Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: Steinadler

Adleraugen 13.03.2010

Wehmütig nehme ich Abschied vom finnischen Winter. Nach der erfolgreichen Begegnung mit dem Bartkauz habe ich mich die vergangenen Tage intensiv mit der Fotografie von Steinadlern beschäftigt. Adler sind imposante Tiere, ihre Flügelspannweite kann bis zu 2,30 Meter betragen. Wobei die ausgewachsenen Weibchen in der Regel etwas größer sind als ihre männlichen Artgenossen.

Steinadler  2816

Bei uns in Deutschland haben die Steinadler nur in den Bergregionen der Alpen überlebt. Sie galten über Jahrhunderte als Fressfeinde von Nutztieren und wurden gnadenlos gejagt. Sie sind keine reinen Waldbewohner. Die Vögel bauen ihren Horst nicht nur in die Wipfel alter Bäume sondern auch gerne unter Felsüberhänge, was ihnen bei uns das Überleben ermöglicht hat. Weltweit schätzt man die Anzahl der Steinadler auf 250.000 Tiere. Deshalb ist die Art auch als „nicht gefährdet“ eingestuft. Die Aufgabe war in vielerlei Hinsicht aufregend. Lassi Rautiainen hat vor zehn Jahren auf einer Anhöhe ein Fotoversteck eingerichtet, das sich in der Nähe eines Nistplatzes befindet. Blickt man von hier nach Süden, sieht man die Schlucht des Oulanka Nationalparks. Sieben mal bin ich früh morgens den Pfad durch den Wald marschiert. Schneeschuhe verhindern das knietiefe Einsinken im weichen Pulverschnee. Der Anstieg ist mit all der Fotoausrüstung auf dem Rücken trotzdem ein kerniger Frühsport. Ich passiere einen alten Baumbestand, der zumindest in den ersten Tagen, noch mit viel Schnee bedeckt ist.

Als ich die Schutzhütte erreiche setze ich zuerst die kleine Ölheizung in Gang, was die folgende stundenlange Warterei gemütlich und erträglich macht. Danach befreie ich die vermeintliche „Jagdbeute“ der Tiere vom Schnee welchen ich am Vorabend aufgeschüttet habe. Die Adler sollen schließlich dann fressen wenn die Kamera einsatzbereit ist, und nicht eine halbe Stunde vor meiner Ankunft. Natürlich ist die Bereitstellung einer Nahrungsquelle Voraussetzung für ein erfolgreiches Foto. Kein Adler würde sich sonst vor die Kamera bewegen. Die ersten vier Tage ist mein Lockmittel ein großer weißer Hase dem eine Straßenüberquerung zum Verhängnis wurde. Später lege ich Schweinestücke in den Schnee. Währen der Hase als natürliche Beute des Adlers offen ins Bild passt verstecke ich die tote Sau hinter einer Schneewehe. Mit der Axt hacke ich jeden Morgen kleine Kerben in den gefrorenen Körper. Dies erleichtert dem Adler die Nahrungsaufnahme. Dann richte ich die Kamera aus. Hier beginnen nun ungeahnte Schwierigkeiten. Denn es ist wirklich richtig anspruchsvoll hochwertige Fotos von Adlern zu machen. Auf jeden Fall sollte der Vogel auf irgendeine Art seine imposanten Flügel ausgebreitet haben. Sitzt er erst mal auf der Beute sieht er nicht sehr viel spannender aus als ein großes Huhn. Während des eigentlichen Fressvorganges passiert in der Regel wenig und die Bildmöglichkeiten sind schnell erschöpft. Es gilt ihn im Anflug zu erwischen wenn er über seine Beute herfällt. In diesen Momenten streckt er seine Krallen vor und die Flügel sind majestätisch erhoben.

Das sind allenfalls Sekunden die einem zur Verfügung stehen. Wer glaubt die Kamera von Hand mitziehen zu können, den Anflug des Alders zu verfolgen und immer den Schärfepunkt zu erwischen, wird in den allermeisten Fällen tief frustriert in den Feierabend ziehen. Ich könnte diesen Blog ganz locker mit Bildern von tollen Adlerpositionen füllen, in denen das Tier komplett unscharf ist. Beim Gedanken an den einen oder anderen Fehler habe ich immer noch Bauchweh. Meist habe ich die Schärfe manuell auf einen Fixpunkt gestellt, an der ich den Adler im Anflug vermutete. In solch einer Situation bin ich an die Grenzen meiner Nikon D3x gestoßen. Die macht zwar mit 24 Megapixeln tolle und vor allem große Fotos, ist aber aufgrund der hohen Datenmenge nicht die schnellste Kamera. Ich habe mir von Lassi eine Nikon D3 geliehen. Die hat zwar nur halb so viele Pixel, macht aber mehr als 5 Bilder pro Sekunde. In meiner Aufnahmesituation kann dies erfolgsentscheidend sein. Meist kam das Adlerpärchen am frühen Nachmittag. Mal fraßen sie Beide, mal nur Einer von Ihnen. Mal kamen sie am Morgen, mal kamen sie gar nicht. Meist saßen sie vorher stundenlang auf einem Baum rechts von mir, bevor sie hinab flogen. Manchmal flogen sie aber auch nach Links und stießen schon nach wenigen Sekunden auf die Beute herab. Immer wenn ich dachte jede Situation schon erlebt zu haben, passierte wieder was Neues und die Chance die Aufnahme zu versieben war groß. An zwei Tagen habe ich erlebt wie ein dritter Adler ins Revier des Pärchens eingedrungen ist. Adler dulden keine Artgenossen in ihrem Gebiet. Der mir sehr willkommene neue Motivgeber wurde schnell wieder vertrieben. Am dichtesten dran am „Superfoto“ war ich eines sonnigen Morgens. Eine Elster begann den fressenden Adler zu ärgern, indem sie immer wieder um ihn herum hüpfte. An der Beute konnte er kein Interesse haben, denn der kleinere Vogel war schon lange vor der Ankunft des Adlers vor Ort. Immer wieder sprang er in Richtung des größeren Verwandten. Ich habe die komplette Sequenz, wie der König der Lüfte den kleinen Ganoven vertrieben hat, mit der Kamera festgehalten.

Leider ist das Tier mit voll ausgebreiteten Schwingen um so vieles Größer, dass die Flügel auf den dramatischsten Bildern angeschnitten wurden. Das Ganze spielte sich in Sekundenbruchteilen ab, ein manuelles Verschieben des Bildausschnittes wäre unmöglich gewesen. Ein Fotograf der sich auf Tierfotos spezialisiert hat, hätte die Situation wahrscheinlich vorausgeahnt. So bleibt mir mal wieder der Trost mit jeder Situation dazuzulernen. Die sprichwörtlichen Adleraugen haben mir in der wohl besten Situation einen Strich durch die Rechnung gemacht. Ein einziges Mal in den sieben Tagen ist der Adler von gegenüber genau auf mich zugeflogen. Ich hatte alles perfekt geplant. Die Schärfe war einen halben Meter vor der Beute im „Landemoment“ fixiert. Das Tier wäre formatfüllend mit perfekter Haltung über der Beute gelandet. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt schon sechs Stunden des Wartens hinter mir, und war so angespannt und fixiert den entscheidenden Moment nicht zu verpassen, dass ich zu früh begonnen habe auf den Auslöser zu drücken. Das Tier war noch weit außerhalb meines Schärfebereiches und hat die Bewegung der Blende gesehen. Während des Fluges nehmen die Tiere noch alles wahr, erst bei der Landung konzentrieren sie sich auf die Beute. So ist der Adler nicht gelandet sondern links aus dem Bildausschnitt geflogen. In diesem Moment hätte ich vor Wut auf mich, laut aufschreien können. Ganz nah dran, und doch versagt. So bin ich nun mit schwerem Herzen nach Hause gefahren. Wenn man sich so intensiv mit einer Sache beschäftigt, hat man natürlich den Anspruch das bestmögliche Bild zu erstellen, das einem möglich erscheint. Dies ist mir definitiv nicht gelungen. Trotzdem sind schöne Fotos entstanden, die das neue Projekt bereichern. Ich habe bei Lassi viel gelernt und nehme gerne weitere Begegnungen mit der Tierwelt in meinen Arbeitsbereich auf.

Kleine Siege und ein dummer Fehler 20.11.2009

Ich bin auf dem Rückweg zur Vortragstour nach Deutschland und überlege ob es sich gelohnt hat, im November nach Finnland zu reisen. Definitiv habe ich nicht die Fotos, die ich mir im besten Fall gewünscht habe. Der beste Fall tritt aber praktisch nie ein. Ich habe dafür einige andere schöne Motive vor die Kamera bekommen und bin deshalb im Großen und Ganzen recht zufrieden. Außerdem habe ich mal wieder eine ganze Menge gelernt. Vor drei Tagen bin ich mit Olli von Kusamo ungefähr 100 km durch das südliche Lappland nach Westen gefahren. Es war noch dunkel als wir das Naturschutzgebiet Korouoma erreicht haben. Ungefähr eine halbe Stunde sind wir auf alten Rentierpfaden durch den Wald marschiert. Olli erzählt mir, dass die Tiere diese Wege schon seit Jahrhunderten nutzen. Einmal sehen wir auch in der Ferne eines durch Unterholz huschen. Viele der Tiere haben Glocken um, damit sie von ihren Züchtern besser gefunden werden können. In der Realität darf sich nur eine Minderheit der Tiere frei im Wald bewegen. Viele werden eingezäunt gehalten und mit künstlichem Futter ernährt. Laut Olli sind es im Raum Kusamo nur noch fünf Familien die wirklich von der Rentierzucht leben. Die restlichen Züchter betreiben es als Hobby. Es gibt insgesamt zu viele Rentiere in den Wäldern, was den natürlichen Kreislauf des Ökosystems durcheinander bringt. Ich erfahre von Olli, dass erst kürzlich drei Wölfe von aufgebrachten Züchtern erschossen wurden, weil sie hunderte von Rentieren gerissen haben. Das ist sehr traurig. Der Mensch bringt die natürlichen Abläufe aus dem Gleichgewicht und lässt dann diejenigen büßen, die sich diesen Gegebenheiten nicht anpassen können. Wir sind wirklich die Krönung der Schöpfung. Im ersten Dämmerlicht erreichen wir das Fotoversteck. Es liegt direkt an der Abbruchkante oberhalb eines tiefen Canyons. Unter uns breitet sich eine schöne Flusslandschaft aus. Die Hänge sind zum Teil bewaldet und an den Felsvorsprüngen mit dicken Eiswänden überzogen. Das Fotoversteck wurde von einem Freund Lassis gebaut, um Schwarzspechte zu fotografieren.

Korouoma Nov- 2009  4856

Aber auch ein Adler soll sich hier in unmittelbarer Nähe neben dem Unterstand blicken lassen. Grund dafür ist der Leichnam eines Waschbären, der keine sechs Meter neben dem Fotoversteck auf einem Stein liegt. Das Gelände ist nur zur Schlucht hin offen. Rechts und links stehen dichte Baumreihen. Olli und ich können schwer glauben, dass sich das Tier so nahe an den Unterstand trauen soll. Wenn man ein Fotoversteck betritt muss man zuerst entscheiden in welche Richtung man welches Objektiv richtet. Sind größere Tiere wie der Adler erst angekommen ist ein Tausch unmöglich. Ich entscheide mich mein 200-400 mm Zoom Objektiv nach vorne zur Schlucht hin zu richten, um die kleineren Vögel flexibel ablichten zu können. Das 500mm zeigt Format füllend auf den toten Waschbär, rechts von uns. Ein größerer Bildausschnitt ist sowieso nicht sinnvoll, da ein großer Baum das Bildfeld stark einschränkt. Es macht Spaß mit Olli auf die Vögel zu warten. Lange bleiben wir auch nicht allein.

Korouoma Nov- 2009  4854

Neu für mich sind die Haubenmeisen, die neben den Buntspechten und den Unglückshähern eigentlich den ganzen Tag um den Unterstand flattern und die ausgelegten Nüsse und Fettstreifen essen. Alle zwei Stunden kommt dann tatsächlich ein Schwarzspecht vorbei. Er ist viel größer als sein bunter Kollege. Wäre da nicht die feuerrote Kopfhaube könnte man ihn flüchtig mit einem Raben verwechseln. Gegen Mittag ist es wiederum ein Eichhörnchen, das uns die Zeit vertreibt.

Korouoma Nov- 2009  4855

Der Himmel bleibt den ganzen Tag bedeckt. Farben kommen nur im Gefieder der Vögel vor und im Grün und Braun unmittelbar um uns wachsender Bäume. Die Schlucht bleibt eine Masse aus hellen und dunklen Grautönen. Olli erzählt mir, dass vor vielen Jahren dieser Fluss, der sich so friedlich unter uns durch sein Bett schlängelt, aufgestaut wurde, um große Baumstämme aus dem Wald in die Sägewerke zu treiben. Das war noch vor der Zeit der Lastwagen. Bevor Finnland mit einem Netz aus hunderttausenden Kilometer Forststraßen überzogen wurde, um auch den letzten Winkel des Waldes zu kommerzialisieren. Zumindest hier in dieser Schlucht hat die Natur heutzutage ihre Ruhe. Stunde um Stunde vergeht. Da es ab halb Drei am Nachmittag schon wieder zu dunkel ist um gute Bilder zu machen, glaubt von uns um kurz vor Zwei keiner mehr an die Mär vom nahenden Adler. Bis er plötzlich aus dem Nichts einfach da ist. Direkt auf dem Waschbären steht er und schaut aufmerksam in die Runde.

Korouoma Nov- 2009  4853

Olli gibt mir ein Zeichen, nun absolut still und bewegungslos zu verharren. Jeder noch so kleine Mucks könnte ihn sofort wieder verjagen. Es ist ein Steinadler. Nach zwei Minuten scheint sein Misstrauen etwas nachzulassen und der Hunger gewinnt die Oberhand. Er beginnt mit kräftigen Bissen, Fleischstücke aus seiner Beute zu reißen. Ich beginne vorsichtig auf den Auslöser zu drücken. Viele Möglichkeiten zur Bildgestaltung habe ich nicht. Ich konzentriere mich darauf, dass das Auge des Tieres scharf abgelichtet ist. Wegen der schlechten Lichtverhältnisse muss ich mit offener Blende arbeiten, was bei einem 500mm Objektiv auf diese kurze Distanz eine extrem geringe Tiefenschärfe zur Folge hat. Ist das Auge des Modells unscharf, ist das Foto praktisch unbrauchbar. Dabei ist es egal ob man ein Tier oder einen Menschen fotografiert. Zufrieden setze ich Olli am Abend in Kusamo ab. Nun habe ich zu entscheiden wie ich den letzten Tag meines Finnlandaufenthaltes fülle. Ich kann nochmals an dieselbe Stelle zurückkehren wo ich heute mit Olli war, oder beim vorigen Standort, am Oulanka Nationalpark, mein Geraffel aufbauen. Dieser Ort ist eigentlich ideal. Dummerweise ist aber an den zwei Tagen, die ich hier gewartet habe, kein Adler aufgetaucht. Ich entscheide mich trotzdem für das Oulankaversteck. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Ich lege ein totes Eichhörnchen auf eine verschneite Wurzel ungefähr in fünfzehn Meter Entfernung vom Fotoversteck. Dahinter wächst ein Baum, den laut Olli die Adler zuerst anfliegen, um die Lage zu erkunden. Ideal, um von dort den Anflug auf das Hörnchen aufzunehmen. (Ich habe übrigens gefragt, woher Olli die Tiere hat. Ich war sehr erleichtert, dass es sich um sogenannte „Roadkills“ handelt, also Tiere, die im Straßenverkehr umgekommen sind. Das geistige Bild von geheimen Farmen, die unter schlimmen Bedingungen Lockfutter für Naturfotografen züchten, kann ich somit auflösen.) Etwas weiter rechts liegt das große Schwein, das die Tiere generell an den Platz locken soll. Ich habe also drei Möglichkeiten meine zwei langen Objektive auszurichten. Wieder eine Entscheidung. Ich richte meine Linsen auf den Baum und das Hörnchen. Dann warte ich. Ich lasse mich weder von den kleinen Vögeln noch von einem Eichhörnchen ablenken, um keinerlei verdächtige Bewegungen zu erzeugen. Ein aus meinem Blickfeld kreisender Adler könnte diese Sehen und auf einen Besuch verzichten. Den ganzen Tag passiert nichts. Kurz vor der Dämmerung ist er dann plötzlich da. Er kommt direkt aus dem Wald und landet auf dem Schwein. Beide Objektive zeigen munter in die falsche Richtung. Ich zwinge mich, ruhig zu bleiben und erst nach einer Minute, viel zu früh, versuche ich das Objektiv ganz ganz ganz langsam wenige Millimeter nach rechts zu bewegen. Da das Objektiv aber recht groß ist und mein Stativkopf nach dem Öffnen etwas ruckelt, scheint der Versuch unauffällig zu bleiben, gehörig zu misslingen. Als ich einen Augenblick später wieder durch die Glasöffnung blicke ist das Tier schon verschwunden. Jeder kann sich wohl denken was man in solch einem Moment fühlt. So ein großer Aufwand und in einem Augenblick ist alles vorbei. Jetzt weiß ich auch warum man immer von den „Adleraugen“ spricht. Ein gewisses Frustgefühl kann ich an diesem Abend, als ich mit dem Auto wieder Richtung Süden fahre, nicht unterdrücken. Ich übernachte nochmals in Lassis Fotoversteck im Niemandland. Doch die Hoffnung auf ein Rudel Wölfe am nächsten Morgen erfüllt sich nicht. Zeit zur Heimreise. Inzwischen hat es deutliche Plusgrade. Der Schnee ist von den Bäumen verschwunden und Flüsse und Seen sind wieder ziemlich eisfrei. Der eigentliche Winter kommt erst noch und ich freue mich, dass ich im kommenden Februar nochmals die Möglichkeit habe, die hier gemachten Erfahrungen in gute Fotos umzusetzen.

Entscheidungen 12.11.2009

Als Naturfotograf muss man ständig Entscheidungen treffen. (JA, in anderen Berufen auch!). Erst wenn es zu spät ist weiß man in der Regel ob es die Richtigen waren. Ich sitze mit meinem Kollegen Lassi Rautiainen in einem Fotoversteck im Niemandsland an der finnisch/russischen Grenze. Ob es die richtige Entscheidung war im November in den Norden Europas zu reisen, werde ich erst am Ende dieser Fotowoche sagen können. Das es nicht die optimale Jahreszeit ist, war klar. Die Tage sind saukurz und der Winter hat gerade erst begonnen. Mit Pech ist die Fotoausbeute gleich Null. Ich habe mich entschlossen das Risiko einzugehen. Für mein neues Projekt „Mythos Urwald- Europas wildes Erbe“ habe ich eineinhalb Jahre Zeit alle Themen und Bilder in den Kasten zu bekommen. Das hört sich erst mal gewaltig lang an, zerrinnt aber sehr schnell wenn man die geografische Größe und inhaltliche Tiefe dieser Aufgabe näher betrachtet. Als Fotoschwerpunkt habe ich dieses Mal die Adler ausgewählt. Mein Blick aus der schmalen Fensteröffnung der Fotohütte fällt auf eine erfreulich weiße Landschaft. Vor wenigen Tagen hat es geschneit und deutliche Minusgrade sorgen dafür dass es, zumindest im Moment so bleibt. Wir kamen gestern kurz vor Mitternacht hier an. Nach etwa einer Stunde hatte der kleine Ölofen das Versteck soweit erwärmt, dass das Atmen keine Nebelwölkchen mehr erzeugt. Kurz vor acht war es hell genug um die Kameras durch die Öffnungen zu schieben. Seitdem warten wir. Der gefrorene Sumpf vor uns ist bevölkert mit dutzenden von Raben die sich an den von Lassi ausgelegten Fischen und Schweinen festlich laben.

Niemandsland Nov- 2009  4294

Bären können wir keine erwarten. Die haben sich zum Winterschlaf in ihre Höhlen zurückgezogen. Auf was wir beide heimlich spekulieren ist das Rudel Wölfe, welches ich schon vor ein paar Monaten in dieser Region vor die Linse bekommen habe. Doch im Winter kommen die Tiere nur sehr unregelmäßig an dieselben Stellen zurück. Wohl auch deshalb, weil für sie angefrorene Kadaver keine wohlschmeckende Beute bedeutet und sie einen frischen Fang vorziehen. Deshalb halte ich meine Erwartungen möglichst gering um nicht allzu sehr enttäuscht zu sein. Worauf wir uns konzentrieren sind die fünf See- und Steinadler, die in ziemlicher Entfernung auf den Bäumen sitzen und von dort oben das Land überblicken. Obwohl mir ein 500 mm Objektiv zur Verfügung steht sind sie dort in den Wipfeln leider etwas zu weit weg um wirklich gute Bilder zu bekommen.

Niemandsland Nov- 2009  4293

Es ist erstaunlich wie sensibel die Raben und Adler auf Bewegungen reagieren. Schwenkt man das Objektiv etwas zu schnell, fliegen sie sofort zurück in den entfernten Wald. Während die Raben nach wenigen Augenblicken zu ihrem Essen zurückkehren, bleiben die Adler immer für längere Zeit verschwunden. Keiner der majestätisch anmutenden Vögel kommt an diesem Tag in Wunschreichweite. Das Wetter bleibt bis auf kurze Abschnitte weitestgehenst bedeckt. Um kurz nach drei Uhr am Nachmittag ist das Licht schon so diffus, dass ich meine Bemühungen einstelle und das Objektiv in die Wärme der Hütte ziehe. Am kommenden Morgen das gleiche Bild. Die Adler sitzen auf den Baumspitzen und die Raben haben ein Festmahl. Von den Wölfen keine Spur. Gegen Mittag lösen sich die Wolken auf und eine tief stehende Sonne taucht die Szenerie vor uns in weiches Licht.

Niemandsland Nov- 2009  4295

Ab und zu fliegt einer der Adler runter zum Fleisch. Leider nur an das am weitesten entfernteste Schwein, so das auch in diesen Momenten keine Sensationsschüsse gelingen. Höhepunkt des Tages ist der Moment an dem sich zwei Adler auf denselben Ast setzen. Hier gelingt mir das einzige relativ brauchbare Foto. Wenngleich ich einen starken Ausschnitt nehmen muss um eine Bildwirkung zu erzielen.

Niemandsland Nov- 2009  4296

Am Abend gilt es neue Entscheidungen zu treffen. Ich berate mit Lassi wie ich die kommenden Tage am sinnvollsten füllen kann. Die Chance auf wirklich gute Adleraufnahmen aus geringerer Distanz ist hier an dieser Stelle minimal. Deshalb erzählt mir Lassi von einem Adlerpärchen weiter im Norden. Diese werden von ihm und einem Kumpel schon seit fast zehn Jahren angefüttert. Die Distanz zur Kamera beträgt nur dort nur zwanzig Meter. Ein paar Telefonate und eine Besprechung später ist der Plan klar. Lassi fährt in der Nacht zurück zu seinem Haus in Kajaani und ich verbringe eine dritte Nacht im Versteck um die Chance auf einen weiteren guten Fotomorgen zu bekommen. Das Erwachen ist ernüchternd. Der Himmel ist so grau – grauer geht’s wirklich nicht. Es wird auch gar nicht richtig hell. Ohne dass ich einmal auf den Auslöser gedrückt habe steige ich um elf Uhr ins Auto. Für die dreihundert Kilometer nach Kusomo brauche ich fast vier Stunden. Mit erschrecken stelle ich fest das es weiter im Norden weniger geschneit hat. Der Boden ist zwar weiß, die Bäume sind aber Schneefrei. Das ist der Fotokiller schlechthin. Denn ohne weiß auf den Zweigen sind Winteraufnahmen praktisch unmöglich. So langsam werde ich nervös. Doch noch möchte ich die Entscheidung für die Novemberreise noch nicht in Frage stellen. Immerhin habe ich noch viereinhalb Tage. Da kann noch viel passieren.

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