Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: Serra de Bodoquena

Magische Orte 04.05.2012

Die gefährdetste Ökoregion in Brasilien ist nicht etwa der tropische Regenwald, sondern die Savanne. Diese offenere Landschaftsform war für die ersten Siedler die das heutige Brasilien formten leichter zugänglich als die dichten Wälder des Amazonas. Wir sind im Bundesstaat “Mato Grosso de Sul” in Zentralbrasilien. Die Region ist so groß wie Deutschland. Die Hauptstadt heißt “Campo Grande”, was soviel wie “großes Feld” bedeutet. Ein wirklich treffender Name, denn als wir mit einem gemieteten Auto die Stadt verlassen müssen wir den für uns gängigen Masstab von bewirtschafteten Feldern nach oben korrigieren. Rechts und links der Straße ziehen sich Maisfelder bin zum Horizont, und unzählige Zebu Rinder grasen auf den Weiden. Bis zu jenem Tag, an dem sie auserkoren werden den stetig steigenden Hunger der Menschheit nach Fleisch stillen zu helfen.

Die Zahlen die ich vernommen habe schwanken zwischen 16 und 27 Millionen Rindern allein hier in “Matto Grosso de Sul”. Nach der Fülle an unberührter Natur im intakten Teil Amazoniens muss ich mich erst wieder an diese Art der Realität gewöhnen. Eigentlich ist es hier wie bei uns zu Hause – kultiviertes Land allerorten. Natur hat Inselcharakter. Trotzdem gibt es einen markanten Unterschied. Es Leben nur etwas zwei Millionen Menschen in diesem Bundesstaat. Bei soviel Fläche und so wenig Einwohnern sollte man eigentlich erwarten, dass für Alle genug zum ordentlichen Leben vorhanden ist. Weit gefehlt. Die Welt ist nicht fair. Dies lässt sich auch hier sehr leicht erkennen. Noch viele Kilometer außerhalb von “Campo Grande” sehen wir unzählige Baracken die sich am Straßenrand aufreihen. Aus Wellblech, Holzresten und Plastikplanen notdürftig zusammengezimmert, fristen hier die “Sem Terra” (Landlosen) ein menschenunwürdiges Dasein. Sie sind – wie die Favela Bewohner der Grossstädte (Elendsviertel), die Verlierer der aufstrebenden brasilianischen Konsumgesellschaft. Die Menschen wurden zumeist von ihrem angestammten aber nicht verbrieften Land von Rinderbaronen vertrieben. Deren Grund übersteigt nicht selten die Größe unserer heimischen Landkreise. Eine krasse ungleiche Verteilung von Wohlstand und Landbesitz, die zwangsläufig zu grossen sozialen Problemen und Spannungen führt und in ganz Brasilien bis heute ungeklärt ist.

 

Unser Ziel ist die kleine Stadt “Bonito” die sich selbst als Hauptstadt des Ökotourismus preist. Zumindest in Ansätzen wird hier bewiesen, das man mit Naturschätzen auch schonend umgehen kann. Das hier vorherrschende natürliche Landschaftsbild ist die “Cerrado” eine Baumsavanne. Diese wird ergänzt durch dichte saisonal laubabwerfenden Wälder. Trotz der intensiven Landnutzung sehen wir immer wieder Korridore der natürlichen Vegetation. Diese sorgen auch heute noch für eine Fülle an Artenvielfalt. Besonders die Vogelwelt ist hier in reichlichen Farbtönen vertreten.

Angetan haben es uns die Tukane die mit ihren riesigen gelben Schnäbeln recht leicht im Gewirr der Zweige auszumachen sind. Für unser Fotoprojekt von besonderem Interesse sind zwei kleine Naturwunder die von “Bonito” aus touristisch vermarktet werden. Als wir in Amazonien die Aras über uns wegfliegen sahen freuten wir uns zwar über deren Anblick, so richtig in Fotoposition haben wir sie aber nicht bekommen. Etwa fünfzig Kilometer außerhalb von “Bonito” sorgt ein Zufall in der Geologie dafür, das wir diese wunderschönen Vögel doch noch fotogen vor die Linse bekommen.

Die Aras fühlen sich im Tropenwald genauso wohl wie in der Savanne. Hier ist eine riesige Doline entstanden – ein über hundert Meter tiefes Loch im Sandstein. Unterirdische Wasserströme haben im tiefer gelegenen Kalkstein, im Laufe von Millionen Jahren, das Material erodiert und Höhlensysteme geschaffen. Diese sind dann irgendwann durch die Last des darüber liegenden Sandsteins eingestürzt. Um die Doline herum sind einige Hektar natürliche Vegetation erhalten. Somit ist der Besitzer des Landes in der glücklichen Situation hier ein privates Naturschutzgebiet zu etablieren, das nicht nur vom Staat unterstützt wird, sondern durch zahlende Besucher auch noch reichlich Gewinn abwirft.

In den rostroten Sandstein Klippen der Doline nisten Dutzende farbenprächtige rote Aras, die den Einsturzkrater mit lauten Gekreische und allerlei waghalsigen Flugmanövern erfüllen. Bis zu vierzig Brutpaare haben hier ihre Heimat. Die Vögel suchen sich einen Partner mit dem sie dann in der Regel den Rest ihres bis zu sechzig Jahre langen Lebens verbringen. Besonders imposant sind die Massenstarts die den Himmel mit rotblauen Farbtupfern sprenkeln. Dies ist einer jener Orte der sich in meinem Gedächtnis in der Kategorie “magisch” ein Plätzlein sichern und unvergessen bleiben wird.

Doch es sollte noch spektakulärer werden.

 

Bisher haben wir in Brasilien zwei Arten von Flüssen kennen gelernt. Das Schwarzwasser wie im Rio Negro und das helle Weißwasser des Amazonas. Nun wollen wir einen Klarwasser Fluss erkunden. Das Quellgebiet des “Rio de Prata” (Silberfluss) ist umgeben von einem Rest uralten Galeriewaldes mit mächtigen Lianen und dicken Wurzeln. Hier gibt es einen Quelltopf an dem durch Kalkstein gepresstes Grundwasser an die Oberfläche dringt. Der karstige Untergrund filtert das Wasser wodurch es absolut kristallklar wird. Jetzt kommt zum ersten Mal mein Unterwassergehäuse zum Einsatz, welches ich mir extra für die Umsetzung von “Naturwunder Erde” gekauft habe. Hier im flachen Gewässer kann ich wunderbar üben mit den Funktionen des Teiles klarzukommen. Nachdem wir von unserem Guide eingewiesen wurden wie wir uns zu verhalten haben schnorcheln wir los. Wichtig ist das wir mit unseren Füßen den sandigen Grund des Flusses nicht berühren um durch aufwirbelnde Sedimente das Wasser nicht zu verunreinigen.

Schon der erste Blick mit der Taucherbrille unter das Wasser ist spektakulär. Alles ist glasklar sichtbar. Es ist als Blicke man in ein riesiges Aquarium. Eben standen wir noch im von Vogelgezwitscher erfüllten, üppig grünen Urwald und plötzlich befinden wir uns in einer stummen aber bunten, türkis-grünen Unterwasserwelt. Im Wasser liegen umgestürzte Baumstämme und Büsche, die unzähligen Fischchen mit ihrem Geäst Schutz vor grösseren Raubfischen bieten. Im offenen Wasser schwimmen Forellengrosse “Piraputingas” mit ihren schwarzorange gestreiften Schwanzflossen. Sie sind die am häufigsten anzutreffende Fischart, zumindest was die größeren Tiere betrifft. Am Grunde wühlen Karpfenähnliche “Curimbatá” im Schlamm nach Nahrung. Immer wieder sehe ich die bis zu einem Meter langen goldgelben “Dourados” in der Stroemung stehen – der größte Raubfisch und Herrscher dieses Habitats. Langsam gleiten wir über leuchtend grüne Wasserpflanzen-Teppiche hinweg die sich mit felsigen und sandigen Untergrund abwechseln. Je nach Sonneneinstrahlung verändert sich die optische Wahrnehmung dieser Welt unter Wasser. An einer Stelle sehen wir einen großen Schwarm “Curimbatas”.

Es muss sich um eine für die Fische angenehme Strömung handeln, denn als wir die Strecke ein weiteres Mal durchschwimmen sind sie ebenfalls hier. Faszinierend wirken auch die fast gänzlich schwarz gefärbten “Pacús”. Sie sind Fruchtfresser und haben eine fast runde abgeflachte Körperform. Mit ihrem Nussknacker-Gebiss können sie dicke Samen öffnen. So sorgen sie dafür das Planzen auch auf dem Wasserweg Verbreitung finden. Irgendwann erreichen wir den eigentlichen Hauptfluss der deutlich kälter ist und durch seine Wassertiefe und die mit geschwemmten Sedimente eine viel geringere Sicht zulässt. Gespenstergleich stehen die Fische hier schon in zwei Metern kaum noch sichtbar im milchigen Wasser. Eine kurze Bootsfahrt im Abendlicht lässt die überhängenden Zweige der großen Bäume in weiches Abendlicht tauchen. Das Boot wird durch einen leise surrenden Elektromotor angetrieben. Kleine Äffchen klettern durchs Geäst und Vögel flattern über uns hinweg. Für einige Augenblicke kann man vergessen, das schon wenige hundert Meter entfernt die endlose Monotonie moderner Agrarwirtschaft das Landschaftsbild prägt.

 

Etwas westlich von Bonito liegt die “Serra de Bodoquena”, eine bergige Region in der ca. 70.000 Hektar Waldland geschützt sind. Wir haben das Glück das der Leiter des Nationalparks sich einen ganzen Tag Zeit für uns nimmt um uns die Gegend zu zeigen. Luis hat sich bei Ihm nach intakten Savannen Landschaften erkundet und er erklärte sich bereit uns diese zu zeigen. Wir fahren in seinem Geländewagen auf holprigen Schotterpisten entlang des westlichen Endes des Waldes. In den Park selbst kann man nicht. Er ist eine reine Wildnis ohne Wege oder touristische Einrichtungen. Wir passieren auch hier viel landwirtschaftlich genutzte Fläche. In dem hügeligen Gelände fällt die Landnutzung aber viel extensiver aus als im flachen Land. Die Landschaft wirkt auf mich sehr Naturnah, obwohl auch hier immer wieder Rinder zwischen den Palmen und Gewächsen der Baumsavanne glotzen. Es wird schon fast Abend als wir eine Abbruchkante erreichen. Hinter uns steigt ein fast voller Mond über die bewaldeten Berghänge, und vor uns blicken wir in eine endlos wirkende Ebene. Auf den ersten Blick erscheint das Land bewaldet. Doch bei genauerem hinsehen erkannt man, dass die Bäume eher klein sind und es sich hier um eine Baumsavanne handelt. Das Land auf welches wir blicken ist indigenes Gebiet.

Zumindest in dem für uns sichtbaren Bereich haben die Indios ihre Heimat im natürlichen Zustand belassen. Es sind nur wenige Minuten die uns zum fotografieren bleiben. Ein knallroter Sonnenball verschwindet über dem Horizont und kurze Zeit später breitet die Nacht ihr schwarzes Tuch über der Welt.

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