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Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: UNESCO Weltnaturerbe

Savanne Teil 1: Damals und Heute

Der erste Reiseabschnitt in die afrikanische Savanne führt mich in den Norden Tansanias. Die Region kann mit so bekannten Namen aufwarten wie die weltberühmte Serengeti oder den Ngorongoro Krater am afrikanischen Grabenbruch. Vor mehr als fünfzehn Jahren war ich zusammen mit meinem Freund und Kollegen Michael Fleck für viele Monate im südlichen und östlichen Afrika unterwegs um für zwei Multivisionsshows zu fotografieren. Genau der Landstrich, welcher nun erneut mein Ziel ist, blieb mir seit damals als absolute Traumlandschaft in Erinnerung. Hier haben sich für mich sämtliche positiven Klischees erfüllt die ich vom “Schwarzen Kontinent” im Herzen trug.

Ich habe Bilder im Kopf von weiten Landschaften in denen unzählige Tierarten über die Ebenen ziehen und in denen Menschen leben, die ihre Traditionen auch heute noch nicht komplett vergessen haben. In meiner Jugend nannte ich solche Gegenden auf der Erde immer “Coca-Cola freie Zonen” – sinnbildlich für Regionen, in denen Völker Getränke aus Plastikflaschen noch nicht als das höchste Maß an Lebensqualität zelebrieren. In der globalisierten Welt werden solche Gebiete im Allgemeinen als rückständig angesehen. Rettung bringt in der Regel die süße Verlockung des Kapitalismus. Inzwischen wird auch ins letzte Dorf im hintersten Tal unseres Planeten eine Straße gebaut. Danach kann die Armada der Moderne heranrollen. Trucks vollgestopft mit allem Möglichen und Unmöglichem bringen Güter zu Menschen, die bis vor kurzem gar nicht wussten, dass diese Dinge überhaupt existieren. Es werden Begehrlichkeiten geweckt und schon nach kurzer Zeit ist der neuerschaffene Konsument überzeugt, ohne diese Dinge nicht mehr leben zu können oder zu wollen. Eben genau so wie wir auch. Fakt ist, das es immer weniger “Coca-Cola freie Zonen“ auf der Welt gibt und das bedeutet nichts Gutes für den Planeten Erde. Das Thema „Straße“ sollte für mich in den kommenden Tagen ziemlich präsent bleiben.

 

Arusha ist die Hauptstadt der Region. Es ist schön zu sehen, dass die Straßenmärkte auch heute noch den Handel dominieren und die Menschen ihre Produkte direkt verkaufen können. Supermärkte gibt es zwar, diese sind für einen Großteil der Menschen aber unbezahlbar und deshalb nicht so präsent wie bei uns. Für die vor uns liegende Safari haben sich mein Reisepartner Rolf und ich einen Jeep mit Fahrer gebucht, so wie es in diesem Teil der Welt üblich ist. Zur Gruppe gehört auch ein Koch, der uns vor dem Verhungern bewahren soll und der gleichzeitig auf das Camp aufpasst wenn wir in den kommenden Tagen von Früh bis Spät auf Fotopirsch gehen. Nachdem wir uns mit Lebensmitteln versorgt haben, folgen wir der Hauptstraße nach Süden. Irgendwann biegen wir nach rechts ab und steuern den Afrikanischen Grabenbruch an, der auch „Rift Valley“ genannt wird. Diese geologische Verwerfung, an der zwei Tektonische Platten aufeinandertreffen, zieht sich auf mehreren tausend Kilometern durch Afrika. Die einige hundert Meter hohe Felsenmauer kommt schon recht bald in Sicht.

Das Dorf „Mto wa Mbu“ liegt unmittelbar vor dem Anstieg auf die Hochebene des „Rift Valley“. Folgt man hier dem weiteren Verlauf der Straße so gelangt man in den von der UNESCO als Weltnaturerbe ausgezeichneten Ngorongoro Krater und in die Serengeti. Ich versuche mich bewusst zu erinnern, was sich hier seit meinem letzten Besuch vor etwa fünfzehn Jahren verändert hat. Wie fast überall auf der Welt ist auch dieses Dorf größer geworden. Trotzdem hat es seinen Charme mit den kleinen Läden und dem emsigen Leben auf der Straße nicht verloren. Die wohl größte Veränderung ist die zwischenzeitlich geteerte Straße auf der wir hierher gelangt sind. Dies ist Grundsätzlich kein Drama, beraubt einem aber ein wenig des von Safaritouristen so geschätzten Abenteuerfeelings. Im Ort fallen mir immer wieder die kleinen und größeren Gruppen Störche auf, die im tiefblauen von weißen Quellwolken durchzogenen Himmel ihre Runden drehen. Am Ende des Dorfes entdecke ich den Grund für die starke Vogelpräsenz. Eine Allee mit großen alten Bäumen säumt den Weg hinauf ins Hochland. Die Bäume, Büsche und die Straße sind hier über und über mit Vogelkot bedeckt. In den Baumkronen nisten hunderte von Störchen, Pelikanen und anderen Großvögeln.

Warum sie dies ausgerechnet hier in unmittelbarer Nähe der Menschen tun, kann ich nur spekulieren. Der Nahe gelegene Manyara See der mit Süßwasser gefüllt ist, hat wohl seinen Anteil daran, dass die Tiere hier ihre Nistplätze haben. Eigentlich wollten wir in „Mto wa Mbu“ nur einen Tankstop einlegen, doch das sich über mir abspielende Flugspektakel lässt zwei Stunden sehr schnell vergehen und ich habe meinen ersten unerwarteten fotografischen Höhepunkt im Kasten.

 

Wir verlassen hier die Hauptstraße und folgen einer Schotterpiste parallel dem Verlauf des Grabenbruchs. Die Savanne ist für diese Jahreszeit recht ausgetrocknet. Bedenkt man, dass wir uns am Ende der großen Regenzeit befinden, so hat es zumindest hier in diesem Jahr nicht übermäßig viel geregnet. Immer wieder passieren wir kleine Siedlungen, die vom hier lebenden Volksstamm der Massai bewohnt werden. Die Massai sind halbnomadisch lebende Viehzüchter. Sie teilen sich das Land im Norden Tansanias und im Süden Kenias seit jeher mit den hier lebenden wilden Tierherden. Auch heute noch leben viele Massai innerhalb ihrer traditionellen Bomas. Das sind mit Lehm und getrocknetem Kuhdung verputze Hütten, die von einem kreisförmigen Wall aus Zweigen umgeben sind. Dieser schützt die Menschen und deren Haustiere vor den durch die Savanne ziehenden Raubtieren. Das Schicksal der Massai wird mich in den kommenden Tagen noch stark beschäftigen. Sie bilden zweifellos reizvolle Fotomotive, wenn sie sich mit ihrem farbenfrohen Schmuck behangen und ihren meist blauen und roten Gewändern in dieser archaischen Landschaft bewegen. Für einen großen Teil dieses Volksstammes haben sich seit jeher die Tagesabläufe kaum verändert.

Dies ist wohl auch einer der Gründe, weshalb diese Region bis heute ihren ursprünglichen Charme behalten konnte. Denn im Alltag dieser Menschen gab es bis dato keine Strommasten, geteerte Straßen oder Dinge zum Wegwerfen, für die man eine Schutthalde oder Müllverbrennungsanlage gebraucht hätte. Wir fahren durch  ausgetrocknete Flussbetten, überqueren Geröllfelder und passieren offene Graslandschaften. Dazu erheben sich rechts und links von uns immer wieder größere und kleine Krater. Wir sind in einer vulkanisch, aktiven Zone unseres Planeten – wenngleich die meisten dieser Eintritts-Tore ins Erdinnere längst erloschen sind. Was mich so sehr an dieser Landschaft fasziniert, ist die Weite. Dort wo sich die Savanne in Form sanfter Hügel vor dem Auge des Betrachters aufbaut, scheint der Horizont in weite Ferne gerückt. Gegen Abend ragt ein guter alter Bekannter über 1500m vor uns in die Höhe. In perfekter, konischer Symmetrie steht der „Oldoinyo Lengai“, der heilige Berg der Massai, eingerahmt zwischen Grabenbruch und den Ufern des Natron Sees, dem Ziel unserer ersten Etappe.

Hier werden wir in den kommenden Tagen auf einem von Massai betriebenen Campingplatz nächtigen, um den See und den Berg in Ruhe erkunden zu können. Unsere Zelte stehen unter Schatten spendenden auslagernden Bäumen. Diese werden von reichlich Vögeln bewohnt, welche ihre Nester in Form hängender Kugeln unter die Äste bauen. Umgeben von zirpenden Grillen und zwitschernder Vögel wird uns im weichen Licht des Sonnenuntergangs, auf wackeligen Klappstühlen sitzend, ein wunderbares Abendessen kredenzt. Dieses hat unser Koch James zuvor mit einfachsten, handwerklichen Mitteln gezaubert, weshalb wir ihn ab sofort nur noch den „Magier“ nennen. In solchen Momenten muss man Afrika einfach lieben.

 

Doch wie sieht die Realität für die hier lebenden Menschen aus? In meiner Erinnerung gab es während meiner ersten Reise vor fünfzehn Jahren an dieser Stelle einige wenige Bomas der Massai. Wir sind damals zum Anführer des Clans gegangen und haben um eine offizielle Erlaubnis gebeten, uns innerhalb des Dorfes bewegen und Fotos machen zu dürfen. Als Gegenleistung haben wir einen gewissen Geldbetrag bezahlt, der dem Allgemeinwohl zugeführt werden sollte. Daraufhin haben wir uns praktisch einen ganzen Nachmittag unter die Leute gemischt und sie während ihres Alltags begleitet. Als moralisch verwerflich habe ich das damals nicht empfunden, haben wir doch niemanden gestört und unser Interesse am Alltag dieser Kultur war nicht geheuchelt. Heute stelle ich mir die Frage ob  ich schon damals einer von inzwischen vielen Auslösern war, der diesen Menschen den Weg in eine neue Entwicklung gezeigt hat, die mit ihrer ursprünglichen Lebensweise recht wenig zu tun hat? Man kann sich auf jeden Fall der Tatsache nicht verschließen, das sich hier einiges Verändert hat. Geld ist für die Massai zur begehrten Zahlungsart geworden. Es gibt inzwischen viele in moderner Bauweise erstellte Schulen auf Massai Gebiet. Dies ist durchaus begrüßenswert, sofern man den Kindern auch vernünftige Dinge beibringt. Aber Kneipen und kleine Läden hat die schöne neue Welt auch entstehen lassen, und was Alkohol mit Naturvölkern anrichtet, ist allgemein hin bekannt – da machen auch die Massai keine Ausnahme. Man kann sich heute kaum einem Boma nähern, ohne regelrecht gedrängt zu werden, gegen eine viel zu hohe Gebühr ein einzelnes Foto zu machen. Dabei verhalten sich die Menschen auf so traurige Weise selbsterniedrigend, dass es mir fast weh tut selbst mit der Kamera unterwegs zu sein. Ich mache einige Versuche mit den Menschen zu kommunizieren, so dass ein ausgewogener Handel zustande kommt. So richtig klappen tut es aber nicht. Immer gehen unsere Vorstellungen weit auseinander. So bleibt es bei einen wenigen Schnappschüssen, bevor ich entnervt aufgebe um an diesem für beide Seiten unschönen Prozess nicht weiter Schuld zu sein. Die Massai sind dabei ihre Würde zu verlieren, was mich wirklich schmerzt.

Sind sie doch eines jener stolzen Völker, die uns bis in die heutige Zeit vorgelebt haben, dass ein Leben im Gleichgewicht mit der Natur möglich wäre. Doch, dass letztendlich alle Menschen auf der Welt gleich sind zeigt die einfache Tatsache, dass auch dieses Volk den Verlockungen des Besitzes nicht widerstehen können. Statussymbole sind z.B. Handys oder Uhren, auch wenn sie die Uhrzeit gar nicht ablesen können. Mehr Rinder zu besitzen bedeutet für sie ein mehr an Ansehen und somit mehr Wohlstand. Dies führt dazu, dass heute viele Savannen außerhalb der Schutzgebiete völlig übernutzt sind. Es sind natürlich gerade Touristen wie wir, die in Jeeps, beladen mit teuren Kameras, guten Kleidern, und sonstigem Schnickschnack, in das Massai-Land einfallen und Begehrlichkeiten wecken. Ihnen wird vorgelebtl, dass es auch ein anderes Leben abseits materieller Armut, ohne fliesend Wasser, Strom oder abwechslungsreichem Essen gibt. Es wird dabei kaum erkannt dass diese Lebensart mit den örtlichen Strukturen und Realitäten kaum kompatibel ist.  Der Kontakt zur Konsumgesellschaft schafft neben der Natur auch viele menschliche Verlierer was auch für unseren kurzen, an der Oberfläche haftenden Blick allzu klar ist. Wäre nun ein generelles Fernbleiben aus solchen Regionen die Lösung? Naturvölker gar isolieren? Das ist natürlich Quatsch. Jeder Mensch auf der Welt sollte die Möglichkeit zur freien Entscheidung haben, wie er sein Leben gestalten möchte. Doch nicht Jeder hat dazu die gleichen Vorraussetzungen. Besonders in den sogenannten Entwicklungsländern fehlt allzu häufig die notwendige Bildung. Diese ist notwendig, damit Menschen die Verlockungen der einfallenden „Moderne“ auch richtig zu gebrauchen und einzuschätzen wissen. Unsere westliche Wertegemeinschaft schreibt sich gerne die moralische Überlegenheit durch praktizierende Demokratie auf die Fahne. Dabei wird allzu häufig vergessen, dass der durch unsere Marktmacht über die restliche Welt gebrachte Turbokapitalismus in den wenigsten Fällen Menschlichkeit und Fairness fördert. Dies ist eine Doppelmoral die ich abstoßend finde. Besonders im Falle des populären Safaritourismus in afrikanischen Wildnisgebieten ist die Bewertung von „richtig“ oder „falschem“ Handeln ziemlich schwierig. Denn gerade das hochpreisige Segment des Tiere-Beobachtens durch zahlungskräftige Besucher hat dazu geführt, dass Schutzgebiete entstanden sind, in denen auch heute noch große Herdentiere ungestört über natürliche Graslandschaften ziehen können. Als ich für das Thema „Savanne“ im Vorfeld der Reise recherchiert habe, ist auch hier schnell klar geworden, dass diese Ökoregion schon massiv durch den Menschen in Beschlag genommen wurde. Grassland eignet sich natürlich hervorragend zum Ackerbau und zur Viehzucht. Ich bin überzeugt, dass es ohne Safaritourismus in der heutigen Zeit selbst in Afrika so gut wie keine intakten Kreisläufe innerhalb des Lebensraumes Savanne mehr geben würde.

Ungebremste Kraft 22.05.2012

Um die letzte größere Insel des “Atlantischen Küstenregenwaldes” zu erkunden muss man heute sechshundert Kilometer ins Landesinnere reisen – ins Dreiländereck von Brasilien, Paraguay und Argentinien. Hier sind in Form des Iguazú Nationalparks etwas mehr als zweitausend Quadratkilometer dieses ehemals so riesigen Ökosystems unter Schutz gestellt. Die Reise mit dem Bus in Richtig Iguazú lässt mich auf hunderten Kilometern Agrarland passieren. In gleichbleibender Monotonie sehe ich endlos erscheinende Felder an mir vorüber ziehen. In solchen Fällen gleiten meine Gedanken nicht selten zu der Frage wie eigentlich alles weiter gehen soll. Wir Menschen nutzen schon heute 43 % der eisfreien Erdoberfläche für Landwirtschaft und zum Wohnen. Diese Zahl wird weiter ansteigen um die in den kommenden Jahrzehnten  zu erwartenden über zwei Milliarden neuen Ehrenbürger ernähren zu können. Der Druck auf die letzten Naturräume wird zunehmen und die Chance das das globale Ökosystem in nicht allzu ferner Zukunft kollabiert wird realistischer. Im Vorfeld der anstehenden “Rio + 20″ Umweltkonferenz haben führende Wissenschaftler eindringlich gewarnt, das wenn wir den verhängnisvollen Pfad des ungebremsten Wachstums nicht verlassen, der kritische Punkt schon bald erreicht sein könnte. Sollte der momentane Trend zur maßlosen Ressourcennutzung anhalten, wäre schon im Jahre 2025 die potentiell gefährliche 50 % Marke an Nutzungsfläche erreicht.

Ich erreiche die Stadt “Foz do Iguacú” die vor den Toren des Iguacú Nationalparks liegt.  Der Iguazú Fluß über den sich die “Brücke der Freundschaft” spannt, trennt die beiden Länder Brasilien und Paraguay. Hier spielt sich tagtäglich ein Schauspiel der ganz besonderen Art ab. Auf der Seite Paraguays befindet sich eine Freihandelszone. Waren sind dort extrem günstig, so das sich täglich bis zu zwanzigtausend Brasilianer aus dem ganzen Riesenland auf den Weg machen um in “Ciudad del Este” einkaufen zu können. Die Preise sind so niedrig, das trotz enormer Reisekosten und dem Risiko als Schmuggler bestraft zu werden, beim späteren Wiederverkauf auf Brasiliens Straßenkreuzungen und Läden immer noch ausreichend Gewinn abfällt. Ich bin sehr froh als ich dem Gewusel und Lärm dieser Form des Extremkapitalismus entkommen bin und etwa 20 Kilometer außerhalb der Stadt das Besuchszentrum des UNESCO Weltnaturerbes “Iguazú” erreiche. Erstaunlicher Weise besteht dieser Teil der “Mata Atlantica” nicht mehr aus tropischem Regenwald, sondern aus einem saisonalen Laubwald, der zeitweilig einen großen Teil seiner Blätter abwirft. Außerdem beherbergt der Nationalpark eines der bekanntesten Naturschauspiele unserer Erde, nämlich die “Iguazú Wasserfälle”. Für den Fremdenverkehr sind die Wassermassen die hier auf knapp drei Kilometern Länge über eine bis zu 90m hohe Kante fallen ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. In einem perfekt gemanagten Bussystem werden hier tausende Touristen zu den Fällen gelotst. Dieser Ort ist so etwas wie der “Grand Canyon” von Südamerika. Für mich als Fotograf sind, wie so oft, die Lichtstimmungen außerhalb der Besuchszeiten interessant. Ich habe von der Parkverwaltung die Erlaubnis bekommen, abends länger bleiben und morgens viel früher an den Ort des Geschehens kommen zu dürfen.

Ich stehe an der äußersten Plattform die für die Besucher zur Erkundung dieser Naturgewalten errichtet wurden und nutze die Zeit zwischen Sonnenuntergang und Nachtfinsternis um das eindrucksvolle Bild auf den Chip meiner Kamera zu bannen. Am kommenden Morgen ist es für mich fast noch schöner. Es zeichnet sich noch kein Morgenrot über der Abbruchkante der Wasserfälle ab als ich mein Stativ und die Kamera wieder aufbaue. Auch nach über zwanzig Jahren in der Naturfotografie sind die Momente in denen sich die ersten zarten Farben des kommenden Tages in das Dunkel vermischen noch immer ein magisches Erlebnis. Als dann viel später der erste Bus mit geöffneten Türen die frühen Tagesbesucher entlässt, steht die Sonne schon hoch am Himmel und strahlt in dominanter Härte über das Land. Ich habe meine Fotos gemacht und bin der Einzige, der zu diesem Zeitpunkt den zwar schönen, aber durch die Menge an Gästen eher an einen Rummelplatz erinnernden Ort, verlassen will.

Ich habe in den vergangenen Wochen einen vielseitigen Blick auf das Land Brasilien werfen dürfen. Es war ein Privileg viele seiner großartigen Naturschätze sehen dürfen und eine logische Folge dabei auch auf mach große Problematik zu stoßen. In meiner Heimatregion hat der Mensch seine ihn umgebende Natur schon fast zur Gänze in Nutzland umgewandelt. Dementsprechend muss ich auch mit der Bewertung jeglicher Fehlentwicklungen die hier in Brasilien den Tropenwald und die Savannen zerstören vorsichtig und differenziert sein. Letztendlich geschieht hier nicht anderes als im Europa der vergangenen Jahrhunderte. Der Unterschied ist nur, das die Entwicklungen in einem Schwellenland wie Brasilien, angetrieben durch die gierigen Mechanismen einer globalisierten Industrie, heute viel schneller und massiver Ablaufen als in einem Europa der Vergangenheit. Doch gerade weil sich in einer zusammenwachsenden Welt Ursache und Wirkung  immer mehr vernetzen und Zusammenhänge komplexer und internationaler werden, ist es wichtig sich eine Meinung zu bilden, Stellung zu beziehen und auch dafür zu kämpfen das Fehler nicht wiederholt werden. Noch gibt es Vieles was in Brasilien erhalten werden kann. Aber nur wenn die Menschheit rechtzeitig ihren kollektiven Verstand einschaltet.

 

Licht vom Horizont 03.09.2010

Bei unserer Wanderung im „Sarek“ Nationalpark haben wir die letzten Außenposten des Lebensraumes für Wälder kennengelernt. Nun wollen wir erkunden wie es mit dem Lappland Wald in den zwar nördlich aber geografisch tiefer gelegenen Regionen aussieht. Dazu erkunden wir den schwedischen „Muddus“ Nationalpark, der ebenfalls Teil des „Laponia“ Weltnaturerbes ist wie der „Sarek“. Hier wird auf knapp 500 qkm Fläche eine Naturlandschaft geschützt wie sie in allen nordischen Ländern in diesen Breitengraden recht typisch ist. Es ist dieser Mix aus Mooren, Seen und Waldgebieten welcher die Wildnis so reizvoll macht. Im „Muddus“ Nationalpark gibt kaum reinen Urwald, da das Gebiet in der Vergangenheit für einige Jahrzehnte von Siedlern erwählt wurde. Noch heute erinnern vereinzelte abgesägte Baumstämme entlang des Wegesrandes an die Präsenz dieser Leute. Die Natur in ihrer Gesamtheit ist aber intakt.

Ich habe bei meiner Recherche herausgefunden, daß für Besucher ein Aussichtsturm errichtet wurde, der es ermöglicht die Perspektive zu erweitern. Für das Fotografieren von praktisch flachen Regionen ist das ein enormer Zugewinn an Möglichkeiten. So entscheiden sich Elfriede und ich zu einem erneuten Marsch in die Natur. Wir haben noch den „Sarek“ Muskelkater in den Knochen und müssen ein wenig Schlucken als wir entdecken das der Weg zum Turm 16 km lang ist. Auf der Karte sah es weit kürzer aus. Wir haben uns nicht abschrecken lassen und sind mittags um 14 Uhr losmarschiert. Dieses Mal war der Rucksack leichter, da wir nur eine Nacht im Park verbringen wollen und die Übernachtung in einer Wanderhütte möglich ist. Dazu folgen wir einem gut ausgebauten Wanderweg was uns nach den Strapazen im „Sarek“ schon fast als richtiger Luxus vorkommt. Der Weg folgt über viele Kilometer dem Rand einer fast 100 m tiefen Schlucht. Ein mächtiger Fluss rauscht an zwei Stellen als schöne Kaskade über das Gestein. Die trockenen etwas höher gelegen Waldgebiete bestehen fast ausschließlich aus Kiefern, während in den feuchteren Bereichen die Birke das Hoheitsrecht hat. Auf Bohlen laufen wir über Moore die schon jetzt ganz zaghaft erahnen lassen welche Farbenpracht hier in wenigen Wochen vorherrschen wird. Es ist absolut windstill.

Prachtvolle Spiegelungen in den Tümpeln insbesondere der riesigen Wolkenberge verschönern uns die Wanderung. Etwas Müde erreichen wir die Hütte und den in wenigen hundert Metern stehenden Turm gegen sieben Uhr am Abend. Zahlreiche Wolkenlücken deuten auf einen tollen Tagesabschluss hin und in großer Erwartung besteigen wir den Turm. Der Anblick ist absolut bezaubernd. Wir sehen praktisch alle Zutaten welche die Natur Lapplands zu bieten hat. Der Turm ist von schönem alten Mischwald umgeben und steht auf einer Landzunge, die zum einen Teil in einen See ragt und auf der Gegenseite ein Moor einfasst. Perfekter könnte der Tag nicht zu Ende gehen. Das Licht ist wunderbar und der Aufnahmewinkel vom erhöhten Standpunkt ermöglicht mir viele Motive ohne dass ich mich groß bewegen muss. Die Nacht ist Sternenklar. Wir freuen uns über ein wärmendes Feuer im gemütlichen Holzhaus und stehen eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang wieder auf der Plattform.

Dieses Mal kommt das Licht genau von der anderen Seite. Da es keine Wolken am Himmel hat welche die Motivpalette bereichert und die Kraft der Sonne dadurch auch recht schnell sehr Dominant ist, bleibt mir etwas weniger Zeit für die Fotografie. Trotzdem ist es auch dieses Mal wunderschön die Natur im wechselnden Licht des anbrechenden Tages zu bestaunen. Außer einem Paar Singschwäne, die immer mal wieder Getöse machen, scheinen wir Zwei die einzigen Lebewesen auf der Welt. Alles ist ruhig und friedlich.

Knapp vierundzwanzig Stunden nach unserem Aufbruch, mit zweiunddreißig Wanderkilometern in den Waden und vielen schönen Bildern auf dem Kamerachip, erreichen wir wieder den Parkplatz. Effizienter kann Naturfotografie eigentlich nicht laufen, dem Wetter sei Dank.

Eine Annäherung an die Plitvicer Seen 08.10.2009

Gäbe es sie nicht, müsste man sie erfinden. Dass sich hier jährlich 800.000 Menschen über die Stege schieben, kann man als lästig bezeichnen, ist aber ein Zeichen für die Einzigartigkeit der Seenlandschaft im Nationalpark Plitvicer Seen. Kaskadenförmig sind 16 kleine und größere Seen angeordnet, eingerahmt von Hügelketten die mit urwaldartigen Mischwäldern bewachsen sind. Natürliche Barrieren aus Kalk, die durch unterirdische Karstzuflüsse entstehen, trennen die einzelnen Seebecken voneinander. Insgesamt beträgt der Höhenunterschied vom ersten bis zum letzten See 133 Meter.

Blog Plitviver Seen  173

Das fließende Wasser bahnt sich seinen Weg durch Löcher im Karst oder fällt über die Gesteinskanten als wunderschöne Fälle in das nächste Becken. Von der UNESCO ist dieses Gebiet wegen seiner Einzigartigkeit als Weltnaturerbe anerkannt worden. Die Anreise zum Park von Slowenien kommend ist für uns ein Wechselspiel der Emotionen. Wir fahren auf kleinen, fast zur Gänze leeren Straßen und  durchqueren eine Landschaft, deren Bergzüge mit naturbelassenen endlos erscheinenden Wäldern bedeckt ist. Bäche und Flüsse folgen ihrem natürlichen Lauf und heideartige Wiesen zeugen von wenigen menschlichen Aktivitäten. Dass dies zum Teil auch einen wirklich traurigen Hintergrund hat, sehen wir immer dann wenn wir durch kleine und kleinste Ortschaften kommen, in denen Häuser bis auf die Grundmauern niedergebrannt sind oder zumindest dutzende Einschusslöcher in den Wänden aufweisen. Es ist noch keine 20 Jahre her da schlugen sich die einzelnen Völker im sich auflösenden Staatenverbund Jugoslawien für einige Jahre die Köpfe ein. Mitten in Europa, keine 6 Autostunden von uns entfernt. Zehntausende wurden getötet oder aus ihrer Heimat vertrieben. Viele Häuser sind inzwischen wieder aufgebaut worden, stehen aber unverputzt in der Landschaft. Für mich und Elly, die  beide nie haben „Kugeln pfeifen hören“ (was für ein Glück) sind das sehr nachdenkliche Stunden. Uns wird bewusst wie wenig selbstverständlich es für viele Menschen ist, in Frieden und Wohlstand aufzuwachsen und ein Leben in wirklicher Freiheit leben zu dürfen. Im Nationalpark verschwinden diese Gedanken und wir sind begeistert über die intakte Natur. In den glasklaren Seen schwimmen Forellen und Elritzen.

Blog Plitviver Seen  172

Im Sonnenlicht sieht es fast so aus als würden die Fische in der Luft schweben. Dadurch das man die Besonderheit dieses Gebietes früh erkannt und entsprechend geschützt hat, haben sich in diesem Ökosystem so gut wie alle Tierarten erhalten, die auch schon vor Ankunft der Menschen hier ihren Lebensraum hatten. Es ist schön zu wissen, das nach wie vor Bären, Wölfe und Luchse durch die Wälder streifen, und Steinadler ihre Kreise über den Wipfeln ziehen. Ein Großteil der Besucher besteht aus Reisegruppen, die mit Bussen angefahren kommen. Es gibt zwei, drei Hauptrouten, auf denen ca. 90 Prozent der Menschenmassen über Holzstege und mit Elektrobooten durch die Wald und Seenwelt geleitet werden. Wenn man es geschickt anstellt, kann man dem Großteil des Ansturms ausweichen. Nachdem wir die Gegend zwei Tage lang erkundet haben, sind mir all die Plätze bekannt auf denen die schönen Motive fotografiert werden können.

Blog Plitviver Seen  174

Wir starten vor Sonnenaufgang und laufen noch im Dunkeln durch den Wald, um im Morgengrauen an der richtigen Stelle zu stehen. Die Pristavci Fälle sind eines der fotografischen Highlights, die im ersten Morgenlicht in ihrer ganzen Schönheit erstrahlen. Seit drei Tagen knallt direktes Sonnenlicht vom wolkenlosen Himmel, so dass ich eigentlich nur am frühen Morgen und späten Abend eine Chance auf einigermaßen brauchbares Fotolicht habe. Dreimal hintereinander stehe ich zum Sonnenaufgang an meinem Aussichtspunkt. Am ersten Morgen bricht das Gewinde in meinem Stativkopf.  Am zweiten Tag habe ich den Kugelkopf mit Klebeband halbwegs auf dem Stativ fixiert. Doch nur in absolut gerader Stellung der Kamera kann ich überhaupt Fotos machen. Neben dem zu harten Licht während des Tages, schlägt der wohl auch hier in Südeuropa viel zu trockene Sommer voll durch und verhindert die für diese Jahreszeit typischen Herbstfarben des Laubes. Nur an den Stellen wo der Wind über die Seen pfeift sind einige Ahornbäume bereits gelb und vereinzelte Büsche setzen rot leuchtende Farbtupfer.

Blog Plitviver Seen  171

Viel zu viele Blätter hängen vertrocknet an den Ästen oder sind schon abgefallen. Die am häufigsten wachsende Baumart neben der Fichte ist die Buche. Ihre Blätter sind besonders innerhalb des Waldes noch komplett grün und vermitteln alles andere als herbstlichen Farbenrausch. Erst für kommende Woche sind herbstliche Temperaturen und Regen vorausgesagt. Also nutze ich die Zeit für Erkundungen im Umfeld des Nationalparks um dann, wenn Licht und Motiv stimmen, bereit zu sein. Leider ist die freie Zeit meiner Freundin Elly schon wieder vorbei. Ich begleite sie Richtung Heimat, um gleichzeitig kaputte Teile meiner Ausrüstung auszutauschen und fotografierte Bilder zu sichern. Die kommenden zwei Wochen werde ich wieder alleine auf Motivjagd gehen. Von den Plitvicer Seen wird man noch von mir hören.

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