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Tag: Weltnaturerbe

Tasmanien Teil 3: “Von zivilem Ungehorsam” 15.01.2013

„Ziviler Ungehorsam“ ist keine Straftat und schon gar kein Ansatz zum Terrorismus. Unsere Welt wird immer mehr von den Machtinteressen großer Konzerne gesteuert. Allein in der Europäischen Union nehmen tausende Lobbyisten Einfluss auf unsere demokratisch gewählten Volksvertreter, damit innerhalb des als so freiheitlich gepriesenen westlichen Lebensstils der Wille des Geldes nicht zu kurz kommt. Friedlicher Widerstand ist in vielen Fällen wichtig und richtig und wird meiner Meinung nach vom der breiten Masse der Gesellschaft in der Regel viel zu wenig unterstützt. Es ist halt bequemer im Strom mit zu schwimmen und all die Segnungen unserer Überflussgesellschaft kritiklos zu konsumieren, als zu hinterfragen und die negativen Auswirkungen unserer „schönen neuen Welt“ verbessern zu wollen. Das oft schon kleine Gruppen mit gezielten Kampagnen viel Wirbel verursachen und Veränderungen bringen können, zeigt die tägliche Arbeit unzähliger Nichtregierungsorganisationen und Bürgerinitiativen weltweit.

Dass diese in den Medien von rechten Betonköpfen oft als „Gutmenschen“ verspottet werden sehe ich eher als Auszeichnung, denn als Affront. Es muss doch inzwischen jedem halbwegs Gebildeten klar sein, das die Menschheit unseren Planeten in Zukunft nicht mehr im gleichen Maße ausbeuten darf wie in der Vergangenheit. Kapitalismus und Wirtschaftswachstum funktionieren auf Dauer nur dort, wo unbegrenzte Ressourcen vorhanden sind. Unsere Heimat, die Erde ist zwar groß aber nicht Grenzenlos.  Doch all den gierigen, machtgeilen, superreichen Anzugträgern in den Chefetagen der Geld-, Holz-, Erdöl- Kohle-, Nahrungsmittel-, und anderer Konzernindustrie die mit Rohstoffen hemmungslose Wachstumsorgien betreiben, scheint dies völlig egal zu sein. Anstatt ihre in den vergangenen Jahrzehnten angehäuften Reichtümer zu nutzen um in nachhaltige Alternativen zu investieren, wird an der Macht festgehalten um den Planeten möglichst bis zum letzten Moment mit selbstzerstörerischen Strukturen zu bestehlen.

Für jedes Problem gibt es auch eine Lösung bzw. eine bessere Alternative. Aber anstatt in einem bisher nie dagewesenen Kraftakt das Ruder rum zu reißen und weltweit auf naturnahe Landwirtschaft, erneuerbare Energien, und nachhaltige Rohstoffnutzung zu setzen, werden weiter neue Kohlekraftwerke gebaut, Urwälder gerodet, Ozeane überfischt und unsere Erde wider besseres Wissen für nachfolgende Generationen immer mehr ruiniert.

Auf meiner Tasmanien-Reise habe ich ein wunderbares Beispiel zivilen Ungehorsams kennen lernen dürfen und freue mich, dass es auch auf der anderen Seite der Welt zumindest einem Teil der Bevölkerung nicht egal ist was mit unseren Lebensgrundlagen geschieht. Lange bevor Miranda Gibson (wie im 1. Teil berichtet) auf den Baum gestiegen ist um ein sichtbares Zeichen gegen die unsägliche Abholzung tasmanischer Urwälder zu setzen, gab es im „Upper Florentine“ Tal eine der am längsten andauernden Blockaden in der Geschichte der  australischen Umweltbewegung. Diese dauert praktisch bis heute an. Das „Florentine“  ist neben den „Styx“, „Weld“ und „Huon“ Tälern eines jener Gebiete die wegen ihrer riesigen Eukalyptusbäume von höchstem ökologischem Wert sind und sich leider nur am Rande des UNESCO Weltnaturerbe Gebietes befinden, aber nicht darin. Vor sechs Jahren begann die Forstwirtschaft eine vier Kilometer lange Straße in das bis dahin völlig intakte Wildnis-Gebiet zu schlagen um dann mithilfe weiterer Straßen den Wald systematisch zerstören zu können. Dies löste einen Sturm der Entrüstung aus und es begann eine Auseinandersetzung die wohl in diesem Ausmaß bisher in der Geschichte einmalig ist. Die Straße wurde von den Umweltschützern mit Kreativität und Ausdauer über die Jahre blockiert und so die Holzfäller an ihrem Tun gehindert. Bis zu hundert Menschen nahmen in den Hochzeiten der Blockade an den Aktionen teil, Monat für Monat, Jahr für Jahr. Unzählige Male wurde das Camp von der Polizei geräumt oder von Randalierern zerstört und immer wieder aufgebaut. Große Umweltbewegungen hatten ihren Anteil am Widerstand, doch die Hauptlast trugen die örtlichen Bürgerbewegungen, die mit wenig finanziellen Mitteln aber viel Mut und Einsatz den Widerstand am Leben hielten.

Als ich das „Florentine Camp“ erreiche, treffe ich dort auf zwei Brüder aus der Bürgerbewegung die hier für einige Zeit die Stellung halten und vorbeifahrende Touristen über die Problematik der Urwaldzerstörung informieren. Ich werde freundlich aufgenommen und fühle mich hier sofort pudelwohl. Rechts und links der Straße ragen riesige Eukalyptusbäume in die Höhe. Taucht man in den Wald ein, befindet man sich sofort in einer anderen Welt. Die Umweltschützer haben im Laufe der Zeit diverse Wanderwege angelegt welche ich dankbar beschreite um meine Bilder vom gemäßigten Regenwald zu machen. Die ganz großen Bäume kommen im reinen Regenwald nicht vor, denn Eukalypten können sich mit den Schalen ihrer Samen nur durch Feuer vermehren. Doch das Gebiet um das Camp herum ist dank hoher Niederschläge, mit allen Attributen eines Regenwaldes ausgestattet. Diese Vegetation ist für mich eine der schönsten Waldtypen überhaupt. Vereint sie doch die monumentale Größe der Baumriesen mit den hemmungslosen, alles überziehenden grünen Moosteppichen des Regenwaldes. Eine betörende Mischung. Wie erkaltet muss ein Menschenherz sein, das hier mit der Säge ankommt um diese Harmonie zu zerstören.

Ich habe mehrere Tage Zeit meine Bilder zu erarbeiten. Die Temperaturen sind recht erfrischend,  was mir sehr entgegen kommt. Ein zumeist bedeckter Himmel und hin und wieder Regen erleichtern die Arbeit.

 

Natürlich war ich auch in reinen Regenwaldgebieten unterwegs. In ihnen ist der „Myrtle“ Baum dominierend. Diese Bäume können im Laufe der Jahrhunderte imposante Formen annehmen und stattliche Größen erreichen. Doch neben den Eukalytusbäumen wirken sie richtig mickrig. Der „Myrtle“ stammt aus der Familie der Südbuchen, welche auch in Südamerika, in Patagonien heimisch sind. Der größte zusammenhängende reine Regenwald befindet sich im Nordwesten Tasmanien, dem Tarkine. Eine bis heute wilde, abgeschiedene Region, die aber durch massive Minenprojekte sehr stark gefährdet ist. Ich durchstreife dort verschiedene Wälder und unternehme abenteuerliche Erkundungen im dichten Unterholz zu Wasserfällen und abgelegenen Aussichtspunkten. Doch meine faszinierendsten Regenwaldbilder bekomme ich an einer Stelle, die man ganz leicht per Spaziergang erreichen kann. Am Besucherzentrum des „Cradle Mountain“ Nationalpark führt ein gut ausgebauter Bohlensteg auf einem kleinen dreißig minütigen Rundweg durch einen zauberhaften Märchenwald.

Ich habe so auf ganz einfache Weise die Möglichkeit, morgens und abends die verschiedenen Lichtsituationen zu nutzen. Im Wald  fotografiere ich immer nur mit indirektem Licht. Es ist erstaunlich wie sich der Zeitpunkt und der Einstrahlwinkel der Hauptlichtquelle auf die Fotos stimmungsmäßig auswirken.

Als ich mit meinen Freunden im „Florentine Camp“am Lagerfeuer sitze, kann ich schon recht entspannt auf eine stattliche Ansammlung schöner Bilder blicken. In den vergangenen zwei Wochen habe ich immer wieder Kontakt zu Miranda Gibson gehalten. Ich wollte erfahren ob ein Besuch auf ihrer Plattform noch innerhalb meines Aufenthaltes in Tasmanien möglich sein wird. Es waren die Waldbrände welche die ganze Aktion für einige Zeit gefährdet haben. Ein Feuer war gefährlich nahe an die Region herangekommen in der Miranda seit über vierhundert Tagen auf einem riesigen Eukalyptusbaum ausharrt. Erst als es völlige Entwarnung gibt, ist Miranda bereit wieder Besucher zu empfangen. Heute habe ich das OK erhalten. Ein Team aus professionellen Kletterern wird mich am letzten Tag meiner Reise zu ihr in die Höhe befördern.

Ich treffe morgens um acht Uhr am Fuße des „Observertree“ ein. Vier Aktivisten aus Hobard sind anwesend.  Sie alle sind gekommen nur um mich auf den Baum zu ziehen. Ich freue mich sehr dass die ganze Sache noch klappt. Ich bin aber auch ein wenig nervös, denn die sechzig Meter bis hoch zur Plattform sehen von hier unten verdammt weit weg aus. Bei solchen Gelegenheiten kann man wunderbar lernen seine Ängste in den Griff zu bekommen und die eigenen Grenzen wieder etwas weiter auszudehnen. Ich bekomme die Ausrüstung angelegt und werde an das Seil gehängt, welches Miranda zuvor aus der Höhe herab gelassen hat. Am Anfang schließe ich die Augen und hänge ziemlich verkrampft im Seil. Meter für Meter geht es nach oben. Immer wieder drehe ich mich hin und her was nicht gerade zur Entspannung beiträgt. Mit der Zeit überwiegt die Neugier und ich beginne meine Umgebung zu studieren. Es ist eine interessante Perspektive hier zwischen den Bäumen zu hängen. Kaum habe ich begonnen die Anblicke zu genießen, hänge ich auch schon unterhalb der schmalen Eingangsplatte und Miranda zieht mich herein. Zuerst sichert sie mich mit einem anderen Seil, so dass ein Sturz über den Rand der Plattform praktisch unmöglich ist. Sie selbst ist ebenfalls jederzeit mit einem Seil gesichert. Wer einmal starke Windböen in 60m Höher erlebt hat weiß wie schnell die einen wegblasen können. Zum Glück ist es momentan absolut windstill und der Himmel ist von einer Wolkenschicht bedeckt. Ideale Bedingungen für mein Anliegen. Miranda ist eine recht zierliche Frau Anfang dreißig. Ich bin fast zwei Stunden in ihrem Reich über den Bäumen. Der Ausblick ist wunderschön, wären da nicht die vielen Kahlschläge die man von hier ebenso erkennen kann wie die noch intakten Wälder. Nachdem wir uns über die momentane politische Situation unterhalten haben beginne ich damit einige Fotos von ihr zu machen.

Ich möchte ihre Geschichte unbedingt in meiner neuen Show einbauen. Sie ist ein positives Beispiel dafür was ein einzelner Mensch zu leisten vermag, wenn er Ideale hat und fest an eine Sache glaubt. Die Bilder zeigen  eindrucksvoll wie winzig die Plattform ist auf der die seit so langer Zeit ihre Tage verbringt. Langweilig ist dies wohl nicht. Sie gibt mir einen Einblick wie stark sie dank moderner Technik mit dem Rest der Welt vernetzt ist. Diese Aktion bringt nur Erfolg, wenn möglichst viele Menschen davon erfahren und sich mit den Zielen solidarisieren. Das ist ein Fulltimejob der nie langweilig wird. Trotzdem bedarf es einer ungeheuren mentalen Stärke hier oben auszuharren. Ich bin mir nicht sicher ob ich dazu fähig wäre. Ich stelle ein kleines Aufnahmegerät zwischen uns und sie spricht innerhalb eines einzigen Versuchs ohne sich zu verhaspeln über ihre Mission. Diese zwei Minuten werden die Besucher der Multivisionsshow später Mirandas Stimme hören können, angereichert mit meinen Bildern. Miranda mag zierlich erscheinen, doch ihr Wille ist ungebrochen. Ich glaube ihr aufs Wort wenn sie mir sagt das sie erst wieder einen Fuß auf die Erde setzen wird, wenn die Urwälder um sie herum nicht mehr zerstört werden.

 

Am selben Abend sitze ich schon wieder im Flieger nach Hause. Der Besuch bei dieser Frau wirkt noch lange auf mich nach. Gäbe des doch auf der Welt mehr Miranda Gibsons. Warum sind solche Leute immer die Minderheit? Mich hat die Begegnung mit ihr enorm motiviert, innerhalb meiner Möglichkeiten mit aller Kraft weiter zu machen. Meine Fotografien haben ebenfalls Potenzial zur Motivation und Begeisterung von Menschen. Je mehr sie zu Gesicht bekommen, desto größer die Chance das der Eine oder Andere seine ganz private Miranda Gibson in sich entdeckt.

Keine zwei Wochen nach meinem Besuch auf Mirandas Plattform hat die australische Regierung bekannt gegeben, das sie auf einer Fläche von 170.000 Hektar den Wald schützen, und an die UNESCO den Antrag stellen möchte, diese Gebiete ins Weltnaturerbe aufzunehmen. Das wäre ein großartiger Erfolg und für Miranda auch Gelegenheit ihren Baum wieder zu verlassen, denn dieser Antrag beinhaltet praktisch all jene Täler in denen die großen Eukalyptusbäume stehen und weswegen die Umweltbewegung seit mehr als dreißig Jahren kämpft. Doch Worten müssen Taten folgen. Zum Zeitpunkt als ich diese Zeilen schreibe ist Miranda immer noch auf der Plattform denn ihre Kollegen haben nach wie vor Einschläge genau dort nachgewiesen wo eigentlich der Schutzstatus kommen soll. Es darf aber durchaus gehofft werden, dass der „zivile Ungehorsam“ zum Erfolg führen wird und ein kleiner aber wichtiger Teil Natur unseres Planeten vor der weiteren sinnlosen Zerstörung verschont bleibt.

 

Abgehoben 16.06.2010

Eine Reise nach Russland ist immer etwas Besonderes. Zum einem ist die Größe des Landes mit keiner anderen Region auf der Welt zu vergleichen – schon gar nicht innerhalb Europas. Zum Anderen sind wir in unserer Jugend mit einem eisernen Vorhang aufgewachsen, welcher uns Jahrzehnte impliziert hat dahinter lebe der böse Feind. Im Rahmen meiner Greenpeace Tätigkeit ist dies nun meine dritte Reise in ein Land das wohl für viele Menschen aufgrund der politischen Altlasten bis heute weitestgehend unbekanntes Territorium ist. Für mich war bisher jede Reise ein spannendes Abenteuer bei dem ich unglaubliche Landschaften kennenlernen durfte.

Zudem kam ich immer  mit der Erkenntnis nach Hause, dass die Menschen auf der anderen Seite der politischen Glaubensgrenze eben auch nur Menschen sind. Mein erstes Ziel war das Greenpeace Büro in Moskau. Die Kollegen vor Ort haben die kommende Reise für mich organisiert. In der russischen Hauptstadt prallen Moderne und Vergangenheit mit voller Wucht aufeinander. Die riesigen und in großer Anzahl an den Straßenrändern aufgestellten Werbetafeln versprechen eine farbenfrohe Konsumwelt und zeigen, dass auch die Russen den Verheißungen des Kapitalismus erlegen sind. So reihen sich viele westliche Luxusschlitten in die meist dreispurigen Staus der Millionenmetropole nahtlos ein. Es gibt zahlreiche Gewinner die aus der Öffnung der Märkte und der Privatisierung ehemaligen „Allgemeingutes“ durchaus profitiert haben. Freilich nicht die breite Masse der Bevölkerung welches sich auch im Zustand des Großteiles der Gebäude wiederspiegelt. Viele Bauwerke sind schon zu Soviet-Zeiten farblos gewesen und erscheinen heute als dringend renovierbedürftig.

Beeindruckend ist eine Fahrt mit der Moskauer U-Bahn. Ich schleppe über 50 kg Gepäck mit mir herum und bin froh endlich im Abteil zu sitzen. Die Rolltreppe, welche die Menschenmassen in die Unterwelt zur Bahn transportiert, wirkt endlos. Man hat die Bahn wirklich tief in die Erde gegraben. Alle Stationen die ich kennen lernen durfte gleichen eher Museen als Bahnsteigen. Riesige Bilder und Mosaiken legen Zeugnis ab von einer vergangenen Zeit die mit der heutigen marktorientierten Gesellschaft wohl nicht mehr viel gemeinsam hat. Von außen ist das Greenpeace Büro nicht als solches zu erkennen. Ich passiere eine Sicherheitskontrolle und betrete die Büroräume. An die fünfzig Personen arbeiten hier und geben ihr Bestes, dass die Naturschätze dieses Riesenlandes nicht gänzlich dem kurzfristigen Gewinn des Marktes geopfert werden, sondern für kommende Generationen erhalten bleiben. Ich lerne Anna und Sergey kennen, die mich in den nächsten zwei Wochen begleiten wollen. Unser Ziel ist die Provinz Komi am östlichen Ende des Europäischen Kontinents. Komi ist ungefähr so groß wie Frankreich, es leben dort aber nur ca. eine Millionen Menschen. Von Sergey erfahre ich, dass die Finnen hier in Komi ihre Wurzeln haben. Nach einem zweieinhalbstündigen Flug (fast solange wie der von Deutschland nach Moskau) landen wir in Uchta, der Stadt die unserem Ziel am nächsten liegt welches man mit dem Flugzeug erreichen kann. Nahe der Busstation quartieren wir uns ein.

Auch das Hotel ist nicht unbedingt sofort als solches zu erkennen. Da die Russen neben der anderen Sprache auch eine andere Schrift benutzen, ist eine Orientierung für mich sowieso sehr schwierig. Beim Einchecken wird man oftmals noch an alte Sovietzeiten erinnert. Denn als Ausländer muss man sich eigentlich an jeder Station der Reise bei den Behörden registrieren lassen. Früher wäre ein Herumreisen als Westler in diesem Land schlicht unmöglich gewesen. Auch heute ist es nicht ganz einfach und ich bin froh, dass meine Kollegen das eine und andere Mal die Formalitäten für mich erledigen oder die Menschen dazu bewegen ein Auge zuzudrücken, zumal es sich nur um einen kurzen Transitstop handelt. Später betreten wir dann ein Restaurant in dem die Gäste mit Dauerbeschallung durch Musikfernsehen berieselt werden. So erfahre ich, dass man den Siegersong von unserer Eurovision Song Contest Gewinnerin Lena als Handy Klingelton erwerben kann. Auch sonst weisen die gezeigten Beiträge auf eine gänzliche Annäherung der zwei einstmals verfeindeten Systeme zumindest im kulturellen Bereich hin. Am kommenden Morgen geht die Reise im Überlandbus weiter. Vier Stunden fahren wir auf teils unbefestigten Straßen gen Osten. Wir passieren endlose Baumreihen und sumpfige Freiflächen.

Geografisch liegt unser Ziel, die kleine Stadt Vuktyl auf der Höhe von Mittelfinnland, ca 300 km unterhalb des Polarkreises. 15000 Menschen leben hier in einer typischen sovietischen Trabantenstadt. Solche Städte gibt es in Russland viele, da sich eigentlich überall irgendein Rohstoff aus der Erde pressen lässt. Heute ist die Stadt ganz in der Hand von „Gasprom“. Der Gaskonzern scheint die einzige Quelle zu sein, die diese Gemeinde am Leben hält. Ansonsten ist hier nicht viel geboten. Es gibt weder ein Kino noch sonstige reichhaltige Abwechslung. Aber es gibt hier Natur im Überfluss. Nicht weit von Vuktyl erheben sich die Berge des Ural, welche die geografische Grenze zwischen dem europäischen Teil des Landes und dem weit größeren asiatischen Teil bilden. Fast drei Millionen Hektar (!!) Wildnis sind hier von der UNESCO als Weltnaturerbe ausgezeichnet und unter Schutz gestellt worden. Der „Komi Virgin Forest“ ist das größte Naturschutzgebiet in Europa. Er beherbergt Urwälder von einer Größenordnung wie sie in keinem anderen Teil unseres Kontinents mehr vorkommen.

Mit großer Vorfreude betrete ich das Büro der Nationalparksleiterin Tatiana Fomicheva. Von Andrey, der bei Greenpeace für die Ausweisung von Weltnaturerbestätten zuständig ist, weiß ich von seiner Bekanntschaft mit der Dame. Die Zwei haben im Prozess den Komi Wald unter Schutz zu stellen eng zusammen gearbeitet. Als Dankeschön möchte uns Frau Fomicheva gerne helfen. Ich verstehe zwar nichts von dem was dort im Büro verhandelt wird, doch anhand der ausgelassenen Stimmung erahne ich einen positiven Verlauf. Meine Hoffnungen werden sogar übertroffen als mir Anna mitteilt, dass wir zu einem Hubschrauberflug eingeladen sind. Damit geht ein Traum für mich in Erfüllung. Ich habe mir sehr gewünscht innerhalb dieses Projektes über die „Wilden Wälder Europas“ , einmal die Luftperspektive zu bekommen. Jetzt sollte es sogar beim größten Urwald des Kontinents klappen. Für die Zeit nach dem Flug wird eine Flußexpedition für uns geplant, die uns weit in die Berge des Ural bringen soll. Wow. Nach zwei Tagen zähem Warten bringt man uns zum ehemaligen Flugplatz der Stadt. Heute wird das Flugfeld nur noch von den Hubschraubern des „Gasprom“ Konzerns benutzt und ich bin gar nicht überrascht als auch wir wenig später in einen Transporthubschrauber des Energieriesen steigen.

Am frühen Morgen hab ich nochmals schwer gezittert. Dicke Wolken und Dauerregen lassen das ganze Vorhaben sehr fraglich erscheinen. Gegen zehn Uhr gab es dann Entwarnung und wir bekommen unsere Starterlaubnis. Die Wolken beginnen sich aufzulockern und entlassen nur noch partielle Schauer auf die Erde. Aus fotografischer Sicht hätte mir überhaupt nichts Besseres passieren können. Auch bei Luftaufnahmen gibt es nichts Langweiligeres als blauer Himmel ohne Wolken. So aber fliegen wir hinein in ein regelrechtes Inferno aus Licht, Schatten, Wolken und Regenwänden. Es ist grandios. Die Minuten vergehen „wie im Flug“. Der Hubschrauber folgt dem Verlauf eines der großen Flüsse die ihren Anfang in den Bergen des Ural nehmen. Unter uns nur ungezähmte Wildnis. Es ist ein fantastischer, für Europa fast unwirklicher Anblick, wenn man auf unseren Planeten blickt an Stellen wo er völlig frei von menschlichen Einflüssen ist. Nach ca. einer Stunde landen wir an einem Flussufer und besuchen einen Einsiedler, der seit über dreißig Jahren in einem kleinen Holzhaus in der Weite dieser Wälder lebt. Lange bevor das Gebiet unter Naturschutz gestellt wurde hat er sich hier niedergelassen. Heute erledigt er Aufgaben für den Nationalpark und freut sich über uns unerwartete Gäste. Ich stelle mir vor wie es sein muss hier draußen zu überleben. Die kurzen Sommer sind Moskitoverseucht und die kalten und dunklen Winter endlos. Bei aller Liebe zur Natur möchte ich nicht mit ihm tauschen. Die Einsamkeit würde mich wohl zermürben, trotz Bären, Elche und Wölfe als Nachbarn.

Unser Flug führt uns weiter über die ersten Ausläufer des Ural. Wir sehen die Baumgrenze nicht weit oberhalb der Flüsse, ein Zeichen, dass wir uns sehr weit im Norden befinden. In den Höhenlagen des bis zu zweitausend Meter hohen Gebirges liegt nach wie vor Schnee. Immer wieder entladen sich regionale Schauer über der Taiga was zu spannenden Lichtverhältnissen und sogar zu Regenbögen führt. Als wir wieder auf dem Flugfeld landen habe ich jegliches Zeitgefühl verloren. Fast drei Stunden sind vergangen und ich bin völlig erschlagen von den wunderbaren Eindrücken die sich uns offenbart haben. Fast tausend Mal habe ich auf den Auslöser gedrückt. Da nur die besten Bilder überleben wartet eine Menge Arbeit am Computer auf mich. Doch zuvor wollen wir uns dem Komi Urwald vom den Wasserstraßen aus nähern.

Ilulissat Eisfjord 10.08.2009

Oberflächlich betrachtet ist Grönland ein riesiger Geröllhaufen mit einer Eisschicht oben drauf. Diese Eisschicht ist bis zu drei Kilometer dick und so schwer, dass sie die Landmasse bis zu 800 m nach unten drückt. Durch Schneefall entsteht neues Eis, welches zusätzlichen Druck erzeugt, der sich über die kalbenden Gletscher am Rande des Landes entlädt. Einer der größten Gletscher der Nordhalbkugel ist der Ilulissat Gletscher. Das abbrechende Eis treibt durch einen 55 km langen Fjord bevor es sich dann, den Strömungen folgend, langsam mit dem Wasser des Ozeans vereint. Die UNESCO hat den Ilulissat Eisfjord zum Weltnaturerbe erklärt.

Mit einem kleinen Touristenboot fahre ich hinaus an die Mündung des Fjords, dort wo sich die riesigen Eisberge aufstauen und so dafür sorgen, dass der komplette Fjord mit Eisstücken gefüllt ist. Vom Kapitän erfahre ich wieso gerade dort wo die Begrenzungen der Landmasse wegfallen, die Eisberge stecken bleiben. Der Grund ist logisch und gleichzeitig faszinierend, zeigt er doch in was für zeitlichen Maßstäben man in der Geologie denken muss. Der Kanal wurde im Laufe der Jahrmillionen durch die Reibungskräfte des abbrechenden Eises auf fast 1000 m Wassertiefe ausgegraben. Am Ende des Fjords gibt es keine Begrenzungen zur Seite, so das dort der Druck wegfällt und die ursprüngliche Wassertiefe von weniger als 200 m die gewaltigen Eisberge erst einmal am Weiterziehen hindert.

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