Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: Tauchen

Ozean Teil 4: „Grenzgang“ 05.04.2013

Rechts und links von mir springen David und Richard ins Wasser. Ich prüfe ein letztes Mal ob mein Atmungsgerät funktioniert, führe meine linke Hand zur Maske um sie zu fixieren und lasse mich rücklings vom Bootsrand in den warmen Ozean fallen. Die See ist recht aufgewühlt. Bevor mich die Wellen vom Boot entfernen greife ich nach der Kamera die mir unser Kapitän über den Bordrand reicht. So schnell es mir möglich ist tauche ich unter die Wasseroberfläche ab. Sofort wird es ruhiger. Ich sehe wie sich meine zwei Kameraden immer weiter absacken lassen. Bevor ich es ihnen gleichtue, richte ich die Blitzarme der Kamera aus, schalte alle Geräte ein und orientiere mich.

Wir haben den Hafen heute noch in der Dunkelheit verlassen und sind weit hinaus zum Außenriff gefahren um Zeuge eines außergewöhnlichen Naturschauspiels zu werden. Richard ist Tauchführer und erkundet das Marine Leben bei Palau seid vielen Jahren. Wir freuen uns darauf ihn begleiten zu dürfen.  In ungefähr zwanzig Metern Tiefe erreichen wir die Plattform des Riffs. Es sieht aus wie ein Tafelberg  unter Wasser.  Schon beim Näherkommen kann ich die Bewegungen einer großen Masse sehen welche über der Ebene schwebt und sich in ihrer Form ständig verändert. Kurze Zeit später erkenne ich das es sich dabei um tausende Individuen handelt die sich im Schutze des Schwarmes zusammen gefunden hat. Bis zu zwanzigtausend Exemplare des „roten Schnappers“ haben sich hier kurz vor Vollmond versammelt. Sie treffen sich zum Laichen und das bedeutet wenn wir Glück haben werden wir Zeugen großer Action sein.

Schon allein der Anblick von so vielen Fischen ist ein Erlebnis für mich und ich muss mich am Riemen reißen nicht allzu aufgeregt zu sein. In achtzehn bis zwanzig Metern Tiefe ist der Luftverbrauch schon recht hoch, besonders wenn man seine Bewegungen nicht bewusst kontrolliert. Es gelingt mir nur zum Teil denn jede Bewegung mit der Kamera ist ein gewisser Kraftaufwand. Ich nähere mich den Tieren bis ich von allen Seiten von ihnen umgeben bin. Es ist unglaublich. Ein Teil des Schwarms entfernt sich von der Mehrheit und lässt sich über der steil abfallenden Kante der Riffplatte in die Tiefe fallen. Es geht los. Ich versuche in unmittelbarer Reichweite der Ausreißer zu bleiben. Es sind einige hundert Tiere die nun zum sogenannten „Tiefensprung“ ansetzen.

Männchen und Weibchen beginnen sich in ihrem Schwimmverhalten zu synchronisieren und steigen dann in rascher Geschwindigkeit mehrere Meter nach oben. Dadurch erhöht sich der Druck im inneren der Fische und ermöglicht ein schnelleres ausstoßen von Sperma und Eiern. Das geht alles so schnell von Statten.

Das Wasser beginnt sich trüb einzufärben als die Männchen ihren Beitrag leisten und ihr Sperma verlieren. Plötzlich mischen sich auch jede Menge Räuberfische unter die Schnapper. Sie haben weit geöffnete Mäuler und versuchen sich wohl soviel Laich wie möglich einzuverleiben. Mein Blick fällt auf den Tauchcomputer. Die Luft ist schon über die Hälfte aufgebraucht obwohl ich erst eine knappe viertel Stunde abgetaucht bin. Der Tiefenmesser zeigt 35 Meter. Das ist nicht „Ohne“. Ich darf auf keinen Fall vergessen auf die “Grundzeit“ zu achten. Zu lange in großer Tiefe kann gefährlich werden, besonders wenn man nicht mehr ausreichend Luft hat um dann langsam an die Oberfläche zu kommen. Ich versuche immer alle Geräte im Auge zu behalten und an die wichtigsten Grundlagen des sicheren Tauchens zu denken. Doch was meine Augen unmittelbar darauf erblicken, lässt mich dann doch fast in Ekstase fallen. Das Spektakel hat weitere Neugierige angelockt. Ich sehe einen größeren Körper unter den laichenden Schnappern entlanggleiten und brauche nicht viel Zeit um zu erkennen, dass es sich hierbei um einen Hai handelt.

Das es keiner der verhältnismäßig kleinen Riffhaie ist wird mir klar als er den Schwarm in einem Bogen umrundet und dabei in ruhigen gleichmäßigen Bewegungen in meiner Richtung schwimmt. Jetzt heißt es ruhig bleiben, keine Panik oder allzu große Freude. Ich versuche mir ins Gedächtnis zu rufen was David mir über Haibegegnungen erzählt hat. Wenn möglich solle ich die Atmung anhalten, denn die Tiere haben vor den austretenden Luftblasen eher Angst und kommen nicht allzu Nahe. Ich mache mir keine großen Illusionen darüber, dass mir das mehr als ein paar Sekunden gelingt könnte. Außerdem kommt der Hai mir eh schon erfreulich nahe. Ich fixiere ihn mit der Kamera und versuche die richtigen Einstellungen zu erwischen. Ich bin aufgeregt und irgendwie fahrig in meinen Gedanken. Das Tier ist drei bis vier Meter groß und wunderschön anzuschauen. Ob ich in diesem Moment Angst habe weiß ich ehrlich gesagt gar nicht. Schon wenige Sekunden später ist er aus meiner Reichweite verschwunden, so dass ich es eher bedauere zu wenig Kraft zu haben um ihm zu folgen. Richard wird mir später berichten, das ich eine Begegnung mit einem Bullenhai hatte und David erzählt das so mancher Taucher hunderte von Tauchgängen braucht um diese Tiere in freier Wildbahn zu sehen. Manchmal muss man halt auch Glück im Leben haben und zur rechten Zeit am rechten Ort sein. Ich werfe einen Blick auf meine Daten und merke, dass ich mich auf 42 Metern Tiefe befinde. Das ist nicht gut. Deswegen auch die Schwierigkeiten bei der Konzentration.  Ich habe gerade den Ansatz eines Tiefenrausches erlebt. Ich muss zusehen, dass ich geordnet aber zügig an die Oberfläche komme. Ich orientiere mich und lasse mich langsam nach oben aufsteigen. Doch es ist noch nicht vorbei.

Plötzlich bin ich von hunderten von Barrakudas umgeben. Diese länglichen Fische scheinen neugierig zu sein. In einem großen Bogen umkreisen sie mich einige Male. Ich versuche mit der Kamera den Bewegungen zu folgen um diese Begegnung mit möglichst vielen Fischen auf dem Foto zu dokumentieren. So schnell sie aus dem tiefen Blau des Ozeans aufgetaucht sind, so schnell sind sie auch wieder verschwunden. Plötzlich bin ich absolut alleine. Ich sehe weder das Riff, noch laichende Fischschwärme, noch meine Tauchfreunde. Währe ich nicht sowieso schon beim Aufstieg gewesen so müsste ich Diesen jetzt unmittelbar beginnen. So schnell kann man unter Wasser die Orientierung verlieren. Meine Luft reicht gerade noch aus um in fünf Metern Tiefe einen dreiminütigen Sicherheitstop zu machen, dann erreiche ich die aufgewühlte Wasseroberfläche. Ich blase meine rote Boje auf und schwenke sie über mir. Die Begegnung mit den Barrakudas hat mich einige hundert Meter vom Boot abtreiben lassen. Ich bin froh, dass unser Kapitän aufmerksam ist und mich zwischen den Wellen recht zügig erkennt. Theoretisch kann mir mit aufgeblasener Tauchweste nichts passieren, doch die hohen Wellen lassen Einen, wenn man nicht aufpasst, immer wieder Salzwasser schlucken, und die Strömung könnte mich im schlimmsten Fall immer weiter vom Boot wegtreiben.

 

Als ich am Abend mit David in unserer Lieblingsbar sitze und meinen Mangosaft schlürfe, wird mir mal wieder bewusst was für ein unglaubliches Glück ich habe diesen Beruf ausüben zu dürfen. Was wir Zwei  haben erleben dürfen ist mit keinem Geld der Welt aufzuwiegen. Teilzuhaben an den Wundern die dieser Planet bereithält ist das Höchste aller Güter welches ich mir wünschen kann. Heute bin ich aber auch an meine Grenzen gestoßen. „Tiefer“ oder „Länger“ wäre nicht möglich gewesen. Die Natur lehrt uns auch immer wieder unserer Fehlbarkeit und Winzigkeit in den Weiten der Elemente bewusst zu werden. Vielleicht ist es deshalb für Viele so schwer zu glauben, dass unsere Spezies in der Lage sein soll, das Gleichgewicht der Erde schon nachhaltig gestört zu haben. Wir sind, wie der Fischschwarm auch, Lebewesen die in Massen auftreten. Nur hat der moderne Mensch keine natürlichen Feinde mehr welche seinen Wachstum begrenzt halten, so wie es eigentlich in der Natur bei Lebewesen der Fall sein sollte die sich zu stark vermehren. Wir können uns nur selbst Grenzen setzen, und das fällt uns unendlich schwer. Ich weiß nicht wie viel Urwald noch abgeholzt, wieviele Ozeane noch überfischt, wieviele Tierarten noch ausgestorben und wie stark das Klima noch aus dem Gleichgewicht gebracht werden muss bis die Menschheit erkennt das sie auf einen Weg ist, auf dem es ab einem bestimmten Punkt kein Zurück mehr gibt. “Aussterben ist für immer“ lautet ein bekannter Spruch. Er ist leider allzu wahr und schon für weite Teile der Schöpfung gefährlich real.

Ozean Teil 2: “dem Paradies ganz nah” 30.03.2013

Manchmal muss man im Leben Entscheidungen treffen. Als ich über das Konzept für mein Greenpeace-Project „Naturwunder Erde“ nachgedacht habe, war mir von Anfang an klar, dass ich keine fotografische Hommage über unseren Planeten umsetzen kann, wenn ich das Element Wasser ausspare. Immerhin sind 70 Prozent unserer Welt mit Ozeanen überzogen, und diese sind die artenreichsten Ökosysteme überhaupt. Deshalb habe ich im letzten Jahr einen Tauchkurs belegt und auf der Grundlage meines stark ausgeprägten Selbstvertrauens eine sehr hochwertige Unterwasserausrüstung gekauft. Das war riskant. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt keine Ahnung ob ich in der Lage sein würde, die gewünschte fotografische Qualität auch unter der Wasseroberfläche umzusetzen. Meine werte Frau Mama wird nicht müde zu betonen wie wasserscheu ich als Kind gewesen bin, und in der Tat war das nasse Element nie eine Wohlfühlzone für mich. Doch ich habe diesen Schritt nicht bereut – im Gegenteil. Ich bin inzwischen bei fast siebzig Tauchgängen und habe einen der besten Unterwasserfotografen Deutschlands als Partner an meiner Seite um das Kapitel „Ozean“ umzusetzen. David Hettich (www.abenteuer-ozean.de) ist mit über dreitausend Ausflügen ins Reich der unterdrückten Farben praktisch im Wasser aufgewachsen. Der Junge ist zwölf Jahre jünger als ich und hat die Vita eines  alten Hasen. Durch ihn lerne ich jeden Tag dazu und bin begeistert über all die Wunder die wir durch unsere Abenteuer vor die Linse bekommen.

Wir sind auf dem Inselstaat Palau der im pazifischen Ozean liegt. Die Hauptinseln sind besiedelt und in der heutigen Zeit praktisch wie ein zusätzlicher Bundesstaat der Vereinigten Staaten einzuordnen. Von der ursprünglichen Inselkultur der Mikronesier ist, zumindest Oberflächlich gesehen, fast nichts mehr wahrzunehmen. Kaum eine Ansicht die nicht irgendwie an eine Kleinstadt irgendwo in der militärischen Schutzmacht USA erinnert. Vielleicht ist alles noch ein wenig ärmlicher, was auch am tropischen Klima liegen kann. Kein Metall das nicht rostet, kein Holz das nicht fault, keine Farbe die nicht bleicht, wenn man nicht ständig erneuert.

In den letzten Jahren ist der Tourismus beständig auf Wachstumskurs. Dies bringt zwar eine Menge Geld auf das Archipel, aber auch die üblichen Probleme im Windschatten in Form von vermehrtem Müllaufkommen, Land- und Energienutzung.

  

Palau hat das Glück das sich ein Großteil seiner Naturwunder vom bewohnten Festland entfernt in den vorgelagerten Korallenriffen befinden. Innerhalb des großen Außenriffs befinden sich die faszinierenden „Chelbacheb“- Inseln auch „Rock Islands“ genannt. Über 200 aus der Wasseroberfläche ragende Kalksteininseln in allen möglichen Formen und Größen sind für mich neben der fantastischen Vielfalt im Ozean die Hauptattraktion. Sie sind mit dichtem Urwald überzogen und nicht selten mit einem Sandstrand geadelt, welche wohl bei den meisten Naturfreunden schnell die Assoziation vom Paradies hervorrufen. Während des zweiten Weltkrieges wurde hier ordentlich gewütet. Die Japaner haben hier über hunderttausend Soldaten verloren. Einige ihrer zerschossenen Flugzeuge und Schiffswracks sind heute beliebte Tauchziele, weil sie im Laufe der Zeit mit einer Vielzahl an maritimen Lebensformen überzogen wurden.

Glücklicherweise sind die „Rock Islands“ heute Teil des Weltnaturerbes der UNESCO und Palaus Präsident hat im Jahre 2003 das erste Haischutzgebiet überhaupt ins Leben gerufen. Dies nährt die Hoffnung, dass man sich dem Wert seiner natürlichen Schätze durchaus bewusst ist. Jedes Jahr werden weltweit Millionen Haie vom Menschen dahingeschlachtet – ein Irrsinn wenn man dazu in Relation setzt wie viele Menschen durch diese Spezies tatsächlich zu schaden kommen. So sehr ich Herrn Spielberg als Regisseur von tollen Kinoerlebnissen schätze, hat er doch mit seinem „Weißen Hai“ bei unzähligen Menschen Ängste geschürt und eine Vorstellung geschaffen, die dieser Tierart in keinster Weise gerecht werden. 

Doch Palau kann noch so viel zum Erhalt seiner Naturschätze unternehmen, wenn die Weltgemeinschaft nicht anfängt über neue Wege im Umgang mit unseren Lebensgrundlagen nachzudenken, wird es den Staat in der heutigen Form irgendwann nicht mehr geben. Die Inseln von Mikronesien gehören zu den ersten großen Verlierern des vom Menschen gemachten Klimawandels. Erwärmt sich der Planet weiter, übersäuren die Ozeane und die Korallen werden sterben. Damit verliert das Land nicht nur die wichtigste Einnahmequelle in Form des Tourismus, sondern die heimischen Fischer auch ihre Lebensgrundlage, denn fast alle Kreisläufe im maritimen Leben sind mehr oder weniger stark mit der fragilen Welt der Korallenriffe verbunden. Vermehrte Taifune haben schon heute eine zerstörerische Kraft über und unter Wasser und der Anstieg des Meeresspiegels ist ebenfalls ein elementares Problem. Aufgrund all dieser Gefahren forderte Palaus Präsident  am 22. September 2011 in der UN-Vollversammlung dazu auf, dass diese ein Rechtsgutachten des Internationalen Gerichtshofes in Den Haag zu der Frage der Verantwortlichkeit der Staaten für die Folgen des andauernden Klimawandels einholen möge. Im Moment wird darüber diskutiert ob die Vollversammlung das tun solle, und ich hoffe inständig, dass die Initiative Palaus Erfolg haben wird.

David und ich waren drei Mal am berühmten Tauchplatz „Blue Corner“ welcher besonders für seine Haisichtungen bekannt ist. Dort haben wir uns an der Abbruchkante des Riffs mit dem Strömungshaken eingehängt. Dank eines Seiles werden wir vor dem Abdriften bewahrt und können in aller Ruhe beobachten was vor unseren Augen alles vorbeischwimmt. Bei einem von drei Versuchen haben wir beste Bedingungen. Die Sicht ist glasklar und die Vielzahl an Schwarmfischen und vor allem Haien die friedlich wenige Meter vor unseren Augen vorbeitreiben ist atemberaubend. In fünfzehn bis zwanzig Metern Tiefe werden wir  Zeuge eines vielfältigen Lebens welches, hat man es nicht mit eigenen Augen gesehen, kaum vorstellbar erscheint. Besonders fasziniert bin ich natürlich von den Riffhaien die in stoischer Ruhe keine drei Meter von mir entfernt an uns vorbeitreiben.

Neben der Vielzahl an Fischen welche die Strömung zur Nahrungsaufnahme nutzen ist das Riff mit unzähligen Korallen aller möglichen Farben und Formen bewachsen. Besonders die Fächerkorallen sind fotogen. Da unter Wasser die Farben schon nach wenigen Metern verschwinden ist es wichtig mit Blitzlicht zu fotografieren, damit diese wieder sichtbar werden. Für mich ist das ein herantasten an einen Bereich in der Fotografie der mir sehr fremd geworden ist. Ich habe in den vergangenen zwanzig Jahren in meiner Naturfotografie bewusst auf Blitzlicht als Gestaltungsmittel verzichtet und mich nur auf das natürliche Licht verlassen. Unter Wasser ist das unsinnig, so dass ich mich Stück für Stück bemühe das Blitzlicht in richtiger Dosierung mit dem natürlichen Licht zu mischen. Am Schönsten wirken die Fächerkorallen wenn sie gegen die Wasseroberfläche fotografiert sind. Stellt  man es geschickt an leuchten sie dann in all ihrer Pracht durch die Kraft des Blitzes und das Wasser wird Kontrastreich von tiefblau bis hellblau wiedergegeben.

Es dauert einige Zeit bis ich die richtige Dosierung hinbekomme. Dazu kommt natürlich immer noch die Schwierigkeit des Tauchens selber. Je stärker die Strömung desto schwieriger kann man die Kamera und vor allem den eigenen Körper tarieren. Was bei David spielerisch leicht aussieht ist bei mir als Neuling sehr harte Arbeit. Die Tarierung ist auch aus Naturschutzgründen sehr wichtig, denn  sehr schnell sind zarte Korallen zerstört wenn man seine Bewegungen nicht unter Kontrolle hat. Ich kann nicht behaupten das mir an jedem Tag viele Spitzenfotos gelingen, doch im Laufe der Zeit addieren sich die gelungenen Bilder und ich glaube das Kapitel „Ozean“ wird zu einem sehr spannenden Teil meiner neuen Multimediashow.

Ozean Teil 1: “Sanfte Riesen” 19.03.2013

Ein dunkler Schatten gleitet neben unserem Boot durch das tiefblaue Wasser. Schemenhaft kann ich das Wesen erkennen, weswegen mein Freund und Kollege David Hettich und ich auf die Philippinen gereist sind um es in seinem natürlichen Lebensraum zu fotografieren.

Sofort setze ich mir die Taucherbrille auf den Kopf, ziehe die Flossen über die Füße, prüfe den um meine Hüften hängenden Gewichtgurt und greife zum Unterwassergehäuse in dem sich meine Kamera befindet. Einen Augenblick später bin ich schon vom warmen Wasser des Ozeans umgeben. Während sich das Wasser wieder beruhigt  und die Sicht klar wird blicke ich unter die Oberfläche um den momentanen Ort des Tieres zu lokalisieren. Dabei versuche ich möglichst ruhig durch den Schnorchel ein und auszuatmen.  In ungefähr vier Meter Tiefe schwimmt nun ein männlicher Walhai direkt auf mich zu. Ich kann sein breites Maul, seine weißen Rückenpunkte und die für Haie so typische spitz zulaufende Schwanzflosse erkennen. So gut es mir als Anfänger möglich ist, versuche ich Luft in meinen Brustkorb zu pumpen um dann den Oberkörper nach unten fallen zu lassen. Kräftige Beinstöße bringen mich komplett unter die Wasseroberfläche. Besonders mit dem schweren Kameragehäuse das ich dabei vor mir herschiebe ist das gar nicht so einfach.

Innerhalb weniger Sekunden nähere ich mich dem größten Fisch unserer Erde. Es sind nur kurze Augenblicke in denen ich diese unglaublichen Einblicke in seine Welt genießen kann, denn dann meldet sich mein ungeschulter Körper, oder ist es der Kopf, der mir sagt das er dringend wieder Luft zum atmen möchte. Während ich den Auslöser der Kamera praktisch ständig durchdrücke versuche ich so gut es geht auch Details der Szenerie wahrzunehmen. So kann ich gerade noch seine kleinen Augen erkennen, die seitlich des Riesenmaules sitzen, bevor mein Instinkt mich wieder nach oben in meinen eigenen Lebensraum zurückschickt. In solchen Momenten beneide ich David, dem das Wasser zur zweiten Heimat geworden ist. Seine Jahrzehnte lange Taucherfahrung hat ihn  gelehrt viel länger ohne Sauerstoff auszukommen, und so gelingt es ihm noch für einige Zeit parallel neben dem Walhai her zu tauchen, während ich schon wieder Luft schnappend zur Oberfläche durchstoße. Die Tiere sind Vegetarier und ernähren sich von Plankton welches sie sich durch Mundöffnung schieben indem sie das Meerwasser filtern. Dieses junge Männchen ist ungefähr sechs bis sieben Meter groß. Ausgewachsene Walhaie können bis zu vierzehn Meter erreichen. Solche Exemplare hat David schon bei den Galapagos Inseln fotografiert. Die Tiere sind übrigens waschechte Haie. Den Zusatz Wal haben sie nur wegen ihrer Größe bekommen.

 

Heute ist unser dritter Tag bei den friedlichen Riesen und es scheint mein Glückstag zu sein. Der Fisch bleibt auf einer für mich erreichbaren Wassertiefe und lässt sich durch uns menschliche Besucher nicht von seinem Weg abbringen. So kann ich immer wieder zu ihm abtauchen, was mir mit Hilfe der einheimischen jungen Männer gelingt, welche in kleinen Ruderbooten sitzen und als sogenannte „Spotter“ für uns Touristen die Walhaie orten helfen. Sofort nach meinem Auftauchen, werde ich aufgesammelt und kann mich auf dem Kanu für einige Sekunden erholen. Während dessen rudert uns mein Helfer wie ein Wilder weiter um mich wieder vor den Fisch zu bringen.  Dabei fallen meine Blicke immer wieder auf die schöne Kulisse der Insel Süd-Leyte, von deren Ufer wir nur wenige duzend Meter entfernt nach den Walhaien Ausschau halten.

Erstaunlich das sich die Tiere so nahe an der Küste aufhalten. Die Landschaft ist in erster Linie mit Kokospalmen bewachsen. Diese sind zwar wunderschön anzusehen, aber vom Menschen eingeführt. Nur in den höheren Lagen und an steilen Hängen erkenne ich die ursprüngliche Vegetation, den tropischen Regenwald. Einfache Hütten und kleine Fischerboote säumen den Küstenabschnitt und immer wieder beobachte ich Kinder die fröhlich am Wasser spielen. Während auch die Philippinen mit einer schnell wachsenden Bevölkerung zu kämpfen haben, scheint hier die Balance noch recht gut erhalten. Das Bild das sich mir erschließt kommt dem Idyll das man sich als Reisender erhofft an diesem Fleckchen Erde noch recht nahe. Die Menschen aus dem lokalen Dorf haben erkannt welche Attraktion sich hier in den Gewässern vor ihrer Haustüre tummelt. Das Schöne daran ist, das man hier nicht in blindem Aktionismus verfällt um möglichst schnell viele Besucher anzulocken, sondern zusammen mit einer Naturschutzorganisation das Leben der Haie erforscht und den Tourismus mit strengen Regeln und Abläufen versieht welche die Tiere schonen sollen. So bekommt die Gemeinde für jeden Besucher eine Gebühr und viele Junge Männer und Frauen haben einen Job als „Tourguide“ und „Spotter“ bekommen. Tauchgänge mit Pressluftflachen sind nicht gestattet, da sich die Tiere durch die ausgestoßenen Luftblasen erschrecken. Außerdem sind Blitzaufnahmen verboten, was fotografisch sowieso unsinnig wäre. Just im gleichen Zeitraum als David und ich hier unsere Tage verbringen habe ich auf „Spiegel-online“ einen Artikel über Walhaie in einer anderen Region auf den Philippinen gelesen. Durch die Tiere ist das dortige Dorf zu großem Wohlstand gekommen, weil man begonnen hat sie anzufüttern und den Besuchern so praktisch Walhai Sichtungen garantieren kann. Für die Fische ist das verheerend, denn sie werden abhängig und verlieren komplett ihre natürlichen Instinkte. Ich bin froh, dass wir hier in Süd-Leyte das hiesige Projekt mit unserem Besuch unterstützen können. Die Leute sind extrem freundlich und haben ein ernsthaftes Interesse die Fische und ihren Lebensraum zu erhalten. Seit 1998 dürfen Walhaie auf den Philippinen übrigens nicht mehr gejagt werden.

Auf dem Rückweg zu unserer Tauchbasis sitze ich vorne am Bug unseres Bootes. Es ist komplett windstill. Mir ist als würden wir über das Wasser schweben. Die See breitet sich wie eine große Spiegelfläche vor mir aus.  Der Fahrtwind streicht angenehm über die Haut. Am Horizont bauen sich große Wolkenberge auf die den Himmel dunkel färben. Es wird bald regnen. Eine Gruppe Delphine kreuzt unseren Weg. Immer wieder springen sie aus dem Wasser als wollten sie mich Grüßen.  Dies sind Momente in denen es mir nicht schwer fällt die Probleme der weiten Welt wegzuschließen und die Schönheit des Augenblickes in vollen Zügen zu genießen.

 

Abgetaucht 18.07.2012

Man kann auch heute noch auf unserer Erde tolle Abenteuer erleben. Ich habe mir mit meiner Reise ans rote Meer in Ägypten die Tür zu fantastischen Begegnungen und neuen Bilderwelten weit aufgestoßen. Es ist ganz klar, dass ich beim neuen Projekt „Naturwunder Erde“ nicht umhin komme, mich auch mit dem Leben unter Wasser zu beschäftigen. Nur so wird diese Arbeit unserem Planeten in seiner Vielfalt gerecht werden. Da ich eher als „wasserscheu“ verschrien bin, ist die Annäherung ans fremde Element keine Selbstverständlichkeit. Doch, um in diesem Beruf überhaupt bestehen zu können, muss man von Grund auf mit einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein ausgestattet sein. So lies ich auch keinen Hauch von Selbstzweifeln aufkommen, als ich mich schon vor meinem Tauchkurs mit einem professionellen Unterwassergehäuse der Firma „Seacam“ für meine Nikon D4 ausstattete.

Untergebracht bin ich in einem Touristenressort, das für jeweils einige hunderte Urlauber deren schönste Tage im Jahr komplett gestaltet. Vollpension und fast vierzig Grad im Schatten. Die Tauchschule befindet sich innerhalb des Hotelgeländes. Ein schönes Hausriff verspricht Tauchgänge vom Strand aus – gute Bedingungen für einen Anfänger wie mich. Drei Tage verbringe ich zusammen mit meinem Tauchlehrer. Ich bin der einzige Schüler, was insbesondere bei den ersten Tauchversuchen ein toller Vorteil bedeutet. Ich bekomme immer seine volle Aufmerksamkeit. Im theoretischen Teil des Kurses schaue ich Videos an, die mich über die Welt des Tauchens in all ihren Facetten informiert. Ganz schön viel Stoff auf einmal! Zumal es da auch um die Gefahren wie Dekompressionskrankheit, Tiefenrausch und ähnliche Albträume geht. Zum Glück gehen wir vom ersten Tag an gleich ins Wasser um das Theoretische auch in die Tat umzusetzen. Wichtig ist, dass man sich von Anfang an mit der Ausrüstung vertraut macht. Sie sorgt dafür, dass man wieder lebendig an die Wasseroberfläche zurückkehrt. Am Ende des dritten Tages muss ich einen Bogen mit 50 Fragen beantworten und habe danach eine offizielle, weltweit anerkannte Zertifizierung zum OWD (Open Water Diver), der bis 18m tief tauchen darf.

Jetzt wird es für mich richtig spannend. Ich habe weitere sieben Tage Zeit, um mich beim Tauchen neben dem austarieren des Körpers zusätzlich an die Kameraausrüstung zu gewöhnen. Diese ist mit ihren zwei klobigen Blitzarmen zum Glück nur an Land schwer zu transportieren. Im Wasser fängt sie an zu schweben und verschafft mir eher Stabilität als Behinderung. Für jeden Tauchgang bekomme ich eine offizielle Bestätigung und so sammle ich eifrig Erfahrung. Am Ende der zehn Tage werden zwanzig Abenteuer in der Welt jenseits der Wasseroberfläche zu Buche stehen. Ich leiste mir den Luxus, als Tauchpartner jeweils einen erfahrenen Guide zu buchen, um mich voll auf meine fotografische Arbeit konzentrieren zu können. Auch wenn ich zu meiner eigenen Verwunderung recht schnell mit dem Großteil der Abläufe klarkomme, so gibt er mir doch ein Gefühl der Beruhigung. Es tut gut, jemanden hinter meinem Rücken zu wissen, der mich von empfindlichen Korallen wegzieht, sollte ich mal die Kontrolle oder die Dauer und Richtung des Tauchgangs aus den Augen verlieren. Als am hilfreichsten sollten sich meine Aufpasser aber als Luftlieferanten erweisen. Durch meine noch nicht ganz professionelle Atmung und dem körperlichen, aufwendigen Hantieren mit der Kamera, ist meine auf dem Rücken geschnallte und mit kompressierter Luft gefüllte Flasche immer recht schnell leer. Nicht selten darf ich mich im letzten Viertel des Tauchganges an den Ersatzschlauch des Partners hängen und so den Aufenthalt unter Wasser verlängern.

 

Ich habe auf meinen Reisen im Laufe der Jahrzehnte viele „Aha-Erlebnisse“ genießen dürfen. Sei es den ersten Blick über den Grand Canyon in den USA, die hunderttausende von Pinguinen in der Antarktis oder die Begegnungen mit den Indios im Amazonas. Das Eintauchen in die Welt der Wasserbewohner reiht sich da nahtlos ein und begeistert mich wie ein kleines Kind, das zum ersten Mal den Weihnachtsbaum mit vielen Geschenken zu Gesicht bekommt. Natürlich kennt man unzählige Bilder und Filme, die von der Unterwasserwelt berichten. Doch dies ist nicht im Ansatz vergleichbar mit dem eigenen Erleben. Vom ersten Tauchgang an schlägt mich die Schönheit der Riffe am roten Meer in ihren Bann. So eine ungeheure filigrane Vielfalt raubt einem fast den Atem (besser nicht, sonst wars das mit dem Tauchen…). Ich schwebe vorbei an Korallenbergen, die von Schwärmen kleiner und kleinster Fische umschwommen werden, welche in den phantasievollsten Formen und Farben hier im Schutze dieses Paradieses leben. Das Blitzlicht macht, die durch die Wassertiefe längst absorbierten Farben der Tiere auf dem Foto, wieder sichtbar. Vom ersten Tag an bin ich, als ich abends am Computer sitze und Bilder sortiere, begeistert von den Ergebnissen und freue mich, diesen Schritt in meiner beruflichen Entwicklung gewagt zu haben. Immerhin sind 70% der Erde mit Wasser bedeckt. Ein unendlicher Fundus an Abenteuern und Motiven.

Ich entdecke Nemo, den Helden aus dem gleichnamigen Pixar- Animationsfilm, der in einer wunderschön anzuschauenden Anemone haust. Ich schwimme mit großen Schildkröten, die den Boden nach Seegras absuchen und fast immer „Putzerfische“ auf ihrem Panzer mit sich führen, die ihnen den Laden sauber halten. Das absolute Highlight ist aber für mich ganz klar: das gemeinsame Tauchen mit einer Gruppe von 15 Delphinen! Wir kommen gerade von einem Tauchgang zurück, als wir in der Hotelbucht die Flossen der Delphine aus dem Wasser ragen sehen. Mein Guide greift sofort zu einer neuen Flasche Luft, schnallt sie mir auf den Rücken und dann geht die Gaudi los. Es ist großartig diesen Geschöpfen zu folgen – wie sie friedlich und elegant durchs Wasser gleiten. Immer beim Auftauchen der Gruppe versuchte ich sie von unten gegen das Licht zu fotografieren.

Hier habe ich auch einige fotografische Lektionen gelernt. Wenn das Motiv zu weit entfernt ist, empfiehlt es sich, die Blitze auszuschalten, denn in der Distanz wird jedes kleine Partikelchen, das im Wasser treibt, angeblitzt. Dies sieht auf dem Foto wenig elegant aus. Zum Glück habe ich den Auslöser so oft gedrückt, dass eh jedes zweite Bild ohne Blitzlicht belichtet wurde. Das Gerät konnte so schnell gar nicht aufladen. Ich profitiere im Gesamten sicherlich von meiner langjährigen Erfahrung als Fotograf, doch in solchen Fällen merke ich, dass es auch hier unten viel zu lernen gibt um wirklich auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein. Auf jeden Fall fühle ich mich nach diesen zehn Tagen gerüstet, um im kommenden Jahr zusammen mit meinem Freund und Kollegen David Hettich (praktisch der „Tauchgroßmeister“ unserer Foto- und Vortragsszene) nach Palau zu reisen, um dort das Thema „Ozean“ für mein Projekt über die Ökosysteme zu fotografieren.

 

Dieses Tauchabenteuer ist für mich neben dem fotografischen Erleben zusätzlich auf einer ganz anderen Ebene sehr nachhaltig. Ich lese recht häufig Berichte über die Überfischung der Meere und dem weltweiten Korallensterben durch die sich ändernden Umwelteinflüsse. Wer einmal einen Blick in dieses Universum des Lebens unterhalb der endlosen, blauen Wasserfläche gewagt hat, dem können diese Themen nicht mehr gleichgültig sein. Abermals ist es das Unvermögen unserer Spezies mit unserer Lebensgrundlage, dem Planeten Erde, vernünftig umzugehen. Der Mensch hat völlig Maß und Ziel verloren. Obwohl die Probleme der endlichen Fischvorräte längst bekannt sind, werden immer neue Lizenzen vergeben und immer größere Fischverarbeitungsfabriken auf die Meere losgelassen. Gerade wir Europäer sind da wieder ganz vorne dabei. Die eigenen Meeresgebiete  sind längst überfischt, also weicht man vor die Küsten anderer, ärmerer Länder aus, um sich an deren Reichtum zu bedienen. Wenn dann afrikanische Fischer aus der puren Not heraus zu Piraten werden, bekämpfen wir diese wiederum mit moderner Militärtechnik und stempeln sie als Terroristen ab. Dies ist natürlich etwas vereinfacht dargestellt, befindet sich aber aus meiner Sicht sehr nahe an der Realität. Letztendlich hat sich seit den Zeiten des Kolonialismus nicht sonderlich viel geändert. Auch heute noch beuten wir den Rest der Welt aus. Nur sind die Mittel in Form von Schuldenlasten und wirtschaftlicher Marktmacht etwas filigraner als die Donnerbüchsen der damaligen Eroberer. Die verheerende Wirkung für Mensch und Umwelt ist aber dieselbe, heute nur viel großflächiger und kaum noch überschaubar.

 

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