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Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: Serra de Araca

Blicke in die Ewigkeit (Teil 2) 24.04.2012

Eine Wanderung durch den Tropenwald bedarf zuerst mal der richtigen, inneren Einstellung. Wer sich vor Hitze, Feuchtigkeit, Schmutz und körperlicher Anstrengung scheut, der wird hier ganz gewiss keine Freude haben. Doch, wenn man all diese Dinge als kleinen Einsatz ansieht, den man aushalten kann, dann wird einem die Faszination eines der spannendsten Lebensräume unseres Planeten offenbar.

Ein kleiner Fetzen Plastik hängt vor uns am Ufer in den Zweigen und zeigt den Platz für das Basislager. Von hier aus haben schon einige Gruppen Wissenschaftler den Weg auf die Tafelberge gestartet. Auch wir schlagen hier unser Lager auf. Wie viele Menschen diese Tour vor uns gemacht haben, ist nicht bekannt. Allzu viele waren es sicherlich nicht. Unsere drei brasilianischen Freunde schlafen traditionell in Hängematten die von einer großen Plastikplane überspannt sind, welche den Regen abhalten soll. Damit habe ich mich nie anfreunden können. Irgendwie erscheint mir die Hängematte als zu offen, so das ich aus psychologischen Gründen lieber auf das klassische Zelt zurückgreife. Doch, der Waldboden ist uneben und durchzogen mit Wurzelgeflechten, so das es gar nicht einfach ist, überhaupt einen geeigneten Zeltplatz zu finden. Ich beginne damit eine Stelle von Ästen und Wurzeln zu säubern, als plötzlich eine Handtellergroße Vogelspinne aus einem Astloch plumpst und mir schier das Herz stehen bleibt. Warum reagieren wir nur so überaus ängstlich gegenüber diesen Tieren?

Na ja, wirklich hübsch sind sie nicht. Als mir Luis erzählt, dass sie trotz ihrer vielen Augen fast blind sind, legt sich die Panik. Ich beginne im letzten Tageslicht eine genauere Inspektion dieser faszinierenden Tierart. Wir sehen insgesamt noch zwei weitere, große Vogelspinnen. Eine Art war sogar noch größer als Diese hier, trotzdem ging der Erkenntnis der Ungefährlichkeit immer ein gewaltiger Schreckensmoment voraus.

In dieser Nacht regnet es über einen Zeitraum von mehreren Stunden. Am nächsten Morgen entdecken wir, dass die Wassermenge unser kleines Boot zum absaufen gebracht hat und einige Kanister mit Benzin abgetrieben wurden. Uns bleibt nichts anderes übrig, als uns zuerst einmal den Fluss abwärts treiben zu lassen, um die Kanister wieder einzusammeln. Zum Glück war klar, dass dies bei den vielen querliegenden Baumstämmen nur eine Frage der Zeit sein würde, bis die Ausreißer eingesammelt werden konnten und einer sicheren Rückreise zum großen Schiff nichts mehr im Wege stehen würde.

Später folgen wir einem kleinen Pfad durch den Wald. Schwere Trekking-Schuhe vermitteln mir ein Gefühl der Sicherheit auf teils uneinsichtigem Grund. Lange, leichte Kleidung schützt mich vor Insekten und der Hut hält in erster Linie den Schweiß davon ab, mir in Sturzbächen ins Gesicht zu laufen. Die ersten fünf Kilometer marschieren wir noch durchs flache Land. Wir haben das eigentliche Gebirge noch nicht erreicht. Der Waldboden ist fast völlig frei von Humus. Er besteht aus einer schlackigen Masse Sand, welche belegt, wie Nährstoffarm die Böden im Amazonas Regenwald sind. Einer der Gründe, warum es so fatal ist, diese Wälder zu zerstören. Mit dem Entfernen der Bäume fehlen auch die Nährstoffe, die nachwachsende Pflanzen mit Energie versorgen. Immer wieder blitzen Farbkleckse im Unterholz auf. Da es keine Jahreszeiten gibt, blühen die Pflanzen sehr unregelmäßig. Es ist immer wieder schön, verschiedenste Blüten zu entdecken. Ins Staunen versetzt mich die Vielfalt an Pilzen die hier am Waldboden oder an totem Gehölz ihren Lebensraum hat.

Kaum eine Form und Farbe die sich die Natur nicht ausgedacht hat. Doch die eigentlichen Herrscher des Dschungels sind die Insekten. Heerscharen von Ameisen durchwandern diesen Lebensraum. Unzählige Lebensformen, ob mit zwei oder zweihundert Füßen, mit zwei oder vielen Flügeln, voller Stacheln und bestückt mit Klauen. Sie Alle erfüllen hier ihre wichtige Aufgabe in unzähligen Kreisläufen dieses Systems.

Nach einigen Stunden beginnt der Aufstieg. Der Pfad folgt einem kleinen Flüsslein, welcher uns mit seinem Verlauf wohl den Weg auf den Gipfel weisen wird. Als es dunkel wird, schlagen wir unser Nachtlager in der Nähe des Baches auf. Mein GPS Gerät verrät uns, dass wir es bis auf eine Höhe von 400 m geschafft haben. Die Hochebene erwarten wir so bei tausend Metern. Dies sollte eigentlich am kommenden Tag zu schaffen sein.

Es gibt nichts Erhabeneres als nach einem langen Wandertag in ständig nasser, verschwitzter Kleidung seinen Hintern ins erfrischende Nass eines Baches tauchen zu können. Wenn man sich nach der Wäsche dann in trockene Kleidung hüllt, fühlt man sich wie neugeboren. Die Nudeln in Soße schmecken daraufhin, wie es köstlicher nicht sein könnte. Viele der Tiere im Regenwald sind nachtaktiv. Wenn nach der – durch die Äquatornähe, schnell einsetzenden Dunkelheit der Tag für uns zu Ende geht, beginnt im Wald ein Großteil der Aktivitäten. Dementsprechend ist auch zu diesem Zeitpunkt die Geräuschkulisse. Luis kommt kaum zur Körperpflege. Was sich allein alles um unser natürliches Waschbecken herum tummelt, lässt ihn erst  einmal verzückt zur Kamera greifen. Mit dem Makroblitz werden dann Wasserspinnen, Frösche und Kröten dokumentiert, bevor das eigentliche Badevergnügen beginnen kann.

Um sechs Uhr geht die Sonne auf. Nach einem kurzen, spartanischen Frühstück packen wir zusammen und machen uns weiter an den Aufstieg. Immer wieder passieren wir große Geröllbrocken, die sich im Laufe der Zeit aus der Steilwand gelöst haben müssen. Sie sind meist mit Pflanzen verschiedenster Art überwachsen. Imposant sind die oft meterlangen Wurzeln, die den Stein umschließen und solange wachsen, bis sie sich im Boden verankern.

Gegen Mittag wird es richtig steil. Wir befinden uns auf einer Höhe von ca. 800 Metern. Große Bäume gibt es hier nicht mehr. Die Vegetation hat sich sichtbar verändert. Flechten und Farne, die bisher nicht vorkamen, wachsen hier an den Steilhängen. Es ist eher Gebüsch als Wald, was in dieser Umgebung überlebensfähig ist. Besonders unsere brasilianischen Freunde, die barfuß oder mit Badeschlappen unterwegs sind freuen sich hier über die befestigten Seile, welche von den Vorgängerexpetitionen zurückgelassen wurden. Dann kommt der Moment auf den wir schon so lange gewartet haben. Der erste freie Ausblick auf die Weite des Regenwaldes. Es ist zwar nur ein kleines Fenster zwischen den Zweigen hindurch- aber, was wir dort sehen, lässt uns den Atem stocken und gibt uns eine Vorfreude darauf, was wir in den kommenden Tagen von den Abbruchkanten des Tepuis (Tafelberg) zu sehen bekommen.


Eine riesige dunkle Wolkenwand trägt Wassermassen heran die sich momentan noch im flachen Land abregnen, uns aber alsbald erreicht haben wird. Es erwischt uns in der Tat genau auf der freien Fläche kurz vor dem endgültigen Erreichen der Hochebene. Da man nicht nasser als nass werden kann, laufen wir einfach weiter. Die Vegetation hier oben ist völlig anders als unten im Wald. Gräser, Kakteen und allerlei Gebüsche durchziehen die zerklüfteten Flächen des fast ebenen Berges.

Es schüttet aus Kübeln als ich plötzlich auf einer Fläche mit sandigen Untergrund etwas allzu Merkwürdiges wahrnehme. Eine fast fünf Zentimeter hohe Wasserfläche hat sich durch den Regen gebildet und darin glotzen mich zwei kleine Krebse an. Krebse auf einem Tafelberg in 1000 Metern Höhe mitten im Regenwald? Ich bin fasziniert! Durch den starken Regen traue ich mich aber nicht die Kamera rauszunehmen um ein Foto von den Gesellen zu machen. Wohl auch, weil ich recht erschöpft bin. Dies habe ich später bitter bereut, denn es sollte das einzige Mal sein, dass ich die Krebse zu Gesicht bekomme. Später wieder in Manaus berichtet uns Carlos, ein Biologenfreund von Luis, der uns diesen Trip auch empfohlen hatte, dass er bei seiner Expedition diese Tiere auch gesehen hatten und es sich wohl um eine bisher unbekannte Spezies handeln muss. Aber, da weder er damals – noch ich hier im Regen, ein Foto geschossen haben, bleibt sie wohl weiterhin unbenannt. Für die Krebse ist das wohl eher ein Segen.

Die Hängematten unserer Freunde finden einen Ort zum Hängen in einem kleinen Taleinschnitt. Durch ihn verläuft ein Bach, der bei unserer Ankunft durch den starken Regen zum rauschenden Fluss angeschwollen ist. Am Ende der Schlucht verschwindet er durch ein Loch im Boden, um irgendwo am Rande des Berges wieder zum Vorschein zu kommen. Hier wachsen sogar einige richtige Bäume, an denen sich die Hängematten leicht befestigen lassen. Nur einen ebenen Platz für ein Zelt gibt es nicht. Etwa zweihundert Meter oberhalb der Schlucht sehen wir eine kleine Geröll-Fläche, die frei von Vegetation ist und sich zum Zelten zu eignen scheint. Sobald der Regen aufgehört hat, machen wir uns an die Errichtung unseres Schlafplatzes. Die Sonne bricht durch die sich auflösenden Wolken und taucht unsere Umgebung in klare Farben und Formen. Wir legen alles triefend Nasse auf den Pflanzen zum Trocknen aus und befreien den künftigen Zeltplatz von allzu spitzem Untergrund. Das Zelt steht an einer schönen Stelle, wo wir sogar, wenn wir uns auf die Zehenspitzen stellen, einen Blick auf die Weiten des Waldes erhaschen können. Doch so richtig Freude haben wir an diesem Platz nicht. Als wir am nächsten Morgen aus dem Zelt kriechen, fallen uns zuerst die endlosen Reihen von Termiten auf, die sich unter, an und auf unserem Zelt bewegen. Als Luis sich dann von seiner Isomatte erhebt, sehen wir die Ameisen innerhalb unseres Zeltes. Durch die Körperbewegung in der Nacht hat sich der dünne Zeltboden (eine Plane hatten wir dummerweise nicht) aufgeraut. Durch dutzende kleiner Löcher kamen nun die fleißigen Ameisen auf der Suche nach was auch immer. Es blieb uns also nichts anderes übrig, als uns einen anderen Ort zum schlafen zu suchen. Wer will sich schon sein Bett mit hunderten von Besuchern teilen. Der einzige wirklich freie Platz war eine Sandfläche, die, wie ich bei der Ankunft unschwer beobachten konnte, bei Regen völlig überschwemmt wurde. Da wir keine andere Wahl hatten, haben wir unser Zelt trotzdem dort aufgeschlagen und dann in klassischer Handarbeit mit Zuhilfenahme einer Machete und einem Stück Wurzel einen klassischen Burggraben um unser Reich gezogen. Nach zwei Stunden waren wir zwar fix und fertig – aber auch stolz auf unser Bauwerk. Insgeheim konnten wir es gar nicht erwarten zu erleben, ob unsere Konstruktion auch in der Lage war, den Wassermassen Paroli zu bieten. Ironischerweise sollte es bis zu unserem Abstieg ein paar Tage später keinen richtig starken Regen mehr geben, so dass wir diese Frage nie beantwortet bekamen.

 

Ansonsten war die Zeit auf dem Tafelberg eine Ansammlung von unvergesslichen Eindrücken. Wir haben drei Standorte ausgemacht, die uns Ausblicke verschafften, die man kaum in Worte fassen kann. Wir durften auf einen Wasserfall blicken, der unweit von unserem Standpunkt fast vierhundert Meter in die Tiefe fällt. An manchen Stellen ist die Steilwand so waagrecht abgefallen, das wir praktisch genau oberhalb der Baumkronen auf den grünen Teppich blickten. Am erhabensten war jedoch der Anblick benachbarter Tafelberge, wie sie sich aus dem endlos erscheinenden Meer an Bäumen erheben.

Dies durften wir über einen Zeitraum von mehreren Tagen erleben. Zu fast allen möglichen Wetterbedingungen und Lichtstimmungen. Der Blick auf einen Teil unserer Erde, der noch nicht von Menschen aus dem Gleichgewicht gebracht wurde. Doch was unterscheidet dieses grüne, von Leben strotzende Meer aus Wald und Wasser von dem Anfangs erwähnten Meer aus Hochhäusern und  Straßen in Sao Paulo, in dem wir Menschen leben? Die Natur befindet sich im Gleichgewicht und weiß genau wie viel Geben und Nehmen nötig ist,um sich zu erhalten. Die von Menschen gemachte Umgebung kann jedoch in ihrer momentanen Struktur nur existieren, wenn sie Raubbau an erstgenannten Lebensräumen betreibt. Diese werden dadurch mehr und mehr dezimiert und degradiert. Wir Menschen haben durch unseren modernen Lebenswandel die natürlichen Kreisläufe längst verlassen und vertrauen auf einer auf Wachstum basierenden Lebensweise. Doch wohin kann endloser Wachstum in einer endlichen Welt anders führen als in die Zerstörung? Momentan profitieren wir noch von der in Jahrmillionen angereicherten Fülle natürlicher Rohstoffe.

Doch viel Spielraum bleibt nicht mehr. Schon heute lassen sich die Auswirkungen unseres unmäßigen Treibens an vielen Orten der Welt in Form von Klimaveränderungen und Artensterben eindeutig nachweisen. Ein gutes Beispiel dafür ist das Land in dem ich mich gerade befinde. Brasilien gilt als eine der aufstrebenden Nationen auf unserer Erde. Ein beeindruckendes Wirtschaftswachstum lässt so manchen Fachmann in der Wirtschaft staunen. Doch worauf beruhen diese Zahlen und Entwicklungen? Auf nichts Anderem als der konsequenten Ausbeutung der natürlichen Rohstoffe dieses riesigen Landes. Zusätzlich mit all den parallel verlaufenden Entwicklungen, die damit einher gehen. Es gibt einige hundert Millionen Profiteure, die als neue Mittelschicht via TV Werbung zu braven Konsumenten geschult werden und viele Millionen, die weiterhin in Armut leben, weil das System keinen Platz für Alle hat. Kompletter Verlierer dabei ist immer die Natur. Leider haben es immer noch Viele nicht verstanden, dass letztendlich wir Alle die großen Verlierer sein werden, denn ohne vorhandene Lebensgrundlagen lässt sich einfach nicht überleben. Man kann zwar an der Börse mit Werten handeln, die frei erfunden sind – erfundene Grundnahrungsmittel und imaginäres Wasser halten uns aber nicht am Leben.

Blicke in die Ewigkeit (Teil 1) 19.04.2012

Mein Blick fällt auf einen Dschungel der ganz besonderen Art.  Ein beständiger Geräuschpegel aus Rumpeln, Rauschen, Hämmern und Hupen dringt an mein Ohr und lässt ahnen, dass es sich hier in der Tat um einen extrem belebten Lebensraum handeln muss. Ich sitze im 24 Stock eines Appartements in der 18 Millionen Metropole Sao Paulo und sehe ein Meer an Häusern und Wolkenkratzern bis zum Horizont. Unter mir, am Eingang zur Straße steht ein Schlagbaum. Uniformierte Wächter sorgen dafür, dass nur diejenigen die Grenze zum Haus überschreiten, welche das Glück haben, zu den wirtschaftlich betuchteren der Gesellschaft zu gehören. Im Moment kuriere ich eine schwere Darminfektion aus und bin nicht undankbar in diesem Refugium die Vorzüge des gehobenen Lebens in Anspruch nehmen zu können. Wir sind auf dem Weg nach Zentralbrasilien und besuchen hier einen Studienkollege von Luis, der hier mit seiner Familie lebt und arbeitet. Ingwertee von “Allnatura” und Zwieback – ich hoffe die Kräfte kehren bald zurück. Zum Glück hat der Körper aber lange genug durchgehalten, um uns ein wirklich wunderbares Abenteuer erleben zu lassen. Ein Rückblick:

Ausgangspunkt ist das kleine Städtchen Barcelos am Ufer des Rio Negro, etwa vierhundert Kilometer nördlich von Manaus.

Knapp 20.000 Einwohner leben hier in einem Teil Amazoniens, der verglichen mit Bereichen im Osten und Süden noch als intakt bezeichnet werden kann. Die Menschen haben das Glück, von endlos scheinenden Rohstoffen umgeben zu sein.  Mit den richtigen Konzepten genutzt, sollte es hier problemlos möglich sein, ein Leben in Wohlstand für Alle zu schaffen. Doch Mamá unser Kapitän und Organisator der vor uns liegenden Expedition attestiert seinen Mitmenschen kaum Umweltbewusstsein. Gefischt und gejagt werde Alles, wessen man habhaft werden kann – nachhaltiges Handeln sei nicht bekannt. Die Götzen der Moderne und klares Zeichen des Fortschritts ist auch hier, wie fast überall auf der Welt, die Plastiktüte. Jedes noch so kleine Teil das man einkauft, wird in eine Plastiktüre eingewickelt. Wir ernten jedes Mal ungläubige Blicke, wenn man den Leuten klarmachen will, dass man die Tüte doch eigentlich gar nicht braucht. Wir sind nicht lange in Barcelos, doch der latente Rassismus gegen die Indigene Bevölkerung ist auch hier nicht zu übersehen. Nicht selten schwanken ältere Männer in Trainingshosen durch die Straße, die eindeutig der Indigenen Volksgruppe zugeordnet werden kann. Der Alkohol ist ein Teufel der – besonders an diesen Menschen – seine wahre, häßliche Fratze zeigt. Es ist traurig, gerade die Indios, die über Jahrtausende innerhalb der Wälder lebten ohne diese zu zerstören, gelten heute als rückständig und minderwertig. Mamá bestätigt uns, dass viele ihre indigenen Wurzeln verleugnen, weil sie sich derer schämen. Wenn diese Menschen wüssten, wie nötig unsere Erde die Weisheit der Naturverbundenheit fernab von Gier und Konsum heute nötig hätte, ich glaube. sie wären stolz auf Ihre Geschichte.

Stunde um Stunde kämpft der Motor von Mamás Schiff gegen die träge vor sich hinfließende Masse an schwarz gefärbtem Wasser an. Die Faszination liegt in der Gleichförmigkeit der Landschaft. Wo sonst auf der Welt bewegt man sich Tage durch eine Szenerie die sich praktisch nicht verändert. Hinter jeder Biegung des Araca Flusses wartet eine neue Kurve, die vom typischen Überschwemmungswald dieses Ökosystems flankiert wird.

In der Regenzeit können diese Wälder bis zu sechs Monate unter Wasser stehen. Der Igapó, wie diese Waldart auch genannt wird, ist in dieser Zeit besonders Artenreich an Fischen. Zwischen den Wurzeln finden sie wohl einen sicheren Lebensraum und ausreichend Nahrung. Es gibt hier Pflanzenarten die monatelang unter Wasser ohne Sauerstoffzufuhr überleben können. Wie dieses Wunder funktioniert, ist bis heute ungeklärt. Hin und wieder passieren wir kleine Ortschaften in denen Menschen auf Basis der Selbstversorgung leben. Kleine Maniokfelder, der Fischreichtum der Flüsse und die Gaben des Waldes sichern ihr Überleben. Ansonsten findet der Kontakt zur Aussenwelt nur über den Fluß statt.

Besonders die tropischen Sonnenuntergänge sind für uns in der Zeit auf dem großen Fluss ein Erlebnis. Gigantische Wolkenberge bauen sich während der meisten Nachmittage auf, die sich dann partiell über dem riesigen, flachen Land des Amazonas-Binoms entleeren. An den meisten Stellen der großen Flüsse bricht die Wasseroberfläche durch die Trägheit des Flusses nicht auf, so dass, ähnlich wie bei einem See zur Windstille, eine perfekte Spiegelung der Wolkenbilder mit der Kamera eingefangen werden kann. Wenn dann von Zeit zu Zeit eine Gruppe Papageien aus den Kronen der Bäume in den Himmel steigt und dabei mächtig krakeelt, läuft mir nicht selten eine kleine Gänsehaut den Rücken hinunter. Irgendwann passieren wir den Äquator und befinden uns für einige Tage auf der nördlichen Halbkugel unseres schönen Planeten.

Nach fünfzig Stunden ist Schluss für Mamás großes Schiff. Wir erreichen eine unscheinbare Stelle an der ein kleinerer Fluss sein braunes Wasser in den bisher von uns gefolgten Araca ergießt. Von nun an geht es auf dem offenen Motorboot weiter, welches bisher vom großen Schiff mitgezogen wurde. Ein Teil der Schiffscrew bleibt zurück. Nur die Gruppe, die mit uns die Besteigung unseres Zielgebirges in Angriff nehmen wird, kommt mit an Bord. Wir sind insgesamt fünf Personen. Von nun an sind wir den Elementen ungeschützt ausgeliefert. Dass es dann während unseres Rückweges über sieben Stunden lang aus vollen Kübeln regnen wird, ahnen wir momentan noch nicht. Die Fahrt im offenen Boot ist intensiv. Der Fluss ist zwischen fünf und fünfzehn Meter breit und schlängelt sich in endlosen Kurven durch den Wald. Nun sind wir diesem Lebensraum sehr nahe. Erstaunlich sind die vielen unterschiedlichen Baumarten, viele davon sind Palmen. Dass der Lauf der Flüsse sich durch die Strömung ständig verändert, sieht man an den vielen querliegenden Baumstämmen, die uns ein Vorwärtskommen sehr erschweren.

Recht oft kommt die Kettensäge zum Einsatz um das schmale Boot an den Hinternissen vorbei oder drunten durch lenken zu können. Streifen wir Äste fallen nicht selten große und kleine Insekten ins Boot, was Luis als Spinnen-Fachmann sehr erfreut. Immer wieder hängen Baumriesen bedrohlich über den Fluss. Ihr Wurzelwerk wurde schon unterspült, doch die Zahlreichen Lianen, Würgefeigen und Gestrüpp anderer Pflanzen halten sie noch für einige Zeit aufrecht. Die Einzigen die sich scheinbar erfolgreich der Kraft des Wassers entgegenstellen sind Palmengruppen, die von der Strömung unbeeindruckt, mitten im Fluss weiter existieren. Die Vielfalt des Lebens ist beeindruckend. Der Tropenwald macht seinem Ruf als artenreichster Lebensraum der Erde alle Ehre. Obwohl wir mit unserem lauten Motor einen Heidenlärm verursachen, bekommen wir viele Tiere zu Gesicht.

Immer wieder huschen Eisvögel an uns vorbei. Sie sind blitzschnell und sehr erfolgreiche Jäger nach kleinen Fischen.

Dass wir am helllichten Tag Fledermäuse über uns flattern sehen, ist dann doch überraschend. Immer wieder blitzt das intensive Blau des Morphos durch die Vegetation. Dieser riesige Schmetterling offenbart seine Schönheit nur im Flug, wenn er seine Schwingen geöffnet hat. Libellen surren entlang der Sandbänke, Reiher sitzen in den Ästen, Raubvögel halten nach Beute Ausschau und sogar Affen konnten wir im Gewirr der Zweige erahnen. Doch immer wieder sind es die Papageien, die uns am meisten begeistern. Ganze Familienverbände flattern über unsere Köpfe hinweg. Durch den bewölkten Himmel, der auf dem Foto jegliche Farbe verhindert, zeichnen sich ihre gelben Körper und blauen Flügen aber meist nur als Silhouetten ab.

Erst bei einer Überbelichtung von zwei bis drei Blenden-Stufen kann man etwas von der Schönheit der Tiere auf der Aufnahme wahrnehmen. Auffällig ist, das die Tiere meist als Paare unterwegs sind und praktisch ständig einen Höllenlärm machen.

Gegen Abend zieht dann über dem Fluss leichter Nebel auf und in dieser mystischen Stimmung erscheint unser Zielgebiet zum ersten Mal in unserem Blickfeld.

Es erheben sich steile Felswände vor uns in den Himmel.  Wir sind am Fusse des “Araca-Gebirges” angekommen. Bis zu 1200 Meter hohe Tafelberge erheben sich hier über dem ansonsten flachen Land des Amazonasbeckens. Ein idealer Ort um die Vielfalt dieses Ökosystems aus allen Perspektiven fotografieren zu können. Nun beginnt unser eigentliches Abenteuer.

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