Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: Sibirien

“Baikal See” Teil 3: Lichtspiele 9.10.2012

Es schaukelt gewaltig, als wir die schützenden Flanken der Insel Olchon verlassen, und mit dem Schiff auf den offenen See hinaus fahren. Arkadi liegt mit kreidebleichem Gesicht unter Deck und versucht auf diesem Wege den hohen Wellengang zu überstehen. Wir passieren den breitesten und für die Schifffahrt gefährlichsten Teil des Baikal Sees. Selbst einheimische Fischer fürchten die massive Kraft der Elemente, wenn die Winde über die riesige Wasserfläche jagen und das Wasser in Aufruhr versetzen. Wir sind in der Dunkelheit gestartet und erleben erneut einen wunderbaren Tagesanbruch, soweit wir in der Lage sind ihn zu genießen. Nachdem ich meine Fotos aus der Zeit mit dem fotogenen Licht im Kasten habe, lege auch ich mich in eine Kajüte, denn die Nacht war kurz und unser Ziel ist noch Stunden entfernt. Dabei übersehe ich, dass der kleine Raum durch den benachbarten Motor ziemlich stark beheizt ist. Eingehüllt in viele Lagen Kleidung genieße ich zuerst die wohlige Wärme der Kajüte und falle dabei in einen leichten Schlaf. Das heftige Schaukeln des Schiffes wirkt dabei nicht weiter störend. Irgendwann wache ich schweißgebadet auf und spüre, dass ich mir mit meinen winddichten Kleidern praktisch eine Sauna um den Körper gelegt habe. Viel zu früh klettere ich zurück aufs windgepeitschte Deck. Es kommt wie es kommen muss. Ich fange mir eine mächtige Erkältung ein, welche mir die Arbeit in den kommenden Tagen ziemlich erschwert. Gegen Mittag erreichen wir unser Ziel. Vor mir liegt die größte der vier Uschkani Inseln, deren Rücken mit dem für die Region typischen borealen Mischwald bewachsen sind. Es dominiert auch hier die Lärche, deren goldene Nadeln das Eiland vor dem blauen Himmel intensiv erstrahlen lassen. Im Windschatten der Insel landen wir in einer wunderschönen Bucht und setzen mit einem kleinen Schlauchboot über ans Land.

Die Inseln sind Teil des Sabaikalski Nationalparks und haben die  höchste Schutzkategorie. Hier befinden sich eine Wetterstation und ein Rangerposten. In einer extra für Gäste gebauten Holzhütte finden wir Unterschlupf. Es dauert eine Weile, bis wir meine vier Koffer und Rucksäcke zum kleinen Stützpunkt getragen haben. Ich habe selten so viel Gepäck um die halbe Welt geschleppt, wie für diesen Auftrag. In einer Kiste befindet sich meine Unterwasserkamera und im Rollkoffer ein kompletter Taucheranzug. Etwa zwei Kilometer östlich von unserer Insel liegen die kleineren, völlig unbewohnten Eilande der Uschkanis. Hier befinden sich die Liegeplätze der Baikal Robbe. Nicht, dass ich mir eingebildet habe mit einem gewöhnlichen Taucheranzug lange zu den Tieren abtauchen zu können. Schon gar nicht im Spätherbst, da sich die Wassertemperatur schon wieder weit unter 10 Grad Celsius befindet. Doch den einen oder anderen Moment, an dem ich die Kamera unter die Oberfläche halten kann, habe ich mir, zumindest in meiner Fantasie, schon ausgemalt. Deshalb habe ich den ganzen Aufwand inklusive Übergepäck am Flughafen und dem mühevollen Schleppen von Reiseort zu Reiseort betrieben. Umso enttäuschter bin ich, als mir Arkady übersetzt, das die Ranger momentan keine Möglichkeit haben, uns zu den anderen Inseln überzusetzen. Das ist bitter. Ich habe extra drei Tage eingeplant bevor uns ein anderes Boot vom Festland abholen kommt. Nun bleibt mir nichts anderes übrig, als die Zeit auf der großen Uschkani Insel best möglichst zu nutzen.

Was mir diese Tatsache halbwegs erträglich macht, ist mein schlechter körperlicher Zustand. Die Nase trieft ohne Unterlass und ich fühle meine Fitness irgendwie bei halber Kraft. Dies erschwert das Umherwandern mit voller Fotoausrüstung deutlich. Ganz zu Schweigen was passiert, wenn ich in diesem Zustand ins eiskalte Wasser gehen würde. Recht schnell habe ich die geografischen Strukturen der Insel überschaut und mir eine Strategie zurechtgelegt. Es ist das Abendlicht, welches gute Stimmungen mit spannenden Motiven verspricht. So gönne ich mir an den kommenden Tagen ein Ausschlafen ohne Wecker. Man sollte dem Körper die Möglichkeit geben selber zu entscheiden, wie viel Schlaf zur Regeneration nötig ist. Dies ist nach meiner Erfahrung die beste Art schnell wieder fit zu werden. Jedes Medikament, das man „nicht“ einnimmt, ist gut für die Gesundheit. So starte ich am frühen Nachmittag meine Erkundungen über die vier Kilometer lange und im Schnitt einen Kilometer breite Insel. Am ersten Tag laufe ich zu ihrem östlichen Ende. Es liegt dem Festland und der mächtigen, mit bis zu zweitausend Meter hohen Bergen bedeckten Halbinsel „Große Nase“, am Nächsten.

Zwischen der acht Kilometer breiten Wasserfläche ragen die kleinen Inseln, auf denen ich die Robben vermute, aus dem dunkelblauen Naß. Ich klettere auf den höchsten Punkt der Insel, die sich hier knapp 200m aus dem Baikal erhebt. An einer Stelle ist die Fläche frei von Baumbewuchs. Wunderbare Ausblicke auf den See und die am Festland aufragenden Gebirge sind mein Lohn. Um mich herum herrscht absolute Stille. Nur wenn der Wind leicht durch die Bäume zieht und die letzten Blätter der spärlich gesäten Birken zu Boden trägt, oder Buntspechte auf tote Bäume klopfen, dringen Geräusche an mein Ohr. Ein Gefühl von Freiheit und Zufriedenheit durchfährt mich, als ich mir mal wieder bewusst werde, wie beschenkt ich doch bin, einen Beruf ausüben zu dürfen, welcher es mir ermöglicht an solch schönen Orten zu verweilen. Die Vegetation an den Stellen, wo keine Bäume wachsen, ist absolut faszinierend. Was auf den ersten Blick karg und leer aussieht, erweist sich beim genaueren Betrachten als artenreich und wunderschön. Zwar sehe ich nur noch ganz wenige Pflänzlein, die ihre Blüten bis zum heutigen Tag haben erhalten können, doch die reichen aus, um zu erahnen, wie es hier in den Tagen des kurzen warmen Sommers aussehen muss. Erstaunlich finde ich einen kakteenartigen Bodendecker, dessen Form absolut bezaubert. Seine einzelnen Schichten sind so aufgebaut, dass sie wie Mandalas wirken. Ein dankbares Motiv für das Macro Objektiv.

Noch habe ich Zeit, denn die Sonne ist kurz vor ihrem Tagesendspurt hinter einer dicken Wolkenwand verschwunden. Doch ein heller Streifen über dem Horizont lässt erahnen, dass sich lichttechnisch noch etwas tut. Ich bin bereit, als sich der knallrote Sonnenball in die Lücke schiebt und die Nachbarinseln sowie die „Große Nase“ mit Farben überzieht.

Ich habe so etwas schon hunderte Mal erlebt, und doch läuft mir jedes Mal aufs Neue eine Gänsehaut über den Rücken, wenn ich diese intensiven Momente erleben darf. Erst in absoluter Dunkelheit erreiche ich den Stützpunkt. Ich erfreue mich nach einem kargen Abendessen aus Käsebrot und einem Schokoriegel an einer „Banja“ und falle dann sofort, komplett erschöpft für dreizehn Stunden in einen erholsamen heilenden Tiefschlaf. Der kommende Tag ist nebelverhangen und regnerisch. Ich entscheide mich zu einer Umrundung der Insel, obwohl ich noch nicht im Vollbesitz meiner Kräfte bin. Dafür lasse ich mein 200-400 mm Objektiv im Lager, was mir eine Erleichterung von fünf Kilogramm einbringt. Ich möchte mich heute verstärkt mit dem herbstlichen Wald beschäftigen und da ist es in der Regel eh nicht vonnöten. Ein kleiner Trampelpfad führt entlang des Ufers immer eingesäumt von alten Bäumen durch die man auf den heute sehr aufgewühlten See blicken kann. Besonders, als ich die Nordseite der Insel erreiche, blasen mir immer wieder stärkere Windböen ins Gesicht, welche  auch in der einen oder anderen Stunde Regentropfen umherwirbeln. Keine leichten Bedingungen zum Fotografieren. Doch sobald ich etwas weiter in den Wald hinein laufe, wird es besser. Der Wind ebbt merklich ab und lässt dadurch bei einer langen Belichtungszeit weniger Bildelemente verwackeln. Der Boden ist an manchen Stellen schon komplett mit Lärchennadeln überzogen.

Die Lärche ist der einzige Nadelbaum, der seine Farbe verändert und sein Kleid abwirft, bevor er es im Frühjahr wieder erneuert. Es ist absolut faszinierend, wie an anderen Stellen, dort wo die Birke dominiert, alles mit gelben Blättern bedeckt ist und unter alten Birken ein Fakir auf einer Decke aus Zapfen hätte laufen können. Ich sehe heute soviel Schönheit und Vielfalt, gerade auch weil ich auf die kleinen unscheinbaren Dinge in der Natur zu achten pflege. Moosteppiche und Flechtenüberzogene alte Bäume zeugen von der Unberührtheit dieses Lebensraumes. Doch selbst hier ist der Einfluss, den wir Menschen auf die Umwelt haben, immer wieder zu spüren. Ich sehe ein verrostetes Ölfass und anderen Zivilisationsmüll, den die Strömung auf die Insel gespült hat. Wegen der geringen Bevölkerungsdichte hält sich dieser zwar in Grenzen, doch zeigt es mal wieder, wie wenige wirklich saubere Orte es auf dieser Erde noch gibt. Im hinteren Teil der Insel, welcher der Station am weitesten abgewandt ist, kann man den Pfad nicht mehr als solchen erkennen. Es wird sehr mühsam zwischen umgekippten Bäumen und zum Teil dichtem Unterholz vorwärts zu kommen. Immer wieder laufe ich auch über den schmalen, mit Gestein bedeckten Küstenstreifen, der vom regnerischen Nass überzogen, wunderschöne Farben und Strukturen aufweist. Es ist purer Zufall, dass ich die Stelle, an der ich am Vorabend auf die Anhöhe geklettert bin, genau zum richtigen Moment erreiche. Es bleibt kaum Zeit zum Aufstieg. Ich schaffe es gerade noch rechtzeitig, schwer atmend zum Spektakel bereit zu sein. Für ungefähr drei Minuten schafft es ein einziger massiver Sonnendurchbruch, sich gegen die dichten Wolken durchzusetzen.

Wie ein riesiges Lichtschwert teilt er die vor mir liegende Welt in zwei Hälften und lässt das Gebirge der Halbinsel unwirklich erglühen. Die Höhenlagen sind seit dem heutigen Tag mit einer leichten Schneeschicht überzogen, was die Bilder, die sich mir bieten noch schöner macht. Wenige Augenblicke später legt sich Dunkelheit über die Wildnis des Sabailski Nationalparks. Nur am Horizont, wo die Sonne verschwunden ist lassen farblich abgesetzte Risse in der Wolkenwand erahnen, dass diese Düsternis durchaus nicht allmächtig ist. Zufrieden mache ich mich auf den Heimweg, wo nach weniger als einer Stunde Fußmarsches ein warmes Feuer auf mich wartet.

 

“Baikal See” Teil 2: Seegeschichten 5.10.2012

Die größte Insel im Baikal See ist „Olchon“. Diese 72km lange und bis zu 14 km breite aus dem Wasser ragende Landmasse ist die erste Station meiner Entdeckungsreise. Kaum zu glauben, dass es einen See gibt der eine so große Fläche aufnehmen kann. Doch bei einer Gesamtlänge von 673 km und einer Uferlänge von weit über 2000 km wirkt „Olchon“ in den Weiten des Baikal fast schon schmächtig. Der See ist wirklich ein Ort voller Superlative. Durch seine extreme Tiefe und Ausdehnung ist er mit 1/5 allen Süßwassers des Planeten gefüllt. Er ist größer als die Ostsee und man könnte den Bodensee 480 Mal hineinschütten ohne eine Überschwemmung zu verursachen. Faszinierend finde ich auch, dass der Baikal zwar unzählige Flüsse und Bäche als Zuflüsse hat, sich aber nur an einer Stelle, dem Angara, entlädt. Trotz der enormen Größe des Angara Flusses müsste das Wasser über 400 Jahre lang fließen um den Baikal komplett zu entleeren. Das Alles sind Fakten, die einen Naturfreund richtig ins Schwärmen bringen können. Nach einer fünfstündigen Busreise, inclusive einer kurzen Fährfahrt, erreichen mein russischer Kollege Arkady und ich die kleine Ortschaft „Chuschir“ im Zentrum der Insel. Sie gilt als eine der touristischen Zentren am Baikal. Wie alle Häuser hier besteht auch das zentrale Hotel komplett aus Holz. Ich bin erstaunt wie viele Besucher sich nach wie vor hier aufhalten. Die Saison ist längst beendet und die herbstlichen Temperaturen nähern sich, besonders des Nachts, schon stark dem Gefrierpunkt. Einen Teil ihrer Faszination auf Besucher generiert „Olchon“ aus der Tatsache, dass die Insel für die hier lebende Volksgruppe der Burjaten große spirituelle Bedeutung hatte und bis heute hat. Direkt dem Städtlein vorgelagert befindet sich eine kleine Landzunge die als „Schamanenfelsen“ bekannt ist.

Ein heiliger Ort und Wohnstätte eines Gottes der Burjaten. In früherer Zeit hat man sich aus Respekt nur in kompletter Stille diesem Felsen genähert. Sogar die Hufe der Pferde wurden mit Stoff bedeckt um keine Geräusche zu verursachen. Heute klettern meist chinesische Touristen auf ihm umher, schreiben Graffitis auf die Steine und im Sommer dringt allabendlich laute russische Discomusic von den Partys der Gäste zu den heutzutage wohl ruhelosen Geistern. Was mich sehr interessiert, ist die Art und Weise, wie man hier mit der immer größeren Touristenflut umzugehen gedenkt. Der Baikal ist bekannt für sein glasklares Wasser. Man kann bedenkenlos direkt aus dem See davon trinken. Außerdem gelten weite Teile der Natur als Intakt. Bis vor wenigen Jahren gab es hier weder Telefon noch Strom und bis heute fehlt jede Art von Abwassersystem. Allein das Hotel in dem ich untergebracht bin, schüttet in der Hochsaison die anfallenden Fäkalien viermal am Tag in den Wald. Zwar ist die gesamte Region des Baikal von der UNSECO als Weltnaturerbe anerkannt und einige Millionen Hektar sind zusätzlich als Nationalpark geschützt, doch was auf dem Papier gut aussieht ist in der Realität leider weit davon entfernt. Es gibt auf „Olchon“ keine Abfallwirtschaft. Jeder Müll wird in den nahe gelegenen Wald gekippt, was mehrere Quadratkilometer der Insel regelrecht versaut. Der Wind bläst die Plastiktüten und Papierverpackungen weit über die eigentliche Müllfläche hinaus. Die Kollegen von Greenpeace Russland sind am Baikal sehr aktiv und haben durch Ihren Einsatz auch schon viel erreicht. Verglichen mit anderen Weltregionen sind die Umweltprobleme hier zwar überschaubar, doch ohne zukünftigen Einsatz wird auch dieses Naturparadies seine Qualität sicherlich nicht behalten.

Wir erkunden die Insel in einem alten VW Bus – ähnlichen Gefährt, dass sich noch hartnäckig aus Sowiet -Zeiten erhalten hat. Diese fahrenden Blechbüchsen sind wirklich nicht kaputtzukriegen. Sie besitzen keinerlei elektronische Spielereien und können deshalb immer wieder repariert werden. In den Norden gelangt man über eine Piste, die sich zum Teil in einem jämmerlichen Zustand befindet, was den Reiz einer Entdeckungstour aber erheblich erhöht. „Olchon“ ist mit einer Mischung aus Steppe und borealem Kiefern & Lärchenwald bewachsen. Die weite Landschaft, die sich vor mir ausbreitet ist eine Augenweide.

Besonders das spätherbstliche, goldene Leuchten der vielen Lärchen bildet einen tollen Kontrast zum blauem Himmel, in dem sich weiße Quellwolken türmen. Schroffe Felswände fallen steil ab in den See und in der Ferne erheben sich die Gebirge der dem Baikal angrenzenden Regionen. Der Küstenlinie folgend, werden diese immer kleiner, da sie sich durch die Erdkrümmung langsam dem Sichtfeld entziehen. Was mich persönlich während der Erkundung richtig ärgert, sind die vielen Fahrspuren die auf dem empfindlichen Steppenboden tiefe Narben reißen. Diese können über Jahre hinaus kaum verheilen. Neben der Hauptpiste sind es dutzende kreuz und quer geschlagene Schneisen, die an vielen stellen das Fotografieren einer intakten Landschaft immens erschweren.

Neben dem fotografischen Ästhetikaspekt wird durch die unbedachte Touristenbeförderung auch massiv der Pflanzenwuchs geschädigt. Wirkt die Steppe auf den ersten Blick recht karg, so ist sie doch ein artenreicher Lebensraum für eine erstaunliche Zahl an Tieren und Pflanzen. Auf der gesamten Insel wird seid vielen Jahren traditionell Viehwirtschaft betrieben, was eine gänzlich wilde Steppe grundsätzlich unmöglich macht. Doch die Zahlen der Rindviecher halten sich glücklicherweise in überschaubaren Grenzen. Eine Überweidung bleibt aus. Es ist eben ein Unterschied ob sich Menschen in kleinbäuerlichen Strukturen selbst versorgen, oder ob eine Region mit industriellen Methoden großflächig platt gemacht wird.

Unser Ausflug dauert den ganzen Tag und wir kommen erst weit nach Dunkelheit zurück ins Hotel. Klar, dass ich mir eine schöne Stelle ausgesucht habe um dort das warme Licht des Tagesendes für meine fotografische Arbeit nutzen zu können. Was mich besonders fasziniert hat war der nördlichste Punkt der Insel. Ein steil aufragendes Kap, von dessen höchsten Punkt sich mit Hilfe des Morgenlichtes wunderbare Motive ergeben würden.

Besonders das Licht vor Sonnenaufgang reizt mich, und so galt es einen Fahrer zu finden, der bereit war, sehr, sehr früh eine Sonderfahrt zu unternehmen. Natürlich war es, verbunden mit einem zusätzlichen finanziellen Anreiz möglich, einen Solchen zu finden. Bevor ich mich zur viel zu kurzen Nachtruhe begeben habe, widmete ich mich noch einer ganz besonderen Art der Körperpflege – dem russische „Banja“. Im Prinzip ist das „Banja“ eine holzbetriebene Sauna, in der man während der Schwitzphase Wasser erhitzt welches man sich dann im Vorraum mit der Schöpfkelle über den Körper schüttet. Eine herrliche Art sich zu waschen und für mich immer ein absoluter Höhepunkt eines jeden Tages.

Es ist empfindlich kalt, als ich mich am nächsten Morgen um halb sechs am Treffpunkt einfinde. Ich habe versucht die Morgentour so zu kommunizieren, dass dem Fahrer bewusst ist, wie wichtig Pünktlichkeit bei solch einer Aktion ist. Nach zwanzig Minuten des Wartens unter dem sternenklaren Nachthimmel will ich gerade wieder frustriert in Richtung Bett marschieren, da erscheint er plötzlich doch noch. Zum Glück habe ich zwei nette Deutsche kennen gelernt, die russisch sprechen und mich an diesem Morgen begleiten wollen. Sie müssen beim Fahrer die richtigen Worte gefunden haben, denn wir Erleben eine Aufholjagd sonders gleichen. Kaum zu glauben, dass wir die etwas mehr als dreißig Kilometer Holperstrecke zum Kapp in weniger als einer Stunde geschafft haben. Während sich am Horizont die ersten zarten Andeutungen eines neuen Tages abzeichnen stehen wir auf dem Felsen.

Es ist wirklich beeindruckend, wie sich die vor uns liegende Wasserfläche im Dämmerlicht ständig verändert. Über dem Horizont wandert eine Wolkenwand von einem Seeufer langsam hinüber zur anderen Seite und bietet mir dadurch perfekte fotografische Gestaltungsmöglichkeiten. Richtige Gänsehautmomente erleben wir aber in den Sekunden, als die ersten Strahlen der Sonne das vor uns liegende Kap erreichen und in satten Orangetönen für wenige Momente magisch einzufärben scheinen.

Wer so etwas schon mal erlebt hat weiß, dass diese Farbgebung nur für wenige Augenblicke anhält. Dafür hinterlässt sie aber auch bei Nicht-Fotografen einen nachhaltigen Eindruck.

 

“Baikal See” Teil 1: Wetterwechsel 02.10.2012

Bevor ich mich auf eine Reise begebe, überlege ich mir, welche Themen zum jeweiligen Projektpart wichtig sind. Diese versuche ich dann innerhalb meines Zeitrahmens und Budgets bestmöglich umzusetzen. Das gelingt natürlich nicht immer. Meistens fällt dies aber gar nicht ins Gewicht, da einem die Realität als Ausgleich Motive schenkt, welche gar nicht auf der Wunschliste standen. Bei meiner Reise an den Baikalsee im russischen Südsibirien ist mir zum ersten Mal während meiner Arbeit für das neue Greenpeace Projekt „Naturwunder Erde“ ein Hauptmotiv durch die Lappen gegangen, welches mich auch heute noch, einige Zeit nach der Reise, richtig am Ego zwickt. Manchmal muss man Entscheidungen treffen die wirklich wehtun.

Ich befinde mich im kleinen Ort „Ust-Barguzin“. Die Welt um mich herum verändert sich zusehends. Vor vier Tagen ist der Herbst auf einen Schlag verschwunden. Strahlende Landschaften in leuchtenden Herbstfarben sind einem permanenten, durchdringenden Grau gewichen, das sich auch auf meine Gemütslage legt. Dicke Wolkenschichten haben seit Tagen jeglichen Sonnenstrahl absorbiert, der seinen Weg nach unten suchte. In den Höhenlagen liegt bereits eine geschlossene Schneedecke und selbst hier, in der Nähe des Seeufers setzen sich die Schneeschauer mehr und mehr durch. Selbst der Matsch, der ungeteerten Straßenzüge, wird ganz langsam überdeckt.

Für die Menschen, die hier leben beginnt der über viele Monate dauernde Winter dieses Jahr besonders früh. In wenigen Wochen wird die riesige Wasserfläche des Baikal Sees für eine sehr lange Zeit zugefroren sein. Eva ist eine Deutsche, die sich diese Weltengegend vor neun Jahren als neue Heimat auswählte. Sie hat hier am Ort ein kleines Besucherzentrum installiert und ist momentan die Einzige, die mir vom russischen ins deutsche Übersetzen kann. Alexander arbeitet für den Seenotdienst und kann mit den Schlauchbooten seiner Behörde in der Nachsaison Leute wie mich auf dem See befördern. Seit drei Tagen verschieben wir die Entscheidung wegen der starken Winde und des hohen Wellengangs immer wieder. Seit drei Tagen stehe ich mit gepackten Sachen am Hoteleingang und freue mich, dem schmucklosen Zimmer endlich entkommen zu können. Nur um nach kurzer Rücksprache alles wieder zurück zu tragen. Das Risiko war bisher einfach zu groß. Der Baikal ist wegen seines Süßwassers zwar ein See, besitzt jedoch mehr die Charakteristik eines Meeres, besonders was die Gefahren durch Unwetter betrifft.

Heute fragt mich Alexander bereits zum wiederholten Male, ob ich die Risiken eingehen möchte. Er würde mich über die Bucht hinaus aufs offene Wasser fahren, um dann wenn es irgendwie geht, die kleine Tonki Insel anzusteuern. Hier befindet sich der Sommerliegeplatz der Baikal Robben, welche das primäre Ziel meiner fotografischen Begierde darstellen. Nur in Kanada gibt es eine weitere Robbenart die sich ebenfalls im Süßwasser aufhält. Für mich sind sie die wichtige Symboltierart zur fotografischen Umsetzung der Ökoregion „See“. Die Entscheidung, doch noch einen Versuch zur Dokumentation dieser Tiere zu unternehmen, muss in den kommenden Sekunden fallen, denn Alexander möchte eine konkrete Antwort von mir. Ich bin hin und hergerissen und es sind genau diese Situationen, die ich überhaupt nicht leiden kann. Letztendlich setzt sich die Ratio durch und ich entscheide mich auf die Fahrt zu verzichten. Ausschlaggebend ist nicht die fehlende Abenteuerlust. Ich habe in der Antarktis sechs Meter hohe Wellen erlebt und war einer der Wenigen dem nicht grottenschlecht war. Es ist die geringe Chance, bei diesem Wetter auf der Insel überhaupt noch Robben anzutreffen. Nur bei ruhigem Seegang liegen sie auf den Felsen, die dem kleinen Eiland vorgelagert sind. Ansonsten befinden sie sich unter Wasser und kommen nur sehr selten zum Luft holen kurzzeitig an die Oberfläche. Ich bin jahreszeitlich einfach ein wenig zu spät dran.

So beginne ich schweren Herzens zwei Tage früher als geplant, meine lange Heimreise über die Städte Ulan Ude, Irkutsk und Moskau. Ein wenig tröstet der Gedanke, dass ich in diesem Beruf auch deshalb so weit gekommen bin, weil es mir immer wieder gelingt, unnötige Risiken zu vermeiden und meine Grenzen zu erkennen. Was mich aber wirklich ärgert ist die Tatsache, dass ich wenige Tage zuvor ganz nah an den Tieren dran war ohne es gewusst zu haben. Zum Glück habe ich vor dem vorzeitigen Abbruch am Baikal allerhand erleben dürfen…..

(wird fortgesetzt)

Wildview läuft unter Wordpress 3.4.2
Anpassung und Design: Gabis Wordpress-Templates