Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: Trekking

Gebirge Teil 1: „Vorlauf“ 15.04.2013

„Naturwunder Erde“ ist meine dritte große Produktion welche ich in enger Kooperation mit der Umweltschutzorganisation Greenpeace erarbeite. Darauf bin ich recht stolz, denn es gibt kaum einen anderen Verein, dessen Ideen und Ziele sich so vollständig  mit meinem eigenen Weltbild decken wie die der Regenbogen-Krieger. Damit einher geht natürlich die Verantwortung zuverlässig und im Zeitrahmen zu arbeiten. Ich genieße das Privileg mit der Umsetzung dieses Konzeptes unsere Erde bereisen und fotografieren zu dürfen, stehe dafür in der Pflicht einen super Vortrag zu produzieren und ihn ab November 2013 bis einschließlich 2015 mindestens 300 mal zur Aufführung zu bringen. Damit dies gelingt habe ich ein tolles Team die sich seid Monaten um die Tourneeplanung kümmern. Inga, Astrid und Alexander wählen Städte aus, buchen Hallen und sorgen dafür, dass die Bewerbung der Veranstaltung möglichst reibungslos verlaufen wird.

 

Unser neues Projekt umfasst insgesamt 14 Ökoregionen die ich innerhalb der vier Kapitel „Wasser“,  „Wald“, „Gestein“ und „Grasland“ fotografisch umsetze. Dies bedeutet, dass ich mir vierzehn Mal die Fotoausrüstung um die Schultern hänge und in die wunderschöne Welt hinausziehe um diese in möglichst hochwertigen Bildern zu dokumentieren. Je näher der Tourneestart rückt desto mehr steigert sich die Vorfreude die dabei entstandenen Bilder auch einem möglichst breiten Publikum präsentieren zu dürfen. Mit jeder Reise die ohne Unfälle oder Verluste der Ausrüstung über die Bühne geht, sinkt die Nervosität. In dem Moment, in welchem ich zu Hause ein weiteres fertig fotografiertes Ökosystem in die Festplatte meines Computers lade erhöht sich die Sicherheit im November mit dem bestmöglichen Vortrag auf Tournee gehen zu können, der mir zum jetzigen Stand meiner Karriere möglich ist.

 

 

Inzwischen sind nun etwa zwei Drittel der Themen im Kasten und ich bin mit dem Verlauf der bisherigen Arbeit mehr als zufrieden. Als nächstes steht nun die Umsetzung des Themas „Gebirge“ an, welches neben dem „tropischen Regenwald“ und dem „Ozean“ das wohl körperlich Anstrengendste zu werden verspricht. Ich wollte von Beginn der Planungen an mit dem Himalaya das „Dach der Welt“ im Vortrag haben. Die Idee war das kleine Land Buthan zu bereisen. Dessen Menschen messen ihre Lebensqualität nicht so unsinnig wie der Rest der Welt am „Bruttoinlandsprodukt“ sondern am „Bruttosozialglück“. Dieses misst die Lebensspanne während der man zufrieden ist. Eine gute Idee über die im kapitalistischen Teil der Welt mal nachgedacht werden sollte. Wäre nicht mehr unbegrenztes Wachstum das Maß aller Dinge, sondern eher Werte wie Glück, Gerechtigkeit und Frieden, würde es unserer Erde sicher besser ergehen als es ihr momentan tatsächlich tut. Da sich das Land nur langsam gegenüber reiselustigen Nicht-Buthanern öffnet (was sicherlich nicht zu deren Nachteil ist) lässt man auch nur eine begrenzte Anzahl Touristen ins Land. Diese dürfen für jeden Reisetag eine Gebühr von 200 Dollar auf ihrem Wege zur Erkenntnis zahlen.

Schnell war klar, dass dies mein Budget bei weitem Übersteigen würde, zumal ich mir fotografisch einiges vorgenommen habe, und gut Ding will nun mal bekanntlich Weile haben. Außerdem war schon lange beschlossen das mich auf dieser Trekkingtour meine Lebensgefährtin Juliana begleiten wird. Wir haben uns vor einem Jahr in Brasilien kennengelernt als ich die dortigen Regenwälder fotografiert habe. Seitdem bereichert sie mit ihrer Liebenswürdigkeit jeden Tag meines Lebens. Aus der Patsche geholfen hat mir mal wieder mein guter Freund Rolf, der bei diesem Projekt schon in der Savanne Afrikas und im gemäßigten Regenwald Tasmaniens mit Rat und Tat an meiner Seite stand. Er als passionierter Reisender, dem kaum eine Ecke unserer schönen Welt unbekannt ist, kam auf mit der Idee den „Kanchenjunga Base Camp Trail“ im nepalesischen Teil des Himalaya zu laufen. Als er mir sagte das diese 26 tägige Wanderung bis zum Fuße des dritthöchsten Berges der Welt führen würde – vorbei an im Frühling blühenden Rhododendronwäldern; entlang an von Gletschern gespeisten Flüssen; auf autolosen Fußpfaden; durch kleine Dorfgemeinschaften die ihre Kultur bis heute leben und pflegen, so war die Sache schnell entschieden.

Das Ökosystem „Gebirge“ an sich besteht aus einem Haufen riesiger Gesteinsbrocken die für sich selbst keine große Wichtigkeit für die Vielfalt des Lebens auf unserem Planeten haben. Doch eben jene Gesteinsbrocken sind es, die in enger Synthese mit vielen der Lebensräume stehen, welche ich in meinem Projekte vorstellen werde. Die Themen „Gletscher“, Flüsse“ und „Wälder“ sind entscheidend für das Funktionieren des großen Organismus Erde, und auf sie trifft man alle im „Gebirge“. Ein wunderbares Thema also um die Vernetzung aufzuzeigen, in der viele Dinge der Natur miteinander verbunden sind. Da Rolf schon einmal in Nepal war, einen Veranstalter, einen Guide und die bei solch einer großen Tour notwendigen Träger kannte, hat er praktisch im Alleingang alles vorbereitet.  Juliana und ich mussten nur für die richtige Ausrüstung sorgen die uns sicher in die Hochlagen und wieder zurück bringt. Nun muss man zu bedenken geben das meine Liebste als Bewohnerin des tropischen Regenwaldes praktisch ihr ganzes Leben mehr oder weniger auf Meereshöhe verbracht und Temperaturen unter Null Grad nur vom Hörensagen her kennt. Ich habe von Anfang an ihren Mut bewundert als sie mir glaubhaft versicherte, diese im „Lonely Planet“ Nepal-Reiseführer als „hart“ beschriebene Tour mit mir bewältigen zu wollen.

Dazu kommt das Juliana vor acht Jahren einen schlimmen Autounfall hatte, der ihre Lebensuhr praktisch auf Null zurückgestellt hat. Zweiundvierzig Knochenbrüche und viele andere unschöne Dinge zwangen die Gute mit ihrem Körper wieder von vorne zu beginnen. Bis heute ist sie gezwungen in vielen Dingen mehr Zeit zu investieren, weil die einfach langsamer ist als ein Mensch ohne diese körperlichen Beschränkungen. Kaum jemand aus unserem Umfeld hat und hätte ihr auch nur im Ansatz zugetraut das sie all die Strapazen bewältigen würde die nun vor Ihr lagen. Schon für eine ganz normale Beziehung ist solch eine intensive Trekkingtour eine immense Herausforderung. Nun kennen wir uns erst ein Jahr, stammen aus verschiedenen Kulturen, sprechen miteinander in einer Sprache die nicht unsere Eigene ist und haben es bei ihr mit einem absoluten „Greenhorn“ (ich lese gerade mal wieder Karl May) zu tun, welches auch noch nie im Ansatz etwas ähnliches gemacht, geschweige denn Berge dieser Höhe kennen gelernt hat. Das ist wohl der ultimative Beziehungstest und wir waren uns auch Beide voll bewusst, das wir nicht überrascht sein dürfen, wenn wir das Basislager in 5300m Höhe, aus welchen Gründen auch immer, nicht erreichen werden. Trotzdem sind wir voller Vorfreude als wir uns mit gepackten Rucksäcken auf den Weg in dieses Abenteuer machen.

„Wer nicht wagt, der nicht gewinnt“ und „der Weg ist das Ziel“ sind zwei allseits bekannte Sprüche, die wie geschaffen scheinen für unsere Situation in den kommenden vier Wochen. Es wird sehr spannend werden….

Tasmanien Teil 2: “Von Oben” 10.01.2013

Die Hitzewelle die weite Teile Australiens und den östlichen Teil Tasmaniens erfasst hat dauert unvermindert an.  Für die kommenden vier, fünf Tage sind selbst für den regenreichen Westen der Insel wolkenfreie Tage prognostiziert. Nicht gerade die besten Voraussetzungen um gemäßigten Regenwald zu fotografieren. Für meine Bildsprache brauche ich bedeckte, gar regnerische Tage mit Nebel um die Fotos zu bekommen die ich innerhalb des Waldes erhalten möchte. Ich versuche aus der Not eine Tugend zu machen und überlege, wie ich diese Wetterlage am Besten für meine Zwecke nutzen kann. Es gilt eine Möglichkeit zu finden die Regenwälder als Teil der Gesamtlandschaft zu fotografieren, und so komme ich sehr bald zu dem Schluss, dass es jetzt genau der richtige Zeitpunkt ist einen Berg zu besteigen. Die zu erwartende Fernsicht wird diese Aufnahmen ermöglichen. Meine Wahl fällt auf einen Berg mit dem lustigen Namen „Frenchmans Cap“. Wie sich später heraus stellt, sieht er aus einem bestimmten Winkel betrachtet tatsächlich wie ein Franzosenhut aus. Er ist der höchste Gipfel  im weiten Umkreis und wenn ich meinen Kartenleserinstinkten vertrauen darf verspricht er 360 Grad Ausblicke auf die von der UNESCO als Weltnaturerbe anerkannte Wildnis, in deren Tälern sich der gemäßigte Regenwald befindet.

Im Wanderführer wird die Tour mit 4-5 Tagen angegeben was für mich eine logistische Herausforderung darstellt. Wenn ich alleine unterwegs bin kommen sehr schnell sehr viele Kilo zusammen die man an Gepäck durch die Gegend schleppen muss. Zusätzlich zur eh schon schweren Fotoausrüstung incl. Stativ, Gehäuse und 3-4 Objektiven, packe ich mein Zelt, Isomatte, Schlafsack und genügend Kleidung ein. Hier sollte man genau überlegen was tatsächlich benötigt wird. In der Regel ist es weniger als man denkt, wenngleich natürlich an der Grundausstattung gegen Kälte, Wind und Regen nicht gespart werden darf. Wichtige Details wie Sonnencreme, Toilettenpapier und Hut dürfen nicht vergessen werden. Hat man alles glücklich im Rucksack kommt dann ein weiterer schwerwiegender Faktor obenauf nämlich die Nahrung. Kaum zu glauben was sich da an Gewicht anhäuft wenn man vier, fünf Tage etwas zu essen haben möchte. Wenn ich alleine unterwegs bin verzichte ich bewusst auf warme Mahlzeiten um mir den Kocher und extra Geschirr sparen zu können. Einmal am Tag gibt es Müsli mit Milchpulver und ansonsten Käse, Brot und Streichcreme. Das Schöne beim Trekking ist dass man keine Gewissensbisse haben muss zahlreich Schokolade zu sich zu nehmen, denn der Körper ist für diese Art von Energie sehr dankbar. Natürlich ist es unumgänglich genau zu prüfen ob auf der zu erwartenden Tour genügend Flüsse den Pfad kreuzen um auch mit Trinkwasser versorgt zu sein. In diesem Fall ist das in ausreichendem Maße der Fall, so dass mir zwei Halbliter Plastikflaschen, rechts und links am Rucksack befestigt, für den Trip genügen werden.

Letztendlich starte ich mit fast 30 kg auf dem Rücken, was bei meinem nicht gerade massiven Körperbau wirklich das absolute Limit darstellt. Wenn es meine Kondition zulässt möchte ich am ersten Tag eine Strecke von sechzehn Kilometern hinter mich bringen. Das ist besonders bei den hohen Temperaturen wirklich kein Pappenstiel. Wenn es wirklich heiß ist, muss dem Körper praktisch ständig Wasser zugeführt werden, damit er leistungsfähig bleibt. Bei jedem kleinen Rinnsal halte ich an und fülle die Flasche auf, eine Energiequelle die nicht versiegen darf. Nachdem der Wanderweg einen ersten kleineren Bergzug überwunden hat, komme ich im nächsten Tal in ein bei vielen Wanderern gefürchtetes Moorgebiet. Auf einer sechs Kilometer langen Strecke nähert man sich dem eigentlichen Bergzug zudem auch der Zielgipfel gehört. Laut den Informationstafeln die am Anfang des Trails aufgestellt sind gibt es Zeiten an denen der geneigte Naturfreund hier bei jedem Schritt bis zu den Knien im Morast zu versinken droht. Kein schöner Gedanke mit schwerem Rucksack auf dem Buckel. Ausgerechnet die unschöne Hitzewelle kommt mir hier zur Hilfe, denn durch den mangelnden Regen in den letzten Tagen und die starke Sonnenstrahlung sind viele der Sumpflöcher ausgetrocknet oder zumindest weniger tief. Natürlich versucht jeder Wanderer das Einsinken im Schlamm zu vermeiden und sucht sich Grasbüschel und Erhöhungen auf denen er das stabil laufen kann. Das führt an vielen Strecken dazu dass ein einst schmaler Pfad immer weiter ausfranst und die eigentlich geschützte Vegetation dabei auf breiter Fläche nachhaltig geschädigt wird. Deshalb geht die Verwaltung der Nationalparke in Tasmanien inzwischen dazu über, an solch fragilen Stellen massive Holzstege zu bauen, auf denen man trockenen Fußes durch die Landschaft kommt. Das mag dem Einen oder Anderen weniger Authentisch erscheinen, doch ich finde es ist eine vernünftige Maßnahme die dem Schutze der Natur dient und eine gute Verwendung der Nationalparks-Gebühren ist. Auf einem Drittel der Strecke sind die Stege über das Moor schon fertig, und die angrenzende Natur beginnt sich sichtbar zu erholen, da keiner mehr in ihr herumirrt.

Als ich den Wald erreiche freue ich mich über leicht kühlenden Schatten. Dafür steigt jetzt der Weg an, was meine Geschwindigkeit stark nach unten sinken lässt. Der schwere Rucksack fordert seinen Tribut. Alle halbe Stunde mache ich für ein paar Minuten Pause um die Schultern zu entlasten und kämpfe mich so durch eine wunderschöne Regenwaldszenerie, die trotz sichtbarer Trockenheit immer noch ihren Zauber versprüht. Gegen Abend erreiche ich mein Etappenziel. An einem von Bergen umgebenen See finde auf einem Moosteppich einen schönen Zeltplatz. Ich erkunde die mich umgebene Landschaft und beschließe, dass die hier vorhandenen Motive eindeutig im Morgenlicht zu fotografieren sind. Nach einem nicht allzu üppigen Abendessen falle ich erschöpft in tiefen Schlaf. Nicht ohne zuvor noch den Wecker gestellt zu haben. Denn das Ausnutzen von guten Lichtsituationen hat bei solchen Touren absolute Priorität, egal wie erschöpft ich bin. Draußen ist es immer noch helllichter Tag. Die Sonne geht erst weit nach einundzwanzig Uhr unter, richtig Dunkel ist es erst viel später.

Die Nächte sind hier kurz, besonders für Naturfotografen. Weit vor Sonnenaufgang stehe ich am Seeufer und platziere das Stativ an einer der wenigen Stellen die eine freie Sicht auf die Landschaft verspricht. Über dem See liegt eine zarte Nebelschicht die dem Foto einen zusätzlichen Reiz verleiht. Es zahlt sich aus, dass ich mir am Vorabend noch die Mühe machte im Unterholz nach einem geeigneten Zugang zu suchen. Am Morgen hätte ich die Stelle im Halbdunkel nicht gefunden oder wäre zu spät zum Fotografieren gekommen. Als die Sonne ihre ersten direkten Strahlen auf die Berghänge scheint, bin ich schon wieder am Zelt und bereite mein Frühstück zu. Ich werde heute früh aufbrechen, da ich schon am Abend auf den Gipfel stehen möchte.

Der Wanderpfad folgt parallel dem Seeufer. Ich finde mich umringt von wilden alten Bäumen mit Regenwaldcharakter. Die Wasserfläche ist immer nur als Ausschnitt zwischen dem Gewirr aus Ästen und Büschen zu sehen. Am Ende des Sees geht es endgültig steil nach oben. Heute sind die Temperaturen merklich angenehmer. Die größere Höhe macht sich bemerkbar. Mit gelegentlichen Fotostops brauche ich gute drei Stunden bis zum Pass. Die Aussicht von der Passhöhe ist grandios. Nach Süden hin fällt der Blick auf die von hier aus endlos erscheinende Wildnis und vor mir erhebt sich zum ersten Mal sichtbar der Gipfel des Frenchmans Cap. Dazwischen liegt ein weiterer Bergzug den es erst noch zu umrunden gilt. Der Wald weicht hier oben mehr und mehr einer buschartigeren Alpinen Vegetation. Wegen des wolkenlosen Himmels ist es schwer vorstellbar das ich hier in einem Gebiet mir hohen Niederschlägen wandere, doch die Vielzahl an verschiedenen Pflanzen sprechen da eine eindeutige Sprache. Das Lager befindet sich wieder an einem Bergsee genau am Fuße der eigentlichen Erhebung des Gipfels. Ich erreiche das Etappenziel am frühen Nachmittag. Es ist eine ähnliche Szenerie wie am Vorabend nur ist alles hier oben noch einen Tick anmutiger, ja gar lieblich. Ein Ort zum Träumen. Man hat hier freie Blicke auf den See und die steil aufragenden Felsen des Berges und die Bäume und Sträucher spiegeln sich in perfekter Symmetrie im windstillen Wasser.

Jetzt bin ich dem eigentlichen Ziel meiner Tour, nämlich die Wildnis von oben zu fotografieren schon recht nah. Ich nutze den Rest des Nachmittags zur Erholung. Von anderen Wanderern weiß ich, dass der Marsch auf den Gipfel von hier aus ca. eineinhalb Stunden dauert. Wegen der Wetterlage ist für mich, zumindest fotografisch, nur die Zeit zwischen Sonnenuntergang und Dunkelheit interessant. Deshalb starte ich den Aufstieg erst nach neunzehn Uhr. Es geht von Beginn an steil nach oben. Ich habe nur noch die Fotoausrüstung und ein wenig Verpflegung auf dem Rücken, was merkliche Entlastung bedeutet. Die alpine Vegetation ist flacher und offener als der Wald und bietet immer wieder betörende Blicke zurück auf den See. In der Nähe des Ufers kann ich mein orangenes Zelt zwischen den Grüntönen der Bäume aufblitzen sehen.  Ab einer gewissen Höhe wachsen nur noch Bodendecker zwischen den Felsen und der Pfad führt steil über loses Geröll und  große Steinplatten. Kaum erreiche ich die, dem Berg wohl seinen Namen gebende, abgeflachte Gipfelseite, bläst mir ein starker Wind ins Gesicht der die Hitze der vergangenen Tage schnell vergessen macht. Als ich dann wenig später auf dem höchsten Punkt des Berges stehe fühle ich es wieder, das Hochgefühl. Tiefe Zufriedenheit und ein wenig Stolz erfüllt mich. Dazu kommt noch die Erkenntnis, dass mein Gespür mich nicht betrogen hat. Die Ausblicke die sich mir bieten sind einzigartig. Bis an die Horizonte in jeglicher Richtung sehe ich einen Höhenzug der sich an den Anderen reiht. Je nach Lichteinfall  und Entfernung verändern sich die Farben.

Als der Sonnenball im Westen über dem von hier aus sichtbaren Ozean verschwunden ist, beginnt meine Arbeit. Auf Hochtouren rase ich von einem guten Ausblickpunkt zum anderen um möglichst keinen schönen Moment zu verpassen. Die entscheidenden Minuten sind jene, an denen der Himmel dieselbe Helligkeit aufweist wie das sich unter ihm ausbreitende Land. Je nachdem wie viel Restlicht noch hinter dem Horizont nachstrahlt und auf der gegenüber liegenden Seite im Osten in Partikeln oder Wolkenfetzen Reflektion findet, lässt die Aufnahme mehr oder weniger farbig erscheinen. Erst als es praktisch komplett Dunkel ist mache ich mich im Schein des Mondlichtes auf den Abstieg. Nur an wenigen steilen Stellen nehme ich meine Taschenlampe zur Hilfe. Erst weit nach Mitternacht liege ich im Schlafsack. Zeit zum Schlafen bleibt kaum denn ich habe mir fest vorgenommen das gleiche Schauspiel mit den sich wechselnden Lichtstimmungen noch einmal zu erleben. Diesmal nur in umgekehrter Reihenfolge: von Dunkel nach Hell. Unerbittlich klingelt mich der Wecker um halb vier aus dem Tiefschlaf. Als ich das Zelt verlasse breitet sich über mir in selten gesehener Klarheit die gesamte Milchstraße aus. Mit schweren Gliedern mache ich mich an den erneuten Aufstieg. Blöd das ich wegen den wenigen Stunden nicht einfach auf dem Gipfel geblieben bin, aber da oben war es einfach zu windig. Zumindest am Abend denn momentan scheint kein Windhauch die totale Stille und den Frieden dieser Nacht zu stören.

Auf halber Höhe zum Gipfel versuche ich mich an einer Nachtaufnahme vom Sternenhimmel zusammen mit dem aufragenden Berg. Dies gelingt dank Digitaltechnik auch ganz gut. Noch in fast völliger Dunkelheit stehe ich später am selben Ort wie wenige Stunden zuvor und warte auf die ersten Anzeichen des neuen Tages. Ich habe diese Prozedur im Laufe meiner über zwanzig Jährigen Karriere als Fotograf inzwischen unzählige Male erlebt und werde nie müde werden erneut nach diesem Schauspiel zu suchen.  Es sind eben jene wenigen Minuten zwischen Tag und Nacht die mir Gänsehaut bereiten. Sie lassen mich zum „Jäger des Lichts“ werden, wie man uns Naturfotografen auch gerne nennt. Mit den ersten Sonnenstrahlen die ihren Weg über den Horizont schaffen ist ein Großteil der Magie auch schon wieder verschwunden, besonders wenn es keine Wolken am Himmel gibt wie momentan. Zufrieden, aber völlig übermüdet mache ich mich auf den Rückweg.

Ich erreiche das Lager zu einem Zeitpunkt als manch anderer Wanderer den Tag begrüßt und freue mich bis zum Nachmittag im wahrsten Sinne des Wortes nichts tun zu müssen. Am Abend möchte ich zurück zum Pass laufen um dort den nächsten Sonnenuntergang zu fotografieren. Ich werde dort ankommen und keine gute Lichtstimmung vorfinden. Am kommenden Tag werden sich die ersten Wolkenfelder bilden die mich gegen Nachmittag mit starken Regenfällen zurück zum Ausgangspunkt der Tour begleiten. All jene Wanderer die mir auf dem Rückweg entgegen kommen, werden kaum Chancen haben vom  „Frenchmans Cap“ einen Ausblick genießen zu können. Ich habe alles richtig gemacht.

 

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