Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: Urwald

Die Insel der knorrigen Kiefern 02.01.2010

Wenn man über alte Wälder in Europa recherchiert kommt man an der Insel Korsika nicht vorbei. Hier wächst die endemische korsische Kiefer, auch Laricio Kiefer genannt. Sie gedeiht in den Höhenlagen zwischen 1000 und 1800 Metern und ist ein Meister der Anpassung. Heiße, trockene Phasen im Sommer erträgt sie mit der gleichen Langmütigkeit wie sturmgepeitschte, bitterkalte und schneereiche Wintermonate.

Korsika  045

Diesem Baum gilt meine Aufmerksamkeit als ich mich, zusammen mit meiner Freundin Elly, zum Jahreswechsel aufmache, um die älteren Exemplare dieser Gattung zu suchen. Kiefern sind glücklicherweise immergrüne Nadelbäume, so dass die Hoffnung besteht im ansonsten recht grauen Winterwald schöne Fotomotive zu finden. Große Urwaldgebiete gibt es auch auf Korsika keine mehr. Seitdem die Insel im Jahr 1768 von Frankreich übernommen wurde, begann eine recht intensive Forstwirtschaft. Besonders die Laricio Kiefer versorgte seitdem die Menschen mit qualitativ hochwertigen, schnell nachwachsendem Holz. Korsika ist fast 200 km lang und maximal 80 km breit. Auf dieser Fläche erheben sich mehr als 40 Gipfel über die 2000 Meter, was viele spannende Ausblicke verspricht. In der Tat, die Insel ist wirklich fantastisch. Hat man erst mal, möglichst schnell, die ausufernden Industrieanlagen und Einkaufszentren der Hafenstadt Bastia hinter sich gebracht, zieht einen die grandiose Bergwelt sehr schnell in ihren Bann. In den tieferen Lagen ist es der Buschwald der Macchia, die die Hänge mit bis zu drei Meter hohen Sträuchern aus Ginster, Wachholder und vielen anderen mediterranen Vegetationsformen überzieht. Die verschlängelten Sträßchen führen oft an steilen Felswänden und tiefen Schluchten hinauf bis zu den Passhöhen.

Korsika  043

Seit Millionen von Jahren bahnt sich Quellwasser seinen Weg durch den Granit von den Höhenlagen hinab ins Meer. Immer wieder rauscht das klare Nass kaskadenartig über verwitterungsresistente Überhänge. Wasserfälle allerorten. Die ersten Wälder die wir zu Gesicht bekommen, hoch oben im „Foret de Valdu Niellu“ reißen uns nicht gerade vom Hocker. Zu offensichtlich steht über weite Teile des von der Straße einsichtigen Waldes ein gleichaltriger Baum neben dem anderen. Ganz klar ein Forstwald, der zur Holzproduktion heranwachsen darf. Auch ein Laie sieht sehr schnell ob es sich um eine junge oder alte Kiefer handelt. Während die Bäume in ihren jungen Jahren eine nach oben spitz zulaufende Form besitzen, werden sie im Alter an den Kronen immer flacher. Besonders an den Passhöhen und auf den schmalen Bergkämmen sieht man die knorrigen Formen alter Kiefern, oft in Jahrhunderten durch starke Winde in ihrer Form den Naturgewalten angepasst. Auch heute noch zieht sich ein Streckennetz von hunderten Kilometern Fußwege über die Insel. Viele stammen aus den Zeiten als das Reisen noch nicht durch das bequeme Automobil so unendlich vereinfacht wurde. Im Sommer sind es viele Wanderer die diese recht anstrengende Möglichkeit nutzen, die Geheimnisse Korsikas auf eigenen Sohlen abseits der Straßen zu erkunden. Auch wir folgen diesen Wegen immer wieder, um an die zauberhaften Ecken dieser Landschaft zu kommen. Es scheint fast als wären wir um diese Jahreszeit die einzigen Besucher auf der Insel, zumindest in den Wäldern sind wir komplett unter uns. Etwas unterhalb des Vergio Passes, immer noch im Valdu Niellu Wald, existiert ein kleines Tal mit einem wunderschönen Wasserfall, in dem die Bäume seit Jahrhunderten wachsen dürfen.

Korsika  042

Noch nie haben wir so riesige Kiefern gesehen. Bis zu sechzig Meter hoch reichen diese Giganten in den Himmel. Es bedarf mehrerer Erwachsener um die massiven Stämme zu umarmen. Die Bäume stehen ziemlich weit voneinander entfernt. Dazwischen wachsen uralte Birken, deren weißgraue Rinde so stark von Flechten überwuchert ist, dass man, bedingt durch die jahreszeitlich fehlenden Blätter, genau hinschauen muss, um sie überhaupt als solche zu erkennen. Ein orkanartiger Wind bläst durch den Bergkamm. Schneereste am sonnenarmen Nordhang lassen erkennen, dass es Winter ist. Fotografisch ist es aber zu wenig um daraus jahreszeitliche Impressionen zu fotografieren. Im Gegenteil, diese weißen Flecken wirken eher störend. Ich male mir aus wie es hier wäre, wenn Neuschnee den Boden bedeckt und der Wind die weiße Pracht noch nicht von den Wipfeln geblasen hat. Oder die Kamera aufs Stativ zu bauen, wenn der Indian Summer die Blätter der Birken im goldenen Kleid erstrahlen lässt. Dazwischen die riesigen Kiefern, die sich in den blauen Herbsthimmel erstrecken. Also wir sind eindeutig zur falschen Zeit in diesem Hochtal, zumindest was die Fotografie betrifft. Mehr Glück haben wir auf der anderen Seite des Gebirges. Durch die Spelunca Schlucht laufen wir durch immergrüne Macchia, deren vielfältige Pflanzenwelt so reichhaltig ist, dass ich mich fast wie in einem gemäßigten Regenwald fühle. Die dicken Wolkenberge die sich zwischen den weit über uns befindenen Gipfeln hängen, wirken wie ein Weichzeichner und lassen das Grün der Büsche, Bäume und Moose intensiv leuchten. Wir folgen einem uralten Pfad durch die Schlucht bis zu der Stelle an der sich die beiden Wildbäche Aitone und Tavulella vereinigen. Hier hat eine der schönsten Zeugnisse menschlicher Baukunst die Jahrhunderte überstanden.

Korsika  044

Die für Fußgänger gebaute Bogenbrücke „Zaglia“ stammt aus der Zeit der Herrschaft Genuas über Korsika und fügt sich reizend in den wilden Charakter der Landschaft ein. Während es oben im Gebirge, verstärkt durch die starken Winde, sehr kalt ist, laufen wir hier unten, tausend Meter tiefer, mit zwei Lagen weniger Kleidung durch die Gegend. Egal wie die äußerlichen Bedingungen auch sind, die vielfältige Natur der Insel begeistert zu jeder Jahreszeit.

Ein Wald wie aus dem Märchenbuch – Corcova Uvala 19.10.2009

Ich würde schätzen, dass 99,9% aller Besucher die in den Nationalpark Plitvicer Seen fahren nur Augen für die, zugegebenen großartigen Seen und Wasserfälle haben. Dabei besteht der fast 300 qkm große und gleichzeitig größte Nationalpark Kroatiens nur aus 0,7% Wasserfläche. Fast drei Viertel der Karstberge sind mit dichten Mischwäldern überzogen, die durch frühzeitige Schutzmaßnahmen und einer fehlenden industriellen Holzwirtschaft einen sehr naturnahen Zustand besitzen. Das Kronjuwel des Parks ist für mich (als Urwaldfotograf) ganz klar das Spezialreservat „Corcova Uvala“. Ich habe in den vergangenen Jahren wahrlich viele Wälder auf unserer Erde kennen gelernt. Doch dieser Wald ist etwas wirklich Besonderes. Die Schönheit und die überall spürbare Präsenz des vielfältigen Lebens haben mich total gefangen genommen.

Corkova Uvala  2869

Wer erfahren möchte was das Ökosystem Wald wirklich ausmacht, der sollte einmal im Leben unter den Kronen dieser jahrhunderte alten Bäume gestanden haben. Wenn ich mir vorstelle wie arm und amputiert dagegen der gängige Forst vegetiert, könnte man fast wütend werden. Alle urwaldtypischen Merkmale sind hier auch für den Laien sehr schnell zu erkennen. Im Wald wird man Zeuge aller Lebensphasen der Bäume. Mächtige jahrhunderte alte Laub und Nadelbäume wachsen auf den kargen Böden des steinigen Karst. Dazwischen steht immer wieder ein längst abgestorbener Riese, dessen unzählige Löcher im Stamm darauf schließen lassen, dass sich Vögel hier ihre Nahrung suchen. Ob durch Verwitterung, Schneefall oder Stürme, irgendwann fallen sie auf den Boden. Im Naturwald bleiben die Bäume liegen, um in der Zersetzungsphase den Kreislauf ihres Pflanzenlebens zu schließen. Dabei bilden sie Lebensraum für Pilze, Flechten und Moose.

Corkova Uvala  2867

Neue Bäumchen wachsen auf den Körpern der Alten und nutzen deren Nährstoffe. Hier in der Urwaldgesellschaft kann man einen ganz wichtigen Unterschied zu unserer menschlichen Gesellschaft erkennen. Dieser wird wohl letztendlich ausschlaggebend sein warum die Natur überlebt, der Mensch aber, wenn er so weiter macht, leider nicht. In der Wildnis fällt kein Müll an. Alles bleibt innerhalb des Kreislaufes aus Werden und Vergehen. Jede noch so kleine Kleinigkeit wird genutzt und umgewandelt. Die Natur ist zu hundert Prozent nachhaltig. Das müssen wir wieder lernen wenn wir langfristig überlebensfähig bleiben wollen. Ein weiteres Merkmal eines Waldes, der seinen eigenen Gesetzen folgen darf, ist die relativ große Distanz in der die Bäume voneinander entfernt wachsen. Es ist überhaupt kein Problem durch das Unterholz zu schlendern, selbst die Jungtriebe überwuchern nur an wenigen Stellen den Boden. Der „Corcova Uvala“ ist ein Mischwald wie er eigentlich in weiten Teilen Europas vorkommen müsste. Fast fünfzig Prozent sind Buchen, gefolgt von Tannen, Wachholderbäumen und dem Ahorn. Als ich zum ersten Mal in diesen Wald gelaufen bin habe ich die Nadelbäume automatisch für Fichten gehalten. Erst als mein Blick auf die kleinen Jungtriebe fiel ist mir aufgefallen, dass die Nadeln abgerundet und weich waren. „Oh Tannenbaum, so grün sind deine Blätter“. Durch den Fichtenwahn, der vor einigen Jahrzehnten fast sämtliche Forstleute in Europa befiehl (schnelles Wachstum = größerer Gewinn) hat man sich schon so damit abgefunden auch außerhalb ihres natürlichen Verbreitungsgebietes auf diesen Baum zu stoßen, dass  man fast überrascht ist wenn alles so ist, wie es sein sollte. Junge Tannentriebe müssen in unseren Wäldern eingezäunt werden, um sie vor dem Verbiss durch Rotwild zu schützen. Da ihre natürlichen Feinde wie Wölfe und Bären bei uns ausgerottet wurden, gibt es im Forst viel zu viele Rehe und Hirsche, die die Erneuerung so mancher Baumart verhindern. Zusätzlich werden die Tiere bei uns im Winter noch künstlich gefüttert. Ich behaupte mal, dass dies nicht aus reiner Tierliebe praktiziert wird, sondern dass so manch kühner Jäger genug Material vor die Flinte bekommt. Hier in den Wäldern des Nationalparks streifen noch Raubtiere durchs Unterholz. Gesehen habe ich sie natürlich nicht. Nur der von Wildschweinen mit der Schnauze aufgewühlte Laubboden lässt auf die Präsenz größerer Tiere schließen. Die Kreisläufe sind intakt, Tiere und Pflanzen leben in Balance.

Corkova Uvala  2870

Was den Wald hier so zauberhaft erscheinen lässt ist seine geografische Lage. Zwischen drei bis zu tausend Meter hohen Berggipfeln fallen die Hänge zum Teil recht steil ab. Immer wieder formt der steinige Untergrund kraterähnliche Löcher und Trichter, deren tiefste Stellen meist von einem besonders mächtigen Baum dominiert wird. Nährstoffreicher Humus ist knapp, die Bäume suchen sich alle möglichen und unmöglichen Stellen zum wachsen. Luftwurzeln wachsen über Felsen, die mit Moosen überzogen sind. Uralte Baumstümpfe die kurz vor der Zersetzung stehen sind mit hunderten von Pilzen überzogen. Während Buchen und das Ahorn relativ schnell verrotten und zu Humus werden, kann die Zersetzungsphase bei Tannen bis zu achtzig Jahre dauern. Diskusförmige Baumpilze wachsen horizontal an alten Stämmen. Fällt der Stamm zu Boden, passen die Pilze ihr Wachstum automatisch an und wachsen um neunzig Grad versetzt weiter. Das sieht ziemlich skurril aus. Es gibt fünfundsiebzig endemische Pflanzenarten im Nationalpark. Endemisch bedeutet, dass sie nur hier in der Region wachsen und sonst nirgends auf der Welt. Urwälder haben naturgemäß die größtmögliche Artenvielfalt. Deshalb ist es auch so wichtig, dass wir endlich anfangen wieder mehr Wälder aus der Nutzung zu  nehmen. Bis zu siebenhundert Jahre kann der komplette Lebenskreis einer Tanne in den Karstbergen hier im Süden Europas dauern. Die Buche ist da mit maximal dreihundert Jahren relativ kurzlebig. Groß ist das Urwaldreservat nicht, eigentlich nur lächerliche achtzig Hektar. Doch selbst am dritten Tag hab ich noch nicht ansatzweise alle Regionen erkundet. Manche Stellen im Wald sind so schön, dass eine Stunde vergangen ist bis ich alle Motive im Kasten habe ,die ich durch mein inneres Auge entdeckt habe.

Corkova Uvala  2866

Ich werde in Zukunft wohl genauer hinschauen, bis ich einem Wald tatsächlich das „Ur“ abnehme. In vielen naturnahen Wäldern sieht man einfach nicht so viele große alte Bäume auf dem Boden liegen. Es dauert viele Jahrhunderte bis man in einem Gebiet sämtliche Phasen des Lebenszyklus Wald auch wirklich erkennen kann. Hier im „Corcova Uvala“ ist dies der Fall, und es ist großartig. Manch ein Wald wird zur Zeit aus der Nutzung genommen. Je länger die Sägen schweigen, desto größer werden die urwaldähnlichen Merkmale, je größer die natürliche Gesundung der Flora und Fauna. Viele meiner Ziele die ich für dieses Waldprojekt besuchen werde, sind solche Wälder. Die Urwälder von „übermorgen“. Bis zum jetzigen Zeitpunkt ist dieser kleine Flecken hier in Kroatien mein Lieblingswald. Ich freue mich, dass ich seinen Zauber entdecken durfte. Gleichzeitig bin ich aber auch traurig, wie wenig solcher magischer Orte in unserer modernen Welt noch existieren.

Wo einst Winnetou den Heldentod starb 16.10.09

Eine Woche ist seit meinem letzten Eintrag vergangen. Ich bin zurück an den Plitvicer Seen.

Plitvicer Seen  2626

Am deutlichsten bemerkbar macht sich die Veränderung zur letzten Woche in den inzwischen frostigen Temperaturen. Bei bis zu sommerlichen 24 Grad war die Arbeit neulich locker in kurzen Hosen zu bewältigen. Nun ist eine der ersten Handlungen wenn ich morgens kurz vor Sechs aus dem Bett falle, in warme Unterhosen zu schlüpfen und alles dreifach anzuziehen.

Plitvicer Seen  2625

Der Nachtfrost brachte ein bisschen bräunliche Farbtöne in die Buchenwälder, von einer Symphonie oder gar einem Farbenrausch sind wir aber nach wie vor weit entfernt. Der wird dieses Jahr auch ausbleiben, davon bin ich inzwischen überzeugt. An den Stellen, wo oft Winde wehen, liegen inzwischen zu viele Blätter vertrocknet und erfroren am Boden. Erstaunlicherweise ist innerhalb des Waldes fast noch keine Färbung eingetreten. Da heißt es das Beste draus machen. Es ist ja nicht so, dass deshalb keine schönen Bilder möglich sind. Vorgestern war so ein Moment wie ich es mir wünsche. Zwischen vereinzelten Sonnenphasen zogen immer wieder kurze Schneeschauer über die Landschaft. Ich befand mich zu dem Zeitpunkt am Ende der Seen, wo sich das Wasser im Fluss Korana seinen Weg durch einen schönen Canyon bahnt. Die Schneewolken standen wie ein riesiger Aufhellschirm über dem Canyon, während hinter mir der inzwischen wieder freie Himmel helles Licht aussandte. So wurde mein Motiv perfekt gleichmäßig und ohne große störende Kontraste ausgeleuchtet.

Plitvicer Seen  2623

Während meiner Ausbildung, als ich im Studio lernte technische Geräte zu fotografieren, haben wir die Methode mit dem indirekten, weichen Licht auch oft angewendet. Nur waren dort die Aufheller keine Wolkenberge sondern kleine Pappen oder Styroporplatten. Das Prinzip ist aber dasselbe. Auch wenn die Wetterverhältnisse nicht immer perfekt sind (wo sind sie das schon?) bin ich nach wie vor von dieser großartigen Landschaft begeistert. Übrigens haben die meisten von uns schon mal einen Blick auf dieses Naturparadies geworfen. Wer kennt sie nicht, die Abenteuerfilme schlechthin aus unserer Kindheit. Der Schatz im Silbersee wurde hier versenkt und Winnetou durfte in den Felsen der Karstlandschaft zum Blutsbruder von Old Shatterhand werden. Die Szene, als der größte aller Indianer erschossen wurde, hat bei mir ein regelrechtes Trauma ausgelöst. Auch in späteren Zeiten in meiner Jugend hab ich immer weggeschaut als es passierte. Überhaupt war nur eine Filmszene für mich noch schlimmer zu ertragen. Nämlich als der blöde Soldat in Kevin Costners „Der mit dem Wolf tanzt“ völlig sinnfrei den Wolf erschoss. Ich hab Rotz und Wasser geheult, und für mich war klar, dass ich immer auf der Seite der Wölfe stehen werde. Zurück zum Nationalpark.

Plitvicer Seen  2624

Der hat zwar die berühmten Seen und Wasserfälle, ist aber in allererster Linie ein riesiger naturnaher Wald. Irgendwo zwischen den bis zu tausend Meter hohen Bergen befindet sich das Totalreservat Corkova Uvala. Es ist ein Überbleibsel echten alten Waldes, das ich mir nun etwas näher anschauen werde.

Die Nadel im Heuhaufen 20.09.2009

Der Finne und die Finnin haben es gut. Sie leben in einem ziemlich großen Land und sind selbst in ihrer Anzahl recht überschaubar was zumindest rein rechnerisch jedem sehr viel Platz zum Leben bietet. Es gibt einige Gründe auf die Finnen ein bisschen neidisch zu sein. Das Land besteht nämlich fast ausschließlich aus Seen, Flüssen, Mooren und vor allem aus endlosen Wäldern. Das Blockhaus am See mit einer Sauna, die mit dem Holz aus dem eigenen Wäldchen beheizt wird ist hier eher Alltag als Ausnahme, zumindest für die Landbevölkerung. Die gute Nachricht für den Urwaldfotografen lautet, dass es in Finnland im Vergleich zu Mitteleuropa noch relativ viel Naturwald gibt, besonders oberhalb des Polarkreises in Lappland.

Laamasenvaara 19-09  1707

Schaut man sich eine Straßenkarte an, fallen einem neben den recht überschaubaren Hauptstraßen sofort die unzähligen kleinen, schwarz gezeichneten Abzweigungen auf, die sich wie ein Geäst verzweigen und meist irgendwo als Sackgasse enden. Diese Pisten tragen wohl erheblich zum finnischen Lebensstandard bei, denn es sind Forststraßen über die der staatliche Konzern Metsähallitus seine Trucks rollen lässt, die den Wald zu den Sägereien transportieren. Das ist die unschöne Seite wenn man mal gelernt hat, Forstwald von Naturwald zu unterscheiden. Dort wo alle Bäume gleichgroß sind, eng aneinander gedrängt stehen und meist eine gewisse Größe nicht überschritten haben, ist der Wald eine Plantage. Auf meiner Suche nach unberührter Wildnis fahre ich zumeist an solchen Wäldern vorbei. Was das Gesamtbild wieder rettet sind die Moore und Seen, die der Landschaft nach wie vor diesen wilden weiten Charakter verleihen und so faszinierend machen. Immer wieder blicke ich auf die Straßenkarte, um ja keine Abzweigung zu verpassen. Ich bin auf der Suche nach einem Gebiet das Laamasenvaara heißt (das ist noch ein recht einfach auszusprechender Name, Finnen lieben lange Wörter). Greenpeace hat vor einigen Jahren eine Liste angefertigt auf der alle schützenswerten Waldgebiete aufgelistet wurden. Seither wird hart mit Metsähallitus um jeden Baum gerungen. Nach wie vor sind auch Urwälder, obwohl es nur noch so wenige davon gibt, im Visier der Forstleute, bringen sie doch zumindest kurzfristig einen großen Gewinn. Von einer einstigen Urwaldwildnis von 20 Millionen Hektar sind heute nur noch 5 % unangetastet.  In Laamasenvaara hatten die Umweltschützer Erfolg. Hier müssen die Kettensägen schweigen, das Gebiet wurde aus der Nutzung genommen.

Laamasenvaara 19-09  1708

Doch selbst als ich praktisch davorstehe brauche ich einige Zeit um mir klar zu werden, dass ich tatsächlich da bin. Mein Kollege Oliver Salge, der bei Greenpeace Deutschland die Waldkampagne leitet und auch immer wieder in Finnland tätig ist hat mich schon darauf hingewiesen, dass die unberührten Gebiete  zwar ungeheuer artenreich und wunderschön, aber nicht unbedingt sehr groß sind. Auch hier ist es nur ein schmaler Streifen Wald, der eingezwängt zwischen Rodungsflächen ein kleines Moorgebiet einfasst, keine zwei Kilometer lang und noch weniger breit. Dieses Gefühl der unbedeutenden Größe ist genau in dem Moment verschwunden, indem man den Wald betritt. Sofort ist man in einer anderen Welt. Größe ist relativ, ich lasse mich treiben.

Nadel im Heuhaufen  1711

Der Boden unter meinen Füßen ist ein weich gepolstertes Bett aus Moosen und Flechten. In etwas trockeneren Gebieten wachsen rote, schwarze und blaue Beeren zwischen den Bäumen, eine der Hauptnahrungsmittel der Bären. Pilze aller Arten und Größen fühlen sich auf dem feuchten Grund sehr wohl, ebenso auf abgestorbenen Bäumen.

Nadel im Heuhaufen  1710

Immergrüne Kiefern und Fichten sind die Hauptbaumarten, immer wieder aufgelockert durch weißstämmige Birken, die ihre Blätter bereits im goldenen Kleid des Herbstes tragen. Es ist bereits Ende September, eigentlich müssten auch die Bodendeckerpflanzen bereits in voller Farbenpracht strahlen, doch der Indian Summer ist dieses Jahr sehr zurückhaltend. Wohl weil es ein recht trockener Sommer war und wirklich kalte Nächte, die den Farbenwechsel beschleunigen bisher ausgeblieben sind. Am Anfang ist es immer recht schwierig für mich, im Wald Motive zu erkennen. Das pure Durcheinander an Strukturen macht die Fotografie von Wäldern recht anspruchsvoll. Doch mit der Zeit tauchen sie auf, erst vor meinem inneren Auge, dann auf der Festplatte der Kamera.

Nadel im Heuhaufen  1712

Auch wenn es verglichen mit den vom Menschen gemachten Waldgebieten tatsächlich nur vereinzelte Nadeln im Heuhaufen sind, lohnt es sich um jeden Quadratmeter Urwald in Europa zu kämpfen. Sie sind das natürliche Erbe, das wir zukünftigen Generationen bereiten.

Wildview läuft unter Wordpress 2.8.6
Anpassung und Design: Gabis Wordpress-Templates