Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: Walter Frank

In der Kapitalismusfalle 10.05.2010

Dies ist die Geschichte von Walter Frank. Ein wahrer Freund des Waldes, der sehr schnell auch mein Freund wurde. Doch der Reihe nach. Mit großer Freude bin ich nach Rumänien gereist. Neben Russland und Lappland einer der drei Schwerpunkte meiner fotografischen Arbeit über „Europas Wilde Wälder“. Es sind die Regionen in denen es noch großflächige Urwaldgebiete geben soll. In den rumänischen Karpaten schätzt man die verbliebene Fläche auf 200 – 300.000 Hektar.

Genau sagen kann das Keiner. Als man die Naturwälder Rumäniens in einer von der EU in Auftrag gegebenen Erhebung erfassen wollte, sind viele Wälder von den Forstämtern einfach unterschlagen worden. Aus Gründen die mein Erfahrungsbericht näher beleuchten wird. Nach drei Tagen Recherche vor Ort treffe ich Walter Frank in Hateg. Hateg ist eine Kleinstadt etwa dreißig Kilometer nördlich des Karpaten Gebirgszuges in Westrumänien. Walter spricht perfektes Deutsch. Er ist Banater-Schwabe, seine Vorfahren sind vor zweihundertfünfzig Jahren aus Deutschland ausgewandert. Nachdem ich ihm erklärt habe, dass ich an rumänischen Urwäldern interessiert sei, führt er mich in ein Restaurant und lädt mich, (!!) zwecks Kennenlernen, zum Essen ein. Am Abend sitzen wir bei ihm im Wohnzimmer und packen Lebensmittel, Zelte, Isomatten und Schlafsäcke in zwei große Trekking-Rucksäcke und besprechen die vor uns liegenden Touren. Walter ist ganz begeistert endlich wieder jemand in den Wald führen zu können, der nicht am kommerziellen Ausverkauf interessiert ist, sondern an der Erhaltung dessen, was er als sein „Lebenswerk“ betrachtet.

Blickt man aus dem Fenster seines Hauses fällt der Blick auf die Wälder der Region „Rusca Montana“ in denen er für lange Jahre als Forstamtsleiter gearbeitet hat. Er zeigt mir seine handgeschriebenen Dokumente in denen jeder einzelne Baumschlag, jede forstbetriebliche Maßnahme akribisch von ihm festgehalten wurde. Von den 15.000 Hektar Wald die seine Gemeinde unmittelbar umgibt waren zur Zeiten des Kommunismus 7000 Hektar als Urwaldreservate streng geschützt. Die restlichen Wälder wurden von Walter im traditionellen naturnahen Forstbetrieb bewirtschaftet. Auch wenn er kaum ein gutes Haar an der Diktatur Ceausescus lässt, der Natur sagt er, ginge es damals besser, als heute unter den „Raubtierkapitalisten“. Am nächsten Morgen bringt uns ein Förster mit dem Jeep tief in die Wälder zu einer Forsthütte. Von hier an beginnt die Wanderung.Wir schnallen die Rucksäcke auf den Rücken und marschieren einen alten Pfad entlang eines Bergbaches. Der Frühling ist auch hier in vollem Gange. Das frische Hellgrün der Buchen ist atemberaubend schön. Dutzende Vogelstimmen dringen an mein Ohr.

Wir sehen Weinbergschnecken, Feuersalamander und Schmetterlinge, die Luft ist erfüllt von unzähligen Insekten. Irgendwann verlassen wir den Weg und steigen einen bewaldeten Bergkamm steil nach oben. Es ist wie das Eintauchen in eine andere Welt.

Neben der dominanten Buche sind es vor allem die jahrhunderte alte Tannen die das Waldbild prägen. Deren dunklere Zweige bilden einen schönen  Kontrast zum frischen Grün der Laubbäume. Stundenlang laufen wir die Kämme entlang. Wir durchqueren Wälder die zum größten Teil noch nie eine Kettensäge oder Axt zu spüren bekommen haben.

Auch Ahorn, Esche, Fichte und wilde Kirsche findet sich in diesem Lebensraum, der mich total verzaubert. Walter ist ein wandelndes Lexikon. Während den Tagen unserer gemeinsamen Entdeckungen erfahre ich viel über die Försterei. Mein bisher negatives Bild dieses Berufstandes wird dadurch etwas verbessert, indem er mir Wissen aus seinem Berufsleben vermittelt. Die Forstwirtschaft wurde vor zweihundert Jahren in Deutschland erfunden. Der Grundgedanke ist dabei ganz klar – die Nachhaltigkeit. Es sollen immer nur soviel Bäume aus dem Wald herausholt werden, wie in einem festzulegenden Zeitraum auch nachwachsen kann. Naturnahe Forstwirtschaft ist vor allem harte Arbeit. Ein Wald der heranwächst muss gepflegt und sein Zustand sollte im besten Fall dem Naturwald so nahe wie möglich gebracht werden. Der „Plenterhieb“ ist eine der Nutzungsformen, die Walter oft anwenden lies. Dabei werden im Wald nur Löcher geschlagen die so groß sind, dass die Samen der umliegenden, stehengelassenen Bäume die Lücken aus eigener Kraft wieder füllen können. So besteht der Wald trotz Nutzung aus Bäumen mit verschiedenen Alterstufen in denen die Kreisläufe des Lebens zum Großteil erhalten bleiben. Am Abend schlagen wir unsere Zelte auf. Wir befinden uns am höchsten Punkt der Region, auf einer Bergwiese. Der Blick über die umliegenden Wälder ist wunderbar und offenbart doch eindeutig das ganze Ausmaß des Dilemmas. Soweit das Auge reicht sehen wir bewaldete Bergzüge. Am Horizont erkenne ich die letzten Schneereste in den Höhenzügen der Karpaten. Walter muss gar nicht groß erwähnen was ganz offensichtlich vor uns liegt. Seitdem die Revolution vor zwanzig Jahren die Menschen von der Diktatur befreit hat, ist der Kapitalismus auch nach Rumänien geschwappt. Ein strukturschwaches, seit Jahrhunderten in kleinbäuerlichen Strukturen lebendes Land wurde mit allen Segnungen und Flüchen, welche die Möglichkeiten ungezügelter Geldmacht mit sich bringt, konfrontiert. Am Zustand des rumänischen Waldes lässt sich die hässliche Seite dieser Lebensstruktur wunderbar auch dem Laien darstellen. Ich blicke auf Wälder die zum großen Teil verändert wurden. Wo vor wenigen Jahren noch lückenlose Naturwälder standen, klaffen heute große Löcher.

Meist erzeugt durch das Kahlschlagverfahren. Monokulturen verbreiten sich. Die arbeitsaufwendigere Naturverjüngung durch „Plenterhieb“ ist eindeutig auf dem Rückzug. Viele der Naturwaldgebiete wurden der EU deshalb unterschlagen weil man auf die enormen Summen welche die Ausbeutung mit sich bringt einfach nicht verzichten möchte. Die Wälder von „Rusca Montana“ wurden bei der Erhebung überhaupt nicht erwähnt. Walter hat in den vergangenen Jahren dreiundvierzig Anträge gestellt, die Naturwälder seines ehemaligen Bezirkes als Schutzgebiete auszuweisen. Von den 7000 Hektar die noch zu seiner Amtszeit geschützt waren, sind inzwischen weite Teile eingeschlagen. Mit großem persönlichen und finanziellem Aufwand ist es ihm gelungen, zumindest knapp ein Viertel des Gebietes zu schützen. Doch die Kettensägen dringen immer weiter an die Reservatsgrenze vor. Als die strengen Gesetze der Kommunisten verschwunden waren, begann die Zeit der Gier. Persönliche Bereicherung ist seitdem das Maß der Dinge. Korruption- vom kleinen Förster bis zum Minister- belegen das Versagen eines Systems, in dem Alles möglich ist, weil nur die Macht des Geldes noch zählt. Große Konzerne sind ins Land geschwappt und nutzen die Schwächen des politischen Systems zu ihrem Vorteil. Während er sichtlich bewegt auf „seine“ Wälder schaut, bringt es Walter unmissverständlich auf den Punkt: „Wenn die Entwicklung in diesem Tempo weitergeht, sind die Karpaten in zehn Jahren ökologisch entwertet und gleichen den endlosen Holzplantagen im Rest von Europa“. In der ganzen Region kennt er außer ihm Keinen, der sich für die Erhaltung dieser Naturschätze interessiert. Er ist müde geworden. Die Jahre des Kampfes haben Spuren hinterlassen. Ein Mann der sein ganzes Leben im Wald verbracht hat. Der den Wald mit all seinen Geschöpfen und seiner Schönheit liebt. Ihn zu nutzen weiß ohne ihn zu zerstören.

Mit dem Rucksack läuft er immer noch jeden steilen Berg hinauf. Zwängt sich Nächtens in die Enge eines Zeltes und scheint manchmal doch kraftlos. Die Maßlosigkeit der Menschen setzt ihm mehr zu als es das Alter und der Krebs bisher geschafft haben. Walter ist siebenundsiebzig Jahre alt und mir ein echtes Vorbild geworden.

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