Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: Schwarzkiefer

Fenster in die Vergangenheit 13.05.2010

Die zweite gemeinsame Wanderung mit Walter Frank in den Karpaten führt uns in den „Domogled Valea Cernei“ National Park südlich des markanten Retezat Gebirges. Der Park schützt ein 60 km langes Tal an dessen von Karstgestein dominierten Spitzen eine endemische Kiefernart wächst.

In tieferen Lagen dominiert dichter Buchenwald und am Talgrund fließt der Fluss dessen Wasser in geduldiger Beharrlichkeit im Laufe der Jahrmillionen diesen imposanten Einschnitt ins Gestein gegraben hat. Das Tal war bisher von Bausünden verschont geblieben. Doch auch hier sehen wir wie mehr und mehr illegal errichtete Prachtvillen neureicher Rumänen die schönen Wiesen versiegeln. Wer verzichtet schon gerne auf ein Zweithaus im Paradies wenn die Strafen lächerlich gering sind und der eigentlich strafbare Bau im Schutzgebiet ohne weitere Folgen bleibt. Bei Kilometer 20 der Talstraße beginnt unsere Tour. Über eine schwankende Hängebrücke überwinden wir den Flusslauf und steigen die ersten Höhenmeter durch dichten Wald nach oben. Wir passieren ein verlassenes Gehöft, von dem mir Walter erzählt, dass sich dessen Besitzer vor einigen Jahren erhängt hatte. Die Einsamkeit war wohl doch zu groß geworden und der Schnaps als einzig erreichbarer Freund nicht mehr tröstlich genug. Eine steil abfallende Felswand können wir nur passieren indem wir über ein handgefertigtes Leitersystem nach oben klettern. Ich bin mal wieder schwer beeindruckt mit welcher Eleganz mein nicht mehr ganz junger Begleiter dieses Hindernis meistert, und das trotz seines großen Rucksack auf dem Rücken. Wir erreichen die Hochebene und besuchen eine Region in der die Zeit stehen geblieben ist. Über einen Kamm laufen wir durch Wiesen auf deren frühlingshafter Blüte vereinzelt Pferde und Ziegen stehen. Der Ausblick auf das Tal und die umliegenden Berge ist wunderschön. Vereinzelte Häuser der Bauernfamilien geben Einblick in einen Lebensstil, der noch nicht vor allzu langer Zeit auch bei uns Alltag gewesen ist.

Keine Straße bringt die Verlockungen der modernen Gesellschaft zu diesen Menschen, kein Strom verschafft Lebensqualität wenn es um Wärme und technische Errungenschaften geht. Was die Bauern ihren Feldern nicht abtrotzen oder aus den umliegenden Wäldern gewinnen können, wird über einen Pferdepfad aus dem Talgrund hier herauf gebracht. Wir bekommen die Erlaubnis von einem der Landwirte unsere Zelte auf seiner Wiese mit Panoramablick aufzuschlagen. Eile ist angesagt, denn dunkle Regenwolken haben sich über die Berghänge gezogen und künden von nahender Sturzflut. So liegen wir die kommenden vier Stunden in unseren Schlafsäcken und lauschen den Tropfen die auf unsere Planen prasseln. Eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang passiert dann genau das was ich mir insgeheim gewünscht habe. Der Regen hört auf und die Wolken beginnen sich zur schönsten Zeit des Tages hin aufzulösen.

Dies führt zu wunderbaren Lichtstimmungen. Besonders als die Schwarzkiefern in den oberen Lagen des Gesteins sich aus den Wolken schälen entstehen eindrucksvolle Impressionen einer wilden ungebändigten Natur.

Am folgenden Tag setzen wir unsere Wanderung über den Höhenzug fort und passieren die Kapelle und die kleine Schule in der die Kinder der Bauerfamilien vom Analphabetentum befreit werden sollen. Doch es sind nur noch derer Zwei, die hier die Schulbank drücken. Was wohl der offensichtlichste Beweis ist, dass wir es hier mit einer sterbenden Kultur zu tun haben. Die Jungen sind längst in die Städte gezogen, nur die Alten harren aus. Sie trotzen den kalten Wintern und dem körperlich harten Alltag abseits des Einundzwanzigsten Jahrhunderts.

Wir besuchen ein Ehepaar welches die siebzig Lebensjahre schon längst überschritten hat. Es sind freundliche und herzliche Menschen. Auch hier bestätigt sich wieder was mir schon auf vielen anderen Reisen in alle möglichen Winkel der Welt aufgefallen ist. Besonders diejenigen, die in unseren Augen materiell arm sind, aber innerhalb ihrer Kultur gefestigt leben, kennen keinen Geiz.

Nur mit Mühe können wir die Zwei überzeugen, uns nicht mit Eiern, Schnaps und anderen Erzeugnissen aus ihrer täglichen Arbeit zu überhäufen. Als ich mit Walter von dannen ziehe muss ich erst mal meine Gedanken ordnen und mir klar werden was diese Eindrücke mit mir gemacht haben. Würde ich gerne tauschen wollen? Besonders der Gedanke an die langen Winter, wenn es draußen um fünf Uhr dunkel ist und man nichts anderes machen kann als sich Abend für Abend an den Herd bzw. Holzofen zu setzen, lässt mich erschaudern. Als Besucher droht einem leicht die Situation verklärt wahrzunehmen. Besonders wenn man die grandiose Landschaft in denen diese Menschen wohnen mit einbezieht.

Dieser Lebensstil erzeugt keine Erderwärmung, zerstört keine großflächigen Urwaldgebiete. Die Lösung unserer globalen Probleme ist diese Art zu Leben aber trotzdem nicht. Zumal wohl weder ich, noch sonst irgendjemand der je davon profitiert hat, auf die Errungenschaften unserer Zivilisation verzichten möchte. Die Aufgabe wird sein unseren Lebenswandel in die Nachhaltigkeit zu führen. Ich bin überzeugt, dass dies möglich wäre. Dazu müsste der Einzelne aber die Gier nach dem immer „mehr“ überwinden und sich in den Dienst des Allgemeinwohls stellen. Ein Besuch bei den Bauern vom Domogled Tal könnte dabei für Viele eine heilsame Erfahrung sein.

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