Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: Urwald

Wo einst Winnetou den Heldentod starb 16.10.09

Eine Woche ist seit meinem letzten Eintrag vergangen. Ich bin zurück an den Plitvicer Seen.

Plitvicer Seen  2626

Am deutlichsten bemerkbar macht sich die Veränderung zur letzten Woche in den inzwischen frostigen Temperaturen. Bei bis zu sommerlichen 24 Grad war die Arbeit neulich locker in kurzen Hosen zu bewältigen. Nun ist eine der ersten Handlungen wenn ich morgens kurz vor Sechs aus dem Bett falle, in warme Unterhosen zu schlüpfen und alles dreifach anzuziehen.

Plitvicer Seen  2625

Der Nachtfrost brachte ein bisschen bräunliche Farbtöne in die Buchenwälder, von einer Symphonie oder gar einem Farbenrausch sind wir aber nach wie vor weit entfernt. Der wird dieses Jahr auch ausbleiben, davon bin ich inzwischen überzeugt. An den Stellen, wo oft Winde wehen, liegen inzwischen zu viele Blätter vertrocknet und erfroren am Boden. Erstaunlicherweise ist innerhalb des Waldes fast noch keine Färbung eingetreten. Da heißt es das Beste draus machen. Es ist ja nicht so, dass deshalb keine schönen Bilder möglich sind. Vorgestern war so ein Moment wie ich es mir wünsche. Zwischen vereinzelten Sonnenphasen zogen immer wieder kurze Schneeschauer über die Landschaft. Ich befand mich zu dem Zeitpunkt am Ende der Seen, wo sich das Wasser im Fluss Korana seinen Weg durch einen schönen Canyon bahnt. Die Schneewolken standen wie ein riesiger Aufhellschirm über dem Canyon, während hinter mir der inzwischen wieder freie Himmel helles Licht aussandte. So wurde mein Motiv perfekt gleichmäßig und ohne große störende Kontraste ausgeleuchtet.

Plitvicer Seen  2623

Während meiner Ausbildung, als ich im Studio lernte technische Geräte zu fotografieren, haben wir die Methode mit dem indirekten, weichen Licht auch oft angewendet. Nur waren dort die Aufheller keine Wolkenberge sondern kleine Pappen oder Styroporplatten. Das Prinzip ist aber dasselbe. Auch wenn die Wetterverhältnisse nicht immer perfekt sind (wo sind sie das schon?) bin ich nach wie vor von dieser großartigen Landschaft begeistert. Übrigens haben die meisten von uns schon mal einen Blick auf dieses Naturparadies geworfen. Wer kennt sie nicht, die Abenteuerfilme schlechthin aus unserer Kindheit. Der Schatz im Silbersee wurde hier versenkt und Winnetou durfte in den Felsen der Karstlandschaft zum Blutsbruder von Old Shatterhand werden. Die Szene, als der größte aller Indianer erschossen wurde, hat bei mir ein regelrechtes Trauma ausgelöst. Auch in späteren Zeiten in meiner Jugend hab ich immer weggeschaut als es passierte. Überhaupt war nur eine Filmszene für mich noch schlimmer zu ertragen. Nämlich als der blöde Soldat in Kevin Costners „Der mit dem Wolf tanzt“ völlig sinnfrei den Wolf erschoss. Ich hab Rotz und Wasser geheult, und für mich war klar, dass ich immer auf der Seite der Wölfe stehen werde. Zurück zum Nationalpark.

Plitvicer Seen  2624

Der hat zwar die berühmten Seen und Wasserfälle, ist aber in allererster Linie ein riesiger naturnaher Wald. Irgendwo zwischen den bis zu tausend Meter hohen Bergen befindet sich das Totalreservat Corkova Uvala. Es ist ein Überbleibsel echten alten Waldes, das ich mir nun etwas näher anschauen werde.

Die Nadel im Heuhaufen 20.09.2009

Der Finne und die Finnin haben es gut. Sie leben in einem ziemlich großen Land und sind selbst in ihrer Anzahl recht überschaubar was zumindest rein rechnerisch jedem sehr viel Platz zum Leben bietet. Es gibt einige Gründe auf die Finnen ein bisschen neidisch zu sein. Das Land besteht nämlich fast ausschließlich aus Seen, Flüssen, Mooren und vor allem aus endlosen Wäldern. Das Blockhaus am See mit einer Sauna, die mit dem Holz aus dem eigenen Wäldchen beheizt wird ist hier eher Alltag als Ausnahme, zumindest für die Landbevölkerung. Die gute Nachricht für den Urwaldfotografen lautet, dass es in Finnland im Vergleich zu Mitteleuropa noch relativ viel Naturwald gibt, besonders oberhalb des Polarkreises in Lappland.

Laamasenvaara 19-09  1707

Schaut man sich eine Straßenkarte an, fallen einem neben den recht überschaubaren Hauptstraßen sofort die unzähligen kleinen, schwarz gezeichneten Abzweigungen auf, die sich wie ein Geäst verzweigen und meist irgendwo als Sackgasse enden. Diese Pisten tragen wohl erheblich zum finnischen Lebensstandard bei, denn es sind Forststraßen über die der staatliche Konzern Metsähallitus seine Trucks rollen lässt, die den Wald zu den Sägereien transportieren. Das ist die unschöne Seite wenn man mal gelernt hat, Forstwald von Naturwald zu unterscheiden. Dort wo alle Bäume gleichgroß sind, eng aneinander gedrängt stehen und meist eine gewisse Größe nicht überschritten haben, ist der Wald eine Plantage. Auf meiner Suche nach unberührter Wildnis fahre ich zumeist an solchen Wäldern vorbei. Was das Gesamtbild wieder rettet sind die Moore und Seen, die der Landschaft nach wie vor diesen wilden weiten Charakter verleihen und so faszinierend machen. Immer wieder blicke ich auf die Straßenkarte, um ja keine Abzweigung zu verpassen. Ich bin auf der Suche nach einem Gebiet das Laamasenvaara heißt (das ist noch ein recht einfach auszusprechender Name, Finnen lieben lange Wörter). Greenpeace hat vor einigen Jahren eine Liste angefertigt auf der alle schützenswerten Waldgebiete aufgelistet wurden. Seither wird hart mit Metsähallitus um jeden Baum gerungen. Nach wie vor sind auch Urwälder, obwohl es nur noch so wenige davon gibt, im Visier der Forstleute, bringen sie doch zumindest kurzfristig einen großen Gewinn. Von einer einstigen Urwaldwildnis von 20 Millionen Hektar sind heute nur noch 5 % unangetastet.  In Laamasenvaara hatten die Umweltschützer Erfolg. Hier müssen die Kettensägen schweigen, das Gebiet wurde aus der Nutzung genommen.

Laamasenvaara 19-09  1708

Doch selbst als ich praktisch davorstehe brauche ich einige Zeit um mir klar zu werden, dass ich tatsächlich da bin. Mein Kollege Oliver Salge, der bei Greenpeace Deutschland die Waldkampagne leitet und auch immer wieder in Finnland tätig ist hat mich schon darauf hingewiesen, dass die unberührten Gebiete  zwar ungeheuer artenreich und wunderschön, aber nicht unbedingt sehr groß sind. Auch hier ist es nur ein schmaler Streifen Wald, der eingezwängt zwischen Rodungsflächen ein kleines Moorgebiet einfasst, keine zwei Kilometer lang und noch weniger breit. Dieses Gefühl der unbedeutenden Größe ist genau in dem Moment verschwunden, indem man den Wald betritt. Sofort ist man in einer anderen Welt. Größe ist relativ, ich lasse mich treiben.

Nadel im Heuhaufen  1711

Der Boden unter meinen Füßen ist ein weich gepolstertes Bett aus Moosen und Flechten. In etwas trockeneren Gebieten wachsen rote, schwarze und blaue Beeren zwischen den Bäumen, eine der Hauptnahrungsmittel der Bären. Pilze aller Arten und Größen fühlen sich auf dem feuchten Grund sehr wohl, ebenso auf abgestorbenen Bäumen.

Nadel im Heuhaufen  1710

Immergrüne Kiefern und Fichten sind die Hauptbaumarten, immer wieder aufgelockert durch weißstämmige Birken, die ihre Blätter bereits im goldenen Kleid des Herbstes tragen. Es ist bereits Ende September, eigentlich müssten auch die Bodendeckerpflanzen bereits in voller Farbenpracht strahlen, doch der Indian Summer ist dieses Jahr sehr zurückhaltend. Wohl weil es ein recht trockener Sommer war und wirklich kalte Nächte, die den Farbenwechsel beschleunigen bisher ausgeblieben sind. Am Anfang ist es immer recht schwierig für mich, im Wald Motive zu erkennen. Das pure Durcheinander an Strukturen macht die Fotografie von Wäldern recht anspruchsvoll. Doch mit der Zeit tauchen sie auf, erst vor meinem inneren Auge, dann auf der Festplatte der Kamera.

Nadel im Heuhaufen  1712

Auch wenn es verglichen mit den vom Menschen gemachten Waldgebieten tatsächlich nur vereinzelte Nadeln im Heuhaufen sind, lohnt es sich um jeden Quadratmeter Urwald in Europa zu kämpfen. Sie sind das natürliche Erbe, das wir zukünftigen Generationen bereiten.

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