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Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: Sabailski Nationalpark

“Baikal See” Teil 3: Lichtspiele 9.10.2012

Es schaukelt gewaltig, als wir die schützenden Flanken der Insel Olchon verlassen, und mit dem Schiff auf den offenen See hinaus fahren. Arkadi liegt mit kreidebleichem Gesicht unter Deck und versucht auf diesem Wege den hohen Wellengang zu überstehen. Wir passieren den breitesten und für die Schifffahrt gefährlichsten Teil des Baikal Sees. Selbst einheimische Fischer fürchten die massive Kraft der Elemente, wenn die Winde über die riesige Wasserfläche jagen und das Wasser in Aufruhr versetzen. Wir sind in der Dunkelheit gestartet und erleben erneut einen wunderbaren Tagesanbruch, soweit wir in der Lage sind ihn zu genießen. Nachdem ich meine Fotos aus der Zeit mit dem fotogenen Licht im Kasten habe, lege auch ich mich in eine Kajüte, denn die Nacht war kurz und unser Ziel ist noch Stunden entfernt. Dabei übersehe ich, dass der kleine Raum durch den benachbarten Motor ziemlich stark beheizt ist. Eingehüllt in viele Lagen Kleidung genieße ich zuerst die wohlige Wärme der Kajüte und falle dabei in einen leichten Schlaf. Das heftige Schaukeln des Schiffes wirkt dabei nicht weiter störend. Irgendwann wache ich schweißgebadet auf und spüre, dass ich mir mit meinen winddichten Kleidern praktisch eine Sauna um den Körper gelegt habe. Viel zu früh klettere ich zurück aufs windgepeitschte Deck. Es kommt wie es kommen muss. Ich fange mir eine mächtige Erkältung ein, welche mir die Arbeit in den kommenden Tagen ziemlich erschwert. Gegen Mittag erreichen wir unser Ziel. Vor mir liegt die größte der vier Uschkani Inseln, deren Rücken mit dem für die Region typischen borealen Mischwald bewachsen sind. Es dominiert auch hier die Lärche, deren goldene Nadeln das Eiland vor dem blauen Himmel intensiv erstrahlen lassen. Im Windschatten der Insel landen wir in einer wunderschönen Bucht und setzen mit einem kleinen Schlauchboot über ans Land.

Die Inseln sind Teil des Sabaikalski Nationalparks und haben die  höchste Schutzkategorie. Hier befinden sich eine Wetterstation und ein Rangerposten. In einer extra für Gäste gebauten Holzhütte finden wir Unterschlupf. Es dauert eine Weile, bis wir meine vier Koffer und Rucksäcke zum kleinen Stützpunkt getragen haben. Ich habe selten so viel Gepäck um die halbe Welt geschleppt, wie für diesen Auftrag. In einer Kiste befindet sich meine Unterwasserkamera und im Rollkoffer ein kompletter Taucheranzug. Etwa zwei Kilometer östlich von unserer Insel liegen die kleineren, völlig unbewohnten Eilande der Uschkanis. Hier befinden sich die Liegeplätze der Baikal Robbe. Nicht, dass ich mir eingebildet habe mit einem gewöhnlichen Taucheranzug lange zu den Tieren abtauchen zu können. Schon gar nicht im Spätherbst, da sich die Wassertemperatur schon wieder weit unter 10 Grad Celsius befindet. Doch den einen oder anderen Moment, an dem ich die Kamera unter die Oberfläche halten kann, habe ich mir, zumindest in meiner Fantasie, schon ausgemalt. Deshalb habe ich den ganzen Aufwand inklusive Übergepäck am Flughafen und dem mühevollen Schleppen von Reiseort zu Reiseort betrieben. Umso enttäuschter bin ich, als mir Arkady übersetzt, das die Ranger momentan keine Möglichkeit haben, uns zu den anderen Inseln überzusetzen. Das ist bitter. Ich habe extra drei Tage eingeplant bevor uns ein anderes Boot vom Festland abholen kommt. Nun bleibt mir nichts anderes übrig, als die Zeit auf der großen Uschkani Insel best möglichst zu nutzen.

Was mir diese Tatsache halbwegs erträglich macht, ist mein schlechter körperlicher Zustand. Die Nase trieft ohne Unterlass und ich fühle meine Fitness irgendwie bei halber Kraft. Dies erschwert das Umherwandern mit voller Fotoausrüstung deutlich. Ganz zu Schweigen was passiert, wenn ich in diesem Zustand ins eiskalte Wasser gehen würde. Recht schnell habe ich die geografischen Strukturen der Insel überschaut und mir eine Strategie zurechtgelegt. Es ist das Abendlicht, welches gute Stimmungen mit spannenden Motiven verspricht. So gönne ich mir an den kommenden Tagen ein Ausschlafen ohne Wecker. Man sollte dem Körper die Möglichkeit geben selber zu entscheiden, wie viel Schlaf zur Regeneration nötig ist. Dies ist nach meiner Erfahrung die beste Art schnell wieder fit zu werden. Jedes Medikament, das man „nicht“ einnimmt, ist gut für die Gesundheit. So starte ich am frühen Nachmittag meine Erkundungen über die vier Kilometer lange und im Schnitt einen Kilometer breite Insel. Am ersten Tag laufe ich zu ihrem östlichen Ende. Es liegt dem Festland und der mächtigen, mit bis zu zweitausend Meter hohen Bergen bedeckten Halbinsel „Große Nase“, am Nächsten.

Zwischen der acht Kilometer breiten Wasserfläche ragen die kleinen Inseln, auf denen ich die Robben vermute, aus dem dunkelblauen Naß. Ich klettere auf den höchsten Punkt der Insel, die sich hier knapp 200m aus dem Baikal erhebt. An einer Stelle ist die Fläche frei von Baumbewuchs. Wunderbare Ausblicke auf den See und die am Festland aufragenden Gebirge sind mein Lohn. Um mich herum herrscht absolute Stille. Nur wenn der Wind leicht durch die Bäume zieht und die letzten Blätter der spärlich gesäten Birken zu Boden trägt, oder Buntspechte auf tote Bäume klopfen, dringen Geräusche an mein Ohr. Ein Gefühl von Freiheit und Zufriedenheit durchfährt mich, als ich mir mal wieder bewusst werde, wie beschenkt ich doch bin, einen Beruf ausüben zu dürfen, welcher es mir ermöglicht an solch schönen Orten zu verweilen. Die Vegetation an den Stellen, wo keine Bäume wachsen, ist absolut faszinierend. Was auf den ersten Blick karg und leer aussieht, erweist sich beim genaueren Betrachten als artenreich und wunderschön. Zwar sehe ich nur noch ganz wenige Pflänzlein, die ihre Blüten bis zum heutigen Tag haben erhalten können, doch die reichen aus, um zu erahnen, wie es hier in den Tagen des kurzen warmen Sommers aussehen muss. Erstaunlich finde ich einen kakteenartigen Bodendecker, dessen Form absolut bezaubert. Seine einzelnen Schichten sind so aufgebaut, dass sie wie Mandalas wirken. Ein dankbares Motiv für das Macro Objektiv.

Noch habe ich Zeit, denn die Sonne ist kurz vor ihrem Tagesendspurt hinter einer dicken Wolkenwand verschwunden. Doch ein heller Streifen über dem Horizont lässt erahnen, dass sich lichttechnisch noch etwas tut. Ich bin bereit, als sich der knallrote Sonnenball in die Lücke schiebt und die Nachbarinseln sowie die „Große Nase“ mit Farben überzieht.

Ich habe so etwas schon hunderte Mal erlebt, und doch läuft mir jedes Mal aufs Neue eine Gänsehaut über den Rücken, wenn ich diese intensiven Momente erleben darf. Erst in absoluter Dunkelheit erreiche ich den Stützpunkt. Ich erfreue mich nach einem kargen Abendessen aus Käsebrot und einem Schokoriegel an einer „Banja“ und falle dann sofort, komplett erschöpft für dreizehn Stunden in einen erholsamen heilenden Tiefschlaf. Der kommende Tag ist nebelverhangen und regnerisch. Ich entscheide mich zu einer Umrundung der Insel, obwohl ich noch nicht im Vollbesitz meiner Kräfte bin. Dafür lasse ich mein 200-400 mm Objektiv im Lager, was mir eine Erleichterung von fünf Kilogramm einbringt. Ich möchte mich heute verstärkt mit dem herbstlichen Wald beschäftigen und da ist es in der Regel eh nicht vonnöten. Ein kleiner Trampelpfad führt entlang des Ufers immer eingesäumt von alten Bäumen durch die man auf den heute sehr aufgewühlten See blicken kann. Besonders, als ich die Nordseite der Insel erreiche, blasen mir immer wieder stärkere Windböen ins Gesicht, welche  auch in der einen oder anderen Stunde Regentropfen umherwirbeln. Keine leichten Bedingungen zum Fotografieren. Doch sobald ich etwas weiter in den Wald hinein laufe, wird es besser. Der Wind ebbt merklich ab und lässt dadurch bei einer langen Belichtungszeit weniger Bildelemente verwackeln. Der Boden ist an manchen Stellen schon komplett mit Lärchennadeln überzogen.

Die Lärche ist der einzige Nadelbaum, der seine Farbe verändert und sein Kleid abwirft, bevor er es im Frühjahr wieder erneuert. Es ist absolut faszinierend, wie an anderen Stellen, dort wo die Birke dominiert, alles mit gelben Blättern bedeckt ist und unter alten Birken ein Fakir auf einer Decke aus Zapfen hätte laufen können. Ich sehe heute soviel Schönheit und Vielfalt, gerade auch weil ich auf die kleinen unscheinbaren Dinge in der Natur zu achten pflege. Moosteppiche und Flechtenüberzogene alte Bäume zeugen von der Unberührtheit dieses Lebensraumes. Doch selbst hier ist der Einfluss, den wir Menschen auf die Umwelt haben, immer wieder zu spüren. Ich sehe ein verrostetes Ölfass und anderen Zivilisationsmüll, den die Strömung auf die Insel gespült hat. Wegen der geringen Bevölkerungsdichte hält sich dieser zwar in Grenzen, doch zeigt es mal wieder, wie wenige wirklich saubere Orte es auf dieser Erde noch gibt. Im hinteren Teil der Insel, welcher der Station am weitesten abgewandt ist, kann man den Pfad nicht mehr als solchen erkennen. Es wird sehr mühsam zwischen umgekippten Bäumen und zum Teil dichtem Unterholz vorwärts zu kommen. Immer wieder laufe ich auch über den schmalen, mit Gestein bedeckten Küstenstreifen, der vom regnerischen Nass überzogen, wunderschöne Farben und Strukturen aufweist. Es ist purer Zufall, dass ich die Stelle, an der ich am Vorabend auf die Anhöhe geklettert bin, genau zum richtigen Moment erreiche. Es bleibt kaum Zeit zum Aufstieg. Ich schaffe es gerade noch rechtzeitig, schwer atmend zum Spektakel bereit zu sein. Für ungefähr drei Minuten schafft es ein einziger massiver Sonnendurchbruch, sich gegen die dichten Wolken durchzusetzen.

Wie ein riesiges Lichtschwert teilt er die vor mir liegende Welt in zwei Hälften und lässt das Gebirge der Halbinsel unwirklich erglühen. Die Höhenlagen sind seit dem heutigen Tag mit einer leichten Schneeschicht überzogen, was die Bilder, die sich mir bieten noch schöner macht. Wenige Augenblicke später legt sich Dunkelheit über die Wildnis des Sabailski Nationalparks. Nur am Horizont, wo die Sonne verschwunden ist lassen farblich abgesetzte Risse in der Wolkenwand erahnen, dass diese Düsternis durchaus nicht allmächtig ist. Zufrieden mache ich mich auf den Heimweg, wo nach weniger als einer Stunde Fußmarsches ein warmes Feuer auf mich wartet.

 

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