Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: Rote Schnapper

Ozean Teil 4: „Grenzgang“ 05.04.2013

Rechts und links von mir springen David und Richard ins Wasser. Ich prüfe ein letztes Mal ob mein Atmungsgerät funktioniert, führe meine linke Hand zur Maske um sie zu fixieren und lasse mich rücklings vom Bootsrand in den warmen Ozean fallen. Die See ist recht aufgewühlt. Bevor mich die Wellen vom Boot entfernen greife ich nach der Kamera die mir unser Kapitän über den Bordrand reicht. So schnell es mir möglich ist tauche ich unter die Wasseroberfläche ab. Sofort wird es ruhiger. Ich sehe wie sich meine zwei Kameraden immer weiter absacken lassen. Bevor ich es ihnen gleichtue, richte ich die Blitzarme der Kamera aus, schalte alle Geräte ein und orientiere mich.

Wir haben den Hafen heute noch in der Dunkelheit verlassen und sind weit hinaus zum Außenriff gefahren um Zeuge eines außergewöhnlichen Naturschauspiels zu werden. Richard ist Tauchführer und erkundet das Marine Leben bei Palau seid vielen Jahren. Wir freuen uns darauf ihn begleiten zu dürfen.  In ungefähr zwanzig Metern Tiefe erreichen wir die Plattform des Riffs. Es sieht aus wie ein Tafelberg  unter Wasser.  Schon beim Näherkommen kann ich die Bewegungen einer großen Masse sehen welche über der Ebene schwebt und sich in ihrer Form ständig verändert. Kurze Zeit später erkenne ich das es sich dabei um tausende Individuen handelt die sich im Schutze des Schwarmes zusammen gefunden hat. Bis zu zwanzigtausend Exemplare des „roten Schnappers“ haben sich hier kurz vor Vollmond versammelt. Sie treffen sich zum Laichen und das bedeutet wenn wir Glück haben werden wir Zeugen großer Action sein.

Schon allein der Anblick von so vielen Fischen ist ein Erlebnis für mich und ich muss mich am Riemen reißen nicht allzu aufgeregt zu sein. In achtzehn bis zwanzig Metern Tiefe ist der Luftverbrauch schon recht hoch, besonders wenn man seine Bewegungen nicht bewusst kontrolliert. Es gelingt mir nur zum Teil denn jede Bewegung mit der Kamera ist ein gewisser Kraftaufwand. Ich nähere mich den Tieren bis ich von allen Seiten von ihnen umgeben bin. Es ist unglaublich. Ein Teil des Schwarms entfernt sich von der Mehrheit und lässt sich über der steil abfallenden Kante der Riffplatte in die Tiefe fallen. Es geht los. Ich versuche in unmittelbarer Reichweite der Ausreißer zu bleiben. Es sind einige hundert Tiere die nun zum sogenannten „Tiefensprung“ ansetzen.

Männchen und Weibchen beginnen sich in ihrem Schwimmverhalten zu synchronisieren und steigen dann in rascher Geschwindigkeit mehrere Meter nach oben. Dadurch erhöht sich der Druck im inneren der Fische und ermöglicht ein schnelleres ausstoßen von Sperma und Eiern. Das geht alles so schnell von Statten.

Das Wasser beginnt sich trüb einzufärben als die Männchen ihren Beitrag leisten und ihr Sperma verlieren. Plötzlich mischen sich auch jede Menge Räuberfische unter die Schnapper. Sie haben weit geöffnete Mäuler und versuchen sich wohl soviel Laich wie möglich einzuverleiben. Mein Blick fällt auf den Tauchcomputer. Die Luft ist schon über die Hälfte aufgebraucht obwohl ich erst eine knappe viertel Stunde abgetaucht bin. Der Tiefenmesser zeigt 35 Meter. Das ist nicht „Ohne“. Ich darf auf keinen Fall vergessen auf die “Grundzeit“ zu achten. Zu lange in großer Tiefe kann gefährlich werden, besonders wenn man nicht mehr ausreichend Luft hat um dann langsam an die Oberfläche zu kommen. Ich versuche immer alle Geräte im Auge zu behalten und an die wichtigsten Grundlagen des sicheren Tauchens zu denken. Doch was meine Augen unmittelbar darauf erblicken, lässt mich dann doch fast in Ekstase fallen. Das Spektakel hat weitere Neugierige angelockt. Ich sehe einen größeren Körper unter den laichenden Schnappern entlanggleiten und brauche nicht viel Zeit um zu erkennen, dass es sich hierbei um einen Hai handelt.

Das es keiner der verhältnismäßig kleinen Riffhaie ist wird mir klar als er den Schwarm in einem Bogen umrundet und dabei in ruhigen gleichmäßigen Bewegungen in meiner Richtung schwimmt. Jetzt heißt es ruhig bleiben, keine Panik oder allzu große Freude. Ich versuche mir ins Gedächtnis zu rufen was David mir über Haibegegnungen erzählt hat. Wenn möglich solle ich die Atmung anhalten, denn die Tiere haben vor den austretenden Luftblasen eher Angst und kommen nicht allzu Nahe. Ich mache mir keine großen Illusionen darüber, dass mir das mehr als ein paar Sekunden gelingt könnte. Außerdem kommt der Hai mir eh schon erfreulich nahe. Ich fixiere ihn mit der Kamera und versuche die richtigen Einstellungen zu erwischen. Ich bin aufgeregt und irgendwie fahrig in meinen Gedanken. Das Tier ist drei bis vier Meter groß und wunderschön anzuschauen. Ob ich in diesem Moment Angst habe weiß ich ehrlich gesagt gar nicht. Schon wenige Sekunden später ist er aus meiner Reichweite verschwunden, so dass ich es eher bedauere zu wenig Kraft zu haben um ihm zu folgen. Richard wird mir später berichten, das ich eine Begegnung mit einem Bullenhai hatte und David erzählt das so mancher Taucher hunderte von Tauchgängen braucht um diese Tiere in freier Wildbahn zu sehen. Manchmal muss man halt auch Glück im Leben haben und zur rechten Zeit am rechten Ort sein. Ich werfe einen Blick auf meine Daten und merke, dass ich mich auf 42 Metern Tiefe befinde. Das ist nicht gut. Deswegen auch die Schwierigkeiten bei der Konzentration.  Ich habe gerade den Ansatz eines Tiefenrausches erlebt. Ich muss zusehen, dass ich geordnet aber zügig an die Oberfläche komme. Ich orientiere mich und lasse mich langsam nach oben aufsteigen. Doch es ist noch nicht vorbei.

Plötzlich bin ich von hunderten von Barrakudas umgeben. Diese länglichen Fische scheinen neugierig zu sein. In einem großen Bogen umkreisen sie mich einige Male. Ich versuche mit der Kamera den Bewegungen zu folgen um diese Begegnung mit möglichst vielen Fischen auf dem Foto zu dokumentieren. So schnell sie aus dem tiefen Blau des Ozeans aufgetaucht sind, so schnell sind sie auch wieder verschwunden. Plötzlich bin ich absolut alleine. Ich sehe weder das Riff, noch laichende Fischschwärme, noch meine Tauchfreunde. Währe ich nicht sowieso schon beim Aufstieg gewesen so müsste ich Diesen jetzt unmittelbar beginnen. So schnell kann man unter Wasser die Orientierung verlieren. Meine Luft reicht gerade noch aus um in fünf Metern Tiefe einen dreiminütigen Sicherheitstop zu machen, dann erreiche ich die aufgewühlte Wasseroberfläche. Ich blase meine rote Boje auf und schwenke sie über mir. Die Begegnung mit den Barrakudas hat mich einige hundert Meter vom Boot abtreiben lassen. Ich bin froh, dass unser Kapitän aufmerksam ist und mich zwischen den Wellen recht zügig erkennt. Theoretisch kann mir mit aufgeblasener Tauchweste nichts passieren, doch die hohen Wellen lassen Einen, wenn man nicht aufpasst, immer wieder Salzwasser schlucken, und die Strömung könnte mich im schlimmsten Fall immer weiter vom Boot wegtreiben.

 

Als ich am Abend mit David in unserer Lieblingsbar sitze und meinen Mangosaft schlürfe, wird mir mal wieder bewusst was für ein unglaubliches Glück ich habe diesen Beruf ausüben zu dürfen. Was wir Zwei  haben erleben dürfen ist mit keinem Geld der Welt aufzuwiegen. Teilzuhaben an den Wundern die dieser Planet bereithält ist das Höchste aller Güter welches ich mir wünschen kann. Heute bin ich aber auch an meine Grenzen gestoßen. „Tiefer“ oder „Länger“ wäre nicht möglich gewesen. Die Natur lehrt uns auch immer wieder unserer Fehlbarkeit und Winzigkeit in den Weiten der Elemente bewusst zu werden. Vielleicht ist es deshalb für Viele so schwer zu glauben, dass unsere Spezies in der Lage sein soll, das Gleichgewicht der Erde schon nachhaltig gestört zu haben. Wir sind, wie der Fischschwarm auch, Lebewesen die in Massen auftreten. Nur hat der moderne Mensch keine natürlichen Feinde mehr welche seinen Wachstum begrenzt halten, so wie es eigentlich in der Natur bei Lebewesen der Fall sein sollte die sich zu stark vermehren. Wir können uns nur selbst Grenzen setzen, und das fällt uns unendlich schwer. Ich weiß nicht wie viel Urwald noch abgeholzt, wieviele Ozeane noch überfischt, wieviele Tierarten noch ausgestorben und wie stark das Klima noch aus dem Gleichgewicht gebracht werden muss bis die Menschheit erkennt das sie auf einen Weg ist, auf dem es ab einem bestimmten Punkt kein Zurück mehr gibt. “Aussterben ist für immer“ lautet ein bekannter Spruch. Er ist leider allzu wahr und schon für weite Teile der Schöpfung gefährlich real.

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