Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: Rudel

Instinkt 28.09.2010

Ich stelle mit folgende Szene vor: Es ist Samstag Morgen um fünf Uhr. Der Wecker klingelt. Ich bin sofort hellwach. Voller Tatendrang drehe ich mich zu meiner Lebensgefährtin und hauche ihr ins Ohr: „Tschüß Schatz, ich fahr jetzt in den Schwarzwald. Zum Bären fotografieren“ Wäre das nicht Klasse? Es wird wohl ein Traum bleiben. Abgesehen davon das wir unsere letzten Bären in Deutschland schon vor 170 Jahren ausgerottet haben, zeigte der kurze und sehr traurig endende Besuch von „Bruno“ dem „Problembären“ (Betitelung des damaligen Ministerpräsidenten Stoiber) was diese Spezies erwartet, wenn sie sich zu uns verirrt. Warum haben wir unsere Urängste gegen wilde Tiere die größer als Füchse sind und kein Geweih tragen bis heute nicht abgelegt?

Selbst Wölfe finden in weiten Kreisen der Bevölkerung kaum Akzeptanz, obwohl ihnen seit Unzeiten keine Untaten gegenüber Menschen nachgewiesen werden konnten. Der „Canis Lupus“ wird es aber hoffentlich schaffen sich mit einer stabilen Population in unseren Breitengraden zu etablieren. Wenn alle Menschen einmal in ihrem Leben eine Wolfsfamilie beobachten könnten, so wie mir das hier in Finnland vergönnt war, ich glaube viele Ängste wären ganz schnell verflogen. An zwei Stellen entlang der russischen Grenze habe ich die Möglichkeit genutzt die Verhaltensweisen dieser faszinierenden Tiere zu beobachten und dabei versucht gute Fotos zu machen. Eben weil es in weiten Teilen Europas nicht mehr möglich ist Raubtiere in freier Wildbahn zu sehen, kommen Menschen aus aller Welt zu den Verstecken von Lassi Rautiainen, Ari Sääski und Kollegen. Der September ist eigentlich ein guter Monat zur Observation.

Die Tiere sind sehr aktiv. Gerade die Bären müssen viel fressen um sich auf den nahenden Winter vorzubereiten. Im Tiefschlaf brauchen sie einige Reserven um über die kalten Monate zu kommen. Etwas ärgerlich für Fotografen sind die täglich kürzer werdenden Tage. Je näher sich der September dem Ende neigt, desto mehr der wirklich interessanten Szenen findet in trüber Dunkelheit statt. Selbst hohe ASA Werte moderner Digitalkameras helfen da nur bedingt. Jeden Abend wenn man im Versteck sitzt ist es ein Glückspiel ob die Tiere sich vor oder nach dem Sonnenuntergang zeigen. Oftmals sind es nur Minuten die einem die Möglichkeit zum guten Foto bieten. An jedem Abend im Versteck habe ich Tiere gesehen. Die Ausbeute an guten Fotos war weitaus geringer. Die Fotoverstecke von Lassi Rautiainen sind berühmt für ihre Möglichkeit Wölfe zu sehen. Von drei Tagen die mir hier zur Verfügung standen hatte ich an einem Abend Glück.

Ein Wolfsrudel aus Eltern und fünf einjährigen Wölfchen ist vor meinem Objektiv aufgetaucht. Es war noch lange vor Sonnenuntergang. Zum Glück treiben sich in der Gegend zwei alte Bären herum welche immer als Erstes erscheinen und so wohl auch den Wölfen signalisieren dass keine Gefahr droht. Es ist interessant zu beobachten wie die Tiere sich untereinander verhalten. Ein ausgewachsener Bär braucht sich eigentlich vor nichts zu fürchten. Trotzdem ist auch er gegen Wölfe im Kollektiv voller Zurückhaltung. Mehr als einmal habe ich ein Rudel Wölfe einen Bären durchs Unterholz scheuchen sehen.

Zu körperlichen Kontakten kommt es dabei aber nie. Solange die Wölfe fressen, ist für den einzelnen Bären Verdauungspause angesagt. Befinden sich allerdings mehrere Bären an der Beute, bleiben die Wölfe in respektvollem Abstand. Auch unter den Bären gibt es eindeutig Rangordnungen, was zahlreiche Kabbeleinen und furchteinflößende aber letztendlich harmlose Drohgeräusche beweisen.

Auch wenn den Tieren durch die Futterköder praktisch das Leben stark vereinfacht wird, haben sie dadurch Ihre Instinkte nicht verloren. Meine anfängliche Sorge, sie würden durch die „schnelle Küche“ in Abhängigkeiten geraten hat sich zum Glück nicht bewahrheitet. Zu oft während der Saison erscheinen die Tiere über einen längeren Zeitraum nicht, weil sie an anderen Orten auf der Jagd sind. Speziell im Bärenkot erkennt man jederzeit Unmengen von Beeren welche die Tiere nie aufhören in sich hineinzufuttern. Sowohl Wölfe als auch Bären haben Angst vor dem Menschen. Ich bin überzeugt, dass ein friedliches Miteinander möglich ist, sofern beide Seiten die andere Gattung mit Respekt behandeln. Fast alle Unfälle mit wilden Tieren passieren aufgrund eklatanten Fehlverhaltens des Menschen. Dazu kommt natürlich immer mehr der kleiner werdende Lebensraum von Tieren, der diese geradezu in die Arme, bzw. auf die Felder der Menschen treibt. In solchen Fällen sind Konflikte geradezu vorprogrammiert. Das gilt inzwischen leider fast für jeden Winkel dieser Erde.

Hier in der Region haben die Tiere das Glück, daß das Gebiet jenseits der russischen Grenze mit großen Waldschutzgebieten gesegnet ist, an deren Einrichtung Greenpeace maßgeblich beteiligt war. Auf der finnischen Seite müssen die Tiere schon eine ganze Menge mehr ertragen. So bin ich eines Morgens um vier Uhr im Fotoversteck aus dem Schlaf geschreckt, weil nahe unserer Unterkunft ein Holzlaster damit begonnen hat seine Ernte zu beladen. Das muss man sich mal vorstellen – mitten in der Nacht räumen Die die Wälder leer. Lassi erzählt mir dass die Fahrer nach Masse bezahlt werden. Je mehr sie arbeiten desto mehr verdienen sie. Klingt nach einem System das endlose Waldflächen voraussetzt. Die Tiere scheinen sich nur kurzzeitig gestört zu fühlen. Heikler ist da schon die Knallerei. Neulich fuhr ich zu den Fotoverstecken von Ari Sääski. Auf der ganzen Fahrt vom Inarisee im Norden Finnlands bis in die Region Kuhmo wunderte ich mich über Horden von rot gekleideten Männern welche schwerbewaffnet am Straßenrand standen. Es ist Jagdzeit, Baby. Bei abertausenden von Finnen erwachen die männlichen Urinstinkte und es geht in die Wälder. Die Elchjagd hat an diesem Tag begonnen. Dies führte dazu, dass drei Weidmänner bei ihrer Treibjagd mal eben locker vor den Ansitzverstecken der Fotografen vorbei geschlendert sind, was zu heftigem Fluchen und zu einem absoluten Ereignisfreien Abend geführt hat, zumindest solange es hell war. Die einsetzende Knallerei hat die Tiere wohl weit auf die russische Seite vertrieben. Es ist zwar genau geregelt wieviel Exemplare der jeweiligen Tierart pro Jahr geschossen werden dürfen – nur wer kann dies kontrollieren? Am kommenden Abend war dann zum Glück alles ruhig. Nachdem es einige Tage nur geregnet hatte, war der Himmel an diesem Tag wolkenlos. Das Fotoversteck von Ari liegt am Ufer eines kleinen Sees auf dessen anderen Seite ein Moor und ein kleines Wäldchen anschließen. Seit einigen Tagen kommt eine Bärenmutter mit ihren vier Jungen in die Gegend, was auch mich veranlasst hat, auf bessere Wolfsbilder zu verzichten und es mit der Bärenfamilie zu versuchen. Jeden Abend kamen sie angetrottet. Immer schön brav ihrer Mama hinterher.

Klischee hin oder her, die Kleinen sehen einfach knuffig aus. Die Mutter ist sehr wachsam. Ganz vorsichtig nähern sie sich dem Abendessen. Beim kleinsten Geräusch sind sie wieder im Wald verschwunden. Oftmals kommen sie erst weit nach Sonnenuntergang zurück. Doch an diesem ersten wolkenfreien Abend habe ich meinen einen (einzigen) magischen Moment. Ein fast voller Mond steigt über dem Wald in den Himmel auf. Darunter laufen genau im richtigen Moment alle fünf Bären über das Moor und ermöglichen mir die einzig wirklich hochwertige Aufnahmesituation an insgesamt sechs Abenden.

Alle anderen Situationen finden praktisch im Dunkeln statt was zum Teil wirklich frustrierend ist. So auch, als die Bärenmutter ihre Kleinen gegen einen ihr körperlich viel größeren männlichen Artgenossen verteidigt hat. Er ist wohl gar nicht absichtlich zu Nahe gekommen. Mit welch einer Entschlossenheit sie das Männchen vertrieben hat war schon beeindruckend.

Die wohl für uns Menschen gefährlichste Situation in freier Wildbahn mit Bären ist wenn wir aus Versehen zwischen eine Mutter und ihre Jungen geraten. Das nähme sicher kein gutes Ende. Mit der höchsten mir zur Verfügung stehenden Empfindlichkeit meiner Kamera habe ich diese Szene festhalten können. Oft war ich an diesen Abenden gefrustet über entgangene Chancen, meist wegen der Dunkelheit. Doch am Ende bin ich froh und dankbar über die tollen Erlebnisse und die Fotos mit denen ich bei meiner Anstehenden Vortragstournee über diese faszinierenden Tiere berichten kann. Vielleicht gelingt es mir ja bei dem einen oder anderen Zuschauer Ängste abzubauen, um so die Zukunft dieser Tiere in Europa ein winziges Bisschen möglicher zu machen. Wer weiß, vielleicht darf ein zukünftiger „Bruno“ doch einmal durch den Schwarzwald streifen?

Die Mär vom bösen Wolf 14.09.2009

Manche Dinge haben sich über die Jahrhunderte so ins kollektive Gedächtnis der Menschen gesetzt, dass es wider besseren Wissen sehr schwer ist, sie zu korrigieren. Warum hat der Wolf bei uns so ein schlechtes Image? Schon im Märchen erzählt man den Kindern vom bösen Wolf, der die Großmutter gefressen hat. Das ist eigentlich dämlich, bleiben solche Bilder doch in den zarten Kinderseelen haften (also ich hatte als Steppke echt Schiss vor dem Wolf,  fast soviel wie vor der Hexe im Knusperhaus). Damit tut man seinen Artgenossen in der realen Welt wirklich einen Bärendienst. Mag sein, dass es im tiefsten Mittelalter, als Europa noch von dichten Buchenurwäldern durchzogen war, zu Konfrontationen kam, in der sich die Furcht vor den Raubtieren aufgebaut hat. Bekanntermaßen fressen Wölfe gerne neben ihrer natürlichen Beute wie Hirsche, Rehe und Hasen auch Schafe und andere Nutztiere was in den Zeiten von Prinz Eisenherz für die Menschen außerhalb der Burgen durchaus Existenzen bedrohen konnte. Doch wir Zweibeiner stehen und standen nie auf der Beuteliste. In den achtziger Jahren war der Wolf in Europa praktisch ausgerottet. Über die Jahrhunderte gefürchtet, gejagt und getötet. Dazu kommt, dass der Mensch die Wildnis Europas weitestgehenst in Kulturland und neuerdings in Industriebrachen verwandelt hat.

Finnland Nacht 5  1067

Da ist es umso erstaunlicher, dass die Wölfe langsam aber sicher in unsere Breitengrade zurückkehren. Selbst in Deutschland ist seit vielen Jahrzehnten wieder ein Wolfjunges geboren worden. In Finnland ist die Population inzwischen recht stabil, was den großflächigen Waldgebieten im Nachbarland Russland zu verdanken ist. Seit über hundert Jahren ist hier kein Mensch mehr durch einen Wolf zu schaden gekommen. Den meisten Ärger verursachen die Wölfe in Finnland bei den Rentierzüchtern. Die würden die lästigen Räuber doch zu gerne aus den Wäldern werfen, erbeuten sie doch jährlich einige hundert ihrer Tiere. Die Züchter werden vom Staat für jeden Verlust durch die Wölfe finanziell entschädigt. Doch die anfallende Arbeit und aufwendige Bürokratie schaffen wohl in diesem Berufsstand wenig wirkliche Wolfsfreunde.

Wölfe sind elegante Tiere die meist in Rudeln leben und ein ausgeprägtes Sozialverhalten haben. Hört man einen Wolf heulen, so markiert er damit seine Reviergrenzen und hält das Rudel zusammen. Auf der Suche nach Beute können sie weite Strecken zurücklegen und so ist es nicht verwunderlich, dass ich nach fünf Nächten in meinem Fotoversteck das von Lassi beschriebene Wolfsrudel bisher nicht gesehen habe. Bis zu acht Tiere Leben im Rudel, das sich auf seinen Streifzügen immer mal wieder auch hier auf unserer Sumpfwiese im Niemandsland blicken lässt.

Eingeleitet wurde der sechste Abend, wie kann es auch anders sein, von Margarete, dem Bären mit dem gelben Knopf im Ohr. Zielstrebig lief sie aus dem Wald (ich habe übrigends keine Ahnung ob Margarete eine „sie“ ist) auf das von Lassis Sohn Sami ausgelegte Beuteschwein zu. Die „Beute“ wird mit einem Seil an einem freistehenden Baum befestigt, damit die Fotografen ein gutes Blickfeld haben, und die Tiere ihr Abendessen nicht gleich instinktiv in den geschützten Wald tragen. Tragischerweise ist aber genau das passiert. Mit Leichtigkeit schleppte der hungrige Bär den Kadaver die knapp hundert Meter an den Waldrand. Zwischen der ersten und zweiten Baumreihe konnte ich zwar noch alles erkennen, hatte aber eine weitere Entfernung und einige störende Bildelemente zwischen mir und der Szenerie. Was dann passierte war so überwältigend, dass ich nicht wusste ob ich mich nun am tollen Naturerlebnis berauschen sollte oder lauthals die Bärengötter verfluchen, die mir wohl eine der besten Aufnahmesituationen meines Lebens zumindest stark entwertet haben.  Bleibend sind auf jeden Fall die Szenen in meinem Gedächtnis und die Bilder in der Kamera, die mir mal wieder bewusst machten was für einen tollen Job ich mir da als Naturfotograf ausgesucht habe. Es dauerte einige Momente bis ich realisierte, dass dort in der Ferne drei Wölfe über den Sumpf gerannt kamen. Haben sie schon mal einen Wolf rennen sehen, wow was für ein toller Anblick. Zielstrebig liefen sie auf den Wald zu, in dem keine zehn Minuten vorher Margarete das Schwein deponiert hatte.  Für einige Momente waren sie im Dickicht verschwunden, um plötzlich wie aus dem Nichts wieder aufzutauchen. Genau sechs Wölfe tummelten sich plötzlich um die arme Sau.

Finnland Nacht 6  1070

Das erste Bild, das ich bewusst wahrgenommen habe, waren vier Wölfe, die mit aller Kraft den toten Körper in kleine Teile zerrissen. Es ging drunter und drüber. Was erstaunlich war, ist die Tatsache, dass die zwei vom Körperbau wesentlich massiveren Braunbären plötzlich in die zweite Reihe verschwanden. Friedlich standen sie anbei und beobachten wie das Rudel ihre Beute verspeiste. Immer wieder habe ich vor mich hin rezitiert: „Bitte liebe Wölfe, tretet doch zehn Meter raus aus dem Wald. Dort wo ich euch sehen kann und wo das geniale Abendlicht euer Fell  goldgelb einfärben würde“. Die Sonne stand über dem Horizont, schöner hätte es nicht werden können. Doch sie blieben im Schatten der Bäume und verschwanden etwas später Einzeln und in Zweiergruppen in die schiere Endlosigkeit der finnischen und russischen Wälder. Erstaunlich war, dass drei von Ihnen ein fast weißes Fell besaßen und recht kräftig wirkten. Da sich die Wölfe den Großteil des Jahres auf russischem Territorium befinden gehen Lassi und sein Sohn davon aus, dass vor einigen Generationen zum weißen Alphaweibchen ein wilder Hund gestoßen ist, der hier seine Gene mit eingebracht hat. Wölfe gehören zur Familie der Hunde, so dass dies nun keine biologische Sensation bedeuten würde. Sicher ist man sich in der Familie Rautiainen über diese Sache nicht.

Finnland Nacht 6  1069

Liebe Wölfe, ihr habt in mir einen Fan gewonnen. Ich verspreche euch meinen Teil dazu beizutragen, dass die „Mär vom Bösen Wolf“ aus dem Gedächtnis möglichst vieler Menschen verschwindet und ihr auch im modernen Europa zumindest Inseln als Lebensraum behaltet.

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