Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: Tamangur

Hoch oben im Arvenwald 13.01.2010

Es gibt weltweit etwa neunzig Kiefernarten. Eine davon ist die Zirbelkiefer, welche in der Schweiz auch Arve genannt wird. Ich bin in die Ostschweiz gereist um den höchstgelegenden, geschlossenen Arvenwald zu fotografieren. Die Aktion erweist sich als schwieriger durchführbar als ich dachte (aber nur weil ich vorher nicht gründlich recherchiert habe). Dafür wird mir ein anstrengendes aber wunderschönes Schneeerlebnis beschert. Im Engadiner Skiort Scuol weist ein Schild auf das kleine Bergdorf S-charl hin. (S-charl schreibt man wirklich so)  Es bildet den Ausgangspunkt für die Wanderung in den 2322m hochgelegenen Arvenwald mit dem Namen „God da Tamangur“.

Tamangur   308

Eine kleine schneebedeckte Straße windet sich steil den Berg hinauf. Rechts und links sehe ich alte großgewachsene Fichten und Kiefern. Während die Hänge um Scuol meist von Skipisten geprägt sind, ist die Natur in diesem Tal erfreulich intakt. Nach drei Kilometern ist Schluß. Vom Pferdegestüt San Jon geht es die restlichen zehn Kilometer nur zu Fuß oder mit der Pferdekutsche weiter. Ich entscheide mich den Weg durch die Clemgia Schlucht zu Fuß zurückzulegen. Imposante Geröllfelder, steile bewaldete Bergflanken und eine wildromantische Flusslandschaft, die in Jahrmillionen diesen Einschnitt in den Bergen formte, machen den Marsch zu einem optischen Erlebnis. Doch der Preis den ich zahle ist hoch. Zwei Rucksäcke zehn Kilometer weit den Berg hinauf schleppen, lassen mich meine körperlichen Grenzen erkennen. Ich bin fix und fertig als ich gegen Mittag im Wirtshaus Major in S-charl ankomme. Ich gönne mir eine Stunde Pause und mache mich dann nur mit Schneeschuhen und Fotoausrüstung ausgestattet an den Aufstieg zum Tamangur. Wintertage sind kurz. Der Weg über den Pass ist bisher noch nicht gespurt worden, so dass ich nur langsam vorankomme. Nach weiteren vier Kilometern erreiche ich den Rand des Arvenbestandes welcher seit 2007 als Waldreservat geschützt ist.

Tamangur   310

Das Wäldchen ist recht klein, verdient aber Aufmerksamkeit. Die Schweizer sind ein Volk das seit jeher eine intensive Almwirtschaft betreibt. Über Jahrhunderte wurden die Arven als unliebsame Konkurrenz gesehen, die den Grasbewuchs behindern. Futter für das Weidevieh auf den Hochalmen wurde weggedunkelt, weshalb die Bäume raubbauartig geschlagen wurden. Arvenholz wächst sehr langsam. Dafür haben die Bäume eine Lebensdauer von bis zu 1000 Jahren.

Tamangur   311

Aufgrund ihrer Trägwüchsigkeit hielt man es nie für lohnend die Zirben (wie sie auch genannt werden) wieder aufzuforsten. Gegen Mittag ziehen immer mehr Wolken auf, so dass ich schon bald meine Pläne von Fotos im schönen Abendlicht aufgeben muss. Mit schweren Füßen mache ich mich, ohne eine Aufnahme im Kasten, auf den Rückweg ins Nachtlager. Kurz nach dem Abendessen falle ich unmittelbar in tiefen Schlaf. Die 18 km Schneewandern machen sich bemerkbar. Der Wecker klingelt am nächsten Morgen unbarmherzig um halb sechs. Mit Freuden blicke ich in einen klaren Sternenhimmel. Bei sechs Grad minus mache ich mich an den erneuten Aufstieg zum Tamangur. Es ist fast Neumond, so dass mir eine kleine Stirnlampe helfen muss, nicht wieder in die Stellen zu treten an denen mich der tiefe Schnee am Vortag hat einsinken lassen. Die minimale Beleuchtung der Sterne genügt um die Berge mystisch aus der Dunkelheit zu heben. Es herrscht absolute Stille. Nur das Knirschen des Schnees, der unter meinem Gewicht nachgibt, ist zu vernehmen. Doch die Stille trügt. Das Hochtal ist voller Leben. Im frischen Schnee sehe ich zahlreiche neue Tierspuren die während der Nachtstunden meinem Pfad gekreuzt haben. Das erste Dämmerlicht des Tages bildet schöne Silhouetten der Berge und Wälder vor einem tiefblauen Morgenhimmel. Die folgende halbe Stunde, also die Zeit vor dem Sonnenaufgang, ist pure Magie. Für viele Fotomotive in der Naturfotografie ist diese Tageszeit perfekt. Für Leute die einfach nur die Schönheit der Erde genießen wollen, sei dieser Abschnitt des Tages unbedingt zum erkunden empfohlen.

Tamangur   309

Ich erlebe den Tagesanbruch zwischen Jahrhunderte alten Kiefern. Während die Sonne die Berggipfel in goldenes Licht taucht, bleiben die Bäume im Schatten des beidseitig aufsteigenden Berghanges. Kiefern sind auch deswegen so faszinierend, weil sie, anders als die meist kerzengeraden Tannen und Fichten, oft individuelle Baumgestalten annehmen. Durch ihre Standorte in oftmals windigen Gegenden, passen sie ihr Wachstum dem Widerstand an. So bilden sie individuelle Formen, die sie von ihren Artgenossen unterscheiden.

Tamangur   312

Wälder in Schneelandschaften zu fotografieren ist nicht ganz leicht, weil in sehr vielen Lichtsituationen der weiße Schnee mit dem dunklen Holz einen unüberwindbaren Kontrast bildet. Wenn man bei bedecktem Himmel eine Schneelandschaft betrachtet, so wirkt diese wie eine schwarz-weiß Aufnahme. Der harte Kontrast lässt Zwischentöne wie das Grün von Baumnadeln fast verschwinden.

Tamangur   313

Ich bin nach diesem Morgen sehr zufrieden mit meiner Ausbeute und laufe mit schweren Füßen zurück ins autofreie Dörfchen S-charl. Von dort aus genieße ich die Fahrt in der Pferdekutsche durch die märchenhafte Winterlandschaft zurück nach Scuol. Der Kontrast könnte kaum größer sein. Es ist fast wie eine Zeitblase der man entsteigt, wenn man das Tal wieder verlässt. Sehr schnell hat einen die Realität wieder. Grauer Schneematsch, Straßen voller LKW und skibeladener SUV´s heimfahrender Urlauber, katapultieren einen sofort wieder zurück in den Alltag.

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