Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: Waldverlust

Gebirge Teil 3: “Hauptlauf” 28.04.2013

Um den „Kanchenjunga Base Camp Trail“ zu bewältigen gibt es zwei Varianten. Die Längere führt zuerst zum nördlichen Basislager und dann über einen fast fünftausend Meter hohen Pass zur südlichen Seite des Berges. Man läuft sie als Rundweg um dann wieder in der Nähe von Dobhan, unserem jetzigen Standpunkt, anzukommen. Es bedarf keines Wahrsagers um sich auszumalen dass diese Route für Juliana und mich nicht in Frage kommt. Wegen meiner Fotografie und ihrem reduzierten Tempo würden wir uns in einen Dauerstress begeben, der uns die Tour sehr schnell verleiden kann. Da unser Freund Rolf aber sehr wohl Willens und auch in der körperlichen Verfassung ist die große Runde zu wagen, tritt nun ein Plan in Kraft über den wir schon im Vorfeld gesprochen hatten. Wir werden unsere Truppe in zwei Gruppen aufteilen und unseren Teil auf das nördliche Basislager beschränken, um dann auf dem gleichen Weg wieder zurück zu laufen. Das verschafft uns einen Spielraum von drei bis vier Tagen an denen wir bei Bedarf auch mal pausieren können. Aber vor allen Dingen habe ich am Basislager gegebenenfalls Zeit auf gutes Wetter zu warten um dann meine Bilder zu machen. Nicht auszudenken was wäre, wenn ich da oben vor dem drittgrößten Berg der Welt stehe, und ihn gar nicht zu Gesicht bekomme.

Den ersten Tag Pause gönnen sich Juliana und ich gleich am kommenden Morgen nach unserer Ankunft im Örtchen Dobhan. Der lange Abstieg von Vortag steckt uns noch in allen Muskeln als wir Rolf und seine vier Jungs verabschieden. Sie haben sich ein anspruchsvolles Programm vorgenommen. Sie sollten es mit Bravour schaffen und den Treck sogar zwei Tage früher beenden als geplant. Dafür hat Rolf aber ganz schön leiden müssen. Er hat zwar unseren Guide in seine Gruppe bekommen, aber wir dafür den Koch. Da dieser sowieso der Einzige ist, der bisher schon mal in dieser Region war, haben wir glaube ich einen ganz guten Deal gemacht. Je höher wir laufen, desto spartanischer wird auch unser Essen werden. Doch im Direktvergleich erfreuen wir uns an wesentlich abwechslungsreicherer Nahrung als Rolfs Gruppe. Die nehmen praktisch jeden Tag nur Reis und Tütensuppe zu sich. Als wir uns zum Abschied feste drücken ist es völlig ungewiss wie weit unser Teil der Expedition in die Bergwelt vorzudringen vermag. Julianas Füße sehen wirklich nicht gut aus, und ein wenig Angst vor einem vorzeitigen Abbruch habe auch ich. Offene Füße sind extrem unangenehm und haben schon so manch harten Kerl zum Abbruch einer Wanderung bewogen. Doch ich habe von nun an alle relevanten Stellen mit Blasenpflastern und Klebeband bearbeitet, und ihr immer persönlich die Schuhe fest zugebunden, damit möglichst wenig Reibung auf den Füßen verursachen wird.

Am Ortsrand von Dobhan treffen zwei große Flüsse aufeinander und fließen gemeinsam weiter. Einem werden wir ab Morgen für viele Tage folgen. Wir sind überrascht dass wir überhaupt keine anderen westlichen Wanderer entdecken, als wir uns gegen Abend doch noch aufraffen können, von unserem Campingplatz aus einen Ausflug ins Dorf zu machen.

Die kleine Hauptstraße ist voll mit Nepali die auf ihren Wegen hier eine Rast einlegen. Immer wieder sehen wir Gruppen von beladenen Eseln und Yaks über die Hängebrücken kommen, die Waren in die umliegenden Täler transportieren. Große Stapel Bücher sind auch dabei welche wohl für die Dorfschulen bestimmt sind. Die Leute sitzen vor den Läden und sind meist gut gelaunt – zu gut, wenn man genau hinschaut. Daran ist nicht zuletzt eine durchsichtige Flüssigkeit Schuld, die hier den Namen Roxy trägt und aus hochprozentigem Alkohol besteht.

Gegen achtzehn Uhr bekommen wir ein reichhaltiges Abendessen und liegen frühzeitig auf unseren Matratzen. Eine weitere Nacht guten Schlafes lässt uns am nächsten Morgen voller Elan erwachen und frohen Mutes an die vor uns liegende Aufgabe gehen. Juliana und ich machen uns genau um zehn Minuten nach Sieben auf den Weg. Unsere Jungs sind zu diesem Zeitpunkt noch nicht ganz mit dem Packen fertig. Das macht aber nichts, denn verlaufen kann man sich ja kaum wenn man nur dem Flusslauf folgen muss. Noch liegt das Tal im Schatten und wir kommen gut voran obwohl es von Anfang an rauf und wieder hinunter geht. Mal verläuft der Pfad auf Flusshöhe, mal blicken wir einige dutzend Meter von oben auf das reißende Wasser herab.

Nach einer Stunde kommen wir an eine Stelle, an der zwei Täler zusammentreffen. Kennen Sie das Gefühl sich total sicher zu sein das Richtige zu tun? Ich habe mir vor dem Beginn der Etappe nochmals die Wanderkarte angeschaut und war mir sicher dass ein weiterer Blick nicht nötig sei. Also bleibt die Karte in der Tasche und wir haben den Weg im selben Tal fortgesetzt. Als die Sonne über die Flanke des Bergzuges wandert und die Gegend von jeglichem Schatten befreit ist, wird es sofort um viele Grade wärmer. Wir sind in der tropischen Klimazone und keine Wolke hat uns an diesem Morgen die Hitze etwas gemildert. Irgendwann werde ich dann nervös, denn unsere Helfer hätten uns eigentlich längst einholen müssen. In einem kleinen Dorf halten wir an. Es ist inzwischen fast neun Uhr und die Sonne knallt auf uns herab als wäre es zwölf Uhr Mittags. Alles zieht sich in mir zusammen als ich dann doch auf die Landkarte blicke und merke dass wir hätten in das andere Tal einbiegen müssen. Wie kann man nur so dämlich sein? Es hilft alles nichts, wir müssen umkehren. Insgesamt haben wir drei Kilometer zusätzlichen Weges angehäuft. Auf einer normalen Straße ist diese Distanz kaum der Rede wert, aber hier in Nepal ist das eine ordentliche Strecke. Wir sind kaum im richtigen Tal angekommen da sehen wir in der Ferne drei unserer Jungs auf uns zulaufen. Die haben natürlich gemerkt dass etwas nicht stimmt und sind uns suchen gekommen. Schön zu sehen das man sich auf sie verlassen kann. Der Tag zieht sich wie Kaugummi in die Länge. Stunde um Stunde kämpfen wir uns voran. Am meisten macht uns die Hitze zu schaffen. Das Thermometer zeigt fast vierzig Grad. An jedem kleinen Bach den wir passieren lassen wir kaltes Wasser über unsere Köpfe rinnen und kühlen so etwas ab. Stellenweise ist der Weg kaum mehr als ein kleiner Trampelpfad der sich durch unwegsames Gelände windet und mit Wurzeln und losem Gestein bedeckt ist. Oft laufen wir durch Wald, dessen Blätterdach aber kaum einen geschlossenen Schatten erzeugt. Immer wieder wandert mein Blick die steilen Berghänge empor welche rechts und links neben uns aufragen. Praktisch überall leben Menschen.

Kaum zu glauben an welchen steilen Hängen kleine Gehöfte an den Abhängen kleben. Terrassenförmig angelegte Felder erlauben den Anbau von Nahrung und Tierfutter praktisch an jeder Stelle. Auch hier ist der ursprüngliche Wald stark degradiert. Das ist nicht verwunderlich wenn man bedenkt, dass praktisch alle Bewohner dieser Berge und Täler mit Holz kochen und heizen. Es überrascht mich eher, dass überhaupt noch Holz vorhanden ist, denn das Land hat eine immense Geburtenrate. Nepals Bevölkerung wächst ebenso wie die Ansprüche an deren Lebensqualität. Der Druck auf die natürlichen Rohstoffe wird auch in Zukunft weiter steigen, was nichts Gutes für die Wälder verheißt. Die Menschen brauchen Alternativen, welche z.B. in Form von kleinen Biogasanlagen Realität werden könnten. Der Dung von zwei Rindern reicht aus um diesen zu vergären, und damit Methangas zum Kochen und Heizen zu erzeugen. Die Anschaffung für solch eine Anlage beträgt ca. 300 Euro. Für die meisten Familien ist dies eine unerschwingliche Summe. Zum Glück gibt es seid Jahren internationale Hilfsprojekte welche genau diese Idee unterstützen. Man kann nur hoffen dass diese guten Ansätze mit aller Kraft durchgeführt werden, bevor das Ökosystem unter der Last der Nutzer gänzlich zusammenbricht. Schon siebzig Prozent von Nepals Wäldern sind verschwunden oder stark übernutzt. Gerade im Gebirge werden intakte Wälder aber dringend benötigt. Denn ohne Bäume ist der Boden Wind und Regen ungeschützt ausgesetzt und es kommt zur Erosion und Steinschlag.

Es gibt noch vereinzelte alte Bäume. Fast jedes Dorf das wir passieren hat in seiner Mitte solch einen Riesen stehen. Diese entsprechen wohl den Ulmen, welche bei uns in früheren Zeiten den Mittel- und Treffpunkt des Dorfes markierten. Anhand dieser Exemplare erkennt man das ganze Drama in welchem Zustand sich der Wald befindet. Man muss sie nur mit den Bäumen in den noch vorhandenen Waldresten vergleichen, welche die Dörfer umgeben.

Am späten Nachmittag sorgt eine aufziehende Wolkendecke für etwas mildere Temperaturen. Wir passieren eine Seitenschlucht über eine der zahlreichen Hängebrücken und steigen einen Berghang steil nach oben. Oben angekommen treffen wir auf ein einzelnes Gehöft, vor dem uns ein älterer Herr entgegenlächelt.

Als er Juliana sieht fängt er an vor ihr zu tanzen und zu singen was uns alle sehr erfreut. Seine Frau, die ebenso ein stattliches Alter aufweist, kommt gerade von den Feldern zurück. Sie trägt ein großes Bündel Gras auf dem Rücken, welches von einem Band gehalten wird das über ihrer Stirn liegt. Dieses Paar lebt hier ganz allein. Ihre Tagesabläufe gleichen denen ihrer Vorfahren. Sie haben weder Strom noch andere Errungenschaften des modernen Lebens. Einzig den schwarzen Plastikschlauch kann ich entdecken, welchen praktisch jede Familie inzwischen ihr Eigen nennt. Damit wird Wasser vom nächst gelegenen Fluss direkt ans Haus gelenkt und Tagsüber wenn die Sonne darauf scheint auch ein wenig erwärmt. Die Zwei wirken überaus glücklich, was mich mal wieder stark zum Nachdenken bringt. Vom materiellen Maßstab her sind die Beiden bettelarm. Doch wenig zu besitzen muss nicht gleichbedeutend sein mit einem unzufriedenen Leben. Sind diese Alten aus der Zeit gefallen? Sind wir Kinder der Globalisierung überhaupt in der Lage den Verlockungen des konsumorientierten Alltags zu widerstehen? Das ist sehr schwer, wie ich im Selbsttest immer wieder feststellen muss. Ich betrachte mich als einen durchaus aufgeklärten und sehr kritischen Konsumenten. Trotzdem kann auch ich so manchen Verheißungen nicht entsagen, besonders wenn es um Dinge geht die mich begeistern und interessieren. Auch wenn ich nicht jeden Mist mitmache und viele Dinge aus ökologischen Gründen nicht kaufe, so habe ich immer noch einen viel zu hohen Ressourcenverbrauch innerhalb meines Alltags. Wäre ich ein Vorbild für die gesamte Menschheit so würde der Planet praktisch schon heute einer leblosen Wüste gleichen. Das betrifft neben mir übrigens so gut wie jeden Bewohner der westlich geprägten Industrieländer – eine Tatsache die uns Alle sehr nachdenklich machen sollte. Wie können wir es schaffen die Sehnsüchte der ständig wachsenden Weltbevölkerung zu stillen ohne dabei die Erde völlig zu zerstören? Ich denke es wird nur gehen wenn wir unsere  Lebensziele überdenken und uns neue Werte verordnen. Für was haben wir in unserer Gesellschaft überhaupt noch Platz, außer der Wirtschaft möglichst hürdenfreie Produktionsbedingungen zu verschaffen? Die Politik, welche uns regiert, bewacht und leitet ist inzwischen in weiten Teilen der Welt von der Knechtschaft der Diktatur befreit und durch Demokratie ersetzt worden. Doch diese ist in solch erschreckendem Ausmaße von den Interessensverbänden der Großindustrie unterwandert, dass einem wirklich Schlecht werden kann. Solange sich daran nichts ändert wird auch weiterhin das Mantra des glückverheißenden ungebremsten Wachstums gepredigt und die Welt immer schneller an den heute schon abzusehenden Abgrund gedrängt.

Solche und viele andere Gedanken sind mir auf dieser Reise oft im Kopf umhergeschwirrt. Einer der Vorzüge des langsamen Wanderns ist das man viel Zeit zum Nachdenken hat.

Inzwischen sind uns zwei unserer Träger mit einer Kanne Tee und Keksen entgegen gekommen, um uns die restlichen Meter zum Ziel der Tagesetappe zu begleiten. Die Burschen sind viel schneller als wir und haben dazu noch Kraft zu uns zurückzulaufen um zu helfen. Das werden sie in den kommenden Tagen noch öfters tun, und wir sind darüber immer sehr dankbar. Obwohl uns natürlich, zumindest in diesen tiefen tropischen Lagen, ein eiskaltes Apfelschorle lieber wäre als der heiße Tee.

Als wir am Abend in einem nicht sonderlich gemütlichen Gästehaus die Wanderschuhe abstreifen sind wir fix und fertig. Erfreulicherweise hat sich der Zustand von Julianas Füßen nicht verschlechtert was uns Grund zur Hoffnung gibt. Auch in den kommenden zwei Tagen wird die Hitze unseren  Tagesablauf prägen. Wir starten so früh wie möglich, doch natürlich ist es nur eine Frage der Zeit bis uns die Sonne ihre volle Kraft entgegenstrahlt. Erst ab der vierten Etappe wird es merklich kühler und angenehm. Zu diesem Zeitpunkt haben wir uns schon wieder auf zweitausend Meter hochgearbeitet und inzwischen fühlen wir uns fitter denn je.

Ich habe kaum noch Zweifel, dass meine wunderbare Brasilianerin auf dieser Wanderung noch sehr weit kommen wird. Wir haben inzwischen einen Kontrollpunkt passiert an dem alle Wanderer auf ihre Genehmigungen gecheckt werden und sind innerhalb der „Kanchenjunga Conservation Area“ angekommen. Dieses Gebiet hat man eingerichtet um die Wälder in den Höhenlagen um das Hochgebirge besser zu schützen. Natürlich leben auch hier oben Menschen, doch deren Anzahl wird merklich weniger und die Wälder sichtbar dichter und ursprünglicher. Ich halte die Augen offen und schaue mir die wunderbaren Bäume sehr genau an, an denen meterlange Flechten sanft im Wind wehen.

Leider gelingt es mir weder beim Aufstieg noch beim Rückweg einen der hier lebenden Roten Pandas zu entdecken. Diese schönen Tiere leben an den Himalaya Hängen hier in Nepal sowie in Teilen Chinas und Indiens. Sie sehen ein wenig aus wie Waschbären und ernähren sich von Bambus. Es überrascht mich kaum mehr als ich erfahre dass auch sie vom Aussterben bedroht sind. Wilderei und Fragmentierung ihres Lebensraumes durch Waldzerstörung sind wie so häufig die Ursachen für den Rückgang der Roten Pandas und so endlos vieler anderer in freier Wildbahn lebenden Tierarten.

Hier oben ist der Pfad erstaunlicherweise besser befestigt als weiter unten im Tal. Immer wieder passieren uns Männer und junge Burschen mit großen Metallplatten auf den Rücken. Sie tragen Elemente zum Brückenbau die Berge hoch. Egal was sie befördern, sie werden nach Gewicht bezahlt. Der Lohn muss schon sehr mickrig sein, wenn man sieht mit welchen Mengen Material sie ihre Gesundheit riskieren. Immer mal wieder werden wir von Kindern begleitet die sich auf dem Weg zur nächsten Schule befinden. Ich staune wie jung manche sind und trotzdem weite Wege auf sich nehmen müssen. Die etwas Gewitzteren unter ihnen nutzen die Begegnung mit uns um ihre Kenntnisse in Englisch zu testen, was zum Teil zu witzigen Wortwechseln führt.

Manche der Kinder tragen Schuluniformen, andere wiederrum sind in Lumpen gehüllt die man kaum noch als Kleidung wahrnehmen kann. Das beschränkt sich aber nicht nur auf die Kleinen. Wir treffen leider auf Familien die scheinbar jeglichen Halt verloren haben. Faulige Zähne und stumpfe glanzlose Blicke zeugen von Hoffnungslosigkeit die einen traurig macht. Selbst in so manchem, für Besucher offenstehendem Gästehaus ist es so dreckig, das wir uns kaum darin aufhalten möchten. Wir sehen Kinder die praktisch im puren Müll schlafen und Eltern die dies als ganz normal empfinden. Hinzu kommt das am offenen Feuer gekocht wird. Der Rauch schwärzt die Decken und Wände und zerstört die Gesundheit der Bewohner. Natürlich sind die Menschen arm, aber Wasser zum waschen wäre für Alle ausreichend vorhanden. Ob es wohl mit dem auch in Nepal existierenden Kastensystem zu tun hat, dass innerhalb eines Ortes solch unterschiedliche Hygienesituationen herrschen? Ich weiß es nicht. Ich bin nur sehr betroffen wenn ich Kleinkinder sehe, die wohl nie eine Chance auf ein menschenwürdiges Leben haben werden.

Nachdem wir eines Morgens mit einer Unmenge an Bissen und Stichen am Körper aufgewacht sind, welche wahrscheinlich von Läusen stammen, haben wir uns dazu entschlossen nur noch im eigenen Zelt zu übernachten. Für mehrere Tage sind wir extremen Juckreizen ausgesetzt, was besonders beim Schwitzen nicht angenehm ist. Mein Hals und die Arme sind eine einzige Quelle endlosen Verlangens mit den Fingernägeln darüber zu reiben – was natürlich alles noch viel schlimmer macht.

Ein Erlebnis von dem es zu berichten lohnt ist die Geschichte mit dem Diebstahl. Kurz nach Tagesanbruch kommt einer unserer Träger ganz aufgeregt zu uns ans Zelt und berichtet von einer schlimmen Sache die passiert ist. Am Vorabend seien sie mit anderen Nepali zusammengesessen die an derselben Station übernachtet haben wie wir. Am frühen Morgen ist nun Einer von denen verschwunden und mit ihm eine nagelneue Hose und ein T-Shirt. Was für uns wahrscheinlich nur zu einer kurzen Verärgerung geführt hätte, war für die Jungs aber eine ernste und große Problematik. In deren Welt hat man eben nicht die Möglichkeit eine gestohlene Hose einfach durch eine Neue zu ersetzen. So begab es sich das sich zwei der Burschen auf den Weg gemacht haben um nach dem Dieb zu suchen. Wir haben deshalb unsere Träger den ganzen Tag nicht zu Gesicht bekommen. Erst gegen Abend, als wir kurz vor Vollendung unserer Etappe stehen sehen wir die Gruppe zu uns aufschließen. Mir fällt gleich auf das da ein Mann mehr dabei ist. Dieser schleppt auch noch den Packsack den normalerweise der Bestohlene zu tragen hat. Das ist wirklich ein Ding. Unsere Burschen sind heute Morgen die komplette Tagesetappe von gestern zurück marschiert und haben dort den dreisten Dieb tatsächlich gefunden. Es war ein Junge, nicht älter als fünfzehn Jahre, der nun hier an uns vorbei läuft. Er ist kaum in der Lage seine Tränen zu unterdrücken und doch sichtlich bemüht seine Haltung zu bewahren. Sie haben ihn sich geschnappt und ließen ihn nun zur Strafe den ganzen Tag das schwere Gepäck tragen. Es ist nur zu erahnen was in Nepal solch eine Tat bei den Betroffenen auslöst, denn der Beklaute war sichtlich sauer. Ich kann ihn, als wir im Camp angekommen sind davon abhalten dem völlig erschöpften und eingeschüchterten Dieb mit der Faust ins Gesicht zu schlagen. Zumindest in unserer Gegenwart. Doch dessen Martyrium ist noch nicht vorüber und die Kräfte der Träger scheinbar noch nicht aufgebraucht. Obwohl es anfängt in Strömen zu regnen und die nächste Polizeistation mindestens zwei Stunden entfernt liegt, machen sie sich auf den Weg ihn dort abzuliefern. Ich hoffe wirklich dass der Junge seine Lektion an diesem Tag gelernt hat. Diebstahl in einer Gesellschaft in der die Häuser praktisch für Alle offen stehen ist weder hier noch sonst irgendwo akzeptabel.

Nach sechs Tagen erreichen wir die Ortschafft Ghunsa auf 3400 m Höhe. Inzwischen sind wir wieder im Bereich wo der Rhododendron wächst und hier auch reichlich in tiefem Rot und Pink am blühen ist.

Ghunsa ist eine tibetische Siedlung und die höchstgelegene auf dem Trail die ganzjährig bewohnt ist. Eingerahmt von Bergen die mit teils altem Wald bewachsen sind fühlen wir uns hier sofort sehr wohl. Hier verbringen wir unseren nächsten Tag um unsere Körper an die Höhe zu gewöhnen. Der Zustand von Julianas Füßen ist zusehends besser geworden und ich bin sehr stolz auf das was wir bisher gemeinsam geschafft haben. Das Dorf hat elektrischen Strom welcher mit einem simplen System aus Wasserkraft gewonnen wird. Eine ökologisch sinnvolle Lösung die es mir ermöglicht meine Akkus für die Kamera aufzuladen und mit dem Labtop an meinen bisherigen Bildern zu arbeiten. Praktisch auf jedem Haus wehen die bunten buddhistischen Gebetsfahnen und Yaks weiden auf den Wiesen zwischen den Häusern. An den Ohren sind sie geschmückt mit bunten Bändeln welche sie wirklich hübsch aussehen lassen.

Es sind nicht viele Wanderer die uns bisher entgegen gekommen sind und vom Basislager berichten können. Doch das Wenige was wir erzählt bekommen hört sich großartig an. Alle sind begeistert von der Schönheit der Ausblicke auf den „Kanchenjunga“. Was uns besonders freut ist die Meldung, dass dort oben ein Deutscher mit langem Bart und noch längeren Haaren unterwegs ist, der wie Jesus aussieht, und dem es scheinbar bisher sehr gut ergangen ist. Von hier aus sind es noch vier Stationen bis zum Basislager. Hochgebirge wir kommen!

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