Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: White Mountains

Farbenspiele 30. September 2011

Der Blick aus der offenen Seitentür des kleinen Wasserflugzeugs „Beaver“ ist in vielerlei Hinsicht gewaltig. Seit fast einer Stunde gleiten wir über die endlos erscheinende Weite der borealen Wälder im kanadischen Quebec. Die bewohnten Regionen haben wir längst hinter uns gelassen, doch der Einfluss des Menschen ist allgegenwärtig. Wegen unseres Hungers nach Rohstoffen fressen sich die Erntemaschinen der Holzkonzerne immer weiter in Richtung Norden und hinterlassen dabei ein Bild der Verwüstung, welches man aus dem Flugzeug mit ungefilterter Wucht zu sehen bekommt. Seit den 1970ern wurde allein in Quebec Urwald auf einer Fläche der sechsfachen Größe Belgiens zerstört. 88% der Staatswälder sind zum Einschlag freigegeben. Über 90 % davon werden im berüchtigten „Clearcut“ Verfahren geerntet.

Alle Bäume verschwinden dabei, zurück bleibt aufgerissener Boden und Ödnis. Weiter im Süden sind inzwischen neue Wälder entstanden. Die Natur kann sich innerhalb dieses Ökosystems teilweise erneuern. Dies ist wohl auch der Grund, weshalb es gerade innerhalb der kanadischen Gesellschaft so schwer ist, die Problematik der völlig überzogenen Holzwirtschaft ins Bewusstsein der Menschen zu bringen. Der Wald kommt doch zurück, alles halb so schlimm. Wie groß die Unterscheide zwischen den relativ artenarmen Neuwäldern und dem ursprünglichen Urwald sind, sollte ich in den vor mir liegenden Tagen ausreichend zu sehen bekommen.

Irgendwann ändert sich das Bild, die Rohdungsflächen verschwinden und keine Straßen zerschneiden mehr den unter uns liegenden, grünen Teppich aus Bäumen. Das flache Land beginnt sanfte Wellen zu schlagen und am Horizont sehen wir zwischen all den Bäumen, Flüssen und Seen den eine oder anderen Felsen die Baumgrenze überragen. Wir nähern uns langsam den „White Mountains“, dem Ziel unserer Reise. Dieses 14.000 qkm große Gebiet ist einer von zwei verbliebenen großflächigen Urwäldern in Quebec. Eine Insel der Artenvielfalt, umgeben von der Monotonie menschlicher Habsucht. Eine laufende Greenpeace-Kampagne hat zum Ziel dieses Gebiet unbedingt vor der Säge zu bewahren. Hier ist eines der letzten, intakten Brutgebiete der scheuen und vom Aussterben bedrohten Waldkaribus. Ihr Lebensraum ist vom Menschen inzwischen so fragmentiert worden, dass die Tiere zu verschwinden drohen

Mit dem leiser werdenden Propellergeräusch des Flugzeugs, werden auch meine Gedanken über alle Umweltprobleme weniger dominant. Ich stehe am Ufer einer der unzähligen Seen und beginne recht schnell, mit allen Sinnen in diese Wildnis einzutauchen. Mein Blick schweift über die Wasserfläche. Am anderen Ende säumen Fichten das Ufer,die sich wie ein Schutzmantel um die Berge schmiegen.

Hin und wieder sprengen goldene Flecken das Meer aus Grün. Herbstlich gefärbte Birken und Lärchen wachsen in dieser Region nur recht spärlich. Für die kommenden neun Tage ist die Welt für mich „heil“. Harmonie und Gleichgewicht umgeben mich. Alles hat seinen Platz – nichts ist überflüssig oder schädlich. Jeden Tag verbringe ich mit Streifzügen in die Wälder oder paddle mit dem Kanu auf natürlichen Kanälen zwischen den größeren Seen. Damit kann ich meinen Aktionsradius wesentlich erweitern. Als Camp dient mir eine verlassene Blockhütte, in der ich bei Regen Schutz finde und an deren Ofen mir an manch kühlem Abend ein wärmendes Feuer die müden Knochen wärmt.

Wege oder Pfade gibt es keine. Jeder Meter muss erkämpft werden. Wildnis im borealen Wald bedeutet eine üppige Vegetation im Unterholz. Manchmal wegen ihrer Dichte schwer zu durchdringen, manchmal wegen ihrer Schönheit fast zu fragil und verletzlich, um darüber zu trampeln. Dicke Teppiche aus Moosen und Flechten überziehen den Waldboden, Pilze wachsen in vielen Formen und Größen im Moos und auf totem Holz. In strahlendem rot leuchten die Büsche der Blaubeeren, die mit ihrer Frucht wiederum Kontraste setzen. Die Vielfalt der Vegetation in all ihren Formen und Farben wirkt fast berauschend. Erst im Wald erschließt sich dem Wanderer die volle Farbenpracht des Indian Summers. Ich merke sehr schnell, das ich genau zur rechten Zeit in den White Mountains bin. Die Färbung ist massiv und erst gegen Ende meines Aufenthaltes haben die einsetzenden Herbststürme die Blätter von den Bäumen und Büschen so dezimiert, dass die beste Zeit zum Fotografieren vorbei ist.


Wegen des rauen, nördlichen Klimas sind die Bäume nur noch recht mickrig. Selbst Jahrhunderte alte Patriarchen werden hier nicht sehr groß. Umso unverständlicher ist es, dass selbst hier im hohen Norden die Bäume nicht vor der Rohdung sicher sind. Es ist die pure Anzahl, die den Holzfirmen die Gewinne sichern. Millionen kleiner Bäume liefern genug Masse, um die unterschiedlichsten Dinge zu produzieren, welche wir „Verbraucher“ ohne viel Nachzudenken konsumieren, und dann meist nach einmal benutzen, wegschmeißen. Müssen es beim Bäcker für fünf verschiedene Teilchen drei verschiedene Papiertüten sein? Papier zum Hände trocknen für Millionen Angestellte, Schüler oder Reisende in Bürogebäuden, Schulen, Raststädten und anderen Orten des öffentlichen Lebens? Toilettenpapier will ich ja gar nicht in Frage stellen, das brauchen wir. Aber wenn schon dann bitte aus recyceltem Zellstoff. Das spart Wasser & Energie und nimmt den Druck von den letzten Urwäldern. Richtig erschaudern lässt mich der Gedanke, dass gerade im Kampf gegen den Klimawandel das Thema „Biomasse“ eine akute Gefahr für den Urwald geworden ist. Nachdem der Bauboom in Nordamerika wegen der Finanzkrise vorbei ist und kaum noch Holz zum Häuserbau verkauft wird, sehen die Strategen in den Konzernen im Klimaretten ein neues Geschäftsmodell. Wald roden um klimafreundliche Energie zu schaffen! Der Druck auf die Wälder steigt dadurch gewaltig, und zwar weltweit. Dieses Problem ist auch recht schwer in der gesellschaftlichen Diskussion vermittelbar. Die Energiethematik ist extrem vielschichtig, wie man auch an der heimischen Diskussion über Windkraftanlagen sehen kann. Im Prinzip will sie jeder haben – aber bitte nicht vor der eigenen Haustür.

Der höchste Berg in den White Mountains ist etwas mehr als tausend Meter hoch und überragt die Baumgrenze soweit, dass ich von den Gipfeln schöne Blicke über die Landschaft fotografisch festhalten kann. Ich packe neben der Fotoausrüstung Zelt, Schlafsack und ausreichend Nahrungsmittel in den Rucksack und paddle auf die andere Seite des Sees. Der Aufstieg ist mühsam – aber wegen der kleinen Höhenunterschiede von wenigen hundert Metern in knapp zwei Stunden gemeistert. In einer vom Wind geschützten Kuhle schlage ich das Zelt auf, und mache mich dann in aller Ruhe daran auf Motivsuche zu gehen. Auf dem Bergrücken habe ich einen Spielraum von wenigen hundert Metern, so dass schnell klar ist, an welchen Stellen ich mich während der magischen Minuten des Sonnenunterganges aufhalten werde. Die Zeit bis es dann soweit ist verbringe ich mit purem entspannt-sein.

An den Blicken, auf die vom Menschen unberührte Natur, kann man sich kaum satt sehen. Hektisch wird es nur, wenn das Licht dann tatsächlich perfekt ist. Je nach Wolkenlage sind es oft nur kurze Augenblicke. Während denen möchte man dann am Liebsten an allen Stellen gleichzeitig sein. Da heißt es Ruhe bewahren, und ein Motiv nach dem Anderen abarbeiten. Solange, bis das Licht unbrauchbar geworden ist. Selbst nach Sonnenuntergang kann man mit längeren Belichtungszeiten experimentieren, und bekommt je nach Motiv noch erstaunliche Ergebnisse. An diesem Abend bin ich recht zufrieden im Schlafsack verschwunden. Mein kleiner Wecker war gestellt, um vor Sonnenaufgang wieder an der Kante zu stehen und das Licht von der anderen Seite in Motive zu packen. Doch, wie so oft in der Naturfotografie kommt es anders als man denkt oder sich wünscht. Eine dicke Nebelsuppe liegt am Morgen über der Landschaft. Der Blick fällt ins Nichts. Ich schalte den Wecker aus und schaue im Halbschlaf alle paar Minuten aus dem Zelt, ob sich nicht doch noch was tut. Am Ende der Tour bin ich über den Nebel gar nicht unglücklich, denn beim Abstieg erweist sich die graue Soße als perfekte Zutat für atmosphärische Fotos innerhalb des Waldes. So kann man fast jede Wetterlage für bestimmte Aufnahmesituationen nutzen. Nur ein blauer, wolkenloser Himmel ist bei mir äußerst unbeliebt. Der ist nur langweilig und kaum zu gebrauchen.

Gerade die wolkenlosen, langweiligen Tage sind es, die mir aufregende, unvergessliche Nächte beschert haben. Die klare Luft sorgt für ein absolutes Spektakel am Nachthimmel. Es ist kurz nach Neumond. Kein überflüssiges Streulicht trübt die Leuchtkraft der unendlichen Sternenmeere über mir. Die alten mit Flechten behangenen Bäume bilden skurrile Silhouetten und schaffen mystische Motive. Als dann im Norden die „Aurora Borealis“ ihren lautlosen Tanz beginnt und grüne und rote Schleier über den Nachthimmel zaubert, ist das an Intensität fast nicht zu steigern.

Es ist in dieser Nacht absolut Windstill und die Ruhe wirkt fast körperlich greifbar. Ein Kauz sitzt nur wenige Meter über mir auf einen Ast und lässt sich durch das Klicken meiner Kamera nicht aus der Ruhe bringen. Bis spät in der Nacht wandle ich zwischen den stummen hölzernen Kameraden umher, genieße das Schauspiel  und probiere verschiedene Aufnahmetechniken aus. So hält jeder Tag große und kleine Wunder für mich bereit und macht den Aufenthalt in den White Mountains absolut zauberhaft.

Als dann am letzten Abend ein leichter Nieselregen einsetzt, der mit zunehmender Kälte in Schnee übergeht, habe ich beim Einschlafen eine Vorahnung. Der kommende Morgen könnte die Motivpalette nochmals um eine weitere Facette bereichern. Ich kann mein Glück kaum fassen als ich dann wenige Stunden später, noch vor Sonnenaufgang, durch eine völlig veränderte Umwelt laufe. Einem Seidenschal gleich hat sich eine zarte weiße Schneeschicht über die Welt gelegt.

Die Luft ist glasklar und das, durch das neue Element durchschimmernde Herbstkleid der Natur, setzt tolle Kontraste. Immer nur an wenigen Augenblicken blitzt später die Sonne durch die Wolken und bringt Farben zum Leuchten. Als ich nach fünf Stunden erschöpft und zufrieden zum Camp zurückkehre, ist der Winter schon wieder verschwunden. Die Kraft der Sonne hat sich nochmals durchgesetzt und es bei einer kurzen Ahnung belassen, wie es hier in den kommenden Monaten aussehen wird. Während ich wieder im Flugzeug sitze und nach einiger Zeit die ersten Forststraßen sehe, sind Klopapier, Kaffeebecher & Co. sofort wieder ganz präsent.

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