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Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: Savanne

Savanne Teil 4: Artenreich 20.06.2012

Eines der schönsten Naturerlebnisse auf unserer Erde dreht die oft vorherrschenden Verhältnisse um, indem der Mensch in eine Art Käfig verbannt wird und die Tiere frei umherziehen können. Die große Savanne die in Form der Serengeti und des Masai Mara Nationalparks vor dem Einfluss unserer Spezies geschützt wird, lässt sich nur aus dem Auto heraus erkunden. Der Gast bekommt genaue Regeln auferlegt und das ist auch gut so. Selbst in Afrika, geschweige denn im Rest der Welt gibt es kaum noch vergleichbare Regionen. Das Ökosystem Savanne wird heutzutage fast vollständig von uns Menschen zum Ackerbau und zur Viehzucht genutzt. An Orten wo beides nicht betrieben wird sind die Tiere meist weggeschossen oder stark reduziert. Führt man sich diese Realität vor Augen, so kann die Wichtigkeit dieses Landstrichs gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.


Hier im nördlichen Tansania und im südlichen Kenia haben die großen Herdentiere wie Gnus und Zebras noch die Möglichkeit ihren Instinkten zu folgen und ohne die Zerschneidung von Zäunen oder Straßen über die offenen Ebenen zu ziehen. Die Jahreszeiten teilen sich in Trockenzeit und Regenzeit. Die große Tierwanderung, auch Migration genannt, befindet sich immer in den Regionen in denen das Gras der Savanne grün und saftig ist. Ihre Route verläuft dabei Kreisförmig innerhalb der Grenzen des heutigen Schutzgebietes und wiederholt sich Jahr für Jahr.

Die Meisten, die wie ich in den Siebzigern und Achtzigern ihre Kindheit und Jugend verbracht haben, werden sich mit Wohlwollen an die Tiersendungen von Bernhard Grzimek erinnern. Er hat das Naturverständnis einer ganzen Generation geprägt und maßgeblich dazu beigetragen das wir unsere Weltsicht über den eigenen Tellerrand hinaus, weiträumiger definieren. Unvergessen ist sein Film „Serengeti darf nicht sterben“. Zusammen mit seinem Sohn Michael ist er über Monate mit dem Flugzeug in den Himmel gestiegen und hat die Tiere auf ihrem Weg beobachtet. Diesen zwei Visionären haben wir es zu verdanken, das man damals die für die Herden relevanten Regionen unter Schutz gestellt hat. Professor Grzimek hat für dieses Werk den wohl höchsten Preis bezahlt den ein Vater erleiden muss. Sein Sohn Michael starb beim Absturz eben jenes Flugzeugs mit dem die Beiden der Welt ein so großes Geschenk gemacht haben. Das Leben ist manchmal wirklich extrem unfair.

 

Wir erreichen die Serengeti am nördlichen Eingang. Hier oben sind die Tiermassen augenscheinlich noch nicht angekommen, denn das Gras steht an manchen Stellen bis zu einem Meter hoch. Es sieht herrlich aus wie sich die Halme sanft im Wind bewegen und der Blick weit in die Ferne reicht. Trotz der Begrenzung des Jeeps befällt mich beim Anblick dieser Natur ein beschwingtes Gefühl von Freiheit.

Immer wieder sehen wir Giraffen an Akazien und Büschen stehen. Antilopen, Elefanten, Perlhühner, Wildschweine, und unzählige Vögel machen die Fahrt zu einer aufregenden Entdeckungstour die zu keinem Zeitpunkt Langeweile aufkommen lässt. Nach einigen Stunden Fahrzeit erreichen wir das Zentrum des Schutzgebietes. Hier fließen wichtige Lebensadern dieses Ökosystems in Form größerer Flüsse, die ein zahlreiches Auftreten tierischer Bewohner versprechen. Um diese Jahreszeit, es ist nun Mitte Juni, werden hier die ersten Herden der großen Wanderung erwartet. In den kommenden Tagen schlagen wir unser Lager auf einem Campingplatz auf. Dieses wird Tagsüber von unserem Koch James bewacht. Wenn wir abends müde aber glücklich von der Fotopirsch zurückkehren, empfängt er uns mit einem fürstlichen Essen, welches er mit einfachsten Mitteln zubereitet. Meine Kraft reicht in der Regel noch dazu, die im Laufe des Tages gemachten Bilder am Labtop zu sortieren bevor ich mich ins Reich der Träume verabschiede.

Besonders hier im Herzen der Serengeti bildet ein Netz aus ungeteerten Wegen den Besuchern die Möglichkeit den Tieren bei ihrer Suche nach Nahrung und ihrem alltäglichen Kampf ums Überleben zuzusehen. Das verlassen der Wege ist strengstens untersagt was ich sehr begrüße. Es sind viele Besucher die mit ihren Eintrittsgeldern das Schutzgebiet am Leben halten. Man stelle sich nur mal vor wie es hier aussähe, würde jeder rumkurven können wo er wollte. Ganz abgesehen von den armen Tieren, die dann gar keine Ruhe mehr hätten.

Besonders die Raubtiere sind sowieso schon Leid geprüft. Immer wenn ein Fahrer eine Gruppe Löwen im Gras sitzen oder einen Leoparden im Baum liegen sieht, verbreitet sich diese Nachricht wie ein Lauffeuer. Die Jeeps sind untereinander mit Mobilfunk verbunden und die Fahrer nutzen diese Kommunikationsmöglichkeit nicht nur zum Austausch von Klatsch und Tratsch. So kann es vorkommen, dass sich um ein Gepardenpärchen, das sich um der Mittagshitze zu entgehen in einem Gebüsch niedergelassen hat, bis zu zwei Duzend Jeeps und Kleinbusse quetschen. Das Verhalten der Insassen dieser Blechkisten zeugt nicht immer von Respekt gegenüber den Tieren, was mich nicht selten schamvoll bewegt ihnen ein lautloses „Entschuldigung“ zurufen lässt. Klar, nicht jeder Besucher hat ein schweres Teleobjektiv am Start. Aber muss man auch noch mit der kleinsten Knipse Formatfüllende Portraits machen und den Tieren so Nah auf die Pelle rücken das man sie bald berühren kann? Es ist erstaunlich mit welcher stoischen Gelassenheit sie die mangelnde Würde des Menschen nicht nur kompensieren, sondern souverän mit Ignoranz und Ruhe dem fremden Wesen zeigen, wer hier die Herren im Grase sind.

Es existiert eigentlich nur eine Vorgabe durch die Nationalparks Verwaltung die mir als Fotograf richtig wehtut. Wir dürfen das Lager erst um sechs Uhr in der Früh verlassen und müssen abends um achtzehn Uhr von der Ausfahrt zurück sein. Wer meine Arbeitsweise durch die hier geschriebenen Blogeinträge kennt weiß, dass ich eigentlich schon in der Dunkelheit losziehe um dann bei Sonnenaufgang an einer besonderen Stelle zu sein. Dies ist hier in der Serengeti nur begrenzt möglich da es um sechs Uhr morgens schon recht hell ist. Schlimmer noch ist die Abendregelung. Die Mutter aller Savannenbilder, das Motiv welches das Wort „Klischee“ praktisch erzwungen hat – nämlich die knallrote Sonne die hinter einer Akazie oder besser noch dem Hals einer Giraffe untergeht, dieses Muss für jede Afrikabildstrecke, ist theoretisch unmöglich zu erstellen. Die Sonne versinkt während unserer Besuchszeit erst kurz nach halb Sieben hinter dem Horizont. Zu dieser Zeit darf kein Auto mehr unterwegs sein. Eines Abends habe ich unseren Fahrer Arnold dazu gebracht, die Regeln aufs maximal Äußerste zu dehnen und den Sonnenuntergang noch in der Savanne mit der Kamera einzufangen.

Als wir bei fast vollständiger Dunkelheit um kurz nach Sieben im Camp ankamen sind wir dann auch prommt erwischt worden. Zum Glück blieb es bei einer scharfen Verwarnung und Arnold musste wegen meines Berufes keine negativen Folgen für seinen Beruf befürchten. Gelohnt hat es sich für mich allemal wie das Ergebnis eindrucksvoll beweist.

An manchem Tage kreuzen wir die Stelle, an welcher der sogenannte „Serengeti Highway“ gebaut werden sollte. Ein Blick auf die reguläre Verkehrsstatistik in Kenia lohnt in diesem Zusammenhang. Da steht, wie oft es zwischen Tier und Auto zu Kollisionen kommt, und zwar auf normalen Straßen außerhalb von Schutzgebieten. Es ist ein absoluter Albtraum sich vorzustellen, was passiert wenn hier zwischen den hunderttausenden Gnus und Zebras täglich hunderte von Lastwagen rasen würden. Ein unerträglicher Gedanke. Natürlich brach nach Bekanntgabe der Pläne ein Sturm der Entrüstung los. Immerhin ist die Serengeti das bekannteste Schutzgebiet der Erde. Auch in der Tagesschau wurde dann irgendwann berichtet, dass die Straße nicht gebaut und es eine südliche Umfahrung geben wird. Doch wer genauer hinschaut wird feststellen, dass diese Geschichte noch lange nicht von Tisch ist. Gerade auch im Zusammenhang mit dem von mir im vorherigen Blog erwähnten Plan, am Natron See Soda Asche abzubauen, bleibt die Straße eine Gefahr. Denn das Eine funktioniert ohne das Andere nicht. Wer sich für diese Thematik interessiert und einen Facebook-Account hat, dem empfehle ich die Seite „Stop the Serengeti Highway“ anzuklicken. Hier wird man allumfassend informiert.

Die Tage an denen sich mächtige Quellwolken über dem Grasland bilden, sind mir die Liebsten. Sie sind wichtige Elemente im Bildaufbau da die ansonsten flache Savanne kaum attraktive Überblicke als Motive zulassen würde. Es sind unvergessliche Anblicke wenn in den Ebenen tausende Tiere grasen und die Wolken darüber thronen.

Einen absoluten Höhepunkt haben wir einige Wochen später in der kenianischen Masai Mara erlebt. Sie schützt die nördlichste Region der großen Tierwanderung, in der die Herden erst im August erwartet werden. Hier ist es uns gelungen einem Geparden bei der Jagd zuzusehen. Das schnellste Tier der Welt in Aktion.

Mir hat noch eine viertel Stunde später vor lauter Aufregung das Herz schneller geschlagen. Unglaublich mit was für einer Präzision und Grazie das Raubtier über die chancenlose Gazelle herfällt. Doch kaum ist das Opfer unter den Klauen des Geparden gesichert, springt ein mächtiger alter Löwe aus dem Gebüsch und verscheucht mit einer einzigen lässigen Bewegung die kleinere und erschöpfte Katze. So kann er die Beute ohne großen Aufwand in den Schatten zu zerren. Was für ein Spektakel – und ich Dussel hatte genau im Moment des Diebstahles die Kamera wegen eines Objektivwechsels außer Reichweite. Erst als der König der Savanne seine Beute wegträgt habe ich die Szene wieder im Bild festhalten können. Ich habe  noch lange Zeit leise vor mich hingeflucht.

Es sind unzählige größere und kleinere Begegnungen die den Besuch in dieser Region so unvergesslich machen. Als wir die Serengeti gen Süden verlassen fahren wir durch eine karge wüstenähnliche Landschaft. Ausbleibende Regenfälle und Millionen Hufe haben den Boden verdichtet und kaum Vegetation übrig gelassen. Schwer vorstellbar, dass sich hier im kommenden Zyklus wieder saftige Wiesen bilden werden. Die Savanne ist ein faszinierender Lebensraum – aber auch ein sehr Fragiler. Gerade Afrika leidet schon heute sehr stark unter den Irrungen und Wirrungen des Klimawandels. Bleibt hier der Regen aus, so ist dieser Ort dem Tode geweiht.

„Savanne“ Teil 2: Sternenklar

Wie schon damals bei der ersten Reise, wollte ich unbedingt den „Oldoinyo Lengai“ besteigen. Es ist der einzige noch aktive Vulkan in der Region. Wir haben erfahren, dass er vor drei Jahren Lava gespuckt hat. Ich bin sehr interessiert daran, wie es heute da oben auf 3000 Höhenmetern wohl aussieht. Außerdem bekommt man natürlich keinen besseren Blickwinkel auf die Savanne, als aus einer über 1500m höher gelegenen Position zur restlichen Umgebung. Ein junger Massai wird uns als Führer zur Seite gestellt, damit wir den Weg zum steilen Aufstieg finden und er bei Bedarf Hilfe holen kann. Im Unterschied zum ersten Aufstieg wollte ich dieses Mal unbedingt auf dem Kraterrand übernachten, um die Chance auf fotogenes Licht zu bekommen. Außerdem befindet sich so der Auf- und Abstieg nicht in unmittelbarer, zeitlicher Nähe, was dem Körper die Möglichkeit zur Regeneration verschafft. Wir starten nach dem Frühstück und erwischen zu unserem Glück einen recht windigen Tag. So bleiben die Temperaturen auf erträglichem Niveau. Ich habe lange überlegt, ob ich mein sauschweres 400mm Objektiv diesen Berg hinaufschleppen soll. Doch, ich habe es nicht bereut, mich dafür entschieden zu haben! Gute Fotografie entsteht nicht zuletzt durch beherzten Einsatz, und für den wird man immer mal wieder belohnt. Die erste Stunde laufen wir durch fast brusthohes Gras, das sich durch den Wind sanft hebt und senkt. Hier steht die Vegetation in vollem Saft, was auf ausreichend Regenfälle hindeutet. Der Einstieg in den steil nach oben führenden Kamm folgt parallel zum Lavafluss. Vor drei Jahren kam das Lava an dieser Stelle herunter, und hat damit den ganzen nördlichen Bergkamm des benachbarten Grabenbruchs bedeckt.

Der „Oldoinyo Lengai“ ist der weltweit einzige, aktive Vulkan, der ein sehr dünnflüssiges Lava ausspuckt, das etwa die Viskosität von Wasser hat. Ist es erstarrt, wechselt es sehr schnell von dunkler Farbe in ein sehr helles Beige. Die Situation gaukelt uns immer wieder die Vision eines Gletschers vor, an dem wir hier gerade vorbeilaufen. Nach fünf Stunden anstrengendstem Aufstieg erreichen wir den Kraterrand. Während der Wanderung erfreuen wir uns an immer spektakulärer werdenden Ausblicken. Unter uns liegt das „Rift Valley“ hinter dem sich die endlos erscheinenden Savannen hin zur Serengeti öffnen.

Wir blicken hinüber zu den großen Kratern des Hochlandes und auf die Wasserfläche des Natron Sees, die am Horizont glänzend mit dem Blau des Himmels verschwimmt. Der Körper wird beim Aufstieg so sehr gefordert, dass man an seine Grenzen gerät . Lediglich das Adrenalin, das sich durch den Erlebnisfaktor hier aufbaut verschafft uns weitere Kraft. Die brauche ich auch, wenn ich das Abendlicht bestmöglich zur Fotografie nutzen möchte. Der Krater hat sich seit meiner letzten Besteigung massiv verändert. Durch den erneuten Ausbruch ist ein riesiger Hohlraum entstanden.

Aus dem Kratergrund höre ich dumpfe Geräusche dringen. An vielen Stellen treten Rauchwolken aus der Erde. Der Vulkan schläft, ist aber eindeutig aktiv. Mit meinen letzten Kräften eile ich auf dem kaum halben Meter breiten Kraterrand  von einem Aussichtpunkt zum nächsten, um alle Motive im richtigen Licht einzufangen. Besonders der Blick unmittelbar auf das unter uns liegende Grasland ist faszinierend. Von hier oben sieht man jeden Bachlauf und Minikrater, der dieser Landschaft Charakter und Schönheit verleiht.

Wir nächtigen in einer Mulde zwischen dem Haupt- und Nebenkrater. Unser Bett ist dabei praktisch das Geröll. Außer einem dünnen Schlafsack haben wir hier nichts hoch geschleppt. Meine Kräfte hat die Fotoausrüstung voll in Anspruch genommen. Ich bin Rolf sehr dankbar, dass er mir mit etwas Kleidung, Essen und vor allem Wasser ausgeholfen hat. Die Nacht wird sternenklar, was auf 3000 Meter Höhe eisige Temperaturen zur Folge hat – selbst in Afrika. Das hatte ich unterschätzt.  Dazu kommt, dass mein dünner Sommerschlafsack einen kaputten Reisverschluss hat. Es ist ein unglaublich dummes Gefühl, wenn man eigentlich total übermüdet auf dem Boden liegt, und die Kälte so ganz langsam an vielen Stellen in den Körper dringt.  Ich habe selten eine schlimmere Nacht verbracht als diese auf den Götterberg. Doch bereut habe ich diese Übernachtung nicht, im Gegenteil!

Gehen fünf Uhr morgens erreichen die Temperaturen in der Regel ihren Tiefpunkt. Endlich ist der fast volle Mond hinter dem Horizont verschwunden. Die Ganze Nacht hätte man ein Buch lesen können, so stark war die Leuchtkraft des Erdtrabanten. Doch mit dem Verschwinden dieser Lichtquelle entfaltet sich die ganze Schönheit der Milchstraße.

Über mir leuchten plötzlich unendlich viele Sterne. In der klaren Bergluft, die hier auch nicht durch menschliche Lichtverschmutzung getrübt wird, habe ich den schönsten Blick auf den Sternenhimmel erlebt, den ich bisher in meinem Leben sehen durfte. So fällt es mir leicht, den Schlafsack zu verlassen und meinen Körper durch fotografierende Bewegungen zu erwärmen. Es ist kaum in Worte zu fassen, was man in solch einer Umgebung empfindet. Man steht auf einem schmalen Grad auf dessen beiden Seiten es viele hundert Meter steil nach unten geht. An meine Ohren dringt eine gespenstische Geräuschkulisse von vor sich hinblubbernder Lava. Über mir die Unendlichkeit des Universums. Etwas später dann beginnt die Zeit in der Nachtschwärze und Tageslicht um die Oberhand ringen. Wie in Zeitlupe werden die allerersten schwachen Konturen der unter mir liegenden Landschaft sichtbar.

Sie werden dabei in ein sich ständig veränderndes Farbenkleid gehüllt. Die Magie hält an bis sich am Horizont ein tief orangeroter Sonnenball über den Horizont schiebt. Dieser schüttet endloses Licht über die Welt und verbannt den Zauber der vergangenen Nacht in die Kammer der Erinnerung.

 

 

Savanne Teil 1: Damals und Heute

Der erste Reiseabschnitt in die afrikanische Savanne führt mich in den Norden Tansanias. Die Region kann mit so bekannten Namen aufwarten wie die weltberühmte Serengeti oder den Ngorongoro Krater am afrikanischen Grabenbruch. Vor mehr als fünfzehn Jahren war ich zusammen mit meinem Freund und Kollegen Michael Fleck für viele Monate im südlichen und östlichen Afrika unterwegs um für zwei Multivisionsshows zu fotografieren. Genau der Landstrich, welcher nun erneut mein Ziel ist, blieb mir seit damals als absolute Traumlandschaft in Erinnerung. Hier haben sich für mich sämtliche positiven Klischees erfüllt die ich vom “Schwarzen Kontinent” im Herzen trug.

Ich habe Bilder im Kopf von weiten Landschaften in denen unzählige Tierarten über die Ebenen ziehen und in denen Menschen leben, die ihre Traditionen auch heute noch nicht komplett vergessen haben. In meiner Jugend nannte ich solche Gegenden auf der Erde immer “Coca-Cola freie Zonen” – sinnbildlich für Regionen, in denen Völker Getränke aus Plastikflaschen noch nicht als das höchste Maß an Lebensqualität zelebrieren. In der globalisierten Welt werden solche Gebiete im Allgemeinen als rückständig angesehen. Rettung bringt in der Regel die süße Verlockung des Kapitalismus. Inzwischen wird auch ins letzte Dorf im hintersten Tal unseres Planeten eine Straße gebaut. Danach kann die Armada der Moderne heranrollen. Trucks vollgestopft mit allem Möglichen und Unmöglichem bringen Güter zu Menschen, die bis vor kurzem gar nicht wussten, dass diese Dinge überhaupt existieren. Es werden Begehrlichkeiten geweckt und schon nach kurzer Zeit ist der neuerschaffene Konsument überzeugt, ohne diese Dinge nicht mehr leben zu können oder zu wollen. Eben genau so wie wir auch. Fakt ist, das es immer weniger “Coca-Cola freie Zonen“ auf der Welt gibt und das bedeutet nichts Gutes für den Planeten Erde. Das Thema „Straße“ sollte für mich in den kommenden Tagen ziemlich präsent bleiben.

 

Arusha ist die Hauptstadt der Region. Es ist schön zu sehen, dass die Straßenmärkte auch heute noch den Handel dominieren und die Menschen ihre Produkte direkt verkaufen können. Supermärkte gibt es zwar, diese sind für einen Großteil der Menschen aber unbezahlbar und deshalb nicht so präsent wie bei uns. Für die vor uns liegende Safari haben sich mein Reisepartner Rolf und ich einen Jeep mit Fahrer gebucht, so wie es in diesem Teil der Welt üblich ist. Zur Gruppe gehört auch ein Koch, der uns vor dem Verhungern bewahren soll und der gleichzeitig auf das Camp aufpasst wenn wir in den kommenden Tagen von Früh bis Spät auf Fotopirsch gehen. Nachdem wir uns mit Lebensmitteln versorgt haben, folgen wir der Hauptstraße nach Süden. Irgendwann biegen wir nach rechts ab und steuern den Afrikanischen Grabenbruch an, der auch „Rift Valley“ genannt wird. Diese geologische Verwerfung, an der zwei Tektonische Platten aufeinandertreffen, zieht sich auf mehreren tausend Kilometern durch Afrika. Die einige hundert Meter hohe Felsenmauer kommt schon recht bald in Sicht.

Das Dorf „Mto wa Mbu“ liegt unmittelbar vor dem Anstieg auf die Hochebene des „Rift Valley“. Folgt man hier dem weiteren Verlauf der Straße so gelangt man in den von der UNESCO als Weltnaturerbe ausgezeichneten Ngorongoro Krater und in die Serengeti. Ich versuche mich bewusst zu erinnern, was sich hier seit meinem letzten Besuch vor etwa fünfzehn Jahren verändert hat. Wie fast überall auf der Welt ist auch dieses Dorf größer geworden. Trotzdem hat es seinen Charme mit den kleinen Läden und dem emsigen Leben auf der Straße nicht verloren. Die wohl größte Veränderung ist die zwischenzeitlich geteerte Straße auf der wir hierher gelangt sind. Dies ist Grundsätzlich kein Drama, beraubt einem aber ein wenig des von Safaritouristen so geschätzten Abenteuerfeelings. Im Ort fallen mir immer wieder die kleinen und größeren Gruppen Störche auf, die im tiefblauen von weißen Quellwolken durchzogenen Himmel ihre Runden drehen. Am Ende des Dorfes entdecke ich den Grund für die starke Vogelpräsenz. Eine Allee mit großen alten Bäumen säumt den Weg hinauf ins Hochland. Die Bäume, Büsche und die Straße sind hier über und über mit Vogelkot bedeckt. In den Baumkronen nisten hunderte von Störchen, Pelikanen und anderen Großvögeln.

Warum sie dies ausgerechnet hier in unmittelbarer Nähe der Menschen tun, kann ich nur spekulieren. Der Nahe gelegene Manyara See der mit Süßwasser gefüllt ist, hat wohl seinen Anteil daran, dass die Tiere hier ihre Nistplätze haben. Eigentlich wollten wir in „Mto wa Mbu“ nur einen Tankstop einlegen, doch das sich über mir abspielende Flugspektakel lässt zwei Stunden sehr schnell vergehen und ich habe meinen ersten unerwarteten fotografischen Höhepunkt im Kasten.

 

Wir verlassen hier die Hauptstraße und folgen einer Schotterpiste parallel dem Verlauf des Grabenbruchs. Die Savanne ist für diese Jahreszeit recht ausgetrocknet. Bedenkt man, dass wir uns am Ende der großen Regenzeit befinden, so hat es zumindest hier in diesem Jahr nicht übermäßig viel geregnet. Immer wieder passieren wir kleine Siedlungen, die vom hier lebenden Volksstamm der Massai bewohnt werden. Die Massai sind halbnomadisch lebende Viehzüchter. Sie teilen sich das Land im Norden Tansanias und im Süden Kenias seit jeher mit den hier lebenden wilden Tierherden. Auch heute noch leben viele Massai innerhalb ihrer traditionellen Bomas. Das sind mit Lehm und getrocknetem Kuhdung verputze Hütten, die von einem kreisförmigen Wall aus Zweigen umgeben sind. Dieser schützt die Menschen und deren Haustiere vor den durch die Savanne ziehenden Raubtieren. Das Schicksal der Massai wird mich in den kommenden Tagen noch stark beschäftigen. Sie bilden zweifellos reizvolle Fotomotive, wenn sie sich mit ihrem farbenfrohen Schmuck behangen und ihren meist blauen und roten Gewändern in dieser archaischen Landschaft bewegen. Für einen großen Teil dieses Volksstammes haben sich seit jeher die Tagesabläufe kaum verändert.

Dies ist wohl auch einer der Gründe, weshalb diese Region bis heute ihren ursprünglichen Charme behalten konnte. Denn im Alltag dieser Menschen gab es bis dato keine Strommasten, geteerte Straßen oder Dinge zum Wegwerfen, für die man eine Schutthalde oder Müllverbrennungsanlage gebraucht hätte. Wir fahren durch  ausgetrocknete Flussbetten, überqueren Geröllfelder und passieren offene Graslandschaften. Dazu erheben sich rechts und links von uns immer wieder größere und kleine Krater. Wir sind in einer vulkanisch, aktiven Zone unseres Planeten – wenngleich die meisten dieser Eintritts-Tore ins Erdinnere längst erloschen sind. Was mich so sehr an dieser Landschaft fasziniert, ist die Weite. Dort wo sich die Savanne in Form sanfter Hügel vor dem Auge des Betrachters aufbaut, scheint der Horizont in weite Ferne gerückt. Gegen Abend ragt ein guter alter Bekannter über 1500m vor uns in die Höhe. In perfekter, konischer Symmetrie steht der „Oldoinyo Lengai“, der heilige Berg der Massai, eingerahmt zwischen Grabenbruch und den Ufern des Natron Sees, dem Ziel unserer ersten Etappe.

Hier werden wir in den kommenden Tagen auf einem von Massai betriebenen Campingplatz nächtigen, um den See und den Berg in Ruhe erkunden zu können. Unsere Zelte stehen unter Schatten spendenden auslagernden Bäumen. Diese werden von reichlich Vögeln bewohnt, welche ihre Nester in Form hängender Kugeln unter die Äste bauen. Umgeben von zirpenden Grillen und zwitschernder Vögel wird uns im weichen Licht des Sonnenuntergangs, auf wackeligen Klappstühlen sitzend, ein wunderbares Abendessen kredenzt. Dieses hat unser Koch James zuvor mit einfachsten, handwerklichen Mitteln gezaubert, weshalb wir ihn ab sofort nur noch den „Magier“ nennen. In solchen Momenten muss man Afrika einfach lieben.

 

Doch wie sieht die Realität für die hier lebenden Menschen aus? In meiner Erinnerung gab es während meiner ersten Reise vor fünfzehn Jahren an dieser Stelle einige wenige Bomas der Massai. Wir sind damals zum Anführer des Clans gegangen und haben um eine offizielle Erlaubnis gebeten, uns innerhalb des Dorfes bewegen und Fotos machen zu dürfen. Als Gegenleistung haben wir einen gewissen Geldbetrag bezahlt, der dem Allgemeinwohl zugeführt werden sollte. Daraufhin haben wir uns praktisch einen ganzen Nachmittag unter die Leute gemischt und sie während ihres Alltags begleitet. Als moralisch verwerflich habe ich das damals nicht empfunden, haben wir doch niemanden gestört und unser Interesse am Alltag dieser Kultur war nicht geheuchelt. Heute stelle ich mir die Frage ob  ich schon damals einer von inzwischen vielen Auslösern war, der diesen Menschen den Weg in eine neue Entwicklung gezeigt hat, die mit ihrer ursprünglichen Lebensweise recht wenig zu tun hat? Man kann sich auf jeden Fall der Tatsache nicht verschließen, das sich hier einiges Verändert hat. Geld ist für die Massai zur begehrten Zahlungsart geworden. Es gibt inzwischen viele in moderner Bauweise erstellte Schulen auf Massai Gebiet. Dies ist durchaus begrüßenswert, sofern man den Kindern auch vernünftige Dinge beibringt. Aber Kneipen und kleine Läden hat die schöne neue Welt auch entstehen lassen, und was Alkohol mit Naturvölkern anrichtet, ist allgemein hin bekannt – da machen auch die Massai keine Ausnahme. Man kann sich heute kaum einem Boma nähern, ohne regelrecht gedrängt zu werden, gegen eine viel zu hohe Gebühr ein einzelnes Foto zu machen. Dabei verhalten sich die Menschen auf so traurige Weise selbsterniedrigend, dass es mir fast weh tut selbst mit der Kamera unterwegs zu sein. Ich mache einige Versuche mit den Menschen zu kommunizieren, so dass ein ausgewogener Handel zustande kommt. So richtig klappen tut es aber nicht. Immer gehen unsere Vorstellungen weit auseinander. So bleibt es bei einen wenigen Schnappschüssen, bevor ich entnervt aufgebe um an diesem für beide Seiten unschönen Prozess nicht weiter Schuld zu sein. Die Massai sind dabei ihre Würde zu verlieren, was mich wirklich schmerzt.

Sind sie doch eines jener stolzen Völker, die uns bis in die heutige Zeit vorgelebt haben, dass ein Leben im Gleichgewicht mit der Natur möglich wäre. Doch, dass letztendlich alle Menschen auf der Welt gleich sind zeigt die einfache Tatsache, dass auch dieses Volk den Verlockungen des Besitzes nicht widerstehen können. Statussymbole sind z.B. Handys oder Uhren, auch wenn sie die Uhrzeit gar nicht ablesen können. Mehr Rinder zu besitzen bedeutet für sie ein mehr an Ansehen und somit mehr Wohlstand. Dies führt dazu, dass heute viele Savannen außerhalb der Schutzgebiete völlig übernutzt sind. Es sind natürlich gerade Touristen wie wir, die in Jeeps, beladen mit teuren Kameras, guten Kleidern, und sonstigem Schnickschnack, in das Massai-Land einfallen und Begehrlichkeiten wecken. Ihnen wird vorgelebtl, dass es auch ein anderes Leben abseits materieller Armut, ohne fliesend Wasser, Strom oder abwechslungsreichem Essen gibt. Es wird dabei kaum erkannt dass diese Lebensart mit den örtlichen Strukturen und Realitäten kaum kompatibel ist.  Der Kontakt zur Konsumgesellschaft schafft neben der Natur auch viele menschliche Verlierer was auch für unseren kurzen, an der Oberfläche haftenden Blick allzu klar ist. Wäre nun ein generelles Fernbleiben aus solchen Regionen die Lösung? Naturvölker gar isolieren? Das ist natürlich Quatsch. Jeder Mensch auf der Welt sollte die Möglichkeit zur freien Entscheidung haben, wie er sein Leben gestalten möchte. Doch nicht Jeder hat dazu die gleichen Vorraussetzungen. Besonders in den sogenannten Entwicklungsländern fehlt allzu häufig die notwendige Bildung. Diese ist notwendig, damit Menschen die Verlockungen der einfallenden „Moderne“ auch richtig zu gebrauchen und einzuschätzen wissen. Unsere westliche Wertegemeinschaft schreibt sich gerne die moralische Überlegenheit durch praktizierende Demokratie auf die Fahne. Dabei wird allzu häufig vergessen, dass der durch unsere Marktmacht über die restliche Welt gebrachte Turbokapitalismus in den wenigsten Fällen Menschlichkeit und Fairness fördert. Dies ist eine Doppelmoral die ich abstoßend finde. Besonders im Falle des populären Safaritourismus in afrikanischen Wildnisgebieten ist die Bewertung von „richtig“ oder „falschem“ Handeln ziemlich schwierig. Denn gerade das hochpreisige Segment des Tiere-Beobachtens durch zahlungskräftige Besucher hat dazu geführt, dass Schutzgebiete entstanden sind, in denen auch heute noch große Herdentiere ungestört über natürliche Graslandschaften ziehen können. Als ich für das Thema „Savanne“ im Vorfeld der Reise recherchiert habe, ist auch hier schnell klar geworden, dass diese Ökoregion schon massiv durch den Menschen in Beschlag genommen wurde. Grassland eignet sich natürlich hervorragend zum Ackerbau und zur Viehzucht. Ich bin überzeugt, dass es ohne Safaritourismus in der heutigen Zeit selbst in Afrika so gut wie keine intakten Kreisläufe innerhalb des Lebensraumes Savanne mehr geben würde.

Prolog zum Thema „Savanne“: Warum “Naturwunder Erde”?

Das Reisen hat mich immer fasziniert. Schon in der Jugend zog es mich in fremde Länder auf der Suche nach dem Neuen und Unbekannten. Das hat sich bis heute nicht verändert. Nur ist der Blick auf die Welt als über Vierzigjähriger ein anderer als der mit Anfang zwanzig Jahren. Der moderne Mensch ist gerade dabei, das Antlitz dieses wunderbaren Planeten in Rekordzeit so nachhaltig zu verändern, dass schon wenige Generationen, die nach uns kommen, eine völlig andere Lebens- und Erfahrungssituation vorfinden werden, als die, welche uns heute vergönnt ist. Deshalb ist es mir als Naturfotograf ein Anliegen, Schönheit sichtbar zu machen und Zusammenhänge aufzuzeigen. Dass etwas auf der Erde in die falsche Richtung läuft, beginnen wohl so ganz langsam auch die meisten Zweifler zu begreifen. Aber wie sich die Situation mit unseren Lebensgrundlagen global darstellt, ist meiner Meinung nach bisher viel zu wenigen Menschen bewusst. In den fast zehn Jahren, in denen ich Vorträge innerhalb der Waldkampagne von Greenpeace gehalten habe, sind mir persönlich viele Lichter aufgegangen. Ich habe gelernt,  dass in einer globalisierten Welt Dinge unmittelbar zusammenhängen können, auch wenn zwischen Ihnen tausende von Kilometern liegen. Wer meine Aufsätze in den letzten Monaten verfolgt hat weiß, dass ich momentan zu einem Thema mit dem Titel “Naturwunder Erde” arbeite. Die Grundidee zu diesem Konzept basiert auf einem jahrelangen Gedankenprozess von mir, bei dem ich überlegt habe, wie ich innerhalb meiner Fähigkeiten als Fotograf die grundsätzlichen Probleme unserer heutigen Zeit auf eine verständliche Ebene bringen und möglichst Vielen zugänglich machen kann. Der Schlüssel liegt aus meiner Sicht darin, dass wir unseren Blick auf den Planeten Erde verändern müssen. Ohne wirklich zu begreifen woher die Dinge, die wir konsumieren stammen, nutzen wir die Ressourcen dieser Welt ohne Maß und Verstand. Mit “Naturwunder Erde” werde ich nun die Erde im Ganzen portraitieren. Ich möchte, dass die Menschen durch meine Fotos und Geschichten unsere Heimat mit anderen Augen sehen. Die Naturfotografie hat eine starke Kraft, Inhalte zu transportieren und Emotionen zu wecken.

Zusammen mit den Kampaignern von Greenpeace habe ich all jene Ökoregionen herausgearbeitet, die maßgeblich für den Reichtum und die Vielfalt des Lebens auf unserer Erde verantwortlich sind. So soll es dieses Mal nicht nur um das Thema Wald gehen, über das ich berichten werde, sondern auch andere Lebensräume wie Grasland, Gestein und Wasser. Stellt man diese Themen innerhalb eines Projektes in unmittelbaren Zusammenhang, und zeigt ihre Schönheit, ihre Funktion, die Nutzung durch Lebewesen  – und vor allem die Vernetzung zu den anderen Regionen, wird sehr schnell klar, wie vielfältig, aber auch wie anfällig und “endlich” unsere Welt geworden ist. Was mich persönlich am Meisten erschüttert ist die Geschwindigkeit, mit der ich und meine über sieben Milliarden Mitmenschen immer tiefere Wunden in diesen empfindlichen Organismus reißen und das Gleichgewicht nachhaltig stören. Allein in den vergangenen sechsundzwanzig Jahren, in denen ich das Glück hatte, reisen zu dürfen, hat sich so viel verändert, dass man schon blind und taub unterwegs sein müsste um das nicht zu erkennen.

 

Deshalb ist mein nächstes Reiseziel besonders spannend für mich, denn in dieser Region war ich vor über fünfzehn Jahren schon einmal. Das Thema “Savanne” gilt es nun zu fotografieren und somit wartet eine der schönsten Landschaften der Welt auf eine erneute Erkundung – das Grasland in der Grenzregion zwischen dem afrikanischen Kenia und Tansania. Was hat sich wohl hier im Laufe einer Generation verändert?

Magische Orte 04.05.2012

Die gefährdetste Ökoregion in Brasilien ist nicht etwa der tropische Regenwald, sondern die Savanne. Diese offenere Landschaftsform war für die ersten Siedler die das heutige Brasilien formten leichter zugänglich als die dichten Wälder des Amazonas. Wir sind im Bundesstaat “Mato Grosso de Sul” in Zentralbrasilien. Die Region ist so groß wie Deutschland. Die Hauptstadt heißt “Campo Grande”, was soviel wie “großes Feld” bedeutet. Ein wirklich treffender Name, denn als wir mit einem gemieteten Auto die Stadt verlassen müssen wir den für uns gängigen Masstab von bewirtschafteten Feldern nach oben korrigieren. Rechts und links der Straße ziehen sich Maisfelder bin zum Horizont, und unzählige Zebu Rinder grasen auf den Weiden. Bis zu jenem Tag, an dem sie auserkoren werden den stetig steigenden Hunger der Menschheit nach Fleisch stillen zu helfen.

Die Zahlen die ich vernommen habe schwanken zwischen 16 und 27 Millionen Rindern allein hier in “Matto Grosso de Sul”. Nach der Fülle an unberührter Natur im intakten Teil Amazoniens muss ich mich erst wieder an diese Art der Realität gewöhnen. Eigentlich ist es hier wie bei uns zu Hause – kultiviertes Land allerorten. Natur hat Inselcharakter. Trotzdem gibt es einen markanten Unterschied. Es Leben nur etwas zwei Millionen Menschen in diesem Bundesstaat. Bei soviel Fläche und so wenig Einwohnern sollte man eigentlich erwarten, dass für Alle genug zum ordentlichen Leben vorhanden ist. Weit gefehlt. Die Welt ist nicht fair. Dies lässt sich auch hier sehr leicht erkennen. Noch viele Kilometer außerhalb von “Campo Grande” sehen wir unzählige Baracken die sich am Straßenrand aufreihen. Aus Wellblech, Holzresten und Plastikplanen notdürftig zusammengezimmert, fristen hier die “Sem Terra” (Landlosen) ein menschenunwürdiges Dasein. Sie sind – wie die Favela Bewohner der Grossstädte (Elendsviertel), die Verlierer der aufstrebenden brasilianischen Konsumgesellschaft. Die Menschen wurden zumeist von ihrem angestammten aber nicht verbrieften Land von Rinderbaronen vertrieben. Deren Grund übersteigt nicht selten die Größe unserer heimischen Landkreise. Eine krasse ungleiche Verteilung von Wohlstand und Landbesitz, die zwangsläufig zu grossen sozialen Problemen und Spannungen führt und in ganz Brasilien bis heute ungeklärt ist.

 

Unser Ziel ist die kleine Stadt “Bonito” die sich selbst als Hauptstadt des Ökotourismus preist. Zumindest in Ansätzen wird hier bewiesen, das man mit Naturschätzen auch schonend umgehen kann. Das hier vorherrschende natürliche Landschaftsbild ist die “Cerrado” eine Baumsavanne. Diese wird ergänzt durch dichte saisonal laubabwerfenden Wälder. Trotz der intensiven Landnutzung sehen wir immer wieder Korridore der natürlichen Vegetation. Diese sorgen auch heute noch für eine Fülle an Artenvielfalt. Besonders die Vogelwelt ist hier in reichlichen Farbtönen vertreten.

Angetan haben es uns die Tukane die mit ihren riesigen gelben Schnäbeln recht leicht im Gewirr der Zweige auszumachen sind. Für unser Fotoprojekt von besonderem Interesse sind zwei kleine Naturwunder die von “Bonito” aus touristisch vermarktet werden. Als wir in Amazonien die Aras über uns wegfliegen sahen freuten wir uns zwar über deren Anblick, so richtig in Fotoposition haben wir sie aber nicht bekommen. Etwa fünfzig Kilometer außerhalb von “Bonito” sorgt ein Zufall in der Geologie dafür, das wir diese wunderschönen Vögel doch noch fotogen vor die Linse bekommen.

Die Aras fühlen sich im Tropenwald genauso wohl wie in der Savanne. Hier ist eine riesige Doline entstanden – ein über hundert Meter tiefes Loch im Sandstein. Unterirdische Wasserströme haben im tiefer gelegenen Kalkstein, im Laufe von Millionen Jahren, das Material erodiert und Höhlensysteme geschaffen. Diese sind dann irgendwann durch die Last des darüber liegenden Sandsteins eingestürzt. Um die Doline herum sind einige Hektar natürliche Vegetation erhalten. Somit ist der Besitzer des Landes in der glücklichen Situation hier ein privates Naturschutzgebiet zu etablieren, das nicht nur vom Staat unterstützt wird, sondern durch zahlende Besucher auch noch reichlich Gewinn abwirft.

In den rostroten Sandstein Klippen der Doline nisten Dutzende farbenprächtige rote Aras, die den Einsturzkrater mit lauten Gekreische und allerlei waghalsigen Flugmanövern erfüllen. Bis zu vierzig Brutpaare haben hier ihre Heimat. Die Vögel suchen sich einen Partner mit dem sie dann in der Regel den Rest ihres bis zu sechzig Jahre langen Lebens verbringen. Besonders imposant sind die Massenstarts die den Himmel mit rotblauen Farbtupfern sprenkeln. Dies ist einer jener Orte der sich in meinem Gedächtnis in der Kategorie “magisch” ein Plätzlein sichern und unvergessen bleiben wird.

Doch es sollte noch spektakulärer werden.

 

Bisher haben wir in Brasilien zwei Arten von Flüssen kennen gelernt. Das Schwarzwasser wie im Rio Negro und das helle Weißwasser des Amazonas. Nun wollen wir einen Klarwasser Fluss erkunden. Das Quellgebiet des “Rio de Prata” (Silberfluss) ist umgeben von einem Rest uralten Galeriewaldes mit mächtigen Lianen und dicken Wurzeln. Hier gibt es einen Quelltopf an dem durch Kalkstein gepresstes Grundwasser an die Oberfläche dringt. Der karstige Untergrund filtert das Wasser wodurch es absolut kristallklar wird. Jetzt kommt zum ersten Mal mein Unterwassergehäuse zum Einsatz, welches ich mir extra für die Umsetzung von “Naturwunder Erde” gekauft habe. Hier im flachen Gewässer kann ich wunderbar üben mit den Funktionen des Teiles klarzukommen. Nachdem wir von unserem Guide eingewiesen wurden wie wir uns zu verhalten haben schnorcheln wir los. Wichtig ist das wir mit unseren Füßen den sandigen Grund des Flusses nicht berühren um durch aufwirbelnde Sedimente das Wasser nicht zu verunreinigen.

Schon der erste Blick mit der Taucherbrille unter das Wasser ist spektakulär. Alles ist glasklar sichtbar. Es ist als Blicke man in ein riesiges Aquarium. Eben standen wir noch im von Vogelgezwitscher erfüllten, üppig grünen Urwald und plötzlich befinden wir uns in einer stummen aber bunten, türkis-grünen Unterwasserwelt. Im Wasser liegen umgestürzte Baumstämme und Büsche, die unzähligen Fischchen mit ihrem Geäst Schutz vor grösseren Raubfischen bieten. Im offenen Wasser schwimmen Forellengrosse “Piraputingas” mit ihren schwarzorange gestreiften Schwanzflossen. Sie sind die am häufigsten anzutreffende Fischart, zumindest was die größeren Tiere betrifft. Am Grunde wühlen Karpfenähnliche “Curimbatá” im Schlamm nach Nahrung. Immer wieder sehe ich die bis zu einem Meter langen goldgelben “Dourados” in der Stroemung stehen – der größte Raubfisch und Herrscher dieses Habitats. Langsam gleiten wir über leuchtend grüne Wasserpflanzen-Teppiche hinweg die sich mit felsigen und sandigen Untergrund abwechseln. Je nach Sonneneinstrahlung verändert sich die optische Wahrnehmung dieser Welt unter Wasser. An einer Stelle sehen wir einen großen Schwarm “Curimbatas”.

Es muss sich um eine für die Fische angenehme Strömung handeln, denn als wir die Strecke ein weiteres Mal durchschwimmen sind sie ebenfalls hier. Faszinierend wirken auch die fast gänzlich schwarz gefärbten “Pacús”. Sie sind Fruchtfresser und haben eine fast runde abgeflachte Körperform. Mit ihrem Nussknacker-Gebiss können sie dicke Samen öffnen. So sorgen sie dafür das Planzen auch auf dem Wasserweg Verbreitung finden. Irgendwann erreichen wir den eigentlichen Hauptfluss der deutlich kälter ist und durch seine Wassertiefe und die mit geschwemmten Sedimente eine viel geringere Sicht zulässt. Gespenstergleich stehen die Fische hier schon in zwei Metern kaum noch sichtbar im milchigen Wasser. Eine kurze Bootsfahrt im Abendlicht lässt die überhängenden Zweige der großen Bäume in weiches Abendlicht tauchen. Das Boot wird durch einen leise surrenden Elektromotor angetrieben. Kleine Äffchen klettern durchs Geäst und Vögel flattern über uns hinweg. Für einige Augenblicke kann man vergessen, das schon wenige hundert Meter entfernt die endlose Monotonie moderner Agrarwirtschaft das Landschaftsbild prägt.

 

Etwas westlich von Bonito liegt die “Serra de Bodoquena”, eine bergige Region in der ca. 70.000 Hektar Waldland geschützt sind. Wir haben das Glück das der Leiter des Nationalparks sich einen ganzen Tag Zeit für uns nimmt um uns die Gegend zu zeigen. Luis hat sich bei Ihm nach intakten Savannen Landschaften erkundet und er erklärte sich bereit uns diese zu zeigen. Wir fahren in seinem Geländewagen auf holprigen Schotterpisten entlang des westlichen Endes des Waldes. In den Park selbst kann man nicht. Er ist eine reine Wildnis ohne Wege oder touristische Einrichtungen. Wir passieren auch hier viel landwirtschaftlich genutzte Fläche. In dem hügeligen Gelände fällt die Landnutzung aber viel extensiver aus als im flachen Land. Die Landschaft wirkt auf mich sehr Naturnah, obwohl auch hier immer wieder Rinder zwischen den Palmen und Gewächsen der Baumsavanne glotzen. Es wird schon fast Abend als wir eine Abbruchkante erreichen. Hinter uns steigt ein fast voller Mond über die bewaldeten Berghänge, und vor uns blicken wir in eine endlos wirkende Ebene. Auf den ersten Blick erscheint das Land bewaldet. Doch bei genauerem hinsehen erkannt man, dass die Bäume eher klein sind und es sich hier um eine Baumsavanne handelt. Das Land auf welches wir blicken ist indigenes Gebiet.

Zumindest in dem für uns sichtbaren Bereich haben die Indios ihre Heimat im natürlichen Zustand belassen. Es sind nur wenige Minuten die uns zum fotografieren bleiben. Ein knallroter Sonnenball verschwindet über dem Horizont und kurze Zeit später breitet die Nacht ihr schwarzes Tuch über der Welt.

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