Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: Santa Cruz

Kontraste 21.04.2011

Es sind keine leichten Tage in Santa Cruz. Unsere Jugendlichen haben eine Menge Eindrücke und Emotionen zu verarbeiten. Um Ihnen dazu Zeit zu geben, reisen wir mit Axel für einige Tage in das kleine Bergdorf Samaipata. Auf einer Höhe von 1600 Metern herrscht hier ein mildes Klima und weite Ausblicke sind versprochen. Im Ort leben etwas mehr als 3000 Menschen, die sich aus verschiedenen Bevölkerungsgruppen zusammensetzen. Straßenkinder gibt es keine. Die Mehrzahl der Leute sind, nimmt man materielle Werte als Maßstab, eher arm. Doch haben sie, meist basierend auf kleingliedriger Landwirtschaft, ein Einkommen und somit ein Dach über dem Kopf. Je weiter man die große Stadt hinter sich lässt, desto mehr rückt das eigentliche bolivianische Alltagsleben in den Sichtbereich. Für die 120 km lange Strecke brauchen wir fast drei Stunden. Die Straße weist große Schlaglöcher auf, und schlängelt sich die ersten Ausläufer der riesigen Andenbergkette hinauf ins Hochtal von Samaipata. Wir sind im Kloster untergebracht. Axel ist seit vielen Jahren mit dem Padre befreundet, der uns gerne seine Gastfreundschaft schenkt. Auch hier ist der Verein tätig, der Ort ist ja auch in der Tat der Namensgeber für das ganze Projekt. Es gibt hier eine aus Spenden finanzierte Abendschule. Dorfkinder die den ganzen Tag arbeiten müssen um sich über Wasser zu halten, haben hier die Möglichkeit sich zum Ausklang des Tages weiterzubilden. Das bringt wiederum unsere deutschen Schüler zum Nachdenken. So manch Einem wird wohl abermals bewusst, in was für einem Paradies er lebt. Was sind da dagegen schon ein paar Hausaufgaben.  Wir verbringen einen Tag mit den bolivianischen Schülern an einem Picknickplatz. Ein Wasserfall mit natürlichem Pool und gemeinsame Volleyball- und Fußballturniere sorgen für kurzweilige interkulturelle Vergnügungen.

Auf einem der unzähligen Gipfel, die das Dorf zu allen Seiten weit überragen, liegt „El Fuerte de Samaipata“. Dabei handelt es sich um  eine alte Ruinenstätte der Inkakultur, die seid 1998 von der UNESCO als Weltkulturerbe geschützt wird. Zentrum der Anlage ist ein Sandsteinfelsen, in dem zahllose Linien, Kanäle, Stufen und Figuren eingemeißelt sind. Der Schweizer UFO Forscher Erich von Däniken vermutete hier einen Ort, in dem in früherer Zeit Außerirdische Kontakt zu den Erbbewohnern aufgenommen haben. Die Wissenschaft hat wiederum die genauen Funktionen des Ortes nicht einwandfrei geklärt. Einig ist man sich aber, dass es sich um eine Zeremonialstätte der Inkas handelte. Axel erzählt uns beim Besuch der Anlage auch von Kulturen, die schon lange vor den Inkas hier ihren Lebensraum hatten. Auf Pfaden werden wir um den Felsen herumgeführt. Das Betreten ist inzwischen verboten. Leider kommt diese Maßnahme um einige Jahrzehnte zu spät. Eine Kruste auf dem Sandstein hatte das Monument über viele Jahrhunderte erhalten. Zahlreiche Touristen haben jedoch innerhalb kürzester Zeit diese Schutzschicht mit der Reibung Ihrer Schuhe nachhaltig zerstört. Seither schleifen Regen und Wind dieses kulturelle Erbe der Menschheit mehr und mehr ab.

Von der Anlage hat man einen imposanten Ausblick auf die Berge und umliegenden Hochtäler. Alles ist weitläufig und ein wohltuender Kontrast zur Überfüllung und Enge in der Großstadt. Der Blick fällt auf Sandsteinfelsen, die nur mit einer dünnen Vegetationsschicht überzogen sind.

Weite Teile der nutzbaren Fläche bestehen aus kleinen Feldern, durch die sich die Bauern ihr Überleben sichern. Der ursprüngliche Urwald hat hier nur an steilen Bergflanken die Eingriffe des Menschen überdauert. Dort, wo keine unmittelbare Nutzung betrieben wird, herrscht eine degradierte Waldform vor, die man eher als Gebüsche bezeichnen muss. Schon die Spanier haben hier vor Jahrhunderten Wälder gerodet und in diesem niederschlagsreichen und somit grünen Bereich der Anden Kühe zur Fleischproduktion auf die Hochebene gebracht. Die Problematik des Waldverlustes und der damit einhergehenden Erosion scheint hier und da erkannt worden zu sein. Doch mit Schrecken sehe ich, dass so gut wie alle Wiederaufforstungsmaßnahmen mit artfremden Bäumen erfolgt sind. Kiefern und Eukalyptusbäume wachsen nun an diesen Stellen. Besonders der Eukalyptus trägt nicht gerade zur Lösung der Probleme bei. Es ist zwar eine sehr schnell wachsende Baumart, die aber den Böden zu viel Wasser entzieht. Außerdem sehen diese Anpflanzungen ziemlich jämmerlich aus, wenn man sie mit dem Reichtum der heimischen Wälder vergleicht.

Bolivien ist dreimal so groß wie Deutschland. Es leben hier nur zehn Millionen Menschen. Deshalb kann Wildnis nicht ganz verschwunden sein. In der Tat ist dieses Land gerade für Naturfreunde ein ganz besonderer Schatz. Ich freue mich darauf, zusammen mit unserer Jugendgruppe einen Abstecher in den „Amboro“ Nationalpark zu machen. Auf über 4000 qkm schützt dieser Park genau jene Vegetation „Wald“, die außerhalb der Grenzen weitläufig dem Siedlungsdruck hat weichen müssen. Über eine Schotterpiste fahren wir die erste „Kordillere“ nach oben. Auf fast dreitausend Metern blicken wir in geschützte Täler, die mit dichtem Grün bewachsen sind. Das Schutzgebiet reicht bis an die Ausläufer der letzen Erhebungen dieses Faltengebirges. Auf der anderen Seite beginnt das flache Amazonas-Becken, das mit tropischer Schwüle ein völlig anderes Klima bereithält. Diese skurilen Gebirgszüge sind deshalb entstanden, weil sich hier zwei Erdplatten aufeinander schieben. Leider reichen die Rohdungsflächen der Farmer schon bis an die Parkgrenzen heran. Eine unscheinbare Absperrung über den Pfad ist das einzige Merkmal, dass wir eine Naturschutzzone betreten. Ein Management, Parkranger oder gar ein Besuchszentrum gibt es wohl nicht. Wir werden von Saul begleitet. Er ist ein bolivianischer Guide aus Samaipata, der in England Biologie studiert hat. Auf einem Pfad laufen wir hinein in den Wald. Saul berichtet den staunenden Jugendlichen viele interessante Details über die reichhaltige Pflanzenwelt.

Wir sehen kleine Orchideen, Moose, Flechten und Farne. Sogar eine tropische Nadelbaumart, die ich von der Art her eher in unseren Breitengraden erwartet habe. Störend wirken nur, die überall auf dem Weg verteilten Kuhfladen. Auch wenn es optisch nicht unmittelbar sichtbar ist, ist in den Randbereichen des „Amboro“ das Gleichgewicht des Lebens schon gestört. Die Kühe fressen viele der hier wachsenden Pflanzen und sorgen auf diese Weise für eine Reduktion der biologischen Vielfalt. Saul ist in Samaipata für ökologische Bildung zuständig. Sein Jahresbudget beträgt 400 €. Klar, dass damit nicht viel zu erreichen ist. Wir laufen durch einen Wald, der in dieser Form wirklich etwas ganz Besonderes darstellt. In den Senken stehen hier bis zu sechs Meter hohe Farnpalmen. Diese archaischen Gewächse wachsen in guten, wasserreichen Jahren nur um 0,4 mm und in trockenen Jahren gar nicht.

Viele der holzlosen Riesen müssen demnach schon zweitausend Jahre und älter sein. Das ist sehr beeindruckend und sollte nicht innerhalb ein paar Jahren von Kühen ruiniert werden. Nach einigen Kilometern erreichen wir eine Hochebene ohne Bewuchs. Mächtige Winde blasen dichte Wolkenberge über uns hinweg und es dauert einige Zeit bis wir erste Blicke hinein in den Talgrund und somit  in das innere des Nationalparks erhaschen.

Mehrere hundert Meter fällt die Klippe steil vor uns ab und eine ergreifend, schöne Landschaft tut sich vor uns auf. Am Horizont erheben sich wiederum Faltenberge in unterschiedlichsten Formen. Beim Rückweg ziehen die Nebelschwaden bis in den Wald und schaffen eine mystische, geheimnisvolle Stimmung.

Wir setzen uns zwischen die Bäume und führen eine intensive Gesprächsrunde zum Thema Ökologie. Dank des Wissens, das ich mir im Laufe der Jahre durch meine Greenpeace Arbeit angeeignet habe, kann ich den Jugendlichen einiges über die Zusammenhänge auf unserer Erde erklären. Alle erkennen, dass Armut/Reichtum und intakte/zerstörte Natur durchaus in Relation stehen. Es wird klar, dass es ein Privileg ist, solch eine Reise machen zu können, welches nur einem geringen Teil der Weltbevölkerung vergönnt wird.

Am kommenden Tag trennen sich unsere Wege. Während die Gruppe sich auf den Weg macht um die Osterfeiertage in Santa Cruz zusammen mit den Heimkindern zu erleben, habe ich die Möglichkeit zusammen mit Saul noch weitere drei Tage in dieser großartigen Bergwelt zu verweilen. Mit jeder Tour wächst meine Begeisterung für Boliviens endlos erscheinenden Weiten. Seitdem ich wieder zu Hause bin, lässt mich der Gedanke an eine Rückkehr in die Anden nicht mehr los. Ich hoffe, ich kann dem Ruf der Wildnis nicht allzu lange mehr widerstehen.

Licht im Dunkel 17.04.2011

Ich frage mich immer wieder, ob es in Zeiten ökologischer Engpässe noch vertretbar ist, für wenige Tage mit dem Flugzeug um die halbe Welt zu fliegen. Meine Eindrücke von unserer zehntägigen Jugendreise nach Bolivien bestätigen mir einmal mehr, wie wichtig und richtig das Reisen ist. Neue Erfahrungen und Sichtweisen bekommen wir beim Kontakt mit dem „Anderen“. Geistige Tiefflieger wie Sarrazin, Wilders, Haider, Le Pen und wie sie alle heißen, hätten in einer wirklich aufgeklärten, weltoffenen Gesellschaft kaum eine Chance, mit ihren eindimensionalen Weltsichten auf offene Ohren zu stoßen. Ich hatte das Privileg zusammen mit acht Jugendlichen aus Deutschland in eine Welt einzutauchen, die der Unseren, was den modernen Lebensstil betrifft, ganz ähnlich ist. Leider fehlt dem System in Bolivien der Sicherheitsschirm. Es produziert viele neureiche Gewinner, die sich in der modernen Konsumwelt wunderbar austoben können. Der Preis des Wohlstandes ist aber teuer erkauft. Ein beträchtlicher Teil der Menschen fällt durchs Netz und landet in Sichtweite des Reichtums, aber außerhalb seiner Reichweite, auf der Straße.

Diejenigen, die in diesem System eigentlich keine Chance haben, waren der Anlass, dass sich ein Gruppe dreizehn- bis achtzehnjähriger Teenager auf den Weg gemacht hat, um für einige Zeit in diese Lebensrealität einzutauchen. Zu dieser Reise haben meine Freunde Axel Brümmer und Peter Glöckner geladen. Bei ihrer Weltumradlung haben sie sich vor über zwanzig Jahren mit Ihren Velos über die unzähligen Andenpässe bis nach Santa Cruz gekämpft. Das Schicksal der vielen Straßenkinder hat sie tief berührt. Zurück in Deutschland haben sie in ihrer Thüringer Heimat den Verein Saalfeld-Samaipata e.V gegründet. Mit inzwischen über 100 Mitgliedern in Deutschland und kirchlichen Trägern vor Ort in Bolivien ist aus dieser Initiative ein großartiges Projekt entstanden, das aller Ehren wert ist.

Santa Cruz ist heute eine zwei Millionenstadt, in der sich wie in jeder anderen Metropole dieser Welt, eine endlose Blechlawine durch die Straßen schiebt. Kaum zu glauben, dass dieses ständig wachsende Ungetüm aus pulsierendem Leben vor fünfzig Jahren noch ein Städtlein ohne geteerte Straßen und Pferdekarren war. Wir erreichen das Kinderheim „Mano Amiga“, in dem sich unsere Jugendliche die Betten mit den hier lebenden Kindern im großen Schlafsaal teilen werden. Schon die Begrüßung war sehr emotional. Für die Gäste aus Deutschland wurde ein Ständchen gesungen und die Heimleitung hat uns alle herzlich Willkommen geheißen. Auf insgesamt acht Einrichtungen verteilt, bekommen heute 650 (!) Menschen in Santa Cruz die reale Chance auf ein besseres Leben. Die Abläufe im Heim sind erstaunlich diszipliniert. Alles verläuft in geregelten Bahnen. Im Speisesaal ist es während der Mahlzeiten auch nicht viel lauter als bei einem Abendessen im Restaurant. Eines der deutschen Kinder sitzt immer zusammen mit sechs bis acht Bolivianern am runden Tisch. Sprachdefizite werden mit Gesten, Körperkontakt und Zeichensprache einfach überbrückt. Schnell ist eine tiefe Verbindung der unterschiedlichen Kulturen aufgebaut. Ich bin immer wieder über die herzliche Art der Bolivianos sehr berührt.

In den kommenden Tagen besuchen wir die Vielzahl der Einrichtungen, die mit den Spendengeldern des Vereins am Leben gehalten werden. Mit jedem Projektbaustein den wir kennenlernen, wächst meine Hochachtung wie effizient und zielgerichtet geholfen wird. Ich Frage mich mehr und mehr, warum wir Menschen das Problem mit der Armut und Ungleichheit nicht in den Griff bekommen. Würde man das System des Vereins auf die bolivianische Gesellschaft übertragen, müsste es in einem Land mit zehn Millionen Einwohnern und dreifacher Fläche von Deutschland keine Armut geben. Es ist genug für Alle da, es ist nur ungleich verteilt. Dies gilt übrigens für den ganzen Planeten.

Warum finden allein in Santa Cruz Tausende keinen Anschluss an die Gesellschaft? Teil des Problems sind sicherlich die Umwälzungen, mit denen in der heutigen Zeit viele Länder konfrontiert sind. Aus einer reinen, kleinbäuerlichen Kultur von Selbstversorgern wird mehr und mehr eine vom westlichem Lebensstil geprägte Industrie- und Wissensgesellschaft.

Tausende von Landarbeitern geben ihr hartes, von körperlicher Arbeit geprägtes Leben auf, um in den Städten ihr Glück zu versuchen. Flachbildschirme und Handys sind die Götzen der Moderne. Auch in bolivianischen Städten strahlen sie von den riesigen Werbetafeln und verheißen ein Leben in Wohlstand und Lebensqualität. Doch für die Allermeisten bleibt diese Vision eine Utopie. Es mangelt schlicht und einfach an Bildung, um in dieser auf Geldfluss basierten Lebensweise, einen Platz zu ergattern. Die Ursachen für Landflucht sind neben der Hoffnung auf mehr Wohlstand sehr vielseitig. Es kann sich dabei um politische Umwälzungen, Klimaveränderungen oder wie im bolivianischen Hochland recht Häufig der Fall, um das Schließen von Minen handeln. Die Menschen erreichen die Städte meistens, ohne Lesen und Schreiben zu können und werden fast unweigerlich in den Teufelskreis aus Armut und sozialem Abstieg gezogen. Um Überleben zu können, überschreiten viele fast zwangsläufig die Schwelle in die Kriminalität. Ein Leben in dem Gewalt und Drogen eine Rolle spielen, ist vorprogrammiert. Um diese Mechanismen zu durchbrechen wurden die Heime gegründet. Hier kann man den Hilflosesten helfen, nämlich den Kindern.

Unsere Reisegruppe erlebt ereignisreiche Tage mit einer Vielzahl an Eindrücken die uns Alle nachhaltig beeindrucken. In einer Seitenstraße im Stadtzentrum besuchen wir das Nachtasyl. Nach Einbruch der Dunkelheit durchschreiten hier die Kinder, die Tagsüber auf der Straße leben, eine unscheinbare Metalltüre und landen für einige Stunden auf einer Insel der Ruhe und des Friedens. Waffen, Drogen und die Probleme des Alltags werden an der Pforte abgegeben und die Regeln des Hauses angenommen.

Es gibt eine warme Mahlzeit und ein Bett für die Nacht, bevor die Realität, jenseits der schützenden Mauern, die Kinder am kommenden Morgen wieder empfängt. Wer sich ein Jahr lang an die Auflagen des Nachtasyls hält und nicht straffällig wird, hat die Chance, in einem der Kinderheime aufgenommen zu werden. Verbunden mit der realen Aussicht auf eine intakte Gemeinschaft und Bildung für ein späteres Leben in Würde.

Besonders heikel für das Projekt war die Einrichtung eines Heimes in dem die Kinder von Gefängnisinsassen untergebracht werden. Zusammen mit Axel und einer Sozialarbeiterin hatten wir Erwachsenen die Möglichkeit einen Einblick in die Welt des bolivianischen Strafvollzuges zu werfen. Das Gefängnis am Stadtrand von Santa Cruz ist kein einzelnes Gebäude sondern eine Stadt innerhalb der Stadt. Klassisch wie im Film steht dort eine hohe Betonmauer mit Stacheldraht und Wachtürmchen und umschließt eine Realität die unserem Verständnis auf Hoffnung und Menschlichkeit nicht viel gemein hat.

Wird ein Familienmitglied auf die eine oder andere Art straffällig, so öffnen sich nicht nur für den Straftäter die Gefängnistore, sondern meist gleich für die ganze Familie. Von einem modernen Rechtssystem, bzw. Rechtsbeistand für die Betroffenen, kann keine Rede sein. Viele von den armen Seelen haben nicht einmal Papiere zum sich auszuweisen, geschweige denn die Möglichkeit sich mit Anwälten zu verteidigen. Mit dem Polizeichef flankiert laufen wir durch die Gefängnisstadt. Verdrängt man für kurze Zeit die Umstände, so könnte man die Szenerie für eine zwar dicht bevölkerte, aber ansonsten ganz normale Stadtszene halten. Wir sehen Handwerker, Köche, Kirchen, Fitness Center und Parkanlagen. Menschen jeden Alters sitzen auf Bänken vor den Baracken oder schlendern durch die Gassen. Alles wirkt unheimlich intensiv – fast unwirklich, und ist doch für viele tausend Insassen bittere Realität. Wer jetzt zu dem Schluss kommt, dies als eine Art Vergnügungspark auf Staatskosten zu sehen, der irrt gewaltig. Die Macht des Staates bleibt außerhalb der Gefängnismauern. Probleme werden hier mangels Lösungsmöglichkeiten weggesperrt aber nicht gelöst. Neunzig Prozent aller Kinder im Gefängnis sind Opfer körperlicher Gewalt, siebzig Prozent werden sexuell missbraucht. Es herrscht ein System der Perspektivlosigkeit. Selbst Familienmitglieder die unverschuldet wegen des Partners hinter den Mauern landeten, sind nicht automatisch frei wenn dessen Strafe abgelaufen ist. Mit umgerechnet 120 € müssen sich diese Personen freikaufen, ein Betrag der innerhalb des Strafvollzuges kaum mit legalen Mitteln zu erwirtschaften ist. Nun kann man sich vorstellen, wie schwierig es ist, wenn die Sozialarbeiter unseres Projektes in die Welt dieses Wahnsinns eindringen, um die Eltern davon zu überzeigen, dass ihren Kinder, weit weg von Ihnen, die Chance auf ein besseres Leben geboten wird. Das ist sehr harte Überzeugungsarbeit  und nicht immer von Erfolg geprägt. Umso erlösender ist für uns der anschließende Besuch im besagten Heim, in dem wir in lachende Kindergesichter blicken, die dem Irrsinn des Systems entkommen konnten.

Drogenabhängige Straßenkinder werden auf einer Farm mit Tieren beschäftigt. Die Spenden, die der Verein sammelt, finanzieren außerdem eine Bäckerei, die soviel Gewinn abliefert, dass damit sechzehn Kinderheime kostenlos mit Brot versorgt werden können. Hilfe zur Selbsthilfe die ankommt und funktioniert.

An zwei Abenden fahren wir nach dem Abendessen in kleinen Gruppen mit dem offenen Pick up Truck durch die Straßen von Santa Cruz, um jene zu finden, die nicht am Glanz des pulsierenden Nachtlebens teilhaben können. Jenen, die Tagsüber an den Kreuzungen für ein Paar Cent die Scheiben der Autos putzen oder sich mit anderen Aktivitäten das Überleben sichern. Wir sehen Frauen an Kreuzungen, die um Almosen betteln. Ihre Kleinkinder haben sie für den Mitleidseffekt direkt auf die Straße gesetzt.

Es ist kaum auszuhalten, die zahllosen Geländewagen der Reichen an den Kleinen vorbeirauschen zu sehen. Auf Verkehrsinseln in der Mitte von sechsspurigen Straßen sehen wir eine Gruppe von etwa fünfzehnjährigen Jungs, die sich Klebstoff schnüffelnd auf die Nacht vorbereiten. Als wir hinab in die völlig verdreckten Kanäle steigen, sind wir endgültig im Herzen der Dunkelheit angekommen. Unter den Straßenbrücken haben sich dort die Straßenkinder kleine Nischen eingerichtet, in denen sie zwischen Pappkarton und Abwasser ein Mindestmaß an Heimat schaffen. Aus unserer Sicht zu absolut menschenunwürdigen Bedingungen. Axel stellt dabei immer den Erstkontakt her. Sein Erfahrungsschatz als Weltreisender lässt ihn immer die richtigen Worte finden, um uns die symbolischen Türen in die Herzen dieser Menschen zu öffnen. Wir werden nicht als Eindringlinge gesehen, die sich am Elend der Jungen und Mädchen ergötzen wollen. Auch hier am absoluten Ende der sozialen Kette sehe und erlebe ich Menschen und keine Monster. Menschen die Dankbar sind, das man sich für Ihr Schicksal interessiert. Es sind sehr traurige Begegnungen die aber immer auf ihre Art auch Positiv sind.

Kaum eines dieser Kinder vom Straßenrand hat nicht schon von den Projekten mit den Kinderheimen gehört. Dort befindet sich der Schimmer in der Dunkelheit. Vielen ist es in der Vergangenheit gelungen mit Hilfe des Projektes ihren persönlichen Kreislauf der Hoffnungslosigkeit zu durchbrechen und ein Leben ohne Armut und Gewalt zu erreichen. Ich möchte Allen, die diesen Bericht hier lesen ans Herz legen die Internetseite des von Axel und Peter gegründeten Vereins zu lesen (www.saalfeld-samaipata.de), und wenn möglich auch zu spenden. Ich habe erlebt wie erfolgreich dieses Geld in Menschlichkeit umgesetzt wird. Hunderte von Kindern werden es Ihnen Danken.

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