Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: Tundra

Alaska: Tundra “Farbenrausch” 04.09.2013

Jedes fotografische Projekt beginnt mit einer Idee, einem Traum oder einer Sehnsucht. Unsere Erde zu porträtieren ist für mich ein Traum seitdem ich die Kamera gerade halten kann. Meine Sehnsucht war es immer möglichst viele Naturlandschaften zu erkunden. Seit ich Referent für Greenpeace bin hatte ich die Idee mit einem guten Konzept die Zusammenhänge der sich auf unserem Planeten befindenden Lebensräume zu erklären um diese möglichst vielen Menschen verständlich zu machen. Nun ist es soweit. Ich breche auf zur letzten Reise welche den Kreis schließen wird und mein Konzept „Naturwunder Erde“ komplettiert. Was noch fehlt ist die Tundra, jenes Gebiet das den Übergang zwischen den nordischen Wäldern und dem arktischen Eis bildet. Dazu gibt es für mich ein Wiedersehen mit einem Land durch das ich vor über zwanzig Jahren mit dem Fahrrad geradelt bin, nämlich Alaska, dem nördlichsten Bundesstaat der USA. Ich erinnere mich sehr gut an die sechs monatige Reise die ich damals zusammen mit meinem Freund Felix  unternommen habe. Jeder Tag war damals ein Abenteuer. Wir wussten nicht wo wir am Abend unser Zelt aufschlagen und haben uns einfach treiben lassen. Eine tolle Erfahrung. Nun bin ich wieder da. Zwar habe ich nun ein zeitliches Korsett und fahre mit einem motorisiertem Untersatz, aber dafür bin ich immer noch mit der Kamera unterwegs, um das zu tun was ich am liebsten tue, nämlich fotografieren.

Um in die Tundra nördlich des „Brooks“ Gebirges zu kommen muss ich das Land praktisch einmal durchqueren. Das letzte Drittel im August ist angebrochen und die Natur im Süden des Landes liegt noch im sommerlichen monotonen Dauergrün. Genau das soll tausend Kilometer weiter im Norden schon bald anders sein. Dort wird die kurze Sommerzeit in der Regel schon in der letzten Augustwoche vom Herbst abgelöst. Die Tundra, deren Vegetation sich für viele Monate im Jahr unter einer Schneedecke verbirgt ist karg und auf den ersten Blick nicht sehr abwechslungsreich. Offene Graslandschaften deren höchster Bewuchs diverse Zwergsträucher sind, versprechen nicht gerade fotografische Feuerwerke.

Doch gerade wenn die Voraussetzungen eher schwierig sind, ist es als Fotograf wichtig die richtigen Ansätze zu einer ansprechenden Arbeit zu finden und dann konsequent umzusetzen. Der Schlüssel zum Erfolg liegt für mich in den wenigen Tagen im Jahr wo die Tundra in einem wahren Farbenrausch fällt und sich auf den nahen Winter vorbereitet. Wenn die Welt in roten und goldenen Farben erstrahlt, dann offenbart gerade die Schlichtheit ihren Reiz.

Die Fahrt von Anchorage nach Fairbanks, der letzten größeren Stadt auf dem Weg nach oben, verläuft problemlos. Amerikanische Straßen sind breit und zumindest in Alaska mit wenig Verkehr gesegnet. Den Eingang zum Denali Nationalpark passiere ich im Dauerregen und verzichte auch aus diesem Grund auf einen längeren Aufenthalt. Ich gönne mir eine kurze Visite im Nationalpark Informationszentrum und denke dabei an zwei junge Typen die hier vor vielen Jahren ihr beladenes Rad abgestellt haben um für einige Tage in dieser Wildnis wandern zu gehen. Trotz des schlechten Wetters ist eine Menge los. Viele Wanderer, Tagesbesucher in Reisebussen und Rentner in ihren großen „Motorhomes“, alle kommen hierher um Alaskas berühmtesten Park zu besuchen. Spätestens hier macht sich in mir eine gewisse Nervosität breit. Selbst in den etwas höher gelegenen Regionen um den Denali ist von einer beginnenden Einfärbung  der Blätter noch nichts zu spüren. Die Ranger berichten mir von extrem heißen Tagen im Juli und das alles in diesem Jahr später dran sei wie normal. Jetzt ist es zu einfach jede Anomalie in der Natur sofort auf die Erderwärmung zu schieben. Es ist aber nicht von der Hand zu weisen das gerade im Norden unseres Planeten das Klima in den letzten Jahren besonders stark aus der Reihe tanzt.

In Fairbanks besuche ich einen „Walmart“ Supercenter, um mir für die kommenden Tage Lebensmittel einzukaufen. Ich werde in meiner Zeit in Alaska den Mietwagen als Hotelzimmer und Restaurant benutzen, weshalb die Möglichkeiten begrenzt sind und sich meine Einkäufe auf Obst, Müsli, Brot, Käse und Chips beschränken. Der Einkauf in solch einem Konsumtempel hinterlässt bei mir einen tiefen Eindruck. Der Supermarkt lässt selbst große Einkaufscenter bei uns richtig mickrig wirken. Dem Innenleben fehlt jede Art von Eleganz. Die Lagerhallenoptik ist schlicht bis kühl, alles baut auf optimale Logistik. Es geht um maximalen Konsum. Die Portionen sind oft größer als bei uns und der Anteil ungesunder Dinge, die zwar lecker aussehen aber unseren Körpern nicht guttun, noch zahlreicher. Das in diesem Land noch mehr Menschen Übergewicht haben als in Europa ist nicht verwunderlich. Ein Blick in die Supermärkte und Shops der Tankstellen genügt um eine der Ursachen zu erkennen. Das gibt es bei uns Alles auch, doch bleibt bei mir immer das Gefühl hängen das die Amerikaner es immer, im Guten wie im Bösen auf die Spitze treiben. Ganz zu schweigen von der Idee eines sorgfältigeren Umgangs mit Rohstoffen und bewussterem Konsum. Ich bin mir nicht sicher ob das Wort „Nachhaltigkeit“ in der Firmenpolitik von „Wal Mart“ eine große Rolle spielt. Dieser Betrieb hat mal als kleiner Laden irgendwo in Arkansas angefangen und beherrscht heute, ein halbes Jahrhundert später, einen Großteil des US-amerikanischen Einzelhandels. Das finde ich ziemlich gruselig. Einen Teil des Erfolges beruht darauf, dass das Unternehmen seine Mitarbeiter extrem schlecht bezahlt und jegliche Form der Gewerkschaftsbildung unter den zwei Millionen Angestellten brutal unterbindet. Der amerikanische Traum in Reinform.

Voll betankt und mit Gedanken zur Nachhaltigkeit im Kopf mache ich mich auf den hunderte Kilometer langen Weg nach Norden. Ich genieße dabei den Fahrkomfort meines viel zu großen Autos, und versuche das dabei aufkommende schlechte Gewissen so gut es geht zu verdrängen. Knappe neunzig Meilen nördlich von Fairbanks beginnt der „Dalton Highway“. Diese Straße führt auf weiteren sechshundertfünfzig Kilometern direkt zum arktischen Ozean. Dort oben befindet sich das größte Ölfeld der USA. Diese Straße wurde nur aus dem einem einzigen Grund gebaut. Nämlich um die riesigen Industrieanlagen versorgen zu können, sowie die Pipeline zu warten welche das begehrte Schwarze Gold im Dauereinsatz zu den Konsumenten in den Süden pumpt. Erst im Jahre 1968 hat man in Alaskas Norden Öl entdeckt. Binnen fünf Monaten wurde diese Straße gebaut und in nur drei Jahren hat die fertige Pipeline das Antlitz der nordischen Wildnis für immer verändert. Es ist erstaunlich zu welchen Kraftakten der Mensch fähig ist. Wenn er das nur mal an anderer Stelle auch hinkriegen würde.

Bis zum Jahr 1981 war die Straße den Trucks der Ölindustrie vorbehalten. Danach bekam die Öffentlichkeit Zugang bis zur Hälfte der Strecke. Von nun an konnten Jäger und Urlauber mit dem eigenen Fahrzeug bis ins „Brooks“ Gebirge gelangen welches Alaskas boreale Wälder von der arktischen Tundra praktisch separiert. Erst ab 1994 wurde der Allgemeinheit gestattet bis hoch nach „Deadhorse“ zu fahren, hinein ins Herz der Schwerindustrie. Dieser Tatsache ermöglicht es auch mir die Tundra überhaut zu erreichen, zumindest in Alaska.

Der „Dalton Highway“ ist bis heute auf einigen Abschnitten eine Schotterpiste. Gerade an solchen Stellen muss man höllisch aufpassen. Oftmals führt der Weg über Kilometer fast völlig gerade. Wegen der großen Distanzen und der breiten Straße merke ich manchmal gar nicht, dass ich schneller fahre als die erlaubten 55 Meilen. Wenn man auf ungeteertem Untergrund zu schnell in eine Kurve kommt kann die Sache sehr leicht in einer Katastrophe enden. Auf keinen Fall darf man in solch einem Moment das Fahrzeug abbremsen, denn dann schlittert einen das Geröll im schlimmsten Fall von der Piste. Ebenfalls gefährlich sind die steilen Anstiege an denen man den Gegenverkehr nicht kommen sieht. Es sind dutzende, wenn nicht gar hunderte von Trucks die hier jeden Tag rauf und runter donnern, und sie sind die eindeutigen Herrscher dieser Straße. Ich muss immer hochkonzentriert sein. Besonders die ersten Tage, als sich mein Körper noch im Jetleg befindet, ist dies eine ernste Angelegenheit.

Die Landschaft besteht größtenteils aus sanften in die Länge gezogene Bergrücken die alle mit dem für den borealen Wald üblichen Gemisch aus Fichten und Birken bewachsen sind. Wobei die Fichten klar dominieren. In diesem Ökosystem sorgt Feuer im Schnitt alle 80 – 150 Jahre für eine Erneuerung der Vegetation. In Gebieten mit jüngerem Baumbestand ist die Birke zahlreicher vertreten, weil sie sich nach der Reinigung schneller berappelt als die langsamer nachwachsende Fichte. Was mich dann aber doch schockiert ist das Ausmaß der Brände. Gerade zwischen Fairbanks und dem „Brooks“ Gebirge sind ganze Landstriche verbrannt. Auf riesigen Flächen ragen schwarze Stümpfe in den Himmel. Im Sommer 2004 sollen hier oben weit über 20.000 Quadratkilometer Wald verbrannt worden sein. Ein echtes Horrorszenario, wenn man weiß wie viel Treibhausgase dadurch in die Atmosphäre freigesetzt wurden. Es ist aber auch keine neue Erkenntnis, dass sich durch den Klimawandel Waldbrände massiv verstärken werden. Auch das lässt sich schon heute an vielen Stellen der Erde beobachten.

Ich überquere den mächtigen Yukon River und fahre einige dutzend Kilometer weiter nördlich zum ersten Mal durch eine Landschaft die der Tundra praktisch gleichkommt. Die Ausblicke sind grandios, besonders dann wenn sich in einem Tal ein Wasserlauf durch die Ebene schlängelt. Ich bilde mir ein, ganz leichte Anzeichen eines rötlichen Schimmers, besonders bei den Beerenbüschen, auszumachen. Doch ich muss mir eingestehen das dies mehr Wunschtraum als Realität ist, und ich von meinem erhofften Farbenrausch noch Lichtjahre entfernt bin – oder zumindest mindestens noch für ein bis zwei Wochen. Die Durchquerung des Brooks Gebirges ist für mich der Höhepunkt dieser langen Fahrt. Was für ein wunderschönes Flusstal durch das die Straße hier gebaut wurde. Rechts und links ziehen sich die Wälder die Berghänge hoch. Den Gedanken wie hübsch es hier ohne die doofe Pipeline und die Straße wäre, wische ich mit der Erkenntnis beiseite, das ich in diesem Fall gar nicht hier sein könnte um diese landschaftliche Schönheit zu bestaunen.

Als ich den Pass und somit die Wasserscheide erreiche, stehe ich plötzlich zum ersten Mal im Schnee. Langsam fahre ich auf der andern Seite das Tal über die matschige Piste wieder nach unten und bin nun endgültig im Land ohne Bäume angekommen. Weiter unten hält sich der Schnee nur an den der Sonne abgewandten Nordseiten der Hügel und Berge. Der erhoffte Farbenwechsel ist aber auch hier trotz erster Schneefälle noch äußerst dürftig. Umso großartiger sind die Ausblicke während des weiteren Verlaufes der Straße als ich das Gebirge endgültig verlasse und auf die offene Tundra hinausfahre. Die „Brooks Range“ bleibt mir noch für viele Kilometer an der Ostseite erhalten und bildet mit ihren schneebedeckten Gipfeln einen optisch ansprechenden Abschluss für mögliche Motive der sich davor ausbreitenden Tundra.

Nun bin ich also in meinem eigentlichen Einsatzgebiet angekommen. Auf der hundertfünfzig Kilometer langen Strecke zwischen Gebirge und Ozean gedenke ich in den kommenden Tagen zu pattroulieren um dieses Ökosystem und seine Bewohner für mein späteres Vortragspublikum anschaulich zu dokumentieren. Es ist nicht gerade innovativ aus dem Auto heraus auf Bilderjagd zu gehen, aber es ist effizient. Dadurch dass ich ständig in Bewegung bin erhoffe ich mir ausreichende Motivbildung, besonders bei der Tierwelt. Doch mein größter Wunsch sind schleunigst einsetzende strenge Nachtfröste um die Einfärbung der Natur endlich zu beschleunigen. Was ich unbedingt erwähnen muss sind die überkorrekten „Road Works“ in den USA. Auch hier oben komme ich an eine Stelle wo mich ein Schild mit der Botschaft anstrahlt, dass auf den kommenden 17 Meilen Straßenarbeiten getätigt werden. Dazu wird dann ein armer Mensch in viele Schichten Kleindung gehüllt an den Beginn der Baustelle gestellt, der dann ein Schild in der Hand halten muss auf dem wahlweise „Stop“ oder „Slow“ zu lesen ist. Bei „Stop“ hat der Verkehr an dieser Stelle so lange zu warten bis ein Geleitfahrzeug kommt, welches die Kolonne dann auf der einspurigen Strecke siebzehn Meilen durch die Bauarbeiten leitet. Tja, und diese Arbeiten bestehen dann aus einem Bagger und ein bis zwei Arbeitern, die irgendwo auf den siebzehn Meilen ein wenig die Straße ausbessern. Am anderen Ende steht dann wiederrum eine Frau oder ein Mann sich die Füße platt und dreht alle halbe Stunde ein Schild um hundertachtzig Grad in der Hand herum. Schon vor zwanzig Jahren auf unserer Radtour haben sich Felix und ich über diesen Anachronismus lustig gemacht. Aber vielleicht ist es auch einfach so das diese betreffende Person froh ist, einen Job zu haben. Genauso wie die Frau die im Aufzug in Sao Paulos Flughafen immer für die Leute auf den Knopf drückt und das den ganzen lieben langen Tag. Millionen Menschen auf der Welt haben einen Lebensinhalt der weit weg ist von der Freiheit und den Möglichkeiten die meine Generation in Deutschland aufgewachsener Glückspilze bekommen hat. Das kann man sich gar nicht oft genug bewusst machen, gerade das viele Reisen macht mir das immer wieder deutlich.

Die Tundra ist immer dann am Schönsten wenn man sie von einer Anhöhe aus betrachtet und dicke Wolkenberge über sie hinwegziehen. Wenn dann vereinzelte Sonnendurchbrüche für schöne Licht- und Schattenspiele sorgen, erscheint das karge Land sehr plastisch und lässt sich wunderbar fotografieren. In solchen Momenten wird auch die enge Verwandtschaft zur Steppe deutlich welche ich in der Mongolei kennen lernen durfte. Die ersten Tage vergehen recht zäh. Stück für Stück überwinde ich meine Mattigkeit durch das Jetleg und jammere innerlich über die fehlenden Farben in der Natur. Nur ganz langsam, viel zu langsam kann ich eine Veränderung erkennen. Ich fahre den Highway entlang und halte Ausschau nach Leben.

Dabei bin ich nicht der Einzige der dies tut. Es ist Jagdsaison und dutzende Männerfreundschaften hat es hier in den Norden verschlagen um ihren Urinstinkten nachzugehen und einmal im Jahr zu zeigen das sie ganze Kerle sind. Sie sind auf der Jagd nach Karibus, dem Pendant der nordeuropäischen Rentiere. Diese Tage wird mir mal wieder ganz extrem bewusst warum ich die Jagd generell so verabscheue. Ich weiß, auch hier muss man differenzieren und darf nicht alles pauschal in die Tonne kloppen. Wenn Menschen als Naturvölker innerhalb ihres Lebensraumes auf die Jagd gehen um sich und ihre Familien zu ernähren, dann ist dies eine ganz normale Sache die ich auch in keinster Weise in Frage stelle. Diese Menschen wissen in der Regel auch wie viele Ressourcen sie innerhalb ihres Lebenskreises nutzen können ohne ihn zu übernutzen. Doch ich behaupte dass ein Großteil der in der globalisierten Welt umherziehender Jäger dieses Gefühl längst verloren hat und aus reiner Lust am Töten zu den Waffen greift. Es sind immer kleine Männergruppen die ich beobachte wie sie aus ihren Autos heraus mit dem Fernglas über die offene Landschaft blicken. In den ersten Tagen sehe ich so gut wie keine Karibus dafür umso mehr Jäger. Doch die Tiere sind da, und kleine Gruppen versuchen auch immer wieder den Highway zu überqueren. Ich habe einige wirklich skurrile Erlebnisse. Einmal sehe ich einen einzelnen männlichen Bullen mit einem wunderschönen mächtigen Geweih wie er sich langsam an die Straße hinbewegt.Zwei Autos mit Jägern haben sich an der möglichen Stelle der Überquerung positioniert und die Herren mit Pfeil und Bogen (die Jagd mit Gewehren ist zum Glück verboten) im Straßengraben ausgesetzt. Von beiden Seiten warten nun in Tarnfarben gekleidete Gestalten mit gespanntem Boden darauf, dass das Tier die Straße queren mag.

Die Karibus sehen im Menschen eindeutig eine Bedrohung aber wohl nicht in den auf der Straße stehenden Autos. Deshalb hat sich das Tier tatsächlich auf die Fahrspur getraut und zwar direkt zwischen den zwei wartenden Jägern. Was mag wohl in solchen Momenten in einem Menschen vorgehen, der bereit ist in den nächsten Augenblicken das Leben eines anderen Wesens bewusst zu beenden?

Ist es Adrenalin? Lust? Also mir war in diesen Momenten in denen ich unmittelbarer Augenzeuge dieses Vorgangs wurde regelrecht schlecht, und ich hätte am Liebsten laut aufgeschrien um das Karibu zu verscheuchen. Kurz hintereinander sind die Pfeile losgezurrt und haben das wunderschöne Tier glücklicherweise beide verfehlt. Doch abgetrennte Geweihe auf Autodächern haben mir sehr häufig gezeigt, dass andere Tiere nicht soviel Glück hatten. Es sind immer die Männchen auf welche die Jäger scharf sind. Die Trophäe des Geweihs liefert dann später in der Heimat den Beweis für große Taten. Die Trophäenjagd ist abscheulich und wirklich aus der Zeit gefallen. Wir leben in einer Welt in der sich die Menschen mit Hightech Geräten und Dosenbier bewaffnet auf den Weg in die Wildnis machen. In einer Welt die gerade das größte Artensterben seit dem verschwinden der Dinosaurier erlebt und in der kaum noch intakte Kreisläufe innerhalb der Natur existieren. Immer wenn es mir gelungen ist vom Highway aus Karibus zu fotografieren waren auch irgendwelche Jäger mit im Spiel welche den Tieren ans Leben wollten.

Zum  Glück ist die Tundra nur schwer zu begehen, was wohl viele davon abhält den Karibus für längere Zeit abseits der Straße zu folgen. Wenn in den Sommermonaten der Permafrostboden an der Oberfläche für kurze Zeit auftaut, ist er an vielen Stellen moorig und von kleinen Bachläufen durchzogen. Ohne Gummistiefel kommt man an vielen Stellen trockenen Fußes kaum voran.

Nur langsam offenbart mir diese karge Landschaft die Vielfalt an Arten die hier ihren Lebensraum haben. Kaum zu übersehen sind die Erdhörnchen welche praktisch überall aus ihren Löchern im Boden schauen. Es ist einfach zu goldig wenn sie sich an einer kleinen Anhöhe auf die Hinterbeine stellen und ihre Umgebung beobachten. Stellen sie dabei noch ihren Schwanz in die Höhe ist es wirklich zum lachen. Acht Monate im Jahr verbringen die Tiere im Winterschlaf. Während dieser Zeit sinkt ihre Körpertemperatur unter den Gefrierpunkt. Wie sie das überleben können bleibt wohl ein Rätsel.

Die Ziesel tun gut daran ihre Umgebung im Auge zu behalten denn sie sind ein Leckerbissen für die Schneeeule. An manchen Tagen sehe ich eine dieser weißgefiederten Vögel über die Tundra fliegen. Hier zeigt sich natürlich, dass ich mit meinen begrenzten Möglichkeiten nur an der Oberfläche kratzen kann. Wollte ich wirklich gute Fotos einer Schneeeule bekommen, müsste ich mich auf die Suche nach einem Brutplatz machen, und mich dort für längere Zeit in einem Tarnzelt verschanzen. Doch dies ist mir innerhalb des aktuellen Projektes nicht möglich und so fahre ich den Highway fleißig auf und ab. Die Begegnung mit einer Herde Moschusochsen ist dabei ein wirklicher Höhepunkt für mich. Die Tiere waren in Alaska zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts ausgerottet. Nach erfolgreicher Wiederansiedlung leben hier heute wieder über tausend dieser prächtigen Tiere. Ich habe Glück das ich einen Ochsen entdecke dem ich mich vorsichtig annähern kann.

Nähert man sich einer ganzen Gruppe ist deren Fluchtdistanz recht groß, besonders wenn sich Nachwuchs unter den Tieren befindet. In diesem Fall war aber nicht der weite Abstand mein Hauptproblem, sondern ein großer für mich nicht zu überquerender Fluss, der mich von den meisten Moschusochsen abgehalten hat die ich in meiner Zeit in Alaska entdecken konnte. Dem einzelnen Tier kann ich aber für einige Zeit folgen und mit meinem großen 600mm Objektiv auch recht schöne Bilder machen. Dass die den Ochsen umgebende Vegetation praktisch immer noch grün und nicht farbig ist, muss ich zähneknirschend akzeptieren. Eine Nacht verbringe ich auf einer Anhöhe in der Nähe des „Brooks“ Gebirges. Nach einem wunderbaren Sonnenuntergang kann ich schöne Bilder der Landschaft mein Eigen nennen. Am kommenden Morgen stelle ich erfreut fest dass sich eine Raureifschicht über den kleinen Blättern der Bodendecker gebildet hat. Einige wenige Pflanzen sind hier oben schon wunderbar dunkelrot eingefärbt. So gelingen mir an diesem kalten Morgen, noch bevor die Sonne über den Bergen erscheint, zumindest im Detailbereich die ersten wirklichen Herbstaufnahmen.

Je mehr Tage ich hier oben verbringe desto mehr erschließen sich mir die Zusammenhänge und ich beginne diese  Landschaft, den Verlauf des Wetters und das Verhalten mancher Tiere zu verstehen. Immer wieder ziehen nun Schwärme von Gänsen über mich hinweg auf ihrem Weg in den Süden. Ein sichtbares Zeichen das sich der Sommer tatsächlich zu verabschieden beginnt. Tag für Tag wird nun auch das Gras der Tundra herbstlicher, nur die für ihr goldenes Kleid bekannten Zwergbirken und auch andere Büsche wollen einfach nicht richtig loslegen.

Alle paar Tage fahre ich ans Ende der Straße nach „Deadhorse“. Wäre ich ein Charakter im „Star Wars“ Universum, so befände ich mich hier mitten im Machtzentrum des dunklen Imperators. Dieser Ort ist eine Art realer Todesstern. An unzähligen Stellen wird hier der Erde das für unsere Gesellschaft so wichtige Öl entzogen, obwohl wir wissen, dass genau dies uns auf lange Sicht die Lebensgrundlagen zerstört. „Deadhorse“ steht für Alles was auch ich in meinem Alltag nutze, aber was ich mit all meiner Kraft mithelfen will zu überwinden. Nämlich die tödliche Abhängigkeit von den fossilen Brennstoffen wie Öl und Kohle. Alle meine Feindbilder sind hier oben vertreten. Firmen wie Shell, BP, Exxon, Halliburton. Industrieimperien die Milliardengewinne einsteichen weil es ihnen gelungen ist über Jahrzehnte die Abhängigkeit der Welt am schwarzen Gold aufrecht zu halten. Strukturen die überhaupt gar kein Interesse haben die Menschheit in eine nachhaltige saubere Zukunft zu führen. So kompliziert und Vielschichtig die globalisierte Welt geworden ist, in diesem Fall ist es wirklich einfach auf den Punkt zu bringen. Wollen wir es unseren Kindern ermöglichen auf einer Welt zu leben, die sich nicht mehr als zwei Grad Celsius als im Jahr 1990 erwärmt, also eine Welt die nicht völlig aus den Fugen gerät, dann müssen wir genau jede Riesenfirmen stoppen die in den kommenden Jahren die Erde bis auf den letzten Tropfen Öl und das letzte Stück Kohle ausquetschen wollen. Allein die Pläne dieser zwei Industriezweige reichen aus um mehr Treibhausgase in die Luft zu jagen damit sich die Erde über die kritischen zwei Grad hinaus aufheizt. Die Kohleindustrie in Australien und die Teersandindustrie in Kanada sind zwei der bösesten Auswüchse des dunklen Imperiums, um in der „Star Wars“ Sprache zu bleiben. Beide Regierungen sind der Industrie hörig und ignorieren jegliches Warnsignal das die Natur auch heute schon reichlich in Form von Wald- Buschbränden und Dürreperioden schickt. Ich besuche in „Deadhorse“ das Restaurant des örtlichen Hotels, nutze den offenen WLAN Zugang um e-mails zu schreiben, lade meine Geräte auf und arbeite an der Archivierung meiner Fotos. Dutzende von Arbeitern kommen hier in ihren Pausen zum Essen. Es gibt immer nur vom Feinsten. Alles wird in Styroporgeschirr serviert und rechts und links an der Decke hängen große Fernsehgeräte über die bei FOX News, rechte Hetzer ihr krudes Weltbild verbreiten dürfen. Immer wenn ich wieder in die Weite der Tundra hinausfahre und den Ort hinter mir lasse, kommt es mir vor als könne ich wieder freier atmen, was natürlich Einbildung ist. In solchen Momenten wünsche ich mir wirklich die Menschheit hätte seid der ersten Energiekrise in den Siebzigern die Macht dieser Konzerne gebrochen und sich auf die konsequente Entwicklung der regenerativen Energien gestürzt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass in diesem Fall  „Deadhorse“ heute nur noch ein großes Industriemuseum wäre, zumindest aber nur noch ein Nischendasein fristen würde.

Ich nähere mich dem Ende meines Zeitfensters und bin nicht wirklich rundum zufrieden. Was das Ökosystem Tundra ausmacht habe ich begriffen. Das eine oder andere schöne Bild ist auch gelungen, aber es fehlt eindeutig noch ein Highlight. Gerettet hat mich letztlich eine Aktion die man leider auch nicht als besonders klimafreundlichen Akt bezeichnen kann, aber mir die entscheidenden Perspektiven und Farben in das Kapitel gezaubert hat. Ich bin in den vergangenen Tagen schon öfters an einer Stelle vorbeigefahren an der immer mal wieder ein Wasserflugzeug am Ufer eines kleinen Sees angedockt ist. Als ich dort Menschen sehe halte ich an und stelle mich Ihnen vor. Sehr schnell erfahre ich, dass diese Firma Kunden in die Tundra hinausfliegt, damit diese die Karibus abseits der Straße jagen können. So ein Blödsinn denke ich mir, und habe natürlich längst im Hinterkopf das dieses Flugzeug sich auch mal aus einem halbwegs vernünftigen Grund in die Lüfte heben könnte. Wobei diese Einstellung natürlich ideologisch geprägt ist und besser in meinem Hinterkopf verbleibt. Das Team um die zwei Piloten ist sehr freundlich und offen. Als ich Ihnen erkläre was mich hier in den Norden verschlagen hat sind sie sofort bereit mich auf einen Rundflug über die Tundra mitzunehmen. Ich bekomme sogar einen wirklichen Sonderpreis, was mir die Möglichkeit gibt das Terrain bis an die „Brooks“ Berge zu erweitern. Genau da möchte ich hin, denn in den erhöhten nördlicheren Lagen der Tundra ist die Herbstfärbung sicherlich schon weiter fortgeschritten als rechts und links vom Highway. Mein Wunsch die Seitentüre des Flugzeugs zu entfernen um einen größeren Aufnahmewinkel zu bekommen stellt für sie dabei kein Problem dar. Nach unten engen die Kufen und nach oben die Flügel das Bildfeld ein. Außerdem muss ich nach hinten fotografieren, damit die Querstreben des Flügels nicht in der Aufnahme erscheinen. Darin liegt das Problem in der Kommunikation mit dem Piloten. Durch die Ausrichtung nach hinten muss das Flugzeug immer in einem bestimmten Winkel vom Motiv wegfliegen damit es richtig vor der Linse erscheint. Bilder aus der Luft sind schwerer zu erstellen als man glauben mag. Gerade hier sind der Winkel zur Lichtquelle und die Wetterlage allgemein besonders wichtig um anständige Ergebnisse zu bekommen. Deshalb ist es auch die wichtigste Entscheidung zusammen mit meinem neuen Freunden den wirklich richtigen Zeitpunkt abzupassen um unseren Flug zu starten. An diesem Tag ist der Himmel praktisch mit einer dicken Wolkendecke überzogen. Aus der Erfahrung der letzten Tage zu schließen besteht immer eine gute Chance, dass die Wolken zum Sonnenuntergang aufreißen, und sich ein schöne Abendstimmung bildet. Doch direktes Sonnenlicht ist nur bei ganz wenigen Motiven aus der Luft von Vorteil, so entscheiden wir uns es mit einer Mischung zu versuchen. Wir starten am späten Nachmittag um für den Flug über die Tundra die ausgeglichene Beleuchtung des Wolkenhimmels nutzen zu können. Wenn es dann gegen später besonders in der Nähe des Gebirges noch aufmacht, so ist das auch gut. Ich habe mir alle Lagen Kleidung angezogen die ich auf dieser Reise mitgenommen habe. Sobald sich das kleine Flugzeug erhebt eröffnet sich mir ein komplett neues Bild dieses Lebensraumes und ich bin schon nach wenigen Minuten überglücklich diesen Schritt hier unternommen zu haben. Die Oberfläche der Tundra ist unglaublich vielfältig. Immer wieder sehe ich kleine und größere Seen, die mit Wasserläufen verbunden sind.

Durch das Auftauen des Permafrostbodens bilden sich an vielen Stellen großflächige Polygone wie sie mir auch schon auf dem riesigen „Uyuni“ Salzsee in Bolivien aufgefallen sind, als das Wasser auf der Salzkruste verdunstet war. Ich sehe große Schwärme Gänse fliegen und erkenne immer wieder einzelne Gruppen Karibus die durch die Weite der Landschaft ziehen. Deren Pfade sind auch die einzigen Spuren die von Lebewesen in dieser Wildnis zu sehen sind. Doch was mich besonders beindruckt sind die größeren Flüsse die aus dem Gebirge kommend in fantasievollen Formen durch die Tundra mäandern. Durch das geringe Gefälle in der Landschaft hat jeder größere Fluss viele Flussschlingen ausgebildet was von oben unglaublich imposant aussieht. Es soll aber noch besser werden. Die Vorläufer der „Brooks“ Berge sind allesamt mit Tundra Vegetation überzogen und als wir über diese hinwegfliegen sind sie plötzlich da, meine so lange herbeigesehnten Farben.

Es ist tatsächlich wie ein Rausch, schöner als ich es mir vorgestellt habe. Ganze Hügel sind rot und gelb eingefärbt und jeder kleine und kleinste Wasserlauf, ob permanent oder nur zeitweise, hat durch seine spezielle Vegetation eine besondere Einfärbung. Ich habe in meinem ganzen Fotografenleben noch nie so eine Fantasielandschaft gesehen, als wäre ich in einem Märchenland. Ein kleiner See mit der Form eines Herzens ist da noch eine schöne Zugabe. Um mein Glück perfekt zu machen ist dann auch noch die Sonne durchgebrochen und hat das große wilde „Brooks“ Gebirge in ein unglaubliches Licht gehüllt.

Mir stockte beinahe der Atem so sehr war ich fasziniert. Es sind zwei perfekte Stunden die mir zum Abschluss dieses Riesenprojektes am Ende von vierzehn Reisen noch einmal in kaum zu steigernder Intensität die Schönheit unseres Planeten vor Augen führen. Ich bin so oft so reichlich mit einmaligen Endrücken beschenkt worden das ich mich nun bis in die Fingerspitzen motiviert an die letzte Phase dieser Arbeit mache, nämlich den bestmöglichen Vortrag zu produzieren um mit möglichst vielen Menschen auf meiner Ende Oktober beginnenden Vortragstour diese Erlebnisse teilen zu können.

Wildview läuft unter Wordpress 3.4.2
Anpassung und Design: Gabis Wordpress-Templates