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Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: Serengeti

Savanne Teil 4: Artenreich 20.06.2012

Eines der schönsten Naturerlebnisse auf unserer Erde dreht die oft vorherrschenden Verhältnisse um, indem der Mensch in eine Art Käfig verbannt wird und die Tiere frei umherziehen können. Die große Savanne die in Form der Serengeti und des Masai Mara Nationalparks vor dem Einfluss unserer Spezies geschützt wird, lässt sich nur aus dem Auto heraus erkunden. Der Gast bekommt genaue Regeln auferlegt und das ist auch gut so. Selbst in Afrika, geschweige denn im Rest der Welt gibt es kaum noch vergleichbare Regionen. Das Ökosystem Savanne wird heutzutage fast vollständig von uns Menschen zum Ackerbau und zur Viehzucht genutzt. An Orten wo beides nicht betrieben wird sind die Tiere meist weggeschossen oder stark reduziert. Führt man sich diese Realität vor Augen, so kann die Wichtigkeit dieses Landstrichs gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.


Hier im nördlichen Tansania und im südlichen Kenia haben die großen Herdentiere wie Gnus und Zebras noch die Möglichkeit ihren Instinkten zu folgen und ohne die Zerschneidung von Zäunen oder Straßen über die offenen Ebenen zu ziehen. Die Jahreszeiten teilen sich in Trockenzeit und Regenzeit. Die große Tierwanderung, auch Migration genannt, befindet sich immer in den Regionen in denen das Gras der Savanne grün und saftig ist. Ihre Route verläuft dabei Kreisförmig innerhalb der Grenzen des heutigen Schutzgebietes und wiederholt sich Jahr für Jahr.

Die Meisten, die wie ich in den Siebzigern und Achtzigern ihre Kindheit und Jugend verbracht haben, werden sich mit Wohlwollen an die Tiersendungen von Bernhard Grzimek erinnern. Er hat das Naturverständnis einer ganzen Generation geprägt und maßgeblich dazu beigetragen das wir unsere Weltsicht über den eigenen Tellerrand hinaus, weiträumiger definieren. Unvergessen ist sein Film „Serengeti darf nicht sterben“. Zusammen mit seinem Sohn Michael ist er über Monate mit dem Flugzeug in den Himmel gestiegen und hat die Tiere auf ihrem Weg beobachtet. Diesen zwei Visionären haben wir es zu verdanken, das man damals die für die Herden relevanten Regionen unter Schutz gestellt hat. Professor Grzimek hat für dieses Werk den wohl höchsten Preis bezahlt den ein Vater erleiden muss. Sein Sohn Michael starb beim Absturz eben jenes Flugzeugs mit dem die Beiden der Welt ein so großes Geschenk gemacht haben. Das Leben ist manchmal wirklich extrem unfair.

 

Wir erreichen die Serengeti am nördlichen Eingang. Hier oben sind die Tiermassen augenscheinlich noch nicht angekommen, denn das Gras steht an manchen Stellen bis zu einem Meter hoch. Es sieht herrlich aus wie sich die Halme sanft im Wind bewegen und der Blick weit in die Ferne reicht. Trotz der Begrenzung des Jeeps befällt mich beim Anblick dieser Natur ein beschwingtes Gefühl von Freiheit.

Immer wieder sehen wir Giraffen an Akazien und Büschen stehen. Antilopen, Elefanten, Perlhühner, Wildschweine, und unzählige Vögel machen die Fahrt zu einer aufregenden Entdeckungstour die zu keinem Zeitpunkt Langeweile aufkommen lässt. Nach einigen Stunden Fahrzeit erreichen wir das Zentrum des Schutzgebietes. Hier fließen wichtige Lebensadern dieses Ökosystems in Form größerer Flüsse, die ein zahlreiches Auftreten tierischer Bewohner versprechen. Um diese Jahreszeit, es ist nun Mitte Juni, werden hier die ersten Herden der großen Wanderung erwartet. In den kommenden Tagen schlagen wir unser Lager auf einem Campingplatz auf. Dieses wird Tagsüber von unserem Koch James bewacht. Wenn wir abends müde aber glücklich von der Fotopirsch zurückkehren, empfängt er uns mit einem fürstlichen Essen, welches er mit einfachsten Mitteln zubereitet. Meine Kraft reicht in der Regel noch dazu, die im Laufe des Tages gemachten Bilder am Labtop zu sortieren bevor ich mich ins Reich der Träume verabschiede.

Besonders hier im Herzen der Serengeti bildet ein Netz aus ungeteerten Wegen den Besuchern die Möglichkeit den Tieren bei ihrer Suche nach Nahrung und ihrem alltäglichen Kampf ums Überleben zuzusehen. Das verlassen der Wege ist strengstens untersagt was ich sehr begrüße. Es sind viele Besucher die mit ihren Eintrittsgeldern das Schutzgebiet am Leben halten. Man stelle sich nur mal vor wie es hier aussähe, würde jeder rumkurven können wo er wollte. Ganz abgesehen von den armen Tieren, die dann gar keine Ruhe mehr hätten.

Besonders die Raubtiere sind sowieso schon Leid geprüft. Immer wenn ein Fahrer eine Gruppe Löwen im Gras sitzen oder einen Leoparden im Baum liegen sieht, verbreitet sich diese Nachricht wie ein Lauffeuer. Die Jeeps sind untereinander mit Mobilfunk verbunden und die Fahrer nutzen diese Kommunikationsmöglichkeit nicht nur zum Austausch von Klatsch und Tratsch. So kann es vorkommen, dass sich um ein Gepardenpärchen, das sich um der Mittagshitze zu entgehen in einem Gebüsch niedergelassen hat, bis zu zwei Duzend Jeeps und Kleinbusse quetschen. Das Verhalten der Insassen dieser Blechkisten zeugt nicht immer von Respekt gegenüber den Tieren, was mich nicht selten schamvoll bewegt ihnen ein lautloses „Entschuldigung“ zurufen lässt. Klar, nicht jeder Besucher hat ein schweres Teleobjektiv am Start. Aber muss man auch noch mit der kleinsten Knipse Formatfüllende Portraits machen und den Tieren so Nah auf die Pelle rücken das man sie bald berühren kann? Es ist erstaunlich mit welcher stoischen Gelassenheit sie die mangelnde Würde des Menschen nicht nur kompensieren, sondern souverän mit Ignoranz und Ruhe dem fremden Wesen zeigen, wer hier die Herren im Grase sind.

Es existiert eigentlich nur eine Vorgabe durch die Nationalparks Verwaltung die mir als Fotograf richtig wehtut. Wir dürfen das Lager erst um sechs Uhr in der Früh verlassen und müssen abends um achtzehn Uhr von der Ausfahrt zurück sein. Wer meine Arbeitsweise durch die hier geschriebenen Blogeinträge kennt weiß, dass ich eigentlich schon in der Dunkelheit losziehe um dann bei Sonnenaufgang an einer besonderen Stelle zu sein. Dies ist hier in der Serengeti nur begrenzt möglich da es um sechs Uhr morgens schon recht hell ist. Schlimmer noch ist die Abendregelung. Die Mutter aller Savannenbilder, das Motiv welches das Wort „Klischee“ praktisch erzwungen hat – nämlich die knallrote Sonne die hinter einer Akazie oder besser noch dem Hals einer Giraffe untergeht, dieses Muss für jede Afrikabildstrecke, ist theoretisch unmöglich zu erstellen. Die Sonne versinkt während unserer Besuchszeit erst kurz nach halb Sieben hinter dem Horizont. Zu dieser Zeit darf kein Auto mehr unterwegs sein. Eines Abends habe ich unseren Fahrer Arnold dazu gebracht, die Regeln aufs maximal Äußerste zu dehnen und den Sonnenuntergang noch in der Savanne mit der Kamera einzufangen.

Als wir bei fast vollständiger Dunkelheit um kurz nach Sieben im Camp ankamen sind wir dann auch prommt erwischt worden. Zum Glück blieb es bei einer scharfen Verwarnung und Arnold musste wegen meines Berufes keine negativen Folgen für seinen Beruf befürchten. Gelohnt hat es sich für mich allemal wie das Ergebnis eindrucksvoll beweist.

An manchem Tage kreuzen wir die Stelle, an welcher der sogenannte „Serengeti Highway“ gebaut werden sollte. Ein Blick auf die reguläre Verkehrsstatistik in Kenia lohnt in diesem Zusammenhang. Da steht, wie oft es zwischen Tier und Auto zu Kollisionen kommt, und zwar auf normalen Straßen außerhalb von Schutzgebieten. Es ist ein absoluter Albtraum sich vorzustellen, was passiert wenn hier zwischen den hunderttausenden Gnus und Zebras täglich hunderte von Lastwagen rasen würden. Ein unerträglicher Gedanke. Natürlich brach nach Bekanntgabe der Pläne ein Sturm der Entrüstung los. Immerhin ist die Serengeti das bekannteste Schutzgebiet der Erde. Auch in der Tagesschau wurde dann irgendwann berichtet, dass die Straße nicht gebaut und es eine südliche Umfahrung geben wird. Doch wer genauer hinschaut wird feststellen, dass diese Geschichte noch lange nicht von Tisch ist. Gerade auch im Zusammenhang mit dem von mir im vorherigen Blog erwähnten Plan, am Natron See Soda Asche abzubauen, bleibt die Straße eine Gefahr. Denn das Eine funktioniert ohne das Andere nicht. Wer sich für diese Thematik interessiert und einen Facebook-Account hat, dem empfehle ich die Seite „Stop the Serengeti Highway“ anzuklicken. Hier wird man allumfassend informiert.

Die Tage an denen sich mächtige Quellwolken über dem Grasland bilden, sind mir die Liebsten. Sie sind wichtige Elemente im Bildaufbau da die ansonsten flache Savanne kaum attraktive Überblicke als Motive zulassen würde. Es sind unvergessliche Anblicke wenn in den Ebenen tausende Tiere grasen und die Wolken darüber thronen.

Einen absoluten Höhepunkt haben wir einige Wochen später in der kenianischen Masai Mara erlebt. Sie schützt die nördlichste Region der großen Tierwanderung, in der die Herden erst im August erwartet werden. Hier ist es uns gelungen einem Geparden bei der Jagd zuzusehen. Das schnellste Tier der Welt in Aktion.

Mir hat noch eine viertel Stunde später vor lauter Aufregung das Herz schneller geschlagen. Unglaublich mit was für einer Präzision und Grazie das Raubtier über die chancenlose Gazelle herfällt. Doch kaum ist das Opfer unter den Klauen des Geparden gesichert, springt ein mächtiger alter Löwe aus dem Gebüsch und verscheucht mit einer einzigen lässigen Bewegung die kleinere und erschöpfte Katze. So kann er die Beute ohne großen Aufwand in den Schatten zu zerren. Was für ein Spektakel – und ich Dussel hatte genau im Moment des Diebstahles die Kamera wegen eines Objektivwechsels außer Reichweite. Erst als der König der Savanne seine Beute wegträgt habe ich die Szene wieder im Bild festhalten können. Ich habe  noch lange Zeit leise vor mich hingeflucht.

Es sind unzählige größere und kleinere Begegnungen die den Besuch in dieser Region so unvergesslich machen. Als wir die Serengeti gen Süden verlassen fahren wir durch eine karge wüstenähnliche Landschaft. Ausbleibende Regenfälle und Millionen Hufe haben den Boden verdichtet und kaum Vegetation übrig gelassen. Schwer vorstellbar, dass sich hier im kommenden Zyklus wieder saftige Wiesen bilden werden. Die Savanne ist ein faszinierender Lebensraum – aber auch ein sehr Fragiler. Gerade Afrika leidet schon heute sehr stark unter den Irrungen und Wirrungen des Klimawandels. Bleibt hier der Regen aus, so ist dieser Ort dem Tode geweiht.

Savanne Teil 1: Damals und Heute

Der erste Reiseabschnitt in die afrikanische Savanne führt mich in den Norden Tansanias. Die Region kann mit so bekannten Namen aufwarten wie die weltberühmte Serengeti oder den Ngorongoro Krater am afrikanischen Grabenbruch. Vor mehr als fünfzehn Jahren war ich zusammen mit meinem Freund und Kollegen Michael Fleck für viele Monate im südlichen und östlichen Afrika unterwegs um für zwei Multivisionsshows zu fotografieren. Genau der Landstrich, welcher nun erneut mein Ziel ist, blieb mir seit damals als absolute Traumlandschaft in Erinnerung. Hier haben sich für mich sämtliche positiven Klischees erfüllt die ich vom “Schwarzen Kontinent” im Herzen trug.

Ich habe Bilder im Kopf von weiten Landschaften in denen unzählige Tierarten über die Ebenen ziehen und in denen Menschen leben, die ihre Traditionen auch heute noch nicht komplett vergessen haben. In meiner Jugend nannte ich solche Gegenden auf der Erde immer “Coca-Cola freie Zonen” – sinnbildlich für Regionen, in denen Völker Getränke aus Plastikflaschen noch nicht als das höchste Maß an Lebensqualität zelebrieren. In der globalisierten Welt werden solche Gebiete im Allgemeinen als rückständig angesehen. Rettung bringt in der Regel die süße Verlockung des Kapitalismus. Inzwischen wird auch ins letzte Dorf im hintersten Tal unseres Planeten eine Straße gebaut. Danach kann die Armada der Moderne heranrollen. Trucks vollgestopft mit allem Möglichen und Unmöglichem bringen Güter zu Menschen, die bis vor kurzem gar nicht wussten, dass diese Dinge überhaupt existieren. Es werden Begehrlichkeiten geweckt und schon nach kurzer Zeit ist der neuerschaffene Konsument überzeugt, ohne diese Dinge nicht mehr leben zu können oder zu wollen. Eben genau so wie wir auch. Fakt ist, das es immer weniger “Coca-Cola freie Zonen“ auf der Welt gibt und das bedeutet nichts Gutes für den Planeten Erde. Das Thema „Straße“ sollte für mich in den kommenden Tagen ziemlich präsent bleiben.

 

Arusha ist die Hauptstadt der Region. Es ist schön zu sehen, dass die Straßenmärkte auch heute noch den Handel dominieren und die Menschen ihre Produkte direkt verkaufen können. Supermärkte gibt es zwar, diese sind für einen Großteil der Menschen aber unbezahlbar und deshalb nicht so präsent wie bei uns. Für die vor uns liegende Safari haben sich mein Reisepartner Rolf und ich einen Jeep mit Fahrer gebucht, so wie es in diesem Teil der Welt üblich ist. Zur Gruppe gehört auch ein Koch, der uns vor dem Verhungern bewahren soll und der gleichzeitig auf das Camp aufpasst wenn wir in den kommenden Tagen von Früh bis Spät auf Fotopirsch gehen. Nachdem wir uns mit Lebensmitteln versorgt haben, folgen wir der Hauptstraße nach Süden. Irgendwann biegen wir nach rechts ab und steuern den Afrikanischen Grabenbruch an, der auch „Rift Valley“ genannt wird. Diese geologische Verwerfung, an der zwei Tektonische Platten aufeinandertreffen, zieht sich auf mehreren tausend Kilometern durch Afrika. Die einige hundert Meter hohe Felsenmauer kommt schon recht bald in Sicht.

Das Dorf „Mto wa Mbu“ liegt unmittelbar vor dem Anstieg auf die Hochebene des „Rift Valley“. Folgt man hier dem weiteren Verlauf der Straße so gelangt man in den von der UNESCO als Weltnaturerbe ausgezeichneten Ngorongoro Krater und in die Serengeti. Ich versuche mich bewusst zu erinnern, was sich hier seit meinem letzten Besuch vor etwa fünfzehn Jahren verändert hat. Wie fast überall auf der Welt ist auch dieses Dorf größer geworden. Trotzdem hat es seinen Charme mit den kleinen Läden und dem emsigen Leben auf der Straße nicht verloren. Die wohl größte Veränderung ist die zwischenzeitlich geteerte Straße auf der wir hierher gelangt sind. Dies ist Grundsätzlich kein Drama, beraubt einem aber ein wenig des von Safaritouristen so geschätzten Abenteuerfeelings. Im Ort fallen mir immer wieder die kleinen und größeren Gruppen Störche auf, die im tiefblauen von weißen Quellwolken durchzogenen Himmel ihre Runden drehen. Am Ende des Dorfes entdecke ich den Grund für die starke Vogelpräsenz. Eine Allee mit großen alten Bäumen säumt den Weg hinauf ins Hochland. Die Bäume, Büsche und die Straße sind hier über und über mit Vogelkot bedeckt. In den Baumkronen nisten hunderte von Störchen, Pelikanen und anderen Großvögeln.

Warum sie dies ausgerechnet hier in unmittelbarer Nähe der Menschen tun, kann ich nur spekulieren. Der Nahe gelegene Manyara See der mit Süßwasser gefüllt ist, hat wohl seinen Anteil daran, dass die Tiere hier ihre Nistplätze haben. Eigentlich wollten wir in „Mto wa Mbu“ nur einen Tankstop einlegen, doch das sich über mir abspielende Flugspektakel lässt zwei Stunden sehr schnell vergehen und ich habe meinen ersten unerwarteten fotografischen Höhepunkt im Kasten.

 

Wir verlassen hier die Hauptstraße und folgen einer Schotterpiste parallel dem Verlauf des Grabenbruchs. Die Savanne ist für diese Jahreszeit recht ausgetrocknet. Bedenkt man, dass wir uns am Ende der großen Regenzeit befinden, so hat es zumindest hier in diesem Jahr nicht übermäßig viel geregnet. Immer wieder passieren wir kleine Siedlungen, die vom hier lebenden Volksstamm der Massai bewohnt werden. Die Massai sind halbnomadisch lebende Viehzüchter. Sie teilen sich das Land im Norden Tansanias und im Süden Kenias seit jeher mit den hier lebenden wilden Tierherden. Auch heute noch leben viele Massai innerhalb ihrer traditionellen Bomas. Das sind mit Lehm und getrocknetem Kuhdung verputze Hütten, die von einem kreisförmigen Wall aus Zweigen umgeben sind. Dieser schützt die Menschen und deren Haustiere vor den durch die Savanne ziehenden Raubtieren. Das Schicksal der Massai wird mich in den kommenden Tagen noch stark beschäftigen. Sie bilden zweifellos reizvolle Fotomotive, wenn sie sich mit ihrem farbenfrohen Schmuck behangen und ihren meist blauen und roten Gewändern in dieser archaischen Landschaft bewegen. Für einen großen Teil dieses Volksstammes haben sich seit jeher die Tagesabläufe kaum verändert.

Dies ist wohl auch einer der Gründe, weshalb diese Region bis heute ihren ursprünglichen Charme behalten konnte. Denn im Alltag dieser Menschen gab es bis dato keine Strommasten, geteerte Straßen oder Dinge zum Wegwerfen, für die man eine Schutthalde oder Müllverbrennungsanlage gebraucht hätte. Wir fahren durch  ausgetrocknete Flussbetten, überqueren Geröllfelder und passieren offene Graslandschaften. Dazu erheben sich rechts und links von uns immer wieder größere und kleine Krater. Wir sind in einer vulkanisch, aktiven Zone unseres Planeten – wenngleich die meisten dieser Eintritts-Tore ins Erdinnere längst erloschen sind. Was mich so sehr an dieser Landschaft fasziniert, ist die Weite. Dort wo sich die Savanne in Form sanfter Hügel vor dem Auge des Betrachters aufbaut, scheint der Horizont in weite Ferne gerückt. Gegen Abend ragt ein guter alter Bekannter über 1500m vor uns in die Höhe. In perfekter, konischer Symmetrie steht der „Oldoinyo Lengai“, der heilige Berg der Massai, eingerahmt zwischen Grabenbruch und den Ufern des Natron Sees, dem Ziel unserer ersten Etappe.

Hier werden wir in den kommenden Tagen auf einem von Massai betriebenen Campingplatz nächtigen, um den See und den Berg in Ruhe erkunden zu können. Unsere Zelte stehen unter Schatten spendenden auslagernden Bäumen. Diese werden von reichlich Vögeln bewohnt, welche ihre Nester in Form hängender Kugeln unter die Äste bauen. Umgeben von zirpenden Grillen und zwitschernder Vögel wird uns im weichen Licht des Sonnenuntergangs, auf wackeligen Klappstühlen sitzend, ein wunderbares Abendessen kredenzt. Dieses hat unser Koch James zuvor mit einfachsten, handwerklichen Mitteln gezaubert, weshalb wir ihn ab sofort nur noch den „Magier“ nennen. In solchen Momenten muss man Afrika einfach lieben.

 

Doch wie sieht die Realität für die hier lebenden Menschen aus? In meiner Erinnerung gab es während meiner ersten Reise vor fünfzehn Jahren an dieser Stelle einige wenige Bomas der Massai. Wir sind damals zum Anführer des Clans gegangen und haben um eine offizielle Erlaubnis gebeten, uns innerhalb des Dorfes bewegen und Fotos machen zu dürfen. Als Gegenleistung haben wir einen gewissen Geldbetrag bezahlt, der dem Allgemeinwohl zugeführt werden sollte. Daraufhin haben wir uns praktisch einen ganzen Nachmittag unter die Leute gemischt und sie während ihres Alltags begleitet. Als moralisch verwerflich habe ich das damals nicht empfunden, haben wir doch niemanden gestört und unser Interesse am Alltag dieser Kultur war nicht geheuchelt. Heute stelle ich mir die Frage ob  ich schon damals einer von inzwischen vielen Auslösern war, der diesen Menschen den Weg in eine neue Entwicklung gezeigt hat, die mit ihrer ursprünglichen Lebensweise recht wenig zu tun hat? Man kann sich auf jeden Fall der Tatsache nicht verschließen, das sich hier einiges Verändert hat. Geld ist für die Massai zur begehrten Zahlungsart geworden. Es gibt inzwischen viele in moderner Bauweise erstellte Schulen auf Massai Gebiet. Dies ist durchaus begrüßenswert, sofern man den Kindern auch vernünftige Dinge beibringt. Aber Kneipen und kleine Läden hat die schöne neue Welt auch entstehen lassen, und was Alkohol mit Naturvölkern anrichtet, ist allgemein hin bekannt – da machen auch die Massai keine Ausnahme. Man kann sich heute kaum einem Boma nähern, ohne regelrecht gedrängt zu werden, gegen eine viel zu hohe Gebühr ein einzelnes Foto zu machen. Dabei verhalten sich die Menschen auf so traurige Weise selbsterniedrigend, dass es mir fast weh tut selbst mit der Kamera unterwegs zu sein. Ich mache einige Versuche mit den Menschen zu kommunizieren, so dass ein ausgewogener Handel zustande kommt. So richtig klappen tut es aber nicht. Immer gehen unsere Vorstellungen weit auseinander. So bleibt es bei einen wenigen Schnappschüssen, bevor ich entnervt aufgebe um an diesem für beide Seiten unschönen Prozess nicht weiter Schuld zu sein. Die Massai sind dabei ihre Würde zu verlieren, was mich wirklich schmerzt.

Sind sie doch eines jener stolzen Völker, die uns bis in die heutige Zeit vorgelebt haben, dass ein Leben im Gleichgewicht mit der Natur möglich wäre. Doch, dass letztendlich alle Menschen auf der Welt gleich sind zeigt die einfache Tatsache, dass auch dieses Volk den Verlockungen des Besitzes nicht widerstehen können. Statussymbole sind z.B. Handys oder Uhren, auch wenn sie die Uhrzeit gar nicht ablesen können. Mehr Rinder zu besitzen bedeutet für sie ein mehr an Ansehen und somit mehr Wohlstand. Dies führt dazu, dass heute viele Savannen außerhalb der Schutzgebiete völlig übernutzt sind. Es sind natürlich gerade Touristen wie wir, die in Jeeps, beladen mit teuren Kameras, guten Kleidern, und sonstigem Schnickschnack, in das Massai-Land einfallen und Begehrlichkeiten wecken. Ihnen wird vorgelebtl, dass es auch ein anderes Leben abseits materieller Armut, ohne fliesend Wasser, Strom oder abwechslungsreichem Essen gibt. Es wird dabei kaum erkannt dass diese Lebensart mit den örtlichen Strukturen und Realitäten kaum kompatibel ist.  Der Kontakt zur Konsumgesellschaft schafft neben der Natur auch viele menschliche Verlierer was auch für unseren kurzen, an der Oberfläche haftenden Blick allzu klar ist. Wäre nun ein generelles Fernbleiben aus solchen Regionen die Lösung? Naturvölker gar isolieren? Das ist natürlich Quatsch. Jeder Mensch auf der Welt sollte die Möglichkeit zur freien Entscheidung haben, wie er sein Leben gestalten möchte. Doch nicht Jeder hat dazu die gleichen Vorraussetzungen. Besonders in den sogenannten Entwicklungsländern fehlt allzu häufig die notwendige Bildung. Diese ist notwendig, damit Menschen die Verlockungen der einfallenden „Moderne“ auch richtig zu gebrauchen und einzuschätzen wissen. Unsere westliche Wertegemeinschaft schreibt sich gerne die moralische Überlegenheit durch praktizierende Demokratie auf die Fahne. Dabei wird allzu häufig vergessen, dass der durch unsere Marktmacht über die restliche Welt gebrachte Turbokapitalismus in den wenigsten Fällen Menschlichkeit und Fairness fördert. Dies ist eine Doppelmoral die ich abstoßend finde. Besonders im Falle des populären Safaritourismus in afrikanischen Wildnisgebieten ist die Bewertung von „richtig“ oder „falschem“ Handeln ziemlich schwierig. Denn gerade das hochpreisige Segment des Tiere-Beobachtens durch zahlungskräftige Besucher hat dazu geführt, dass Schutzgebiete entstanden sind, in denen auch heute noch große Herdentiere ungestört über natürliche Graslandschaften ziehen können. Als ich für das Thema „Savanne“ im Vorfeld der Reise recherchiert habe, ist auch hier schnell klar geworden, dass diese Ökoregion schon massiv durch den Menschen in Beschlag genommen wurde. Grassland eignet sich natürlich hervorragend zum Ackerbau und zur Viehzucht. Ich bin überzeugt, dass es ohne Safaritourismus in der heutigen Zeit selbst in Afrika so gut wie keine intakten Kreisläufe innerhalb des Lebensraumes Savanne mehr geben würde.

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