Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: UNESCO

Ozean Teil 2: “dem Paradies ganz nah” 30.03.2013

Manchmal muss man im Leben Entscheidungen treffen. Als ich über das Konzept für mein Greenpeace-Project „Naturwunder Erde“ nachgedacht habe, war mir von Anfang an klar, dass ich keine fotografische Hommage über unseren Planeten umsetzen kann, wenn ich das Element Wasser ausspare. Immerhin sind 70 Prozent unserer Welt mit Ozeanen überzogen, und diese sind die artenreichsten Ökosysteme überhaupt. Deshalb habe ich im letzten Jahr einen Tauchkurs belegt und auf der Grundlage meines stark ausgeprägten Selbstvertrauens eine sehr hochwertige Unterwasserausrüstung gekauft. Das war riskant. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt keine Ahnung ob ich in der Lage sein würde, die gewünschte fotografische Qualität auch unter der Wasseroberfläche umzusetzen. Meine werte Frau Mama wird nicht müde zu betonen wie wasserscheu ich als Kind gewesen bin, und in der Tat war das nasse Element nie eine Wohlfühlzone für mich. Doch ich habe diesen Schritt nicht bereut – im Gegenteil. Ich bin inzwischen bei fast siebzig Tauchgängen und habe einen der besten Unterwasserfotografen Deutschlands als Partner an meiner Seite um das Kapitel „Ozean“ umzusetzen. David Hettich (www.abenteuer-ozean.de) ist mit über dreitausend Ausflügen ins Reich der unterdrückten Farben praktisch im Wasser aufgewachsen. Der Junge ist zwölf Jahre jünger als ich und hat die Vita eines  alten Hasen. Durch ihn lerne ich jeden Tag dazu und bin begeistert über all die Wunder die wir durch unsere Abenteuer vor die Linse bekommen.

Wir sind auf dem Inselstaat Palau der im pazifischen Ozean liegt. Die Hauptinseln sind besiedelt und in der heutigen Zeit praktisch wie ein zusätzlicher Bundesstaat der Vereinigten Staaten einzuordnen. Von der ursprünglichen Inselkultur der Mikronesier ist, zumindest Oberflächlich gesehen, fast nichts mehr wahrzunehmen. Kaum eine Ansicht die nicht irgendwie an eine Kleinstadt irgendwo in der militärischen Schutzmacht USA erinnert. Vielleicht ist alles noch ein wenig ärmlicher, was auch am tropischen Klima liegen kann. Kein Metall das nicht rostet, kein Holz das nicht fault, keine Farbe die nicht bleicht, wenn man nicht ständig erneuert.

In den letzten Jahren ist der Tourismus beständig auf Wachstumskurs. Dies bringt zwar eine Menge Geld auf das Archipel, aber auch die üblichen Probleme im Windschatten in Form von vermehrtem Müllaufkommen, Land- und Energienutzung.

  

Palau hat das Glück das sich ein Großteil seiner Naturwunder vom bewohnten Festland entfernt in den vorgelagerten Korallenriffen befinden. Innerhalb des großen Außenriffs befinden sich die faszinierenden „Chelbacheb“- Inseln auch „Rock Islands“ genannt. Über 200 aus der Wasseroberfläche ragende Kalksteininseln in allen möglichen Formen und Größen sind für mich neben der fantastischen Vielfalt im Ozean die Hauptattraktion. Sie sind mit dichtem Urwald überzogen und nicht selten mit einem Sandstrand geadelt, welche wohl bei den meisten Naturfreunden schnell die Assoziation vom Paradies hervorrufen. Während des zweiten Weltkrieges wurde hier ordentlich gewütet. Die Japaner haben hier über hunderttausend Soldaten verloren. Einige ihrer zerschossenen Flugzeuge und Schiffswracks sind heute beliebte Tauchziele, weil sie im Laufe der Zeit mit einer Vielzahl an maritimen Lebensformen überzogen wurden.

Glücklicherweise sind die „Rock Islands“ heute Teil des Weltnaturerbes der UNESCO und Palaus Präsident hat im Jahre 2003 das erste Haischutzgebiet überhaupt ins Leben gerufen. Dies nährt die Hoffnung, dass man sich dem Wert seiner natürlichen Schätze durchaus bewusst ist. Jedes Jahr werden weltweit Millionen Haie vom Menschen dahingeschlachtet – ein Irrsinn wenn man dazu in Relation setzt wie viele Menschen durch diese Spezies tatsächlich zu schaden kommen. So sehr ich Herrn Spielberg als Regisseur von tollen Kinoerlebnissen schätze, hat er doch mit seinem „Weißen Hai“ bei unzähligen Menschen Ängste geschürt und eine Vorstellung geschaffen, die dieser Tierart in keinster Weise gerecht werden. 

Doch Palau kann noch so viel zum Erhalt seiner Naturschätze unternehmen, wenn die Weltgemeinschaft nicht anfängt über neue Wege im Umgang mit unseren Lebensgrundlagen nachzudenken, wird es den Staat in der heutigen Form irgendwann nicht mehr geben. Die Inseln von Mikronesien gehören zu den ersten großen Verlierern des vom Menschen gemachten Klimawandels. Erwärmt sich der Planet weiter, übersäuren die Ozeane und die Korallen werden sterben. Damit verliert das Land nicht nur die wichtigste Einnahmequelle in Form des Tourismus, sondern die heimischen Fischer auch ihre Lebensgrundlage, denn fast alle Kreisläufe im maritimen Leben sind mehr oder weniger stark mit der fragilen Welt der Korallenriffe verbunden. Vermehrte Taifune haben schon heute eine zerstörerische Kraft über und unter Wasser und der Anstieg des Meeresspiegels ist ebenfalls ein elementares Problem. Aufgrund all dieser Gefahren forderte Palaus Präsident  am 22. September 2011 in der UN-Vollversammlung dazu auf, dass diese ein Rechtsgutachten des Internationalen Gerichtshofes in Den Haag zu der Frage der Verantwortlichkeit der Staaten für die Folgen des andauernden Klimawandels einholen möge. Im Moment wird darüber diskutiert ob die Vollversammlung das tun solle, und ich hoffe inständig, dass die Initiative Palaus Erfolg haben wird.

David und ich waren drei Mal am berühmten Tauchplatz „Blue Corner“ welcher besonders für seine Haisichtungen bekannt ist. Dort haben wir uns an der Abbruchkante des Riffs mit dem Strömungshaken eingehängt. Dank eines Seiles werden wir vor dem Abdriften bewahrt und können in aller Ruhe beobachten was vor unseren Augen alles vorbeischwimmt. Bei einem von drei Versuchen haben wir beste Bedingungen. Die Sicht ist glasklar und die Vielzahl an Schwarmfischen und vor allem Haien die friedlich wenige Meter vor unseren Augen vorbeitreiben ist atemberaubend. In fünfzehn bis zwanzig Metern Tiefe werden wir  Zeuge eines vielfältigen Lebens welches, hat man es nicht mit eigenen Augen gesehen, kaum vorstellbar erscheint. Besonders fasziniert bin ich natürlich von den Riffhaien die in stoischer Ruhe keine drei Meter von mir entfernt an uns vorbeitreiben.

Neben der Vielzahl an Fischen welche die Strömung zur Nahrungsaufnahme nutzen ist das Riff mit unzähligen Korallen aller möglichen Farben und Formen bewachsen. Besonders die Fächerkorallen sind fotogen. Da unter Wasser die Farben schon nach wenigen Metern verschwinden ist es wichtig mit Blitzlicht zu fotografieren, damit diese wieder sichtbar werden. Für mich ist das ein herantasten an einen Bereich in der Fotografie der mir sehr fremd geworden ist. Ich habe in den vergangenen zwanzig Jahren in meiner Naturfotografie bewusst auf Blitzlicht als Gestaltungsmittel verzichtet und mich nur auf das natürliche Licht verlassen. Unter Wasser ist das unsinnig, so dass ich mich Stück für Stück bemühe das Blitzlicht in richtiger Dosierung mit dem natürlichen Licht zu mischen. Am Schönsten wirken die Fächerkorallen wenn sie gegen die Wasseroberfläche fotografiert sind. Stellt  man es geschickt an leuchten sie dann in all ihrer Pracht durch die Kraft des Blitzes und das Wasser wird Kontrastreich von tiefblau bis hellblau wiedergegeben.

Es dauert einige Zeit bis ich die richtige Dosierung hinbekomme. Dazu kommt natürlich immer noch die Schwierigkeit des Tauchens selber. Je stärker die Strömung desto schwieriger kann man die Kamera und vor allem den eigenen Körper tarieren. Was bei David spielerisch leicht aussieht ist bei mir als Neuling sehr harte Arbeit. Die Tarierung ist auch aus Naturschutzgründen sehr wichtig, denn  sehr schnell sind zarte Korallen zerstört wenn man seine Bewegungen nicht unter Kontrolle hat. Ich kann nicht behaupten das mir an jedem Tag viele Spitzenfotos gelingen, doch im Laufe der Zeit addieren sich die gelungenen Bilder und ich glaube das Kapitel „Ozean“ wird zu einem sehr spannenden Teil meiner neuen Multimediashow.

Tasmanien Teil 2: “Von Oben” 10.01.2013

Die Hitzewelle die weite Teile Australiens und den östlichen Teil Tasmaniens erfasst hat dauert unvermindert an.  Für die kommenden vier, fünf Tage sind selbst für den regenreichen Westen der Insel wolkenfreie Tage prognostiziert. Nicht gerade die besten Voraussetzungen um gemäßigten Regenwald zu fotografieren. Für meine Bildsprache brauche ich bedeckte, gar regnerische Tage mit Nebel um die Fotos zu bekommen die ich innerhalb des Waldes erhalten möchte. Ich versuche aus der Not eine Tugend zu machen und überlege, wie ich diese Wetterlage am Besten für meine Zwecke nutzen kann. Es gilt eine Möglichkeit zu finden die Regenwälder als Teil der Gesamtlandschaft zu fotografieren, und so komme ich sehr bald zu dem Schluss, dass es jetzt genau der richtige Zeitpunkt ist einen Berg zu besteigen. Die zu erwartende Fernsicht wird diese Aufnahmen ermöglichen. Meine Wahl fällt auf einen Berg mit dem lustigen Namen „Frenchmans Cap“. Wie sich später heraus stellt, sieht er aus einem bestimmten Winkel betrachtet tatsächlich wie ein Franzosenhut aus. Er ist der höchste Gipfel  im weiten Umkreis und wenn ich meinen Kartenleserinstinkten vertrauen darf verspricht er 360 Grad Ausblicke auf die von der UNESCO als Weltnaturerbe anerkannte Wildnis, in deren Tälern sich der gemäßigte Regenwald befindet.

Im Wanderführer wird die Tour mit 4-5 Tagen angegeben was für mich eine logistische Herausforderung darstellt. Wenn ich alleine unterwegs bin kommen sehr schnell sehr viele Kilo zusammen die man an Gepäck durch die Gegend schleppen muss. Zusätzlich zur eh schon schweren Fotoausrüstung incl. Stativ, Gehäuse und 3-4 Objektiven, packe ich mein Zelt, Isomatte, Schlafsack und genügend Kleidung ein. Hier sollte man genau überlegen was tatsächlich benötigt wird. In der Regel ist es weniger als man denkt, wenngleich natürlich an der Grundausstattung gegen Kälte, Wind und Regen nicht gespart werden darf. Wichtige Details wie Sonnencreme, Toilettenpapier und Hut dürfen nicht vergessen werden. Hat man alles glücklich im Rucksack kommt dann ein weiterer schwerwiegender Faktor obenauf nämlich die Nahrung. Kaum zu glauben was sich da an Gewicht anhäuft wenn man vier, fünf Tage etwas zu essen haben möchte. Wenn ich alleine unterwegs bin verzichte ich bewusst auf warme Mahlzeiten um mir den Kocher und extra Geschirr sparen zu können. Einmal am Tag gibt es Müsli mit Milchpulver und ansonsten Käse, Brot und Streichcreme. Das Schöne beim Trekking ist dass man keine Gewissensbisse haben muss zahlreich Schokolade zu sich zu nehmen, denn der Körper ist für diese Art von Energie sehr dankbar. Natürlich ist es unumgänglich genau zu prüfen ob auf der zu erwartenden Tour genügend Flüsse den Pfad kreuzen um auch mit Trinkwasser versorgt zu sein. In diesem Fall ist das in ausreichendem Maße der Fall, so dass mir zwei Halbliter Plastikflaschen, rechts und links am Rucksack befestigt, für den Trip genügen werden.

Letztendlich starte ich mit fast 30 kg auf dem Rücken, was bei meinem nicht gerade massiven Körperbau wirklich das absolute Limit darstellt. Wenn es meine Kondition zulässt möchte ich am ersten Tag eine Strecke von sechzehn Kilometern hinter mich bringen. Das ist besonders bei den hohen Temperaturen wirklich kein Pappenstiel. Wenn es wirklich heiß ist, muss dem Körper praktisch ständig Wasser zugeführt werden, damit er leistungsfähig bleibt. Bei jedem kleinen Rinnsal halte ich an und fülle die Flasche auf, eine Energiequelle die nicht versiegen darf. Nachdem der Wanderweg einen ersten kleineren Bergzug überwunden hat, komme ich im nächsten Tal in ein bei vielen Wanderern gefürchtetes Moorgebiet. Auf einer sechs Kilometer langen Strecke nähert man sich dem eigentlichen Bergzug zudem auch der Zielgipfel gehört. Laut den Informationstafeln die am Anfang des Trails aufgestellt sind gibt es Zeiten an denen der geneigte Naturfreund hier bei jedem Schritt bis zu den Knien im Morast zu versinken droht. Kein schöner Gedanke mit schwerem Rucksack auf dem Buckel. Ausgerechnet die unschöne Hitzewelle kommt mir hier zur Hilfe, denn durch den mangelnden Regen in den letzten Tagen und die starke Sonnenstrahlung sind viele der Sumpflöcher ausgetrocknet oder zumindest weniger tief. Natürlich versucht jeder Wanderer das Einsinken im Schlamm zu vermeiden und sucht sich Grasbüschel und Erhöhungen auf denen er das stabil laufen kann. Das führt an vielen Strecken dazu dass ein einst schmaler Pfad immer weiter ausfranst und die eigentlich geschützte Vegetation dabei auf breiter Fläche nachhaltig geschädigt wird. Deshalb geht die Verwaltung der Nationalparke in Tasmanien inzwischen dazu über, an solch fragilen Stellen massive Holzstege zu bauen, auf denen man trockenen Fußes durch die Landschaft kommt. Das mag dem Einen oder Anderen weniger Authentisch erscheinen, doch ich finde es ist eine vernünftige Maßnahme die dem Schutze der Natur dient und eine gute Verwendung der Nationalparks-Gebühren ist. Auf einem Drittel der Strecke sind die Stege über das Moor schon fertig, und die angrenzende Natur beginnt sich sichtbar zu erholen, da keiner mehr in ihr herumirrt.

Als ich den Wald erreiche freue ich mich über leicht kühlenden Schatten. Dafür steigt jetzt der Weg an, was meine Geschwindigkeit stark nach unten sinken lässt. Der schwere Rucksack fordert seinen Tribut. Alle halbe Stunde mache ich für ein paar Minuten Pause um die Schultern zu entlasten und kämpfe mich so durch eine wunderschöne Regenwaldszenerie, die trotz sichtbarer Trockenheit immer noch ihren Zauber versprüht. Gegen Abend erreiche ich mein Etappenziel. An einem von Bergen umgebenen See finde auf einem Moosteppich einen schönen Zeltplatz. Ich erkunde die mich umgebene Landschaft und beschließe, dass die hier vorhandenen Motive eindeutig im Morgenlicht zu fotografieren sind. Nach einem nicht allzu üppigen Abendessen falle ich erschöpft in tiefen Schlaf. Nicht ohne zuvor noch den Wecker gestellt zu haben. Denn das Ausnutzen von guten Lichtsituationen hat bei solchen Touren absolute Priorität, egal wie erschöpft ich bin. Draußen ist es immer noch helllichter Tag. Die Sonne geht erst weit nach einundzwanzig Uhr unter, richtig Dunkel ist es erst viel später.

Die Nächte sind hier kurz, besonders für Naturfotografen. Weit vor Sonnenaufgang stehe ich am Seeufer und platziere das Stativ an einer der wenigen Stellen die eine freie Sicht auf die Landschaft verspricht. Über dem See liegt eine zarte Nebelschicht die dem Foto einen zusätzlichen Reiz verleiht. Es zahlt sich aus, dass ich mir am Vorabend noch die Mühe machte im Unterholz nach einem geeigneten Zugang zu suchen. Am Morgen hätte ich die Stelle im Halbdunkel nicht gefunden oder wäre zu spät zum Fotografieren gekommen. Als die Sonne ihre ersten direkten Strahlen auf die Berghänge scheint, bin ich schon wieder am Zelt und bereite mein Frühstück zu. Ich werde heute früh aufbrechen, da ich schon am Abend auf den Gipfel stehen möchte.

Der Wanderpfad folgt parallel dem Seeufer. Ich finde mich umringt von wilden alten Bäumen mit Regenwaldcharakter. Die Wasserfläche ist immer nur als Ausschnitt zwischen dem Gewirr aus Ästen und Büschen zu sehen. Am Ende des Sees geht es endgültig steil nach oben. Heute sind die Temperaturen merklich angenehmer. Die größere Höhe macht sich bemerkbar. Mit gelegentlichen Fotostops brauche ich gute drei Stunden bis zum Pass. Die Aussicht von der Passhöhe ist grandios. Nach Süden hin fällt der Blick auf die von hier aus endlos erscheinende Wildnis und vor mir erhebt sich zum ersten Mal sichtbar der Gipfel des Frenchmans Cap. Dazwischen liegt ein weiterer Bergzug den es erst noch zu umrunden gilt. Der Wald weicht hier oben mehr und mehr einer buschartigeren Alpinen Vegetation. Wegen des wolkenlosen Himmels ist es schwer vorstellbar das ich hier in einem Gebiet mir hohen Niederschlägen wandere, doch die Vielzahl an verschiedenen Pflanzen sprechen da eine eindeutige Sprache. Das Lager befindet sich wieder an einem Bergsee genau am Fuße der eigentlichen Erhebung des Gipfels. Ich erreiche das Etappenziel am frühen Nachmittag. Es ist eine ähnliche Szenerie wie am Vorabend nur ist alles hier oben noch einen Tick anmutiger, ja gar lieblich. Ein Ort zum Träumen. Man hat hier freie Blicke auf den See und die steil aufragenden Felsen des Berges und die Bäume und Sträucher spiegeln sich in perfekter Symmetrie im windstillen Wasser.

Jetzt bin ich dem eigentlichen Ziel meiner Tour, nämlich die Wildnis von oben zu fotografieren schon recht nah. Ich nutze den Rest des Nachmittags zur Erholung. Von anderen Wanderern weiß ich, dass der Marsch auf den Gipfel von hier aus ca. eineinhalb Stunden dauert. Wegen der Wetterlage ist für mich, zumindest fotografisch, nur die Zeit zwischen Sonnenuntergang und Dunkelheit interessant. Deshalb starte ich den Aufstieg erst nach neunzehn Uhr. Es geht von Beginn an steil nach oben. Ich habe nur noch die Fotoausrüstung und ein wenig Verpflegung auf dem Rücken, was merkliche Entlastung bedeutet. Die alpine Vegetation ist flacher und offener als der Wald und bietet immer wieder betörende Blicke zurück auf den See. In der Nähe des Ufers kann ich mein orangenes Zelt zwischen den Grüntönen der Bäume aufblitzen sehen.  Ab einer gewissen Höhe wachsen nur noch Bodendecker zwischen den Felsen und der Pfad führt steil über loses Geröll und  große Steinplatten. Kaum erreiche ich die, dem Berg wohl seinen Namen gebende, abgeflachte Gipfelseite, bläst mir ein starker Wind ins Gesicht der die Hitze der vergangenen Tage schnell vergessen macht. Als ich dann wenig später auf dem höchsten Punkt des Berges stehe fühle ich es wieder, das Hochgefühl. Tiefe Zufriedenheit und ein wenig Stolz erfüllt mich. Dazu kommt noch die Erkenntnis, dass mein Gespür mich nicht betrogen hat. Die Ausblicke die sich mir bieten sind einzigartig. Bis an die Horizonte in jeglicher Richtung sehe ich einen Höhenzug der sich an den Anderen reiht. Je nach Lichteinfall  und Entfernung verändern sich die Farben.

Als der Sonnenball im Westen über dem von hier aus sichtbaren Ozean verschwunden ist, beginnt meine Arbeit. Auf Hochtouren rase ich von einem guten Ausblickpunkt zum anderen um möglichst keinen schönen Moment zu verpassen. Die entscheidenden Minuten sind jene, an denen der Himmel dieselbe Helligkeit aufweist wie das sich unter ihm ausbreitende Land. Je nachdem wie viel Restlicht noch hinter dem Horizont nachstrahlt und auf der gegenüber liegenden Seite im Osten in Partikeln oder Wolkenfetzen Reflektion findet, lässt die Aufnahme mehr oder weniger farbig erscheinen. Erst als es praktisch komplett Dunkel ist mache ich mich im Schein des Mondlichtes auf den Abstieg. Nur an wenigen steilen Stellen nehme ich meine Taschenlampe zur Hilfe. Erst weit nach Mitternacht liege ich im Schlafsack. Zeit zum Schlafen bleibt kaum denn ich habe mir fest vorgenommen das gleiche Schauspiel mit den sich wechselnden Lichtstimmungen noch einmal zu erleben. Diesmal nur in umgekehrter Reihenfolge: von Dunkel nach Hell. Unerbittlich klingelt mich der Wecker um halb vier aus dem Tiefschlaf. Als ich das Zelt verlasse breitet sich über mir in selten gesehener Klarheit die gesamte Milchstraße aus. Mit schweren Gliedern mache ich mich an den erneuten Aufstieg. Blöd das ich wegen den wenigen Stunden nicht einfach auf dem Gipfel geblieben bin, aber da oben war es einfach zu windig. Zumindest am Abend denn momentan scheint kein Windhauch die totale Stille und den Frieden dieser Nacht zu stören.

Auf halber Höhe zum Gipfel versuche ich mich an einer Nachtaufnahme vom Sternenhimmel zusammen mit dem aufragenden Berg. Dies gelingt dank Digitaltechnik auch ganz gut. Noch in fast völliger Dunkelheit stehe ich später am selben Ort wie wenige Stunden zuvor und warte auf die ersten Anzeichen des neuen Tages. Ich habe diese Prozedur im Laufe meiner über zwanzig Jährigen Karriere als Fotograf inzwischen unzählige Male erlebt und werde nie müde werden erneut nach diesem Schauspiel zu suchen.  Es sind eben jene wenigen Minuten zwischen Tag und Nacht die mir Gänsehaut bereiten. Sie lassen mich zum „Jäger des Lichts“ werden, wie man uns Naturfotografen auch gerne nennt. Mit den ersten Sonnenstrahlen die ihren Weg über den Horizont schaffen ist ein Großteil der Magie auch schon wieder verschwunden, besonders wenn es keine Wolken am Himmel gibt wie momentan. Zufrieden, aber völlig übermüdet mache ich mich auf den Rückweg.

Ich erreiche das Lager zu einem Zeitpunkt als manch anderer Wanderer den Tag begrüßt und freue mich bis zum Nachmittag im wahrsten Sinne des Wortes nichts tun zu müssen. Am Abend möchte ich zurück zum Pass laufen um dort den nächsten Sonnenuntergang zu fotografieren. Ich werde dort ankommen und keine gute Lichtstimmung vorfinden. Am kommenden Tag werden sich die ersten Wolkenfelder bilden die mich gegen Nachmittag mit starken Regenfällen zurück zum Ausgangspunkt der Tour begleiten. All jene Wanderer die mir auf dem Rückweg entgegen kommen, werden kaum Chancen haben vom  „Frenchmans Cap“ einen Ausblick genießen zu können. Ich habe alles richtig gemacht.

 

“Baikal See” Teil 2: Seegeschichten 5.10.2012

Die größte Insel im Baikal See ist „Olchon“. Diese 72km lange und bis zu 14 km breite aus dem Wasser ragende Landmasse ist die erste Station meiner Entdeckungsreise. Kaum zu glauben, dass es einen See gibt der eine so große Fläche aufnehmen kann. Doch bei einer Gesamtlänge von 673 km und einer Uferlänge von weit über 2000 km wirkt „Olchon“ in den Weiten des Baikal fast schon schmächtig. Der See ist wirklich ein Ort voller Superlative. Durch seine extreme Tiefe und Ausdehnung ist er mit 1/5 allen Süßwassers des Planeten gefüllt. Er ist größer als die Ostsee und man könnte den Bodensee 480 Mal hineinschütten ohne eine Überschwemmung zu verursachen. Faszinierend finde ich auch, dass der Baikal zwar unzählige Flüsse und Bäche als Zuflüsse hat, sich aber nur an einer Stelle, dem Angara, entlädt. Trotz der enormen Größe des Angara Flusses müsste das Wasser über 400 Jahre lang fließen um den Baikal komplett zu entleeren. Das Alles sind Fakten, die einen Naturfreund richtig ins Schwärmen bringen können. Nach einer fünfstündigen Busreise, inclusive einer kurzen Fährfahrt, erreichen mein russischer Kollege Arkady und ich die kleine Ortschaft „Chuschir“ im Zentrum der Insel. Sie gilt als eine der touristischen Zentren am Baikal. Wie alle Häuser hier besteht auch das zentrale Hotel komplett aus Holz. Ich bin erstaunt wie viele Besucher sich nach wie vor hier aufhalten. Die Saison ist längst beendet und die herbstlichen Temperaturen nähern sich, besonders des Nachts, schon stark dem Gefrierpunkt. Einen Teil ihrer Faszination auf Besucher generiert „Olchon“ aus der Tatsache, dass die Insel für die hier lebende Volksgruppe der Burjaten große spirituelle Bedeutung hatte und bis heute hat. Direkt dem Städtlein vorgelagert befindet sich eine kleine Landzunge die als „Schamanenfelsen“ bekannt ist.

Ein heiliger Ort und Wohnstätte eines Gottes der Burjaten. In früherer Zeit hat man sich aus Respekt nur in kompletter Stille diesem Felsen genähert. Sogar die Hufe der Pferde wurden mit Stoff bedeckt um keine Geräusche zu verursachen. Heute klettern meist chinesische Touristen auf ihm umher, schreiben Graffitis auf die Steine und im Sommer dringt allabendlich laute russische Discomusic von den Partys der Gäste zu den heutzutage wohl ruhelosen Geistern. Was mich sehr interessiert, ist die Art und Weise, wie man hier mit der immer größeren Touristenflut umzugehen gedenkt. Der Baikal ist bekannt für sein glasklares Wasser. Man kann bedenkenlos direkt aus dem See davon trinken. Außerdem gelten weite Teile der Natur als Intakt. Bis vor wenigen Jahren gab es hier weder Telefon noch Strom und bis heute fehlt jede Art von Abwassersystem. Allein das Hotel in dem ich untergebracht bin, schüttet in der Hochsaison die anfallenden Fäkalien viermal am Tag in den Wald. Zwar ist die gesamte Region des Baikal von der UNSECO als Weltnaturerbe anerkannt und einige Millionen Hektar sind zusätzlich als Nationalpark geschützt, doch was auf dem Papier gut aussieht ist in der Realität leider weit davon entfernt. Es gibt auf „Olchon“ keine Abfallwirtschaft. Jeder Müll wird in den nahe gelegenen Wald gekippt, was mehrere Quadratkilometer der Insel regelrecht versaut. Der Wind bläst die Plastiktüten und Papierverpackungen weit über die eigentliche Müllfläche hinaus. Die Kollegen von Greenpeace Russland sind am Baikal sehr aktiv und haben durch Ihren Einsatz auch schon viel erreicht. Verglichen mit anderen Weltregionen sind die Umweltprobleme hier zwar überschaubar, doch ohne zukünftigen Einsatz wird auch dieses Naturparadies seine Qualität sicherlich nicht behalten.

Wir erkunden die Insel in einem alten VW Bus – ähnlichen Gefährt, dass sich noch hartnäckig aus Sowiet -Zeiten erhalten hat. Diese fahrenden Blechbüchsen sind wirklich nicht kaputtzukriegen. Sie besitzen keinerlei elektronische Spielereien und können deshalb immer wieder repariert werden. In den Norden gelangt man über eine Piste, die sich zum Teil in einem jämmerlichen Zustand befindet, was den Reiz einer Entdeckungstour aber erheblich erhöht. „Olchon“ ist mit einer Mischung aus Steppe und borealem Kiefern & Lärchenwald bewachsen. Die weite Landschaft, die sich vor mir ausbreitet ist eine Augenweide.

Besonders das spätherbstliche, goldene Leuchten der vielen Lärchen bildet einen tollen Kontrast zum blauem Himmel, in dem sich weiße Quellwolken türmen. Schroffe Felswände fallen steil ab in den See und in der Ferne erheben sich die Gebirge der dem Baikal angrenzenden Regionen. Der Küstenlinie folgend, werden diese immer kleiner, da sie sich durch die Erdkrümmung langsam dem Sichtfeld entziehen. Was mich persönlich während der Erkundung richtig ärgert, sind die vielen Fahrspuren die auf dem empfindlichen Steppenboden tiefe Narben reißen. Diese können über Jahre hinaus kaum verheilen. Neben der Hauptpiste sind es dutzende kreuz und quer geschlagene Schneisen, die an vielen stellen das Fotografieren einer intakten Landschaft immens erschweren.

Neben dem fotografischen Ästhetikaspekt wird durch die unbedachte Touristenbeförderung auch massiv der Pflanzenwuchs geschädigt. Wirkt die Steppe auf den ersten Blick recht karg, so ist sie doch ein artenreicher Lebensraum für eine erstaunliche Zahl an Tieren und Pflanzen. Auf der gesamten Insel wird seid vielen Jahren traditionell Viehwirtschaft betrieben, was eine gänzlich wilde Steppe grundsätzlich unmöglich macht. Doch die Zahlen der Rindviecher halten sich glücklicherweise in überschaubaren Grenzen. Eine Überweidung bleibt aus. Es ist eben ein Unterschied ob sich Menschen in kleinbäuerlichen Strukturen selbst versorgen, oder ob eine Region mit industriellen Methoden großflächig platt gemacht wird.

Unser Ausflug dauert den ganzen Tag und wir kommen erst weit nach Dunkelheit zurück ins Hotel. Klar, dass ich mir eine schöne Stelle ausgesucht habe um dort das warme Licht des Tagesendes für meine fotografische Arbeit nutzen zu können. Was mich besonders fasziniert hat war der nördlichste Punkt der Insel. Ein steil aufragendes Kap, von dessen höchsten Punkt sich mit Hilfe des Morgenlichtes wunderbare Motive ergeben würden.

Besonders das Licht vor Sonnenaufgang reizt mich, und so galt es einen Fahrer zu finden, der bereit war, sehr, sehr früh eine Sonderfahrt zu unternehmen. Natürlich war es, verbunden mit einem zusätzlichen finanziellen Anreiz möglich, einen Solchen zu finden. Bevor ich mich zur viel zu kurzen Nachtruhe begeben habe, widmete ich mich noch einer ganz besonderen Art der Körperpflege – dem russische „Banja“. Im Prinzip ist das „Banja“ eine holzbetriebene Sauna, in der man während der Schwitzphase Wasser erhitzt welches man sich dann im Vorraum mit der Schöpfkelle über den Körper schüttet. Eine herrliche Art sich zu waschen und für mich immer ein absoluter Höhepunkt eines jeden Tages.

Es ist empfindlich kalt, als ich mich am nächsten Morgen um halb sechs am Treffpunkt einfinde. Ich habe versucht die Morgentour so zu kommunizieren, dass dem Fahrer bewusst ist, wie wichtig Pünktlichkeit bei solch einer Aktion ist. Nach zwanzig Minuten des Wartens unter dem sternenklaren Nachthimmel will ich gerade wieder frustriert in Richtung Bett marschieren, da erscheint er plötzlich doch noch. Zum Glück habe ich zwei nette Deutsche kennen gelernt, die russisch sprechen und mich an diesem Morgen begleiten wollen. Sie müssen beim Fahrer die richtigen Worte gefunden haben, denn wir Erleben eine Aufholjagd sonders gleichen. Kaum zu glauben, dass wir die etwas mehr als dreißig Kilometer Holperstrecke zum Kapp in weniger als einer Stunde geschafft haben. Während sich am Horizont die ersten zarten Andeutungen eines neuen Tages abzeichnen stehen wir auf dem Felsen.

Es ist wirklich beeindruckend, wie sich die vor uns liegende Wasserfläche im Dämmerlicht ständig verändert. Über dem Horizont wandert eine Wolkenwand von einem Seeufer langsam hinüber zur anderen Seite und bietet mir dadurch perfekte fotografische Gestaltungsmöglichkeiten. Richtige Gänsehautmomente erleben wir aber in den Sekunden, als die ersten Strahlen der Sonne das vor uns liegende Kap erreichen und in satten Orangetönen für wenige Momente magisch einzufärben scheinen.

Wer so etwas schon mal erlebt hat weiß, dass diese Farbgebung nur für wenige Augenblicke anhält. Dafür hinterlässt sie aber auch bei Nicht-Fotografen einen nachhaltigen Eindruck.

 

Abgehoben 16.06.2010

Eine Reise nach Russland ist immer etwas Besonderes. Zum einem ist die Größe des Landes mit keiner anderen Region auf der Welt zu vergleichen – schon gar nicht innerhalb Europas. Zum Anderen sind wir in unserer Jugend mit einem eisernen Vorhang aufgewachsen, welcher uns Jahrzehnte impliziert hat dahinter lebe der böse Feind. Im Rahmen meiner Greenpeace Tätigkeit ist dies nun meine dritte Reise in ein Land das wohl für viele Menschen aufgrund der politischen Altlasten bis heute weitestgehend unbekanntes Territorium ist. Für mich war bisher jede Reise ein spannendes Abenteuer bei dem ich unglaubliche Landschaften kennenlernen durfte.

Zudem kam ich immer  mit der Erkenntnis nach Hause, dass die Menschen auf der anderen Seite der politischen Glaubensgrenze eben auch nur Menschen sind. Mein erstes Ziel war das Greenpeace Büro in Moskau. Die Kollegen vor Ort haben die kommende Reise für mich organisiert. In der russischen Hauptstadt prallen Moderne und Vergangenheit mit voller Wucht aufeinander. Die riesigen und in großer Anzahl an den Straßenrändern aufgestellten Werbetafeln versprechen eine farbenfrohe Konsumwelt und zeigen, dass auch die Russen den Verheißungen des Kapitalismus erlegen sind. So reihen sich viele westliche Luxusschlitten in die meist dreispurigen Staus der Millionenmetropole nahtlos ein. Es gibt zahlreiche Gewinner die aus der Öffnung der Märkte und der Privatisierung ehemaligen „Allgemeingutes“ durchaus profitiert haben. Freilich nicht die breite Masse der Bevölkerung welches sich auch im Zustand des Großteiles der Gebäude wiederspiegelt. Viele Bauwerke sind schon zu Soviet-Zeiten farblos gewesen und erscheinen heute als dringend renovierbedürftig.

Beeindruckend ist eine Fahrt mit der Moskauer U-Bahn. Ich schleppe über 50 kg Gepäck mit mir herum und bin froh endlich im Abteil zu sitzen. Die Rolltreppe, welche die Menschenmassen in die Unterwelt zur Bahn transportiert, wirkt endlos. Man hat die Bahn wirklich tief in die Erde gegraben. Alle Stationen die ich kennen lernen durfte gleichen eher Museen als Bahnsteigen. Riesige Bilder und Mosaiken legen Zeugnis ab von einer vergangenen Zeit die mit der heutigen marktorientierten Gesellschaft wohl nicht mehr viel gemeinsam hat. Von außen ist das Greenpeace Büro nicht als solches zu erkennen. Ich passiere eine Sicherheitskontrolle und betrete die Büroräume. An die fünfzig Personen arbeiten hier und geben ihr Bestes, dass die Naturschätze dieses Riesenlandes nicht gänzlich dem kurzfristigen Gewinn des Marktes geopfert werden, sondern für kommende Generationen erhalten bleiben. Ich lerne Anna und Sergey kennen, die mich in den nächsten zwei Wochen begleiten wollen. Unser Ziel ist die Provinz Komi am östlichen Ende des Europäischen Kontinents. Komi ist ungefähr so groß wie Frankreich, es leben dort aber nur ca. eine Millionen Menschen. Von Sergey erfahre ich, dass die Finnen hier in Komi ihre Wurzeln haben. Nach einem zweieinhalbstündigen Flug (fast solange wie der von Deutschland nach Moskau) landen wir in Uchta, der Stadt die unserem Ziel am nächsten liegt welches man mit dem Flugzeug erreichen kann. Nahe der Busstation quartieren wir uns ein.

Auch das Hotel ist nicht unbedingt sofort als solches zu erkennen. Da die Russen neben der anderen Sprache auch eine andere Schrift benutzen, ist eine Orientierung für mich sowieso sehr schwierig. Beim Einchecken wird man oftmals noch an alte Sovietzeiten erinnert. Denn als Ausländer muss man sich eigentlich an jeder Station der Reise bei den Behörden registrieren lassen. Früher wäre ein Herumreisen als Westler in diesem Land schlicht unmöglich gewesen. Auch heute ist es nicht ganz einfach und ich bin froh, dass meine Kollegen das eine und andere Mal die Formalitäten für mich erledigen oder die Menschen dazu bewegen ein Auge zuzudrücken, zumal es sich nur um einen kurzen Transitstop handelt. Später betreten wir dann ein Restaurant in dem die Gäste mit Dauerbeschallung durch Musikfernsehen berieselt werden. So erfahre ich, dass man den Siegersong von unserer Eurovision Song Contest Gewinnerin Lena als Handy Klingelton erwerben kann. Auch sonst weisen die gezeigten Beiträge auf eine gänzliche Annäherung der zwei einstmals verfeindeten Systeme zumindest im kulturellen Bereich hin. Am kommenden Morgen geht die Reise im Überlandbus weiter. Vier Stunden fahren wir auf teils unbefestigten Straßen gen Osten. Wir passieren endlose Baumreihen und sumpfige Freiflächen.

Geografisch liegt unser Ziel, die kleine Stadt Vuktyl auf der Höhe von Mittelfinnland, ca 300 km unterhalb des Polarkreises. 15000 Menschen leben hier in einer typischen sovietischen Trabantenstadt. Solche Städte gibt es in Russland viele, da sich eigentlich überall irgendein Rohstoff aus der Erde pressen lässt. Heute ist die Stadt ganz in der Hand von „Gasprom“. Der Gaskonzern scheint die einzige Quelle zu sein, die diese Gemeinde am Leben hält. Ansonsten ist hier nicht viel geboten. Es gibt weder ein Kino noch sonstige reichhaltige Abwechslung. Aber es gibt hier Natur im Überfluss. Nicht weit von Vuktyl erheben sich die Berge des Ural, welche die geografische Grenze zwischen dem europäischen Teil des Landes und dem weit größeren asiatischen Teil bilden. Fast drei Millionen Hektar (!!) Wildnis sind hier von der UNESCO als Weltnaturerbe ausgezeichnet und unter Schutz gestellt worden. Der „Komi Virgin Forest“ ist das größte Naturschutzgebiet in Europa. Er beherbergt Urwälder von einer Größenordnung wie sie in keinem anderen Teil unseres Kontinents mehr vorkommen.

Mit großer Vorfreude betrete ich das Büro der Nationalparksleiterin Tatiana Fomicheva. Von Andrey, der bei Greenpeace für die Ausweisung von Weltnaturerbestätten zuständig ist, weiß ich von seiner Bekanntschaft mit der Dame. Die Zwei haben im Prozess den Komi Wald unter Schutz zu stellen eng zusammen gearbeitet. Als Dankeschön möchte uns Frau Fomicheva gerne helfen. Ich verstehe zwar nichts von dem was dort im Büro verhandelt wird, doch anhand der ausgelassenen Stimmung erahne ich einen positiven Verlauf. Meine Hoffnungen werden sogar übertroffen als mir Anna mitteilt, dass wir zu einem Hubschrauberflug eingeladen sind. Damit geht ein Traum für mich in Erfüllung. Ich habe mir sehr gewünscht innerhalb dieses Projektes über die „Wilden Wälder Europas“ , einmal die Luftperspektive zu bekommen. Jetzt sollte es sogar beim größten Urwald des Kontinents klappen. Für die Zeit nach dem Flug wird eine Flußexpedition für uns geplant, die uns weit in die Berge des Ural bringen soll. Wow. Nach zwei Tagen zähem Warten bringt man uns zum ehemaligen Flugplatz der Stadt. Heute wird das Flugfeld nur noch von den Hubschraubern des „Gasprom“ Konzerns benutzt und ich bin gar nicht überrascht als auch wir wenig später in einen Transporthubschrauber des Energieriesen steigen.

Am frühen Morgen hab ich nochmals schwer gezittert. Dicke Wolken und Dauerregen lassen das ganze Vorhaben sehr fraglich erscheinen. Gegen zehn Uhr gab es dann Entwarnung und wir bekommen unsere Starterlaubnis. Die Wolken beginnen sich aufzulockern und entlassen nur noch partielle Schauer auf die Erde. Aus fotografischer Sicht hätte mir überhaupt nichts Besseres passieren können. Auch bei Luftaufnahmen gibt es nichts Langweiligeres als blauer Himmel ohne Wolken. So aber fliegen wir hinein in ein regelrechtes Inferno aus Licht, Schatten, Wolken und Regenwänden. Es ist grandios. Die Minuten vergehen „wie im Flug“. Der Hubschrauber folgt dem Verlauf eines der großen Flüsse die ihren Anfang in den Bergen des Ural nehmen. Unter uns nur ungezähmte Wildnis. Es ist ein fantastischer, für Europa fast unwirklicher Anblick, wenn man auf unseren Planeten blickt an Stellen wo er völlig frei von menschlichen Einflüssen ist. Nach ca. einer Stunde landen wir an einem Flussufer und besuchen einen Einsiedler, der seit über dreißig Jahren in einem kleinen Holzhaus in der Weite dieser Wälder lebt. Lange bevor das Gebiet unter Naturschutz gestellt wurde hat er sich hier niedergelassen. Heute erledigt er Aufgaben für den Nationalpark und freut sich über uns unerwartete Gäste. Ich stelle mir vor wie es sein muss hier draußen zu überleben. Die kurzen Sommer sind Moskitoverseucht und die kalten und dunklen Winter endlos. Bei aller Liebe zur Natur möchte ich nicht mit ihm tauschen. Die Einsamkeit würde mich wohl zermürben, trotz Bären, Elche und Wölfe als Nachbarn.

Unser Flug führt uns weiter über die ersten Ausläufer des Ural. Wir sehen die Baumgrenze nicht weit oberhalb der Flüsse, ein Zeichen, dass wir uns sehr weit im Norden befinden. In den Höhenlagen des bis zu zweitausend Meter hohen Gebirges liegt nach wie vor Schnee. Immer wieder entladen sich regionale Schauer über der Taiga was zu spannenden Lichtverhältnissen und sogar zu Regenbögen führt. Als wir wieder auf dem Flugfeld landen habe ich jegliches Zeitgefühl verloren. Fast drei Stunden sind vergangen und ich bin völlig erschlagen von den wunderbaren Eindrücken die sich uns offenbart haben. Fast tausend Mal habe ich auf den Auslöser gedrückt. Da nur die besten Bilder überleben wartet eine Menge Arbeit am Computer auf mich. Doch zuvor wollen wir uns dem Komi Urwald vom den Wasserstraßen aus nähern.

Ilulissat Eisfjord 10.08.2009

Oberflächlich betrachtet ist Grönland ein riesiger Geröllhaufen mit einer Eisschicht oben drauf. Diese Eisschicht ist bis zu drei Kilometer dick und so schwer, dass sie die Landmasse bis zu 800 m nach unten drückt. Durch Schneefall entsteht neues Eis, welches zusätzlichen Druck erzeugt, der sich über die kalbenden Gletscher am Rande des Landes entlädt. Einer der größten Gletscher der Nordhalbkugel ist der Ilulissat Gletscher. Das abbrechende Eis treibt durch einen 55 km langen Fjord bevor es sich dann, den Strömungen folgend, langsam mit dem Wasser des Ozeans vereint. Die UNESCO hat den Ilulissat Eisfjord zum Weltnaturerbe erklärt.

Mit einem kleinen Touristenboot fahre ich hinaus an die Mündung des Fjords, dort wo sich die riesigen Eisberge aufstauen und so dafür sorgen, dass der komplette Fjord mit Eisstücken gefüllt ist. Vom Kapitän erfahre ich wieso gerade dort wo die Begrenzungen der Landmasse wegfallen, die Eisberge stecken bleiben. Der Grund ist logisch und gleichzeitig faszinierend, zeigt er doch in was für zeitlichen Maßstäben man in der Geologie denken muss. Der Kanal wurde im Laufe der Jahrmillionen durch die Reibungskräfte des abbrechenden Eises auf fast 1000 m Wassertiefe ausgegraben. Am Ende des Fjords gibt es keine Begrenzungen zur Seite, so das dort der Druck wegfällt und die ursprüngliche Wassertiefe von weniger als 200 m die gewaltigen Eisberge erst einmal am Weiterziehen hindert.

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