht hat uns dazu veranlasst, dem Licht zu folgen und weiter gen Norden zu reisen.

Wo Bäume sterben dürfen 22.09.2009

Für die Wanderung in das Naturschutzgebiet bei Elimyssalo hatte ich mir die Landkarte ziemlich genau angeschaut und dann so geplant, dass  ich eine möglichst gute Ausbeute an Fotos erstellen kann. Im Zentrum der Landschaft liegt ein etwa ein Quadratkilometer großer See,  der von einer Kernzone echten Urwaldes umgeben ist.  Die Karte zeigt am östlichen Seeufer auf einer Landzunge einen Schutzstand mit Feuerstelle. Vom Parkplatz aus hatte ich ca. 7 km zu laufen, um an diese Stelle zu kommen.  Da ich meine komplette Fotoausrüstung dabei haben wollte, packte ich neben einer Wasserflasche, etwas Brot und Käse nur noch meinen Schlafsack ein.  Eine Nacht auf hartem Untergrund sollten meine alten Knochen noch Aushalten. Übernachten musste ich, um dann am See zu sein, wenn die Chance auf das beste Licht am Größten ist. Auf der ganzen Tour bin ich dann keiner Menschenseele begegnet.

Elimyssalo 21-09  1713

Ich hatte den Wald, die Moorwiesen und den See für mich ganz allein.  Der Weg durchquert verschiedene typische Vegetationsarten dieser Landschaft.  Durch Moore läuft man über einen für die Besucher angelegten Steg, im Wald hat ein schmaler Pfad den Bodenbewuchs verdrängt.  Nach zwei Kilometern durchquert man das Gelände einer alten Farm, auf der bis in die fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts eine Familie gelebt hat. Ihr hartes Leben in wilder Natur wird vorbeikommenden Wanderern mit Schautafeln erklärt und die renovierten Gebäude lassen ahnen wie der Alltag aussah bevor die Lebensmittel aus dem Supermarkt kamen. Das ist zumindest hier in der Taiga noch gar nicht so lange her. Erstaunlich ist, dass keine zwei Kilometer hinter dem ehemaligen Anwesen die Kernzone des Naturschutzgebietes beginnt, in der noch nie ein Baum gefällt wurde. Hier ist es regelrecht spürbar, dass die Kreisläufe intakt sind. Alle Arten durchlaufen hier ihren kompletten Lebenszyklus.  Bäume dürfen alt werden und sogar sterben, was den meisten ihr Artgenossen die im Forstwald wachsen, vorenthalten wird. Die Natur ist  einfach bezaubernd und ich wünschte ich hätte den Wortschatz eines Poeten, um dies in Worte zu fassen. Uralte Fichten mit langen Flechten an den Ästen säumen den Pfad.

Elimyssalo 21-09  1710

Flechten sind ein Erkennungsmerkmal von alten Bäumen, beginnen sie doch erst nach vielen Jahren zu wachsen. Für wildlebende Rentiere sind sie, besonders in den Wintermonaten, die wichtigste Nahrungsquelle. Wenn die Böden gefroren sind bleiben nur die an den Ästen hängenden Pflanzen zur Sättigung des Hungers. Wildlebende Rentiere waren Ende des neunzehnten Jahrhunderts in Finnland durch die Jagd ausgerottet worden. Später wurden sie, ähnlich wie der Wolf, wieder über Russland kommend, auch diesseits der Grenze heimisch. Heute leben wieder viele Rentiere in den finnischen Wäldern, leider ist mir bisher keines begegnet. Das mag wohl auch daran liegen, dass gerade die Jagdsaison läuft und die Tiere wohl deshalb extrem scheu sind. Staunend laufe ich durch den Wald und glaube kaum meinen Augen zu trauen als ich auf große Haufen stoße, die mit allerlei Leben erfüllt sind. Haben sie schon mal Ameisenhügel gesehen, die größer waren als sie selbst?

Elimyssalo 21-09  1711

Zwei Meter hoch türmen sich regelrechte Ameisengroßstädte vor mir auf. Unzählige kleine Arbeiterinnen sind damit beschäftigt, Reisig und kleine Blätter in die oberen Etagen zu bringen. Ich denke es gibt kein vergleichbares menschliches Bauwerk, das vom Maßstab her mit diesen Riesentürmen mithalten kann. So etwas Großartiges kann nur über viele Jahre entstehen, in einer Umgebung, die intakt ist. Ich erreiche den See an einer kleinen Bachmündung die von einem Biber aufgestaut wurde. Überall ragen die für Biber typischen angeknabberten Baumstümpfe aus dem Boden. Die Oberfläche des Gewässers wird von starken Winden gekräuselt und ich hoffe insgeheim, dass sich dies bis zum Abend hin noch ändert. Zwischen der offenen Wasserfläche und dem Wald verläuft ein Moosteppich, der von unten mit Feuchtigkeit durchnässt ist. Es ist ein bisschen wie wenn man auf einem Wasserbett läuft. Alles schwankt und doch ist die Schicht stark genug, um mich zu tragen. Ich erreiche den Unterstand am frühen Abend. Das muss man den Finnen lassen. Ihre Raststationen sind tiptop. Eine Feuerstelle befindet sich direkt am Shelter und dahinter ein Schuppen mit fertig gesägtem Feuerholz und einer Biotoilette. Bevor ich mit der Kamera losziehe, um meine Abendlichtaufnahmen zu machen, bleibt noch Zeit mein Nachtlager vorzubereiten. Na ja, viel mehr als den Schlafsack ausrollen und meine Regenjacke als Isomatte zu benützen, bleibt nicht zu tun.  Der Unterstand ist nach vorne hin offen, so dass ich direkt auf die Feuerstelle und den See blicken kann. Das ist schon ziemlich idyllisch hier und so vergeht die Zeit bis zum Sonnenuntergang wie im Flug. Der Wind flaut erst ab, als ich längst am Feuer sitze und die absolute Stille dieser Landschaft genieße. Dann ist es plötzlich da, das Motiv auf das ich gehofft hatte. Die Silhouette der Bäume spiegelt sich perfekt im See und die letzten Wolken machen aus der Sache fast ein Kunstwerk.

Wo Bäume sterben dürfen  1713

Zufrieden lege ich mich in den Schlafsack, wenngleich es natürlich relativ robust zugeht und sich eine gemütliche Position nicht wirklich finden will. Zuvor lege ich nochmals ein paar Scheite aufs Feuer. Die geben mir zumindest beim Einschlafen das Gefühl all die Tiere fernzuhalten, die ich in den Tagen zuvor im Fotoversteck gar nicht nah genug haben konnte. Irgendwann schrecke ich mitten in der Nacht auf, es ist Neumond und wirklich stockdunkel. Im Halbschlaf höre ich ein Geheule und denke, dass meine Zeit nun gekommen ist. Es dauert einige Sekunden bis ich mir sicher bin, dass es sich eher um eine Gans als um ein Rudel hungriger Wölfe handelt. Ein ganz leichtes Unwohlsein bleibt bis sich der Schlaf wieder schützend über meine Gedanken legt. Der Wecker klingelt um fünf Uhr, es ist so unbequem, dass ich meinen Schlafsack gerne verlasse. Es hat wohl knapp über Null Grad. Ich schlüpfe in alle Klamotten, die ich dabei habe und freue mich, dass mein Blick auf eine absolut windstille Wasserfläche fällt, die von leichten Nebelschwaden durchzogen wird. Darüber schweben kleine Wölkchen, durch die vereinzelte Sterne blitzen.

Wo Bäume sterben dürfen  1715

So schön kann ein Tag beginnen. Als ich das nächste Mal bewusst auf die Uhr schaue sind fast vier Stunden vergangen. Auch wenn man kein Fotograf ist, sollte jeder Mensch zumindest einmal im Leben einen Tag in solch einer Wildnis beginnen. Um zu sehen und zu spüren wie einmalig schön diese Erde ist auf der wir leben dürfen. Sich wieder als ein Teil des großen Ganzen zu fühlen würde wohl keinen gleichgültig lassen. Die Gleichgültigkeit zu überwinden ist ein wichtiger Schritt in die Richtung, dass zu erhalten was uns umgibt und uns ernährt.

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