Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: Vulkan

Savanne Teil 1: Damals und Heute

Der erste Reiseabschnitt in die afrikanische Savanne führt mich in den Norden Tansanias. Die Region kann mit so bekannten Namen aufwarten wie die weltberühmte Serengeti oder den Ngorongoro Krater am afrikanischen Grabenbruch. Vor mehr als fünfzehn Jahren war ich zusammen mit meinem Freund und Kollegen Michael Fleck für viele Monate im südlichen und östlichen Afrika unterwegs um für zwei Multivisionsshows zu fotografieren. Genau der Landstrich, welcher nun erneut mein Ziel ist, blieb mir seit damals als absolute Traumlandschaft in Erinnerung. Hier haben sich für mich sämtliche positiven Klischees erfüllt die ich vom “Schwarzen Kontinent” im Herzen trug.

Ich habe Bilder im Kopf von weiten Landschaften in denen unzählige Tierarten über die Ebenen ziehen und in denen Menschen leben, die ihre Traditionen auch heute noch nicht komplett vergessen haben. In meiner Jugend nannte ich solche Gegenden auf der Erde immer “Coca-Cola freie Zonen” – sinnbildlich für Regionen, in denen Völker Getränke aus Plastikflaschen noch nicht als das höchste Maß an Lebensqualität zelebrieren. In der globalisierten Welt werden solche Gebiete im Allgemeinen als rückständig angesehen. Rettung bringt in der Regel die süße Verlockung des Kapitalismus. Inzwischen wird auch ins letzte Dorf im hintersten Tal unseres Planeten eine Straße gebaut. Danach kann die Armada der Moderne heranrollen. Trucks vollgestopft mit allem Möglichen und Unmöglichem bringen Güter zu Menschen, die bis vor kurzem gar nicht wussten, dass diese Dinge überhaupt existieren. Es werden Begehrlichkeiten geweckt und schon nach kurzer Zeit ist der neuerschaffene Konsument überzeugt, ohne diese Dinge nicht mehr leben zu können oder zu wollen. Eben genau so wie wir auch. Fakt ist, das es immer weniger “Coca-Cola freie Zonen“ auf der Welt gibt und das bedeutet nichts Gutes für den Planeten Erde. Das Thema „Straße“ sollte für mich in den kommenden Tagen ziemlich präsent bleiben.

 

Arusha ist die Hauptstadt der Region. Es ist schön zu sehen, dass die Straßenmärkte auch heute noch den Handel dominieren und die Menschen ihre Produkte direkt verkaufen können. Supermärkte gibt es zwar, diese sind für einen Großteil der Menschen aber unbezahlbar und deshalb nicht so präsent wie bei uns. Für die vor uns liegende Safari haben sich mein Reisepartner Rolf und ich einen Jeep mit Fahrer gebucht, so wie es in diesem Teil der Welt üblich ist. Zur Gruppe gehört auch ein Koch, der uns vor dem Verhungern bewahren soll und der gleichzeitig auf das Camp aufpasst wenn wir in den kommenden Tagen von Früh bis Spät auf Fotopirsch gehen. Nachdem wir uns mit Lebensmitteln versorgt haben, folgen wir der Hauptstraße nach Süden. Irgendwann biegen wir nach rechts ab und steuern den Afrikanischen Grabenbruch an, der auch „Rift Valley“ genannt wird. Diese geologische Verwerfung, an der zwei Tektonische Platten aufeinandertreffen, zieht sich auf mehreren tausend Kilometern durch Afrika. Die einige hundert Meter hohe Felsenmauer kommt schon recht bald in Sicht.

Das Dorf „Mto wa Mbu“ liegt unmittelbar vor dem Anstieg auf die Hochebene des „Rift Valley“. Folgt man hier dem weiteren Verlauf der Straße so gelangt man in den von der UNESCO als Weltnaturerbe ausgezeichneten Ngorongoro Krater und in die Serengeti. Ich versuche mich bewusst zu erinnern, was sich hier seit meinem letzten Besuch vor etwa fünfzehn Jahren verändert hat. Wie fast überall auf der Welt ist auch dieses Dorf größer geworden. Trotzdem hat es seinen Charme mit den kleinen Läden und dem emsigen Leben auf der Straße nicht verloren. Die wohl größte Veränderung ist die zwischenzeitlich geteerte Straße auf der wir hierher gelangt sind. Dies ist Grundsätzlich kein Drama, beraubt einem aber ein wenig des von Safaritouristen so geschätzten Abenteuerfeelings. Im Ort fallen mir immer wieder die kleinen und größeren Gruppen Störche auf, die im tiefblauen von weißen Quellwolken durchzogenen Himmel ihre Runden drehen. Am Ende des Dorfes entdecke ich den Grund für die starke Vogelpräsenz. Eine Allee mit großen alten Bäumen säumt den Weg hinauf ins Hochland. Die Bäume, Büsche und die Straße sind hier über und über mit Vogelkot bedeckt. In den Baumkronen nisten hunderte von Störchen, Pelikanen und anderen Großvögeln.

Warum sie dies ausgerechnet hier in unmittelbarer Nähe der Menschen tun, kann ich nur spekulieren. Der Nahe gelegene Manyara See der mit Süßwasser gefüllt ist, hat wohl seinen Anteil daran, dass die Tiere hier ihre Nistplätze haben. Eigentlich wollten wir in „Mto wa Mbu“ nur einen Tankstop einlegen, doch das sich über mir abspielende Flugspektakel lässt zwei Stunden sehr schnell vergehen und ich habe meinen ersten unerwarteten fotografischen Höhepunkt im Kasten.

 

Wir verlassen hier die Hauptstraße und folgen einer Schotterpiste parallel dem Verlauf des Grabenbruchs. Die Savanne ist für diese Jahreszeit recht ausgetrocknet. Bedenkt man, dass wir uns am Ende der großen Regenzeit befinden, so hat es zumindest hier in diesem Jahr nicht übermäßig viel geregnet. Immer wieder passieren wir kleine Siedlungen, die vom hier lebenden Volksstamm der Massai bewohnt werden. Die Massai sind halbnomadisch lebende Viehzüchter. Sie teilen sich das Land im Norden Tansanias und im Süden Kenias seit jeher mit den hier lebenden wilden Tierherden. Auch heute noch leben viele Massai innerhalb ihrer traditionellen Bomas. Das sind mit Lehm und getrocknetem Kuhdung verputze Hütten, die von einem kreisförmigen Wall aus Zweigen umgeben sind. Dieser schützt die Menschen und deren Haustiere vor den durch die Savanne ziehenden Raubtieren. Das Schicksal der Massai wird mich in den kommenden Tagen noch stark beschäftigen. Sie bilden zweifellos reizvolle Fotomotive, wenn sie sich mit ihrem farbenfrohen Schmuck behangen und ihren meist blauen und roten Gewändern in dieser archaischen Landschaft bewegen. Für einen großen Teil dieses Volksstammes haben sich seit jeher die Tagesabläufe kaum verändert.

Dies ist wohl auch einer der Gründe, weshalb diese Region bis heute ihren ursprünglichen Charme behalten konnte. Denn im Alltag dieser Menschen gab es bis dato keine Strommasten, geteerte Straßen oder Dinge zum Wegwerfen, für die man eine Schutthalde oder Müllverbrennungsanlage gebraucht hätte. Wir fahren durch  ausgetrocknete Flussbetten, überqueren Geröllfelder und passieren offene Graslandschaften. Dazu erheben sich rechts und links von uns immer wieder größere und kleine Krater. Wir sind in einer vulkanisch, aktiven Zone unseres Planeten – wenngleich die meisten dieser Eintritts-Tore ins Erdinnere längst erloschen sind. Was mich so sehr an dieser Landschaft fasziniert, ist die Weite. Dort wo sich die Savanne in Form sanfter Hügel vor dem Auge des Betrachters aufbaut, scheint der Horizont in weite Ferne gerückt. Gegen Abend ragt ein guter alter Bekannter über 1500m vor uns in die Höhe. In perfekter, konischer Symmetrie steht der „Oldoinyo Lengai“, der heilige Berg der Massai, eingerahmt zwischen Grabenbruch und den Ufern des Natron Sees, dem Ziel unserer ersten Etappe.

Hier werden wir in den kommenden Tagen auf einem von Massai betriebenen Campingplatz nächtigen, um den See und den Berg in Ruhe erkunden zu können. Unsere Zelte stehen unter Schatten spendenden auslagernden Bäumen. Diese werden von reichlich Vögeln bewohnt, welche ihre Nester in Form hängender Kugeln unter die Äste bauen. Umgeben von zirpenden Grillen und zwitschernder Vögel wird uns im weichen Licht des Sonnenuntergangs, auf wackeligen Klappstühlen sitzend, ein wunderbares Abendessen kredenzt. Dieses hat unser Koch James zuvor mit einfachsten, handwerklichen Mitteln gezaubert, weshalb wir ihn ab sofort nur noch den „Magier“ nennen. In solchen Momenten muss man Afrika einfach lieben.

 

Doch wie sieht die Realität für die hier lebenden Menschen aus? In meiner Erinnerung gab es während meiner ersten Reise vor fünfzehn Jahren an dieser Stelle einige wenige Bomas der Massai. Wir sind damals zum Anführer des Clans gegangen und haben um eine offizielle Erlaubnis gebeten, uns innerhalb des Dorfes bewegen und Fotos machen zu dürfen. Als Gegenleistung haben wir einen gewissen Geldbetrag bezahlt, der dem Allgemeinwohl zugeführt werden sollte. Daraufhin haben wir uns praktisch einen ganzen Nachmittag unter die Leute gemischt und sie während ihres Alltags begleitet. Als moralisch verwerflich habe ich das damals nicht empfunden, haben wir doch niemanden gestört und unser Interesse am Alltag dieser Kultur war nicht geheuchelt. Heute stelle ich mir die Frage ob  ich schon damals einer von inzwischen vielen Auslösern war, der diesen Menschen den Weg in eine neue Entwicklung gezeigt hat, die mit ihrer ursprünglichen Lebensweise recht wenig zu tun hat? Man kann sich auf jeden Fall der Tatsache nicht verschließen, das sich hier einiges Verändert hat. Geld ist für die Massai zur begehrten Zahlungsart geworden. Es gibt inzwischen viele in moderner Bauweise erstellte Schulen auf Massai Gebiet. Dies ist durchaus begrüßenswert, sofern man den Kindern auch vernünftige Dinge beibringt. Aber Kneipen und kleine Läden hat die schöne neue Welt auch entstehen lassen, und was Alkohol mit Naturvölkern anrichtet, ist allgemein hin bekannt – da machen auch die Massai keine Ausnahme. Man kann sich heute kaum einem Boma nähern, ohne regelrecht gedrängt zu werden, gegen eine viel zu hohe Gebühr ein einzelnes Foto zu machen. Dabei verhalten sich die Menschen auf so traurige Weise selbsterniedrigend, dass es mir fast weh tut selbst mit der Kamera unterwegs zu sein. Ich mache einige Versuche mit den Menschen zu kommunizieren, so dass ein ausgewogener Handel zustande kommt. So richtig klappen tut es aber nicht. Immer gehen unsere Vorstellungen weit auseinander. So bleibt es bei einen wenigen Schnappschüssen, bevor ich entnervt aufgebe um an diesem für beide Seiten unschönen Prozess nicht weiter Schuld zu sein. Die Massai sind dabei ihre Würde zu verlieren, was mich wirklich schmerzt.

Sind sie doch eines jener stolzen Völker, die uns bis in die heutige Zeit vorgelebt haben, dass ein Leben im Gleichgewicht mit der Natur möglich wäre. Doch, dass letztendlich alle Menschen auf der Welt gleich sind zeigt die einfache Tatsache, dass auch dieses Volk den Verlockungen des Besitzes nicht widerstehen können. Statussymbole sind z.B. Handys oder Uhren, auch wenn sie die Uhrzeit gar nicht ablesen können. Mehr Rinder zu besitzen bedeutet für sie ein mehr an Ansehen und somit mehr Wohlstand. Dies führt dazu, dass heute viele Savannen außerhalb der Schutzgebiete völlig übernutzt sind. Es sind natürlich gerade Touristen wie wir, die in Jeeps, beladen mit teuren Kameras, guten Kleidern, und sonstigem Schnickschnack, in das Massai-Land einfallen und Begehrlichkeiten wecken. Ihnen wird vorgelebtl, dass es auch ein anderes Leben abseits materieller Armut, ohne fliesend Wasser, Strom oder abwechslungsreichem Essen gibt. Es wird dabei kaum erkannt dass diese Lebensart mit den örtlichen Strukturen und Realitäten kaum kompatibel ist.  Der Kontakt zur Konsumgesellschaft schafft neben der Natur auch viele menschliche Verlierer was auch für unseren kurzen, an der Oberfläche haftenden Blick allzu klar ist. Wäre nun ein generelles Fernbleiben aus solchen Regionen die Lösung? Naturvölker gar isolieren? Das ist natürlich Quatsch. Jeder Mensch auf der Welt sollte die Möglichkeit zur freien Entscheidung haben, wie er sein Leben gestalten möchte. Doch nicht Jeder hat dazu die gleichen Vorraussetzungen. Besonders in den sogenannten Entwicklungsländern fehlt allzu häufig die notwendige Bildung. Diese ist notwendig, damit Menschen die Verlockungen der einfallenden „Moderne“ auch richtig zu gebrauchen und einzuschätzen wissen. Unsere westliche Wertegemeinschaft schreibt sich gerne die moralische Überlegenheit durch praktizierende Demokratie auf die Fahne. Dabei wird allzu häufig vergessen, dass der durch unsere Marktmacht über die restliche Welt gebrachte Turbokapitalismus in den wenigsten Fällen Menschlichkeit und Fairness fördert. Dies ist eine Doppelmoral die ich abstoßend finde. Besonders im Falle des populären Safaritourismus in afrikanischen Wildnisgebieten ist die Bewertung von „richtig“ oder „falschem“ Handeln ziemlich schwierig. Denn gerade das hochpreisige Segment des Tiere-Beobachtens durch zahlungskräftige Besucher hat dazu geführt, dass Schutzgebiete entstanden sind, in denen auch heute noch große Herdentiere ungestört über natürliche Graslandschaften ziehen können. Als ich für das Thema „Savanne“ im Vorfeld der Reise recherchiert habe, ist auch hier schnell klar geworden, dass diese Ökoregion schon massiv durch den Menschen in Beschlag genommen wurde. Grassland eignet sich natürlich hervorragend zum Ackerbau und zur Viehzucht. Ich bin überzeugt, dass es ohne Safaritourismus in der heutigen Zeit selbst in Afrika so gut wie keine intakten Kreisläufe innerhalb des Lebensraumes Savanne mehr geben würde.

Extreme Schönheit 16.06.2011

Der „Salar de Uyuni“ ist der größte Salzsee der Welt und mit einer Fläche von ca. 12.000 qkm. Er ist fast 22 mal so groß wie der heimatliche Bodensee. Man könnte ihn als langweilig bezeichnen. Als lebensfeindlich, kalt und unwirklich allemal. Doch in dieser Reduzierung liegt eine Kraft, der mehr und mehr Menschen erliegen, die, so wie ich, diese riesige Salzkruste als Sehnsuchtsziel erklären. Ich befinde mich im bolivianischen Hochland, dem Altiplano. Diese Hochebene zwischen zwei Andenkordilleren ist eine raue, aride Landschaft mit einer Durchschnittshöhe von 3700 Metern.


In gleichmäßigem Tempo rollt mein Geländewagen seit nunmehr einer halben Stunde über die mal raue, mal spiegelglatte Oberfläche des ausgetrockneten Sees. Um ordentlich Arbeiten zu können habe ich mir das Privileg der unabhängigen Mobilität gegönnt und bin so nicht auf eine geführte Tour angewiesen. Ich folge diversen Reifenspuren nach Westen. Wegen der Erdkrümmung verliert sich der Horizont lange Zeit in der Unendlichkeit. Als zuverlässige Orientierungshilfe erweist sich der im Norden bis auf knapp 6000 Höhenmeter aufragende Vulkan Tunupa. Zuerst kommen die Kordilleren ins Blickfeld die Bolivien und Chile als Landesgrenze dienen. Kurz darauf manifestieren sie sich als dunklere Flecken vor der Bergkulisse: Inseln, die die Eintönigkeit auf vielfach angenehme Weise durchbrechen. Auf diesen Erhebungen im ansonsten brettflachen Salzmeer hat sich eine erstaunliche Vegetation entwickelt, die für mich der Hauptgrund war, mich diesem Thema fotografisch anzunehmen. Über zehn Meter hohe Säulenkakteen mit zum Teil biblischem Alter blicken hier von ihren Aussichtpunkten auf die sich unter ihnen ausbreitende Wüste.

Die Landschaft ist wie geschaffen für anspruchsvolle Fotografie. Weit auslaufende Horizonte für frühes und spätes Sonnenlicht und Erhebungen in Form der Inseln, auf denen sich all die Farbenpracht der wechselnden Stimmungen abbilden. In den ersten Tagen steuere ich diverse Inseln an um mich zu orientieren, Motive zu sammeln und einen Eindruck zu bekommen wie sich das Licht im Wechsel der Tageszeiten verhält. Ich befinde mich in der Übergangsphase von der Regenzeit zur Trockenzeit. Wenngleich auch kein Regen mehr zu erwarten ist, sind die Horizonte doch täglich mit leichten Wolkenformationen geschmückt. Diese helfen mir während meinen morgen- und abendlichen Fotoexkursionen bei der Motivgestaltung. Ein Himmel mit Struktur schafft Inhalt und meist auch Farben die ein Foto stark bereichern.

Der Tag beginnt für mich eine Stunde vor Sonnenaufgang. Den inneren Schweinhund zu überwinden und sich aus dem Schlafsack zu schälen ist nicht allzu schwer. In dieser absoluten Stille und Einsamkeit einen Tagesanbruch zu erleben ist so großartig das es dazu keine weitere Motivation benötigt. Im Schein meiner Stirnlampe steige ich über scharfe Korallenfelsen zu jenen Punkten die ich am Vortag als mögliche Motive ausgemacht habe. Über mir leuchtet das Universum in all seiner Pracht. Irgendwann beginnt am Horizont das erste Aufflackern des neuen Tages. Das sind magische Minuten. Die Kraft der Sterne über mir lassen nach, doch die Skulpturen um mich herum scheinen zum Leben zu erwachen. Ständig wechselt die Stimmung und die faszinierensten Farben produziert die Sonne auf indirekte Weise noch bevor sie am Horizont erschienen ist. Bald merke ich, dass die Inseln keineswegs unbewohnt sind. Zwischen den Felsen huschen immer wieder hasenartige Wesen umher, die mit ihren Schwänzen auch ein wenig wie große Mäuse aussehen.

Viscachas werden diese Gesellen genannt. Sie sind zwar recht scheu, aber in der Distanz gut zu beobachten. Erstaunlich viele Vögel leben von der kargen Vegetation der Inseln. Ich entdecke diverse Blumenarten, deren Blüte aber jahreszeitlich bedingt am beenden ist. Im Abendlicht und mit der hereinbrechenden Nacht dreht sich das Spiel mit dem Licht praktisch um. Nachdem die Sonne die Bildfläche verlassen hat, kleidet sich die Welt in Farben von deren Existenz man am Tage nur träumen kann. Ein wichtiger Aspekt dieses Projektes ist für mich, den Salar bei Nacht zu fotografieren. Leider begann ich die Tour bei Neumond. Das fehlende Mondlicht hat Aufnahmen dieser Art bisher verhindert. Doch mit jedem Kalendertag wird die Sichel ein wenig Größer. „Gut Ding will Weile haben.“, auch in der Fotografie.

 

Nach einer knappen Woche fahre ich zurück in das kleine Städtchen Uyuni, das praktisch für jeden Salzseebesucher Basislager und Ausgangsort ist. Hier sortiere ich meine bisherigen Bilder, um zu schauen wo ich mich verbessern kann. Während der Sichtung von hunderten Fotos bläst ein gewaltiger Sturm über die Ortschaft hinweg. Staubwolken nehmen die Sicht und rauben den Atem und lassen die Region noch lebensfeindlicher erscheinen, als sie an normalen Tagen eh schon ist. Zur Belohnung schenkt der Sturm uns allen einen grandiosen Sonnenuntergang mit Wolkengebilden die wohl göttlichen Ursprungs sein müssen. Leider habe ich davon vom Hotelzimmer aus fotografisch nicht profitieren können. Der Sturm markierte einen Wendepunkt, den ich erst einige Zeit später bemerkte.

Über eine Holperpiste führt der Weg auf 20 Kilometern Richtung Salzsee. Unzählige Plastiktüten flattern abgefangen vom kargen Steppengebüsch im Wind. Ein Schauspiel das man im Umkreis von den meisten Ortschaften des Altiplano zu sehen bekommt und das deutlich macht, wie wenig auch hier der Kreislauf von Konsum und Entsorgung im Griff ist.

Colchani gilt als Zentrum der Salzgewinnung. Aus mehr als ein paar windschiefen Lehmhütten und einem abgebrochenem Schlagbaum auf dem Hauptweg zum Salzsee besteht der Ort aber nicht. Von hier aus wird in harter körperlicher Arbeit mit einfachsten Mitteln das Salz abgebaut. Es wird auf kleine Häufchen geschippt oder mit der Spitzhacke in Blöcke geschlagen. Die Menschen arbeiten von Morgens bis Abends im gleißenden Sonnenlicht. Neben der Viehzucht und dem Quinoa Anbau ist dies zumindest eine der Möglichkeiten für die hier lebende indigene Bevölkerung, sich das Überleben in einer lebensfeindlichen Umgebung zu sichern.

Doch seit vielen Jahren ist bekannt, dass die Bolivianer eigentlich auf einem Goldschatz sitzen. Unter der Salzkruste lagern viele begehrte Edelmetalle, nach denen die globalisierte Welt gierig ihre Finger ausstreckt. Man vermutet bis zu 5,4 Millionen Tonnen des Leichtmetalls Lithium im Bauch des Salar. Insbesondere für die Automobilindustrie sind diese Vorräte wichtig, da man Elektromobilität ohne ausreichend Lithium wohl nicht umsetzen kann. Seit langem versuchen multinationale Konzerne Schürfrechte am großen Salzsee zu bekommen. Immer sind sie am Widerstand der Bevölkerung gescheitert. Das ist auch gut so, denn sonst würde, wie so oft auf der Welt, der große Reibach von Fremden gemacht, und jene, denen der Ressourcenschatz gehört, gehen leer aus.

Doch es wird sich auf jeden Fall etwas ändern im Land der Weite. Uyuni wird demnächst per Flugzeug erreichbar sein, um den zu erwartenden steigenden Besucherzahlen die lange mühsame Anfahrt von La Paz zu ersparen. Außerdem möchte die aktuelle bolivianische Regierung unter Morales die Schätze des Salar aus eigener Kraft ausbeuten. Die zu erwartenden Gewinne sollen so dem Land und der lokalen Bevölkerung zu Gute kommen. Ziel ist der Aufbau einer nationalen Industrie aus eigenen Mittel. Eine erste Probeanlage ist inzwischen in Betrieb. Wie die Geschichte sich entwickelt, weiß zum jetzigen Zeitpunkt niemand. Mit der Beschaulichkeit ist es auf jeden Fall in einigen Teilen der Region vorbei.

Ich bin froh, als ich wieder bei meinen stummen Kameraden auf den Inseln bin, um meine Arbeit fortzusetzen. Inzwischen habe ich auch Bereiche des Sees entdeckt, die noch nicht ausgetrocknet sind. Eine wenige Zentimeter dicke Wasserschicht schafft Spiegelungen und kreiert neue Motive. Alles ist in perfekter Symmetrie. Auch der Vulkan Tunupa kommt so zu fotografischen Ehren.

Das Wasser hat aber auch seine Tücken, besonders für unerfahrene Selbstfahrer wie mich. In Übergangsphasen können Bruchstellen entstehen, die einem sehr schnell in unschöne Situationen bringen. Zwei Mal bin ich im Laufe der Expedition mit dem Wagen eingesackt. Immer weit weg vom Schuss, und nur mit großem zeitlichen und körperlichen Aufwand ist es mir gelungen, mich wieder zu befreien. Hinterher ist man natürlich stolz es geschafft zu haben, aber während man festsitzt, ist das alles andere als witzig. Das Salz selbst ist in ständiger Veränderung. Unterirdische Wasseradern kreieren an der Oberfläche fantasievolle Salzaugen unterschiedlichster Größe. Oft bildet sich die Oberfläche als Sechsecke ab. In der ersten Junihälfte, mit dem sich zurückziehenden Wasser, sind es meist nach unten eingerissene Kanten, die zum Teil noch mit Wasser gefüllt sind.

Zwei Dinge haben sich inzwischen geändert. Es gibt seit Tagen absolut keinen Hauch einer Wolke mehr. Der Sturm scheint alles nachhaltig weggeblasen zu haben. Fotografisch schränkt mich das noch weiter ein. Kaum schaut die Sonne am Morgen über den Horizont, hat sie nach wenigen Augenblicken schon eine solche Kraft, dass ich die Kamera praktisch wegpacken kann. Ich konzentriere mich von nun an auf das Dämmerlicht. Außerdem hat der Mond inzwischen eine gut zunehmende Masse, so dasd die Aufnahmen im Sternenlicht von Nacht zu Nacht besser werden.

Mit den fehlenden Wolken scheint der Winter endgültig Einzug gehalten zu haben. Die Nächte sind nun empfindlich kalt. Bei Minus 9 Grad fällt einem das morgendliche aus dem Schlafsack schlüpfen nicht mehr so leicht. Dabei muss ich immer an die hier lebenden Menschen denken. Das ist echt hart, zumal man bedenkt dass das Thermometer hier in einigen Wochen auf bis Minus 20 Grad fallen wird. Die langen Wartezeiten während des Tages verbringe ich mit lesen oder schlafen. Eingehüllt in zahlreiche Schichten Kleidungen werden die Wanderungen in der Nacht zunehmend länger, so dass ich über den Ausgleich am Tage ganz dankbar bin. Man darf auch nicht vergessen, dass ich mich hier auf knapp viertausend Metern Höhe befinde. Da ist man auch nach der Aklimatisierungsphase in allem was man tut etwas langsamer. Im Schein des Mondes erscheinen die Kakteen nochmals in ganz anderer Art und Weise auf dem Kamerachip. Ob im Gegenlicht oder direkt angestrahlt, es entstehen spannende Stimmungen. Als der Mond seinen vollen Umfang fast erreicht hat, ist die Lichtmenge ausreichend, um die dunklen Inseln sichtbar zu machen, ohne die helle Fläche des Salars zu überstrahlen. Über allem thront majestätisch das Sternenzelt. Es sind unvergessliche Touren hier draußen im kalten Nichts, das doch soviel Schönheit bietet.

Als sich mein Aufenthalt dann dem Ende neigt, werde ich noch mit einem Naturerlebnis belohnt, das so in meiner bisherigen zwanzigjährigen Zeit als Fotograf nicht vorgekommen ist: Bei der Rückfahrt über das Salzmeer sehe ich plötzlich am Horizont eine Bewegung. Bei näherem Betrachten erkenne ich eine Gruppe Flamingos, die in den Weiten des Altiplanos zu Hause sind, und die den See gerade überqueren. Sie fliegen in wechselnder Formation knapp über der Salzfläche. Ich bringe meinen Wagen in paralleler Stellung zur Flugbahn, öffne irgendwie das Beifahrerfenster, greife hinter mich zur Kamera und versuche das Ganze festzuhalten.

Ich habe Glück das Salz ist hier recht glatt. Mit dem linken Fuß gebe ich Gas, der Rechte fixiert das Lenkrad. Bei ca. 80 Stundenkilometern brauche ich beide Arme um meine Kamera mit dem 200-400 mm Objektiv halten zu können. Viel Zeit zum nachdenken bleibt eh nicht. Erst ein beginnender Wasserbereich stoppt mich und ich realisiere was für eine unglaubliche Begegnung ich hier gerade hatte. Ein würdiger Abschluss eines wunderbaren Abenteuers.

 

 

 

 

 

 

Fenster in die Vergangenheit 12.02.2010

Die Kanarischen Inseln lassen sich geografisch gesehen nur schwer dem europäischen Kontinent zuordnen. Politisch gehören sie aber zu Spanien und sie haben eine wirkliche Besonderheit im Waldbereich vorzuweisen. So habe ich mich kurzerhand entschlossen dem frostigen Winter, der ganz Mitteleuropa unter eine graue Wolkendecke gehüllt hat, für kurze Zeit zu entkommen. Es ist mir ehrlich gesagt sehr leicht gefallen, die langen Unterhosen der letzten Fototouren gegen leichte Trekkingkleidung zu tauschen und die zweitkleinste der Kanareninseln anzusteuern. Mein Ziel sind die Lorbeerwälder auf La Gomera. Diese Waldart, die hier in den Bergen der vulkanischen Inseln vorkommt, ist eine biologische Rarität. Ein auf der Welt einmaliges Ökosystem. Sie gedeiht in Regionen mit hoher Luftfeuchtigkeit und geringen jährlichen Temperaturschwankungen.

La Gomera  5585

Vor Jahrmillionen bedeckten diese subtropischen Wälder die Küsten des gesamten Mittelmeerraumes. Als es in Europa immer kälter wurde, verschwanden sie für immer aus unseren Breitengraden. Nur auf den Inseln im Atlantik und in Tropenwaldgebieten bestimmter Höhenlagen hat dieser Naturraum überleben können. Auf Gomera kann man diese lebenden Fossile am Besten bestaunen. Rund zwanzig Prozent der ursprünglichen Waldfläche des Kanarischen Archipels sind bis heute erhalten. Hier im Garajonay Nationalpark wächst gut die Hälfte des Lorbeerwaldes, der die Schwankungen des Klimas und später die menschlichen Eingriffe als Naturwald überstanden hat.

La Gomera  5583

Das ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, welch starkem demographischen Druck die Insel zeitweise ausgesetzt war. Dass der Mensch ein Herdentier ist, wird mir mal wieder eindeutig klar, als ich beim Transfer vom Flughafen Teneriffas nach Gomera einige Eindrücke auf die Touristenzentren erhalte. Dort zwängen sich tausende sonnenhungriger Urlauber zwischen den Strand und die Uferpromenade und blicken dabei auf ihre hässlichen Betonburgen. Diese Art von Pauschalurlaub habe ich noch nie verstanden. Wenngleich man Fairerweise sagen muss, dass die schiere Masse an Erholungsbedürftigen auch eine mengengerechte Versorgung erfordert. Soviel Naturraum gibt es gar nicht, als dass man in der modernen Touristik alle Reisenden in ursprüngliche Dörfer und Lebensräume schicken könnte. Viele Menschen legen darauf wohl auch keinen allzu großen Wert. Auf La Gomera ist der Massentourismus, glücklicherweise, bis heute nicht angekommen.

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Entdeckt von den Hippies als Aussteigerparadies in den sechziger Jahren, kann man im „Valle Gran Rey“ bis heute einen Hauch dieses relaxten Lebensgefühles spüren. Allabendlich versammeln sich die Alternativurlauber am Strand von „La Playa“ zum Sonnenuntergang. Meist wird dazu fröhlich musiziert und allerlei Kunststücke, wie das Jonglieren, dargeboten. Ich habe mich eindeutig zu nah am Brennpunkt einquartiert. Das fröhliche Treiben hält mich trotz starker Müdigkeit bis spät in die Nacht vom Einschlafen ab. Um halb fünf klingelt der Wecker, gnadenlos. Ich muss dringend an einem ruhigeren Ort umziehen, was mir inzwischen auch gelungen ist. Von einem Parkplatz im Nationalpark erreiche ich nach einer halbstündigen Wanderung den höchsten Punkt der Insel. Ich befinde mich auf knapp 1500 Metern. Noch herrscht absolute Dunkelheit. Es ist fast Neumond. Eine schmale Sichel erhebt sich knapp über dem Horizont. Die klare Meeresluft lässt ein unglaubliches Sternenmeer über mir erstrahlen. Vor mir, weit unterhalb meines Standpunktes sehe ich ein beeindruckendes Schauspiel. Zarte Farbnuancen der Dämmerung lassen alsbald den Beginn des neuen Tages erahnen. Warme Luft aus dem Westen liegt über den kälteren, feuchten Schichten, die von östlichen Passatwinden herantragen werden. Die warme Luft verhindert deren Aufsteigen, so dass sich unter mir ein Wolkenmeer ausbreitet.

La Gomera  5582

Am östlichen Horizont erhebt sich majestätisch die Insel Teneriffa mit ihrem Vulkankrater Teide. Die zahlreichen Lichter der menschlichen Ansiedlungen liegen gnädig unter der Wolkendecke. Wären da nicht die Geräusche der schon um diese Zeit zahlreichen Autos, wäre die Illusion der Zeitreise für diese frühe Uhrzeit perfekt. Im späteren Verlauf des Tages erkunde ich die Hochlagen des Lorbeerwaldes. Für spannende Aufnahmen ist es am Besten, die Pflanzen zu fotografieren wenn sie vom Feuchtigkeit spendenden Nebel eingehüllt sind. Allzu viel Glück hatte ich, was diesen Aspekt meiner Arbeit betrifft, in den ersten zwei Tagen noch nicht. An einer Stelle konnte ich für kurze Zeit erahnen, was für magische Motive dieser Urwald bereit hält. Ich bin sehr gespannt wie sich die kommenden Tage entwickeln. Wenn der Nebel kommt, werde ich bereit sein. Während ich diese Zeilen schreibe, ­färbt die untergehende Sonne die Wolken am Horizont in ein knalliges Rot.

La Gomera  5586

Momente wie dieser lassen mich in wohligem Kribbeln erschaudern. Ich verspüre tiefe Dankbarkeit, dass ich diesen wunderbaren Planeten bereisen und seine Schönheit dokumentieren darf.

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