Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: Thermik

Zwischen Kühen & unter Geiern 27.6.2011

Jedes mal, wenn man sich als Fotograf an die Umsetzung einer Bildergeschichte macht, hat man natürlich gewisse Vorstellungen, wie das Ergebnis im besten Falle auszusehen hat. Ich habe mich dem Thema Andenkondor angenommen, einem der größten, flugfähigen Vögel unserer Erde. Während ich diesen April die Schülerreise zu den Straßenkindern im bolivianischen Santa Cruz begleitet habe, bin ich auf den Biologen Saul Arias gestoßen. Er hat mir während eines Tagesausfluges die Stelle gezeigt, an dem fast täglich die Giganten der Lüfte über der Landschaft kreisen. Nun also hatte ich die Zeit und Muse, mich näher mit dem Thema auseinanderzusetzen. Kaum ein Foto das ich mir vorher in Gedanken ausgemalt hatte, habe ich während der 18 Tage in den Bergen umgesetzt bekommen. Trotzdem war es eine intensive und lehrreiche Natur- und Fotoerfahrung, von der ich keine Stunde missen möchte. Es folgt eine Analogie der Ereignisse:

 

Tag 1: Samstag 18.06.

Pünktlich um 7.30 Uhr treffe ich Saul vor seinem kleinen Büro in Samaipata, dem schönen Andendorf das sich in einer Höhe von 1700 Metern rund 120 km entfernt von der Großstadt Santa Cruz befindet. Saul ist einer von 14 Touranbietern am Ort, der Touristen die zahlreichen Sehenswürdigkeiten der Region zeigen kann. Er ist aber darüber hinaus auch gelernter Biologe und von der Gemeinde offiziell beauftragt seine Landsleute als Touristenführer auszubilden. Damit sind sie dann in der Lage, den Naturfreunden die richtigen Dinge zur Flora und Fauna zu vermitteln. Außerdem ist Saul auch damit beschäftigt, eine Schutzprogramm für die Kondore in der Region auszuarbeiten. Wir haben uns gleich wunderbar verstanden und er ist nur allzu gern bereit, meine Sonderwünsche für die längere Fotoarbeit mit voller Kraft zu unterstützen. Ein Taxi steht bereit, das uns in den kommenden zwei Stunden über Lehmpisten ins Zielgebiet bringen wird. Im ländlichen Bolivien ist es ganz normal auch tageweise mit dem Taxi unterwegs zu sein. Für einen Tagessatz in Bolivien kommt man bei uns gerade mal zwanzig bis dreißig Kilometer. Die Piste endet in einem Tal vor einer kleinen Farm. Hier lebt ein älterer Farmer zusammen mit seiner Tochter. Zusammen bewirtschaften sie das umliegende Land in einer Art und Weise wie es schon Generationen vor ihnen taten. Ohne Strom und andere moderne Errungenschaften leben die Menschen hier von dem, was sie der Natur abtrotzen können. Esel, Schweine, Katzen, Kühe, Hühner und die allgegenwärtigen Kühe umlagern das kleine Lehmhaus. In früherer Zeit lebten in diesem Tal an die dreißig Familien. Heute sind es noch Drei. Vater und Tochter, ein altes Ehepaar ein Haus weiter und ein alleinstehender älterer Mann sind es, die den Verlockungen des etwas angenehmeren Dorf bzw. Stadtlebens bisher widerstanden haben. Es ist aber abzusehen, dass in nicht allzu ferner Zukunft die Natur wieder die Oberhoheit über diese Region zurückbekommt. Neue Siedler wird es hier in dieser Abgeschiedenheit nicht mehr geben. Bevor wir uns an den steilen Aufstieg zu den Aussichtsplätzen machen, muss die Logistik geklärt werden. Wir haben viel zuviel Ausrüstung dabei, um diese allein nach oben zu bringen. So ist es toll, das der Farmer bereit ist, uns einen Esel zu leihen, der uns tatkräftig unterstützen soll. Es dauert eine ganze Zeit lang bis er beladen ist und die Wanderung beginnen kann. Es ist ein klarer Tag. Sonne und Wolken teilen sich den blauen Himmel in fairer Ausgeglichenheit.

Der Esel erweist sich als extrem störrisch. Kaum einen Meter läuft er, bevor er wieder in die Verweigerungshaltung fällt und einfach stehen bleibt. Saul und ich haben Mitleid. Wir lösen einen Rucksack vom Rücken des Tieres und tragen ihn selbst. Indem einer von uns immer ein Stück des Weges doppelt läuft und dann zurückkommt um den Rest zu schleppen. Ganz schön dämlich. Im zweiten Teil des Anstiegs sind wir dann langsam dahinter gekommen wie der Esel zu bewegen ist und es ging selbst in den steilsten, steinigsten Passagen recht gut. Am Nachmittag erreichen wir die Hochebene und sind dann recht bald nahe am Ziel. Wir befinden uns auf einem Gebirgszug, der von den „Vätern der Großväter“, wie der Farmer sie nannte, entwaldet wurde um Wiesen für die Rindviecher zu schaffen. Es sind weitläufige Weidegründe, die sich auch an extrem steilen Stellen befinden. Kühe sehe ich erst im Laufe der Zeit. Der Kuhdung ist aber fast allgegenwärtig. In einem kleinen Wäldchen durch das ein Bach fliest, suchen wir einen geeigneten Ort fürs Basislager. Ich habe ein recht geräumiges Zelt mitgebracht um die kommenden Tage auch bei schlechtem Wetter eine vernünftige Unterkunft zu haben. Eine gute Entscheidung wie sich noch herausstellen sollte. Vom Zeltplatz ist es ein kurzer steiler Anstieg, dann befindet man sich an der Kante eines natürlichen Amphitheaters. Ein grandioser Ausblick auf die Täler und umliegenden Berggipfel. Steil abfallende Felswände beherbergen eine Vielzahl von Kakteen, und andere Pflanzen. In den Nischen der Felsen haben viele Vögel ihren Lebensraum. Auch die Kondore suchen sich dort ihre Schlafplätze. Unerreichbar für mögliche Feinde wie der Mensch oder andere Raubtiere. Saul verabschiedet sich von mir. Er muss den Esel zurückbringen und in den kommenden Tagen einige Arzttermine wahrnehmen. Wir verabreden uns für Mittwoch. Da Kondore Aasfresser sind, beschließen wir, sie mit Nahrung vor die Kamera zu locken. Ich gebe Saul Geld, damit er etwas kadaverartiges aus Samaipata mitbringt. Ob dies Metzgereiabfälle sind oder ähnliches, spielt dabei keine Rolle. Als ich dann allein bin, stelle ich mein Zelt auf und schleppe meinen inzwischen müden Körper noch einmal in herrlicher Abendstimmung hoch zum Aussichtpunkt.

Belohnt werde ich mit einen ganz nahen Überflug eines jungen Kondors, einem farbenfrohen Sonnenuntergang und einer Fernsicht jenseits des Horizonts. Die endlose Aneinanderreihung der Bergketten scheint hier kein Ende zu nehmen. Bis zum letzten Tag erfreuen mich diese Ausblicke und geben Kraft auch die kommenden langwierigen Wartezeiten zu überstehen.

 

Tag 2: Sonntag 19.06

Um zehn nach Sechs bin ich wach. Durch die Bäume sehe ich den Himmel in zarten Pastelltönen den neuen Tag ankündigen. Ich starte einen längeren Spaziergang auf die andere Seite des Bergzuges, von wo aus ich den Sonnenaufgang empfangen werde. Es bläst ein starker Wind. Wohl auch deshalb findet die Sonne ihren Weg durch die Wolken bis zu mir in die Bergspitzen und taucht die Landschaft für einige Minuten in goldenes Licht. Weit weg am Horizont sehe ich drei größere Vögel kreisen, bei denen es sich entweder um Kondore oder um die etwas kleineren Truthahngeier handelt. Beide Vogelarten sind Meister des Gleitfluges. Perfekt nutzen sie die Luftströmungen und lassen sich von der Thermik in Kreisen mal höher mal tiefer gleiten. Selten habe ich mal einen Kondor seine Flügel bewegen sehen. Da es Zeiten gibt, wo sie bis zu zwanzig Tagen nichts zu fressen finden ist es wohl auch zwingend, sich seine Kräfte einzuteilen. Um die Mittagszeit kommen dann zwei Touristengruppen aus Samaipata auf den Berg, um die Gleitflugshow zu bestaunen. Zwischen Mittag und fünfzehn Uhr sind die Aktivitäten der Vögel wohl am Beständigsten, deshalb ist an sonnigen Tagen des öfteren einiges los am Berg. Drei Kondore werden dann für ca. zehn Minuten über und neben den Köpfen der staunenden Besucher ihre Kreise ziehen.

 

Kurze Zeit später bin ich wieder allein. Die Besucher machen sich fröhlich an den Abstieg und die Tiere gleiten in weiter Ferne auf ihrer Suche nach Nahrung. Ich sitze die Stunden an der Kante und erfreue mich später an einem weiteren Farbenspektakel zum Tagesende. Leider ohne meine Hauptakteure, die sich nicht mehr blicken lassen.

 

3 Tag: Montag 20.06

 

Heute in der Früh bin ich losgelaufen, als es noch Dunkel war. So konnte ich die Landschaft schon in der Dämmerung bestaunen. Wie am Vortag ist das erste Sonnenlicht einfach magisch.

Markus im Märchenland. Leider bleibt es um diese Zeit bei schönen Landschaftsimpressionen. Kondore scheinen keine Frühaufsteher zu sein. Dafür wird die Mittagszeit zum Spektakel. Ich zähle zwölf Geier und Kondore die im grellsten und fotografisch schlimmsten Sonnenlicht im wolkenlosen Himmel kreißen. Es ist ein tolles Erlebnis diese Herren der Lüfte zu beobachten. Die Kamera ist im Dauereinsatz. Später werde ich dann den größten Teil der Fotos wieder wegschmeißen. Zu grell ist das Licht, zu selten ist der Vogel mehr als ein schwarzer Fleck vor dunkelblauem Himmel. Ich sammle heute keine guten Bilder, dafür jede Menge Erfahrung. Erstaunlicher Weise blieb ich den ganzen Tag allein. Touristen hätten heute ihre wahre Freude gehabt. Im wiederum weichen Abendlicht staune ich wieder über die Schönheit der Welt. Kondore sehe ich nur ganz weit in der Ferne außerhalb meiner Reichweite.

 

4 Tag: Dienstag 21.06

 

Die Wetterlage scheint sich langsam zu wandeln. Der Morgen ist Wolkenverhangen, was mich noch einige Stunden im Schlafsack verweilen lässt. Als ich am späten Vormittag meine Nase über die Felskante halte und mich der ständig wehende Wind anbläst, sehe ich gewaltige Wolkenberge über die Bergketten ziehen, die sich in der Ferne immer wieder in Gewittern entladen. Lichtdurchbrüche kreieren Licht- und Schattenkontraste, die der Landschaft eine Tiefe und Farbintensität verschafft, die man an wolkenlosen Tagen so nicht wahrnimmt. So kommt es, dass heute sogar um die Mittagszeit ein irres Fotolicht herrscht was mir gute Bilder verschaffen würde. Leider gibt es nur einen kurzen Überflug zweier Kondore die sofort wieder aus meinem Fotobereich verschwunden sind. Was für ein Pech. Auch heute bleibe ich am Berg allein. Erst neun Tage später wird sich wieder eine kleine Gruppe Touristen am Berg einfinden, was mir aber zu diesem Zeitpunkt natürlich nicht bewusst ist. An diesem Abend erlebe ich den besten Sonnenuntergang meines Aufenthaltes in der Region.

Ich bin froh am Nachmittag einige Erkundungsgänge gemacht zu haben. So stehe ich im besten Abendlicht an einer Stelle der Berge, wo der Blick auf den kilometerlangen Graben der Sandsteinformationen fällt. Diese geologische Formation trennt zwei tektonische Platten. Die der Anden und die des flachen Amazonaslandes. Diese Pressen sich gegeneinander und verändern bis heute diese Landschaft. Natürlich für uns nicht wahrnehmbar, in geologischen Zeiträumen aber in recht kurzer Zeit. Die Berge sehen aus wie abgerundete Kuchen die man an den Seiten mit einem riesigen Käsemesser abgeschnitten hat. Während der Sandstein kaum Vegetation aufweist, wachsen dazwischen dichte Nebelwälder, die der Landschaft einen wilden Charakter geben und in diesem grandiosen Licht einfach zauberhaft sind. Auch wenn ich an diesem Abend wiederum keinen Kondor vor die Kamera bekomme, danke ich insgeheim den guten Geistern, dass ich diese Schönheit hier erleben darf.

 

Tag 5: Mittwoch 22.06

 

In der Nacht beginnt es dann zum ersten mal zu Regnen. Am Morgen liegt der ganze Bergzug in dichtem Nebel. Die Sicht beträgt keine fünfzig Meter. Während es zum Mittag etwas auflockert, baue ich an einer Stelle, die mir sinnvoll erscheint mein Tarnzelt auf, von dem aus ich in den kommenden Tagen die Kondore fotografieren möchte. Um die Mittagszeit erwarte ich eigentlich Saul mit dem Lockmittel, doch er taucht nicht auf. Immer wieder ziehen Schauer über das Land und Kondore bleiben den ganzen Tag meinen Blicken verborgen. Ich war schon eingeschlafen als es um 19.30 im Unterholz kracht und ich im Unterbewusstsein meinen Namen vernehme. Saul steht vor dem Zelt und berichtet von seinem langen anstrengendem Tag. Hinter ihm steht ein Esel mit großen Säcken beladen ist. Kondorfutter wie ich richtig vermute. Es hat ihn viel Kraft und Zeit gekostet das Tier hier hoch zu bekommen. Wir bringen den Esel auf eine Wiese und nehmen wahr, dass es über weite Teile der Nacht regnet. Dass er so spät kam, ist nicht schlimm, da sich bei diesem Wetter eh kein Vogel hat blicken lassen.

 

Tag 6: Donnerstag 23.06

 

Lange bleiben wir im Schlafsack liegen. Die Welt liegt in dichtem Nebel. Nach einem Müslifrühstück führen wir den Esel hoch zur Aussichtskante. Damit ich beim fotografieren einen klaren Hintergrund bekomme platzieren wir die Fleischstücke direkt an der Kante um die in der Ferne liegenden Berge bzw. den Himmel für den Bildaufbau zu bekommen. So kann man gut mit Schärfe/Unschärfe arbeiten und hoffentlich hochwertige Bilder schießen, wenn sich die Tiere der Nahrung annehmen. Wenn sie es dann tun… Die Distanz zum Tarnzelt beträgt ca. 30 Meter. Ich bin kein besonders erfahrener Kondorfotograf und hoffe, dass die Entfernung ausreichend ist und die Tiere die Tarnfarben des Zeltes nach einiger Zeit als Teil der natürlichen Umgebung akzeptieren. Es fängt wieder an zu regnen als sich Saul auf den Weg macht, um den Esel zurück zum Farmer zu bringen. Ich verbringe den Rest des Tages im Schlafsack und verkürze mir die Zeit mit dem Buch „Gemeinwohl Ökonomie“ von Christian Felber. Jeder der daran glaubt, dass man die Welt durchaus zu einem besseren Ort wandeln kann, sollte sich dieses Buch mal zu Gemüte führen. Es sind viele kluge Gedanken darin, die Alternativen zu unserem auf Wachstum basierenden und damit so destruktivem, kapitalistischen Wirtschaftssystem bieten. Wir könnten so vieles besser machen, müssten es aber nur konsequent wollen. Scheitern wird ein soziales, gerechtes System wohl an einem elementaren Wesenszug den unsere Spezies leider hat, nämlich der Gier. Denen, die Viel haben, wird es nur schwer einfallen gleichmäßig zu verteilen. Es wäre eigentlich genug für alle da. Während der Regen unablässig auf mein Zeltdach prasselt, habe ich viel Zeit mir über diese Visionen meine Gedanken zu machen. In der Dunkelheit ist Saul zurück und sicherlich froh endlich im warmen Schlafsack zu liegen und den Elementen außerhalb des schützenden Zeltes entkommen zu sein.

 

Tag 7: Freitag 24.06

 

Erst gegen zwölf Uhr beginnt sich der Nebel langsam zu lichten. Ich sitze trotzdem ab acht Uhr im Fotoversteck. Später werde ich dies nicht mehr tun, denn es ist ziemlich sinnlos. Bei Nebel wird sich kein Vogel zeigen, was ich im Laufe der Zeit auch gelernt habe. Als ich nach Mittag das Versteck verlasse um im Lager Wasser zu holen, werde ich beim Rückweg von zwei Kondoren überrascht, die plötzlich über mir kreisen. Mit erhöhtem Herzschlag und großen Erwartungen renne ich zurück zum Tarnzelt und versuche darin zu verschwinden als die Vögel außer Sichtweite sind. Einige Zeit kreisen die Tiere über unserem Ort des Geschehens. Die Kadaver haben sie natürlich längst entdeckt. Aus dem stark eingeschränkten Sichtfeldes meines Minifensters sehe ich die Tiere beim Kreisen und hoffe jedes Mal auf eine Landung. Etwas später sind es zwei Geier, die sich dann trauen den Boden zu berühren. Vorsichtig blicken sie sich um sobald sie ihren Hoheitsraum der Lüfte verlassen haben und sich der gefährlichen Erde aussetzen. Der Truthahngeier hat ein fast durchgehend schwarzes Gefieder und ein glatten Federlosen knallroten Kopf. Dies verschafft ihm ein fast totenkopf-ähnliches Aussehen. Weder die Kondore noch die Geier werden wohl je einen Schönheitswettbewerb gewinnen, zumindest wenn man von menschlichen Idealen ausgeht. Viel fressen tun die zwei gelandeten Gesellen aber nicht.

 

Ein Geräusch in der Ferne veranlasst sie, schon bald wieder von dannen zu fliegen. Immerhin habe ich so ne Art Generalprobe bestanden, die Tiere scheinen mich nicht wahrzunehmen. Dachte ich zumindest zu diesem Zeitpunkt. Als ich gegen Abend bei bewölktem Himmel zum Lager komme, wartet dort Saul mit einem gemütlichen Feuer auf mich, an dem wir den Abend verbringen.

 

Tag 8: Samstag 25.6

 

Mit Grausen spüre ich in der Nacht im Halbschlaf, dass es wieder auf das Zeltdach prasselt. Es sind eigentlich meist kleine Regenmengen, welche den Wolken entweichen. Doch eine starke Windböe findet ihren Weg bis in die Zweige. Von uns überragenden Bäume prasselt es stakkatoartig in lautem Getöse aufs Polyester. An Schlafen ist da kaum zu denken. Der ganze Samstag ist eine traurige Ansammlung von grauer Farbe. Wir verlassen unseren Lagerplatz nicht. Saul sitzt unter einem Baum am Feuer und ich kuschle mich in die wohlige Wärme meines Schlafsacks. In den ersten Tagen hier in den Bergen habe ich noch über den zu dicken Schlafsack gejammert. Es war einfach zu warm. Inzwischen ist es so abgekühlt, dass ich dankbar bin, das dicke Teil hier mitgeschleppt zu haben. Der bolivianische Winter hat die Region erreicht und wir bekommen es nun mit aller Härte zu spüren. Der Tag vergeht ohne jegliche Ereignisse nur sehr langsam.

 

Tag 9: Sonntag 26.6

 

Als ich am Morgen meine Nase in die graue Feuchte des neuen Tages strecke, hat es vielleicht noch 3-4 Grad. Vermischt mit den hier oben herrschenden Winden nehmen wir die Temperatur aber viel kälter war. Der Nebel bleibt den ganzen Tag hängen, so dass es uns nicht schwer fällt, einen ersten Rückzug in die Zivilisation zu wagen. Für Mittag hatte Saul ein Taxi bestellt, das uns nach Samaipata bringen soll. Eigentlich war geplant, die ersten Bilder von fressenden Kondoren auszuwerten. Bisher habe ich aber kein Einziges machen können. So kann man in der Naturfotografie daneben liegen. Es ist halt nicht alles planbar, besonders wenn man mit Tieren arbeitet. Dick eingehüllt in unsere Klamotten, kämpfen wir uns auf den Berg um die Kadaver mit großen Zweigen abzudecken. Nicht auszudenken, was ich fühlen würde, wenn die Vögel ausgerechnet zum fressen kommen, während wir weg sind. Wir nehmen unseren Müll und meine Fotoausrüstung auf den Rücken und treten den Rückweg ins Tal an.

 

Das Lager und die restlichen Lebensmittel lassen wir im Wind geschützten Wald zurück. Später in Samaipata sehen wir meist menschenleere Straßen. Wenn sich mal einer nach Draußen verirrt, ist er dick eingepackt. Da die Häuser weder isoliert sind und auch meist keine Heizungen haben sind die Leute auch drinnen mit Handschuhen, Schals und Mütze bestückt. Ob im Internet Cafe oder im Restaurant, überall ist es bitterkalt. Saul schimpft immer wieder über den „fucking climate change“ der auch hier in der Region das Klima zu verändern scheint. Im Internet lese ich von strahlenden dreißig Grad Sommertage in der Heimat und frage mich in diesem Moment, was ich hier eigentlich tue.

 

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