Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: Urwald

Auf nach Norden….. 24.09.2010

Die fotofreie Sommerpause ist vorbei. Die vergangenen Wochen habe ich ausführlich genutzt, um den neuen Vortrag und die anstehende Tournee vorzubereiten. Nun freue ich mich auf die finale Reise, welche das Projekt „Europas wilde Wälder“ komplettieren soll. Zusammen mit meiner Lebensgefährtin Elfriede machen wir uns in unserem zum Schlafwagen umgebauten Transporter auf nach Skandinavien. Erstes Reiseziel ist die dänische Nordseeküste. Wir besuchen für einen Abend Freunde, die gerade dort urlauben. Abgesehen von den großartigen Küstendünen und dem erfrischenden Bad in den tosenden Wogen bleibt uns die Faszination des Landes Dänemark weitgehend verschlossen. Na ja, es ist vielleicht etwas unfair so zu pauschalisieren. Bei der Durchquerung haben wir ja nur den Autobahnblickwinkel drauf und da ist Deutschland auch nicht schöner. Auf jeden Fall ist mir persönlich Dänemark zu flach. Als uns die Fähre nach dreistündiger Überfahrt im Süden Norwegens wieder ausspuckt, offenbart sich uns gleich ein ganz anderes Bild. Hier ist nichts flach. Man merkt sofort, dass hier viel Land auf wenig Bewohner trifft. Wir fahren vorbei an großen Landwirtschaftsflächen mit ihren typischen rotbraunen Ökonomiegebäuden. Fast überall erheben sich im Hintergrund bewaldete Hügel und Berge. Große Seen und Flüsse geben der Landschaft selbst in dicht besiedelten Gebieten einen reizvollen Charakter. Wir passieren die ehemalige Olympiastadt Lillehammer und nähern uns dem ersten für das Projekt relevanten Reiseziel.

Es ist der Ormtjernkampen Nationalpark in der Provinz Oppland, der in erster Linie alten Wald schützen soll. Zuerst hielt ich es für einen Schreibfehler als ich bei meiner Recherche gelesen habe, dass das Gebiet nur 8,5 qkm groß sei. Doch sehr schnell wird klar dass auch in einem so dünn besiedelten Land wie Norwegen richtige Urwälder ein seltenes Gut geworden sind. Jahrtausende der Nutzung haben besonders in den Tal-Lagen, dort wo die kräftigen Bäume wachsen, Urwälder in Forste verwandelt. Wir fahren über enge Serpentinen hinauf auf eine Hochebene und befinden uns plötzlich in einer anderen Welt. Das landwirtschaftlich geprägte Kulturland der Täler liegt hinter uns. Hier oben scheint sich die Natur noch frei entfalten zu dürfen. Weitläufige Moore und bewaldete Hügel, sogenannte Fjells, dominieren das Bild. Wir passieren einzelne Häuser, deren Dächer oftmals mit dichtem Gras bewachsen sind. Es ist zauberhaft. Der Nationalpark selbst besteht aus einem einzelnen Fjell, dem 1.100 Meter hohen Ormtjernkampen. Es fällt gar nicht auf, dass der Park so klein ist. Die den Berg umgebene Moor- und Flusslandschaft ist so wunderschön und ursprünglich, dass das Gebiet keinen Inselcharakter besitzt. Es ist Spätsommer, vereinzelte Blätter der Birken zeigen erste gelbe Farbtupfer. Die zahlreichen Bodendecker – allen voran die Heide- und Preiselbeeren tragen jedoch noch sommerliches Grün. Der Farbenrausch hat noch nicht begonnen. Die Zahl der Moskitos ist durch sinkende Temperaturen schon deutlich zurückgegangen. Besonders die abendlichen Fototouren werden dadurch stark erleichtert. Jede Wanderung ist für mich ein sinnlicher Genuss.

Wir stehen morgens um fünf Uhr auf den Gipfel des Ormtjernkampen und warten auf den Sonnenaufgang. Der Blick fällt auf das umgebende Land. In den zahlreichen Flüssen, Mooren und Tümpeln spiegeln sich die ersten zarten Farbtupfer des Morgenrotes. Gewaltige Wolkenberge zeigen von dramatisch dunkel bis hellrosa sämtliche Nuancen. Am Horizont sehen wir wie sich schwere Gewitter über den weit entfernten Bergen entladen. Die Sonne schafft es, zumindest für ein paar Sekunden, ihre Strahlen durch kleine Wolkenlücken zu schicken. Für wenige Augenblicke ist die Welt in eine goldene Schicht getaucht. In diesen Momenten möchte ich mit der Kamera am liebsten überall gleichzeitig sein. Ich muss aufpassen, dass ich nicht zu hektisch in der Gegend rumrenne. Wichtig ist es, die Essenz der Landschaft in dieser kurzen Zeit auf den Chip zu bannen. Da man aber im Vorfeld oft nicht genau sagen kann, wie sich die Aufnahmesituation entwickelt und wo genau das schöne Licht auch auftreffen wird, bleibt es bis zuletzt spannend und eine „schnelle“ Angelegenheit. Als wir um halbneun Uhr wieder am Auto ankommen, haben wir schon eine fünfstündige Tour hinter uns. Wir freuen uns darauf, nochmals für einige Zeit die Augen zu schließen um für kommende Touren Kraft zu tanken. Während an den Hängen des Ormtjernkampen fast ausschließlich Fichten und krumm-ästige Birken wachsen, entdecken wir andernorts jahrhunderte alte Kiefern die auf den für Skandinavien so typischen mit Granitbrocken überhäuften Böden wachsen.

Egal in welcher Vegetation wir uns befinden, es sind die mit Moosen, Flechten und Beeren überzogenen Böden, die mich immer wieder aufs Neue begeistern. Zum absoluten fotografischen Triumph wird der kommende Morgen. Als wir uns um fünf Uhr in der Früh in die klammen Hosen zwängen, blicken wir in einen fast sternenklaren Nachthimmel. Ich habe am Vortag das Ufer des Sees als Fotoziel ausgesucht, an dessen gegenüberliegendem Ufer sich die Wälder an den Hängen des Berges hinaufziehen. Es ist fast nahezu windstill. Durch die kühle, wolkenlose Nachtluft liegt eine zarter Nebelschleier über dem Wasser. Kaum ein Geräusch durchdringt diese natürliche Stille. Keine Kondenzstreifen von Flugzeugen zerstören die perfekte Schönheit dieses Tagesanbruchs.

Ich bin wie im Rausch. Wer braucht schon Drogen oder Alkohol um High zu sein… Für mich ist dieser Moment, wenn Licht auf Wolken, Nebel, Berge und Wälder trifft, Aufputschmittel genug. Wenn sich die Farben im Sekundentakt ändern und ein Motiv dadurch ständig neu erfunden wird, ist dies pures Adrenalin. Fast zwei Stunden dauert es bis sich die Nebelschwaden völlig aufgelöst und die Sonne mit ihrer vollen Kraft die Magie des Augenblicks beendet hat.

Zurück bleibt die Erinnerung an ein unwiederbringliches Erlebnis, welches nur die Natur zu bieten hat. Jeder Moment in der Wildnis ist einzigartig. Ist man empfänglich für die Farben, die Gerüche, den Wind, die Temperaturen und die Vielfalt an Pflanzen und Tieren, so ist jede Wanderung in die Natur eine Sinnesreise, die unser Leben unheimlich bereichern kann. Ein Morgen wie dieser ist auch für Nichtfotografen zu empfehlen. Als wir den Ormtjernkampen Nationalpark verlassen, erfahren wir noch, dass das Schutzgebiet auf über 1300 qkm erweitert werden soll um so die Schönheit der Fjellandschaft zu erhalten. Eine gute Nachricht für eine traumhafte Gegend. Etwas weiter im Nordosten, direkt an der Landesgrenze zu Schweden liegt der Gutuila Nationalpark der nur unwesendlich größer ist als unser letztes Reiseziel. Auch hier ist es ein mit jahrhunderte alten Fichten und Kiefern bewachsener Fjell der den Schutzstatus zum Einsatz brachte. Die wunderbare norwegische Landschaft verwandelt schon die Fahrt zum Park in ein Erlebnis. Wir passieren unzählige Moore und Seen, in denen sich die Silhouetten der Bäume spiegeln.

Plötzlich sehen wir eine Gruppe Rentiere, die frei durch die Wälder ziehen. Ob es sich hierbei um wirkliche Wildtiere handelt oder freilaufende Zuchttiere kann ich nicht sagen. Auf jeden Fall verschwinde ich für über eine Stunde mit ihnen im Wald, bevor sie sich endgültig zu weit vom wartenden Auto entfernen. Mit genügend Abstand verlieren die Tiere irgendwann etwas Scheu und es entsteht der eine oder andere interessante Fotomoment. Mit dem letzen Licht erreichen wir den Gutuila Nationalpark. Der Parkplatz liegt direkt an einem See mit Blick über eine ursprüngliche Wald- und Berglandschaft. Es gelingen noch einige schöne Stimmungsaufnahmen im warmen Abendlicht.

Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, das dies für uns die einzigen Fotos aus dieser Gegend bleiben sollten. Kaum haben wir die Siebensachen für die Sonnenaufgangstour gepackt und uns in die Schlafsäcke verkrochen, platschten die ersten Regentropfen auf unser Blechdach. Es sollen für viele Tage die letzen Sonnenstrahlen in dieser Region Skandinaviens gewesen sein. Diese Aussicht hat uns dazu veranlasst, dem Licht zu folgen und weiter gen Norden zu reisen.

Flussläufe 20.06.2010

Als mir Sergey eine dicke, gefütterte, russische Polizeijacke in die Hand drückt, werde ich zuerst stutzig. Schließlich ist es Sommer und das Thermometer hat in den vergangenen Tagen die zwanzig Grad Marke des Öfteren deutlich übertreten. Als wir später auf dem offenen Motorboot sitzen und uns der eisige Fahrtwind um die Ohren bläst, bin ich mehr als dankbar über diese zusätzliche Wärmequelle. Unsere Fortbewegungsmittel sind zwei schlanke längliche Holzboote, mit wenig Tiefgang. Über weit ausholende Schleifen folgen wir über zwei Stunden dem Verlauf des Piejora Flusses.

Er ist der drittgrößte Strom im russischen Teil Europas dessen Wasser seine lange Reise im arktischen Ozean beendet. In der kleinen Ortschaft Kyrta nehmen wir Nikolay an Bord, einen Ranger, der für den Nationalpark arbeitet. Kyrta ist ein typisches Komi Dorf, bestehend aus Holzhäusern, die mit der Plattenbauweise sowietischer Einheitsbauten gar nicht vergleichbar sind. Alles wirkt recht baufällig. Strommasten sind umgeknickt, Häuser sind verlassen und alter Industrieschrott säumt das Flussufer. Heute leben hier nur noch vierzig Menschen. Die meisten haben deutlich mehr als sechzig Winter erlebt. Die Jungen sind in die Städte abgewandert. Seitdem die Kohlemine im Jahr 1957 geschlossen wurde und es für die Menschen keine berufliche Perspektive mehr gibt stirbt das Dorf langsam aus. Nikolay ist mit seiner Frau aus Weißrussland hier nach Komi gezogen, nachdem das Atomunglück von Tschernobyl seine Heimat verstrahlt hat. Neben Nikolay helfen uns Oleg und Alexey bei der Durchführung dieser Reise. Später kämpft sich unser Boot gegen die Strömung des Schugor Flusses. Seinen Verlauf wollen wir die kommenden Tage erkunden.

Wir passieren die Hütte eines Rangers der dafür sorgt, dass sich nur Boote ins Wildnisgebiet bewegen, die eine offizielle Erlaubnis besitzen. Danach folgen wir der Wasserstraße hinein in dieses riesige Naturgebiet. Schwere Wolken ziehen über den Himmel. Regen fällt glücklicherweise keiner. Außer unserer Kleidung und einer Plastikplane hätten wir auch keinen richtigen Schutz gegen das Wasser. Wäre dieses Gebiet touristisch erschlossen (wohl in jedem anderen Land in Europa eine Selbstverständlichkeit), so ließen sich vier „Attraktionen“ herausheben, die man während des Flusslaufes im flachen Land passiert. An insgesamt drei Stellen erheben sich interessante geologische Formationen, dessen Gestein die Kraft des Wassers im Laufe der Jahrmillionen durchbrochen hat. Diese zu beiden Seiten des Ufers aufragenden Felsen werden als Tore bezeichnet. Sie geben mir die Möglichkeit die ansonsten flache Landschaft ein wenig aus anderer Perspektive zu betrachten. Immer wenn wir anlanden und der Fahrtwind abflaut, kommt es nach wenigen Sekunden zu Begegnungen, die einen ansonsten wunderschönen Wildnisbesuch recht anstrengend machen. Es sind sofort dutzende Moskitos die um einen herumschwirren und gnadenlos nach der Lücke im Kleidungswerk suchen, wo sie ihren Stachel eintauchen können. Nach Regenfällen und an heißen Tagen scheinen sie besonders blutgierig und es fordert eine gewisse Disziplin, diese Gesellen zu ertragen. In der Woche auf dem Fluß habe ich eine komplette Flasche Moskitomittel auf meinem nicht gerade mit fülliger Haarpracht gesegnetem Kopf verteilt.

Bei jedem Spaziergang in den Wald, der unmittelbar nach dem Ufer beginnt, entdecke ich eine Vielzahl von Blumen und Pflanzen die im Moment in voller Blüte stehen. Wir haben genau die richtige Jahreszeit erwischt. Ein paar Wochen früher und hier wäre alles noch wintergrau gewesen. So ziehe ich mir des Öfteren Handschuhe über, stülpe ein Moskitonetz über den Kopf und tauche für lange Zeit hinunter auf die Ebene des Waldbodens, um diese Pracht zu fotografieren. Es ist ein ständiges Gesumme und Gewimmel um mich herum. Ich versuche es so gut es geht zu ignorieren. Das gelingt mir nicht immer, besonders wenn ständig Moskitos vor der Linse herumtanzen und so die Arbeit weiter erschweren. Ich freue mich über jeden Windhauch der die Moskitos für kurze Zeit in ihre Schranken weist. Dummerweise ist Wind genau das was man am wenigsten gebrauchen kann, wenn man mit dem Makroobjektiv auf einer Wiese liegt und versucht eine Blüte zu fotografieren. Na ja, wenn es einfach wäre, könnte es jeder…… Der Wald begeistert mich immer wieder aufs Neue. Es ist ein typischer nördlicher Mischwald bestehend aus Birken und Fichten.

Die Bäume sind nicht sonderlich groß, was dem rauhen Klima zu Schulden ist. Aber die Wälder sind alt. Das sieht man an den langen Flechten, die überall an den Zweigen herunterhängen. Ich sehe großflächige Flechtenarten, die mir bisher völlig unbekannt waren. Das massive Vorkommen dieser Vegetation ist immer auch ein Indikator für absolut reine Luft. Ich bin immer wieder begeistert über den Anblick des Himmels. An vielen Tagen ziehen gewaltige weiße Quellwolken über uns hinweg, die vor einem tiefblauen völlig dunstfreien Hintergrund stehen. Was für ein Licht. Immer wenn ich mich für längere Zeit in unberührter Natur bewege komme ich automatisch ins Grübeln. Durch den Kontrast zwischen der Schönheit und Reinheit der Natur auf der einen und der destruktiven Lebensweise von uns Menschen auf der anderen Seite, frage ich mich, wie wir als eigentlich vernunftbegabte Wesen die Verbindung zu unseren Ursprüngen so stark verlieren konnten. In Kanada pressen wir Öl aus Sand mit verheerenden Folgen für ganze Landstriche. In den USA sprengen wir Bergspitzen ganzer Gebirge weg, um die fossile Kohle erneut verbrennen zu können. Weltweit zerstören wir Tropenwälder – Schwerpunkte der Artenvielfalt, um dort Monokulturen zu pflanzen, die wenige Menschen sehr reich aber ganz Viele sehr arm machen. Wir durchpflügen unsere Meere mit hunderten Kilometer breiten Schleppnetzen und es scheint uns leidlich egal zu sein, dass in vier Jahrzehnten nichts mehr da sein wird, was wir ausbeuten können, wenn wir so weiter machen wie bisher. Wir experimentieren mit Chemikalien, dessen Gifte heute in den entlegensten Orten unseres Planeten im Organismus von Eisbären nachzuweisen sind. Kaum mehr als vier Prozent der Erde sind vom Menschen völlig unberührt. Weniger als zwei Prozent des Süßwassers sind bei uns noch völlig rein. Kein Ort der Welt scheint weit genug entfernt zu sein, um nicht ins Visier eines multinationalen Konzerns zu geraten. Unsere Gier nach immer mehr, lässt uns mit großer Geschwindigkeit den Ast auf dem wir sitzen durchsägen. Wir haben unsere Heimat durch unsere maßlose Art kurz vor den Kollaps gebracht. Schon heute verbrauchen wir wesentlich mehr an Rohstoffen, als der Planet in der Lage ist zu reproduzieren. Wir leben seit Mitte der achziger Jahre auf Kosten unserer Nachkommen. Da wir uns munter weiter vermehren und immer mehr Menschen (verständlicherweise) am falsch gepolten Wohlstand teilhaben wollen, sind wir dabei mit offenen Augen in die Katastrophe zu rennen.

Mit jeder Reise die ich mache, mit jedem Eindruck den ich das Privileg habe zu erleben, fällt es mir schwerer diese Unvernunft zu akzeptieren. Besonders in Momenten in denen sich mir die Perfektion der Schöpfung so präsentiert wie hier auf dem Schugor Fluß. Am intensivsten ist meine Nacht im Gebirge. Ich entdecke einen Berg von dem ich mir schöne Ausblicke erhoffe und lasse mich an dessen Fuße an Land bringen. Während der Rest der Gruppe das Lager in Flussnähe aufschlägt packe ich etwas zu Essen und meinen Schlafsack in den Rucksack und mache mich an den Aufstieg zum Gipfel. Es ist ein warmer Tag, die Kleidung klebt am Körper und die Moskitos umschwirren mich. Ich bin froh als ich oberhalb der Baumgrenze etwas Wind verspüre, der die Wanderung etwas erträglicher macht. An unübersichtlichen Stellen laufe ich immer laut pfeifend durchs Gelände. Die Chance einen Bären zu verschrecken ist zwar sehr gering, aber durchaus möglich. Da sollte man auf keinen Fall ein Risiko eingehen. Immer wieder überquere ich Geröllfelder, die mit Teppichen aus Moosen und Flechten überzogen sind, in einer Fülle wie ich es bisher so nicht gesehen habe.

Der höchste Punkt des Bergzuges besteht aus einer skurrilen Formation gesplitterten höchst fotogenen Gesteins von wo man einen perfekten Rundblick auf die Berge des Urals und die tiefer gelegene Taiga hat, durch deren Wälder sich die vielen Wasserwege schlängeln. Auch wenn ich wenige Tage zuvor die Landschaft aus dem Hubschrauber gesehen habe ist es etwas ganz anderes auf einem Gipfel zu stehen und das Erlebte auch körperlich zu spüren. Ein wunderbares Gefühl. Unter mir schlängelt sich der Schugor zwischen zwei Bergen hindurch. Dahinter erstrecken sich Moore und Wälder weit über den Punkt hinaus an dem einem die Erdkrümmung den Blick verwehrt. Ganz langsam wandert die Abendsonne über den Horizont. Richtig verschwinden tut sie erst um kurz vor elf Uhr in der Nacht. Richtig dunkel wird es nicht. Wir haben Sommer. Es herrscht die „weiße Nacht“. Schon zweieinhalb Stunden später gegen halb Zwei wird die glühende Kugel wieder am Horizont auftauchen. Am Abend ziehen mehr Wolken auf als ich erwartet habe. Ich nutze das letzte Licht der Sonne zum Fotografieren und lege mich dann in meinen Schlafsack. Da ich dummerweise keinen Wecker dabei habe muss ich mich unbedingt wach halten, möchte ich den Sonnenaufgang nicht verschlafen. Ich sehe bedrohliche Wolkenberge, die sich im blauen Licht der Halbnacht über mir aufbauen. Glücklicherweise bleibt es trocken und der Osten ist weit weniger bewölkt als die restlichen Himmelsrichtungen. Nur eine dünne Wolkenschicht hindert die Sonne daran, beim Aufgang ihre volle Kraft zu entfalten. So taucht sie für einige Minuten die Landschaft in tiefes Rot was zu faszinierenden Aufnahmen führt.

Besonders die kleinen Organismen die überall auf dem Gestein wachsen bilden faszinierende Mikrowelten und interessante Motive. Irgendwann findet die Sonne auch eine Lücke in der Wolkenwand und lässt die endlose Weite von Europas größter geschützter Wildnis für wenige Augenblicke in goldenes Licht erstrahlen. In solchen Momenten empfinde ich nur noch große Demut vor der Vollkommenheit der Schöpfung und bin dankbar, dass ich diese Schönheit so intensiv erleben darf.

Abgehoben 16.06.2010

Eine Reise nach Russland ist immer etwas Besonderes. Zum einem ist die Größe des Landes mit keiner anderen Region auf der Welt zu vergleichen – schon gar nicht innerhalb Europas. Zum Anderen sind wir in unserer Jugend mit einem eisernen Vorhang aufgewachsen, welcher uns Jahrzehnte impliziert hat dahinter lebe der böse Feind. Im Rahmen meiner Greenpeace Tätigkeit ist dies nun meine dritte Reise in ein Land das wohl für viele Menschen aufgrund der politischen Altlasten bis heute weitestgehend unbekanntes Territorium ist. Für mich war bisher jede Reise ein spannendes Abenteuer bei dem ich unglaubliche Landschaften kennenlernen durfte.

Zudem kam ich immer  mit der Erkenntnis nach Hause, dass die Menschen auf der anderen Seite der politischen Glaubensgrenze eben auch nur Menschen sind. Mein erstes Ziel war das Greenpeace Büro in Moskau. Die Kollegen vor Ort haben die kommende Reise für mich organisiert. In der russischen Hauptstadt prallen Moderne und Vergangenheit mit voller Wucht aufeinander. Die riesigen und in großer Anzahl an den Straßenrändern aufgestellten Werbetafeln versprechen eine farbenfrohe Konsumwelt und zeigen, dass auch die Russen den Verheißungen des Kapitalismus erlegen sind. So reihen sich viele westliche Luxusschlitten in die meist dreispurigen Staus der Millionenmetropole nahtlos ein. Es gibt zahlreiche Gewinner die aus der Öffnung der Märkte und der Privatisierung ehemaligen „Allgemeingutes“ durchaus profitiert haben. Freilich nicht die breite Masse der Bevölkerung welches sich auch im Zustand des Großteiles der Gebäude wiederspiegelt. Viele Bauwerke sind schon zu Soviet-Zeiten farblos gewesen und erscheinen heute als dringend renovierbedürftig.

Beeindruckend ist eine Fahrt mit der Moskauer U-Bahn. Ich schleppe über 50 kg Gepäck mit mir herum und bin froh endlich im Abteil zu sitzen. Die Rolltreppe, welche die Menschenmassen in die Unterwelt zur Bahn transportiert, wirkt endlos. Man hat die Bahn wirklich tief in die Erde gegraben. Alle Stationen die ich kennen lernen durfte gleichen eher Museen als Bahnsteigen. Riesige Bilder und Mosaiken legen Zeugnis ab von einer vergangenen Zeit die mit der heutigen marktorientierten Gesellschaft wohl nicht mehr viel gemeinsam hat. Von außen ist das Greenpeace Büro nicht als solches zu erkennen. Ich passiere eine Sicherheitskontrolle und betrete die Büroräume. An die fünfzig Personen arbeiten hier und geben ihr Bestes, dass die Naturschätze dieses Riesenlandes nicht gänzlich dem kurzfristigen Gewinn des Marktes geopfert werden, sondern für kommende Generationen erhalten bleiben. Ich lerne Anna und Sergey kennen, die mich in den nächsten zwei Wochen begleiten wollen. Unser Ziel ist die Provinz Komi am östlichen Ende des Europäischen Kontinents. Komi ist ungefähr so groß wie Frankreich, es leben dort aber nur ca. eine Millionen Menschen. Von Sergey erfahre ich, dass die Finnen hier in Komi ihre Wurzeln haben. Nach einem zweieinhalbstündigen Flug (fast solange wie der von Deutschland nach Moskau) landen wir in Uchta, der Stadt die unserem Ziel am nächsten liegt welches man mit dem Flugzeug erreichen kann. Nahe der Busstation quartieren wir uns ein.

Auch das Hotel ist nicht unbedingt sofort als solches zu erkennen. Da die Russen neben der anderen Sprache auch eine andere Schrift benutzen, ist eine Orientierung für mich sowieso sehr schwierig. Beim Einchecken wird man oftmals noch an alte Sovietzeiten erinnert. Denn als Ausländer muss man sich eigentlich an jeder Station der Reise bei den Behörden registrieren lassen. Früher wäre ein Herumreisen als Westler in diesem Land schlicht unmöglich gewesen. Auch heute ist es nicht ganz einfach und ich bin froh, dass meine Kollegen das eine und andere Mal die Formalitäten für mich erledigen oder die Menschen dazu bewegen ein Auge zuzudrücken, zumal es sich nur um einen kurzen Transitstop handelt. Später betreten wir dann ein Restaurant in dem die Gäste mit Dauerbeschallung durch Musikfernsehen berieselt werden. So erfahre ich, dass man den Siegersong von unserer Eurovision Song Contest Gewinnerin Lena als Handy Klingelton erwerben kann. Auch sonst weisen die gezeigten Beiträge auf eine gänzliche Annäherung der zwei einstmals verfeindeten Systeme zumindest im kulturellen Bereich hin. Am kommenden Morgen geht die Reise im Überlandbus weiter. Vier Stunden fahren wir auf teils unbefestigten Straßen gen Osten. Wir passieren endlose Baumreihen und sumpfige Freiflächen.

Geografisch liegt unser Ziel, die kleine Stadt Vuktyl auf der Höhe von Mittelfinnland, ca 300 km unterhalb des Polarkreises. 15000 Menschen leben hier in einer typischen sovietischen Trabantenstadt. Solche Städte gibt es in Russland viele, da sich eigentlich überall irgendein Rohstoff aus der Erde pressen lässt. Heute ist die Stadt ganz in der Hand von „Gasprom“. Der Gaskonzern scheint die einzige Quelle zu sein, die diese Gemeinde am Leben hält. Ansonsten ist hier nicht viel geboten. Es gibt weder ein Kino noch sonstige reichhaltige Abwechslung. Aber es gibt hier Natur im Überfluss. Nicht weit von Vuktyl erheben sich die Berge des Ural, welche die geografische Grenze zwischen dem europäischen Teil des Landes und dem weit größeren asiatischen Teil bilden. Fast drei Millionen Hektar (!!) Wildnis sind hier von der UNESCO als Weltnaturerbe ausgezeichnet und unter Schutz gestellt worden. Der „Komi Virgin Forest“ ist das größte Naturschutzgebiet in Europa. Er beherbergt Urwälder von einer Größenordnung wie sie in keinem anderen Teil unseres Kontinents mehr vorkommen.

Mit großer Vorfreude betrete ich das Büro der Nationalparksleiterin Tatiana Fomicheva. Von Andrey, der bei Greenpeace für die Ausweisung von Weltnaturerbestätten zuständig ist, weiß ich von seiner Bekanntschaft mit der Dame. Die Zwei haben im Prozess den Komi Wald unter Schutz zu stellen eng zusammen gearbeitet. Als Dankeschön möchte uns Frau Fomicheva gerne helfen. Ich verstehe zwar nichts von dem was dort im Büro verhandelt wird, doch anhand der ausgelassenen Stimmung erahne ich einen positiven Verlauf. Meine Hoffnungen werden sogar übertroffen als mir Anna mitteilt, dass wir zu einem Hubschrauberflug eingeladen sind. Damit geht ein Traum für mich in Erfüllung. Ich habe mir sehr gewünscht innerhalb dieses Projektes über die „Wilden Wälder Europas“ , einmal die Luftperspektive zu bekommen. Jetzt sollte es sogar beim größten Urwald des Kontinents klappen. Für die Zeit nach dem Flug wird eine Flußexpedition für uns geplant, die uns weit in die Berge des Ural bringen soll. Wow. Nach zwei Tagen zähem Warten bringt man uns zum ehemaligen Flugplatz der Stadt. Heute wird das Flugfeld nur noch von den Hubschraubern des „Gasprom“ Konzerns benutzt und ich bin gar nicht überrascht als auch wir wenig später in einen Transporthubschrauber des Energieriesen steigen.

Am frühen Morgen hab ich nochmals schwer gezittert. Dicke Wolken und Dauerregen lassen das ganze Vorhaben sehr fraglich erscheinen. Gegen zehn Uhr gab es dann Entwarnung und wir bekommen unsere Starterlaubnis. Die Wolken beginnen sich aufzulockern und entlassen nur noch partielle Schauer auf die Erde. Aus fotografischer Sicht hätte mir überhaupt nichts Besseres passieren können. Auch bei Luftaufnahmen gibt es nichts Langweiligeres als blauer Himmel ohne Wolken. So aber fliegen wir hinein in ein regelrechtes Inferno aus Licht, Schatten, Wolken und Regenwänden. Es ist grandios. Die Minuten vergehen „wie im Flug“. Der Hubschrauber folgt dem Verlauf eines der großen Flüsse die ihren Anfang in den Bergen des Ural nehmen. Unter uns nur ungezähmte Wildnis. Es ist ein fantastischer, für Europa fast unwirklicher Anblick, wenn man auf unseren Planeten blickt an Stellen wo er völlig frei von menschlichen Einflüssen ist. Nach ca. einer Stunde landen wir an einem Flussufer und besuchen einen Einsiedler, der seit über dreißig Jahren in einem kleinen Holzhaus in der Weite dieser Wälder lebt. Lange bevor das Gebiet unter Naturschutz gestellt wurde hat er sich hier niedergelassen. Heute erledigt er Aufgaben für den Nationalpark und freut sich über uns unerwartete Gäste. Ich stelle mir vor wie es sein muss hier draußen zu überleben. Die kurzen Sommer sind Moskitoverseucht und die kalten und dunklen Winter endlos. Bei aller Liebe zur Natur möchte ich nicht mit ihm tauschen. Die Einsamkeit würde mich wohl zermürben, trotz Bären, Elche und Wölfe als Nachbarn.

Unser Flug führt uns weiter über die ersten Ausläufer des Ural. Wir sehen die Baumgrenze nicht weit oberhalb der Flüsse, ein Zeichen, dass wir uns sehr weit im Norden befinden. In den Höhenlagen des bis zu zweitausend Meter hohen Gebirges liegt nach wie vor Schnee. Immer wieder entladen sich regionale Schauer über der Taiga was zu spannenden Lichtverhältnissen und sogar zu Regenbögen führt. Als wir wieder auf dem Flugfeld landen habe ich jegliches Zeitgefühl verloren. Fast drei Stunden sind vergangen und ich bin völlig erschlagen von den wunderbaren Eindrücken die sich uns offenbart haben. Fast tausend Mal habe ich auf den Auslöser gedrückt. Da nur die besten Bilder überleben wartet eine Menge Arbeit am Computer auf mich. Doch zuvor wollen wir uns dem Komi Urwald vom den Wasserstraßen aus nähern.

In der Kapitalismusfalle 10.05.2010

Dies ist die Geschichte von Walter Frank. Ein wahrer Freund des Waldes, der sehr schnell auch mein Freund wurde. Doch der Reihe nach. Mit großer Freude bin ich nach Rumänien gereist. Neben Russland und Lappland einer der drei Schwerpunkte meiner fotografischen Arbeit über „Europas Wilde Wälder“. Es sind die Regionen in denen es noch großflächige Urwaldgebiete geben soll. In den rumänischen Karpaten schätzt man die verbliebene Fläche auf 200 – 300.000 Hektar.

Genau sagen kann das Keiner. Als man die Naturwälder Rumäniens in einer von der EU in Auftrag gegebenen Erhebung erfassen wollte, sind viele Wälder von den Forstämtern einfach unterschlagen worden. Aus Gründen die mein Erfahrungsbericht näher beleuchten wird. Nach drei Tagen Recherche vor Ort treffe ich Walter Frank in Hateg. Hateg ist eine Kleinstadt etwa dreißig Kilometer nördlich des Karpaten Gebirgszuges in Westrumänien. Walter spricht perfektes Deutsch. Er ist Banater-Schwabe, seine Vorfahren sind vor zweihundertfünfzig Jahren aus Deutschland ausgewandert. Nachdem ich ihm erklärt habe, dass ich an rumänischen Urwäldern interessiert sei, führt er mich in ein Restaurant und lädt mich, (!!) zwecks Kennenlernen, zum Essen ein. Am Abend sitzen wir bei ihm im Wohnzimmer und packen Lebensmittel, Zelte, Isomatten und Schlafsäcke in zwei große Trekking-Rucksäcke und besprechen die vor uns liegenden Touren. Walter ist ganz begeistert endlich wieder jemand in den Wald führen zu können, der nicht am kommerziellen Ausverkauf interessiert ist, sondern an der Erhaltung dessen, was er als sein „Lebenswerk“ betrachtet.

Blickt man aus dem Fenster seines Hauses fällt der Blick auf die Wälder der Region „Rusca Montana“ in denen er für lange Jahre als Forstamtsleiter gearbeitet hat. Er zeigt mir seine handgeschriebenen Dokumente in denen jeder einzelne Baumschlag, jede forstbetriebliche Maßnahme akribisch von ihm festgehalten wurde. Von den 15.000 Hektar Wald die seine Gemeinde unmittelbar umgibt waren zur Zeiten des Kommunismus 7000 Hektar als Urwaldreservate streng geschützt. Die restlichen Wälder wurden von Walter im traditionellen naturnahen Forstbetrieb bewirtschaftet. Auch wenn er kaum ein gutes Haar an der Diktatur Ceausescus lässt, der Natur sagt er, ginge es damals besser, als heute unter den „Raubtierkapitalisten“. Am nächsten Morgen bringt uns ein Förster mit dem Jeep tief in die Wälder zu einer Forsthütte. Von hier an beginnt die Wanderung.Wir schnallen die Rucksäcke auf den Rücken und marschieren einen alten Pfad entlang eines Bergbaches. Der Frühling ist auch hier in vollem Gange. Das frische Hellgrün der Buchen ist atemberaubend schön. Dutzende Vogelstimmen dringen an mein Ohr.

Wir sehen Weinbergschnecken, Feuersalamander und Schmetterlinge, die Luft ist erfüllt von unzähligen Insekten. Irgendwann verlassen wir den Weg und steigen einen bewaldeten Bergkamm steil nach oben. Es ist wie das Eintauchen in eine andere Welt.

Neben der dominanten Buche sind es vor allem die jahrhunderte alte Tannen die das Waldbild prägen. Deren dunklere Zweige bilden einen schönen  Kontrast zum frischen Grün der Laubbäume. Stundenlang laufen wir die Kämme entlang. Wir durchqueren Wälder die zum größten Teil noch nie eine Kettensäge oder Axt zu spüren bekommen haben.

Auch Ahorn, Esche, Fichte und wilde Kirsche findet sich in diesem Lebensraum, der mich total verzaubert. Walter ist ein wandelndes Lexikon. Während den Tagen unserer gemeinsamen Entdeckungen erfahre ich viel über die Försterei. Mein bisher negatives Bild dieses Berufstandes wird dadurch etwas verbessert, indem er mir Wissen aus seinem Berufsleben vermittelt. Die Forstwirtschaft wurde vor zweihundert Jahren in Deutschland erfunden. Der Grundgedanke ist dabei ganz klar – die Nachhaltigkeit. Es sollen immer nur soviel Bäume aus dem Wald herausholt werden, wie in einem festzulegenden Zeitraum auch nachwachsen kann. Naturnahe Forstwirtschaft ist vor allem harte Arbeit. Ein Wald der heranwächst muss gepflegt und sein Zustand sollte im besten Fall dem Naturwald so nahe wie möglich gebracht werden. Der „Plenterhieb“ ist eine der Nutzungsformen, die Walter oft anwenden lies. Dabei werden im Wald nur Löcher geschlagen die so groß sind, dass die Samen der umliegenden, stehengelassenen Bäume die Lücken aus eigener Kraft wieder füllen können. So besteht der Wald trotz Nutzung aus Bäumen mit verschiedenen Alterstufen in denen die Kreisläufe des Lebens zum Großteil erhalten bleiben. Am Abend schlagen wir unsere Zelte auf. Wir befinden uns am höchsten Punkt der Region, auf einer Bergwiese. Der Blick über die umliegenden Wälder ist wunderbar und offenbart doch eindeutig das ganze Ausmaß des Dilemmas. Soweit das Auge reicht sehen wir bewaldete Bergzüge. Am Horizont erkenne ich die letzten Schneereste in den Höhenzügen der Karpaten. Walter muss gar nicht groß erwähnen was ganz offensichtlich vor uns liegt. Seitdem die Revolution vor zwanzig Jahren die Menschen von der Diktatur befreit hat, ist der Kapitalismus auch nach Rumänien geschwappt. Ein strukturschwaches, seit Jahrhunderten in kleinbäuerlichen Strukturen lebendes Land wurde mit allen Segnungen und Flüchen, welche die Möglichkeiten ungezügelter Geldmacht mit sich bringt, konfrontiert. Am Zustand des rumänischen Waldes lässt sich die hässliche Seite dieser Lebensstruktur wunderbar auch dem Laien darstellen. Ich blicke auf Wälder die zum großen Teil verändert wurden. Wo vor wenigen Jahren noch lückenlose Naturwälder standen, klaffen heute große Löcher.

Meist erzeugt durch das Kahlschlagverfahren. Monokulturen verbreiten sich. Die arbeitsaufwendigere Naturverjüngung durch „Plenterhieb“ ist eindeutig auf dem Rückzug. Viele der Naturwaldgebiete wurden der EU deshalb unterschlagen weil man auf die enormen Summen welche die Ausbeutung mit sich bringt einfach nicht verzichten möchte. Die Wälder von „Rusca Montana“ wurden bei der Erhebung überhaupt nicht erwähnt. Walter hat in den vergangenen Jahren dreiundvierzig Anträge gestellt, die Naturwälder seines ehemaligen Bezirkes als Schutzgebiete auszuweisen. Von den 7000 Hektar die noch zu seiner Amtszeit geschützt waren, sind inzwischen weite Teile eingeschlagen. Mit großem persönlichen und finanziellem Aufwand ist es ihm gelungen, zumindest knapp ein Viertel des Gebietes zu schützen. Doch die Kettensägen dringen immer weiter an die Reservatsgrenze vor. Als die strengen Gesetze der Kommunisten verschwunden waren, begann die Zeit der Gier. Persönliche Bereicherung ist seitdem das Maß der Dinge. Korruption- vom kleinen Förster bis zum Minister- belegen das Versagen eines Systems, in dem Alles möglich ist, weil nur die Macht des Geldes noch zählt. Große Konzerne sind ins Land geschwappt und nutzen die Schwächen des politischen Systems zu ihrem Vorteil. Während er sichtlich bewegt auf „seine“ Wälder schaut, bringt es Walter unmissverständlich auf den Punkt: „Wenn die Entwicklung in diesem Tempo weitergeht, sind die Karpaten in zehn Jahren ökologisch entwertet und gleichen den endlosen Holzplantagen im Rest von Europa“. In der ganzen Region kennt er außer ihm Keinen, der sich für die Erhaltung dieser Naturschätze interessiert. Er ist müde geworden. Die Jahre des Kampfes haben Spuren hinterlassen. Ein Mann der sein ganzes Leben im Wald verbracht hat. Der den Wald mit all seinen Geschöpfen und seiner Schönheit liebt. Ihn zu nutzen weiß ohne ihn zu zerstören.

Mit dem Rucksack läuft er immer noch jeden steilen Berg hinauf. Zwängt sich Nächtens in die Enge eines Zeltes und scheint manchmal doch kraftlos. Die Maßlosigkeit der Menschen setzt ihm mehr zu als es das Alter und der Krebs bisher geschafft haben. Walter ist siebenundsiebzig Jahre alt und mir ein echtes Vorbild geworden.

Die Insel der knorrigen Kiefern 02.01.2010

Wenn man über alte Wälder in Europa recherchiert kommt man an der Insel Korsika nicht vorbei. Hier wächst die endemische korsische Kiefer, auch Laricio Kiefer genannt. Sie gedeiht in den Höhenlagen zwischen 1000 und 1800 Metern und ist ein Meister der Anpassung. Heiße, trockene Phasen im Sommer erträgt sie mit der gleichen Langmütigkeit wie sturmgepeitschte, bitterkalte und schneereiche Wintermonate.

Korsika  045

Diesem Baum gilt meine Aufmerksamkeit als ich mich, zusammen mit meiner Freundin Elly, zum Jahreswechsel aufmache, um die älteren Exemplare dieser Gattung zu suchen. Kiefern sind glücklicherweise immergrüne Nadelbäume, so dass die Hoffnung besteht im ansonsten recht grauen Winterwald schöne Fotomotive zu finden. Große Urwaldgebiete gibt es auch auf Korsika keine mehr. Seitdem die Insel im Jahr 1768 von Frankreich übernommen wurde, begann eine recht intensive Forstwirtschaft. Besonders die Laricio Kiefer versorgte seitdem die Menschen mit qualitativ hochwertigen, schnell nachwachsendem Holz. Korsika ist fast 200 km lang und maximal 80 km breit. Auf dieser Fläche erheben sich mehr als 40 Gipfel über die 2000 Meter, was viele spannende Ausblicke verspricht. In der Tat, die Insel ist wirklich fantastisch. Hat man erst mal, möglichst schnell, die ausufernden Industrieanlagen und Einkaufszentren der Hafenstadt Bastia hinter sich gebracht, zieht einen die grandiose Bergwelt sehr schnell in ihren Bann. In den tieferen Lagen ist es der Buschwald der Macchia, die die Hänge mit bis zu drei Meter hohen Sträuchern aus Ginster, Wachholder und vielen anderen mediterranen Vegetationsformen überzieht. Die verschlängelten Sträßchen führen oft an steilen Felswänden und tiefen Schluchten hinauf bis zu den Passhöhen.

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Seit Millionen von Jahren bahnt sich Quellwasser seinen Weg durch den Granit von den Höhenlagen hinab ins Meer. Immer wieder rauscht das klare Nass kaskadenartig über verwitterungsresistente Überhänge. Wasserfälle allerorten. Die ersten Wälder die wir zu Gesicht bekommen, hoch oben im „Foret de Valdu Niellu“ reißen uns nicht gerade vom Hocker. Zu offensichtlich steht über weite Teile des von der Straße einsichtigen Waldes ein gleichaltriger Baum neben dem anderen. Ganz klar ein Forstwald, der zur Holzproduktion heranwachsen darf. Auch ein Laie sieht sehr schnell ob es sich um eine junge oder alte Kiefer handelt. Während die Bäume in ihren jungen Jahren eine nach oben spitz zulaufende Form besitzen, werden sie im Alter an den Kronen immer flacher. Besonders an den Passhöhen und auf den schmalen Bergkämmen sieht man die knorrigen Formen alter Kiefern, oft in Jahrhunderten durch starke Winde in ihrer Form den Naturgewalten angepasst. Auch heute noch zieht sich ein Streckennetz von hunderten Kilometern Fußwege über die Insel. Viele stammen aus den Zeiten als das Reisen noch nicht durch das bequeme Automobil so unendlich vereinfacht wurde. Im Sommer sind es viele Wanderer die diese recht anstrengende Möglichkeit nutzen, die Geheimnisse Korsikas auf eigenen Sohlen abseits der Straßen zu erkunden. Auch wir folgen diesen Wegen immer wieder, um an die zauberhaften Ecken dieser Landschaft zu kommen. Es scheint fast als wären wir um diese Jahreszeit die einzigen Besucher auf der Insel, zumindest in den Wäldern sind wir komplett unter uns. Etwas unterhalb des Vergio Passes, immer noch im Valdu Niellu Wald, existiert ein kleines Tal mit einem wunderschönen Wasserfall, in dem die Bäume seit Jahrhunderten wachsen dürfen.

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Noch nie haben wir so riesige Kiefern gesehen. Bis zu sechzig Meter hoch reichen diese Giganten in den Himmel. Es bedarf mehrerer Erwachsener um die massiven Stämme zu umarmen. Die Bäume stehen ziemlich weit voneinander entfernt. Dazwischen wachsen uralte Birken, deren weißgraue Rinde so stark von Flechten überwuchert ist, dass man, bedingt durch die jahreszeitlich fehlenden Blätter, genau hinschauen muss, um sie überhaupt als solche zu erkennen. Ein orkanartiger Wind bläst durch den Bergkamm. Schneereste am sonnenarmen Nordhang lassen erkennen, dass es Winter ist. Fotografisch ist es aber zu wenig um daraus jahreszeitliche Impressionen zu fotografieren. Im Gegenteil, diese weißen Flecken wirken eher störend. Ich male mir aus wie es hier wäre, wenn Neuschnee den Boden bedeckt und der Wind die weiße Pracht noch nicht von den Wipfeln geblasen hat. Oder die Kamera aufs Stativ zu bauen, wenn der Indian Summer die Blätter der Birken im goldenen Kleid erstrahlen lässt. Dazwischen die riesigen Kiefern, die sich in den blauen Herbsthimmel erstrecken. Also wir sind eindeutig zur falschen Zeit in diesem Hochtal, zumindest was die Fotografie betrifft. Mehr Glück haben wir auf der anderen Seite des Gebirges. Durch die Spelunca Schlucht laufen wir durch immergrüne Macchia, deren vielfältige Pflanzenwelt so reichhaltig ist, dass ich mich fast wie in einem gemäßigten Regenwald fühle. Die dicken Wolkenberge die sich zwischen den weit über uns befindenen Gipfeln hängen, wirken wie ein Weichzeichner und lassen das Grün der Büsche, Bäume und Moose intensiv leuchten. Wir folgen einem uralten Pfad durch die Schlucht bis zu der Stelle an der sich die beiden Wildbäche Aitone und Tavulella vereinigen. Hier hat eine der schönsten Zeugnisse menschlicher Baukunst die Jahrhunderte überstanden.

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Die für Fußgänger gebaute Bogenbrücke „Zaglia“ stammt aus der Zeit der Herrschaft Genuas über Korsika und fügt sich reizend in den wilden Charakter der Landschaft ein. Während es oben im Gebirge, verstärkt durch die starken Winde, sehr kalt ist, laufen wir hier unten, tausend Meter tiefer, mit zwei Lagen weniger Kleidung durch die Gegend. Egal wie die äußerlichen Bedingungen auch sind, die vielfältige Natur der Insel begeistert zu jeder Jahreszeit.

Ein Wald wie aus dem Märchenbuch – Corcova Uvala 19.10.2009

Ich würde schätzen, dass 99,9% aller Besucher die in den Nationalpark Plitvicer Seen fahren nur Augen für die, zugegebenen großartigen Seen und Wasserfälle haben. Dabei besteht der fast 300 qkm große und gleichzeitig größte Nationalpark Kroatiens nur aus 0,7% Wasserfläche. Fast drei Viertel der Karstberge sind mit dichten Mischwäldern überzogen, die durch frühzeitige Schutzmaßnahmen und einer fehlenden industriellen Holzwirtschaft einen sehr naturnahen Zustand besitzen. Das Kronjuwel des Parks ist für mich (als Urwaldfotograf) ganz klar das Spezialreservat „Corcova Uvala“. Ich habe in den vergangenen Jahren wahrlich viele Wälder auf unserer Erde kennen gelernt. Doch dieser Wald ist etwas wirklich Besonderes. Die Schönheit und die überall spürbare Präsenz des vielfältigen Lebens haben mich total gefangen genommen.

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Wer erfahren möchte was das Ökosystem Wald wirklich ausmacht, der sollte einmal im Leben unter den Kronen dieser jahrhunderte alten Bäume gestanden haben. Wenn ich mir vorstelle wie arm und amputiert dagegen der gängige Forst vegetiert, könnte man fast wütend werden. Alle urwaldtypischen Merkmale sind hier auch für den Laien sehr schnell zu erkennen. Im Wald wird man Zeuge aller Lebensphasen der Bäume. Mächtige jahrhunderte alte Laub und Nadelbäume wachsen auf den kargen Böden des steinigen Karst. Dazwischen steht immer wieder ein längst abgestorbener Riese, dessen unzählige Löcher im Stamm darauf schließen lassen, dass sich Vögel hier ihre Nahrung suchen. Ob durch Verwitterung, Schneefall oder Stürme, irgendwann fallen sie auf den Boden. Im Naturwald bleiben die Bäume liegen, um in der Zersetzungsphase den Kreislauf ihres Pflanzenlebens zu schließen. Dabei bilden sie Lebensraum für Pilze, Flechten und Moose.

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Neue Bäumchen wachsen auf den Körpern der Alten und nutzen deren Nährstoffe. Hier in der Urwaldgesellschaft kann man einen ganz wichtigen Unterschied zu unserer menschlichen Gesellschaft erkennen. Dieser wird wohl letztendlich ausschlaggebend sein warum die Natur überlebt, der Mensch aber, wenn er so weiter macht, leider nicht. In der Wildnis fällt kein Müll an. Alles bleibt innerhalb des Kreislaufes aus Werden und Vergehen. Jede noch so kleine Kleinigkeit wird genutzt und umgewandelt. Die Natur ist zu hundert Prozent nachhaltig. Das müssen wir wieder lernen wenn wir langfristig überlebensfähig bleiben wollen. Ein weiteres Merkmal eines Waldes, der seinen eigenen Gesetzen folgen darf, ist die relativ große Distanz in der die Bäume voneinander entfernt wachsen. Es ist überhaupt kein Problem durch das Unterholz zu schlendern, selbst die Jungtriebe überwuchern nur an wenigen Stellen den Boden. Der „Corcova Uvala“ ist ein Mischwald wie er eigentlich in weiten Teilen Europas vorkommen müsste. Fast fünfzig Prozent sind Buchen, gefolgt von Tannen, Wachholderbäumen und dem Ahorn. Als ich zum ersten Mal in diesen Wald gelaufen bin habe ich die Nadelbäume automatisch für Fichten gehalten. Erst als mein Blick auf die kleinen Jungtriebe fiel ist mir aufgefallen, dass die Nadeln abgerundet und weich waren. „Oh Tannenbaum, so grün sind deine Blätter“. Durch den Fichtenwahn, der vor einigen Jahrzehnten fast sämtliche Forstleute in Europa befiehl (schnelles Wachstum = größerer Gewinn) hat man sich schon so damit abgefunden auch außerhalb ihres natürlichen Verbreitungsgebietes auf diesen Baum zu stoßen, dass  man fast überrascht ist wenn alles so ist, wie es sein sollte. Junge Tannentriebe müssen in unseren Wäldern eingezäunt werden, um sie vor dem Verbiss durch Rotwild zu schützen. Da ihre natürlichen Feinde wie Wölfe und Bären bei uns ausgerottet wurden, gibt es im Forst viel zu viele Rehe und Hirsche, die die Erneuerung so mancher Baumart verhindern. Zusätzlich werden die Tiere bei uns im Winter noch künstlich gefüttert. Ich behaupte mal, dass dies nicht aus reiner Tierliebe praktiziert wird, sondern dass so manch kühner Jäger genug Material vor die Flinte bekommt. Hier in den Wäldern des Nationalparks streifen noch Raubtiere durchs Unterholz. Gesehen habe ich sie natürlich nicht. Nur der von Wildschweinen mit der Schnauze aufgewühlte Laubboden lässt auf die Präsenz größerer Tiere schließen. Die Kreisläufe sind intakt, Tiere und Pflanzen leben in Balance.

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Was den Wald hier so zauberhaft erscheinen lässt ist seine geografische Lage. Zwischen drei bis zu tausend Meter hohen Berggipfeln fallen die Hänge zum Teil recht steil ab. Immer wieder formt der steinige Untergrund kraterähnliche Löcher und Trichter, deren tiefste Stellen meist von einem besonders mächtigen Baum dominiert wird. Nährstoffreicher Humus ist knapp, die Bäume suchen sich alle möglichen und unmöglichen Stellen zum wachsen. Luftwurzeln wachsen über Felsen, die mit Moosen überzogen sind. Uralte Baumstümpfe die kurz vor der Zersetzung stehen sind mit hunderten von Pilzen überzogen. Während Buchen und das Ahorn relativ schnell verrotten und zu Humus werden, kann die Zersetzungsphase bei Tannen bis zu achtzig Jahre dauern. Diskusförmige Baumpilze wachsen horizontal an alten Stämmen. Fällt der Stamm zu Boden, passen die Pilze ihr Wachstum automatisch an und wachsen um neunzig Grad versetzt weiter. Das sieht ziemlich skurril aus. Es gibt fünfundsiebzig endemische Pflanzenarten im Nationalpark. Endemisch bedeutet, dass sie nur hier in der Region wachsen und sonst nirgends auf der Welt. Urwälder haben naturgemäß die größtmögliche Artenvielfalt. Deshalb ist es auch so wichtig, dass wir endlich anfangen wieder mehr Wälder aus der Nutzung zu  nehmen. Bis zu siebenhundert Jahre kann der komplette Lebenskreis einer Tanne in den Karstbergen hier im Süden Europas dauern. Die Buche ist da mit maximal dreihundert Jahren relativ kurzlebig. Groß ist das Urwaldreservat nicht, eigentlich nur lächerliche achtzig Hektar. Doch selbst am dritten Tag hab ich noch nicht ansatzweise alle Regionen erkundet. Manche Stellen im Wald sind so schön, dass eine Stunde vergangen ist bis ich alle Motive im Kasten habe ,die ich durch mein inneres Auge entdeckt habe.

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Ich werde in Zukunft wohl genauer hinschauen, bis ich einem Wald tatsächlich das „Ur“ abnehme. In vielen naturnahen Wäldern sieht man einfach nicht so viele große alte Bäume auf dem Boden liegen. Es dauert viele Jahrhunderte bis man in einem Gebiet sämtliche Phasen des Lebenszyklus Wald auch wirklich erkennen kann. Hier im „Corcova Uvala“ ist dies der Fall, und es ist großartig. Manch ein Wald wird zur Zeit aus der Nutzung genommen. Je länger die Sägen schweigen, desto größer werden die urwaldähnlichen Merkmale, je größer die natürliche Gesundung der Flora und Fauna. Viele meiner Ziele die ich für dieses Waldprojekt besuchen werde, sind solche Wälder. Die Urwälder von „übermorgen“. Bis zum jetzigen Zeitpunkt ist dieser kleine Flecken hier in Kroatien mein Lieblingswald. Ich freue mich, dass ich seinen Zauber entdecken durfte. Gleichzeitig bin ich aber auch traurig, wie wenig solcher magischer Orte in unserer modernen Welt noch existieren.

Wo einst Winnetou den Heldentod starb 16.10.09

Eine Woche ist seit meinem letzten Eintrag vergangen. Ich bin zurück an den Plitvicer Seen.

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Am deutlichsten bemerkbar macht sich die Veränderung zur letzten Woche in den inzwischen frostigen Temperaturen. Bei bis zu sommerlichen 24 Grad war die Arbeit neulich locker in kurzen Hosen zu bewältigen. Nun ist eine der ersten Handlungen wenn ich morgens kurz vor Sechs aus dem Bett falle, in warme Unterhosen zu schlüpfen und alles dreifach anzuziehen.

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Der Nachtfrost brachte ein bisschen bräunliche Farbtöne in die Buchenwälder, von einer Symphonie oder gar einem Farbenrausch sind wir aber nach wie vor weit entfernt. Der wird dieses Jahr auch ausbleiben, davon bin ich inzwischen überzeugt. An den Stellen, wo oft Winde wehen, liegen inzwischen zu viele Blätter vertrocknet und erfroren am Boden. Erstaunlicherweise ist innerhalb des Waldes fast noch keine Färbung eingetreten. Da heißt es das Beste draus machen. Es ist ja nicht so, dass deshalb keine schönen Bilder möglich sind. Vorgestern war so ein Moment wie ich es mir wünsche. Zwischen vereinzelten Sonnenphasen zogen immer wieder kurze Schneeschauer über die Landschaft. Ich befand mich zu dem Zeitpunkt am Ende der Seen, wo sich das Wasser im Fluss Korana seinen Weg durch einen schönen Canyon bahnt. Die Schneewolken standen wie ein riesiger Aufhellschirm über dem Canyon, während hinter mir der inzwischen wieder freie Himmel helles Licht aussandte. So wurde mein Motiv perfekt gleichmäßig und ohne große störende Kontraste ausgeleuchtet.

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Während meiner Ausbildung, als ich im Studio lernte technische Geräte zu fotografieren, haben wir die Methode mit dem indirekten, weichen Licht auch oft angewendet. Nur waren dort die Aufheller keine Wolkenberge sondern kleine Pappen oder Styroporplatten. Das Prinzip ist aber dasselbe. Auch wenn die Wetterverhältnisse nicht immer perfekt sind (wo sind sie das schon?) bin ich nach wie vor von dieser großartigen Landschaft begeistert. Übrigens haben die meisten von uns schon mal einen Blick auf dieses Naturparadies geworfen. Wer kennt sie nicht, die Abenteuerfilme schlechthin aus unserer Kindheit. Der Schatz im Silbersee wurde hier versenkt und Winnetou durfte in den Felsen der Karstlandschaft zum Blutsbruder von Old Shatterhand werden. Die Szene, als der größte aller Indianer erschossen wurde, hat bei mir ein regelrechtes Trauma ausgelöst. Auch in späteren Zeiten in meiner Jugend hab ich immer weggeschaut als es passierte. Überhaupt war nur eine Filmszene für mich noch schlimmer zu ertragen. Nämlich als der blöde Soldat in Kevin Costners „Der mit dem Wolf tanzt“ völlig sinnfrei den Wolf erschoss. Ich hab Rotz und Wasser geheult, und für mich war klar, dass ich immer auf der Seite der Wölfe stehen werde. Zurück zum Nationalpark.

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Der hat zwar die berühmten Seen und Wasserfälle, ist aber in allererster Linie ein riesiger naturnaher Wald. Irgendwo zwischen den bis zu tausend Meter hohen Bergen befindet sich das Totalreservat Corkova Uvala. Es ist ein Überbleibsel echten alten Waldes, das ich mir nun etwas näher anschauen werde.

Die Nadel im Heuhaufen 20.09.2009

Der Finne und die Finnin haben es gut. Sie leben in einem ziemlich großen Land und sind selbst in ihrer Anzahl recht überschaubar was zumindest rein rechnerisch jedem sehr viel Platz zum Leben bietet. Es gibt einige Gründe auf die Finnen ein bisschen neidisch zu sein. Das Land besteht nämlich fast ausschließlich aus Seen, Flüssen, Mooren und vor allem aus endlosen Wäldern. Das Blockhaus am See mit einer Sauna, die mit dem Holz aus dem eigenen Wäldchen beheizt wird ist hier eher Alltag als Ausnahme, zumindest für die Landbevölkerung. Die gute Nachricht für den Urwaldfotografen lautet, dass es in Finnland im Vergleich zu Mitteleuropa noch relativ viel Naturwald gibt, besonders oberhalb des Polarkreises in Lappland.

Laamasenvaara 19-09  1707

Schaut man sich eine Straßenkarte an, fallen einem neben den recht überschaubaren Hauptstraßen sofort die unzähligen kleinen, schwarz gezeichneten Abzweigungen auf, die sich wie ein Geäst verzweigen und meist irgendwo als Sackgasse enden. Diese Pisten tragen wohl erheblich zum finnischen Lebensstandard bei, denn es sind Forststraßen über die der staatliche Konzern Metsähallitus seine Trucks rollen lässt, die den Wald zu den Sägereien transportieren. Das ist die unschöne Seite wenn man mal gelernt hat, Forstwald von Naturwald zu unterscheiden. Dort wo alle Bäume gleichgroß sind, eng aneinander gedrängt stehen und meist eine gewisse Größe nicht überschritten haben, ist der Wald eine Plantage. Auf meiner Suche nach unberührter Wildnis fahre ich zumeist an solchen Wäldern vorbei. Was das Gesamtbild wieder rettet sind die Moore und Seen, die der Landschaft nach wie vor diesen wilden weiten Charakter verleihen und so faszinierend machen. Immer wieder blicke ich auf die Straßenkarte, um ja keine Abzweigung zu verpassen. Ich bin auf der Suche nach einem Gebiet das Laamasenvaara heißt (das ist noch ein recht einfach auszusprechender Name, Finnen lieben lange Wörter). Greenpeace hat vor einigen Jahren eine Liste angefertigt auf der alle schützenswerten Waldgebiete aufgelistet wurden. Seither wird hart mit Metsähallitus um jeden Baum gerungen. Nach wie vor sind auch Urwälder, obwohl es nur noch so wenige davon gibt, im Visier der Forstleute, bringen sie doch zumindest kurzfristig einen großen Gewinn. Von einer einstigen Urwaldwildnis von 20 Millionen Hektar sind heute nur noch 5 % unangetastet.  In Laamasenvaara hatten die Umweltschützer Erfolg. Hier müssen die Kettensägen schweigen, das Gebiet wurde aus der Nutzung genommen.

Laamasenvaara 19-09  1708

Doch selbst als ich praktisch davorstehe brauche ich einige Zeit um mir klar zu werden, dass ich tatsächlich da bin. Mein Kollege Oliver Salge, der bei Greenpeace Deutschland die Waldkampagne leitet und auch immer wieder in Finnland tätig ist hat mich schon darauf hingewiesen, dass die unberührten Gebiete  zwar ungeheuer artenreich und wunderschön, aber nicht unbedingt sehr groß sind. Auch hier ist es nur ein schmaler Streifen Wald, der eingezwängt zwischen Rodungsflächen ein kleines Moorgebiet einfasst, keine zwei Kilometer lang und noch weniger breit. Dieses Gefühl der unbedeutenden Größe ist genau in dem Moment verschwunden, indem man den Wald betritt. Sofort ist man in einer anderen Welt. Größe ist relativ, ich lasse mich treiben.

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Der Boden unter meinen Füßen ist ein weich gepolstertes Bett aus Moosen und Flechten. In etwas trockeneren Gebieten wachsen rote, schwarze und blaue Beeren zwischen den Bäumen, eine der Hauptnahrungsmittel der Bären. Pilze aller Arten und Größen fühlen sich auf dem feuchten Grund sehr wohl, ebenso auf abgestorbenen Bäumen.

Nadel im Heuhaufen  1710

Immergrüne Kiefern und Fichten sind die Hauptbaumarten, immer wieder aufgelockert durch weißstämmige Birken, die ihre Blätter bereits im goldenen Kleid des Herbstes tragen. Es ist bereits Ende September, eigentlich müssten auch die Bodendeckerpflanzen bereits in voller Farbenpracht strahlen, doch der Indian Summer ist dieses Jahr sehr zurückhaltend. Wohl weil es ein recht trockener Sommer war und wirklich kalte Nächte, die den Farbenwechsel beschleunigen bisher ausgeblieben sind. Am Anfang ist es immer recht schwierig für mich, im Wald Motive zu erkennen. Das pure Durcheinander an Strukturen macht die Fotografie von Wäldern recht anspruchsvoll. Doch mit der Zeit tauchen sie auf, erst vor meinem inneren Auge, dann auf der Festplatte der Kamera.

Nadel im Heuhaufen  1712

Auch wenn es verglichen mit den vom Menschen gemachten Waldgebieten tatsächlich nur vereinzelte Nadeln im Heuhaufen sind, lohnt es sich um jeden Quadratmeter Urwald in Europa zu kämpfen. Sie sind das natürliche Erbe, das wir zukünftigen Generationen bereiten.

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