Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: Wald

Wo Bäume sterben dürfen 22.09.2009

Für die Wanderung in das Naturschutzgebiet bei Elimyssalo hatte ich mir die Landkarte ziemlich genau angeschaut und dann so geplant, dass  ich eine möglichst gute Ausbeute an Fotos erstellen kann. Im Zentrum der Landschaft liegt ein etwa ein Quadratkilometer großer See,  der von einer Kernzone echten Urwaldes umgeben ist.  Die Karte zeigt am östlichen Seeufer auf einer Landzunge einen Schutzstand mit Feuerstelle. Vom Parkplatz aus hatte ich ca. 7 km zu laufen, um an diese Stelle zu kommen.  Da ich meine komplette Fotoausrüstung dabei haben wollte, packte ich neben einer Wasserflasche, etwas Brot und Käse nur noch meinen Schlafsack ein.  Eine Nacht auf hartem Untergrund sollten meine alten Knochen noch Aushalten. Übernachten musste ich, um dann am See zu sein, wenn die Chance auf das beste Licht am Größten ist. Auf der ganzen Tour bin ich dann keiner Menschenseele begegnet.

Elimyssalo 21-09  1713

Ich hatte den Wald, die Moorwiesen und den See für mich ganz allein.  Der Weg durchquert verschiedene typische Vegetationsarten dieser Landschaft.  Durch Moore läuft man über einen für die Besucher angelegten Steg, im Wald hat ein schmaler Pfad den Bodenbewuchs verdrängt.  Nach zwei Kilometern durchquert man das Gelände einer alten Farm, auf der bis in die fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts eine Familie gelebt hat. Ihr hartes Leben in wilder Natur wird vorbeikommenden Wanderern mit Schautafeln erklärt und die renovierten Gebäude lassen ahnen wie der Alltag aussah bevor die Lebensmittel aus dem Supermarkt kamen. Das ist zumindest hier in der Taiga noch gar nicht so lange her. Erstaunlich ist, dass keine zwei Kilometer hinter dem ehemaligen Anwesen die Kernzone des Naturschutzgebietes beginnt, in der noch nie ein Baum gefällt wurde. Hier ist es regelrecht spürbar, dass die Kreisläufe intakt sind. Alle Arten durchlaufen hier ihren kompletten Lebenszyklus.  Bäume dürfen alt werden und sogar sterben, was den meisten ihr Artgenossen die im Forstwald wachsen, vorenthalten wird. Die Natur ist  einfach bezaubernd und ich wünschte ich hätte den Wortschatz eines Poeten, um dies in Worte zu fassen. Uralte Fichten mit langen Flechten an den Ästen säumen den Pfad.

Elimyssalo 21-09  1710

Flechten sind ein Erkennungsmerkmal von alten Bäumen, beginnen sie doch erst nach vielen Jahren zu wachsen. Für wildlebende Rentiere sind sie, besonders in den Wintermonaten, die wichtigste Nahrungsquelle. Wenn die Böden gefroren sind bleiben nur die an den Ästen hängenden Pflanzen zur Sättigung des Hungers. Wildlebende Rentiere waren Ende des neunzehnten Jahrhunderts in Finnland durch die Jagd ausgerottet worden. Später wurden sie, ähnlich wie der Wolf, wieder über Russland kommend, auch diesseits der Grenze heimisch. Heute leben wieder viele Rentiere in den finnischen Wäldern, leider ist mir bisher keines begegnet. Das mag wohl auch daran liegen, dass gerade die Jagdsaison läuft und die Tiere wohl deshalb extrem scheu sind. Staunend laufe ich durch den Wald und glaube kaum meinen Augen zu trauen als ich auf große Haufen stoße, die mit allerlei Leben erfüllt sind. Haben sie schon mal Ameisenhügel gesehen, die größer waren als sie selbst?

Elimyssalo 21-09  1711

Zwei Meter hoch türmen sich regelrechte Ameisengroßstädte vor mir auf. Unzählige kleine Arbeiterinnen sind damit beschäftigt, Reisig und kleine Blätter in die oberen Etagen zu bringen. Ich denke es gibt kein vergleichbares menschliches Bauwerk, das vom Maßstab her mit diesen Riesentürmen mithalten kann. So etwas Großartiges kann nur über viele Jahre entstehen, in einer Umgebung, die intakt ist. Ich erreiche den See an einer kleinen Bachmündung die von einem Biber aufgestaut wurde. Überall ragen die für Biber typischen angeknabberten Baumstümpfe aus dem Boden. Die Oberfläche des Gewässers wird von starken Winden gekräuselt und ich hoffe insgeheim, dass sich dies bis zum Abend hin noch ändert. Zwischen der offenen Wasserfläche und dem Wald verläuft ein Moosteppich, der von unten mit Feuchtigkeit durchnässt ist. Es ist ein bisschen wie wenn man auf einem Wasserbett läuft. Alles schwankt und doch ist die Schicht stark genug, um mich zu tragen. Ich erreiche den Unterstand am frühen Abend. Das muss man den Finnen lassen. Ihre Raststationen sind tiptop. Eine Feuerstelle befindet sich direkt am Shelter und dahinter ein Schuppen mit fertig gesägtem Feuerholz und einer Biotoilette. Bevor ich mit der Kamera losziehe, um meine Abendlichtaufnahmen zu machen, bleibt noch Zeit mein Nachtlager vorzubereiten. Na ja, viel mehr als den Schlafsack ausrollen und meine Regenjacke als Isomatte zu benützen, bleibt nicht zu tun.  Der Unterstand ist nach vorne hin offen, so dass ich direkt auf die Feuerstelle und den See blicken kann. Das ist schon ziemlich idyllisch hier und so vergeht die Zeit bis zum Sonnenuntergang wie im Flug. Der Wind flaut erst ab, als ich längst am Feuer sitze und die absolute Stille dieser Landschaft genieße. Dann ist es plötzlich da, das Motiv auf das ich gehofft hatte. Die Silhouette der Bäume spiegelt sich perfekt im See und die letzten Wolken machen aus der Sache fast ein Kunstwerk.

Wo Bäume sterben dürfen  1713

Zufrieden lege ich mich in den Schlafsack, wenngleich es natürlich relativ robust zugeht und sich eine gemütliche Position nicht wirklich finden will. Zuvor lege ich nochmals ein paar Scheite aufs Feuer. Die geben mir zumindest beim Einschlafen das Gefühl all die Tiere fernzuhalten, die ich in den Tagen zuvor im Fotoversteck gar nicht nah genug haben konnte. Irgendwann schrecke ich mitten in der Nacht auf, es ist Neumond und wirklich stockdunkel. Im Halbschlaf höre ich ein Geheule und denke, dass meine Zeit nun gekommen ist. Es dauert einige Sekunden bis ich mir sicher bin, dass es sich eher um eine Gans als um ein Rudel hungriger Wölfe handelt. Ein ganz leichtes Unwohlsein bleibt bis sich der Schlaf wieder schützend über meine Gedanken legt. Der Wecker klingelt um fünf Uhr, es ist so unbequem, dass ich meinen Schlafsack gerne verlasse. Es hat wohl knapp über Null Grad. Ich schlüpfe in alle Klamotten, die ich dabei habe und freue mich, dass mein Blick auf eine absolut windstille Wasserfläche fällt, die von leichten Nebelschwaden durchzogen wird. Darüber schweben kleine Wölkchen, durch die vereinzelte Sterne blitzen.

Wo Bäume sterben dürfen  1715

So schön kann ein Tag beginnen. Als ich das nächste Mal bewusst auf die Uhr schaue sind fast vier Stunden vergangen. Auch wenn man kein Fotograf ist, sollte jeder Mensch zumindest einmal im Leben einen Tag in solch einer Wildnis beginnen. Um zu sehen und zu spüren wie einmalig schön diese Erde ist auf der wir leben dürfen. Sich wieder als ein Teil des großen Ganzen zu fühlen würde wohl keinen gleichgültig lassen. Die Gleichgültigkeit zu überwinden ist ein wichtiger Schritt in die Richtung, dass zu erhalten was uns umgibt und uns ernährt.

Von Familientreffen & Sauereien 18.09.2009

Finnland Nacht 9  1331

Meine Zeit im Fotoversteck hier im Niemandsland zwischen Finnland und Russland neigt sich langsam dem Ende entgegen. Während die zwei Nächte zuvor relativ unspektakulär waren und ich keine neuen Eindrücke auf die Festplatte bannen konnte, war dieser Abend wieder geprägt von wunderschönen Momenten. Es ist abermals das Wolfsrudel, das mich fasziniert und Szenen bereithält, die wie in einem Traum an mir vorbeirauschen. Die Sonne war gerade hinter dem Horizont verschwunden und zwei Bären schon seit einiger Zeit damit beschäftigt die bereitgelegte Sau fachgerecht zu zerlegen, als ich in der Ferne zwei hellgraue Punkte aus dem Wald kommen sah. Es scheint tatsächlich so, dass Wölfe eigentlich stolze Jäger, vom Instinkt her den schützenden Mantel der Dämmerung brauchen, um sich auf eine offene Fläche zu wagen. Zu tief sitzt wohl die Angst selbst zum Gejagten zu werden. Zwei Wölfe konnte ich beobachten, einer davon war wohl erst wenige Monate alt, wie sie auf die andere Seite des Sumpflandes rannten, wo sie von vier Anderen mit freudigem Schwanzwedeln herzlich begrüßt wurden. Es war eine rührige Szene wie sie sich liebevoll umtollten und abschleckten. Am besten kann man sich die Situation vorstellen wenn man weiß wie sich Hunde freuen können und da Wölfe eigentlich nichts anderes sind als die wilde Variante unserer domestizierten Haushunde gleichen sich die Abläufe doch sehr. Ähnlich wie eine Hauskatze praktisch dieselben Bewegungen macht wie ihre großen Verwandten, die Tiger.

Finnland Nacht 9  1332

Zwei der Wölfe haben sich etwas später näher an mein Fotoversteck gewagt was mir dann auch noch schöne fotografische Impressionen ermöglichte. An dieser Stelle muss man mal ein Hoch auf die digitale Fotografie aussprechen. Bilder wie diese wären früher, zumindest in dieser Qualität nicht möglich gewesen. Während bei einem Diafilm früher ab 800 ASA das Bild schon von starkem Korn geprägt war, lässt sich die Empfindlichkeit bei hochwertigen Digitalkameras locker auf 1600, 3200 oder 6400 ASA erhöhen und man bekommt immer noch eine ansehnliches Aufnahme. Bei atmosphärischen Motiven wie Wölfe im Dämmerlicht stört mich auch ein wenig Bildrauschen überhaupt nicht solange das Foto seine Emotionalität nicht verliert. Schnelle Bewegungen dürfen die Tiere bei solch einem Licht natürlich nicht mehr machen, sonst hat man keine Chance auf eine scharfe Abbildung.

Finnland Nacht 9  1333

An die Beute sind die zwei Wölfe aber nicht gelangt, der Bär hat den Kadaver resolut verteidigt. Was sich allerdings in der Nacht abspielt, das kann man nur erahnen. Zum Einschlafen höre ich die Geräuschkulisse von durch den Sumpf stampfenden Bären, knackender Knochen und tiefes Grollen, was auf reichlich Aktivitäten schließen lässt. Als ich morgens um fünf den ersten Blick aus dem Schlafsack wage, sehe ich im Schein des ersten zarten Dämmerlichts wie sich immer noch ein Bär am selben Platz herumtreibt. Später ist auch er verschwunden und mit ihm die Beute. Jetzt ist das Feld frei für dutzende Raben, die durch die überall verstreut liegenden Knochenreste immer noch reichlich Nahrung finden. Später frage ich Lassi woher er denn die vielen Schweine bekommt, mit denen er hier das Jahr über seine Bären und Wölfe anlockt. Das muss ja ein Schweinegeld kosten denke ich mir und bin umso überraschter als er mir erzählt, dass er sie vom Produzenten umsonst erhält. Das ist in erster Linie mal sehr erfreulich für Lassi, denn ich glaube wenn er dieses ganze Fleisch regulär kaufen müsste wäre die Sache mit der Tierfotografie wohl unbezahlbar. Als Skandalös empfinde ich aber den Grund, welcher ihm diese Großzügigkeit der Fleischer ermöglicht. In Finnland, und so wohl auch in der gesamten EU gibt es ein Gesetz, das es den Händlern verbietet, Ware zu verkaufen, deren Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist. Vernünftig könnte man meinen; der Kunde soll ja keine verdorbene Ware zu sich nehmen. Fakt ist aber auch, dass das Fleisch bei Ablauffrist in der Regel völlig in Ordnung ist, und so allein in Finnland jedes Jahr Millionen Kilogramm beste Nahrungsmittel auf der Müllkippe bzw. im Verbrennungsofen landet. Man darf sich gar nicht vorstellen wie viel Tiere EU weit umsonst sterben, nur weil sie nicht rechtzeitig einen Abnehmer finden. Auf unserer Welt leben 6,5 Milliarden Menschen. Jeder siebte Mensch, der Abends ins Bett geht, tut dies mit einem Hungergefühl, weil er nicht genügend zu essen bekommt. Unsere Überflussgesellschaft subventioniert unzählige Produktionsabläufe, die oftmals am eigentlichen Bedarf komplett vorbei gehen. Das ist eine Schande, zeigt aber auch auf wie unser Wirtschaftssystem funktioniert. Zumindest ein paar Wölfe und Bären profitieren von diesem Irrsinn, was aber aus meiner Sicht ein schwacher Trost ist.

Finnland Nacht 9  1334

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