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Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: Ust-Barguzin

“Baikal See” Teil 4: Kommunikationsprobleme 13.10.2012

Am Morgen des vierten Tages stehe ich am Ufer der großen Uschkani Insel und blicke mit bangem Gefühl im Magen auf die große Wasserfläche. Es ist ein klarer ruhiger Tag, nur über den am linken Ufer aufragenden Bergen ziehen langsam Wolken heran. Ob die Kommunikation wohl geklappt hat? Wird das Boot tatsächlich kommen, welches uns auf die andere Seite des Baikal Sees bringen wird? Zum jetzigen Zeitpunkt ist der Transport seid einer halben Stunde überfällig. Dies wäre nicht weiter schlimm, wäre das Morgenlicht nicht so wundervoll farbenfroh, was mich ziemlich unruhig werden lässt. Wir müssen uns noch eine weitere halbe Stunde gedulden, bis wir am Horizont einen kleinen Punkt ausmachen der sich beständig unserer Insel nähert. Sie kommen tatsächlich. Zwei Männer auf einem Schlauchboot, welches das Emblem der Seerettung trägt. Ich bitte Arkady die Herren darauf hinzuweisen das es absolut wichtig für meine Arbeit ist, wenn irgendwie möglich bei den Robben auf den kleinen Nachbarinseln vorbeizuschauen.  Wir verstauen unser Gepäck, bezahlen das Quartier und verabschieden uns von den Inselbewohnern. Der See hat kaum Wellengang, so dass wir recht sanft über die Wasserfläche gleiten. Unsere Chauffeure sind freundlich aber wortkarg. Ich weiß bis heute nicht was mich geritten hat, aber als wir die Robben-Inseln passieren ohne das wir uns ihnen nähern, hinterfrage ich es nicht und lasse es einfach geschehen. Ein schwerer Fehler den ich später noch schwer bereuen sollte. Während wir die acht Kilometer Distanz zum Festland überwinden werden die Inseln hinter uns immer kleiner. Wir fahren parallel zu den mächtigen Erhebungen des Zabajkalski Nationalparks. Der Park schützt die Wildnis einer Halbinsel die wegen Ihrer Form auch „Große Nase“ genannt wird. Unser kleines Motorboot bringt uns an grandiosen Landschaften vorbei. Inzwischen ziehen mächtige weiße Quellwolken über die links und rechts von uns aufragenden Berge. Es ist ein perfekter Herbsttag in einer wunderbaren Umgebung. Die auf den Bergzügen wachsenden Wälder sind eine Augenweide.

Nur hier und da ragen skelettartige schwarzweiße Inseln  aus dem grün-goldenen Farbenmeer. Die Birken haben leider schon früher ihr Laub verloren, was aber das wunderbare Gesamtbild nicht weiter stört. Warum unser Bootsführer so drängt als ich ihn immer mal wieder um einen kurzen Stop für ein paar Fotos bitte, erschließt sich mir zu diesem Zeitpunkt leider nicht. An einer Stelle an der heißes Wasser aus dem Boden dringt machen wir für ein paar Minuten Rast. Mit Holzbalken ist die Quelle zu einem kleinen Pool aufgestaut, in das sich Besucher hineinbegeben können. Wir passieren zwei kleine Ortschaften die innerhalb der Grenzen des Nationalparks liegen. Die Häuser sind, wie für die Region typisch, komplett aus Holz errichtet. Gegen Mittag erreichen wir eine Bucht in der ein Geländewagen mit einem Anhänger steht. An einem Feuer sitzt der Fahrer und wartet auf unsere Ankunft. Wir bekommen eine Portion leckeren Eintopf zu essen, während unsere neuen Freunde das  Boot auf den Anhänger ziehen.

Nach einer Stunde Fahrt über holprige Pisten erreichen wir das andere Ende der „Großen Nase“. Über eine etwa zwanzig Kilometer breite Landzunge, die sich nur wenig über dem Wasser erhebt, ist hier die Halbinsel mit dem Festland verbunden. Das Gelände ist eine Moorlandschaft die nur an manchen Stellen mit Bäumen bewachsen ist. Wir halten an einem Strand, über dem sich unmittelbar dahinter die Berge erheben. Hier stellt sich mir unser Bootsführer zum ersten Mal offiziell vor. Angenehm „Alexander“, sogar ein paar Worte englisch kann er sprechen. Mit einem kleinen Rucksack auf dem Rücken gibt er mir ein Zeichen zum Aufbruch. In diesem Moment begreife ich was hier eigentlich los ist. Als wir vor einigen Tagen im Hotel auf der Insel Olchon mit den dortigen Leuten die Überfahrt organisiert haben, erzählte ich von meinem Wunsch, hier auf der „Großen Nase“ einen Berg zu besteigen um die Landschaft des Baikal Sees aus der Erhebung fotografieren zu können. Nicht erzählt habe ich damals, das solch eine Tour wegen der Fotografie über mehrere Tage dauern sollte und daher gut vorbereitet werden muss. Bei Alexander angekommen ist die Information, dass er uns von der Insel abholen und am selben Tag auf den Berg heraufbringen soll. Wie ich heute weiß, durchaus ein möglicher Plan, denn es gibt tatsächlich diverse Aussichtspunkte die man schon nach wenigen Stunden Fußmarsch erreichen kann.

Jetzt war es erst mal an mir meinen Reisegenossen klarzumachen das der Weg in die Berge für mich ein etwas Längerer sein wird, da ich, um den Sonnenauf- und Untergang einzufangen, auch dort oben übernachten muss. So beschließen wir nach „Ust-Barguzin“ zu fahren um dort die nötigen Lebensmittel einkaufen zu können. Hätte die Kommunikation von Anfang an funktioniert so hätten wir sicherlich an diesem schönen Tag gute Chancen gehabt auf den kleinen Inseln die Robben zu sehen. Zeit genug wäre gewesen. Eine neue Chance sollte ich nicht mehr bekommen, was zwar der geneigte Leser meines Blogs schon weiß (siehe Teil 1), mir damals aber noch nicht klar war. Das sich Arkadi am nächsten Morgen verabschieden wird, weil er den Marsch in die Berge nicht mitmachen will ist für mich fast befreiend. Er hat sich nicht gerade als Organisations- und Kommunikationstalent hervorgetan.

Am nächsten Morgen holt mich Alexander kurz nach Sieben am Hotel ab. Früher zu fahren hat keinen Zweck, denn um auf die Halbinsel zu kommen muss man einen großen Fluss überqueren. Dazu gibt es eine Fähre und die fährt morgens zum ersten Mal um acht Uhr. Ich habe für drei Tage Nahrung und Wasser im Rucksack und alles was man zum Aufenthalt in freier Natur benötigt. So stehe ich nun wieder am Fuße des Berges, nur mit dem Unterschied zu Gestern das die Landschaft heute in ein alles durchdringendes Grau eingehüllt ist. Der Himmel ist von einer dicken Wolkendecke überzogen und lässt kaum Chancen auf Farbenbildung erhoffen. Trotzdem mache ich mich zusammen mit Alexander an den steilen Aufstieg. Wir haben beschlossen das er mir hilft das Gepäck auf den Berg zu tragen und mich dann meinem Schicksal überlässt. Das Warten auf das richtige Licht wäre für ihn nur langweilig und den Weg zurück schaffe ich auch ohne Hilfe, da ich ja kein Wasser mehr ins Tal tragen muss. So ganz „Ohne“ war der Abstieg dann allerdings doch nicht.

Durch den schneebedeckten extrem steilen Pfad im oberen Teil der Route, mit über zwanzig Kilogramm auf dem Rücken, habe ich meine beiden großen Zehen über mehrere Stunden so stark in den Schuhen gepresst, das ich später an Beiden die Nägel verloren habe. An Schnee habe ich beim Aufstieg noch nicht gedacht. Wir marschieren durch eine große Fläche Wald die im vergangenen Jahr gebrannt hat. Überall liegen Bäume quer. Nur einige wenige alte Riesen haben die Kraft gehabt der Feuerwalze zu widerstehen. Es bietet sich ein düsteres Bild durch das wir laufen, verstärkt noch durch den wolkenbehangenen Himmel. In der Natur sind Brände im borealen Wald aber nicht weiter schlimm, sofern sie durch Blitzeinschlag oder andere natürliche Umstände entstehen. Die Natur bekommt die Chance zur Erneuerung und lässt schon nach kurzer Zeit wieder eine neue Vegetation entstehen. Problematischer wird die Sache mit den Bränden in den vergangenen Jahren durch den Klimawandel. Vermehrte Dürrephasen führen in manchen Erdteilen zu verstärkten Waldbränden, welche mit dem natürlichen Kreislauf der Natur nicht mehr vereinbar sind.

Den besten Blick auf den Baikal See mit der Landzunge und den dahinter am Festland aufragenden Bergen bekomme ich auf halber Höhe zum Gipfel. Ich entscheide mich an dieser Stelle mein Lager aufzuschlagen. Der Gipfel ist zwar höher, aber für eine Aufnahme der Landschaft wohl zu weit nach hinten verlagert. Außerdem kann ich ja in den kommenden Tagen mit leichtem Gepäck Touren an alle möglichen Ecken und Enden des Gebirges unternehmen. Nachdem mir Alexander versichert hat, das ein Auto am Nachmittag des dritten Tages am Ende der Straße auf mich warten wird, macht er sich an den Abstieg, und ich bleibe alleine zurück. Trotz der mich umgebenden verbrannten Büsche und Bäume ist der Blick auf die Welt von hier oben spektakulär. In einer Mulde zwischen großen Felsbrocken schlage ich mein kleines Zelt auf. Da der Gipfel in Wolken gehüllt ist kann ich mir einen weiteren Aufstieg zur Erkundung der Gegend für heute ersparen. Ich lege mich in meinen Schlafsack und das große Warten beginnt. Gegen Abend sehe ich kleine Lücken im Wolkenmeer. Der eine oder andere Sonnenstrahl kann seinen Weg auf das unter mir liegende Land erreichen.

Das Licht ist weit davon entfernt perfekt zu sein. Trotzdem bin ich natürlich zur Stelle und schieße einige Fotos. In der Nacht verschwinde ich tief in meinem Schlafsack. Hier oben ist es schon empfindlich kalt um diese Jahreszeit. Der Wecker klingelt am nächsten Morgen eine dreiviertel Stunde vor Sonnenaufgang. Der Blick aus dem Zelt ist zunächst ernüchternd. Ich entdecke kaum Sterne über mir, was wohl bedeutet, dass der Himmel nach wie vor bedeckt ist. Trotzdem schäle ich mich aus der Wärme hinaus, steige in die kalten Stiefel und laufe zum Aussichtspunkt. Ich habe Glück. Genau im Osten, dort wo die Sonne aufgeht, gibt es größere Lücken im Wolkengeflecht. In den Minuten vor Sonnenaufgang färben sich Teile des Himmels violett ein, was wiederrum den Baikal See farbig reflektieren lässt.

Dabei entstehen einige schöne Motive. Der Sonnenaufgang selbst bleibt meinen Blicken aber verborgen. Trotzdem stehe ich völlig fasziniert auf meinem Felsen und beobachte was unter mir passiert. Von der offenen Seeseite treiben langsam dicke Wolken über die Wasserfläche, die das Land mehr und mehr bedecken. Für einige Minuten befinde ich mich genau zwischen zwei Wolkenschichten.

Diese Wetterlage beschert mir faszinierende An-und Ausblicke. Erst als sich die Landschaft um mich herum praktisch unsichtbar gemacht hat, mache ich mich auf den Rückweg in den Schlafsack. Im Schlaf vergeht die Wartezeit am schnellsten und so bin ich nicht undankbar schon bald wieder wegzudösen. Am späteren Vormittag ist die Welt um mich herum nach wie vor grau und kalt. Erste Schneeflocken fallen sanft zur Erde und mir schwant so langsam das es mit dem erhofften Wetterwechsel wohl nichts mehr wird.

Zum Abendessen sitze ich schon im Weiß. In der darauffolgenden Nacht muss ich immer wieder Schnee von meinem Zelt entfernen damit die Wände nicht zu stark eingedrückt werden. Weder an diesem Abend noch am nächsten Morgen kommt die Kamera zum Einsatz. Stunde um Stunde liege ich in meinem Zelt und habe kaum noch Hoffnung auf eine weitere Chance zur Landschaftsfotografie. Eine Tour auf den Gipfel ist durch den Schnee gefährlich und fotografisch sinnlos, da ich sowieso nichts sehen würde.

Geduld gehört zu einen jener Tugenden die ich mir für diesen Job habe aneignen müssen. Es ist nicht das Softwareprogramm am Computer welches die Fotografie spannend macht – sondern die Jagd nach dem Licht in freier Natur. Es gehört zum Berufsbild einfach dazu dass man auch mal zwei Tage wartet, ohne das noch einmal etwas Positives geschieht.

“Baikal See” Teil 1: Wetterwechsel 02.10.2012

Bevor ich mich auf eine Reise begebe, überlege ich mir, welche Themen zum jeweiligen Projektpart wichtig sind. Diese versuche ich dann innerhalb meines Zeitrahmens und Budgets bestmöglich umzusetzen. Das gelingt natürlich nicht immer. Meistens fällt dies aber gar nicht ins Gewicht, da einem die Realität als Ausgleich Motive schenkt, welche gar nicht auf der Wunschliste standen. Bei meiner Reise an den Baikalsee im russischen Südsibirien ist mir zum ersten Mal während meiner Arbeit für das neue Greenpeace Projekt „Naturwunder Erde“ ein Hauptmotiv durch die Lappen gegangen, welches mich auch heute noch, einige Zeit nach der Reise, richtig am Ego zwickt. Manchmal muss man Entscheidungen treffen die wirklich wehtun.

Ich befinde mich im kleinen Ort „Ust-Barguzin“. Die Welt um mich herum verändert sich zusehends. Vor vier Tagen ist der Herbst auf einen Schlag verschwunden. Strahlende Landschaften in leuchtenden Herbstfarben sind einem permanenten, durchdringenden Grau gewichen, das sich auch auf meine Gemütslage legt. Dicke Wolkenschichten haben seit Tagen jeglichen Sonnenstrahl absorbiert, der seinen Weg nach unten suchte. In den Höhenlagen liegt bereits eine geschlossene Schneedecke und selbst hier, in der Nähe des Seeufers setzen sich die Schneeschauer mehr und mehr durch. Selbst der Matsch, der ungeteerten Straßenzüge, wird ganz langsam überdeckt.

Für die Menschen, die hier leben beginnt der über viele Monate dauernde Winter dieses Jahr besonders früh. In wenigen Wochen wird die riesige Wasserfläche des Baikal Sees für eine sehr lange Zeit zugefroren sein. Eva ist eine Deutsche, die sich diese Weltengegend vor neun Jahren als neue Heimat auswählte. Sie hat hier am Ort ein kleines Besucherzentrum installiert und ist momentan die Einzige, die mir vom russischen ins deutsche Übersetzen kann. Alexander arbeitet für den Seenotdienst und kann mit den Schlauchbooten seiner Behörde in der Nachsaison Leute wie mich auf dem See befördern. Seit drei Tagen verschieben wir die Entscheidung wegen der starken Winde und des hohen Wellengangs immer wieder. Seit drei Tagen stehe ich mit gepackten Sachen am Hoteleingang und freue mich, dem schmucklosen Zimmer endlich entkommen zu können. Nur um nach kurzer Rücksprache alles wieder zurück zu tragen. Das Risiko war bisher einfach zu groß. Der Baikal ist wegen seines Süßwassers zwar ein See, besitzt jedoch mehr die Charakteristik eines Meeres, besonders was die Gefahren durch Unwetter betrifft.

Heute fragt mich Alexander bereits zum wiederholten Male, ob ich die Risiken eingehen möchte. Er würde mich über die Bucht hinaus aufs offene Wasser fahren, um dann wenn es irgendwie geht, die kleine Tonki Insel anzusteuern. Hier befindet sich der Sommerliegeplatz der Baikal Robben, welche das primäre Ziel meiner fotografischen Begierde darstellen. Nur in Kanada gibt es eine weitere Robbenart die sich ebenfalls im Süßwasser aufhält. Für mich sind sie die wichtige Symboltierart zur fotografischen Umsetzung der Ökoregion „See“. Die Entscheidung, doch noch einen Versuch zur Dokumentation dieser Tiere zu unternehmen, muss in den kommenden Sekunden fallen, denn Alexander möchte eine konkrete Antwort von mir. Ich bin hin und hergerissen und es sind genau diese Situationen, die ich überhaupt nicht leiden kann. Letztendlich setzt sich die Ratio durch und ich entscheide mich auf die Fahrt zu verzichten. Ausschlaggebend ist nicht die fehlende Abenteuerlust. Ich habe in der Antarktis sechs Meter hohe Wellen erlebt und war einer der Wenigen dem nicht grottenschlecht war. Es ist die geringe Chance, bei diesem Wetter auf der Insel überhaupt noch Robben anzutreffen. Nur bei ruhigem Seegang liegen sie auf den Felsen, die dem kleinen Eiland vorgelagert sind. Ansonsten befinden sie sich unter Wasser und kommen nur sehr selten zum Luft holen kurzzeitig an die Oberfläche. Ich bin jahreszeitlich einfach ein wenig zu spät dran.

So beginne ich schweren Herzens zwei Tage früher als geplant, meine lange Heimreise über die Städte Ulan Ude, Irkutsk und Moskau. Ein wenig tröstet der Gedanke, dass ich in diesem Beruf auch deshalb so weit gekommen bin, weil es mir immer wieder gelingt, unnötige Risiken zu vermeiden und meine Grenzen zu erkennen. Was mich aber wirklich ärgert ist die Tatsache, dass ich wenige Tage zuvor ganz nah an den Tieren dran war ohne es gewusst zu haben. Zum Glück habe ich vor dem vorzeitigen Abbruch am Baikal allerhand erleben dürfen…..

(wird fortgesetzt)

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