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Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: Steppe

Steppe Teil 1: Mongolei „hinterm Horizont immer weiter“ 17.07.2013

Sie verfolgen mich fast schon auf Schritt und Tritt. Sie sind immer dann am stärksten präsent wenn ich mich in den schönsten Bereichen meiner  Arbeit befinde nämlich auf Reisen in der Natur. Dann fallen sie gnadenlos über mich her und traktieren mich mit der immer wiederkehrenden Frage nach dem Ausweg aus der scheinbaren Ausweglosigkeit. Das geht jetzt schon seid Jahren so, und je mehr ich von dieser Erde entdecken und fotografieren darf, desto intensiver werden die Gedankengänge. Es sind stundenlange Grübeleien zu dem einen Thema, welches über allen anderen Themen steht: – Wie können wir Menschen uns davor bewahren unsere Lebensgrundlagen zu zerstören?

Mir ist klar warum es gerade auf Reisen so intensiv in mir rumort. Alleine die letzten Monate sind eine einzige Aneinanderreihung von unglaublichen Erlebnissen. Ich habe in relativ kurzer Zeit soviel Schönheit sehen und fotografieren dürfen, dass ich fast überschäume vor Begeisterung über die unermessliche Vielfalt von Mutter Natur. Ich weiß was auf dem Spiel steht. Was wir zu verlieren haben. Die globale Situation hat sich mir ganz tief in die Seele gepflanzt. Es sind die zwei Extreme. Das Wunder des Lebens in all seiner Pracht auf der einen, und die gleichzeitig schleichend ablaufende Katastrophe hinein in eine nicht allzu ferne Zukunft aus Mangel und Monotonie auf der anderen Seite.

Wer sich darüber im globalen Kontext Gedanken macht der sollte nicht versäumen  die Zusammenhänge auch auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu bringen – nämlich den des eigenen Lebenskreises. Was global funktionieren soll, muss auch bei Einem selbst möglich sein. Genau da fängt das Bauchweh auch schon an. Ich träume von einer gerechten Welt. In der wir Menschen auf nachhaltige Weise, basierend auf dem Allgemeinwohl und fernab jeglicher Wachstumswahn-Ideologien leben, und als Teile einer intakten, artenreichen Umwelt glücklich sind. Wem das zu kompliziert war, dann nochmals anders ausgedrückt: Es muss sich fast Alles ändern. Gehe ich mit gutem Beispiel voran? Wäre die Welt eine Bessere, lebten sieben Milliarden Markus Mauthe´s auf dieser Erde? Diese Frage werden wir mal ganz nüchtern und ehrlich analysieren. Reisen sie mit mir in die Mongolei, den am dünnsten besiedelten Land der Erde und grübeln sie mit.

Um das Thema „Steppe“ für mein Greenpeace Projekt „Naturwunder Erde“ umzusetzen, habe ich dieses Land ausgesucht, welches so anders ist, als Alles was ich bisher kannte. Stellen sie sich die Wiese hinter ihrem Haus vor, nur so groß wie Deutschland. Das sind die zwanzig Prozent Grassteppe mit der ein Fünftel der Mongolei bedeckt ist. Sie ist das erste Ziel unserer Rundreise. Begonnen hat alles ganz normal mit der üblichen, möglichst schnellen Flucht aus der Stadt. „Ulan Bator“ ist die Hauptstadt und hat den einzigen Internationalen Flughafen des Landes. Jeder dritte Mongole, bzw. Mongolin lebt hier. Ich melde mich beim örtlichen Reiseveranstalter der die kommenden Wochen für mich geplant hat und freue mich dass wir schon am kommenden Morgen der Umarmung der Zivilisation entkommen werden. Ich bekomme nicht das Elend tausender Kinder zu Gesicht, welche obdachlos in den Heizungstunneln der Stadt unter erbärmlichen Umständen hausen müssen. Ich muss auch nicht lange auf die unzähligen Rohbauten starren, die hier wie Pilze aus dem Boden schießen. Was von „Ulan Bator“ bleibt ist die fast schon erheiternde Einsicht, dass auch die Mongolen, die mehr Platz zur Verfügung haben als alle anderen Völker auf der Welt mit Verkehrsproblemen zu kämpfen haben. Die Autos stauen sich praktisch an jeder Ecke des Zentrums. Dabei haben die ehemaligen Pferdeherren doch gerade erst begonnen unseren westlichen Lebensstil zu kopieren.

 Die ersten paar hundert Kilometer auf dem Weg nach Osten sind noch geteert, später beginnt dann das weite Netz der Holperpisten. Ich habe das Glück zwei sehr angenehme und äußerst hilfsbereite Menschen an meiner Seite zu wissen. „Bal“ ist knapp sechzig Jahre alt und als Fahrer mit stoischer Ruhe und Gelassenheit ein zuverlässiger Lotse durch das Meer aus sanften Hügeln. Wie er bisher immer zielsicher den richtigen Pfad gefunden hat ist echt bewundernswert. Schilder gibt es da draußen kaum, oder sie sind oft unlesbar. Andauernd teilen sich die Fahrspuren und führen über den nächsten Hügel scheinbar ins Nirgendwo. Als Köchin und Übersetzerin ist „Jagga“ mit an Bord unseres Kleinbusses. Sie hat von Anfang an verstanden was ich hier in ihrem Land fotografisch umsetzen möchte. Durch unsere gute Kommunikation in Englisch hat sie mir in den vergangenen Tagen schon so manche Tür geöffnet und zu tollen Motivsituationen verholfen. Die Reise scheint unter einem guten Stern zu stehen. Es ist die regenreichste Zeit des Jahres. Von Begin an zeigt sich mir die Mongolei von ihrer schönsten Seite. Das Gras ist grün und die Wolkenberge über dem Horizont meistens präsent um fast jedes Motiv zu veredeln. Natürlich erinnert mich hier vieles an die Savannen die ich in Afrika kennenlernen durfte.

Der Hauptunterschied ist wohl der, das es in der Steppe im Winter richtig Arschkalt wird, während die Savanne wegen ihrer Nähe zum Äquator wirkliche Kälte gar nicht kennt.

Es sind die weiten Ausblicke die so faszinieren. Steht man schon wenige Meter erhöht auf einer Kuppe scheint der Horizont in weiter Ferne zu rücken und dazwischen breiten sich in sanften Wellen verlaufene Hügel aus, die mit den unterschiedlichsten Gräsern bewachsen sind. Wir befinden uns inzwischen in der „Dornod“ Steppe, ein riesiges, nur sehr dünn besiedeltes Gebiet. Die „Dornod“ ist eines der letzten großflächigen Steppengebiete der Erde das sich nahezu in seinem natürlichen Zustand befindet. Es ist das letzte Gebiet in Asien, in welchen die Migration, also die Herdenwanderung großer Huftiere möglich ist.

Das Grasland ist ein Paradies für Vögel. Praktisch ständig fliegen kleine Singvögel auf, die wir bei ihrer Futtersuche am Rande des Weges kurzeitig erschrecken. Es kommen weit über hundert Arten vor, und viele davon haben hier ihre Nistplätze. Erhaben ist der Anblick von den größeren Vögeln wie Bussarde und Steppenadler. Wenn sie ihre Flügel ausbreiten und wie in Zeitlupe davonfliegen erfreut das nicht nur das Herz von Ornitologen. Am zweiten Tag entdecken wir den Horst eines Adlerpärchens an der Oberkante einer Böschung. In Ermangelung von Bäumen sind alle Tiere in der Savanne Bodenbrüter was natürlich nicht ohne Risiko ist, da Jungtiere möglichen Fressfeinden wie Wölfen oder Füchsen schutzlos ausgeliefert sind.  Wir sehen wiederholt Steppenadler am Straßenrand. Sie schwingen mit den Flügeln und hüpfen von uns weg, bevor sie sich dann ganz eng ins tiefe Gras pressen.

Irgendwann verstehe ich, dass es sich hierbei nicht um kranke Exemplare handelt, sondern um Jungtiere die noch nicht in der Lage sind zu fliegen. Sie warten auf die Rückkehr ihrer Eltern.

Von Zeit zu Zeit entdecken wir Kraniche, welche immer zu Zweien unterwegs sind. Bei manchen hat sich der Nachwuchs eingestellt und trottet als hellgrauses Flaumbündel hinter seinen Eltern her.

Immer wieder ziehen Wolken vor der Sonne vorbei und tauchen das Land in ein wunderbares Fleckenmuster aus Licht und Schatten. Doch am eindrucksvollsten  sind die Gewitter die sich während unserer bisherigen Reise fast täglich am Himmel formieren. Pechschwarze Wände die sichtbare Fäden aus Wasser auf die Erde schütten. Durch den Kontrast erscheint die Savanne darunter plötzlich Heller als der Himmel was dem Gras ein kräftiges sattes und somit äußerst fotogenes Grün beschert. Es gibt Zeiten da fahren wir dreißig vierzig Kilometer ohne auf sichtbares Leben zu stoßen, sieht man von den allgegenwärtigen Vögeln und kleinen Nagetieren ab die durch das Gras huschen. Dann erkennt man wieder schwarze, braune und weiße Flecken in der Ferne und weiß, dass es sich aller Voraussicht um eine Herde domestizierter Tiere handelt, welche die Lebensgrundlage der nomadisch lebenden Menschen bilden. Kuhherden sind mir nicht neu, Ziegen und Schafe reißen mich auch nicht vom Hocker. Doch wenn man dann eine große Gruppe Pferde über die weite Ebene rennen sieht hat das schon etwas Würdevolles. Ebenso faszinierend sind für mich die zweihöckerigen Kamele die in kleineren Gruppen in der Landschaft stehen und völlig gelassen vor sich hinkauen.

Es gibt nicht mehr viele Erdteile in denen Menschen bis heute als Nomaden leben. Warum ich das so schade finde versuche ich hier mal zu erklären. „Jagga“ erzählt mir das momentan noch ca. die Hälfte der mongolischen Bevölkerung den traditionellen Lebensstil praktiziert. Ihre Jurten lassen sich schon aus weiter Ferne erkennen, da der Überzug meist aus heller Farbe ist. So wie ich das nach so kurzer Zeit einschätzen kann, hat jede Familie in der Regel zwei Jurten, wobei eine als Kochzelt und die andere als Lebens- und Schlafraum genutzt wird. Die Jurte ist rund und läuft am Dach spitz nach oben zu. Meist steht der Ofen in der Mitte und entlässt einen Kamin an der Öffnung, welche auch als Lichtquelle genutzt wird. Außer eine Tür aus Holz gibt es keine Fenster. Die Grundkonstruktion ist aus einem Holzgeflecht das sich bei Bedarf zusammenschieben lässt und für den Transport nur wenig Raum wegnimmt. Darüber wird dann die Plane gezogen, welche im Sommer am Boden auch leicht angehoben werden kann um die extreme Hitze ein wenig zu neutralisieren. Es ist mir vergönnt bei einigen der Nomadenfamilien einen kurzen Blick in ihren Alltag zu werfen.

Etwa als „Bal“ sich nicht sicher war ob er die richtige Abzweigung genommen hat. Dabei fährt er einfach bis an die Jurten der Menschen heran. Wir haben Orte gesehen wo einzelne Familien leben, aber auch im Zusammenschluss mit zwei drei anderen Familien welche meist untereinander verwandt oder eng befreundet sind. Wenn ich den Ritus recht verstanden habe wird man als Fremder immer als Gast behandelt. Warum sonst würde „Bal“ zielsicher die Jurte ansteuern, obwohl Teile der Familienmitglieder auch im Freien stehen und unaufgefordert im Wohnzimmer Platz nehmen. Ich glaube im Händeschütteln als Zeichen der Begrüßung sind die Mongolen eher zurückhaltend. Fast ohne dass Worte gewechselt werden, bekommt man dann als Besucher eine Tasse Tee und aus gegorener Milch hergestellte Leckereien serviert. Bei Letzterem habe ich höflich abgelehnt, in Erinnerung daran, dass mein zivilisationsverweichlichter Magen seine verdaulichen Grenzen sehr schnell erreicht. Zuerst dachte ich wir sind nicht sonderlich erwünscht, den drauflos geplappert haben meine mich umgebenden mongolischen Mitmenschen nicht. Erst nach und nach wird ganz gemütlich über Dies und Das gesprochen und ich merke, dass hier alles seine Richtigkeit hat.

Andere Länder andere Sitten. Ich stelle mir vor wie es wäre wenn man bei uns in Deutschland einfach unangemeldet in ein fremdes Haus geht und in Erwartung von Kaffee und Kuchen sich auf das Sofa fläzt. Wer nun erwartet in der Jurte herrscht das pure Mittelalter, der wird erstaunt sein. Es gibt kaum eine Familie, die nicht eine Solar- Panele vor der Türe stehen hat und eine Satellitenschüssel hinter dem Zelt. In jeder Jurte die ich bisher betreten habe steht ein kleiner Flachbildschirm. Die Menschen haben Handys und zur Fortbewegung nutzen viele heute Motorräder aus China. Fast jede Familie hat entweder einen Geländewagen oder einen Kleinlastwagen. Zweimal im Jahr wird das ganze Hab und Gut zusammengepackt und darauf verladen um vom Sommerlager ins Winterlager zu reisen und wieder Zurück. Die Moderne ist also auch im hintersten Winkel der asiatischen Steppe angekommen. Trotzdem gibt es elementare Unterschiede zu den Leuten, welche sich für ein Leben in der Stadt entschieden haben. Die Nomaden sind praktisch bis heute Selbstversorger. Alle Abläufe sind perfekt auf den Rhythmus ihrer Tiere abgestimmt.

Sie versorgen die Menschen mit Nahrung aus Fleisch und Milchprodukten. Der Tier-Dung wird zum Heizen verwendet was weniger ekelig ist als sich mancher Leser an dieser Stelle denken mag. Getrockneter Dung von Pflanzenfressern ist praktisch fast geruchslos und ein wirklich guter Brennstoff. Im Ablauf ihres Alltages wird so gut wie kein Müll erzeugt und die sie umgebende Natur wird nicht übernutzt. Das Land findet Erholung wenn die Familie den Standort wechselt. Natürlich haben die Mongolen den Vorteil, dass sie unheimlich viel Platz zur Verfügung haben trotzdem sich die Bevölkerung in den letzten dreißig Jahren verdoppelt hat. Ein Land indem es so einfach wäre meine am Anfang des Artikels beschriebene Version einer besseren Welt umzusetzen. Es ist alles vorhanden, um nachhaltig und schonend ein zufriedenes Leben zu führen. Sollte man meinen, denn auch die Mongolei ist ein Spiegelbild der globalen Situation. Dem Touristen erschließen sich diese Probleme wegen der puren Ausdehnung des Landes, allerdings nicht gleich auf den ersten Blick. Ich bin erschrocken als mir „Jagga“ erzählt, das auch in der Mongolei immer mehr Menschen den Weg in die Städte suchen und das Leben in der Natur hinter sich lassen wollen. Sie selbst glaubt nicht das es in ein paar Jahrzenten noch viele Familien gibt, die den Jahreszeiten folgend, über die Steppen ziehen. Warum das so ist hat viele Gründe, und keiner davon ist gut. Ich denke für die Meisten ist einfach der Gedanke zu verlockend, die körperliche Arbeit in der Natur gegen ein einfacheres Leben in massiven vier Wänden einzutauschen. Bei aller Romantik die so ein Leben mit den Elementen für den Besucher ausstrahlt, ist das Nomadendasein auch heute noch trotz technischer Hilfsmittel extrem Hart. Eisige Kälte von dreißig, vierzig Grad unter Null im Winter und sengende Hitze in den Sommermonaten sind klimatische Extreme wie sie kaum in einem anderen Erdteil vorkommen.

Wenn man nichts Anderes kennt, entstehen sicher keine Sehnsüchte auf Veränderung. Doch jede Familie hat inzwischen Verwandte in den Dörfern und Städten, und auch die Kinder der Nomadenfamilien gehen dort zur Schule. Über die Satellitenschüsseln erfolgt eine permanente Berieselung welche einen Lebensstil präsentiert, der so verlockend erscheint, das wohl kaum ein Mensch davor gefeit ist Bedürfnisse nach Veränderung zu verspüren. Doch in dem Moment wo die Leute ihre Jurten auf die Pritsche packen und die Traditionen aufgeben, werden sie von Nomaden zu Konsumenten. Das erfreut die produzierende Industrie und verschärft die grundsätzlichen Probleme des Planeten Erde. Die Menschen kaufen ab jetzt im örtlichen Supermarkt Produkte welche in ihrem Leben auf dem Land nicht notwendig oder außer Reichweite waren. Auch in der Mongolei stehen die Regale voll mit Allem was man sich denken kann. Jeder Einkauf verursacht Müll. Jeder Müll ist ein Problem. Um sich die Dinge im Supermarkt kaufen zu können brauchen die Menschen einen Job damit sie überleben können. Wie praktisch das die Mongolei so reich an Bodenschätzen ist. Viele Arbeiter finden in der Industrie ein Auskommen und helfen großen Konzernen aus dem Ausland z.B. großflächig Kohle abzubauen. Diese wird dann z.B. im Nachbarland China in schmutzige Energie verwandelt. Der Nomade der im Einklang mit seiner Umwelt mit einem kleinen Motorrad über die Steppe zieht hat eine recht gute Ökobilanz.

Der Kohleförderer, der dazu westliches Konsumverhalten praktiziert trägt massiv zur Vergrößerung der Probleme bei. Gerade die Steppe ist ein fragiler Lebensraum. Der Wüste nicht fern ist sie vielleicht mehr als alle anderen Lebensräume auf ausreichend Wasser als Lebensquell angewiesen. Durch die immer stärker ansteigende Menge an Treibhausgasen die wir Menschen in die Atmosphäre blasen (z.B. durch die Verbrennung von Kohle zur Energiegewinnung) heizen wir das Klima massiv an. Es kommt zu Verschiebungen des Wetters. Kreisläufe des Lebens werden zerstört, Regionen trocknen aus. Aus Steppen werden Wüsten und Lebensraum geht verloren. Natürlich sind diese Abläufe von mir vereinfacht geschildert, aber es geht mir darum zu zeigen, das alles irgendwie zusammen hängt. Eine Ursache hat eine Wirkung. Immer. Und ich? Darf ein Vielflieger und Weltreisender wie ich überhaupt solche Zusammenhänge aufzeigen ohne sich der Scheinheiligkeit auszusetzen? Schließlich sehe ich wie sich am Ende eines jeden Reisetages die Plastiktüte voll mit Müll gefüllt hat. Drei Personen, eine Tüte Müll pro Tag. Mich erschaudert bei dem Gedanken wie viele Wasserflaschen aus Plastik ich auf meinen Reisen bisher gelehrt habe. Jeder Keks den ich esse, jeder Käse den ich mir aufs Brot schmiere ist in Plastik verpackt. Umgewandeltes Erdöl, das nach einmaligem Gebrauch wenn wir Glück haben auf irgendeiner Müllkippe landet, wo es dann hoffentlich nicht vom Wind über die Weite der Steppe getragen wird. Oder es wird einfach verbrannt, was wiederrum CO2 freisetzt. Tue ich genug um ökologisch zu Reisen? Gibt es das überhaupt? Fakt ist, das wir uns nicht komplett frei von Sünde machen können, aber wir können so wahnsinnig viel verbessern ohne dabei unsere Freiheit aufzugeben und wieder zurück auf die Bäume zu müssen. Naturgemäß werde ich nicht damit anfangen weniger zu Reisen. Für mich ist das Reisen ein wichtiger Bestandteil meiner Persönlichkeitsentwicklung. Reisen bildet mich, lässt mich Erfahrungen machen, weitet meinen Horizont und lehrt mich Toleranz und Weltoffenheit. Kurz, es macht einen besseren Menschen aus mir, davon bin ich überzeugt. Ich schäme mich auch nicht, dass ich mich jedes Mal freue wenn ich Menschen begegne, die im Gegensatz zu mir mit dem einfachen naturnahen Leben zufrieden sind. Der Weg in die Jurte ist mir versperrt, dazu bin ich zu sehr geprägt vom ständigen Medienkonsum und permanentem Aktionismus. Ich bin nun mal ein Kind westlicher Strukturen, und da muss ich ansetzen. Wäre die Welt besser wenn es sieben Milliarden Markusse gäbe? Ja und Nein. Mein Leben wie ich es in der jetzigen Art und Weise führe würde bei einer Versiebenmilliardenfachung den Planeten komplett verwüsten. Bei soviel Rohstoff und Energiebedarf wäre der Planet praktisch in Nullzeit ausgeweidet. Doch angenommen jeder Mensch ist meiner Meinung dann wäre die Welt schon heute längst eine Andere.

Spätestens nachdem der „Club of Rome“ Anfang der siebziger Jahre seine ersten Prognosen zum Zustand der Erde veröffentlichte, hätte die Menschheit mit all ihrer durchaus vorhandenen Kreativität den Abschied von Öl du Kohle eingeleitet und die gesamte Welt wäre schon längst zu hundert Prozent mit erneuerbaren Energien versorgt. Damit wäre ein Riesenschritt in die richtige Richtung vollzogen. Die Idee vom unbegrenzten Wachstum in einer begrenzten Welt hätte sich nie durchgesetzt und der auf Egoismus und Verdrängung basierende Kapitalismus wäre nie zum Zuge gekommen. Nein ich bin kein Kommunist, da gibt es doch viele Andere, bessere Ansätze. Ohne den Kapitalismus, der diejenigen die eh schon viel haben weiter fördert, (ob legal oder illegal angeeignet) hätten globalen Konzerne wie Nestle, Coca Cola, Shell und wie sie alle heißen gar nicht so machtvoll werden können. Die Produktionsketten wären kleiner, lokal und dezentral. Viel mehr Menschen wären in Lohn und Brot, Rationalisierung ein Schimpfwort, Aktien und riskante Geldgeschäfte illegal und Produziert wird auf Bedarf und nicht nach Werbemacht. Jede Verpackung würde als Rohstoff angesehen und mit Sorgfalt behandelt. Produzenten wären für den gesamten Kreislauf zuständig, „cradle to grave“. Wer irgendwas produziert muss auch recyceln und erneuern. Müll gibt es keinen mehr. Nahrung wird frei von Chemie und gentechnischer Manipulation in kleinen Betrieben naturnah produziert und an die Bevölkerung in der unmittelbaren Umgebung verkauft. Ich brauche keine Mango aus Übersee wenn ich auch mit meinem heimischen Obst reichlich Auswahl habe. Fleisch gäbe es nur noch an Feiertagen als wirklich besonderes Ereignis oder höchstens einmal in der Woche. Die Tiere würden in artgerechter Haltung ein Leben in Würde verbringen bevor sie auf den Teller kommen. Massentierhaltung, Tierversuche und sonstige Untaten wie die Großwildjagd zur Vergnügung  kranker reicher Idioten wären Geschichte da gesellschaftlich geächtet. Die Lichtverschmutzung wäre von heute auf morgen beendet. Ein Großteil aller nachts brennender Lichter ist völlig überflüssig und kostet nur unnötig Geld und Milliarden Insekten das Leben. Das Abholzen von Urwald würde weltweit verboten sein. Der Handel mit illegalem Holz wird mit drakonischen Strafen geahndet. Das Abbrennen von Feldern würde ebenfalls als Sinnlos erkannt sein und Unglauben hervorrufen, das es so etwas früher mal gegeben hat. Die industrielle Fischerei würde beendet und lokale Familienbetriebe gefördert, ebenso in der Landwirtschaft. Es gäbe noch soviel mehr an Dingen die wir unmittelbar tun könnten um Dinge auf der Welt zu verbessern. Doch wer der Mächtigen hat schon ein Interesse an Veränderungen hin zum Allgemeinwohl? Welcher Superreiche würde sich mit Lohnobergrenzen abfinden?

Wenn ich schon am träumen bin so hätte ich gleich gerne eine Weltgemeinschaft mit einer Weltregierung in der jedes souveräne Land Beisitzer sendet die auf friedliche Weise Probleme beraten und lösen. Militär gäbe es nicht mehr. Jedes Land hat aber ein gewisses Kontingent an Ordnungshütern. Denn der Mensch braucht Regeln, Werte und Grenzen an die er sich halten muss, und Kontrollen die diese auch durchsetzen. Alle Strukturen sind in freier Wahl vom Volk bestimmt. Lobbyismus, um wirtschaftliche Interessen Einzelner vor das Wohl der Allgemeinheit zu stellen ist abgeschafft. Das Geld welches früher in unsinnige Rüstung gesteckt wurde, kommt in einen globalen Fond zur Verbesserung lokaler Lebensbedingungen. Haushalte in Afrika, Asien und überhaupt überall wo die Menschen gezwungen sind mit dem knappen Rohstoff Holz zu heizen, bekommen Solarkocher und erneuerbare Energie aufs Dach. Mit dem Geld werden zerstörte Naturräume wieder repariert, und Menschen geholfen die bei Katastrophen zu Schaden kommen. Jeder bekommt freien Zugang zu klaren Wasser. Außerdem wird nur ein minimaler Teil vom Fond nötig sein um allen Kindern dieser Erde eine Schulbildung zu ermöglichen. Hauptfach ist „Nachhaltigkeit“ und „Sozialkunde“. Der Wegfall des Militärs wird nach und nach auch zur weiteren Säkularisierung führen. In meiner Gedankenwelt hat zwar Jeder das Recht zur freien Religionsausübung. Doch wird allen Menschen auf der Welt mit dem globalen Fond geholfen, verlieren zuerst die radikalen Kräfte wie der islamische Fundamentalismus an Einfluss, und später erkennen mehr und mehr Menschen das es eine Kirche die sich selbst weit über ihre Schäflein stellt, gar nicht mehr braucht. Es ist die „Schöpfung“ an sich, um mal im kirchlichen Sprachgebrauch zu bleiben, welche uns Zufriedenheit und Sicherheit schafft. Der glückliche Mensch findet wieder einen direkteren Zugang zu seinen Ursprüngen und der Erkenntnis dass er selbst Teil der Natur ist.

Der Planet Erde kann mühelos zehn Milliarden Menschen ernähren, davon bin ich überzeugt. Die Lösungen sind vorhanden, doch leider auch ein ganz bestimmtes Verhaltensmuster, nämlich unsere Gier nach Mehr, als dass was wir tatsächlich brauchen. Deshalb habe ich auch ernsthafte Zweifel ob die Spinnereien eines naturfotografierenden „Gutmenschen“ Markus Mauthe jemals eine Chance haben zumindest in Ansätzen zu entstehen. Doch jede Utopie beginnt mit einem Traum, jede Reise mit einem ersten Schritt. Deshalb werde ich auch weiterhin in die Welt hinausziehen um ihre Schönheit mit meiner Kamera festzuhalten und bei möglichst vielen Vorträgen möglichst viele Menschen zu erreichen, welche nicht die Möglichkeiten haben wie ich. Es sind vielleicht nur ein paar Wenige die durch meine Bilder und Geschichten ihre Liebe zur Natur wiederentdecken oder verstärken. Ich werde damit die Menschheit sicher nicht auf eine neue Bewusstseinsebene heben können. Ein Tropfen verdunstet sehr schnell auf dem heißen Stein, doch viele Tropfen füllen einen See und können Veränderung bringen wo vorher pure Ödnis war. Vielleicht bin ich solch ein Tropfen der sich mit vielen Anderen vereint und irgendwann das Blatt zum Guten wendet. Gerade in solch einem großartigen Land wie die Mongolei sehe ich wieder, dass es noch nicht zu spät ist. Es ist noch soviel Wunderbares vorhanden für das es sich zu kämpfen lohnt.

 

Als wir am dritten Abend unserer Reise plötzlich vor einer Herde von tausenden Mongoleigazellen stehen kann ich mein Glück kaum fassen. Der pure Zufall hat uns an den Ort geführt. Auch diese Tiere haben schon einen Großteil ihres Lebensraumes an den Menschen verloren, doch hier im Osten der Mongolei ziehen sie nach wie vor ihre Runden. Geplante Pipelines und Ölbohrungen, der Bau von Straßen und Bergbau werden den Lebensraum dieser Tiere in der Zukunft auch weiterhin einschränken und abschneiden. Doch im Hier und Jetzt stehen sie vor mir und begeistern mich durch ihre pure Anwesenheit.

Es ist ein ziemliches Getöse welches die Menge an Gazellen verursacht. Weit über die Ebene sind ihre Laute zu hören. Ich sehe hauptsächlich Weibchen mit ihren Jungtieren die dort vor uns grasen. Jetzt erwacht mein Jagdinstinkt. Das Schöne ist, das bei meiner Art des Jagens kein Tier zu schaden kommt, und die Trophäe ein auf die Festplatte gebannter eingefrorener Augenblick ist. Natürlich habe ich auf einer Rundreise nicht endlos Zeit um mich an diesem Thema festzubeißen. Doch zwei Sonnenauf- und zwei Sonnenuntergänge plane ich ein. Wir campieren etwas abseits der Herde und beraten wie ich am Besten zu meinen Bildern komme. Ich liebe auch bei Tieraufnahmen ein weiches Licht das starke Schlagschatten vermeidet. Wenn die Sonne beleuchtet dann muss es eine zarte Strahlung sein. Goldenes Licht welches bei klarer Sicht immer nur wenige Minuten am Morgen und Abend existiert. Moderne Digitaltechnik ermöglicht mir inzwischen auch bei wenig Licht in guter Bildqualität zu arbeiten. Mit bis zu 2000 ASA Chipempfindlichkeit kann ich bis lange nach Sonnenuntergang mit warmen langwelligem Strahlen eine schöne Atmosphäre erzeugen. Das gleiche gilt für die Zeit vor Sonnenaufgang.

Alle vier Versuche die ich habe führen letztendlich zu verwertbaren Bildern. Der einmalige Superschuss ist nicht dabei, dafür ist die Zeit einfach zu kurz. Als ich mich an einem Morgen in meinem angepeilten Versteck an der falschen Stelle sehe, weil die Tiere sich von mir wegbewegen, erhebe ich mich einfach und laufe langsam auf sie zu. Die Fluchtdistanz der Tiere ist relativ hoch. Doch mit der Hilfe des 600 mm Objektives bleiben zum Glück genügend Inhalte übrig wenn ich später am Computer den Bildausschnitt an die Gazellen anpasse. Einmal habe mich im hohen Gras versteckt und die Tiere auf mich zulaufen sehen, ein anderes Mal sind wir mit dem Auto langsam an ihnen vorbeigefahren und ich habe aus dem offenen Fenster geknipst. Wenn in der Herde Alarm ausgelöst wird, fangen Alle auf einmal an zu rennen. Wie schnell sie sind – es ist faszinierend. Besonders die Jungtiere sind lustig anzusehen wenn sie in großen Hüpfsprüngen das Weite suchen.

 Eine große Anzahl freilebender Tiere in ihrer natürlichen Umgebung zu beobachten ist etwas vom Schönsten was man als Naturfreund erleben darf.

Wir verlassen die „Dornod“ Steppe im Süden und fahren unweit der chinesischen Grenze durch ein Gebiet in dem es vor Urzeiten starke vulkanische Aktivitäten gegeben haben muss. Über zweihundert erloschene Krater erheben sich hier aus der Landschaft. Viele sind im Laufe der Zeit aber von den Elementen soweit abgeschliffen worden dass sie kaum noch als solche erkennbar sind.

Wir steuern die höchste Erhebung an, den über 1700 m Hohen “Shilyn Bogd“. Er ist für die Buddhisten ein „heiliger Berg“, an dessen höchsten Punkt auch ein kleiner Schrein steht und ein großer Steinhaufen den die Gläubigen umrunden. Normalerweise warte ich an Orten wie diesem in völliger Einsamkeit auf den Tagesanbruch um die unter mir liegende Landschaft zu fotografieren. Doch heute bin ich erstaunt, dass schon in aller Frühe an die zwanzig Mongolen neben mir stehen um den Sonnenaufgang zu erleben. Die Aussicht ist berauschend.

Die einzelnen Krater sind in allen Himmelsrichtungen zu erkennen. Der Blick in Süden fällt über die Grenze direkt nach China. Als sich ein knallroter Sonnenball über den Horizont erhebt begrüßen meine Mitbergsteiger den neuen Tag mit einem freudigen Jauchzen und Hurra. Ich selbst versuche die wenigen Augenblicke des perfekten Lichtes so effizient wie möglich zu nutzen. Beim Anblick der schönen Landschaft gerade auch auf der chinesischen Seite muss ich unweigerlich daran denken, das in diesem Land im vergangenen Jahr im Schnitt an jedem zweiten Tag ein Kohlekraftwerk ans Netz gegangen ist. Der absolute Horror. Sie lassen mich einfach nicht los die Gedanken, besonders nicht auf dieser Reise.

 

 

 

 

 

 

 

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